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Freitag, 5. Juli 2024

Monte Verità - Der Traum vom einfachen Leben

 



Monte Verità - Der Traum vom einfachen Leben

Im Herbst 1900 wurden Henri Oedenkoven und Ida Hofmann gemeinsam mit Karl Gräser, Gusto Gräser und Lotte Hattemer nach einigen Wochen des Suchens in Ascona fündig und kauften das Grundstück auf dem Monte Monescia. Mit Zukäufen von anderen Eigentümern erwarben sie vier Hektar. Sie gründeten ihre «vegetabile Cooperative», eine Siedlungsgemeinschaft auf zunächst veganer und später vegetarischer Grundlage, und gaben dieser 1902 den Namen Monte Verità. Hinter diesem Namen verbarg sich nicht der Anspruch der neuen Eigentümer, im Besitz der Wahrheit zu sein. Vielmehr sollte der neue Name das Bemühen, wahrhaftig zu leben, zum Ausdruck bringen.


Auf Arte gab es eine gute Dokumentation darüber, die jetzt wieder im Netz ist.

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Zum Andenken an Gusto Gräser: Über Kindererziehung

 



„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.

Die Eremiten rund um den Monte Verità waren allesamt keine Leib- und Liebesverächter, im Gegenteil  . . .  So notiert Adolf Grohmann 1903 auch von Gusto Gräser: "Er hat vor, sein Felsenheim zwar klassisch einfach, aber doch malerisch und gemüthlich auszugestalten aus allerhand Siebensachen, die er sich zusammensucht, und dann eine Lebensgefährtin zu suchen, ein braves und schönes Felsenweib, das er gewiss noch finden wird, denn er ist ein schöner Mann und von der grössten Liebenswürdigkeit, offen, wahr und treu"

Adolf Grohmann: Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Halle a. S. 1904.


Gusto Gräser will das Wort "Erziehung" ganz abgeschafft wissen, will es durch "Räumung" ersetzen. Es geht ihm darum, Raum zu schaffen für den jungen Menschen, für die Entfaltung aller seiner Möglichkeiten.

Zur
Kindheiterkeit
samt Dummlichkeit -
zu Räumung statt Erziehung.

*

Dort - allweil zügeln, zäumen:
"Du sollst, sollst nicht, du darfst".
Hier - Rahmen schaffen - Räumen, und:
"Treib, was Du bedarfst.“

*

Besser wild und ungezogen,
aber artig, herzensecht -
statt verbogen und verlogen, um die Blühekraft betrogen
und so "artig" wie ein Knecht!
Ob auch alle Zimprer quitschen und die ganze Tantschaft schreit,
Äppel, Birn' und Nüss' stibitschen und mit heiler Haut entwitschen -
das gehört zur Seligkeit!

*

Dort grausam weichliche Misshandlung -
hier mildfest führende Hand

*.

Dort lieblos laues Vielgered -
hier herzhaft biedere Weisung.

*

Dort viel und hohl -
hier wenig und wohl


Wir können diesen kurzen Ausflug in die gräsersche Kindheiterkeit beschließen mit dem Urteil des Augenzeugen Erich Mühsam. "Die Erziehung des kleinen Habakuk zu beobachten, wirkt dieser innerlich verlogenen Verbildung des Kindergemütes gegenüber, wie sie die besten Eltern im besten Glauben betreiben, einfach erlösend." Aus: Ascona. Eine Broschüre. Carlson, Locarno 1905 34f.

Zitiert aus: Der Zauberlehrling Otto Groß und Gusto Gräser, Hermann Müller 1998

Das Foto zeigt Gusto und Elisabeth Gräser mit Kindern auf einer Wanderung mit Pferdewagen

Donnerstag, 9. Februar 2023

Die Gärten, die Hütten bauen - Über Gusto Gräser

 

„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, Siebenbürgen war Künstler, Dichter, konsequenter Aussteiger, Pazifist, Wanderer, Urhippie.

Sein Bruder Karl war Mitbegründer einer der ersten Aussteigerkommunen, die im Herbst 1900 in der Nähe von Ascona (Schweiz) entstand, dem Monte Verità. Auch Gusto zog in diese Kommune, die er jedoch nach kurzer Zeit wieder verließ, um am Monte Verità als Einsiedler in einer Höhle zu leben.

Hermann Hesse lernte Gräser um 1900 kennen; dessen Gestalt und Denken wird schon in „Camenzid“ sichtbar. Im Frühjahr 1907 folgte der Dichter seinem "Freund und Führer" auf den Monte Verità, lebte mit ihm zusammen in einer Grotte der Südalpen, versuchte sich wochenlang, fastend und nacktlaufend, als Einsiedler in den Felsen. Zwar scheiterte dieses erste "Noviziat" an seiner eigenen Schwäche, doch nach zehnjähriger Entfremdung kehrte Hesse 1916 reumütig in die Arme des Freundes zurück. Im Zusammensein mit ihm erfuhr er eine seelische Wiedergeburt, die große Wandlung seines Lebens. In Gräser erlebte er den Führer zum eigenen Selbst, in dessen Frau Elisabeth ein Abbild der Großen Mutter.

Der ehemalige Kriegsfreiwillige wandelte sich jetzt zum entschiedenen Kriegsgegner und Vorkämpfer der Gewaltlosigkeit. Im zweiten Teil des „Demian“ hat er seine Erfahrungen dichterisch gestaltet, in Essays und Aufrufen seine neue Gesinnung dargetan.

Gusto Gräser lehnte den Kriegsdienst zum ersten Weltkrieg konsequent ab. Im Herbst 1915 aus Deutschland ausgewiesen, verweigert er in Österreich den Dienst an der Waffe, wird zur Erschießung verurteilt (die mit Platzpatronen vollzogen wird), landet für drei Monate als "asoziales Element" in der Irrenanstalt, um dann wieder in seine Höhle am Monte Verità zurück zu kehren.

1920 zog er mit einer „Neuen Schar“ aus jungen Männern und Frauen singend, tanzend und spielend durch Thüringen. (Diese "Junge Schar" wurde zur Blaupause für Hermann Hesses Erzählung "Morgenlandfahrt").

Zum zweiten Mal aus Bayern ausgewiesen, kam er 1927 nach Berlin, wo er im Anti-Kriegsmuseum von Ernst Friedrich arbeitete und lange Reihen von „Öffentlichen Gesprächen“ am Alexanderplatz abhielt.

Von Berlin aus zog er in einem Eselwagen mit seinem Schwiegersohn Otto Großöhmig durch Deutschland, seine Schriften verteilend und verkaufend. Die Fahrt im Eselwagen endete für Großöhmig nach der NS-Machtübernahme 1933 im Konzentrationslager. Nachdem Gräser selbst von den Nazis mehrfach verhaftet und mit Schreibverbot belegt worden war, wurde ihm der Boden in Berlin zu heiß. 1940 verkaufte er sein Wohnboot auf dem Seddinsee nahe Grünau und flüchtete nach München, wo er in den Dachkammern von befreundeten Professoren die Jahre des Terrors überstand, am Ende halbverhungert. In dieser Zeit entstanden seine späten Hauptwerke, das Siebenmahl und das an Stuttgart adressierte Brieflein Wunderbar. Er starb 1958 völlig vereinsamt und unbemerkt im Münchner Stadtteil Freimann.

Für mich ist Gusto Gräser ein Vorbild an Konsequenz und Einstehen für das eigene Denken, Handeln und Leben. Es gäbe noch so viel zu erzählen über ihn. Dankenswerterweise gibt es im Netz eine Seite über ihn. Zum Stöbern und Weiterlesen empfohlen: Gusto Gräser Info


"Erst wo wir hinter dem Grauen,
zum grünen Walde gesellt,
die Gärten, die Hütten bauen.
Bildung und Wildung trauen -
da erst tritt der Mensch
in die Welt!"

Das Foto zeigt Gusto Gräser 1945 in München



Samstag, 10. Juni 2017

Das TAO des Töpfers

Töpfer-Skulptur im Töpferdorf Fredelsloh


„Dem Nachbar sah ich zu bei seiner Töpferscheibe -
Bewegung durch und durch -
Hier höhlt, dort füllte er; hier hub, dort drückt er nieder -
Wie wuchs aus ungestaltem Klump so ebenhell die Schal aus seiner Hand!
Rund ruhend lag sie da.
An Mutter Natur musst ich denken: in ewger Bewegung
lichtend des Wirrsals Weh,
lösend die Ballen, bildend aus allen, krausen und graden,
die runde Welt.
In währendem Weben, gleichend Füll und Mangel,
Lust und Last - die Beiden innig zum Dritten rundend,
Alles gesundend.“

Aus Gusto Gräsers (1979 - 1958) Nachdichtung des 11. Abschnittes des Tao Te King von Laotse. Gusto Gräser war Wanderer, Naturphilosoph, radikaler Lebensreformer und Pazifist, er lebte eine Zeit in einer Höhle am Monte Veritá, dort wurde er unter anderem von Hermann Hesse besucht, der dort einige Zeit verweilte und in ihm das Vorbild für seine Gautama-Figur in der indischen Erzählung "Siddartha" fand.

Gusto Gräsers Nachdichtung des Tao Te King ist sehr eigenwillig und spiegelt auch vieles von dem, was Gusto selber empfand. Eine Neuausgabe der Nachdichtung erschien im Verlag Büchse der Pandora:

Tao: Das heilende Geheimnis.
Ein in den Wehen der Zeit wiedergeboren Menschheit-Buch
zur grohsen Heimkehr - Genesung - unsrer Welt.
Herausgegeben von Hermann Urspring.
Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar 1979
ISBN 3-88178-032-7

Der Nachdichtung zugrunde liegt die Übersetzung des Tao Te King von Richard Wilhelm. Dort liest sich die oben genannte Sequenz so:

Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.