Seiten

Sonntag, 1. November 2026

Aus der Wortwerkstatt: Fraglos nicht Fragenlos

 



Fraglos nicht Fragenlos


„Wowo ist die Frage auf die Antwort des Dada“
(„WoWo“ Künstler Friedhelm Kändler)

Ich tändle noch mit tausend Fragen,
unverantwortlich unbeantwortet,
es wundert mich, dass keine Gewissensbisse an mir nagen,
bin wohl anderswo verortet
nicht von dieser Welt.

Vor dem Haus färben sich die Blätter von den Linden,
gelb um gelb vergilbt das Grün,
auch sind die ersten Töne braun zu finden,
bald werden all die Blätter fliehn,
wenn eins ums andere nicht mehr am Baume hält. 

Doch noch mag ich die sanften Töne,
sie lächeln mir zu, wenn ich aus dem Fenster schau,
bald bleiben nur noch dürre Zweige, notabene,
Silhouetten, dahinter Himmelgrau,
ich hab mein Sach´ auf nichts gestellt.

So ist mir heut auch nicht nach Philosophieren,
ich lass die Fragen Fragen sein,
die Antworten bekommen wir früh genug zu spüren,
wir reden uns die Zukunft klein,
bis sie uns auf die Füße fällt.


Das Aquarell „Herbst“ ist von Judith Zahn-Dahlen, Fredelsloh

Deutungen: 1. November 2026

 


1. November 2026


„I don´t believe in I-Ching“, John Lennon, in seinem Lied God von 1970.

Der Song ist zu hören auf dem ersten Soloalbum von John Lennon nach seiner Trennung von den Beatles. Ein Statement der Ernüchterung und des Rückzuges. Am Ende heißt es in dem Lied:

„The dream is over
What can I say?
The dream is over
Yesterday
I was the dream weaver
But now I'm reborn
I was the Walrus
But now I'm John
And so, dear friends
You'll just have to carry on
The dream is over.
“

Das war nicht der erste Rückzug dieser Generation. Während das Hippie-Ding so richtig groß wurde und weltweit überschwappte, nach dem Monterey-Festival Juni 1967, wo sich den Managern der Musikbranche das kommerziell riesige Potential dieser Bewegung offenbarte, am 6. Oktober des besagten Jahres und in dem auf den summer of love folgenden Herbst, zog eine seltsame Karawane durch das Viertel Haight-Ashbury in San Francisco. Hippies schleppten einen Sarg durch die Straßen und trugen ihre eigene Bewegung symbolisch zu Grabe. Viele von ihnen fanden sich in der folgenden Zeit in Landkommunen wieder. Rückzug.

So geht es nun im Buch I Ging (weiterhin in der Übersetzung von Richard Wilhelm) mit dem Zeichen Nr. 33 „Rückzug“ weiter:

Das Urteil

Der Rückzug. Gelingen.
Im Kleinen ist fördernd Beharrlichkeit.

Die Verhältnisse sind so, dass die feindlichen Kräfte, durch die Zeit begünstigt, im Vorrücken sind. In diesem Fall ist der Rückzug das richtige, und eben durch den Rückzug erlangt man Gelingen. Der Erfolg besteht darin, dass man den Rückzug richtig auszuführen vermag. Rückzug ist nicht zu verwechseln mit Flucht, die auf weiter nichts bedacht ist als Rettung unter allen Umständen. Rückzug ist ein Zeichen von Stärke. Man darf den rechten Moment nicht versäumen, solange man in vollem Besitz von Kraft und Stellung ist. Da versteht man rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu deuten und bereitet einen zeitweiligen Rückzug vor, statt sich in einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod einzulassen. So räumt man auch dem Gegner nicht ohne weiteres das Feld, sondern erschwert ihm das Vorrücken, indem man im einzelnen noch immer Beharrlichkeit zeigt. Auf diese Weise bereitet man im Rückzug schon den Umschwung vor. Die Gesetze eines solchen aktiven Rückzugs zu verstehen, ist nicht leicht. Der Sinn, der in solcher Zeit verborgen liegt, ist bedeutend.

„Angezogen von der Philosophie und den Idealen der Hippiebewegung strömten dann Tausende von jungen Leuten der ganzen USA in den Stadtteil Haight-Ashbury in San Francisco, um daran teilzunehmen – unter anderem deshalb wird das Jahr 1967 als „Höhepunkt der Hippiebewegung“ angesehen.

Aus vielen der viktorianischen Häuser des Haight-Ashbury-Viertels wurden offene Wohngemeinschaften, teilweise auch mit künstlerischer (Family Dog) oder musikalischer (Grateful Dead) Ausrichtung. Die Diggers, eine Aktionsgruppe, deren Ethik „Free. Free everything“lautete, verteilten in Free Stores Lebensmittel. Sie benannten sich nach den Diggers, einer englischen Dissidentengruppe des 17. Jahrhunderts, und die Free Stores sind die Vorbilder für die heutigen Umsonstläden.

Da sich viele Ärzte weigerten, Hippies zu behandeln, und diese oft auch nicht das Geld dazu hatten, wurde am 7. Juni 1967 die erste Free Clinic eröffnet. Free bedeutete nicht nur ‚kostenlos‘, sondern auch ‚unbürokratisch‘ und ‚vorurteilsfrei‘.“ (Wiki)

Dadurch, dass das Viertel in San Francisco von (jungen) Menschen aus den gesamten Vereinigten Staaten förmlich überrannt wurde, ließen sich diese Strukturen nicht erhalten. Aber auch der Trubel um die Bewegung und die Toruristisierung des Viertels trug zum Rückzug der Protagonisten bei. Auf dem Lande in Kommunen und in kleineren Strukturen ließen sich die Ideale eher aufrecht erhalten. So baute sich dort ein Netzwerk auf. Derweil ging die Kommerzialisierung der Bewegung unaufhaltsam weiter bis zu einem Höhepunkt, dem Woodstock-Festival 1969. Und danach ging es dann verhältnismäßig schnell bergab, politisch entkernt, wurde alles zur kulturellen Beliebigkeit. Doch im Kleinen, im Rückzug, überlebten einige der Strukturen. Bis heute.

Zum Foto oben: The Death of the Hippie funeral event and procession would start at the Psychedelic Shop on Haight and proceed on to Buena Vista Park October 6, 1967

Peter Breinig / The Chronicle 1967

Samstag, 31. Oktober 2026

Deutungen: 31. Oktober 2026

 


31. Oktober 2026

Rückzug - Einen Tag, bevor der November beginnt. Ich habe heute wieder einmal mit meinen Schafgarbenstengeln gespielt, ausgezählt, am Küchentisch, und heraus kam am Ende die 33, Rückzug, ohne Wandlung. Hier wieder zitiert aus dem I Ging in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

33. Dun - Der Rückzug

oben Kiën, das Schöpferische, der Himmel

unten Gen, das Stillehalten, der Berg

Die Kraft des Schattigen ist im Aufsteigen begriffen. Das Lichte zieht sich vor ihr in Sicherheit zurück, so dass jene ihm nichts anhaben kann. Es handelt sich bei diesem Rückzug nicht um menschliche Willkür, sondern um Gesetze des Naturgeschehens. Darum ist in diesem Fall der Rückzug die richtige Art des Handelns, die die Kräfte nicht aufreibt. (Hierzu gibt es eine Anmerkung des Übersetzers: „Es ist ein ähnlicher Gedanke in dem Zeichen ausgedrückt wie in dem Wort Jesu: Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel (Math. 5, 39).“ Die zeigt, dass Richard Wilhelm den christlichen Missionar nie ganz ablegen konnte. Ich selber interpretiere "Rückzug" ganz anders. Dazu später vielleicht mehr.)

Als ich die Auflösung las, dachte ich sofort: Das passt! Mein entzündetes Knie, das mich zur Zeit immer noch an die Wohnung bindet, tägliche Wanderungen zwischen Klo, Küche und Bett sind möglich, auch schon mal ein Gang ums Haus, doch das war es dann auch vorerst. Und auch in anderer Hinsicht ist Rückzug die Wahl der Stunde. Da ich nicht weiß, ob ich alle Tätigkeiten weiterhin ausüben kann, werde ich wohl einige streichen, die das Knie über Gebühr belasten. Das bedeutet schon eine tiefgreifendere Umgruppierung in meinem persönlichen Leben. Durch das Wegfallen von Tätigkeiten wird wiederum Zeit frei gesetzt, die für anderes Attraktives genutzt werden kann.

Es steht da auch noch darunter: „Als Monatszeichen ist das Hexagramm dem sechsten Monat (Juli-August) beigeordnet, in dem die Winterkräfte schon wieder anfangen, ihre Wirkung zu zeigen.“ Doch für mich passt ein Rückzug im Rahmen der „Gesetze“ des Naturgeschehens viel besser zu dem heutigen Tag, und zu der Kehrtwende des Jahres rapide in die dunkle Zeit. Eben in die Zeit des Rückzuges. Des Jahreszeitlichen Rückzuges.

Dazu schrieb ich einmal: Der Garten ruht. Es gibt dort allenfalls an milderen Tagen im Januar oder Februar das Schneiden der Obstbäume zu tätigen. Eigentlich ist alles auf Ruhe eingestellt, welche der Körper auch dankbar annehmen möchte nach den vielfältigen Arbeiten im Herbst. Die Speisekammer ist gefüllt, die Äpfel und Kartoffeln lagern, die Gläser und Gläschen mit Kompott, Marmeladen und Fruchtmusen harren des Öffnens, um eine Ahnung von Sommer in die Küche zu bringen, in der Teekanne duftet der im Frühling und Sommer gesammelte "Tee der Landschaft und der Jahreszeiten". Das Sonnenlicht ist weniger, und wer weiterhin in vollem Ausmaße den Arbeiten nachgehen möchte, welche diese Zivilisation erfordert, wird über kurz oder lang häufig von der soganannten "Winterdepression" eingeholt.

"Winterdepression". Wieder wird hier meines Erachtens ein natürliches Empfinden des Körpers, der Rückzug aus der Aktivität des Frühjahrs und des Sommers, zu einem Krankheitsbild umgedeutet. Dann überschlagen sich die Artikel populärwissenschaftlicher Art in den Journalen, Apothekerzeitschriften vornean, mit allen möglichen Tipps, wie dieser Krankheit oder Unpässlichkeit beizukommen sei.

Ich empfehle: Winterpause

Prof. Dr. Marianne Gronemeyer stellte in einem Aufsatz die Frage: "Wieviel Arbeit braucht der Mensch?" (2008, auf ihrer Homepage):


"In früheren Zeiten, als unsere Ahnen noch das zum Leben Notwendige zusammenjagten und -sammelten, war diese Frage leicht beantwortet, wenn sie sich denn überhaupt stellte: Man musste so lange ‚arbeiten' bis man satt zu essen hatte. Es wäre vollkommen sinnlos, ja sogar in höchstem Maße existenzgefährdend gewesen, wenn man versucht hätte, ein Mehr zu erwirtschaften durch mehr Arbeit; denn ihr Dasein konnten unsere frühen Vorfahren nur sichern, wenn sie sich ihre Beweglichkeit erhielten, unbehindert von einem Ort zum andern ziehen konnten, um das Lebensnotwendige zu finden."

Und: "Noch in der bäuerlichen, sesshaften Lebensweise ist die Frage danach, wie viel Arbeit der Mensch braucht, offenkundig verrückt. Arbeit braucht man nicht, die hat man, und das einzige was über sie zu sagen ist, ist, dass sie getan werden muss. Arbeit ist nicht Gegenstand des Begehrens, sondern das Mittel, das dazu taugt, sein Dasein zu fristen. Sie ist ein notwendiges Übel oder einfach nur notwendig, und sie wird vom Winter, vom Feierabend und Festtag unterbrochen. Das Gegenstück der Arbeit ist also die Muße."

(Geschrieben Mitte Januar 2013)

Ja, und die Muße im Rückzug braucht es, um neu zu sortieren. Alles im Lot.


Das Bild ist von Gustav Wunderwald (1882 - 1945)


Freitag, 30. Oktober 2026

Erlesenes: Jakob van Hoddis - Von Mir und vom Mich

 



Immer noch aufgrund einer Entzündung im Knie an Haus und Bett gefesselt grabe ich weiter Texte aus, um mich zum einen zu unterhalten, zum andern um mich abzulenken und zum dritten um etwas zum Nachdenken zu haben. Bei folgendem Text kommt alles drei zusammen:


Von Mir und vom Mich


Von Jakob van Hoddis

Motto: Seltsam, wie hier der Verstand
           An mir hämmert, an mir hirnert,
           Selbstsadistisch arrogant,
           Selbst den Stirner unterstirnert.

Cogito ergo sum: Das Denken ist kein Beweis für das Ich, sondern das Ich ein Postulat des Denkens.
Ein Bild und eine Erfahrung: Am fernen Ufer singen die Sirenen. Wohl weiß Odysseus, Lüge ist es, was die Dichter von ihren gierigen Vogelkrallen berichten. Hold und lieblich wäre es, bei ihnen zu wohnen. Er sehnt sich hinüber.
Aber Glied um Glied ist er am Maste seines Schiffes angekettet. Nicht von Freunden, die uns ja so oft vom Schönsten entfernt halten - um unseres Besten willen - ! Vergessene Wünsche, längst schal gewollter Wille, törichte Knabensehnsucht - daraus ist eine Kette geschmiedet, die unsichtbare, unzerreißbare, die bei jedem Aufbäumen tiefer in sein Fleisch einschneidet. Der Fessel des nordischen Feuergottes vergleichbar.
Und am Steuer sitzt der Traum seiner selbst, der lang schon tote.
Du sagst: „Lieber der Sklave eines Menschen, denn der Halbaffe einer Idee!“ Schön. Wie steht es mit dem Halbaffentum der Ichidee?
Ein anderes bin ich, der ich bin (Ur-Ich),
ein anderes das Ich, das ich denke (Ich-Idee)
Oder: Das Urich = Postulat des Denkens,
Die Ichidee = Objekt des Denkens.
Die erste Gleichung: das entschleierte Bild von Sais
Die zweite Gleichung: der schimmernde Schleier des Grausigsten.
Und da kam der Pedant der Innerlichkeit und schrie mich an: Was tust du den Mund auf, du Unheiliger! Weißt du nicht, dass das Wort den Gedanken nicht formt, nicht formt, sondern umformt! Dass es den glühenden Strom des Schmerzlichsten und Freudigsten zu buntem Glaswerk erstarren lässt?

„Das Wort ist ein eigenwilliger Herr. Warum begibst du dich unter seine Herrschaft?“
Ich antwortete: „O Prophet! Wahrlich, du bist ein König ohne Kamarilla! Wohl beherrscht mich das Wort. Aber es ist nicht mein Herr. Es ist mein Scherge.“
„Wissen sie übrigens, wer der Pfeil der Eleaten ist, von dem die Schulmeister so Wunderliches berichten? Der traf und sich doch nicht bewegte, der flog und doch ruhte? Der Pfeil ist das Wort.“
Das Wort als Scherge. Oder: Die Sprache ist die Bureaukratie der Seele.
Ebensowenig wie man in Worten zu denken braucht, braucht man in Worten zu dichten.
Man braucht wahrscheinlich die Idee zum Kunstwerk, wie den Bast zum Kränzewinden. Aber der Bast ist selten das Schönste am Kranz.

Im Kunstgewerbe erfüllt die Zweckmäßigkeit die befruchtende Funktion der Idee.
Für den Dichter ist die Denkkraft auch ein Sinn.
Auch die an Sich selbst - an der Ichidee - ist ein poetisches Erlebnis.
Wünschen ist Selbstpoetik.
Der Genusswert der Philosophie, jeder indirekte, jeder eingebildete Genuss, jede Macht- und Tatenfreude ist in der Ichpoetik begründet.
So ist die Beziehung zwischen Kunst und Leben wieder hergestellt. Denn Kunstwerk am Kunstwerk bildet sich das Leben an der Dichtung und die Dichtung am Leben. Wie sich Fackel an Fackel entzündet.
Der ästhetische Ichthyosaurus sucht ein festes - also begreifliches Verhältnis zu seiner Ichidee.
Er zieht sich Eigenschaften an. Die kann er sich merken. Da weiß er, was er an sich hat.
Er wird zum Charakter, zur Persönlichkeit, zum Original.
Wir aber sind uns in jedem Augenblick ein Anderes, stets Unbegreifliches.
Wir fühlen uns, ohne uns zu definieren.
Er wird zum Halbaffen seiner Ichdefinition.
Wir werden uns zum Dämon.
Es gibt kein höheres Dasein, als das Unbegreifliche, und Homer ist sein Prophet.

Postskriptum:

Das Ur-Ich und die ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee;
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blass.
Da sprach das Ur-Ich zur Ichidee:
„Was wandelst du im grünen Klee?“
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
„Ich wandle nur auf deiner Spur,“ -
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.

Aus: Die Aktion, Nr. 52, 27. Dezember 1913

Ein Text, den sich ein bekiffter Zen-Meister ausgedacht haben könnte. Ein Zen-Koan auch: „Triffst du Buddha unterwegs, so töte ihn“ - „Da, Freunde, hub sich große Not: Ich schlug mich gegenseitig tot.“ Zu lesen in einsamen Nächten rund um den Vollmond. Zenon von Elea dachte über die Wirklichkeit von Bewegung nach. Zenon sagt, ein fliegender Pfeil nehme in jedem Moment seiner Flugbahn einen bestimmten, exakt umrissenen Ort ein. An einem exakt umrissenen Ort befinde sich der Pfeil in Ruhe, denn an einem Ort könne er sich nicht bewegen. Da sich der Pfeil in jedem Moment also in Ruhe befinde, müsste er sich insgesamt in Ruhe befinden.

„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache „des Menschen“. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie u.s.w., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin.“ Max Stirner, aus: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1845

„Der Stock überwindet entweder den Menschen oder der Mensch überwindet den Stock.“ Derselbe dortselbst. Ließe sich noch sagen, in Mehrzahl: Die Kriege überwinden entweder die Menschen oder die Menschen überwinden die Kriege.

John Höxter, ein Zeitgenosse von van Hoddis meint dazu:

Ich will das Wie nicht wissen noch das Was;
Den Nießnutz nur von Ja und Nein (für Nass!),
Den echten Schein der Summe des Seins,
Der Dreiheit, der Zweiheit und der Eins.
(Die Drei dehnt des Denkens dunkle Dimension,
Zwei spiegelspaltet, Zwist und Zwang zum Lohn,
Die einsame Eins kann nichts weiter tun
Als im Überallhier immernun zu ruhn.)


Jakob van Hoddis, geboren als Hans Davidsohn am 16. Mai 1887 in Berlin, expressionistischer Lyriker. Sein bekanntestes Werk ist das Gedicht „Weltende“. Ab 1915 war van Hoddis wegen Psychose in ständiger ärztlicher Behandlung. Am 29. September 1933 wurde Jakob van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Die Illustration ist von Alexandre de Riquer (1856 - 1920)

Deutungen: 30. Oktober 2026

 


30. Oktober

„Erwähnt sie nicht, denn erwähnen nährt den Wahn“

Selbstverständlich weiß ich, was weltweit vor sich geht. Dass Oligarchen und Milliardäre die Welt unter sich aufteilen, und dafür bereit sind Kriege zu entfachen, Medien und somit Menschen manipulieren, dass Gewalt und Brutalität wieder en vogue ist, um Ziele durchzusetzen, welche letztlich zerstörend sind, sekundiert von Hasswellen in den Kommentarspalten der virtuellen Medien. Dass der Krieg in der Ukraine die Blaupause der zukünftigen Verteilungskämpfe markiert, ein immenses Schlachtfeld, um die Waffen der Zukunft auszuprobieren. Da träumen die Ewiggestrigen noch von Panzerschlachten, während an den Himmeln Schwärme von Drohnen aufsteigen. Da werden Lügen und Wahrheiten und Ahnungen und absonderlichste Theorien munter vermischt, so dass sich Worte in den Köpfen wie Karusselle drehen, zum Schwindeligwerden. Das weiß ich jeden Tag und jeden Tag aufs Neue. Ich lese mit. Doch ich schreibe darüber möglichst nicht mit. Ich habe kein Rezept und erst recht keine Rezepte. Und ich habe ein Tagwerk. Das möchte ich nicht auch noch dreingeben, wo ich doch schon den Gedanken dreingegeben habe, dass sich das Weltgeschehen noch einmal zum Besseren, Friedlicheren wandelt. Erst einmal muss wohl die Ausdehnung ins Größte und Weiteste geschehen. Wenn die Menschheit nicht aus zwei Weltkriegen und zwei Atombomben auf Städte gelernt hat, was vermag dann noch zu lehren?

Und doch müssen wir den heutigen Tag bestehen. Und weitere. Netze knüpfen, einer zukünftigen Gemeinschaft dienen, mit Menschen sprechen, Sorgen ernst nehmen. Sowohl die eigenen als auch die der anderen. Niemanden und niemals aufgeben. Die knapp bemessene Zeit an reale Menschen vergeben, die Menschen, welche uns umgeben, welche wir lieben oder mit denen wir mindestens auskommen müssen.

Ich muss nicht meine Zeit damit vergeuden, über Zustände wieder und wieder zu berichten, die uns eigentlich allen geläufig sind. Soviel sei gesagt: Ich weiß darum!

Das Bild ist von Vilmos Aba-Novák (1894 - 1941)

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Erlesenes: Wanderung von Friedrich Glauser

 


Ich habe eine gewisse Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und auch der zwei Jahrzehnte davor. Man mag zwar sagen, das liegt jetzt hundert Jahre zurück. Doch vieles, was uns heute umtreibt, fand schon damals Ausdruck, und heute wissen wir auch, was letztlich obsiegt hatte. Uns zur Mahnung.

So viele radikale Lebensentwürfe wurden geboren zu der Zeit, schon das Aufflammen einer echten Alternativbewegung zu einer militaristischen Gesellschaft. Schauen wir nur zum Monte Verita, wo sich Anfang des neuen Jahrhunderts so vieles traf, was echter und zutiefst radikaler Gegenentwurf war. Aller Aufbruch wurde jäh unterbrochen vom Weltkriege, erst später der erste genannt, da ein zweiter folgte. Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.

Als ich die Bühne des Lebens betrat, gerade herausgewachsen aus einer nicht so erfreulichen Kindheit, da war gerade die Counterculture im Schwange, wir träumten vom Leben auf dem Lande, in Kommunen. Und wir träumten nicht nur. Gelesen wurde in unserem Kreise unter anderem Hermann Hesse, ich selber mochte vor allem seinen Siddhartha und einige seiner Märchen. Es war jener Hesse, dessen Inspiration für seinen Demian auf dem Monte Verita geboren wurde, in der Höhle des Gusto Gräser. Jenem langhaarigen Urhippie. Viele der langhaarigen Lebensreformer flüchteten vor dem Eingezogenwerden in die Armee in die USA, dort wiederum beeinflussten sie die Beats und diese wieder die Hippies, welche dann Hermann Hesse für sich entdeckten.

Also so weit fort von den Zwanzigern waren wir da gar nicht. Und vieles, was die radikalen Lebensreformer, aber auch die Dada-Leute, bevor das zu Dadaismus und damit zur Kunstrichtung wurde, entwickelten war in der Beatbewegung und in der Hippiebewegung spürbar. (Ich meine die Hippiebewegung, die sich am 6. Oktober 1967 in San Francisco selber zu Grabe getragen hatte, um dann aufs Land zu gehen). So ist meine Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhundert für mich gar nicht so verwunderlich.

Hier nun ein Text von Friedrich Glauser, ein Typoskript vom Mai 1920, Ascona, aus dem Nachlass, Schweizer Nationalbibliothek.

Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.

1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.

Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»

«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)

Das Bild zeigt Ascona im Herbst und ist 1915 von Arthur Segal (1875 - 1944)


Wanderung

Ziellos kreuzen sich die Wege auf feuchtgrauer Ebene; kriechende Wolken sind Führer unserem Schreiten: Im Kreise? Im Zickzack? Nutzlos wäre es Ziele zu lernen. Lasst uns stolpern durch modernde Gräser, unser Gruß gelte den hohlen Bäumen allein, denn von schimmernder Fäulnis werden sie bewohnt. Der dürren Äste verzweifeltes Gebet! Ihre Knochenhände ballen den Nebel zu farblosen Kugeln, der Wolken hungrige Mäuler zu stopfen.

Nasser Schnee ist unser Mantel, ein eisiger Pflug durchackert unsere Wangen, die Furchen erstarren zu stummer Maske. Sprödes Glas sind unsere Glieder, nie wird Verzweiflung sie mehr zum Tanzen bringen oder Freude zum Tanzen.

Metallene Peitschen schwingt der Regen; die knallen im Wind. Auf breiten Blättern trommeln Tropfen die einsamen Reigen der Kindheit, mutlos träumen wir vergangene Hoffnungsmärchen, die längst verschimmelt sind. Wir wissen: Wie werden wir den Blutpurpur schauen, der unseren Augen künden sollte in grauer Dämmerung der Morgensonne brennendes Nahen. . . . . . schläfrig müssen wir blinzeln, stets mit blass schlaffen Lidern, zu ewigem Zwielicht sind wir verdammt.

Darum lauschen wir den weisen Sprüchen der Kröte, die sanfte Gefährtin wird den Feinden des Flugs. Sie zeigt den Weg, der zum Moore führt. Dort verheißt sie Erlösung: Versinken. Mitleidig lächeln wir über uns, wenn faulendes Hirn die Stirne sprengt.

Dann winkt uns Erwachen im Reiche des Schlamms. Braun ist des Himmels Zelttuch, hängt tief herab, drückt auf glühende Luft. Fauligem Schleim entquellen Pilze und Blumen, deren Düfte die Weihe versprechen, die letzte blendende Weihe der bunten Gifte. Von blätterlosen Ästen fällt blauer Blütenstaub auf uns, die wir liegen auf weichen Wurzeln. Wir träumen von Nie-Erfülltem, das uns naht, uns den Nimmer-Begehrenden.

1920

Dienstag, 27. Oktober 2026

Deutungen: 27 Oktober 2026

 

Endlich, nach längerer Zeit, komme ich einmal wieder dazu, mit meiner Kolumne Deutungen fortzufahren. Ich hatte viel um die Ohren, es gab dementsprechend viel zu tun, und ich tat dementsprechend viel. Da wurde ich jäh gestoppt: Mein Knie spielte nicht mehr mit. Nun verbringe ich viel Zeit im Bett und kann mir so meine Gedanken machen. Zum Beispiel zum Thema "viel tun" oder zum Thema "Welt retten". Warum ich mich zum letzteren Thema nicht berufen fühle, mich zu äußern, darüber habe ich mir heute Gedenken gemacht. Im Bett. 

Ich bin begrenzt. Begrenzt und eng in meinem Denken. Ich vermag es nicht, mir globale Lösungen auszudenken, und auch nicht, für globale Lösungen einzustehen. Ich hatte schon seid ich denken kann eine gewisse Scheu vor Maschinen. Also Maschinen im herkömmlichen Sinne: Traktoren, Fräsen, Bohrmaschinen, Kettensägen, Kraftfahrzeuge allgemein, und so weiter. Wenn ich es irgendwie vermeiden konnte, habe ich solcherart Maschinen nicht bedient. Ich habe lange Jahre im Gartenbau und in Baumschulen gearbeitet, dort jedoch mit Spaten und Rosenschere und Hacke und Harke. Auch solche Menschen braucht(e) man dort. Sicher, wenn es gar nicht anders ging habe ich auch schon einmal mit einem Traktor und einem Drei-Schar-Wendepflug einen Acker gepflügt. Aber nicht gerne. Und mit einer Kettensäge habe ich noch nie gearbeitet. Und Auto fahren mag ich auch nicht. Alles das nicht.

Dabei bin ich kein Maschinenstürmer, und ich sehne mich auch nicht nach irgendwelchen vergangenen Zeiten zurück, alles Vergangene endete im Heute. Auch lebe ich deshalb gerne in Gemeinschaften. Mit Menschen zusammen, die diese Scheu vor Maschinen nicht haben. Dafür kann ich dann in der Küche werkeln, zum Beispiel. Küchenmaschinen nutze ich durchaus, Passierstab und Mixer und was es so gibt. Sicher, kleine Mengen Pesto bereite ich lieber im Mörser, von Hand. Doch koche ich auch häufiger für größere Gruppen.

Eine Maschine benutze ich sogar gerne, das ist mein Laptop, Produktionsmittel für Texte und Videos, Kommunikationsmittel und Fernseher und Stereoanlage in einem. Möchte ich nicht misse. Auch wenn ich ohne kann. Musizieren zum Beispiel. Eine Zeitlang nutzte ich Loopprogramme, doch das ist kein Vergleich zum Musizieren mit natürlichen (unverstärkten) Instrumenten. Letzteres gerne auch mit anderen Menschen zusammen.

Auch lebe ich nicht gerne in der Stadt. Trotzdem ich es eine recht lange Zeit lang musste. (Oder vermeintlich musste), die Umstände spielen im Moment keine Rolle. Also: Ich besitze eine Abneigung gegen Arbeit mit Maschinen, gegen Städte, besonders Großstädte, und gegen Alleinsein. Letzteres nicht in dem Sinne, dass ich nicht mit mir Alleinsein könnte. Ich kann das sehr gut und gerne. Doch ich bin als Mensch ein sozialer Mensch, der gerne etwas mit anderen zusammen macht. Und dass nicht nur aus Gründen, dass ich alleine so wenig bewerkstelligen kann (siehe zum Beispiel Maschinen)

Aus all diesen persönlichen Dispositionen heraus habe ich eine persönliche Sicht auf die Dinge erarbeitet. Zum Beispiel, dass die natürliche Fortbewegungsart des Menschen das Gehen ist. Und er es möglichst dabei belassen sollte. Wieso soll ich meinen Körper umgeben mit einer Tonne Blech und angetrieben von einem Explosionsmotor auf einer nur zu diesem Zweck asphaltierten Straße fortbewegen, wenn ich ebenso gut auch zu Fuß auf einem Feldweg oder einen Trampelpfad machen kann, um von a nach b zu kommen? Ich erkenne den Sinn darin nicht. Sicher, ich bin dann schneller bei b, doch ich möchte mir mein Leben lieber so einrichten, dass ich die Zeit habe, in meinem Zeitmaß dahin zu kommen.

Genau aus diesen und anderen Dispositionen heraus maße ich mir nicht an, Lösungen für die drängenden Probleme der Menschheit zu formulieren. Und wenn ich das täte, wären sie sicher sehr radikal. Durchsetzen könnte ich meine Lösungen sowieso nicht. Da ich pyramidale Herrschaftsstrukturen ablehne. Zugunsten von Konsenslösungen. Einstimmigen Konsenslösungen. Meine Lösungsüberlegungen bleiben eher philosophischer Art. Und praktisch versuche ich möglichst so zu leben, dass ich mir vorstellen kann, dass mit der Art meines materiellen Verbrauches hochgerechnet alle Menschen satt und gewärmt leben können. Ich glaube nicht daran, dass es allen Menschen zustehen kann, ein Auto, ein 120qm – Eigenheim und was weiß ich noch alles zu besitzen. Weniger ist hier mehr. Und Glück hängt davon schon gar nicht ab. Vielleicht sollten wir darüber einmal sprechen: Was und wieviel braucht ein Mensch zum Glücklichsein. Und was und wieviel ist davon allen Menschen möglich. Auch in Zukunft, wenn wir noch mehr Menschen sind.

Ich denke, dass ich nicht der Einzige bin, 
doch gestehen wir es uns ein: 
Wir werden immer die Wenigen sein. 

. . . und rieselte und floss und sang: Was möchtest du wissen?
Und es roch so nach Äpfeln und Nüssen.


Das Bild ist von Leo Gerstel (1881 - 1941) mit dem Titel Landweg in Bergen.