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Mittwoch, 11. Juni 2025

Strawberry Fields Forever

 


Strawberry Fields Forever

So hat es mich noch einmal „in die Walderdbeeren“ getrieben. Sie ist doch einfach zu lecker, diese Marmelade aus den kleinen Dingern. Beim Pflücken ist jede/r für sich und bei sich, und die Gedanken dürfen mäandern. Heute bin ich mit dem Fluss meiner Gedanken wieder einmal bei der Utopie gelandet, beziehungsweise, beim Fehlen der Utopien. Ein Freund sagte das letztens, dass die Utopien ausgestorben sind, „man“ ist jetzt „Realist“. Doch ich finde es wichtig, von der Utopie aus zu denken, sie als Richtschnur zu nehmen für das tägliche Handeln. „Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg“, das ist ein spanisches Sprichwort.

Um die Menschenwelt ist es nicht zum Besten bestellt, das ist offensichtlich. Ich schreibe hier von „Menschenwelt“, denn ich meine, nicht „die Welt“ ist schlecht. Unsere Welt ist eher schön und liebenswert. Wenn ich mir Sammeleimer und den Wanderstock nehme, und die Wege außerhalb von Fredelsloh gehe, um zu meinen „strawberry fields“ zu gelangen, darf ich mich immer wieder an der Landschaft und ihrer Vielgestaltigkeit erfreuen, werde auf dem Weg von den Ziegen begrüßt, die auf der Weper zusammen mit Schafen gehalten werden, um auf den Kalkmagerrasen für die selteneren Pflanzen das Buschwerk nieder zu halten; ich darf mich an den Blüten von Wildorchideen, Skabiosen, Hauhechel und vielen anderen erfreuen, dazwischen gaukeln die Falter, welche die Blüten besuchen; über mir, in den Büschen und Bäumen, welche den Wanderweg säumen, reifen die Früchte heran, wilde Kirschen, Mirabellen, Schlehen, und noch weiter über mir, im blauen Himmel, zieht der Milan seine Kreise.


Das alles sind Zeichen einer Welt, an deren Schönheit ich mich erfreuen kann, und wenn ich das alles erleben darf, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie die Welt „gedacht“ ist. Nein, die „Welt“ ist nicht zu verbessern. Allenthalben das Verhalten von uns Menschen bräuchte wohl dringend eine „Verbesserung“. Wir sind gerade dabei, das, was diese Welt ausmacht, ihre Schönheit in ihrer Vielfalt um des menschlichen Eigennutzes willen zu zerstören.

Es ist nicht die „Welt“, die uns mit Kriegen gegen uns und alles überzieht, wir überziehen die Erde mit Krieg, Zerstörung, Gewalt. Und da gibt es nicht den „Zweiten Weltkrieg“ und den „Ersten“, als zeitlich begrenzte Ereignisse, die letzten paar hundert, ja, tausend Jahre, hält dieser Krieg der Menschen gegen die Welt an. Da waren die Völkerwanderungskriege und die Römerkriege, die Kämpfe, mit denen die Christianisierung einherging, da waren der dreißigjährige Krieg, der Mitteleuropa massiv entvölkerte, da waren der siebenjährige Krieg, unter dem auch meine Wahlheimat hier litt, und so weiter, und dazwischen Bauernkriege, Scharmützel, kleine und große Feldzüge, und dazwischen Ausbeutung und Kahlschlag der Natur ringsum, Grobheit und Gewalt den einfachen Menschen gegenüber und der einfachen Menschen untereinander, Hexenverbrennungen, schwarze Pädagogik, unglaublich niederdrückende Arbeitsverhältnisse der Tagelöhner auf dem Land und in den Fabriken.

Wir Menschen haben der Welt weder Schönheit noch Frieden gebracht, sondern sind immer und überall als Eroberer gekommen. Sicher, es gab (und gibt) immer auch Menschenoasen, in denen Menschen mit der Welt in Eintracht und Frieden lebten, doch dann kamen andere, wie zum Beispiel in historischer Zeit die Weißen nach Nordamerika, und die Idylle war dahin. Nein, wir Menschen sollten uns nicht in den Gedanken versteigen, die „Welt zu verbessern“. Diese gute und bessere Welt zerstören wir gerade.

Doch die Welt ist alt genug, hat seit ihrer Entstehung einiges an Katastrophen, Klimawandel und Eiszeiten überlebt, und ist immer wieder in alter Schönheit erblüht, sie wird auch uns Menschen überstehen. Denn Schönheit ist ihr inneres Wesen. Wir Menschen dürfen uns entscheiden, ob wir dazu gehören wollen, ob wir eins damit sind, oder ob wir als Eroberer kommen, und uns „die Erde untertan“ machen, um ihr unseren gewalttätigen Stempel aufzudrücken. Mit diesem Versuch, der zusehends am Scheitern ist und absehbar scheitert, stellen nur wir uns außerhalb „der Welt“.



Wenn ich nun versuche, meine Utopie in Worte zu kleiden, dann komme ich immer wieder dahin: Ich bin als menschliches Wesen eines mit der Erde und ihren Wesen, im Grunde untrennbar verbunden, als ein Teil, das aus ihr kommt und in sie geht. Ich möchte im Konsens mit allen Wesen leben, mit ihrem Werden, Sein und Vergehen, ebenso wie alle Wesen auch werden, sein, vergehen, und, wenn es denn so ist, nach Staub und Asche wieder in die Schönheit der Welt zurückkehren. Im Konsens mit allen Wesen, also auch mit uns, den Menschenwesen.

Daher kann ich keine „konkrete Utopie“ anbieten. Ich kann mich als einzelnes Wesen in meiner Eigenart, die mein Beitrag zu der unglaublichen Vielfalt der Welt ist, einbringen. Ich vermag meine Gedanken zu sagen und aufzuschreiben. Ich vermag auch einige Wünsche anzubringen, hinsichtlich des Lebens von uns Menschen untereinander, ich verabscheue psychische und physische Gewalt zum Durchsetzen von Zielen, ich vermag nicht zu verstehen, wie einem Menschen dieses Land, dieser Wald, diese Wiese „gehören“ kann. Alles gehört sich selbst, und anderes ist eine Illusion, eine Illusion, die letztlich mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Ich wünsche mir eine gemeinschaftliche Lebensweise von uns Menschen, in der sich jede/r nach seiner, ihrer Art entwickeln darf, und nicht durch die Egoismen anderer, vermeintlich stärkerer, doch im Grunde nur grausamer und gewalttätigerer, zu Dingen gezwungen zu werden, die wesensfremd sind. Ich weiß, dass sich solcherart Leben, gemeinschaftlich, im Konsens mit allen und allem zu handeln, eine Möglichkeit ist, die wir als Menschen ergreifen können.

Von dieser Utopie lasse ich nicht ab, sie ist die Quelle in mir, aus der mein Lebensmut sprudelt. Auch ich bin nicht unbeschadet durch die Schule dieser Gesellschaft gegangen, in der jahrhundertelang die Verletzungen und Traumata von Generation zu Generation gereicht wurden, und in jeder Generation neue hinzu kamen. Auch ich bin verletzt, ungerecht, fühle, dass die Gewalt in mir wohnt, auch wenn ich ihr kein zu hause bieten möchte. Ich kann nur durch Wissen damit umgehen. Durch das Wissen, dass das Menschsein, welches zu den heutigen schlimmen Zuständen geführt hat, auch in mir ist. Wenn ich den Ungeist benennen kann, dann vermag ich mit ihm umz gehen. Dann vermag ich ihn in mir zu bannen. Mehr ist mir nicht gegeben.

Doch eine „konkrete Utopie“ kann ich nicht anbieten. Wenn ich eine „schöne neue Welt“ zeichnen wollte, um von dieser Blaupause aus die „Welt“ zu „verändern“, dann käme ich wieder als Eroberer. Ich kann durch Äußerung meiner selbst einen Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert, doch den Konsens zum gemeinsamen friedlichen Miteinander können wir eben nur - friedlich miteinander entwickeln. Eben darum vermag ich nicht zu sagen, wie Weg und Ziel für uns alle auszusehen hat. Meine Utopie ist eine sehr persönliche Utopie.

Während in dieser Art meine Gedanken mäandern, knie ich im rotbetupften Grün meines „strawberry fields“, atme den heranwehenden Duft von Lindenblüten ein und das Aroma der Walderdbeeren, lausche dem Ruf eines vorbeiziehenden Turmfalken, fühle die Sonnenstrahlen auf dem Rücken, welche mich durch das Blätterwerk der schützenden Haselzweige erreichen; meine Fingerkuppen nehmen mehr und mehr die Farbe der Beeren an, die ich pflücke. Manchmal schlecke ich sie ab, und schmecke süß.

Donnerstag, 15. Februar 2024

Zum Andenken an Andrea Rausch: Plutonium in allen Farben und Geschmacksrichtungen

 



In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 2017 starb die Künstlerin Andrea Rausch in ihrer Wohnung in Fredelsloh. Dieses Jahr wurde ich wieder an sie erinnert, ich bekam eine CD von ihr ausgehändigt, es hieß, darauf wären Bilder von ihr gespeichert. Das erwies sich jedoch als nicht ganz richtig. Sicher, es waren auch Bilder von ihr darauf, jedoch eingebettet in von der Künstlerin geschriebenen Geschichten.

Diesen Geschichten war ein Brief angefügt mit folgendem Inhalt: „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit übersende ich Ihnen einige Buchmanuskripte, Textauszüge und mehrere bebilderte Kurzgeschichten zur Ansicht. Einen ersten umfassenden Eindruck bekommen Sie, wenn Sie die Geschichte „Phantastische Atomgeschichten“ lesen.

Gerne sende ich auf Anfrage weitere Manuskripte und bebildere diese.

Wenn Sie an der Veröffentlichung meiner Arbeiten, weiteren Texten Interesse haben, wenden Sie sich bitte an mich.“
Datiert war der Brief nicht.

Dazu gab es als PDF verschiedene Manuskripte, zwei davon umfänglicher und bebildert: „Plutonium zum Frühstück - Oder: Wo Fliegen die Spinnen um die Ecke treten“ (73 Seiten) und „Plutonium in allen Farben und Geschmacksrichtungen“ (109 Seiten).

Zu einer Veröffentlichung kam es nicht, doch ich möchte die eine oder andere Geschichte, mit dazugehörigen Bildern der Künstlerin hier auf meinem Blog einstellen. Ich habe die Texte nicht verändert, außer wo sichtlich Flüchtigkeitsfehler waren, und ich habe ihre doch sehr eigenwillige Interpunktion etwas gemäßigt, zugunsten der Lesbarkeit der Texte. Der Nachlass der Künstlerin wird verwaltet von der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh. 

Ich sehe Andrea Rausch als eigenständige Künstlerin, die imstande war nicht nur in einer ihr eigenen Welt zu leben, sondern auch diese Welt uns zu zeigen. In Wort und Bild. Schmunzeln musste ich beim Vorwort zu „Plutonium in allen Farben und Geschmacksrichtungen“, in dem sie unter anderem ihre Wahrnehmung des Dorfes Fredelsloh schildert. Das möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Plutonium in allen Farben und Geschmacksrichtungen

Für: Das Plutonium, das ich stets geliebt hatte und für mich schon seit Kindesbeinen an ein Vorbild gewesen war!

Vorwort

Glühbirne an der Decke geht kaputt und muss gewechselt werden. Arme zu kurz. Bild soll aufgehängt werden. Wieder das Gleiche. Stuhl muss her, und zuvor noch nach Hammer und Nägeln gekramt werden. Morgens fängt der Ärger ja schon an. Körper mit viel Geächze aus dem Bett wuchten und aufs kalte Klo schaffen. Jedes Mal beim Aufstehen erneut das anstrengende Gefühl dabei haben, nicht nach oben zu kommen – sondern den gesamten Planeten mit den Füßen und einer Mords – Anstrengung nach unten zu schieben!! Danach mit lauter Geschirr und diversen anderen Utensilien in der Küche herumhantieren, bloß um einen Kaffee zu erhalten. Von kompletten Menüs mal ganz zu schweigen! Da ist natürlich auch der Kühlschrank mal wieder leer. Es muss also losgelatscht werden zum Einkaufen – leider auch bei Kälte, Wind und Nässe. Danach mit schweren Taschen zurück, auf der Erde herumkriechend mit dem Tempo einer lahmen Schnecke, dafür voll gepackt wie ein Lastesel. Und aufpassen, dass nicht in die Hundescheiße getreten wird, die überall herumliegt. Traktor fährt vorbei. Kann man nichts gegen machen – außer Ohren zustopfen und Atem anhalten. Leider bin ich kein gelernter Taucher. 50 Kilometer weiter gibt’s eine lehrreiche Technik – Ausstellung. Man hat aber nur Füße. Kein Moped, kein Auto. Bus? – So 3x am Tag – wenn es hochkommt ! Keine Post mehr, Amtshaus dicht, keine Apotheke, keine Drogerie, zwei halbe Ärzte, eine Zahnärztin. Zum Glück hatte ich in meinem Leben noch niemals Zahnschmerzen, obwohl ich ein notorischer Zahnputzmuffel bin.

Was hat das öde Kuhdorf noch zu bieten? – Die üblichen, in meinen Augen so albern wirkenden – na ja – Eingeborenenbräuche. Ansonsten noch einen kleinen Lebensmittelladen im Stile eines Tante - Emma - Ladens. Der zweite, größere hatte schon vor Jahren dichtgemacht. Dafür gibt’s aber über ein halbes Dutzend Töpfereien (!) Außerdem eine Menge anderer diverser Ramsch- und Kitschläden, im Volksmund auch „Andenkenläden“ bezeichnet. Echt – zum Abgewöhnen! Also, was tun? – Verreisen ? – Ja, einmal im Jahr im Winter, ins warme Afrika. Wunderschön dort unten! Und – entsetzliche Scheiße, das Drumherum: Auf kalten Bahnhöfen herumstehen, auf überfüllte Züge warten, das ganze Theater auf den Flughäfen, über neun Stunden eingezwängt in einen engen Sessel, der vorn und hinten nicht passt, und die Knie müssen auch noch untergebracht werden. . . .

Insgesamt fast 24 Stunden, bis man endlich endgültig am Zielort ist! (Oder die Maschine ist kaputt, und der ganze Mist dauert noch zwei Tage länger So wie neulich auf dem Rückflug geschehen, und da gleich zweimal hintereinander (!)). Tja, die Realität des Daseins eben. Diese unerträgliche, so gottserbärmliche Realität! So widerlich, so bescheuert, ihr so hilflos ausgesetzt zu sein, nichts, aber auch rein gar nichts dagegen tun zu können! Viele Menschen flüchten vor ihr zu ihren Göttern in ihren Religionen, ich als Atheist setze meine Phantasie dagegen. Wo eine kaputte Glühbirne sich von selbst wechselt, nein: Sondern der kleine, durchgebrannte Glühdraht in ihrem Innern sich wieder von selbst flickt! Wo man fliegen kann. Hoch über aller Hundescheiße, ohne zu frieren nackt durch den dicksten Schneesturm, und in einer Viertelstunde bis nach Afrika, ohne das ganze störende Drumherum, 360° - Fensterplatz inklusive. . . . Wo es im kleinsten Tante-Emma-Laden neben Pommes auch Plutonium zu kaufen gibt! Und damit sind wir schon auf jener Welt, wo man sich schon zum Frühstück mit Plutonium anreichert. In allen Farben und Geschmacksrichtungen, sozusagen.

Zum Abschluss noch eine Selbstbeschreibung der Künstlerin und ein Video. Das Video hatte ich im Juni 2016 zusammengestellt, noch zu Andrea Rauschs Lebzeiten. Die Musik dazu haben mein Sohn und ich in der Klosterkirche Fredelsloh fabriziert, wir spielten Ziehflöten (und ich Gitarre) und genossen die unnachahmliche Akustik in der alten romanischen Kirche. Andrea hatte das auch gefallen, und sie hat sich sehr herzlich bedankt für dieses Filmchen.

"Ich heiße Andrea Rausch und bin am 13. 12. 56 in Bad Hersfeld geboren. Im Alter von 5 Jahren sind wir nach Göttingen umgezogen. In Göttingen wohnte ich bis Juli 1985, danach bin ich nach Fredelsloh, Tönnieshof, umgezogen, einem kleinen Dorf am Rande des Sollings. Gezeichnet hatte ich schon seit meiner Kindheit, und auch da schon ausschließlich Motive nach eigenen Ideen, niemals aus der Umwelt. Ab 1984 habe ich mit Ölmalerei begonnen - Renate, die ich in meiner Patientenzeit in der Psychiatrie Göttingen kennen gelernt hatte, brachte mir ein dickes Buch mit verschiedenen Maltechniken zum Durchlesen mit - und ein Glas voll Ölfarbentuben und eine Leinwand auf Keilrahmen. Nach dem Durchlesen habe ich sofort angefangen. Es war ganz simpel, es ging wie von selbst. Das erste Bild wurde rasch verkauft.

Seitdem male ich viel in Öl, aber zeichne auch viel in Blei- und Farbstiften. Auch Wasserfarbenbilder habe ich etliche. Ebenso male ich Steine an, kleine Bilder oder Muster drauf, je nach Form des Steines. Meine Motive sind stets phantastischer Art. Mein allergrößter Wunsch ist ein eigenes Haus mit eigenem Atelier auch für große Projekte, wie räumliche Plastiken und Objekte.

Ein Haus mit sehr viel Sonne und ohne jegliche Nachbarn in der Nähe."


Donnerstag, 18. Mai 2023

Die beiden Schäferjungen - Ein Märchen aus Fredelsloh

 


Die beiden Schäferjungen - Ein Märchen aus Fredelsloh

Dies ist ein Märchen, das ich in dem Buch „Aus Niedersachsens Märchenschatz - Schöne alte Volksmärchen und Schwänke aus Niedersachsen, gesammelt und herausgegeben von Karl Henniger und Johann von Harten“ (1923) mit dem Zusatz „Aus Fredelsloh im Solling“ gefunden habe. Illustriert hat das Büchlein Gustav Olms (1864 – 1930).

Schrieben doch schon die Brüder Grimm, unsere vertrauten Märchenonkel: „Es wird dem Menschen von Heimatswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wenn er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet . . . Diese wohltätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichten, die uns die Vorzeit als einen frischen, lebendigen Geist nahe zu bringen suchen.“

Nun ist das Märchen von den beiden Schäferjungen eher ein Alltagsmärchen, ohne Prinzessinnen, die erlöst werden wollen, ohne Rätselfragen und ohne des Teufels Großmutter. Allenfalls eine Räuberbande kommt darin vor. Ich mag auch gar nicht so viel in diese eher drollige Geschichte hineingeheimnissen, doch beim Lesen schien mir manches als eine Parabel auf unsere traumdunklen Zeiten. Fürchten wir uns nicht auch vor unserem eigenen Schatten, und werfen ihm unsere Speisen und Löffel hin, anstatt einmal inne zu halten und ihn uns genauer anzuschauen? Versuchen wir nicht auch, das freie Schweifen von Gefühlen und Gedanken wie der Schäfersjunge die ungezogenen Schafe durch Abtöten still zu bekommen? „So, nun lauft ihr mir nicht mehr weg!“

Und wenn wir dann feststellen, dass unsere Dummheit Schaden angerichtet hat, versuchen wir nicht auch, einfach weg zu laufen? Da ist der Klügere nicht klüger als der Dumme. Und beide sind gefräßig genug, um sich in der Nacht noch unrechtmäßig ihren Teil zu holen. Nur, wenn sie dann noch Dümmeren begegnen, geht die Geschichte wenigstens gut aus. Im Märchen. In der heutigen Zeit hoffe ich dennoch, dass sich die Menschen noch einmal besinnen, und lernen, dass sich weder das Räubern lohnt, noch die Dummheit, die sich als Klugheit ausgibt, und nach Hause kommen und. . . Schafe hüten.

Auf jeden Fall zeigt dieses Märchen, dass früher auch nicht alles besser war, und Dummheit und Gefräßigkeit und Raubgier herrschten. Es sieht wohl auch heute noch so aus: „Sicher haben die Dummen oft das meiste Glück in der Welt“: 


Vor alter Zeit lebte einmal ein Schäfer, der hatte zwei Jungen, einen dummen und einen klugen. Eines Tages hatte der Vater keine Zeit, und die beiden mussten die Schafe hüten. Als es nun gegen Mittag kam, sagte der Kluge zum Dummen: „Geh nach Haus und iss, und bring mir auch einen Topf voll Essen mit; vergiss aber den Löffel nicht!“

Der Dumme tat, wie ihm sein Bruder gesagt hatte. Es war aber Sommer, und die Sonne schien hell. Wie der Junge auf dem Herwege sich einmal umguckte, sah er seinen Schatten hinter sich; in seiner Dummheit aber glaubte er, es wäre ein schwarzer Mann, der etwas von seinem Essen abhaben wollte. „Geh weg!“ sagte deshalb der Junge und blieb ärgerlich stehen. Nun blieb der Kerl auch stehen. Als der Junge aber weiterging, war der Schwarze wieder hinter ihm. „Na, da hast du einen Löffelvoll; damit gibt dich zufrieden!“ sagte der Junge und warf seinem Schatten einen Löffelvoll Essen hin. Doch das half nichts: der Schatten blieb ihm nach wie vor auf dem Hacken. Da gab er ihm noch einen Löffelvoll, dann noch einen und so fort, bis nichts mehr im Topfe war. Und als der Kerl immer noch mitging, warf er ihm auch noch den Löffel und den Topf hin.

Als er nun zu seinem Bruder kam, fragte der nach seinem Essen. Da erzählte der Dumme, wie es ihm mit dem schwarzen Kerl ergangen wäre. „Ach“, rief der andere, „habe ich je so einen Dummerjahn gesehen! Das war ja dein Schatten. Mit dir ist´s schlimm, und mit deiner Dummheit nimmt es mal kein gutes Ende! - Doch du hast nun gegessen; jetzt bleib du bei den Schafen, und ich gehe hin und esse. Aber dass du mir die Schafe immer hübsch beisammen hältst und keins verlierst!“ Der Dumme versprach alles, und der andere ging.

Doch die Schafe wollten dem Jungen nicht gehorchen; bald liefen sie hierhin, bald dahin; er konnte sie nicht beisammen halten, so große Mühe er sich auch gab. Da wurde er zuletzt wütend, nahm sein Messer, schnitt den Tieren der Reihe nach den Hals ab und warf sie alle auf einen Haufen. „So“, sagte er, „nun lauft ihr mir nicht mehr weg!“

Als der Bruder wiederkam und sah, was der Bengel angerichtet hatte, erschrak er nicht schlecht. „Junge“, rief er, „was hast du gemacht? Jetzt können wir nur Reißaus nehmen; denn zu Hause dürfen wir uns nicht mehr blicken lassen. Habe ich´s nicht immer schon gesagt, dass du noch einmal was anrichten würdest! Nun ist das Unglück geschehen!“ Das sah denn auch der Dumme ein, und sie machten sich, was siehst du, was hast du, davon.

Sie gingen den ganzen Tag. Gegen Abend kamen sie auf einen Bauernhof, und weil es schon dunkel wurde, so fragen sie, ob sie dort wohl über Nacht bleiben könnten. „Ja“, sagte die Bauersfrau, „das könnte ihr; aber morgen früh müsst ihr mir dreschen helfen!“ Damit waren die beiden einverstanden. Als nun das Abendbrot aufgetragen wurde, mussten die Jungen mit an den Tisch setzen. Es gab Erbsensuppe, und die beiden ließen sich´s gut schmecken. Doch als sie gerade im besten Zuge waren, meinte der Bauer: „Mit Erbsen kann man sich leicht den Magen überladen, und dann gibt es schwere Träume. Besser ist es, wir hören jetzt auf.“ Damit legte er den Löffel weg, und die anderen hörten auch auf. Noch ganz hungrig mussten die beiden Schäferjungen vom Tische weg auf den Heuboden, wo sie schlafen sollten.

Als sie eine Weile gelegen hatten und im Hause alles still war, sagte der Dumme zu den andern: „Ich bin aber noch so hungrig.“ - „Ich auch“, flüsterte der Kluge. Nach ´ner Weile fing der Dumme wieder an: „Du, ich habe gesehen, wohin die Frau den Topf mit Erbsen gestellt hat. Weißt du was: Ich hole ihn her!“ - „Ja, das tu!“ sagte der Älteste. Da schlich sich der Junge herunter und brachte auch den richtigen Topf mit den Erbsen, und die beiden aßen sich tüchtig satt.

Darauf sagte der Kluge zu seinem Bruder: „Nun können wir nur die Tür auf den Nacken nehmen und weglaufen; denn hier ist unsers Bleibens nicht länger!“ - „Gewiss“, meinte der andere, „ich bin dabei; dreschen ist sowieso nicht mein Fall. Doch erst will ich noch einen Topf voll Erbsen mit auf den Weg nehmen; ich habe vorhin gesehen, der Stieltopf steht im Ofen und ist noch ganz voll.“ Damit schlich er sich noch einmal in die Stube und holte noch einen Topf voll Erbsen, und dann nahm er - da er doch alles wörtlich verstand - die Hecketür auf den Nacken und machte sich hinter seinem Bruder her.

Sie gingen nun immer weiter, bis sie in einen großen Wald kamen; darin war es so finster, dass sie keine Hand vor Augen sehen konnten. Sie beschlossen daher, hier über Nacht zu bleiben. In dem Walde gab es aber Räuber; deshalb sagte einer zum andern: „Lasst uns auf einen Baum steigen; denn sonst, wenn uns die Räuber finden, sind wir verloren!“ Das taten sie denn auch, und der Jüngste nahm die Tür samt dem Topf voll Erbsen mit hinauf.

Kaum hatten sie oben Platz genommen, so kamen auch richtig Räuber daher, die setzten sich gerade unter diesen Baum und fingen an, ihr Geld zu zählen. Den beiden Jungen klapperten vor Angst die Zähne im Kopfe; aber keiner rührte und regte sich. Als die Spitzbuben stundenlang sitzen blieben und keine Anstalt zum Weggehen machten, wurde dem Jüngsten zuletzt seine Last zu schwer, und er flüsterte seinem Bruder ins Ohr: „Ich kann meinen Topf nicht mehr halten; ich gieße etwas heraus.“ - „Tu das ja nicht“, flüsterte der andere, „sonst kommen die Räuber herauf und machen uns tot!“ Doch der Dumme sagte: „Ich kann nicht mehr. Ich tu es doch!“ - „Na, denn in Gottes Namen!“ sagte zitternd der andere. Und gleich goss der Jüngste die Brühe aus dem Topfe, dass es nur so herunter pladderte, gerade den Räubern auf die Köpfe. Die Spitzbuben waren aber so mit ihrem Gelde Beschäftigt, dass sie nicht weiter aufsahen und bloß vor sich hin sprachen: „Gott beschert uns einen warmen Regen!“

Eine Zeitlang verhielt sich der Dumme ruhig; dann fing er wieder an: „Der Topf ist noch so schwer, weißt du was, ich schütte alles heraus.“ - „Junge“, meinte der Bruder, „tu das nicht; sonst kommen die Räuber herauf und machen uns tot!“ - „Und ich tu es doch!“ trumpfte der Kleine auf. „Na, denn in Gottes Namen!“ sagte leise der Große. Nun schüttete der Dumme auch die Erbsen herunter. Als die den Räubern um die Köpfe tröpfelten, sagten sie: „Gott beschert uns warmen Brei!“

Eine ganze Weile war alles still; dann fing der Dumme wieder an: „Die Tür drückt mich sehr; das beste ist, ich werfe sie herunter.“ - „Dummer Junge“, schalt der Große, „weshalb hast du sie mitgeschleppt? Nun behalt sie auch oben! Wirfst du sie hinunter, so kommen die Räuber herauf und machen uns tot!“ - „Du hast es mir doch selber gesagt! Und ich kann sie nicht mehr halten; ich werfe sie weg.“ - „Na, wenn du nicht hören willst“, sagte der andere, „dann wirf sie weg in drei Teufels Namen!“ Jetzt ließ der Dumme die Tür fallen, dass sie nur so im Baume herunter klabasterte. Als das die Spitzbuben hörten, ließen sie sich ins Bockshorn jagen, dass sie aufsprangen und riefen: „Der Himmel zerbricht! Der Himmel zerbricht!“ Sie liefen ohne ihr Geld davon und ließen sich auch nicht wieder blicken.

Am andern Morgen stiegen die Jungen vom Baume herunter, nahmen das Geld, das die Räuber hatten liegen lassen, und gingen wieder nach Hause zu ihrem Vater, und der war froh, dass er die Jungen wieder hatte. Noch mehr freute er sich, als sie ihm das Geld gaben; denn nun konnte er sich wieder eine Herde Schafe kaufen, mehr noch, als er gehabt hatte. So haben die Dummen oft das meiste Glück in der Welt.

Donnerstag, 12. September 2019

Waldgang



Noch bin ich nicht wirklich alt,
dass wir uns recht verstehen.
Doch irgendwann, doch irgendwann
werd´ ich für immer in die Wälder gehen.

Und wenn dann eine Seele Trauer trägt,
dann wünsch ich, dass sie den grünen Pfad begeht,
und lernt im Wipfelwispern, im Blätterrauschen
einer größ´ren Seele lauschen.

Waldgang

                                                      „Der Dichter ist ein Wanderer durch die Zeit,
                                                      er hebt ein paar Gegenstände vom Wege auf,
                                                      deren Nähe ihn berührt, die seinen Weg erst
                                                      zur Reise machen; das, nicht mehr, ist Kunst.“

                                                      Adolf Muschg

Oft wird das kommende Neue von einem Buch begleitet. So war es auch dieses Mal für mich. Kurz vor der Abreise von dem kleinen Hof im österreichischen Waldviertel noch einmal ein Griff auf das Bücherbord, in dem die zu verschenkenden Bücher standen. Die Fahrt würde lang werden, und so war eine Reiselektüre erwünscht. Es war ein kleines Büchlein mit dem Titel „Literatur als Therapie? – Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare“ von Adolf Muschg, welches mir in die Hände fiel. Zuerst las ich, im Zugabteil sitzend, nur zögerlich darin, dann, je weiter ich kam, anteilnehmender. Zum Ende hin wurde ich immer hellhöriger, hieß es schließlich dort: „Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst – oder Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, daß Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.“ Bis das Buch an diesem Satz angelangt war, wurde unter anderem beschrieben das Unheilbare, welches der Dichter „nur“ beschreiben kann, denn Krankheit ist kein Fall für ein Individuum, sondern das kranke Individuum ein stellvertretender Ausdruck für eine erkrankte Gesellschaft.

Auch die Herkunft des Dichters aus dem schamanischen Handeln für die Gesellschaft wurde beschrieben, und vieles mehr. Dass es zudem noch die Ereignisse der Jahre anfangs der Achtziger anriss, „Zürich brennt“ sei hier nur ein Stichwort, einer Zeit also, wo auch ich Teil der „Jugendrevolte“ war und meinen langen Weg begann, machte es nur um so wertvoller für mich. Und: Da der Autor von seinem Werdegang als Dichter berichtete, also das Subjektive in den Schilderungen nicht ausblendete, war ich mit einem Male wieder bei meinem eigenen Werdegang, erinnerte ich mich meiner Jugend, als ich nichts anderes als „Dichter“ werden wollte, und schon als Sechszehnjähriger kaum anderes tat als Lesen oder selber Schreiben.

Doch im Unterschied  zu dem genannten Autor wollte mein Schicksal etwas anderes mit mir: Mit siebzehn Jahren wurde ich „der Welt“ endgültig überdrüssig und wollte °aufs Land“. Wollte das Leben unmittelbar und nicht aus zweiter (schreibender und geschriebener Hand) erleben. Da ich nun nicht gerade mit handwerklichen Gaben gesegnet war, entschloss ich mich, Gärtner zu lernen als Rüstzeug für späteres Landleben. Als ich dann eine Lehrstelle hatte, übereignete ich alles bis dahin von mir Geschriebene der Mülltonne, sehr zum Entsetzen eines Freundes, der meine Gedichte schätzte. Doch ich wollte das Leben in seiner Gänze und nicht nur als Papier, und ich entschloss mich erst wieder zu schreiben, wenn ich denn gelebt hätte, ergo, von etwas selbst Erlebten schreiben könnte. .

Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen. Mein Weg führte mich, wie gewünscht, aufs Land, dann wieder in die Stadt, dann an den Rand der Stadt in mein KleinHäuschen, bis ich schließlich auch dieses aufgeben musste und ich mich entschloss, mich in Fredelsloh, dem Töpferdorf am Rande des Sollings, nieder zu lassen.

Es gibt dort viel Wald, und es war gerade Anfang September. Pilzzeit. So lenkten mich meine Schritte immer wieder in den Wald, und während ich dort verweilte, zogen die Gedanken durch meine Seele, gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen an meine Kindheit, in welcher der Wald eine bedeutsame Rolle spielte; an meine Jugend, an meine ersten Gehversuche in Richtung Landleben und die Wiederkehr des Dichters in mir zogen während des geruhsamen Gehens und Sammelns an mir vorüber. So wurde aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein in sich verflochtenes Band.

Zum Forsthaus ist es gerademal eine halbe Wegstunde, und dahinter beginnt der Wald. Genauer beginnt er schon etwas vorher, doch da ist es noch kein richtiger Wald, sondern eine an Weiden endende Vorstufe dazu. Noch genauer ist es auch kein Wald, der dort beginnt, sondern ein Forst, ein Nutzholz lieferndes Baumanbaugebiet. Doch für mich Stadtflüchtling ist es Wald, nicht mehr und nicht weniger als das. Laut warnte der Eichelhäher, der Hüter des Waldes. Sein „rätsch  -  rätsch“ war weithin zu hören, und es bedeutete: „Es kommt ein Fremder“. In der Landschaft rund um meinen Garten am Rande der Stadt, aus der ich komme, warnte der Eichelhäher nicht mehr, sondern flog still vorbei, wenn ich erschien. Ich gehörte für ihn zum Inventar, zum friedlichen Inventar der Umgebung. Doch in diesem Wald war ich noch neu, und es war vor mir zu warnen.

Den mit Schotter befestigten Weg, der zum Forsthaus führt und daran vorbei, verließ ich nach kurzer Zeit. Es gehen weitere Waldpfade rechts und links ab, begrünt und verwunschen bewachsen. Hier kommt man nicht weit. Mal ist es das Auge, welches den Wanderer aufhält, zum Beispiel wenn das filigran ziselierte tief orangefarbene Gebilde einer Pilzkoralle auf einem Baumstumpf vor einem auftaucht. Davor stehe ich schauend wie gebannt. Dann ist es das Ohr, welches mich innehalten lässt: Ein kleiner Bach quert den Waldpfad, und er gluckst und plappert vor sich hin, dass ich ins Lauschen versinke. Schließlich ist es die Nase, die mich  zum Verweilen veranlasst. Bachminze ist als flüchtiges Aroma in der Luft zu spüren, oder ein süßer Anisduft von Pilzen, welche unsichtbar im Gewirr der jungen Fichten und Buchen leben.

So geriet das „Eigentliche“, die Pilzsuche, zur Nebensache. Außer man traf wieder auf einen wohlgestalteten Steinpilz, da hüpfte das Herz vor Sammlerfreude. Auch, wenn die Freude oft nur kurz währte, und sich das Fundstück als madendurchsetzt erwies.

Schließlich wurde auch der Waldpfad verlassen und die Wege verloren sich in den weichen Mooslandschaften zwischen den Stämmen. Das ist es doch: Solange durch die Forsteinsamkeit zu streifen, bis die Dinge ihre eigene Bedeutung bekommen. Dass in dem Augenblick, in dem der wie das Urbild „Pilz“ gewachsene Steinpilz auftaucht, die Wildgans über die Wipfel der Fichten streicht und mich ihren Rufen hinterher lauschen lässt, bis sich diese in der Ferne verlieren; das alles wird als ein geheimes Zeichen angenommen. Da öffnet sich dann eine Tür zum All-ein-sein, und eine Verbundenheit mit einer älteren Welt leuchtet auf. Da wird mir gewahr, dass neben den Lauten einiger kleiner Vögel, dem Bachgeriesel und den Rufen der über die Wipfel fliegenden Wildgans  -  Stille herrschte.

Das Licht der Spätsommersonne wurde gefiltert durch die Baumkronen, zwischen den Stämmen kamen Lichtstrahlen und Schleier an, welche einen Zauber in die Gegenwart trugen und das Grün des Waldbodens vergoldeten. Zwischen diesem sanft illuminierten Grün und Gold war der Moosboden farbig gesprenkelt mit Täublingen und Stäublingen, mit Rotfußröhrlingen, Goldröhrlingen, Amethystträuschlingen, Fichtenreizkern, Trichterlingen und einer vielgestaltigen Zugabe von Märchengeschöpfen. Auch die „Männlein im Walde“, die mit dem knatscheroten Hut und den weißen Tupfen, waren hier zuhause und zeigten das nahende Ende des Sommers an. Dann das ungewohnte gelblichweiße Leuchten der Anisegerlinge, den schiefknolligen,  im Forst. Manchmal bildeten diese große Hexenringe, luden zum Tanze darin ein, und wenn die Wärme stieg zwischen den Stämmen, dann war ihr Duft weit spürbar, ein süßlicher Geruch, nicht einmal unangenehm aus der Ferne, mit jener Spur Anis.

Unwirklich. So fühlte es sich an, in diesen Kreis einzutreten. Ein Schritt, und schon war man umgeben von den gelblichweißen Hutzelwesen, die in ihrer Art ja auch des Hexenwesens verdächtig sind, kommen sie doch über Nacht und vergehen fast genauso schnell wieder.

Ich spüre es, wenn mich der Wald umfängt und einnimmt, wenn mich die Innenseite der Welt einlässt. Die Außenseite ist besetztes Land, ist Asphaltband quer durch die Seelenlandschaft, auf dem sich laute Fahrzeuge bewegen, von „Explosionsmotoren“ vorangetrieben. Hart ist die Straße der Außenseite den Füßen, und harte Sohlen werden benötigt, sich dort zu bewegen, wenn man sich auf das Gehen auf eigenen Füßen beruft.

Trostlos und ganz Außenseite wurde der Forst da, wo die Motorsägentruppen und die großen Maschinen gewütet hatten, ein Schlachtfeld hinterlassend, tiefe Fahrspuren, wie von gepanzerten Kettenfahrzeugen. Wahllos kreuz und quer liegende größere Zweige und Äste, ganze Baumkronen, unbrauchbar als verwertbares Holz. Hier wurde sie sichtbar, die erobernde Außenwelt, auch wenn mit geschlossenen Augen die Landschaft nach Fichtenharz duftete. Das stete Motorenrauschen einer nahen Straße, in deren Nähe mich die Wege führten,  komplettierte das Arrangement der Trauer und Zerstörung. Es herrschte sicht- und hörbar die Ökonomie. Eine Ökonomie des schnellen Verbrauches.

Meine offene Wunde wurde für mich darin spürbar, darin, dass mir das alles sehr nahe ging, der Anblick der totenbleichen frischen Sägeflächen der Baumstümpfe, der Anblick der großen Äste, die Gerippen gleich den Waldboden bedeckten. Dann wurde ich unmittelbar in den Schmerz hineingestellt, einem Schmerz, der den Gedanken formen ließ: „Ich kann diese Erde nicht beschützen, zu klein bin ich da.“ Unteilbar als Mensch und doch Teil einer in ein düsteres Irren geratenen Menschheit.

Mein Menschsein ist hier heimisch und gehört dazu, ist wie die gefällten Bäume, wie der von den großen Rädern gemarterte Waldboden. Zwar weiß ich, dass es hier noch „zivilisiert“ zugeht, dass anderswo die Maschinen und die Verwüstungen größer, riesenhafter, sind. Ganze Flächen Waldes werden unwiederbringlich zerstört, anderswo. Doch hier sprach mich diese Verwüstung unmittelbar an, war sie für mich unübersehbar, greifbar, riechbar.

Ich vermag nicht zu „retten“, bin ich doch Teil des „zu Rettenden“ in so vielen Aspekten meines Seins. Ich habe mich auf die Seite der Wehrlosigkeit der Natur gestellt, das ist meine Kompromisslosigkeit. Meine Kraft, hier zu verweilen, entspringt meinem Dichten, meinem Schauen, meinem Gesang.

Das heißt nicht, hier einfach untätig zu bleiben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Bin ich doch als Seiender und Handelnder „Mitläufer“. Es heißt, sich für das Erfahrene, das Geliebte einzusetzen. Dort zu wirken, wo ich beginne, Wurzeln zu schlagen oder dort, wo ich schon verwurzelt bin. Die zerstörerischen Tendenzen dieser Zivilisation nicht einzulassen in das tägliche Tun, sowie auch in dem Maße diesen Tendenzen entgegen zu wirken, soweit es möglich ist, und soweit es die mir gegebene Zeit zulässt. Das „einfache“ Leben sucht sich den ganzen Menschen, und das Einwirken in die „Materie“ von Hand, mit der Behutsamkeit, welche nur die Behandlung der Dinge diesen geben kann, das Begreifen der Dinge mit der Sensibilität der Fingerkuppen und Handflächen, all das hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

In wie vielen Internetforen und auf wie vielen Demonstrationen tummeln sich wieder die politisch Allwissenden jeder Couleur. So viele Ausschließlichkeitsansprüche lassen sich gar nicht bedienen, wie dort postuliert werden. Doch ich weiß nicht, wohin es mit der Menschheit, der „Welt“ und der Zivilisation hingehen sollte. Die Vielfalt der möglichen Zukünfte ist unendlich. Nur für mich und für das, was mir gut tut, vermag ich zu sprechen. Dafür stehe ich ein, und das fasse ich so weit, wie es mir möglich ist. Zum Beispiel ist es mir ein Bedürfnis, in Gemeinschaft zu leben. Sowohl im engeren Sinne als Hausgemeinschaft, als auch im weiteren Sinne in einer Gemeinschaft in Dorf und Region.

Wenn ich mich der Landschaft hingebe, dem Haus, dem Garten, der Gemeinschaft, in der ich lebe, der engeren Gemeinschaft im Hof und der weiteren Gemeinschaft des Dorfes, wenn ich mich dort engagiere, dann bekommt politisches Handeln ganz von selbst eine andere Dimension, jenseits der Statistiken und der politischen Maximen. Schaue ich hin, was mit den großen Entwürfen der Menschheitsgestaltung und  Menschheitsbeglückung geschehen ist, den internationalen, nationalen, „sozialen“, Kultur- und anderen Revolutionen, so sehe ich: Immer endete es mit Guillotinen, Massakern, Gulags, Konzentrationslagern. Und immer waren es Menschen, ähnliche Menschen wie ich, die dort geköpft, erschossen, vergast wurden oder in den Verließen verrotteten. Nicht zuletzt in unserem Lande fand vor gar nicht so langer Zeit ein großer Versuch statt, mittels der Ausgrenzung und Vernichtung von „krank“ empfundenen „heil“ zu werden als großes Ganzes, in diesem Falle als Volkskörper. Wie viele riefen „Heil!“ oder sogar „Sieg heil!“ und es war ihnen egal, dass ihnen auf dem Wege in dieses Heil das Mitgefühl für die Geschöpfe abhandenkam. Da gefallen mir die Sätze von Adolf Muschg weitaus besser, dort, wo er schreibt, dass es etwas individuell Unheilbares gibt, welches angenommen werden möchte, da es der Heillosigkeit des gegenwärtigen Zustandes der Zivilisation und der Erde entspricht. Das heißt nicht, in der Untätigkeit zu verharren, wie schon gesagt.

Es gibt überall genug zu tun. Welches von dem, was getan werden muss und darf, meinem Wesen entspricht, wird sich zeigen. Noch bin ich im Stadium des Ankommenden und Anklopfenden und habe mich verhalten zu zeigen. Noch beginnen die Menschen und Wesen hier, mich kennen zu lernen, und ich sie; und noch warnt der Eichelhäher, wenn ich in „sein“ Revier trete. Zu Recht, denn noch bin ich fremd. Doch ein Anfang ist gemacht, so wie ich mit einigen Menschen im Ort gesprochen habe, so wie ich oberhalb des Dorfes beglückt eine Fläche entdecken durfte, auf welcher Enzianblüten tiefblau aus dem Grün der Gräser schauten, so wie ich mit dem Sammeln der Pilze und Früchte der Landschaft beginne, damit beginne, mir die Landschaft, fast wörtlich genommen, einzuverleiben. So werde ich hier mehr und mehr ansässig.

Ich glaube nicht, dass die „meisten“ Menschen  in der Art zu leben vermögen, oder diese gar mögen, die ich lebe. Sie würden es als Verzicht empfinden, da sie die Habenseite nicht kennen. Zu weit lebe ich mit einem Teil von mir „draußen“, und es war kein leichter und fröhlicher Prozess, die Türen dorthin zu öffnen, eine um die andere. Durch jede dieser sich öffnenden Seelentüren kam Empfindung herein, Schmerz, Leid, Trauer  -  all das wollte angenommen werden, genauso wie die angebliche Langeweile der Tätigkeiten, ihre Reizlosigkeit, verglichen mit dem, was die Unterhaltungsindustrie an Nervenkitzel bietet. Das stille Glück lässt sich nicht kaufen, es lässt sich auch nicht als „Kick“ am Ende eines Marathonlaufes erhaschen. Es kommt auf leisen Sohlen, und unvermittelt, beim Lauschen des Schreies der Wildgans, während Staubteilchen und kleine Insekten in den Lichtstrahlen zwischen den Stämmen tanzen, ist es da. Unteilbar in der webenden Welt. Gegenwart.

Ich selber muss auf dem Lande leben, um mich wohl zu fühlen. Ich habe es mit der Urbanität versucht, sie macht mich krank. Sie beeinträchtigt mein körperliches Empfinden in einer Art und Weise, die einer seelischen Lähmung gleichkommt. Zu viel ist es, was dort auf mich einstürmt, zu weit offen meine Seele, als dass sie das alles verarbeiten könne. Ich brauche die Stille der Wälder. Es ist ganz einfach: Ich bin dem Stadtbeat nicht gewachsen. Nicht dafür gewachsen. Also muss, kann und darf ich hier wirken. Ein jede, ein jeder hat dort zu wirken, wo sie oder er lebt, dort ist in die Polis hineinzuwirken. Meine Entscheidung für das Landleben enthält keine Wertung des urbanen Lebens. Ich möchte das eine gegen das andere nicht ausspielen. Bei so vielen Menschen, die diesen Planeten bevölkern, ist eine gewisse Urbanität unumgänglich. Die Frage ist, wie wir sie gestalten, und wie wir den Flow von Stadt zu Land und umgekehrt hinbekommen. Vernetzung statt Abgrenzung und Kampf. Es ist wie mit allem: Die Schlüssel heißen Kommunikation, Austausch, Vernetzung.

Immer noch bewegte ich mich durch die Buchen- und Fichtenräume, atmete den Duft des Fichtenharzes und der Moose ein, lenkte den Blick auf den Waldboden, nicht vergessend, dass ich trotz allem hier war, um Pilze zu sammeln. Die meisten Steinpilze waren groß und am vermodern, hier kam der Sammler eine Zeit zu spät, um zu ernten; und auf den Baumstümpfen tauchten Sparrige Schüpplinge auf, Hallimasch und Stockschwämmchen, als Zeichen, dass sich die Jahreszeit wandelt und eine andere Saison beginnt. Es begann sich eine leise Melancholie in das Erleben zu mischen, eine nicht unangenehme mahnende Abschiedsstimmung. Vielleicht trug diese dazu bei, neben den Gedanken an das Gelesene in dem kleinen Büchlein von Adolf Muschg, dass meine Gedanken „endzeitlicher“ gestimmt waren. Um das Leid der Erde lindern zu helfen, muss ich erst einmal auf ihr ankommen. Muss mich einfügen in ihre Rhythmen, in den Kreis ihrer Wesen, in ihren Kreis des Werdens und Vergehens. Muss ich mit den Wesen leiden, denn nichts anderes heißt „Mit-Leid“: Die Stimmung der Zeit erspüren, auch die Schwingungen der Zerstörung, welche unsere menschliche Zivilisation anrichtet, und welche die Pflanzen und Tiere und all das, was in der „Umwelt“ lebendig ist, sehr wohl erfühlen. Solange ich mich dem verschließe, mich dagegen panzere, bin ich noch außerhalb des lebendigen Kreises.

Dieses „Mit-Leid“ ist auf eine Art unheilbar. Es gehört in dieser Zeit zum lebendig sein dazu. Wer meint, er oder sie hätte hier eine fröhlichere Botschaft verdient vom Dichter, oder eine frohe Botschaft gar, der oder die weiß noch nichts von der Innenseite der Welt, dem einfachen Genügen in der Gegenwart, dem stillen Glück aller Geschöpfe der Erde, die „nicht säen und nicht ernten“. Auch dieses stille Glück ist unteilbar und unheilbar.


Diesen Text schrieb ich 2014, kurz nachdem ich in meiner Wahlheimat Fredelsloh wohnhaft wurde. 

Sonntag, 31. März 2019

Ein Wandervogel in Fredelsloh



„Fredelsloh ist vor allem ein Außeneindruck. Steht man auf der letzten Weperhöhe und sieht das Dorf im ersten Schnee zusammengekauert zu seinen Füßen, so scheint der mächtige Kirchenleib mit den schweren Türmen wie ein ruhender Löwe dahingestreckt vor seinem Hügel zu wachen. Bursfelde ist in Buntsandstein gebaut, Fredelsloh in sorgfältigen Quadern. Durch Umbauten ist der Eindruck im Innern sehr erschwert. Aber das Querschiff und die aus dieser Breite mit einem Blick zusammengefaßten drei Apsidenrundungen, alles in strenger, herber Ziellosigkeit, das bleibt ein mächtiger Raumeindruck trotz des quälenden, großen Barockaltars. Ein Taufstein ist erhalten, rund mit kräftiger, sechseckiger Einfassung, einfach und gut“.

Aus: Frank Fischer „Romanische Kirchen in Südhannover“, Wandervogel e. V., Fahrtenblatt des Gaues Niedersachsen, 1914, Heft 1, gefunden in: „Wandern und Schauen“, gesammelte Aufsätze von Frank Fischer, für die deutschen Wandervögel herausgegeben von Fr. Brauns und W. Liebenow, Göttingen 1918

„Frank Fischer, ein geborener Balte, ist hervorgegangen aus dem früheren `Wandervogel e. V. zu Steglitz“. Seit den ersten Gründungswochen im Jahre 1904 hat er ihm angehört und als Führer und Schriftleiter des `Nachrichtenblattes` großen Einfluß auf die Gestaltung des Bundes ausgeübt. Nach der Steglitzer Zeit kam Fischer 1909 zum Abschluss seiner Studien nach Göttingen. Bald fand er auch hier den Anschluß an den Wandervogel“ (Aus: „Wandern und Schauen“)

Frank Fischer war kein Freund des lärmenden Hurrapatriotismus, so schreibt er unter anderem 1909 im „Nachrichtenblatt des Wandervogels“: „Der Gewinn, den wir schaffen, ist auf lange Zeit unscheinbar, und auch da, wo er als echter Gewinn der Seele heller leuchtet, läßt er sich eben nicht mit raschem Griff für vorgefaßte Ziele verwerten. Vor allem spröde ist, was im Wandern gelernt wird, gegen den `Patriotismus`, der gerade in diesen Tagen durch vergleichende Ermahnung von vielen Seiten erweckt werden soll.  . . .  So kommen für uns keine Vorträge und Schlachtfeldbesichtigungen in Frage, alle die von außen und äußerlich eingreifenden Versuche, Geschichtslehren oder gar Gesinnungen und Instinkte, zum Beispiel die des primitiven Raubtieres, einzuimpfen.“ (Aus dem Aufsatz „Unser Wandern“, Steglitz 1909, gefunden ebenda)

Trotzdem meldete sich Fischer beim Ausbruch des 1. Weltkrieges als Freiwilliger, um schon nach kurzer Zeit am 10. November 1914 beim Sturm auf Langemarck den Tod zu finden.

Sonntag, 17. März 2019

Sonniger Sonntag im Vorfrühling



Sonniger Sonntag im Vorfrühling

Auf dem kleinen Stücklein Nachbars Wiese hinterm Haus,
dies Flecklein grün, da blühn gelb und bunt Kroküsschen,
und ich spitze meinen Wundermund und atme aus
und pfeif´ und sing und brabble ein paar Stüsschen.

An den Haselsträuchern baumeln schon die Kätzchen rum,
und auch mir ist tatenarm gedankenlos nach Hängen,
nach Ausdehnen in der Wärme, und es treibt mich um,
dass es die Männerblüten sind. Ich kann es nicht verdrängen.

Die Frauen, scheinbar unscheinbar, verstecken sich als rote Narben
im Astgewirr, ich muss schon genauer schauen, sie zu entdecken.
Doch einmal gefunden, ist das Rot so kussmundfarben,

und ich passiv und windbestäubend möchte sie erwecken,
um mich an das hinzugeben, was da gerade ist, beziehungsweise
das hinzunehmen, dieses Sein. „Selig, selig“, sag ich weise leise.

Samstag, 10. Juni 2017

Das TAO des Töpfers

Töpfer-Skulptur im Töpferdorf Fredelsloh


„Dem Nachbar sah ich zu bei seiner Töpferscheibe -
Bewegung durch und durch -
Hier höhlt, dort füllte er; hier hub, dort drückt er nieder -
Wie wuchs aus ungestaltem Klump so ebenhell die Schal aus seiner Hand!
Rund ruhend lag sie da.
An Mutter Natur musst ich denken: in ewger Bewegung
lichtend des Wirrsals Weh,
lösend die Ballen, bildend aus allen, krausen und graden,
die runde Welt.
In währendem Weben, gleichend Füll und Mangel,
Lust und Last - die Beiden innig zum Dritten rundend,
Alles gesundend.“

Aus Gusto Gräsers (1979 - 1958) Nachdichtung des 11. Abschnittes des Tao Te King von Laotse. Gusto Gräser war Wanderer, Naturphilosoph, radikaler Lebensreformer und Pazifist, er lebte eine Zeit in einer Höhle am Monte Veritá, dort wurde er unter anderem von Hermann Hesse besucht, der dort einige Zeit verweilte und in ihm das Vorbild für seine Gautama-Figur in der indischen Erzählung "Siddartha" fand.

Gusto Gräsers Nachdichtung des Tao Te King ist sehr eigenwillig und spiegelt auch vieles von dem, was Gusto selber empfand. Eine Neuausgabe der Nachdichtung erschien im Verlag Büchse der Pandora:

Tao: Das heilende Geheimnis.
Ein in den Wehen der Zeit wiedergeboren Menschheit-Buch
zur grohsen Heimkehr - Genesung - unsrer Welt.
Herausgegeben von Hermann Urspring.
Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar 1979
ISBN 3-88178-032-7

Der Nachdichtung zugrunde liegt die Übersetzung des Tao Te King von Richard Wilhelm. Dort liest sich die oben genannte Sequenz so:

Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.