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Samstag, 10. Januar 2026

Winternachtglanz

 


Winternachtglanz

Ringsum der Schnee, und funkelndes Schimmern,
Mond über dem Haupt, Milchstraße unter den Füßen,
träumte, ohne Träumer zu sein, aus Kristallflimmern
erwuchs ein trautes Grüßen.

Wollte eisgestickte weiße Lilien zum Geschenk dir reichen,
im hellen Auge deiner Zärtlichkeit glücksgebadet spielen,
die Sterne sammeln, die bei den überfrorenen Teichen
in die bereiften Seggen fielen.

Ein Wegekreuz in der Nacht, in der Mitte ein „Hier!“,
ein Wegweiser der, geknickt, sternwärts wies,
und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir
wie der Weg ins Paradies.


Anmerkung zu „und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir /
wie der Weg ins Paradies.“ Als der Dichter Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898, am 3. April 1948 in Zürich an einem Herzinfarkt verstorben aufgefunden wurde, steckte in einer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem diese beiden Zeilen standen.

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)

Dienstag, 23. Dezember 2025

Beim Zubereiten der Mousse au chocolat

 



Beim Zubereiten der Mousse au chocolat


So rauh sind die Nächte heuer nicht,
eher etwas still verhalten,
am Tage diffuses Dämmerlicht,
des nachts sind Sterne am erkalten.

Es versinkt gedankenreich,
was gestern noch so schlüssig war,
und alles kommt von jetzt auf gleich,
die Nächte raunen Kriegsgefahr.

Und doch: Ich gebe mich Alltäglichkeiten hin,
morgen ist der Festtag, des Jahres End-
und Höhepunkt ist zum Erreichen nah,
die dunkle Schokolade schmilzt im Wasserbad,
als wär´s kein Ende, das hier naht.

Heut lief alles glatt, weder Sahne
noch der Eischnee machten Zicken,
und selbst dass Verrühren
geht gut von der Hand, und ich ahne,
und ich sehe schon die Gäste morgen selig nicken,
so eine Mousse vermag es aus der Zeit zu führen.

Ich lecke schon die Finger und die Löffel ab,
auch ist es Zeit, die Schüsseln auszuschleckern,
und ich tanze, und die Tropfen kleckern
in der Küche einen Hexenkreis um mich herum.

Ich weiß nicht was kommt, so nächstes Jahr,
es ist wohl so: irgendeine Zeit ist um,
eine Frist ist schleichend ausgelaufen, unbemerkt,
und der große Wunsch wurde zur Illusion verzwergt.

Doch ich möchte nicht einfach resignieren,
zwar weiß ich um die sich nähernde Gefahr,
die wohl niemanden verschont.
Manchmal wehr ich mich mit Alltäglichkeiten,
so dass etwas in mir die Schönheit dieser Welt vernimmt,
ich möchte etwas, das zum Lächeln stimmt,
damit ich wieder weiß, warum es sich zu Kämpfen lohnt.


Mittwoch, 25. Juni 2025

Ich aber reineclaude mich

 



                                                                                     zweierlei handzeichen

                                                                                     ich bekreuzige mich
                                                                                     vor jeder kirche
                                                                                     ich bezwetschkige mich
                                                                                     vor jedem obstgarten

                                                                                     wie ich ersteres tue
                                                                                     weiß jeder katholik,
                                                                                     wie ich letzteres tue
                                                                                     ich allein

                                                                                     Ernst Jandl (1925 - 2000)



"Einjedes Geheimnis der Welt darfst du verraten, nur nicht, wo im Sommer die großen grünen Reineclauden reifen!"


Tu was du willst, oder auch nicht,
Schreibe in schwarz, in rot oder grün.
Lösche die Dunkelheit, den Durst, oder lösche das Licht,
Fahre nach Rom, nach Stuttgart oder nach Wien,
Gehe koppheister oder geh auf den Strich,
ich aber reineclaude mich

Sei wer du willst, oder sei es nicht,
Folge oder führe, geh vor oder lass ziehn,
Sei Dieb, oder halte Gericht,
Es ist mir egal mit welchem Schlich
Sich wer wie was erschlich,
Ich aber reineclaude mich

Bleib wo du willst, oder bleibe dort nicht,
Laufe, rolle, oder wage zu fliehn,
Tu was, oder tu es auch nicht,
Bleibe redlich, bleib arm, oder verdien
Tausend Millionen und mehr sicherlich,
Ich aber reineclaude mich


Illustration aus: 
Müller-Diemitz, Bissmann-Gotha u.a.: Deutschlands Obstsorten, Stuttgart 1905 - 1930



Montag, 23. Juni 2025

Wollte heut ein Lied mir schreiben. . .

 



Wollte heut ein Lied mir schreiben. . .


Wollte selber schreiben, um zu lesen:
„Heut bin ich des Lebens froh!“
Ach, das wär so schön gewesen,
Doch die Zeiten sind nicht so

„Make love not war“,
Auch dieser Satz erlebt gerad sein Waterloo,
Eigentlich wär das wunderbar,
Doch die Zeiten sind nicht so

Die Wahrheit, ebenso die Empathie
Ging in der ersten Runde schon k o,
Dabei wären sie so wertvoll wie noch nie, 
Doch die Zeiten sind nicht so

Der Griff nach goldnen Sternen
War letzlich nur ein Griff ins Klo,
Ach, sie sollten sich zum Mars entfernen,
Doch die Zeiten sind nicht so


Das Bild ist von Edwin Austin Abbey (1852 - 1911)

Sonntag, 22. Juni 2025

Es beginnt zu der Zeit. . .

 



Es beginnt zu der Zeit,
wo die Erdbeeren reifen,
und zu keiner anderen Zeit auch
hätte es dieses Beginnen gegeben

Es beginnt zu der Zeit
wo das Johanniskraut glüht,
und ein Namenlos
nach der geschundenen Erde greift

Über den Staub der Wege,
dem kargen struppigen Grün
der Weiden eine gleißende Sonne
sich spiegelnd in segnender Blüte

Zwischen den Buchen das Schweigen
des Mittags, nicht das Ruhen zu stören,
Schafgarbe, Baldrian und Mädesüß
weiten sich in das Blühen

Danke an das Leben
so zäh so einfach so still
lausche dem Wesen der Stille
lausche den Wesen

Die Tontafeln verwittert
die Bibliotheken abgebrannt
die Dateien gelöscht

überdauernd ist das
gesprochene Wort
von Zunge zu Ohr

Das Bild ist von Arthur Segal, geboren am 13. Juli 1875 in Jassy, Rumänien; gestorben am 23. Juni 1944 in London im Exil. Nach Beginn des ersten  Weltkriegs flüchtete sich der Pazifist Segal von Berlin nach Ascona, zu den Aussteigern vom Monte Verità. Er leitete dort eine Malschule. Sein Haus auf dem Berg wurde ein Treffpunkt exilierter Künstler wie Hans Arp, Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky, Lou Albert-Lasard. Mit seinem Nachbarn und Landsmann, dem Dichterpropheten Gusto Gräser, unterhielt er ein freundschaftliches Verhältnis. Zusammen mit den nach Ascona gekommenen Dadaisten beteiligte er sich an den Ausstellungen des Cabaret Voltaire in Zürich.[ Von 1920 bis 1933 unterhielt er in Berlin-Charlottenburg eine eigene Malschule, die ein beliebter Treffpunkt für Avantgarde-Künstler wurde. 1933 musste Segal aus Deutschland fliehen. Es ging über Mallorca, das er dann wegen des Bürgerkriegs verlassen musste, nach London. 



Samstag, 23. November 2024

Des Anfanges friedliche Ausdehnung in die Weiten

 




Des Anfanges friedliche Ausdehnung in die Weiten

wir hätten
gern
mehr

dass entwürfe
bei weitem überwiegen
denn vollendungen

nicht das allzu
offensichtliche
spricht wahr

Des Anfanges friedliche Ausdehnung in tiefviolette Weiten
Stille umfing, es war weder Zeit noch kärgliche Begrenzung
Ein lautloses Singen dunkeltönender Heiterkeit, des Herzens
Wissende Saat, Keime dorten, noch ehe die Sterne erstrahlen
Und in der Dunkelheit drunten unendliches Rauschen des Meeres
Noch davor das Erinnern an rosenfarbene pochende Wärme,
Das Feiern des Getragenseins.

Und die Nilgänse kommen wieder, die weißen schreitenden
Reiher, die schwarz gefiederten Störche, unter ihren Fittichen
erblühen die Apfelbäume, Streulicht auf den gewundenen Wegen,
zaghaft schon streckt sich Laub, die Wiese betupft mit
Schlüsselblumen, Sonnenwirbel, und in den Schatten die Busch-
Windröschen, erheiternd Haselwurz und Aronstab und Zweiblatt,
Des Neuen sanfte Segnungen.

mauler maulen
heuler heulen
krieg findet nicht statt

vornean die sättigung
im tal der unzufriedenen
frieden findet nicht statt

alle pläne geheim
ausgebreitet vor
staunendem volk von wissenden

jede jeder
der wissenden nachbar
auf seiner insel

der nachbar mäht den rasen
verstehen
findet nicht statt

So war es: Des Geheimnisses tieferes Geheimnis nannte er Keim,
Spiralsterne umarmen sich unverloren im Weben des steigenden Süd,
Des Warum enthoben, nah sich selbst, nahe dem Nächsten sowie
Nahe dem Fernsten, da gibt es keine unbeholfenen Wagnisse, einjedes
Vergänglichen Wiederkehr - im Mäandern im Entwinden im Sich-
Ergeben, kein Ich kein Du kein Wir fraglos Selbstgeworfnes alles
Da es keinen Werfer gibt.

Auch der Steinhummeln Behäbigkeit erfüllt die neuen Lüfte, der Falter
strahlendes Flattern, der Bienen Emsigkeit, und kleine schwarze
Käfer senken sich in gelbe Blüten - und ein Dottergelb und der
Ringelnattern erste Häutung, so verwundbar überdauert Leben
Im Pentagramm der aufblühenden Lärchen und erste kleine Fliegen
Tanzen ihren Tanz der Liebe in den wenigen Tagen des Daseins,
Und das ist es, wofür alles ist.

wann kam denn
die welt zur welt
vor mir war sie nicht

den krieg verlieren
nein, ich möchte
ihn nicht wiederfinden

hoffe, dass
das fundbüro
geschlossen bleibt

ich bin ein guter verlierer



Text: Dingefinder Jörg Krüger

Musik: Laura Allen, Waterfall von dem Album Reflections, with Paul Horn, Flute, produces by Steven Halpern, 1980

Bild: Die Blütenstreuende, von Juan Brull (1863 - 1912)


Music and Pictures:I DO NOT OWN THE COPYRIGHT for the picture and the music. Weder der Blog noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert.


Donnerstag, 5. September 2024

Die Summe meiner Teile

 



Die Summe meiner Teile

Spieler, Selbdritt auf der Hallig meiner Sehnsucht
lege ich meine Ideale in den Skat,
alles auf den Prüfstein stellend,
Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart

Das Überlieferte nur Marginalie,
so wenig,
geboren in ganz anderer Zeit,
das war die Stille des Berges der Wahrheit,
so nannten wir ihn in unserer Narrheit,
und waren eine kurze Spanne vor dem Unbill der Zeit gefeit

Mag das siebenfach verhüllte,
Wahrheit nur nackt ist nicht schön,
das stärkste Verlangen ist das Ungestillte,
Schönheit nur nackt ist nicht wahr,
nicht allzufrüh und allzu beflissen
Flagge hissen,
die meisten Fotos der Engel sind nur gestellt,
die eine Zeit ist lange schon vorbei, fast unbemerkt
glitt sie davon. Auf den Kopf gestellte Welt,
durch Schweigen noch verstärkt,

Von allem vielzuviel,
Satellitengestirne,
leissurrend die Drohnen am Himmel;
nur ich,
ich hab mich mit Schmetterlingsflügeln erhoben,
taumelnd in den Winden,
als wenn ich nicht wüsste. . ., nichts wüsste,
ganz ahnungslos wäre,
wie die Meisen, die in der Linde turnen,
die singende Amsel auf dem Dache

Von allem vielzuviel,
von Ausfallstraßen, Krieggeräten, Teller-Ikebana,
nur ich,
ich habe die Sonne getrunken,
von morgendlichen Amseln betört

Von allem vielzuviel,
Wüstenwärme, Steppenstaub;
nur draußen, die Diana,
sie verlor sich in den restlichen Wäldern.
Den wenigen, noch ungestört

Ein Nest zu bauen im Auge des Zyklons,
wenn die Zeit ist, und der Winter geht zur Neige,
dann sammle wie die kleinen Vögel Zweige,
Heu und Federflaum, dass du die zarten Glieder schonst

Gestehen wir es uns ein:
Wir werden immer die Wenigen sein



Die Illustration ist von Dugard Steward Walker (1883  -  1937)

Montag, 19. August 2024

Wispernde Wogen

 



Wispernde Wogen


I  In der weißen Grotte

Wir wohnen
in der weißen Grotte
am Nachtmeer.
Unseren Schlaf
wissen wir behütet
von den ziehenden Sternen.
Des nachts
schauen Orion vorbei
und Sirius.

Zum Morgen hin
legen wir ein kleines
Feuer an,
für´s Frühstück.
Haben wir Hunger,
so sammeln wir Muscheln,
das Meer schenkt uns reichlich,
und irgendwo im Tale
wächst wilde Minze.

Wir lauschen dem Atem
des Ozeans, er singt uns
bis in die Träume nach,
die hohen stummen Felsen
lehren uns schweigen und schauen.
So vergehen Tag um Tag
im ruhigen Flusse,
im Gezeitenstrom,
in Einheit und Einfachheit.


II  Wispernde Wogen

Wispernde Wogen, des nachts
getragen an schwarzen Sand,
flüstern die Geheimnisse
der Mondgärten, langsam
wachsen wunderliche Pflanzen
in den Hainen der Träume,
schaumgeborene Wesen und
siebenarmige Seesterne,
lila gefärbt durchscheinende Meerschnecken,
spiralgeborene Kinder des Meeres.

Wispernde Wogen, des nachts,
sie flüstern von den
unahnbaren Geheimnissen
des großen grünen Wunders Meer.


III  Morgenmeer

Das Meer ist sanft und glatt wie ein Spiegel
und es spiegelt die ganze Welt.
Es sind alle Träume der Urzeiten
versunken in ihm.
Das Meer ist die weite Seele der Welt.

Heute hat sie Ruhe gefunden,
sie nimmt die Weite des Himmels
in sich auf
und trinkt die Farben des Morgens.

Das Meer liegt still.
Die leisen Wellen
tragen Sonnenflimmer
an den Horizont.
Wie eine weite glänzende Tafel
reicht das Meer an den Himmel.

So werden unsere geläuterten Seelen
eins mit der Ruhe der Meeresmutter
und auch in uns
ergießt sich die heilende Kraft
des Morgenmeeres.


IV  Entlegene Tage

Wer
bin ich?
Ich rief meine Seele -
und tausendfältiges
Echo.

Puls des Ozeans,
unterschiedslos
lagert das Meer
am Saum der Nacht,

spült im Drehen
der Formen
die gewundenen Muscheln
in den Schoß aus Sand.

Dieser Zyklus beruht auf ein reales Erleben, als meine damalige Gefährtin und ich Ende der Achtziger für eine Zeit an einem ganz einsamen Strand (mit schwarzem Sand) im Nordwesten von Teneriffa lebten. Wenn man eine dreiviertel Stunde zu Fuß ging, gelangte man an Frischwasser, dort wuchs auch wilde Minze, und da wir uns diesen Ort für eine Fastenzeit ausgesucht hatten, war im Grunde für alles gesorgt. Und als Speise zum Fastenbrechen sammelten wir Lapas (Napfschnecken), die wir zusammen mit Miso und etwas Hirse zu einer Suppe kochten.

Das Bild "Sonnenuntergang am Meer" ist von Ludwig de Laveaux. (1868 - 1894)

Samstag, 27. Juli 2024

Aus der Wortwerkstatt: Krieg und Frieden

 


















Anmerkungen


„Was ich liebe. . .“ von Thekla Merwin, aus dem Gedicht Mutter Erde, Arbeiter-Zeitung vom 19.9.1926


Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.


Die Tabelle der Kriege im Teil III ist aus Wikipedia. Ich habe mich auf die Einträge ab 1957 beschränkt, meinem Geburtsjahr. Der erste dokumentierte Krieg fand im fünfundzwanzigsten Jahrhundert vor Christus statt, der Lagaš-Umma-Krieg in Südmesopotamien. Seitdem verging kaum ein Jahr auf Erden ohne einen bewaffneten Konflikt. Die Liste ist lang.



Sonntag, 14. Juli 2024

Topographie der Unwirklichkeiten

 



Topographie der Unwirklichkeiten

Die Besetzung der Worte,
meist unbemerkt
von den Sprechenden, von den Lauschenden,
Schattenarmeen verschieben Grenzpfähle,
Pakte werden geschlossen,
der Wortlaut verhüllt
in eingängige Phrasen,
wieder und wieder,
sorgsam geträufeltes Gift
in aller Ohren,
Heimlichtuer übernehmen lächelnd
(jenes süffisante, kaum merkliche Lächeln
der schlecht getarnten Überheblichkeit)
Terrain

Die Worte besetzt,
so auch die Gedanken ein besetztes Land,
widerstehe,
wenn der Wagenlenker
dir die Erleuchtung verspricht,
deren Preis es ist,
in den Krieg zu ziehen,
Erleuchtung ist es nicht wert,
dein pochendes Herz
zu verlieren

Das Herz ist namenlos,
ich vermag schwer zu benennen
was es umtreibt,
es sind die blühenden Linden vor dem Hause,
die Besorgnis um des Enkels
ungewisse Zukunft,
der brüchige Frieden, der uns umgibt,
das Summen der Bienen,
der leichte Wind,
welcher kleine Fliegen
im Schatten der Blutpflaume
tanzen lässt,
das Rollen der Traktoren am Sonntag,
die Gerste ist reif

Das Ahnen, das Wissen,
dass da etwas zu viel ist,
dass da etwas sich verkehrt:
der Überfluss der Steppen,
der Wälder, der Seen, der Meere
zerschmolz zu zwei Fischen
und fünf Laib Brot,
es klopfen die
Hungernden an unsere Türen

Der brüchige Frieden umgibt uns,
vergeblich die kleinen Fluchten,
doch ich bin so lindenleis gestimmt,
so friedvoll bienensumm,
mein Herz ein Wolkenweiß vernimmt,
es werden all die lauten Töne stumm

Schweige - schweige,
der Tag senkt sich zur Neige,
singe, sing es - und vergiss es wieder:
jeder Tag birgt neue Lieder



(Das Bild ist von Paul Klee (1879 - 1940)

Montag, 17. Juni 2024

Liebste

 



Liebste

Ich sehne mich
nach Dir.
Du warst so lange
nicht bei mir.

Es waren Deine Lippen
die vom Glück
die Verse sangen:
Immer wieder dies Verlangen.


Collagen sind meine Passion, ob in Texten, Videos oder Bildern. Obige Collage stellte ich für dieses Gedicht zusammen. 

Samstag, 16. März 2024

Also sprach der Pfarra Noia - Eine Collage

 

Das Wort zum Sonntag von Pfarra Noia:

Der Sonntag ist ein Regentag,
so dass ich mich nicht bewegen mag.
Soviel, sovieles vorgenommen,
doch draußen ist die Welt verschwommen.
Gestern glücklich, heute müd,
wenn man die Welt wie durch Milchglas sieht.

Eines ist wohl sicher richtig:
auch das Glück ist äußerst flüchtig.
Lohnt nicht, dran festzuhalten,
naht ihr wieder, flüchtige Gestalten.
Ja, das Glück ist äußerst scheu,
drum entdeck es täglich neu:
Du kannst glücklich sein,
solang du nicht vergisst,
dass jedes Glück ein Augenblicksglück ist.

Das gilt auch für Schulze, Müller, Meier

Also sprach der Pfarra Noia



Die Mittwochspredigt des Pfarra Noia:

So manche, mancher hängt da gern
seinen Karren an ´nen Stern

Sündigen so ganz verstohlen,
um dann unverhohlen,
zur Beichte gehn,
so bleibt die Selbstbefleckung ungeschehn,

wobei letzteres ja eigentlich nix Schlimmes ist,
es sei denn, er glaubt den ganzen Mist,
und so mancher glaubt, und lebt,
was der Algorithmus an ihn klebt

Stirbt die Kuh,
wird die Butter teuer

Also sprach der Pfarra Noia


* * * 


Frau Klapproth heute in der Ehrenloge
im rosasamtenen Theatersaal.
Sie genießt dort ihre Lieblingsdroge,
Meister Laya predigt wieder mal.

Tief in seinen weisen Wortfluss einzutauchen,
das ist ihr innerlichst Begehr,
dabei die eigne Seele auszuhauchen,
Hingabe ohne Gegenwehr.

Dafür ist sie auch bereit zu Zahlen,
in Münzen kling und Scheinchen knister.
Diese Tätigkeit bereitet ihr recht wenig Qualen,
ist doch ihr Bettgenoss A. D. - Minister.

So hat alles seine Richtigkeit,
die Weisheit, das Geld und die Moral.
Und dunkler dämmen sich die Lichter,
dort, im rosasamtenen Theatersaal.

* * *

traudingsbums
ne ne

kaldaunen im schnee

krakauer auf halde
warte nur balde

frutti di mare
von der wiege bis zur bahre


Zuguterletzt ein guter Rat:

Willst du auffallen
in Kaufhallen,
dann musst du draufknallen
auf die Eier,
dass es patscht.
Und matscht.
Und sagen: Was ist dabei?
Jetzt laufen sie frei!

Ein guter Rat ist nie zu teuer

Also sprach der Pfarra Noia


Pfarra Noias Tageslosung für Freitage:

Weißt du schon oder glaubst du noch?
Was glaubst denn Du?

Ringelreihen
oder Blindekuh?

Ich seh etwas, was du nicht siehst,
oder lieber Schiffeversenken,
das Spiel der neuen Zeit,
Himmel und Hölle
zu verschenken,
es ist soweit
sei bereit:

Vor allen Dingen
den Tag in milder Agonie verbringen
„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein. . .“
Wenn nachts der Bildschirm flimmert,
himmelwärts der letzte Stern verschimmert

Was glaubst denn Du?
Ach, weiß der Geier -

Also sprach der Pfarra Noia



Lebe grenzenlos

Lebe grenzenlos.
Dein Heimatland:
Die Blüte am Wegesrand

Glaube niemandem mehr.
Dein Weg ist, wo Du Dein Herz spürst.
Es ist nicht schwer

Es gibt nichts, was Du verlierst.
Die Welt ist so groß.
Lebe grenzenlos


Verwendete Musik:

The Westcoast Workshop - The Dowser And The Thaumaturgist (1967)
Bruno Spoerri  -  Brogues In Robes
Kali Bahlu - How Can I Tell My Guru? (1967)
Cacique & his Tribe - Spooky Doo
Uhura singing


Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Die Anderen Seiten) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.

Wenn schon alles gesagt, gesehen und gehört worden ist, ist die Collage vielleicht die Kunstform der Zukunft.

Freitag, 15. März 2024

Erinnerung

 



Erinnerung


Selbstverständlich
bin ich eine Insel,
und ja, das Meer ist groß,
und allumfassend

Sage mir, in welchem Meer dein Floß treibt,
ob mit oder ohne Segel,
ob mit oder ohne günstige Winde
oder Strömungen

Wieder die Veilchen, März,
alle Türen geöffnet -
Was würde es helfen, wenn wir wüssten?
Auch Schlüsselblumen öffnen

ihre Kelche. Unvergessen:
damit vierblättrige Kleeblätter
Glück bringen, musst
du sie verschenken, von Herzen,

und ja, das Meer ist groß
und allumfassend

(Das Bild ist von Odilon Redon 1840 - 1916)

Sonntag, 3. März 2024

Der Tage ziehende Wunder

 



Der Tage ziehende Wunder

Sei ein Garten.
Haben lässt sich da nichts.
Ein jedes Wesen gehört sich selbst

Die Tage des Jahres,
wie sie dahinziehen.
Wer vermag den Wolken zu lauschen

Wir tragen Finsternisse
in uns. Manches
wäre so simpel

Wer verdient mich?
Des Veilchens Blick in den Himmel,
verwegenes Sehnen

Haben lässt sich da nichts,
ein jedes Wesen gehört sich selbst.
Sei ein Garten

Dienstag, 27. Februar 2024

Verborgen

 



Verborgen

Ich schlafe den Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tief drunten im Wald,
über mir rauschen die Winde,
Baumwipfel neigen sich schwer,
und wie aus sternreichen Fernen
rauscht in meinen Träumen ein Meer

Die Welt draußen erstarrte im Kalt,
erstarrte in Trauer und Not,
Krieger nahmen den Segen vom Kinde,
doch in meinen tiefsamtenen Träumen
atmet die heimische Küche,
schneidet die Mutter das Brot

Aus wehmütig erhellten Tavernen
klingt Spiel, das sich im Dickicht verliert,
meine Hand umfasst mahnend die Pinne,
in meinem Herzen steigt eine Flut,
zwei Augen nachtblau in Wolken gebettet,
ein Falter, der auf schwankender Blüte ruht

Ein Käfer auf wankendem Halme der Ähre zu,
ein Ahnen im Summen des Sommers der Linde,
auf Tischen lockt Speise, glänzt Wein,
ach, wären wir doch alle gerettet,
ein Wirbel im Reigen tanzender Schuh,
so ruf ich in alldem meine Frage hinein

Die Antwort des Draußen verhallt,
ein heilsames Kraut auf meiner Verwundung,
ich schlafe den Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tiefdrunten im Wald

(Das Bild „Frühlingsabend“ ist von Hugo Simberg, 1873 - 1917)

Sonntag, 25. Februar 2024

Vollmond im Februar

 



Vollmond im Februar

Aus dem Nachthimmel geschaut,
des Mondes Hof großes Auge
bedeckt mit Wolken, es gerinnt
die Zeit, mich kleidet der Himmel

Es gibt nur den einen Krieg,
begonnen weit vor den Erinnerungen,
Kinder der Wälder, es wurden nie
nur die Menschen getötet

Doch hat die Verunsicherung
einen Anfang, als hätte es nie
ein Davor gegeben, träge eigentlich
ziehen die Tage vom Winter

in den Frühling, erste Veilchen blühen,
es ist alles wie immer, nur dass
ich immer seltener in die Ferne schaue,
außer herab in den Nachthimmel

Samstag, 17. Februar 2024

Was weißt Du von der Innenseite?

 



Was weißt Du von der Innenseite?

Kommst Du mit mir in die Wälder?
Es ist schön dort, und manchmal blickt
etwas sehr Archaisches hervor zwischen
bemoosten Stämmen. Oft sind vier Zeilen
zu wenig, das zu erzählen

Du brauchst keine Furcht zu verspüren,
es gibt kaum Wölfe dort, auch
wenn so viel darüber berichtet wird,
Du wirst eher einen Motor heulen hören,
denn einen Wolf

Ich selber habe einmal im Leben
welche gehört, das war in der Nähe
von Hannover, dort gibt es einen
Wolfspark, ich war mit meinem
kleinen Sohn dort

Er war ebenso traurig wie ich,
als wir gingen, es war schon Abend,
und sogar etwas Mond schien, und
da begannen sie zu heulen
im Gehege

Manche auch machen Survival,
wenn sie Geld über haben,
das wird oft gefilmt, und sieht sehr
urtümlich aus, etwas für sehr kernige
Menschen

Ich selber fand das Überleben
in der Stadt schwieriger, besonders
zum Ende des Monats, wenn
so viele damit begannen
Pfandflaschen zu sammeln

Ich möchte Dir auch nicht
verheimlichen, dass diese so
weiten Wälder gezähmte Forste
sind, und dass das Holz in China
gutes Geld bringt

Kommst Du mit? Ich vermag Dich
in Täler zu führen, die sich unberührt
anfühlen für Menschen wie wir, wo
noch eine ursprüngliche Schönheit leuchtet
zwischen bemoosten Stämmen

Ich habe mir als Wohnort ein
Dorf ausgesucht am Rande eines
großen Waldgebietes, und ich spüre
mehr und mehr, dass das etwas
von Altersweisheit hatte,

wenn ich manchen Abend heimkomme,
im Beutel ein paar Pilze, Steinpilze oder
Pfifferlinge oder ganz andere, je nachdem
wie weit das Jahr fortgeschritten,
und später im Sommer

gibt es Blaubeeren zu finden,
oft ist auch das Fließen eines Baches
zu hören, und wenn wir tief genug
eingesunken sind in das grüne Wogen,
dann scheint es der Anfang der Welt

Kommst Du mit, die Innenseite
der Welt zu erspüren?

Montag, 12. Februar 2024

Manchmal finde ich meine Insel

 



Es wird still um mich, geliebte Welt,
nicht hab ich mich geläutert, eher wohl ent-lautet,
vielleicht hab ich mich gehäutet, etwas leiser,
mir sind die Leut zu laut -

noch sing ich manche Lieder,
noch spreche ich die Werke,
und manchmal finde ich meine Insel,
mitten im Treiben der Welt,

dann schaue ich sinnend um mich,
wie aus einem langen Traume erwachend


1932 erschien der Roman "Brave New World" von Aldous Huxley. Jahre später schrieb er über dieses Buch: 

“If I were now to rewrite the book, I would offer the Savage a third alternative. Between the Utopian and primitive horns of his dilemma would lie the possibility of sanity… In this community economics would be decentralist and Henry-Georgian, politics Kropotkinesque and co-operative. Science and technology would be used as though, like the Sabbath, they had been made for man, not (as at present and still more so in the Brave New World) as though man were to be adapted and enslaved to them. Religion would be the conscious and intelligent pursuit of man’s Final End, the unitive knowledge of immanent Tao or Logos, the transcendent Godhead or Brahman. And the prevailing philosophy of life would be a kind of Higher Utilitarianism, in which the Greatest Happiness principle would be secondary to the Final End principle – the first question to be asked and answered in every contingency of life being: ‘How will this thought or action contribute to, or interfere with, the achievement, by me and the greatest possible number of other individuals, of man’s Final End?’”

„Wollte ich das Buch aufs neue schreiben, böte ich dem Wilden eine dritte Möglichkeit. Zwischen der utopischen und der primitiven Alternative des Dilemmas läge die Möglichkeit normalen Lebens […]. In dieser Gemeinschaft wäre die Wirtschaft dezentralistisch und henry-georgeisch, die Politik kropotkinesk und kooperativ. Naturwissenschaft und Technologie würden benutzt, als wären sie, wie der Sabbat, für den Menschen gemacht, nicht, als solle der Mensch (wie gegenwärtig und noch mehr in der »schönen neuen Welt«) ihnen angepasst und unterworfen werden. Religion wäre das bewusste und verständige Streben nach dem höchsten Ziel des Menschen, nach der einenden Erkenntnis des immanenten Tao oder Logos, der transzendenten Gottheit oder des Brahman. Und die vorherrschende Lebensphilosophie wäre eine Art von höherem Utilitarismus, worin das Prinzip des größten Glücks dem des höchsten Zwecks untergeordnet ist – denn die erste, in jeder Lebenslage zu stellende und zu beantwortende Frage hieße: ‚Inwieweit würde dieser Gedanke oder diese Handlung fördern oder hindern, dass ich und die größtmögliche Zahl anderer das höchste Ziel des Menschen erreichen?‘“

Aldous Huxley: Brave New World and Brave New World Revisited. Harper Perennial Modern Classics, 2005, S. 7.

Er machte die Ankündigung wahr, und schrieb dieses Buch aufs neue, und stellte 1962, ein Jahr vor seinem Tode, der Dystopie eine Utopie gegenüber  -  Den Roman "Island". Nun habe ich diesen Roman als ein Radiohörspiel aus dem Jahre 1984 (!) auf deutsch bei YouTube gefunden  -  sozusagen meine Insel gefunden, und so lausche ich an diesem trüben Februartag den Botschaften von dieser Insel. Übrigens, das Bild oben ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin. 




Freitag, 15. Dezember 2023

Herbst - so nett!

 



Herbst - so nett!

Himmel grau, die Kirchenglocken klingen,
dabei ist es ganz kurz vor vierzehn Uhr,
Nichtstun, Gewohnheiten geraten aus der Spur,
es fehlt ein Diener, mir zu bringen,

was ich gerade brauche für die unverhoffte Kur.
Der Tag verfing sich in den Schlingen
des Wohlseins, und in allen Dingen
zeigt sich meine recht phlegmatische Natur.

Angenehm: Aus dem Fenster kann ich schauen,
und verlass dabei nicht einmal das Bett.
Ich brauch nicht einmal etwas zum Kauen,

man sieht´s: ein guter Hahn wird selten fett.
Ich pflege gerad mein Urvertrauen,
ansonsten tu ich nix, Herbst - so nett!

Das Bild ist von Fritz Baumann (1886 - 1942)

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Geh nicht auf den Gedankenstrich

 



Geh nicht auf den Gedankenstrich

Dezember. Und wirklich wahr:
Leise rieselt der Schnee.
Es ist, als ob nichts geschah.
Still und starr ruht der See.

Die Welt ward klein, die Sorge groß.
Die Menschheit hat sich aufgegeben
in ein gewisses Aussichtslos.
Wie gehabt: so weiterleben.

Wundere mich. Und manchmal werde ich still.
Wo nehmen sie nur diese Gewissheit her?
Was da alles an die Oberfläche will. . .
Das zu ertragen fällt mir schwer.

Die in der Kälte sieht man nicht,
und leise rieselt der Schnee,
über so vieles: Kein Bericht.
Still und starr ruht der See. . .


Das Bild ist von Arthur Segal (1875 – 1944)