Seiten

Dienstag, 22. September 2026

Deutungen: 22. September

 


Ich habe eine Weile gewartet, bis ich hier wieder weiter schreibe. Zum einen viel um die Ohren, zum anderen uninspiriert. In der Zwischenzeit ist eine Menge geschehen. Politisch: Zwei Landtagswahlen, eine Senatswahl und eine Kommunalwahl . An letzterer nahm auch ich teil, sowohl aktiv als auch passiv. Letzteres war nicht so erfolgreich, doch auch das ist okay.

Zu den beiden Landtagswahlen ist mittlerweile überall alles gesagt und geschrieben worden. Beziehungsweise, das wogt immer noch gewaltig hin und her. Unterhalb dieses Gewoges: Ich denke, es gibt überall Menschen ähnlich wie ich, und die haben es jetzt schwerer und schwerer. Dazu passt es, dass ich mich heute wieder einmal dem I-Ging gewidmet habe, und folgendes kam bei der Auszählung mittels der Schafgarbenstengel heraus (wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm) :


36. Ming I - Die Verfinsterung des Lichts

Die Sonne ist hier unter die Erde gesunken, daher verdunkelt. Der Name des Zeichens bedeutet eigentlich Verwundung des Hellen, daher die einzelnen Linien auch vielfach von Verwundungen reden. Die Situation ist genau die entgegengesetzte wie beim vorigen Zeichen. Dort ein weiser Mann an der Spitze, der tüchtige Gehilfen hat, mit denen er gemeinsam voranschreitet; hier ein finsterer Mann an maßgebender Stelle, durch den der Tüchtige und Weise geschädigt wird.


Das Urteil

Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.

Man darf sich auch von ungünstigen Verhältnissen nicht wehrlos mitreißen, nicht in seiner inneren Willenshaltung beugen lassen. Dies ist möglich, wenn man innerlich licht ist und nach außen hin nachgiebig und fügsam. Durch diese Haltung lässt sich auch die größte Not überwinden. Man muss freilich unter Umständen sein Licht verbergen, um trotz Schwierigkeiten in der unmittelbaren Umgebung seinen Willen durchhalten zu können. Die Beharrlichkeit muss im innersten Bewusstsein leben und darf nach außen nicht hervortreten. Nur so kann man unter Schwierigkeiten seinen Willen wahren.


Das Bild

Das Licht ist in die Erde hineingesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.

In Zeiten der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht durch rücksichtsloses Auftreten soll man sich nutzlos übermächtige Feindschaft zuziehen. Man soll in solchen Zeiten die Gewohnheiten der Menschen zwar nicht mitmachen, aber sie auch nicht kritisch ans Licht ziehen. Im Verkehr muss man in solchen Zeiten nicht alles wissen wollen. Man muss manches auf sich beruhen lassen, ohne sich darum betören zu lassen.

Das letzte Mal hatte ich dieses Hexagramm Mitte der Achtziger gezogen (ich berichtete), nun wieder heute, in etwas anderer Konstellation. Einen Tag vor dem kalendarischen Herbstbeginn (die Tage werden wieder kürzer und die Dunkelheit nimmt zu) und wenige Tage vor dem Septembervollmond (der Erntemond), der Viertelmond ist schon überschritten.

Also: Erst einmal alles sacken lassen. Und den letzten Absatz noch einmal wirken. Das Foto zeigt übrigens einen Spitzschuppigen Stachelschirmling (Echioderma asperum), gestern zu Hauf gefunden, als ich mit einer jungen Dame aus der Abraxas Kochschule auf Pilzpirsch war. Die Kochschule bekam von dem sechsjährigen Mädchen ihren Namen an einem anderen Tag, auch da waren wir auf Pilzpirsch, fanden aber nur eine Rabenfeder. Durch diesen Fund kamen wir auf den Namen, benannt nach dem Raben Abraxas aus dem Buch Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Der Name des obigen Pilzes klingt ähnlich wie der eines der Drachen, die Hagrid der Wildhüter manchmal heimlich bei sich aufzog. „Spitzschuppiger Stacheldrache“, hmhm, das klingt doch schon recht bös. Und so ist dieser Pilz giftig, hat sogar schon Todesfälle verursacht. Leider waren gestern wirklich essbare Pilze so gut wie nicht vorhanden. Aber hübsch ist er doch, der kleine Kerl, oder?

Abwarten, die Steinpilze, Maronenröhrlinge und Trompetenpfifferlinge kommen bestimmt noch. „In der Zeit der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein.“ Und geduldig.


Sonntag, 6. September 2026

Deutungen: 5. und 6. September

 


5. September

Heute zeigt sich die Sonne wieder.


6. September

Auf manches Tagesgeschehen möchte ich doch reagieren. Und dann fehlen mir gerade jetzt erst einmal die Worte.

Ich lebe gerne auf dem Dorf. Und heute habe ich die ersten Espenrotkappen gefunden auf den Weg in den Solling. Die Pilzsaison hat begonnen. Ich halte das für ein gutes Zeichen.

„Von Godwin über Owen bis hin zu Ruskin und Morris lebte in England der Traum einer Wiederherstellung der mittelalterlichen Dorfgemeinden, doch ohne den Feudalherren und mit den technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit. Die deutsche Sozialdemokratie träumte lieber von einem Zentralstaat, der von selbst sozialistisch wird.“

„Außer der Landwirtschaft, die alle gemeinsam ausüben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk“ (Thomas) Morus"

Aus Rainer Donner - Tu was du willst, im Kursbuch 52, Utopien I, 1978, kursiv im Original

Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür.“

Thomas Wolfe, aus: Schau heimwärts Engel, deutsch von Hans Schiebelhuth

Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Städten. Bevölkerungsverteilung: Im Jahr 2024 lebten etwa 77,9 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands in Städten oder Ballungsräumen. Nur 15 Prozent der Bevölkerung leben in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Allein in Jakarta (Indonesien) (41,9), Dhaka (Bangladesch) (36,6) und Tokio (Japan) (33,4), den drei größten Städten der Welt (Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Klammern), leben mehr Menschen als in der gesamten Bundesrepublik. (Statistisches Bundesamt 2025)


Freitag, 4. September 2026

Deutungen: 4. September

 



4. September

Heute morgen noch zuversichtlich im Flow - dann „der Tag als der Regen kam“, mit dem einsetzenden Regen veränderte sich die Tagesenergie ins melancholisch-herbstliche. In solchen Situationen lässt sich lernen, ob der trübe Tag tiefer in die Seele eingreift, oder ob die Hinnahmefähigkeit sich ausgebildet hat. Es gibt nicht nur Flut im Leben, doch wie weit eine Stimmung die Seele aufwühlt, liegt daran, wie tief ich mich einlasse. Dafür gibt es keine Roadmap, ich vermag darüber auch keine Chautauqua abzuhalten.

Noch einmal zurück zum gestrigen Posting. Auch ich hatte mich dem ersten Abschnitt gedanklich des Tao Te King angenommen. Inspiriert davon schrieb ich folgendes Gedicht:

Wandern (TAO)

Das Leben:
Ein Mäandern.
Ein Wandern.

Du deutest die Zeichen
in Dingen
am Wegesrand.

Hältst
Zauber
in der Hand.

Wer mit einer Wanderung beginnt,
weiß vorher nie,
wo sein Weg endet.

Ganz eins mit sich
verblasst die Phantasie,
doch ist kein Schritt verschwendet.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Benennen
meint nicht „Kennen“.
Beim Namen nennen
lässt
sich die Gegenwart nicht.
Hier wurzelt und beginnt
die Vielheit aller Wesen,
die gegenwärtig sind.

Wir treffen uns
im gegenwärtigen
Geheimnis.
Weder Dunkelheit noch Licht
lassen uns die Zeichen lesen,
wenn die Zeit
nicht namenlos verrinnt.

Ein unsichtbares Tor,
durch das hervor
die Wunder in das Leben steigen,
ein wundersamer Reigen
von blütengleichem Glanz
lädt uns zum Tanz,
wir tanzen das „Ist“, das „Sein“, das „Ich bin“,
namenlose Wogen tragen uns dahin.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Dies ist nun weniger eine Nachdichtung, schon gar keine Übersetzung, es ist das Echo meiner eigenen Seele auf das bei Laotse gelesene.

Hier ein von mir eingesprochenes Video dazu: Wandern (TAO)
Das Bild oben ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stifung als Nachlassverwalterin.

Donnerstag, 3. September 2026

Deutungen: 3. September

 


3. September

Heute einmal zwei Übersetzungen und eine (sehr) freie Nachdichtung des ersten Verses des Tao Te King. Die erste ist von Richard Wilhelm, die zweite „Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular, Insel-Verlag 1923, die (recht freie) Nachdichtung ist von Gusto Gräser.

Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.

Ich stelle die drei Texte erst einmal unkommentiert untereinander. Die Übersetzungen des Tao Te King sind Legion. Ich selber mag die von Richard Wilhelm, es war die erste, die mir in die Hand fiel, und ich war sechszehn Jahre alt, und ich war sofort begeistert. Es war, als hätte ich ein Stück geistige Heimat gefunden. Seitdem hat mich chinesische Philosophie und insbesondere der Taoiismus, aber auch die chinesischen Dichter, nie ganz los gelassen.


I

Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten


II

Die Bahn der Bahnen ist nicht die Alltagsbahn;
Der Name der Namen ist nicht der Alltagsname.
Unnambarkeit ist Wesen des Allüberall;
Nambarkeit ist Werden des Einzelnen.
Jedoch: klar siehet, wer von Ferne sieht,
und nebelhaft, wer Anteil nimmt.
Diese Grundwesenheit, zwiefältig, ist Eins
in der Erscheinung nur, zwiefacher Gegensatz.
Sie ist das Unergründliche,
das unergründliche Gründliche,
das Tor zum letzten Geheimnis.


III

Hörst Du?
Hör auf mit dem Krampfen und Krallen, lasse Dich ruhn -
Lass Dich getrost mit den treulichen Allen, wie der Thau
zu dem Grunde fallen,
daraus uns erwallet urheiliges Tun.
Wallfall mit TAO ins Leben!
- - -
Du stehst, Du staunst des unverstandnen Worts?
O will nicht verstehn!
Geh, geh vorüber, lass gehn, lass geschehen
und TAO wird Dich erheben, wie es mich erhebt,
das heimlich heilig in uns Allen lebt.
Athem Es aus und ein - athmend ahnst Du sein Leben.
Sog, sing oder jauchz Es, aber will es nicht nennen -
nimm nicht durch Namen Dir, Mir, was Es an Gaben
birgt und bringt.
Unnennlich ist das unendlich Eine, und nennlich ist nur
der vergängliche Teil ---
Ehre sein Dunkel, und sieh, sein Stern wird Dir blinken -
aber - ziehst Du ans Licht, musst Du in Trübheit versinken.
Hüt, o hüt das Geheimnis,
so wird das Geheimnis Dich hüten,
aber willst Du es sehen, muss es Dein Leben zerwüten.
Oh Du!
Traue getrost - und wonnig wirket sein Weben -
H ö r e a u f !
und innig beginnt sein helfend heilendes Leben.


Mittwoch, 2. September 2026

Deutungen: 2. September

 


2. September

Heute am frühen Morgen, auf dem Weg zur Backstube, schaute mich der Viertelmond milde durch einen Halo an, gerade so viel Licht spendend, dass Wald und Landschaft sanft eingetaucht war in eine Art Elfengespinst. Das war schon mal sehr schön, so als Tagesbeginn. Auf dem Rückweg dann, so zweieinhalb Stunden später, durfte ich dann noch ein vierblättriges Kleeblatt finden. So im vorbeigehen, am Wegesrand. Ich kann mich wie ein Kind über so etwas freuen.

Das Kleeblatt habe ich weitergegeben. An die Liebste. Dass es ihr Glück bringe. Und mir auch. Mit den vierblättrigen Kleeblättern und dem Glück ist das auch so eine Sache. Denn diese Kleeblätter bringen nicht per se Glück. Es gibt da einen Zauber: Du musst ein gefundenes vierblättriges Kleeblatt verschenken, dass es Glück bringe. Dem oder der Beschenkten. Über diesen Umweg dann wird es auch Dir Glück bringen, denn das Glück hat die Tendenz, sich zu vermehren, wenn es verschenkt wird.

Mir hat es auf jeden Fall Glück gebracht. Also, bis jetzt. Zwar heißt es, „man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, doch sehe ich das differenzierter. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend verfluchen“, so herum wird für mich ein Schuh daraus. Und die Zahl vier mag ich.

Da gibt es die vier Mondphasen, Neumond. Vollmond, dazwischen die Halbmonde, „Viertelmonde“ genannt, zu deren Zeiten jeweils ein Wandel zu geschehen vermag. Oft so etwas Banales wie ein Wetterwechsel. Dann gibt es die vier Elemente. Damit sind nicht die chemischen Elemente gemeint, so wie ein Spötter doch meinte, heutzutage gäbe es 118 Elemente. Das, was mit „Elementen“ gemeint ist, sind Seinsqualitäten. Wenn ich mich auf „vier Elemente“ beziehe, stelle ich mich in die Tradition der westlichen (europäischen) Philosophie. Die Natives Nordamerikas, welche in einer adäquaten Klimazone wie wir leben, haben eine ähnliche Grundlage. Auch bei ihnen gibt es Feuer (Wärme), Luft, Wasser, Erde.

Diesen vier Elementen sind jeweils verschiedene Seinsqualitäten zugeordnet, so zum Beispiel die vier Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter; auch die Himmelsrichtungen, Osten, Süden, Westen, Norden; und auch die Mondphasen: Der zunehmende Mond ist dem Element Feuer zugeordnet, der Vollmond dem Element Luft, der abnehmende Mond, der Neumond dem Element Erde.


Zu den vier Elementen werde ich mich in späteren Tagen gewiss noch weiter äußern, spielten sie doch in den Deutungen der Erscheinungen in anderen Zeiten eine große Rolle. Doch für den heutigen Tag gibt es noch weiteres zu berichten: Das Labyrinth in der Klosterkirche wurde wieder gelegt. Mit Kieselsteinen wurde ein Labyrinth gelegt, dass an das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres angelehnt ist, welches wiederum auf keltische Ursprünge verweist. Ich freue mich schon darauf, wieder flötespielend meinen Gang durch Labyrinth am Morgen zu tätigen. Ein kleines Ritual, das ich mir angewöhnt hatte in den Zeiten, als dieses eigentlich heidnische Symbol in unserer Kirche zu finden war. Nächstens mehr. . .

Das Foto ist von der Website der Klosterkirche Fredelsloh

Dienstag, 1. September 2026

Deutungen 1. September

 



1. September

Es gibt Zeiten, da geschehen die Dinge einfach. Das Geschehen ist einfach einfach. So in den letzten Tagen. Gutes Gelingen.

Das Sanfte. Durch Kleines Gelingen.
Fördernd ist es, zu haben, wohin man geht.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.

Eindringlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Es soll nicht durch Vergewaltigung gewirkt werden, sondern durch ununterbrochene Beeinflussung. Diese Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die durch Überrumpelung gewonnenen, aber sie sind nachhaltiger und völliger. Damit man auf diese Weise wirken kann, muss man ein klares Ziel haben; denn nur dadurch, dass die eindringliche Beeinflussung immer in derselben Richtung wirkt, wird etwas erreicht.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es sich einem bedeutenden Manne unterordnet, der die Fähigkeit besitzt, Ordnung zu schaffen
.“, war die Botschaft meiner letzten I-Ging-Ziehung. (Hier wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm). Nun bin ich kein Alpha-Männchen, doch auch niemand, der sich irgendeinem noch so bedeutenden Manne unterordnet. Ich bin gerne bereit, Weisungen von Menschen zu folgen, sei es Frau oder Mann, welche ich in der Sache als kompetent und leitend sehe. Und ich sehe auch diejenigen, die mir fördernd entgegen kommen. Da brauche ich mich nicht einmal unterzuordnen. So versuche ich meine Deutung einmal anders: „Das Sanfte. Durch kleines gelingen. Förderns ist es, ein Ziel zu haben. Fördernd ist es, gute Helferinnen und Helfer zu haben.

Beharrlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Tätigkeit kann als Vorbild gewonnen werden. Die nachhaltigen Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die, welche durch Überrumpelung und Überredung gewonnen werden. Damit auf diese Weise gewirkt werden kann, ist ein klares Ziel vonnöten, so kann die Beharrlichkeit immer in die selbe Richtung wirken und etwas erreichen.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es nicht blind an den Helferinnen und Helfern vorbei geht. Förderlich ist es, zu erkennen, von wo die Hilfe kommt. Förderlich ist es, Ratschläge anzunehmen und förderlich ist es, jene das tun zu lassen, was sie besser können als einer selber. Richtig eingeordnet lässt sich so Ordnung schaffen
“.

Heute ging es in angemessenen Schritten weiter mit dem Schaffen der Ordnung in die gesehene Richtung, und es kam jeweils zum richtigen Zeitpunkt die gebrauchte Hilfe an. Wer sieht, kann auch annehmen. Dann ist Nehmen seliger denn geben.

Montag, 31. August 2026

Deutungen: 30. und 31. August

 



Beim heutigen Datum angekommen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass "Deutungen" kein Tagebuch im herkömmlichen Sinne ist, dass durchaus Tage übersprungen werden, an denen hier nichts geschieht. Oder Posts zu anderen Labels. Also: nicht Tagebuch, nicht innerer Monolog, nicht Literatur; schreibe ich einiges an Tagesgedanken auf.


30. August


Heute am Morgen schon eine interessante Begegnung gehabt. Auf dem Weg zur Klosterkirche, die ich morgens aufschließe und abends wieder zu, kam ich an einer Bank mit Tisch vorbei, die für rastende Wandernde aufgebaut wurde, nahe der Durchgangsstraße. Auf der Bank saß ein Mann, offensichtlich Rentner sie ich, vielleicht etwas älter als ich, schwer einschätzbar, bärtig, in Fahrradkluft und mit einer Warnweste in rot angetan, ein Stück weiter sein Fahrrad geparkt. Radler auf Tour und Durchreise. Ich grüßte ihn, wie man auf dem Dorf so grüßt. Er grüßte knapp zurück, zeigte dann auf den Boden, wo ein paar Reste, die andere Verweilende zurückgelassen hatten, herumlagen. Er zeigte darauf, vorwurfsvoll, und dann mit dem gleichen Vorwurf in der Stimme sage er: „Gestern war das hier noch sauber!“ So, als wäre ich dafür verantwortlich, dass dem jetzt nicht mehr so ist (und wahrscheinlich auch für alles Unbill der Welt, was auf ihn zurückgefallen war). Ich hatte es eilig, weil ich schon etwas spät dran war, und sagte nur: „Dann räum das doch weg!“. Eigentlich hätte noch der Nachsatz „wenn es Dich stört“ dazugehört, doch da war ich schon weiter.

Nach dem Aufschließen der Kirche ging ich noch einmal zurück, der Radwanderer war fort, der Müll noch da. Drei zerknüllte Getränkedosen, ein Stück Verpackunspapier und eine Wasserflasche, wo sogar noch Pfand drauf war. Hat nicht einmal eine Minute gedauert, das alles einzusammeln und in den Papierkorb zu verfrachten, der zu dem Ensemble von Bank und Tisch dazu gehörte.

Ich werde diese Begebenheit jetzt nicht weiter kommentieren. Nur so viel: Der Pfand der Flasche beträgt 25 Cent. Das Aufsammeln hat nicht einmal eine Minute gedauert. Sie zum nächsten Pfandautomaten bringen, ist keine Extraarbeit, denn ich bringe meistens einmal die Woche meine gesammelten Werke zu besagtem Automaten. Ich habe das mal durchgerechnet, es würde einen Stundenlohn ergeben, der über dem Mindestlohn liegt.

Heute dann zu dritt an dem Hochbeet für Kräuter weitergearbeitet, die wir in der Wilden Sollingküche verarbeiten wollen. Im Anschluss in der Klosterkirche mit unserem Ensemble für einen Auftritt in dieser Kirche im November geprobt. Unter anderem singen wir dafür die ersten sechs Zeilen des Dies Irae:

Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.

Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!

(Tag des Zornes, jener Tag
wird die zeitliche Welt in Asche auflösen
gemäß dem Zeugnis Davids und der Sibylla.

Welch großes Beben wird sein,
wenn der Richter erscheint
zur strengen Prüfung von allem
.)“

So ist mir an diesem Tag allerlei begegnet: ein muffiger Rentner, Arbeit an der Zukunft anhand eines kleinen Gartens, das Singen des Anfangs eines Hymnus über das jüngste Gericht, in all das schwingt die Aussage meiner Ziehung des chinesischen Orakels mittels Scharfgarbenstängeln zum Erntemond mit, und die diesjährige Ernte für die dreigestaltige Göttin. Möge das deuten, wer will.


Edit: „Was, wenn unser Gehirn Bewusstsein nur empfängt – und nicht erzeugt?

Ein roter Apfel ist zunächst nichts Besonderes. Licht trifft auf die Netzhaut, Nervenzellen senden elektrische Signale, das Gehirn verarbeitet Formen und Farben. Doch irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das bis heute niemand vollständig erklären kann: Aus elektrischen Impulsen entsteht das persönliche Erleben von Rot.

Dazu kommen Gedanken, Erinnerungen, Schmerz, Angst oder das Gefühl, überhaupt ein Ich zu sein. Seit Jahrzehnten versuchen Neurowissenschaftler, zu verstehen, wie das Gehirn Bewusstsein hervorbringt. Christof Koch vom Allen Institute in Seattle beschäftigt sich seit Langem mit dieser Frage.

. . .

Inzwischen hält er es für denkbar, dass das Gehirn Bewusstsein gar nicht erzeugt. Es gehöre vielmehr zu den grundlegenden Eigenschaften der Wirklichkeit, während das Gehirn bestimmt, wie es erlebt wird.
“ (Aus einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 30. 8. 2016)


31. August


Heute am frühen Morgen, als ich unterwegs zur Backstube war, begrüßte mich eine Fledermaus. Ich winkte gerade dem abnehmenden Vollmond zu, als sie knapp über meine Hand hinwegflog. Ob sie diese für ein zu groß geratenes Insekt hielt, weiß ich nicht, ich fand es nett. Als ich auf dem Hof ankam, flatterte da eine weitere herum, zog ihre Zickzack-Elipsen über den Hof, verschwand für eine Weile durch ein offenes Scheunentor, um dann davon zu flattern. Ich fand das eine nette Begegnung für den Morgen, die mich fröhlich stimmte. Sehr viel fröhlicher als ein muffiger Rentner am Morgen.

Während meines Ganges sinnierte ich wieder einmal über „unsere“ Herrscher und ihre Legitimation(en). So einfach wie beim Kaiser von China, der eben vom Himmel installiert und gottgegeben war, ist es heute nicht mehr. Auf jeden Fall für die meisten, obwohl der eine oder andere schon wieder Dynastien einführt oder so etwas einführen möchte. Also soll die Legitimation vom Volke aus kommen, und dafür werden Wahlen angeboten. Selbst die 90 % und mehr–Diktatoren wollen sich so ihre Legitimation erschleichen, auch wenn dann zum Wahlergebnis kräftig nachgeholfen wird. Die Opposition in Haft zu nehmen ist da nur eine mögliche Methode. Ist die Wahl dann gewonnen, hat doch wieder „Gott“ gewaltet, oder, falls der nicht kompatibel ist zu der nach außen getragenen Weltanschauung, die „Vorsehung“. Auf jeden Fall sollte da etwas Höheres im Spiel sein. Und für die in Abstufungen folgenden Minidiktatoren der Verweis auf die höchste Macht da oben, der Gottgegebene vom heiligen Volke gewählte vorgesehene.

Das ist eine Variante von Demokratie: Der vom Volke bestätigte Gottgesandte. Es gibt da noch andere, wie zum Beispiel die direkte Demokratie oder die repräsentative Demokratie, in der das Volk politische Entscheidungen nicht direkt trifft, sondern durch gewählte Vertreter ausübt. Welche je nach der Verfassung mehr oder weniger unkontrollierte Macht ausüben können. Henry Mencken, ein amerikanischer Satiriker, schrieb im Baltimore Evening Sun am 26. Juli 1920 dazu folgendes: „Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines großen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weiße Haus mit einem wahren Idioten und narzisstischen Irren besetzt sein.“ Da hatte jemand keine große Meinung von den einfachen Leuten, auch wenn sich der letzte Teil der Aussage heute bestätigt hat. So klingt das schon wie eine Prophezeiung.

Ich persönlich habe eine andere Meinung zu dem Gros der einfachen Leute (zu denen ich mich auch zähle). Doch leider laufen Mehrheitsbeschlüsse etwa so: 60 % Wahlbeteiligung derjenigen, die wählen gehen dürfen (Kinder bis achtzehn Jahre sind da ausgeschlossen), wenn sich da eine knappe Mehrheit konsolidiert, dann kommen wir auf vielleicht 35 % der gesamten Menschen einer Gesellschaft, unter Umständen noch weniger, welche die bestehende Regierung gewählt haben (oder den Präsidenten). Ich weiß schon, warum ich Konsensdemokratie präferiere, auch wenn diese wohl Utopie bleibt.

Was noch? Heute Apfelkuchen backen mit den Kindern, sechs und sieben Jahre alt, sechs das Mädchen, sieben der Junge, erstes und zweites Schuljahr. Das Schälen und zerkleinern der Äpfel vermochte noch die Konzentration zu binden. Auch das Ausrollen des Teiges und das Belegen, obwohl da das Mitwirken schon etwas nachließ. Dann Pause, die Kuchen im Ofen, in der Spielecke werden aus verschiedenen Materialien Waffen gebaut, und der Krieg geht los. Mit vielerlei Munition, Raketen und was sonst noch so herumspukt. Dazwischen Organisation für Proviant, Versatzstücke aus Harry Potter Filmen, zschhhh und fitschhh, „Opa, ich hab Durst“, „Dürfen wir nach draußen auf den Spielplatz?“. Ja, sie dürfen. Mal sehen, wann sie wieder reinkommen. Es regnet gerade.


Die Illustration oben unterliegt folgender Lizenz: CC BY-SA 3.0