Seiten

Mittwoch, 29. November 2023

Hans Henny Jahnn - Aus: Fluss ohne Ufer

 



Am 29. 11. 1959 starb der am 17. Dezember 1894 in Stellingen geborene Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn in Hamburg. Hier einige Zitate aus seinem epochalen Werk „Fluss ohne Ufer“:

"Ich fuhr ein wenig später über die unvergleichlichen Hügel (. . . ) In der Ferne, tief unten, lag das Meer, bleich, grau, ausdruckslos, nur ein unbestimmtes nebliges Schimmern, weniger, ein Dunst. Es hatte nur seinen Geruch, der sich unbegreiflich mit dem von Moor und nassem sterbenden Laub mischte. Kein Tier am Boden zeigte sich mir; nur am Himmel schwamm die schöne gebrochene Linie verspäteter ziehender Wildgänse, die beinahe flüsternde, verhaltene Schreie ausstießen."

"Das Schiff fuhr mit dunklen bauchigen Segeln über den Abgründen, die mit Wasser ausgefüllt sind. Die Luft war ungewöhnlich lange nur voll leichter Wirbel gewesen. Der neue Tag, wie um den Triumph des weißen Lichtes zu überhöhen, war klar und kalt, ganz ausgeleuchtet mit dem Schimmer der silbrigen Helligkeit. Die Gegenstände an Deck erschienen allesamt hart, unförmig, gar nicht der geringen Bewegung von Wasser und Wind angemessen. Noch vor Abend strichen warme Schwaden um das Schiff. Unbegreiflich schnell mischte sich die fahle Kälte mit dem lauen Dunst. Nebelmauern rückten heran. Wolken, kaum wahrgenommen, fielen schon aus der Höhe herab und umdampften das Schiff. Masten und Segel wuchsen riesenhaft. Vor kurzem noch war der Horizont das Maß aller Dinge gewesen. Jetzt war das Sichtbare verengt. Das Gebilde aus Menschenhand schwebte im Nebelmeer, war von der Erde abgestürzt."

"Und die Zeit, ein stetiger unaufgeregter Strom, trieb langsam vorüber, dem grauen verkümmerten Stern zu, der das Gewesene speichert, um es allmählich zum Wirkungslosen zu verstauben."

„Es kam der Augenblick, wo die Wände des Logis sich verwandelten und zu Spiegeln wurden. Weite Glaslandschaft, in der das Bild jedes einzelnen gefangen wurde. Aber es waren nicht nur ebene glitzernde Spiegelscheiben, in denen man das eigene Antlitz, den ganzen Körper, anfangs bekleidet, dann nackt und schließlich durchscheinend sah. Der Raum hinter den Dingen zeigte sich“

"Ich hatte keine rechte Hilfe bei meinem Unterfangen. Die Erde unter meinen Füßen sang nicht mit. Das Meer vor mir, dessen Wellen im Sand auslaufen, gab mir nur einen verworrenen Schwall. Mir lagen die Melodien der tausend Volkslieder nicht im Ohr. Ich war auf mich allein gestellt, als wäre ich ein Mensch am Anfang der Zeiten gewesen. Schwerfällig ausgerüstet mit einer Flöte, die nur fünf Töne gibt."

„Gedanken, die Rosse, die schnell an allen Orten sind und ihre Hufe nicht in die Zeit setzen, sondern in das Moos der Träume.“

„ein eisiger Wind aus dem östlichen Raum streicht“: „Er hat den ersten Schnee hungrig aufgeleckt. Der Boden liegt wieder nackt da. Die gläserne Kälte verwandelt die Kruste der Erde. Ätzender Staub klirrt über die Äcker. Die kahlen Laubbäume schaukeln steif und leise klappernd.“

„Schöner als die Fische waren die gelben beweglichen Sonnenreflexe auf dem steinigen Flussbett. Das Schönste aber war der Ton des Wassers, das Lispeln der Blätter und das traurige Schweigen der herabschauenden Berge.“

„… Man wurde an das knorrige finstere Dachgeschoß eines alten Speichers erinnert, an Mühlen die an den Sünden ihrer Besitzer geisterhaft verödeten. …“

„Man wird nicht schlecht, wenn man aufhört an Gott zu glauben; man wird nicht einmal natürlicher – allenfalls wird man behutsamer im Urteilen – und duldsamer gegen lästige Wahrheiten.“




Jahnn war vor allem wegen seiner drastisch grenzüberschreitenden literarischen Darstellungen von Sexualität und Gewalt stark umstritten. Mit seinem literarischen Werk zählt er laut der Sozialgeschichte der deutschen Literatur (1981) zu den „großen produktiven Außenseitern des 20. Jahrhunderts“. Er verstand sich als Antimilitarist, wandte sich gegen jede Doktrin einschließlich Rassenhass und Todesstrafe und lehnte Gewalt, auch gegen Tiere, ab.

Er emigrierte 1915 zusammen mit dem späteren Musikverleger Gottlieb Harms (1893 - 1931) nach Norwegen, um dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Beide lebten in Aurland am Aurlandsfjord. Jahnn sagte zu dieser Zeit: „In dieser Zeit habe ich leben gelernt, habe ich die Welt durchschaut und alles gesehen, woraus Leben besteht. Es war eine harte Schule.“ Ende 1918 kehrten beide zunächst nach Hamburg zurück.

Jahnn zog wenig später für kurze Zeit aufs Land bei Eckel. Hier lebte er mit Gottlieb Harms und Franz Buse (1900–1971, damals Bildhauer) zusammen. In dieser Zeit entwarf er mit seinen Freunden das groß angelegte Projekt einer Künstler- und Lebensgemeinschaft, das sie Ugrino nannten. Diese Gemeinschaft entstand – wie viele ähnliche Gruppen in der Weimarer Republik – aus dem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung und als Alternative zu der von vielen als enttäuschend empfundenen Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Gemeinschaft Ugrino wollte Kunstwerke aller Art erhalten und neue schaffen.

Im Jahr 1919 veröffentlichte Jahnn das Drama Pastor Ephraim Magnus, für das er 1920 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde (Uraufführung 1923). 1925 entstand seine Tragödie Medea, die 1926 erstmals inszeniert wurde.

Jahnns expressionistischer Roman Perrudja (Bd. 1) erschien 1929. Fragmente des zweiten Bandes wurden aus dem Nachlass veröffentlicht. Seit 1934 wohnte er auf Bornholm in Dänemark, wo seine Schwägerin auf Jahnns Rat einen Bauernhof erworben hatte, den er zunächst selbst bewirtschaftete, später wurde der Hof Bondegård verpachtet, dann verkauft. Jahnn bezog eine kleine Kate („Granly“) in unmittelbarer Nachbarschaft, schrieb und lebte dort mit seiner Geliebten Judit Kárász, einer jüdisch-ungarischen Emigrantin und Bauhaus-Fotografin zusammen.

Auf Bornholm verfasste er den größten Teil seines Hauptwerkes Fluss ohne Ufer, einer Romantrilogie von über 2000 Seiten: Band 1 Das Holzschiff (Erstveröffentlichung 1949), Band 2 Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er 49 Jahre alt geworden war (erschienen 1949/1950) und der nicht abgeschlossene Epilog, der 1961 aus dem Nachlass erschien. 

Nach einer Lesung aus der noch nicht publizierten „Niederschrift des Gustav Anias Horn“ im Jahr 1946 beispielsweise bemerkte Jahnn mit Blick auf dieses Werk, „die geschriebenen Worte“ seien „rhythmisch eingeordnet“ und vermittelten „nicht nur eine Bedeutung“, „die durch Übereinkunft festgelegt wurde“, sie seien „vielmehr, wie seit Urzeiten an den Rhythmus, an die Musik der Sprache gebunden“; und er fügte hinzu: „Ich meine, daß es für einen einsichtigen Leser unmöglich ist, zu verkennen, daß Motive, Themen und Strophen die Grundlagen meiner Darstellung geworden sind.“

Schon als Jugendlicher befasste sich Jahnn mit dem Orgelbau. Während seines Aufenthaltes in Norwegen (1915–1919) erwarb er die Kenntnisse dazu durch ein umfangreiches Studium klassischer Lehr- und Handbücher des Orgelbaus, allerdings ohne eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren. Nach der Rückkehr nach Hamburg setzte er sich für die Restaurierung norddeutscher Barockorgeln ein (z. B. Der Arp-Schnitger-Orgeln der Hauptkirche Sankt Jacobi (Hamburg) und der Ludgerikirche (Norden)). Außerdem betätigte er sich auch als Komponist. 


          

Samstag, 11. November 2023

Legende

 



Legende

Es sollte kurz vor dem großen Feuerwerk sein,
als er sein Verschwinden begann.
Fuhr noch einmal in die Stadt, begleitet
von seiner seligen Fahne, und
stieg aus bei dem Imbiss, den Geschmack
der Currywurst/PommesMajo schon auf der Zunge,
all diese Jugenderinnerungen schmeckte er, und es war damals,
mit den Freunden zu Jimmy hinter Schiffdorf, der
bekanntermaßen die beste Currywurst weit und breit brutzelte,
da lohnte sich der Weg,
oder auch, wie er mit Heinzi von Imbiss zu Imbiss zog,
das irgendwo ergaunerte Geld, welches
das karge Taschengeld aufstockte, klimperte in den Taschen,
D-Mark noch,
und großmäulig bestellten sie sich Koteletts und Pommes und Bier,
und beim nächsten Imbiss wieder, und Frikadellen mit viel Senf,
und aßen bis die Bäuche fast platzten, und
die letzte Frikadelle blieb liegen

Der Imbiss, zu welchem er wollte, als
er sein Verschwinden begann, der hatte geschlossen, heute
an diesem besonderen Tag, auch
die Büchersammelstelle, wo die Bände zum Tauschen standen,
dunkel war der Raum, wo er doch Sehnsucht nach
seinem Orakel hatte, als sein Verschwinden begann,
und so trug er kein Buch, und so gab es keine jugendzeiterinnernde
Currywurst mit PommesMajo, und er ging tiefer stadteinwärts, während um ihn
die Cliquen des Festvolkes wallten, und langsam
zog er aus der linken Tasche seiner Jacke das Päcklein
mit den letzten drei Zigaretten, Aktive, und er durchsuchte
Tasche um Tasche, Hosentasche vorne links, Hosentasche vorne
rechts, Hosentasche hinten rechts, Hosentasche hinten links, schüttelte
den Kopf und warf das geknüllte Papiertaschentuch aus Hosentasche
hinten links mit kurzer Geste auf das Pflaster des Viertels, und er
durchsuchte Tasche um Tasche, Jackentasche außen links,
Jackentasche außen rechts, Jackentasche innen links, wo
er es fand, sein mitternachtsblaues Feuerzeug, und
er entnahm der Packung eine der letzten drei Zigaretten, Aktive,
und er ließ das Feuerzeug Funken schlagen,
bis es entbrannte, und er hielt die Flamme an die eine
der letzten drei Zigaretten, Aktive,
und tief zog er den Rauch ein

Und es schmeckte, vermischt mit der Würze des Wodkas, nach
den Zigaretten der Jugend, wie war es so wunderbar, mit
der leuchtend orangefarbenen Packung Ernte 23 in der oberen
Jackentasche der hellen Cordjacke, so drapiert, dass
das Orange gut zu sehen war: Seht, ein Mann. Der raucht schon.
Und eine D-Mark kosteten sie, elf Stück, und einmal
kam ein Polizist vorbei auf der Straße,
schaute ihn an, fragte nach seinem Alter und
nahm ihm, dem Mann, der raucht schon, die orangefarbene
Packung ab. Fast voll war die noch. Und
er schmeckte die Zigarette der Jugend, vermischt mit der
Würze des Wodkas, und das feierwillige Volk wogte ihm
in Scharen entgegen, und ab und zu zerbarst
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber,
und es roch nach dem Pulverdampf der Jugend, und
es klang nach den zerberstenden Briefkästen, und
es roch nach der Zigarre in der Hand, den unförmigen Fidibus
zum Entzünden der Lunten,
und begleitet von den Erinnerungen wogte er gegen
den Strom,
und an einem Kiosk kehrte er ein. Und er entsann sich der
alten Namen, Flachmann, Trinkhalle, und er holte Flachmann
von Trinkhalle um Flachmann von Trinkhalle für den Vater und
durfte Süßes sich kaufen beim Holen des Flachmanns,
Veilchenpastillen, Lakritzeschnecken, und diese
duftigschwarzen Lakritzepfeifchen mit dem Zuckerguss auf
der Haube und das Ahoibrausepulver, das so schön auf der Zunge
zerbarst, und
das alles war vergiftete Gabe, eine Ablenkung nur
für den Augenblick, denn am Abend weinte wieder
die Mutter, und manchmal
gab es Schläge

Und er wusste sein Wollen, und er kaufte
einen Flachmann, nichts Süßes, und
in der Schaufensterscheibe des Kiosk erblickte er
das Antlitz des Vaters, und er winkte kurz, und
wandte sich wieder seines Weges zu, als
er sein Verschwinden begann, und noch einmal trank er
den tiefen Schluck, und ab und zu zerbarst
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber,
und die Zigarette an welcher er zog, Aktive, schmeckte
nicht mehr nach Jugend, der Rauch wurde
schal in den Lungen und im gekonnten Bogen warf
er sie auf die Fahrbahn, wo sie funkenschlagend überschlagend
sprang und zum Erliegen kam als einsames Glimmen während
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber
zerbarst

Es sollte kurz vor dem großen Feuerwerk sein,
als sein Verschwinden begann. In den Hauseingängen standen
die Dealer, zischten die Worte dem Vorbeigehenden zu, dem
Verschwindenden, und am Hot-Dog-Stand vorbei, und da
machte er noch einmal kehrt, denn einen Euro hatte er
noch, das war das Angebot. Und er ging
zu dem Hot-Dog-Stand, bestellte, bekam, bezahlte,
und im Weitergehen schmeckte er saure Gurkenscheiben und
geröstete Zwiebeln und dreierlei Sauce und Wurst und
Brötchen und es war kein Geschmack seiner Jugend und
so wagte er eine erneute Halse, während die Dealer aus den
Hauseingängen ihre Worte zischten, denn einen
Euro hatte er noch, das war das Angebot. Und
er ging zu dem Hot-Dog-Stand, bestellte, bekam, bezahlte,
und im Weitergehen schmeckte er saure Gurke und am Himmel
zerbarst das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber, und
der Hot-Dog schmeckte nicht nach der Jugend,
was ihm gefiel

Und im Gehen gegessen, so schnell und im Munde den Geschmack
der sauren Gurkenscheiben und der gerösteten Zwiebeln, der
dreierlei Saucen und er wartete auf die Linie 3, dass sie ihn
wieder aus der Stadt hinaustrug, denn seines Bleibens war hier
nicht mehr. Diesmal, im Warten, wusste er wo
sie war, die Packung mit den letzten beiden
Zigaretten, Aktive, linke Hosentasche vorn, und das mitternachtsblaue
Feuerzeug dabei, und die Zigarette schmeckte nicht mehr
nach Jugend, und als die Linie drei kam,
warf er sie fort

(An der Endhaltestelle stieg er aus, ging
zu der nahen Dönerbude, denn dreiEurofuffzig hatte er noch
und immer noch hungrig, zwei Hot-Dogs, das ist nicht so
viel, und hinein ging er und gab sein letztes Geld „Huhn oder Lamm?“ und
es sollte Lamm sein, mit allem dabei, und beim Weg in die Dunkelheit
aß er, und er aß im Gehen, und dann
suchte und fand er schnell, nachdem er gegessen, im Gehen, die
Packung mit der letzten Zigarette, Aktive, und fand auch das mitternachtsblaue
Feuerzeug schnell, und nichts schmeckte mehr nach Jugend, er
rauchte, am Himmel zerbarst das Sterngold, das Feengrün,
das Wolkensilber, und als die Kippe glimmend über den Asphalt kullerte
wurde es dunkler, und dunkler wurde es, und es verließen ihn
die Häuser der Stadt, es kamen die wartenden Bäume, entlaubt,
und sein Verschwinden begann)

Die Illustration ist von William T. Horton (1864  -  1919)

Dienstag, 31. Oktober 2023

Egon Schiele: Eine Jugendliebe

 



Margarete Partonek war die erste große Liebe des 16-jährigen Egon Schiele. Seine Briefe an sie geben nicht nur seine Zuneigung für sie preis, sondern fördern auch die ersten lyrischen Gehversuche des Künstlers zutage. In diesem Jahr (1906) wurde der 16-Jährige in die Wiener Akademie der bildenden Künste  aufgenommen. Wie lange genau diese Jugendliebe gewährte, ist nicht bekannt. 




An mein Ideal

I.

Der Kunst, der reich ich meine Rechte
Der Malerei streck ich sie hin,
Wenn’s nur was zweites geben möchte,
In Klosterneuburg oder Wien.

II.

Das nächste oder drauf das Jahr
Werd’ ich müssen weg von hier,
Mit der Hand und lockigen Haar,
Das ist der Künstler beste Zier.

III.

Und das zweite, – – ist mein Gretchen,
Dir reiche ich meine beiden Händ’,
Du bist das allerliebste Mädchen,
Mein Lieb, dass ich nur jemals fänd.

IV.

Du ros’ge reizende Natur,
Du herzzerreißende Figur,
Dir lacht der Frühling lieb entgegen
Mit wonn’gen Tagen, still verlegen.

V.

Nur luna [!] soll es einstens seh’n,
Der kann dann ruhig vorrübergeh’n;
Doch höre jetzt und schreib an mich
In kurzer Zeil’ – ich liebe dich.

E. [Egon] Schiele

30.III.06.



Woher haben Sie denn das erfahren?
Das ist mir jetzt noch nicht im Klaren;
Wohl kenn ich manches Mägdlein hier
Doch dafür [durchgestrichen] darum, kann ich nicht’s dafür.

Das machte einst der Jugend Freude
Und dieses tat mir viel zu Leide,
Dies Fräulein ist von blondem Haar,
Es hat ein braunes Augenpaar.

Doch längst vergessen ist die Zeit
Mit vielen Neid und Streitigkeit;
Jetzt dank’ ich Gott, den edlen Hort
Für dies Erlös, mein Ehrenwort.

Viel länger könnt’ ich dahin schreiben; –
Nur bitt’ ich dieses nicht zu zeigen,
Sie werden wohl das Fräulein kennen,
Die auf der Karte schrieb

„L. B.“ [?]

SCHIELE.

31.III.1906.



Mein Lieb

Und sollt’ ich Dich jetzt noch nicht lieben,
So sieh Dir meine Augen an,
In dessen Innern steht’s geschrieben,
Daß das nicht ist, ein kurzer Wahn.

Und solltest Du mir’s noch nicht glauben,
Daß ich zu lieben Dich begann,
So sieh Dir meine Lippen an – –;
Die werden manchen Kuß Dir rauben.

Und wolltest ihn vielleicht nicht haben,
Gestohlen sollt er doch nicht sein;
Nur Liebende, die gern’ sich haben,
Die küssen sich so ganz allein.

Und kann ich dich jetzt nicht erlangen,
So schick’ ich Dir viel herzlich Grüß;
Und schick Dir auch, auf Lipp und Wangen,
Viel tausend zuckersüße Küß.

Wenn diese Schrift, mit roter Tint'
Erhalten hast, am heut’gen Tag
So denk’, daß zweie es nur sind,
Denen ich einmal was G’schriebnes gab.

S. [Schiele] Egon.




Der erste Kuß der Liebe!

Traumgebilde, Fantasien
Schweben vor des Jünglings Blicken,
Und der Lieb’ Magnete ziehn
Hin zu ihr, ihn zu entzücken.

Und er sieht sie vor sich stehen,
Und es faßt ihn mit Gewalt
Und reißt ihn gleich, Sturmeswehen
Blitzesschnell hin zu ihr bald.

Und die braunen Haare hängen
Sanft, geschmeidig, dicht herab
Über ihren roten Wangen,
Denen Lieb’ das Glühen gab.

Und nur Freundlichkeit nicht Tücke
Spielen um den schönen Mond
Und ihr geben, seine Blicke
Was die Zarte fühlet kund.

Es erfaßt ihn mit Entzücken
Und im seel’gen Hochgenuß
Drückt er auf die ros’gen Lippen,
Seiner Liebe – ersten Kuß.

Margarete Partonek an Egon Schiele




Liebstes Fräulein. . . 

Mein neues „Drüben“ verdirbt mir meine ganze Aussicht. Früher konnte ich Sie
wenigstens hinter einem grünen Versteck sehen, doch jetzt ist dieses Dach am Fenster zu kurz.

Warum schreiben Sie nichts mehr so wie vor einigen Wochen? Wenn solcherlei Sachen bis jetzt noch niemand außer den Nächsten in unserer Umgebung weiß, glaube ich wird es niemand, am wenigsten bei Ihnen in der Schule erfahren; vorausgesetzt daß Sie selbst nichts weiter Ihren Freundinnen & Kolleginnen sagen oder vorlesen. Sie haben mir erst drei Schreiben durch Ihren Bruder geschickt, die bei mir gut aufgehoben sind, während ich Ihnen deren schon mehrere
zukommen lassen haben [!].

Würden Sie vielleicht wirklich nicht schreiben können, aus Gründen die Sie mir
nicht sagen wollen, so gibt es noch ein Zweites, bei dem ich an Ihrer Stelle keine Ausrede finden würde. Sie gehen abends oft auf der Gasse mit Fräulein Hermine, könnten Sie nicht zumindest den Weg in eine andere Gasse einschlagen? Es kommt nur an Ihren Willen an den Sie leicht bezwingen können; dann möchten Sie Ihre Worte erfüllen, die Sie mir so deutlich schrieben. Wie oft gehen Sie in die Obere Stadt, wie z.B. am Montag, da könnten Sie doch diesen vorhergenannten Weg beim hin oder Retourgehen benützen.

Wenn ich auch jetzt vielleicht Unangenehmes schrieb, so bitte ich um Verzeihung, denn aus vielen werden Sie sehen, daß ich so schreibe wie ich denke. Würden Sie mir Verzeihung nicht gewähren, so bitte ich dieses zurückzusenden.
Hoffentlich aber werden Sie von meinen Ratschlüssen auswählen, so daß nicht der schönste Monat ohne Ausnützung verfließt.

Sie sind jeden Sonntag fort am 22. waren Sie in Hadersfeld, wo waren Sie am letzten Sonntag? Umsonst werden Sie nicht Ausflügemachen. Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr ES [Egon Schiele]

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.



                                      Gemälde Egon Schieles von 1906



Ein Mädchenbildnis Egon Schieles aus dem Jahr 1906, wohl nicht Margarete Partonek


Donnerstag, 26. Oktober 2023

Zum Andenken an Gusto Gräser: Über Kindererziehung

 



„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.

Die Eremiten rund um den Monte Verità waren allesamt keine Leib- und Liebesverächter, im Gegenteil  . . .  So notiert Adolf Grohmann 1903 auch von Gusto Gräser: "Er hat vor, sein Felsenheim zwar klassisch einfach, aber doch malerisch und gemüthlich auszugestalten aus allerhand Siebensachen, die er sich zusammensucht, und dann eine Lebensgefährtin zu suchen, ein braves und schönes Felsenweib, das er gewiss noch finden wird, denn er ist ein schöner Mann und von der grössten Liebenswürdigkeit, offen, wahr und treu"

Adolf Grohmann: Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Halle a. S. 1904.


Gusto Gräser will das Wort "Erziehung" ganz abgeschafft wissen, will es durch "Räumung" ersetzen. Es geht ihm darum, Raum zu schaffen für den jungen Menschen, für die Entfaltung aller seiner Möglichkeiten.

Zur
Kindheiterkeit
samt Dummlichkeit -
zu Räumung statt Erziehung.

*

Dort - allweil zügeln, zäumen:
"Du sollst, sollst nicht, du darfst".
Hier - Rahmen schaffen - Räumen, und:
"Treib, was Du bedarfst.“

*

Besser wild und ungezogen,
aber artig, herzensecht -
statt verbogen und verlogen, um die Blühekraft betrogen
und so "artig" wie ein Knecht!
Ob auch alle Zimprer quitschen und die ganze Tantschaft schreit,
Äppel, Birn' und Nüss' stibitschen und mit heiler Haut entwitschen -
das gehört zur Seligkeit!

*

Dort grausam weichliche Misshandlung -
hier mildfest führende Hand

*.

Dort lieblos laues Vielgered -
hier herzhaft biedere Weisung.

*

Dort viel und hohl -
hier wenig und wohl


Wir können diesen kurzen Ausflug in die gräsersche Kindheiterkeit beschließen mit dem Urteil des Augenzeugen Erich Mühsam. "Die Erziehung des kleinen Habakuk zu beobachten, wirkt dieser innerlich verlogenen Verbildung des Kindergemütes gegenüber, wie sie die besten Eltern im besten Glauben betreiben, einfach erlösend." Aus: Ascona. Eine Broschüre. Carlson, Locarno 1905 34f.

Zitiert aus: Der Zauberlehrling Otto Groß und Gusto Gräser, Hermann Müller 1998

Das Foto zeigt Gusto und Elisabeth Gräser mit Kindern auf einer Wanderung mit Pferdewagen

Sonntag, 22. Oktober 2023

Kein Wort verloren

 



Kein Wort verloren

So also:

Wundere mich über mich selbst,
dass mir noch immer Verse kommen,
unbestellt, wenn auch
insgeheim erhofft,
Tau des Alters
Reif des Herbstes

mir,
Kind des Friedens,
waghalsiges Wunder
Kontinentalverschiebung
und Annäherung zugleich

wundere mich auch
über andere Wunder,
über das Wunderbare selbst
und manchmal trage ich
eine Flöte bei mir

Nichts ist vorhersagbar

„Scheuche sie weg,
die weißen Engel!“
sagte meine Mutter zu mir,
wenig später: „Jörg,
ich sterbe wohl“,
„Ja“ antwortete ich

In diesen Minuten
unseres intimen Beisammenseins
wurde unsanft die Tür
geöffnet,
eine Schwester kam laut herein

Meine Mutter kam noch
einmal zurück,
um drei Tage später
zu sterben

Nichts ist vorhersagbar

Auch mein Sohn ließ sich Zeit:
Als er vierzehn Tage
nach dem anvisierten Termin
nicht ankam, verweigerte
unsere Hebamme die Hausgeburt

Auch im Krankenhaus dann
dauerte es noch,
und nach mehreren Stunden
Presswehen
entschieden sich die Ärzte für
Kaiserschnitt

Wenige Zeit später
hielt
ich den kleinen Kaiser im Arm
Er schaute mich an,
tiefernst und forschend

Nichts ist vorhersagbar
Es gibt vieles,
was ich nicht zu sagen vermag

In meinen Gedichten
ist es dennoch zu finden
Was nicht aus Liebe getan
ist wie ungetan
Worte fallen wie in tiefe Brunnen,
es gibt welche,
die nicht gut tun -
demnächst gehe ich wieder
in die Wälder,
wenn die Zeit dafür ist

Freitag, 20. Oktober 2023

Singe, Seele.

 



Singe, Seele.

Der erste Herbststurm lässt die hohen Pappeln sich beugen. Alle Antworten sind benannt. Keine Frage ungefragt. Die Sonne. Das Licht. Der Wolken wanderndes Grau. Die Hölle, die Teufel, der Tod. Die Engel der Höhen. Der Schmerz. Keine Weigerung mehr, das anzunehmen.

Der Humor spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich erheitere.

Das Lachen spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich fröhlich stimme.

Die Liebe spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich
den Mantel des Schweigens über dir ausbreite.

Das Erwachen spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich die Welt hell werden lasse.

Die Barmherzigkeit spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich dir Balsam reiche.

Der Trost spricht zum Schmerz:
Ich lasse dich schwinden, indem ich
wohlige Wärme um dich hülle.

Es kommen so viele, die sprechen.

Der Schmerz blickt stumm. Er weiß um seine Stunde.
Da spricht das Annehmen zum Schmerz:
Schön, dass du da bist!

Und der Schmerz lächelt.

(und der erste Herbststurm lässt die Blätter auf dem Pfad tanzen)


(Das Bild hat mein Sohn im Alter von 7 Jahren gemalt)

Mittwoch, 18. Oktober 2023

Am Ende eines weiten Weges

 



Am Ende eines weiten Weges

Wer vermag sich noch zu erinnern
an die Anfangssequenz
von 2001 - Odyssee im Weltraum?

The Dawn of Man
wessen Phantasie entsprungen?
Kain und Abel
Der Wagenlenker-Gott
Einflüsterer der Ewigkeit
So lassen sich Kriege führen,
zum Kriege verführen

Das Wort zum Sonntag von Meister Laya,
der Avocado Diaboli unter den Apfelsinen:
„Die Reinkarnation des Mettbrötchens
ist der Falsche Hase!“
Buddha ist eine Aristokratenangelegenheit

Anekdoten:

Als. . .

Gary Snyder, aka Japhy,
der amerikanische Dichter und
Übersetzer des Han Shan,
den Beatniks entflohen
sich einem Zen-Kloster näherte,
um Adept zu werden
wurde Beat das große Ding

Als. . .

Peter Kropotkin Lenin traf,
entspann sich ein Gespräch

Trotzdem bekam er eine Art
Staatsbegräbnis

Als. . .

ein anderer Peter den
Bergbach übersprang,
träumen so viele wie Peter Munk,
in Bitcoin, Schwanengesänge
alle Ängste und Sorgen abgelegt
wer bezahlen kann ist im Recht

Als. . .

Diogenes, kosmopolítēs, „mehr Licht“ bedarfte:
"Geh mir ein wenig aus der Sonne!"

Als. . .

Gusto Gräser an die Wand gestellt wurde,
ließ er sich erschießen,
kehrte nach einem Ausflug in die Psychiatrie
zurück in seine Höhle,
Demian zu bekehren

Als. . .

David das Großmaul
einfach niederschoss
(so eine Steinschleuder
trifft auf dreißig Meter tödlich)
um dem Faustkampf zu entgehen
(und König zu werden)
wurde er Jahrhunderte später
wiedergeboren,
so heißt es,
um den Colt zu erfinden.
Der ist nämlich noch effektiver

Als. . .

der Übermensch ein Pferd umarmte
und Zeit ins Land ging,
etwa siebzig Jahre,
bekam ich endlich die Antwort
(Von einem Weinbauern während eines
Seminars über biologischen Anbau):
„Jede Ente quakt anders und immer verschieden“


Als. . .

noch ein Peter,
seines Zeichens evangelischer Pastor,
mich einen Haufen Rindenmulch
von A nach B schaufeln ließ,
antwortete ich auf die Frage einer Touristin
ob meines Tuns:
Glaube versetzt Berge

Als was möchtest Du wiedergeboren werden. . .?


(Das Bild „The open Road“ ist von Edward Reginald Frampton 1870 - 1923)