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Freitag, 26. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Der andere Tod

 


Jonne Yrjö: Der andere Tod

Als ich alleine durch die Neumondnacht des diesjährigen Dezembers ging begegnete er mir. Nicht im Außen, er begegnete mir im Inneren, oder anders, im inneren Außen.

Es gibt eine fröhliche Dunkelheit, es gibt eine melancholische, und es gibt eine verstörende Dunkelheit. Dann gibt es noch eine lastende Dunkelheit, und diese traf mich unvorbereitet in dieser Nacht. Unvorbereitet, da doch der vorhergehende Tag ein sonniger war, ein sonnenheiterer, der mich die kommende Neumondnacht vergessen ließ.

Zu der lastenden Dunkelheit der Nacht gesellte sich Nebel, und ich empfand diesen Nebel als "stickig". Dieses Empfinden lag vielleicht auch daran, dass die Geräusche der nahen Straße so aufdringlich wurden. In der Regel sind sie verhalten und gewöhnbar wie ein fernes Rauschen. Doch in der stickigen Luftfeuchte waren die Motorengeräusche, die rastloses Rasen und Hetzen verbreiteten, körpernah zu spüren.

So kam eines zum anderen, und zu mir kamen die Gedanken an den Tod. Die lastende Dunkelheit, die stickigkühle geräuschschwangere Feuchte, es war, als würde der Tod nach mir greifen, nach mir und meinen Gedanken. Und: Es war nicht der freundliche Tod, den es auch gibt, welcher da nach mir griff. Es war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, oft gewalttätige Tod, der, welchen wir Menschen dieses Jahrhunderts und der vielen vergangenen Jahrhunderte so viel produzierten und produzieren.

Es war eine Verzweiflung in mir, denn ich fühlte es, ich spürte und hörte es, dass es so vielen Menschen egal ist, dass dieser Tod in unserem Leben umgeht. Ja, dass sie Thriller und Krimis und Spiele suchen, die angefüllt sind von Bildern und Schilderungen dieses Todes. Und diese Bilder und Schilderungen geben den ermatteten Nerven wohl etwas Kitzel. So dass die groben Reize dieses unfriedlichen, vorzeitigen, gewalttätigen Tod für so viele wichtig sind, als Darstellung, Bild, Spiel, eben als Nervenkitzel, wohl um noch etwas Lebendigsein in einem gewissen Grusel zu erspüren. Sich selbst wenigstens dort noch einmal wahrzunehmen.

So raste und hetzte dieser andere, dieser unfriedliche Tod durch diese Nacht und ließ meine Seele erkalten. Dass ich sterben werde, weiß ich, und ich bin einverstanden mit diesem Sterben. Ich hatte bis jetzt ein Leben, das mit vielen guten Ereignissen gesegnet war, neben den unvermeidlichen weniger erfreulichen. Ich bin´s zufrieden.

Auch dass mein Sohn einst sterben wird, weiß ich, und ich weiß, dass das zu den Bedingungen gehört, an der Schönheit dieser Welt teilzuhaben. Ich hoffe, dass er nach mir stirbt, und dass ich bis dahin mit ihm genügend glückliche Ereignisse erleben durfte, dass auch er sagen kann trotz aller Trauer: "Ich bin´s zufrieden!"

Auch diese Welt stirbt einst. Das ist nichts Schreckenerregendes für mich, sah ich doch als Gärtner und als Tierhalter genug Werden und Vergehen, im Kleinen wie im Großen. Es ist ein Pulsierendes, und nach einer Zeit blühen wieder die neuen Blüten und glänzen wieder die neuen Sterne. Und ich höre die Göttin, die dreigestaltige Göttin vom Werden, Sein und Vergehen, und sie sagt: "Ich bin´s zufrieden!"

Das alles können die heiteren Tode sein, und man trifft sich zur Trauerfeier und speist und trinkt und gedenkt mit einem Lächeln über die Freude an dem Gehabten und mit einer Träne über die Trauer am Verlorenen.

Doch was mich in dieser Nacht anwehte, war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, gewalttätige. Er trat mit einer Macht und einer Vielzahl an mich heran, dass es mich würgte, mir Herz und Wärme verschlug.

Höhnisch rief mir dieser andere Tod zu: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!". Dabei ist er doch allgegenwärtig in diesen Zeiten, er kommt als unsichtbare Strahlung an die Küsten, kommt als Plastikbrühe in unseren Speisen zu uns, als unmerkbares Gift in Luft und Wasser und allem Nährenden, er kommt auch ganz handfest aus Gewehrläufen, Geschützen, unbemannten Flugbomben, kommt als Schläger in der Nacht.

In dieser Nacht war er bei mir und zeigte sich, als Ahnung, als Druck in der Brust, als lastende Dunkelheit, als klaftertiefe Traurigkeit über das vielfältige Sterben in der Welt. Wie froh und glücklich war ich, als diese Nacht zu Ende ging. Müde, matt und traurig, und mit Nachtschwärze in der Seele ging ich am folgenden Tag zu Dir, und eine Weile schwieg ich, bis ich endlich erzählen konnte über diese Nacht.

In den gemeinsam verrichteten Tätigkeiten des Alltags wich schließlich die Beklemmung, welche die Begegnung mit dem anderen Tod bei uns ausgelöst hatte. auch wenn wir immer wieder die ferne drohende Stimme hören: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!"

Wir wissen um ihn. Und wir fragen uns: "Wie können wir ihm begegnen, dass er keine Macht über uns hat?"

"Es geht um Wahrhaftigkeit, um als Mensch mit Seele zu leben. Alles andere raubt uns die Kraft und führt zum Verlust von Nähe und Geborgenheit in sich selbst und in unseren Beziehungen."

Das Bild ist von Christopher Richard Wynne Nevinson (1889  -  1946)


Samstag, 31. Mai 2025

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche, oder: Weinbergschnecken

 


Nach dem schönen Mairegen sind bei uns wieder die Weinbergschnecken unterwegs. Dazu eine kleine Geschichte:
Ich hatte gelesen, dass Weinbergschnecken die Eier von Nacktschnecken fressen. Und an Nacktschnecken hatten wir in dem einen Schulgarten, den ich an einer Grundschule betreute, wirklich genug. Mehr als genug. Also wurde mit den Kindern beschlossen, dass wir Weinbergschnecken ansiedeln wollen.
Der Schulgarten wurde unter anderem auch von dem Kinderkochklub genutzt, den ich an dieser Schule leitete. Die Kochklubkinder hatten ihr eigenes Kräuterbeet dort. Mein Sohn, noch im Kindergartenalter, begleitete mich nachmittags ab und zu zum Kinderkochklub. Er wurde dadurch zum Mitglied ehrenhalber.
Als mein Sohn und ich an der Ostsee Urlaub machten, fanden wir heraus, dass sowohl in den dünennahen Gehölzpflanzungen als auch im nahegelegenen Wald zahlreiche Weinbergschnecken zu finden waren. Am Tage vor unserer Abreise sammelten wir also welche von diesen Schnecken, bis wir zwölf Stück zusammen hatten. Diese sollten im Schulgarten ihre Heimat finden.
Wir beide also mit einem offenem Karton voller Schnecken in den Aufzug des Appartementhauses, in dem wir wohnten, dritter Stock. Eine Dame, feinerer Art, stieg hinzu. Sie schaute die Schnecken an und fragte uns, was es damit wohl auf sich habe. Mein Sohn fühlte sich berufen, zu antworten. Er war der Meinung, diese Geschichte gehört von Anfang an erzählt. Also, dass die Nacktschnecken im Schulgarten die Kräuter auffressen, wir also nicht damit kochen können, und das die Weinbergschnecken die Eier von. . .
So begann er mit den Worten: „Wir haben einen Kinderkochklub!“ Worauf die Dame ganz blass wurde und ihn erschreckt anstarrte.

Dienstag, 13. Mai 2025

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Auf einem Baum ein Kuckuck saß. . .

 



Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Auf einem Baum ein Kuckuck saß. . .

Heut in den frühen Morgenstunden hörte ich es laut und vernehmlich: Der Kuckuck ist wieder da. Schon vor einigen Tagen war er zu hören, etwas weiter entfernt, und ich hatte Glück: Ich hatte Geld in der Tasche. Denn es wird die Geschichte über die Generationen weiter getragen, dass, wenn im Jahre der erste Kuckucksruf gehört wird, die Geldbörse zu schütteln sei. Sofern darinnen Geld vorhanden ist. Dann werden das ganze weitere Jahr in dieser Geldbörse einige Piepen oder Moneten oder Thaler zu finden sein.

Nun bin ich nicht unbedingt leichtgläubig, oder gar abergläubisch, doch habe ich zur "Kuckuckszeit" immer etwas Geld im Säckel, Münzen tun es da am besten, die klimpern so lustig, wenn geschüttelt wird. Ihr wisst ja, wer beim ersten Kuckucksruf im Jahr Geld im Säckelhat, sollte diesen tunlichst schütteln, dann wird das gesamte weitere Jahr auch Geld darin sein. Auch wenn das Schütteln beim ersten Kuckucksruf des Jahres nicht unbedingt nützt, schaden tut es keinesfalls. Es ist also eine eher harmlose Marotte, wenn ich mich darüber freue, dass ich im richtigen Augenblick Geld dabei habe.

Manchmal reihen sich die Erinnerungen wie Perlen auf einer Kette aneinander. So ging es mir heute früh auch beim Kuckucksruf. Ich erinnerte mich an eine Begebenheit in meiner Kindheit, es müssen die Osterferien gewesen sein, denn ich war bei meiner Großmutter zu Besuch. In der Nähe ihrer Wohnung gab es den von mir so genannten Mirabellensee, ein kleines, stilles Gewässer mitten in der kleinen Stadt, um dessen Rund Mirabellenbäume wuchsen. Das war einer meiner Lieblingsorte in der kleinen Stadt, und wieder ging ich dort hin.

Unter einen dieser Mirabellenbäume standen zwei mir fremde Kinder an diesem Tag, und die beiden blickten nach oben und schüttelten dabei ihre Geldbörsen. Oben im Baum saß ein Vogel und rief laut und vernehmlich "Ruguuhruuh, ruguuhruuh". Die Kinder klärten mich auf, dass das ein Kuckuck sei, und dass daher die Geldbörsen zu schütteln seien.

Nun, ich wusste, wer dort oben "Ruguuuhruuhte", es hörte sich so ganz nach einer ordinären Stadttaube an. Doch mochte ich die beiden Kinder nicht durch mein Wissen aus ihren Träumen locken, sie waren einfach zu schön in ihrer Begeisterung. Nicht immer ist es wichtig, die "Wahrheit" zu sagen.

Als ich diesen Satz so für mich dachte, reihte sich die zweite Erinnerung ein. Da war ich schon älter, und eine liebe Freundin und ich saßen nächtens unter dem Sternenhimmel im Garten. Drinnen in dem kleinen Häuschen war Party, doch wir hatten uns in die Ruhe zurückgezogen. Zwischen all den Sternen des Himmels hindurch bewegte sich ein Stern besonders glänzend und funkelnd. "Oh, schau, ein wandernder Stern!", sagte die Freundin. Ich schaute, und ich wusste sofort: Das war ein Satellit, ödes Menschenmachwerk. Auch hier schwieg ich, denn die Freundin sah gar zu glücklich aus, ob ihrer Entdeckung.

Jahre später trafen wir uns wieder, und irgendwie und irgendwarum kam unser Gespräch auf die Begebenheit damals im Garten. Ich erzählte ihr, dass und warum ich da schwieg, und sie erzählte mir, dass sie im Moment des Aussprechens selber wusste, dass dort oben ein Satellit kreiste. Und dass sie mir sehr dankbar dafür war, dass ich sie nicht berichtigte. Denn sie wusste auch, dass ich es wusste.

Ja, Schweigen kann Gold sein. Nun ist es so, dass einige meiner Freundinnen und Freunde in unserem medialen Dschungel, in früheren, nicht digitalen Zeiten nannte man das "Blätterwald", unter einem medialen Baum stehen und in der Hoffnung auf eine goldene Zukunft verzweifelt ihre Geldbörsen schütteln. Solange oben auf dem Baum nur eine Taube oder ein Kuckuck sitzt, mag das ja ungefährlich sein, zumal, wenn es eine Friedenstaube ist.

Doch manchmal sitzt da oben auch der Geier oder gar eine Harpyie oder ein anderer Unglücksvogel, der sein "Ruguuuruuh, goldene Zukunft du, dort entlang du, ruguruuh" ruft. Ja, es kann durchaus sein, dass da unter dem falschen Baum geschüttelt wird.

Da ist es für schon schwieriger für mich, zu schweigen, doch das Sagen ist es genauso. Kaum jemand möchte darüber wissen, dass er oder sie unter dem falschen Baum dem falschen Vogel zugeschüttelt haben.

Eines weißt ich jedoch: Mit einer "Ich-weiß-es-aber-besser" - Mail, mit einem schadenfrohen "Ätsch, pass auf, dass Dir der Vogel nicht auf den Kopf scheißt" ist es nicht getan. Da braucht es die richtige Balance zwischen Abwarten und. . . ja, und persönlichem Gespräch. Dass der Mensch nicht nur hört, sondern auch sieht, spürt, fühlt, dass da jemand Besorgtes es Ernst meint. . . Da ruft der Kuckuck mir und uns zu: "Seit behutsam mit Euren Freundinnen und Freunden, kuckuck, kuckuck".

Diese Erkenntnis ist es, die ich an heutigen Morgen mitnehmen durfte. Allein schon dafür bin ich dem Kuckuck dankbar, selbst falls es mit dem Gelde mal nicht so klappen sollte. . .

Euch allen einen schönen Frühlingstag, wünscht Dingefinder Jörg


(Geschrieben 13. Mai 2020)

Samstag, 8. Juni 2024

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Die Vöglein auf dem Felde. . .

 



Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Die Vöglein auf dem Felde. . .

Ich habe gerade eine Zahl gelesen, die mich nachdenklich macht: Von den Jungvögeln, die ein Singvogelpaar im Jahr großziehen, werden letztendlich zwischen 10 und 20 % das Erwachsenenalter erreichen.

Von den Pflanzen kenne ich ähnliche Zahlen: Die Menge der Eicheln zum Besipiel ist nicht gedacht zur Weitervermehrung großer Menge, sondern ein Geschenk an Eichelhäher und Eichhörnchen, welche die Samen der Bäume als Winterfutterreservoir in weiteren Entfernungen vergraben. Das meiste der Eicheln wandert in Mägen.

Ist ja wie beim Getreide auch: Nur ein Teil wird wieder ausgesät, der Rest wandert als Backwaren etc. in unsere Mägen.

Auch, dass Insekten wie Mückenlarven etc. und Krebstierchen wie zum Beispiel der Krill, das Walfischfutter, in großen Mengen in anderen Tiermägen verschwindet ist mir bewusst.

Vielleicht ist es, dass mir die kleinen Sänger so nahestehen, was mich nachdenklich macht. Da habe ich eine Empathie, die ich für eine Mückenlarve sicher nicht hege.

Schon als Kind habe ich mich jedem aus dem Neste gefallenem Vögelchen angenommen, auch wenn meine Rettungsversuche zumeist umsonst waren.

Wie unglaublich verschwenderisch die Natur doch ist, auch mit dem Leben von Wesen. Ist das Grausamkeit? Gibt es so etwas wie "die Natur" überhaupt, oder "verwesentliche" ich hier etwas, das so gar nicht existent ist. "Die Natur", "Gott", Versuche mit etwas Unnennbaren zurecht zu kommen. Und ich sitze hier am Schreibtisch, schaue aus dem Atelierfenster hinaus in den Garten, schaue den Vögeln zu, den Amseln, den Meisen, sehe das freundliche Grün, und mich überkommt eine Geborgenheitswelle.

Trotzdem ich weiß, was sich dort abspielt. Ich Mensch bin ein seltsames Wesen. . .


Geschrieben in meinem KleinHäuschen 2013 in Bremen. Photo von Christiane by Pixabay

Montag, 4. März 2024

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Geheimnis

 


Ich habe ein Geheimnis. Es ist mein ganz eigenes Geheimnis, und so lange ich es niemanden erzähle, bleibt es auch das: Mein ganz eigenes Geheimnis. Es gibt wohl verschiedene Arten Geheimnis. Zum einen die, welche man gerne verschweigen möchte, die kleinen Sünden und Unebenheiten der Seele. Das möchte dann eher "bei sich" behalten werden, und ist doch für scharfe Augen sichtbar: Offene Geheimnisse.

Oder diese Art Geheimnis: Der geheime Name, der nicht genannt werden darf, da sonst andere Wesen Macht über dich erringen können. "Oh wie schön, dass niemand weiß. . ."

Doch mein Geheimnis gehört weder zur ersten noch zur zweiten Art. Es ist einfach nur darum ein Geheimnis, weil es unaussprechbar ist. Ein Geheimnis, für das der schöne Ausdruck "unwörterbar" erfunden wurde. Es ist ein gutes Geheimnis. . .

(Die Illustration zeigt einen Scherenschnitt um 1900)

Donnerstag, 2. März 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Igitt! Prinzipien!

 


Igitt! Prinzipien!


„Das sind meine Prinzipien.
 Wenn sie ihnen nicht passen,
 ich habe auch andere.“

Groucho Marx

„Wir sagen Igitt! wenn wir ´Oh Gott!´ nicht aussprechen wollen.“ Auf diesen kleinen Satz, den ich ungefähr wiedergebe, stieß ich beim Durchblättern eines Buches am Morgen. Es war dieses flüchtige Durchblättern, ziellos, und es war ein Buch aus einem Stapel anderer, ich suchte mir eine Lektüre für einige ruhige Stunden an diesem Morgen. Etwas zum Entspannen, die Zeit zu überbrücken. Es war ein Montagmorgen, und ich kam einmal wieder nicht in den Tag und in die Woche hinein. In solchen Situationen versuche ich ruhig zu bleiben und mir etwas Ablenkung zu verschaffen, sofern es meine Zeit zulässt. An diesem Morgen war nichts wirklich Dringliches auf dem Plan. Der Besuch bei einer nahen Baumschule wurde aus verschiedenen Gründen auf den Folgetag verschoben, und dass noch eine Kiste Biopfirsiche, welche ich geschenkt bekam, neben anderen Früchten der Verarbeitung harrten, war auch nicht von der Notwendigkeit, dass es sofort geschehen müsste.

So durchblätterte ich Buch um Buch, aus einer Bücherkiste hier im Haus, auf der Suche nach etwas, das mich reizte. Doch ich sollte an diesem Morgen unlesend bleiben. Aus dem ganzen Bücherstapel blieb als einziges die Erinnerung an diesen Satz hängen.

Es gab Zeiten, da hätte ich in Zeiten der Motivationslosigkeit immer etwas gefunden, dass ich mir vor Augen hätte halten können, entweder ein Buch, oder eine Illustrierte, oder das Umherschweifen in den Weiten des Internets. Doch es ist wohl so, Gewohnheiten ändern sich. Nichts davon sprach mich an diesem Montagmorgen an, so, wie es schon oft geschehen war in den letzten Wochen und Monaten.

Was nicht heißt, dass ich weniger gerne lese als früher. Ich lese nur einfach anders. Schon aus dem Grunde, dass mich weniger Lektüre zu fesseln vermag. An diesem Morgen blieb mir dann doch nichts anderes übrig, als dass ich mich dem Abwasch und dem Kochen von Wildbirnengelee (mit Ingwer) widmen durfte. Alles andere war langweiliger als die Langeweile selbst. Und wie das meist so ist, hat man erst einmal begonnen mit dem Tagewerk, dann kommt der Spaß auf dem Fuße.

In der blauen Waschschüssel hockte einmal wieder eine große schwarzbraune Wolfsspinne, ein stattliches Exemplar, weiß der Deubel, wie die dort hinein gekommen ist. „Igitt“ dachte ich und komplementierte das Tierchen aus dem geöffneten Küchenfenster in den Garten. Da hatte ich dann etwas zum Nachdenken bei den einfachen manuellen Tätigkeiten. Hallte doch der im Buch erblätterte Spruch in meinem Inneren nach: „Igitt“ sagt, wer „Oh Gott!“ nicht auszusprechen mag. Dieses Wort kommt aus einer Zeit, in dem das Wort „Gott“ noch einen heiligen Namen markierte, etwas dass nur sakral und nicht unbedacht ausgesprochen werden durfte. In dieser Scheu lag ein Prinzip, und wie das oft ist mit Prinzipien, wenn sie etwas Instinktives unterdrücken sollen, dann suchen sie sich Wege, um doch noch dem Instinkt seinen Ausdruck finden zu lassen.

Es ist in etwa so, wie mit dem Rabbi, der einkaufen ging: „Ich hätte gerne etwas von dem Fisch dort!“ - „Das ist kein Fisch, das ist Schinken!“ - „Ich wollte nicht den Namen von dem Fisch wissen, ich wollte ihn kaufen!“

Wie ist das denn so mit meinen Prinzipien? Immer, wenn ich welche für mich selber postulieren wollte, sei es im Bereich der Ernährung, sei es im Planen der Tages- und Arbeitsabläufe, sei es in Bezug auf das Rauchen, nun ja, letztlich brachen sich die liebgewordenen Gewohnheiten doch wieder Bahn. „Igitt!“ Solange, bis ich damit auf hörte, mich selber unter Druck zu setzen. Und siehe da: Statt zum Buch, zu irgendeinem Buch, nur um irgendwelche kleinen schwarzen Buchstaben vor Augen zu haben, greife ich zum Putzschwamm und zum Kochlöffel. Wie einfach das doch letztlich ist, so ohne Prinzipien.

Geschrieben September 2014. Da war ich gerade einmal vier Monate in meiner neuen Wahlheimat Fredelsloh. Ich bekam damals auch einen Kommentar, bezogen auf die Spinne: „Bei der "Wolfsspinne" handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine "Hausspinne", Tegenaria atrica, die zur Gattung der Winkelspinnen gehört. Sie werden ziemlich groß, sehen zwar erschreckend aus, tun uns jedoch reineweg sonst gar nichts. Man nähere sich ihnen schön langsam in Zeitlupe mit einem Glas, das man dann schnell und gezielt über sie stülpt, schiebt ein Stück festes Papier drunter und kann sie dann in aller Ruhe im Geländer aus dem Haus befördern.“ (Kleine Bärin)


Mittwoch, 1. März 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Der Stuhl zwischen allem

 


Der Stuhl zwischen allem

Morgenspaziergang. Am Wegrand ein Ahorn mit sieben Stämmen. Er wäre mir vielleicht nie in dieser Deutlichkeit aufgefallen, wenn nicht irgendwer einen Stuhl, mit blauer Sitzfläche und blau gepolsterter Lehne, zwischen diese Stämme drapiert hätte.

Als ich mich nun in Gedanken auf diesen blauen Stuhl nieder ließ, sprach der erste der sieben Stämme, der kräftigste, zu mir mit seiner stimmlosen Stimme: "Die Welt ist alt genug, sie weiß, wie sie sich rettet".

Und der zweite der Stämme flüsterte zu mir: "Sterben tust Du sowieso".

Der dritte der Stämme rief mir zu: "Deine Kinder werden ihren Weg gehen. Zur Not auch mit Deinen guten Ratschlägen."

Der vierte darauf: "Dir ward gegeben, Dir ward genommen. Was gibst Du? Was nimmst Du?"

Der fünfte, wie Blätterrauschen: "Rufe den Wind, und er wird wehen. Rufe die Sonne, und sie wird scheinen. Rufe die Nacht, und die Finsternis erblüht. Rufe die Engel, und sie werden sprechen. Rufe den Tag und er wird kommen. Möge Dein Ruf ein großer Gesang sein!"

Der sechste darauf brach in schallendes Gelächter aus und rief: "Geh mir aus der Sonne, auch wenn es der Mond ist!"

Und der siebente endlich, welcher der feinste und zarteste war: "Trage den Gürtel der Nacht, wenn Du zur Liebsten gehst!"

So hatte ich genügend zu bedenken an diesem Tag.


Freitag, 24. Februar 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Weitergehen

 


Weitergehen

Oft ist es an der Zeit, weiter zu gehen. Es ist gut, diese Qualität in der Zeit früh genug zu bemerken, denn das schont Ressourcen. "Ein Baum von einem Klafter Umfang entsteht aus einem haarfeinen Hälmchen." (Laotse, Tao Te King) Wenn ich diesen Baum nun ausgerechnet da nicht brauche, wo er meint, sich ansiedeln zu müssen, zum Beispiel in einer Mauerfuge an der Trockenmauer des Gartens, dann tu ich gut daran, nicht zu warten, bis aus dem haarfeinen Hälmchen ein großer Stamm geworden ist, mit Krone und Wurzeln und allem drum und dran, dessen Wurzeln dann das Fundament dieser Mauer anheben.

Wenn ich mich in der Gegenwart eines Menschen unwohl fühle, dann ist das ein sicheres Signal, dass "etwas nicht stimmt". Dieses Etwas kann von außen betrachtet marginal sein, ein "haarfeines Hälmchen", doch wird es nicht gut gehen, ungeachtet dessen, dass es nun einmal da ist, dieses Unbehagen, versuchen eine tragende Beziehung aufbauen zu wollen.

Nicht immer habe ich auf dieses Unbehagen gehört, habe versucht, es zu übertünchen, habe auf die Stimmen gehört: "Du übertreibst!". Es zeigte sich jedoch später, dass das Anfangsunbehagen richtig platziert war. Die Projekte liefen nicht rund.

Was dann sich in laufenden Projekten und Arbeitsstellen mit dem "ausgewachsenen Baum" tat, geschah für alle Seiten nicht befriedigend. Doch nicht immer meinte ich, es mir aussuchen zu können, ob ich eine Arbeit annahm oder nicht. Der oft zitierte "Volksmund" hat dafür denn auch seine Sprüchlein parat: "Das Leben ist kein Wunschkonzert" oder, wahlweise, "kein Ponyhof".

Ich selber sehe heute mein Unbehagen, woran und gegen wen auch immer, für ein stimmiges Signal die Dinge noch einmal gründlich zu überdenken. Schließlich habe ich es als Gärtner auch gelernt, Keimlinge der verschiedenen Pflanzen zu identifizieren, um zu sehen, was ich von Selbstangesiedeltem stehen lassen möchte und was nicht. Solange die Keimlinge klein sind, geht das Auszupfen leicht. So habe ich denn auch ein Sprüchlein aus Gärtnermund parat: "Nur ein fauler Gärtner ist ein guter Gärtner!" 

Sonntag, 12. Februar 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Selig nehmen

 


Selig nehmen

"Geben ist seliger denn nehmen", dieser Satz ist bekannt, selbst Menschen, welche nicht gerade bibelfest sind. Es scheint auch irgendwie ein geheimes Einverständnis unter den Menschen zu sein, dass dieser Satz eine echte Tugend in sich birgt. Der Gebende, der den Armen gibt, die Reichen, die zwar nicht durch das Nadelöhr in das Himmelreich kommen, doch sich durch seliges Geben einen Teil davon erwerben können.

Ja, erwerben. Denn: Wenn geben seliger denn nehmen ist, was ist dann mit der Seligkeit der Nehmenden? Müssen sie sich dankbar mit den Brosamen zufrieden geben, welche ihnen gegeben wurden, weil, durch welche Umstände auch immer, sie in die Position der Nehmenden gelangt sind? Und ist der Preis für das Nehmen nicht etwas hoch, wenn dadurch Seligkeit verloren geht? In Zeiten anwachsender Armut und in den Ohren von Hartz IV (oder neuerdings Bürgergeld) - Empfängerinnen und - Empfängern muss dieser Satz eigentlich zynisch klingen.

Kaum jemand ist gerne in dieser Situation des Nehmenden, und muss sich dann noch auf der Unseligeren Seite der menschlichen Gesellschaft wieder finden. Eigentlich ist solcherart Nehmen doch ein Geschenk der Nehmenden an die Gebenden. Wenn die letztlich dadurch mehr Seligkeit erhalten, wer gibt und wer nimmt denn eigentlich?

Mir ist noch kein Mensch begegnet, der nicht irgendetwas zu geben hätte, und sei es ein Lächeln, einen lustigen Witz oder das Wissen, wie man eine festsitzende Schraube löst. Gibt es denn in einer funktionieren menschlichen Gemeinschaft nur die Seligkeit der Gebenden und die, welche nehmen? Selig ist das Nehmen und Geben, und ein jede und ein jeder Nehme und Gebe mit Freuden.

Diesen Artikel schrieb ich im Oktober 2013, ich hab ihn wieder herausgekramt, da sich meine Einstellung zum Geben und Nehmen nicht geändert hat. Damals endete er so:

Ich nehme mir für heute frei und erfreue mich am milden Herbst und einen lustigen Nachmittag mit meinem Sohn. Der gab mir schon so viel im Leben, dass ich mich als Nehmender wahrlich selig fühle. Und: Es gibt eine Vielzahl Menschen in meinem Leben, bei denen ich so fühle.

Heute ist mein Sohn ein erwachsener junger Mann, und er gibt und nimmt immer noch. Die Illustration zeigt übrigens eine Delfter Kachel, wohl aus dem 19. Jahrhundert, die vormals im Treppenhaus meiner Großeltern die Wand schmückte, zusammen mit vielen anderen. Als Kind habe ich in diesem Treppenhaus oft gestanden und mir die vielen Bilder angeschaut.


Selig nehmen

Wie mich der Garten still umfing,
als die lange Nacht zu Ende war.
Beruhigend grün im Morgensonnenschein.
Ein leiser Wind fuhr durch mein Haar.

Blüten glänzend aus der Wildnis,
die sich wuchernd aus sich selbst gebar.
So übernahm ich das Vermächtnis,
während ich die Bäume lächeln sah.



Samstag, 28. Januar 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Zuckererbsen für jedermann



Diesen Artikel schrieb ich für meinen Dingefinder-Blog im Januar 2016. Ich finde, er hat nichts an Aktualität verloren. Leider.

Zuckererbsen für jedermann

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!

Das schrieb Heinrich Heine 1844 in seinem Gedicht „Das alte und das neue Lied“, veröffentlicht in „Deutschland, ein Wintermärchen“.

Nun ist es Winter, vierter Januar, im Deutschen Wintermärchen 2016 erfüllt sich endlich der Wunsch nach Zuckerschoten, nicht nur für alle, sondern auch jederzeit. Das neue Paradies auf Erden heißt Supermarkt, und sobald man dort eintritt, sind Landesgrenzen und Jahreszeiten auf einem Schlag vergessen. Die bunten Früchte liegen dort: Mango, Ananas, Papaya, Sharon, Kaktusfeigen usw. aus aller Herren Länder, Litschi aus Madagaskar, Erdbeeren aus Ägypten oder eben Zuckerschoten („Kaiserschoten“) aus - Äthiopien. Ja, guter Heinrich, endlich ward dein Traum war, zwar ist das Zeug frisch recht teuer, es kommt ja von weit her, doch was nicht subito verkauft wird, wird dann nach unten an die Tafeln weitergereicht, also doch: Alles für jedermann.

Äthiopien gilt als eines der ärmsten Länder der Welt: Von jeweils 100 Menschen müssen 31 - also ungefähr jeder 3. Äthiopier - mit weniger als 1 Euro am Tag auskommen. Zahlen: Vereinte Nationen 2007-2011. Der SPIEGEL schrieb 2005 über dieses Land: Die ständige Verfügbarkeit von Almosen macht im ärmsten Land der Welt alle Initiativen platt. Ein gut geölter Samariterapparat trainiert den Äthiopiern die Fähigkeit ab, sich selbst zu ernähren. Ein Land am Tropf der Welthungerhilfe.

Das wiederum weiß das Internetportal „Germany Trade & Invest“ (Gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) am 12. 3. 2015 über Äthiopien zu berichten: „Die Landwirtschaft ist die wichtigste Einkommensquelle für die etwa 85% der Bevölkerung, die auf dem Land leben. Ihre Zahl wächst jährlich um etwa 2,4% bzw. 1,5 Mio. Menschen und damit deutlich schneller als die Migration in die städtischen Ballungsräume (Quelle: Weltbank). Die äthiopische Landwirtschaftserzeugung ist bislang nahezu ausschließlich auf günstige Niederschläge angewiesen und wird von Subsistenz- und Kleinfarmern dominiert. Letztere sind trotz ihrer geringen Größe die Hauptquelle der gehandelten und exportierten Agrarerzeugnisse.“

Und: „Anspruch und Wirklichkeit liegen noch weit auseinander - Nach den Vorstellungen der Regierung wird sich das allerdings sehr schnell ändern: Ausländische Investoren sollen in großem Stil und auf riesigen Ländereinen - von der Regierung zu einem Spottpreis geleast - Nahrungsmittel für den Export anbauen. Nach den Planvorgaben sollen 3,3 Mio. Hektar Land urbar gemacht und schon 2015 rund 6,6 Mrd. US$ mit dem Export von landwirtschaftlichen Erzeugnissen verdient werden. Solche Vorgaben entbehren zwar jeglicher Realität, das Potenzial ist aber grundsätzlich da und das Konzept zielt durchaus in die richtige Richtung.“

Am 23. 4. 2015 berichtete die ZEIT: 90 Prozent der Flüchtlinge kämen aus Nigeria, Äthiopien und Somalia – "Orten, wo sie um ihr Leben fürchten. Wir können sie nicht abhalten", ihre Heimat zu verlassen, sagte die Ministerin. (Roberta Pinotti, Italiens Verteidigungsministerin).

Es werden für unser Paradies Früchte eingeflogen, die aus einem Land stammen, in dem die Welthungerhilfe aktiv ist, und aus dem Menschen aufgrund der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation flüchten, sofern sie die Mittel dazu haben. Angesichts dieser Tatsachen versagt mir die Sprache. Nur manchmal blitzt etwas wie verzweifelter Zynismus in mir auf, und ich denke, „Nun gut, wenn die äthiopischen Zuckerschoten endlich kurz vor dem Verfallsdatum nach unten von den Tafeln durchgereicht worden sind, dann können sich die äthiopischen Flüchtlinge an Früchten ihrer Heimat erfreuen.“

Ob das Heinrich Heine mit „Zuckerschoten für jedermann“ gemeint hat? Vielleicht sollten wir alle zusammen an einem neuen, einem besseren Lied dichten:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben,

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Freitag, 15. März 2019

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Erdbeeren im Winter



Zu Hause höre ich kein Radio. Doch einmal in der Woche komme ich zu diesem fragwürdigen Genuss, wenn ich frühmorgens in der Backstube des Biohofes ein Dorf weiter mithelfe. Während des Brotbackens läuft dort das Radio. Manchmal ist die Musik ganz nett, manchmal nervig. Immer nervig ist die Werbung. Und dort bekam ich heute zu hören, dass ein Supermarkt zum Superknallerpreis Erdbeeren anbietet, die 500 g – Schale nur 1,11 €. Das ist günstig, zumal am 15. März.

Ich erinnerte mich dabei daran, dass ich vor einigen Jahren, schon am 25. Februar, folgenden Blogartikel schrieb:

Erdbeeren

Ortswechsel. Einkauf im nahen Supermarkt. Gleich im Eingangsbereich platziert lockt ein Obststand mit Beerenobst. Frische Erdbeeren, biozertifiziert, groß und prall unter Folie verpackt. Sie wirken, als hätte sie ein geschickter Designer naturgetreu aus Plastik nachgestellt, und in meiner Vorstellung schmecken sie auch so. Hier ist ein anderer Traum vom Paradies ausgestellt als der aus dem vorhin durchschrittenen Obstgarten. Immerwährende Fruchtfülle, Erdbeeren aus Marokko neben Blaubeeren, Himbeeren von Irgendwo, dazu, noch exotischer, Mangos, Litschis, Granatäpfel. Hier verschwimmen Jahreszeiten und Orte, hier ist jederzeit Frühling und Sommer.

Mir sind diese Erdbeeren zu früh, sie sind außerhalb der Kinderzeit, wo alles zu seiner Zeit am Ort war, und die Osterhasen nicht schon im Januar in den Läden standen. Ich bin da altmodisch. Auch letztes Jahr hatte ich es geschafft trotz aller Verlockungen zu warten, bis die ersten Erdbeeren in meinem Garten knallereif waren, dunkelrot und nicht mehr transportfähig über große Strecken. Die erste Erdbeere im Jahr, sonnenwarm und duftend, wird mir dann zu einem Fest. Mein Paradies ist ein sehr temporäres.

Alles hat seine Zeit, und jetzt ist hier die Zeit der Winterlinge und der Vorfreude. Und Erdbeeren im Februar? Ich öffne ein Glas Fruchtmus aus dem letzten Sommer, hergestellt aus frischgepflückten, vollreifen Erdbeeren, verfeinert mit Rosenblättern der Rose de Resht. Ein köstlicher Duft steigt nach dem Öffnen des Glases auf, und ich spüre, wie mich eine Ahnung des Sommers anweht. . .

Sonntag, 24. April 2016

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Utopia



Heute morgen wieder Rauhreif auf den Wiesen. Ich ging herum und schaute mir das an, und dabei wehte mich ein Thema an, über welches ich eine Weile nachdachte: Was ist eigentlich meine Utopie? Gibt es sie, und was stelle ich mir vor? Etwas Ideales, was vielleicht nicht erreicht werden kann. Nun, meine Utopie ist von meinem Leben geprägt, oder anders herum, meine Utopie hat mein Leben geprägt. Ich wollte dies: Ein Leben in den Gärten in Gemeinschaft. Dahinter der Gedanke, dass, wenn alle Menschen einen Teil ihrer Zeit in den Gärten verbringen würden, mit der würdevollen Handarbeit der Lebensmittelerzeugung, dann gäbe es mit der Verteilung kein Problem. 

Das ist sicher utopisch, und ich höre schon viele aufstöhnen, dass er oder sie gar keine Lust hat, sich mit schwarzer Erde die Hände zu beschmutzen, oder auch: "Als Kind hab ich schon genug im Garten arbeiten müssen, nie wieder!". Weil ich diese Reaktionen zur genüge kenne, verschone ich die Menschen meist mit meiner Utopie. Es ist halt die meine, etwas paradiesisches haftet für mich daran. Eine andere Definition von "Paradies" als die gängige, die eher so eine Art Schlaraffenland der Untätigkeit meint. Doch es ist ein Paradies, und auch im Ursprungsgedanken steht, dass Gott den Menschen in das Paradies entließ, dass er es bebaue und bewahre. Also nichts von "Hier fliegen euch die gebratenen Tauben ins Maul!"

Nun hege ich noch eine andere Utopie, eine die in einem gewissen Sinne unutopisch ist, da sie in historischer Zeit stattgefunden hat, und damit belegt worden ist: Die Konsensdemokratie. Einige Völker der nordamerikanischen Natives lebten diese, zum Beispiel der Irokesenverbund. Nun hat diese Art der Demokratie einen Haken: Sie verschlingt viel Zeit, da Entscheidungen immer wieder durch die Gremien gehen müssen, bis eine Einigkeit hergestellt ist. Und: Sie bedingt eine Erziehung zum Mitreden schon von Anfang an. 

Mit anderen Worten, meine Utopien lassen sich nicht einfach über die heutige Situation überstülpen, und, sie sind von sehr vielen Menschen nicht gewünscht. Da eine Konsensdemokratie ja keine Konsensdemokratie mehr ist, wenn sie befohlen wird, ob von einem Diktator oder einer Mehrheit, ist da egal, wird das wohl Utopie bleiben. 

Dann noch mein dritter utopischer Gedanke: Neben der Handarbeit in dem so wichtigen Teil des Lebens, der Ernährung, und der zeitfressenden Konsensfindung bei allen Entscheidungen, welche die Gemeinschaft betreffen, ist da noch der Wunsch nach unendlichem Wachstum in mir. Nein, kein solches Wachstum in der Materie, exponentielles Wachstum, da wäre dann die Wasserstoffbombe, die zeigt, was dann geschieht. Ein Wachstum in die Qualität. In die Qualität der Gespräche, des Erzählten, des Gedachten. In die Qualität des handwerklich Erarbeiteten. Und ein unendliches Wachstum in die Phantasie, da kein Mensch mehr unerhört bleibt. 

Das also wären die drei Fundamente meines Utopias: Handarbeit, Konsensfindung und unendliches Wachstum in die Qualität. Ich könnte dazu mehr ausführen, doch ist mir gar nicht danach. Mich selber haben diese drei Fundamente zu dem Leben geführt, welches das meine ist. Nicht perfekt, nicht in Ausschließlichkeit, eher so, wie es ein spanisches Sprichwort beschreibt: "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg!"

Bei denjenigen, die bis hierhin mit gelesen haben, bedanke ich mich herzlich. Es fiel mir nicht einfach, das zu schreiben, eigentlich möchte ich meine Utopie für mich behalten, denn wenn sie erst einmal von vielen Seiten diskutiert wird, zerfällt sie zusehens. Das haben Utopien so an sich. So möge sich jede und jeder nach der eigenen Utopie fragen. Wenn es diese denn gibt. 

Mittwoch, 20. April 2016

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Nichts ist. . .



"Nichts ist
- sagt der Weise.
Du lässt es erstehen.
Es wird mit dem Wind
Deines Atems verwehen
Unmerklich und leise.
Nichts ist. Sagt der Weise."

Mascha Kaléko

Wenn ich aus dem Inneren der Stadt zurück ins Dorf und  in die Gärten komme, dann atme ich tief durch und schaue mich in aller Ruhe um.

Ist es noch hell, dann schau ich nach den liebenswerten Pflanzen, die ruhig und beharrlich in den Beeten stehen. Ist es dunkel, dann schau ich nach den liebenswerten Sternen, die ruhig und beharrlich am Himmel stehen.

Dann fällt nach und nach die Erinnerung der Hektik der Stadt von mir ab. Die Welt zeigt wieder ihr friedliches Antlitz.

Blicke ich zurück auf das in der Stadt erlebte, dann kommt es mir vor, als blicke ich auf einen sonderbaren, kaum fassbaren Traum zurück. In dieser eigentlich so nach innen gerichteten Zeit kommen mir die Menschen vor, als wären sie auf der Flucht, vor was auch immer. 

Dann möchte ich ihnen gerne die oben genannten Verse in die Herzen senden. "Nichts ist. . ."

Dienstag, 19. April 2016

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Realitäten-Besitzer


Beim Schlendern über einen Kirchhof in Niederösterreich fiel mir folgende Inschrift auf einer Grabplatte auf: "Hier ruhet Josef Wegl / Realitäten - Besitzer". Das Wort ließ mich Schmunzeln: "Realitäten - Besitzer". Wird der Begriff gegoogelt, ergibt sich folgende Auflösung: "Das ist kein Berufsstand. Realitäten ist ein anderes Wort für Immobilien, also Häuser oder Grundstücke oder einfach nur Land."  So in etwa hatte ich es schon vermutet. Doch auf dem Spaziergang zurück zu unseren Gastgebern ließ mir das Wort keine Ruhe. Immer wieder musste ich darüber nachdenken. "Realitäten - Besitzer".

Allein die Mehrzahl des Wortes Realität finde ich entzückend. Sie impliziert, dass es nicht nur mehrere Realitäten gibt, sondern auch, dass ich deren mehrere besitzen kann. So schaue ich mir meine Realitäten einmal an: Da ist mein KleinHäuschen. Es gehört mir und somit ist es sogar im engeren Sinne des Wortes eine Realität. (Wenn ich später einmal ruhen sollte, möchte ich auch diese Bezeichnung auf meiner Grabplatte). 

Die nordamerikanischen Indianer nun, welche von den weißen Realitätensuchern überrascht wurden, kannten kein Eigentum an Grundstücken, Häusern und Land. Sie lebten gewissermaßen außerhalb der weißen Realitäten, und das ist ihnen nicht gut bekommen. Ihre inneren Realitäten schlugen nicht zu Buche. 

Eine meiner Ausbildungskollegen hatte jedes Mal, wenn jemand sagte: "Das ist mein!" einen Spruch zur Antwort: "Schließ die Augen! Alles, was du dann siehst, das ist dein!" Er fand dieses Sprüchlein so lustig, dass er es bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit anwendete. Nun, mancher Acid-Head war entzückt oder entsetzt über die Fülle der Realitäten die ihn bei geschlossenen Augen heimsuchten. Bei geschlossenen Augen lassen sich Bilder schauen, und wenn ich intensiver die zarten Hände der Liebsten auf der Haut spüren möchte, schließe ich die Augen. Oder wenn ich mich ganz dem Genuss des Musikhörens hingeben möchte oder die Aromen eines leckeren Gerichtes ganz auf der Zunge zergehen lasse. Sind also diese Dinge die eigentlichen Realitäten? Ich selber vermute schon. Wusste doch schon meine Großmutter: "Nackt werden wir geboren und nackt gehen wir wieder". 

Da mag ich noch sosehr Realitäten - Besitzer im Äußeren sein, am Ende nehme ich nur das mit, was ich bei geschlossenen Augen sehen (und fühlen) kann. Nicht umsonst gibt es den Brauch, einem Toten die Augen zu schließen als letzte Liebesgabe. Bei geschlossenen Augen sind die Realitäten realer. Die, welche ich eigentlich besitze, wenn der Ausspruch des Kollegen dann Wahrheitsgehalt hat.

Es gibt eine Vielzahl von Realitäten, sonst ließe von diesem Wort wohl kein Plural formen. Auch das eröffnete mir das Nachdenken über den Begriff auf der Grabplatte. Wenn ich meinen Abenddienst in einem öffentlichen Haus tätige, läuft in einem Gemeinschaftsraum der Fernseher nebenbei. Wir sind angehalten, darauf zu achten, dass dort immer der gleiche Nachrichtensender läuft. So sind meine beiden Dienste in der Woche auch immer meine Fernsehstunden, in denen ich eine mir fremde Realität bestaunen kann. 

Dieser Nachrichtensender hat nämlich so seine Eigenheiten. Einmal gibt es alle halbe Stunde das, was er in seinem Namen führt: Nachrichten. Dann gibt es selbstverständlich vor und nach diesen Nachrichten die allgegenwärtige Werbung, dazwischen werden sogenannte Dokumentationen gesendet, die, wissenschaftlich verbrämt, wohl ein Abbild der Realität liefern sollen. Es ist eine sehr männliche Realität, die dort in der Regel gezeigt wird: Die größten Maschinen, die ausgefuchstesten Kriegsgeräte, dann Expeditionen in Urzeiten, wo brüllende Bestien herumlaufen, selbst wenn Insekten gezeigt werden, was selten vor kommt, scheinen auch diese brüllende Bestien zu sein. Dann wieder Polizeieinsätze in den von kriminellen Banden beherrschten Innenstädten in einigen Gegenden der Vereinigten Staaten, dann wieder etwas über die Entstehung der Welt, welche bekanntlich mit einem Big Bang begann, oder wieder Reportagen über mögliche Weltuntergänge durch Eiszeiten, Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche und Tsunamiwellen.

Sowohl in den Nachrichten als auch außerhalb blitzt und kracht es, und wenn einmal etwas Bedeutendes geschieht, gibt es den Liveticker, wo neben Börsen- und Sportergebnissen eben auch der Fortgang der Ereignisse zum Beispiel in den Ruinen von Fukushima erscheint. In den eigentliche Nachrichten heißt es dann: "Die Regierung gibt erst einmal Entwarnung. Bleiben sie dran!", und dann können wieder knallige Vulkanausbrüche begutachtet werden, während unten im Liveticker die "reale" Katastrophe ihren Fortlauf nimmt. 

Die Realität, welche mir dort vermittelt wird, ist eine andere, wie die, in der ich mich bewege, wenn ich zum Beispiel im Garten arbeite, die duftenden Äpfel ernte, die Bäume beschneide, die warme Frühjahrssonne genieße. Es ist auch eine andere als die, in welche mein Sohn eintaucht, wenn er mit Freunden zusammen eines dieser Internet-Spiele spielt. Und eine andere als die, welche eine mit mir befreundete Sozialpädagogin erlebt, die mit Langzeitarbeitslosen arbeitet. Und. . . und. . . und. . .

So werden wir wohl alle zu Realitäten - Besitzerinnen und  - Besitzern, und jede und jeder hat so seine eigene. manchmal beschleicht mich das Gefühl, wenn ich darüber nachdenke, dass "Realität" etwas sehr Subjektives ist. Dem wiederum wird die Mehrzahl gerecht: "Realitäten". Ich schließe dann mal die Augen. . .