3. September
Heute einmal zwei Übersetzungen und eine (sehr) freie Nachdichtung des ersten Verses des Tao Te King. Die erste ist von Richard Wilhelm, die zweite „Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular, Insel-Verlag 1923, die (recht freie) Nachdichtung ist von Gusto Gräser.
„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.
Ich stelle die drei Texte erst einmal unkommentiert untereinander. Die Übersetzungen des Tao Te King sind Legion. Ich selber mag die von Richard Wilhelm, es war die erste, die mir in die Hand fiel, und ich war sechszehn Jahre alt, und ich war sofort begeistert. Es war, als hätte ich ein Stück geistige Heimat gefunden. Seitdem hat mich chinesische Philosophie und insbesondere der Taoiismus, aber auch die chinesischen Dichter, nie ganz los gelassen.
Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten
II
Die Bahn der Bahnen ist nicht die Alltagsbahn;
Der Name der Namen ist nicht der Alltagsname.
Unnambarkeit ist Wesen des Allüberall;
Nambarkeit ist Werden des Einzelnen.
Jedoch: klar siehet, wer von Ferne sieht,
und nebelhaft, wer Anteil nimmt.
Diese Grundwesenheit, zwiefältig, ist Eins
in der Erscheinung nur, zwiefacher Gegensatz.
Sie ist das Unergründliche,
das unergründliche Gründliche,
das Tor zum letzten Geheimnis.
III
Hörst Du?
Hör auf
mit dem Krampfen und Krallen, lasse Dich ruhn -
Lass Dich getrost
mit den treulichen Allen, wie der Thau
zu dem Grunde
fallen,
daraus uns erwallet urheiliges Tun.
Wallfall mit TAO
ins Leben!
- - -
Du stehst, Du staunst des unverstandnen
Worts?
O will nicht verstehn!
Geh, geh vorüber, lass gehn,
lass geschehen
und TAO wird Dich erheben, wie es mich erhebt,
das
heimlich heilig in uns Allen lebt.
Athem Es aus und ein - athmend
ahnst Du sein Leben.
Sog, sing oder jauchz Es, aber will es nicht
nennen -
nimm nicht durch Namen Dir, Mir, was Es an Gaben
birgt
und bringt.
Unnennlich ist das unendlich Eine, und nennlich ist
nur
der vergängliche Teil ---
Ehre sein Dunkel, und sieh, sein
Stern wird Dir blinken -
aber - ziehst Du ans Licht, musst Du in
Trübheit versinken.
Hüt, o hüt das Geheimnis,
so wird das
Geheimnis Dich hüten,
aber willst Du es sehen, muss es Dein Leben
zerwüten.
Oh Du!
Traue getrost - und wonnig wirket sein Weben
-
H ö r e a u f !
und innig beginnt sein helfend heilendes
Leben.
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