Immer noch aufgrund einer Entzündung im Knie an Haus und Bett gefesselt grabe ich weiter Texte aus, um mich zum einen zu unterhalten, zum andern um mich abzulenken und zum dritten um etwas zum Nachdenken zu haben. Bei folgendem Text kommt alles drei zusammen:
Von Mir und vom Mich
Von Jakob van Hoddis
Motto: Seltsam, wie hier der Verstand
An mir hämmert, an mir hirnert,
Selbstsadistisch arrogant,
Selbst den Stirner unterstirnert.
Cogito ergo sum: Das Denken ist kein Beweis für das Ich, sondern das Ich ein Postulat des Denkens.
Ein Bild und eine Erfahrung: Am fernen Ufer singen die Sirenen. Wohl weiß Odysseus, Lüge ist es, was die Dichter von ihren gierigen Vogelkrallen berichten. Hold und lieblich wäre es, bei ihnen zu wohnen. Er sehnt sich hinüber.
Aber Glied um Glied ist er am Maste seines Schiffes angekettet. Nicht von Freunden, die uns ja so oft vom Schönsten entfernt halten - um unseres Besten willen - ! Vergessene Wünsche, längst schal gewollter Wille, törichte Knabensehnsucht - daraus ist eine Kette geschmiedet, die unsichtbare, unzerreißbare, die bei jedem Aufbäumen tiefer in sein Fleisch einschneidet. Der Fessel des nordischen Feuergottes vergleichbar.
Und am Steuer sitzt der Traum seiner selbst, der lang schon tote.
Du sagst: „Lieber der Sklave eines Menschen, denn der Halbaffe einer Idee!“ Schön. Wie steht es mit dem Halbaffentum der Ichidee?
Ein anderes bin ich, der ich bin (Ur-Ich),
ein anderes das Ich, das ich denke (Ich-Idee)
Oder: Das Urich = Postulat des Denkens,
Die Ichidee = Objekt des Denkens.
Die erste Gleichung: das entschleierte Bild von Sais
Die zweite Gleichung: der schimmernde Schleier des Grausigsten.
Und da kam der Pedant der Innerlichkeit und schrie mich an: Was tust du den Mund auf, du Unheiliger! Weißt du nicht, dass das Wort den Gedanken nicht formt, nicht formt, sondern umformt! Dass es den glühenden Strom des Schmerzlichsten und Freudigsten zu buntem Glaswerk erstarren lässt?
„Das Wort ist ein eigenwilliger Herr. Warum begibst du dich unter seine Herrschaft?“
Ich antwortete: „O Prophet! Wahrlich, du bist ein König ohne Kamarilla! Wohl beherrscht mich das Wort. Aber es ist nicht mein Herr. Es ist mein Scherge.“
„Wissen sie übrigens, wer der Pfeil der Eleaten ist, von dem die Schulmeister so Wunderliches berichten? Der traf und sich doch nicht bewegte, der flog und doch ruhte? Der Pfeil ist das Wort.“
Das Wort als Scherge. Oder: Die Sprache ist die Bureaukratie der Seele.
Ebensowenig wie man in Worten zu denken braucht, braucht man in Worten zu dichten.
Man braucht wahrscheinlich die Idee zum Kunstwerk, wie den Bast zum Kränzewinden. Aber der Bast ist selten das Schönste am Kranz.
Im Kunstgewerbe erfüllt die Zweckmäßigkeit die befruchtende Funktion der Idee.
Für den Dichter ist die Denkkraft auch ein Sinn.
Auch die an Sich selbst - an der Ichidee - ist ein poetisches Erlebnis.
Wünschen ist Selbstpoetik.
Der Genusswert der Philosophie, jeder indirekte, jeder eingebildete Genuss, jede Macht- und Tatenfreude ist in der Ichpoetik begründet.
So ist die Beziehung zwischen Kunst und Leben wieder hergestellt. Denn Kunstwerk am Kunstwerk bildet sich das Leben an der Dichtung und die Dichtung am Leben. Wie sich Fackel an Fackel entzündet.
Der ästhetische Ichthyosaurus sucht ein festes - also begreifliches Verhältnis zu seiner Ichidee.
Er zieht sich Eigenschaften an. Die kann er sich merken. Da weiß er, was er an sich hat.
Er wird zum Charakter, zur Persönlichkeit, zum Original.
Wir aber sind uns in jedem Augenblick ein Anderes, stets Unbegreifliches.
Wir fühlen uns, ohne uns zu definieren.
Er wird zum Halbaffen seiner Ichdefinition.
Wir werden uns zum Dämon.
Es gibt kein höheres Dasein, als das Unbegreifliche, und Homer ist sein Prophet.
Postskriptum:
Das Ur-Ich und die ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee;
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blass.
Da sprach das Ur-Ich zur Ichidee:
„Was wandelst du im grünen Klee?“
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
„Ich wandle nur auf deiner Spur,“ -
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.
Aus: Die Aktion, Nr. 52, 27. Dezember 1913
Ein Text, den sich ein bekiffter Zen-Meister ausgedacht haben könnte. Ein Zen-Koan auch: „Triffst du Buddha unterwegs, so töte ihn“ - „Da, Freunde, hub sich große Not: Ich schlug mich gegenseitig tot.“ Zu lesen in einsamen Nächten rund um den Vollmond. Zenon von Elea dachte über die Wirklichkeit von Bewegung nach. Zenon sagt, ein fliegender Pfeil nehme in jedem Moment seiner Flugbahn einen bestimmten, exakt umrissenen Ort ein. An einem exakt umrissenen Ort befinde sich der Pfeil in Ruhe, denn an einem Ort könne er sich nicht bewegen. Da sich der Pfeil in jedem Moment also in Ruhe befinde, müsste er sich insgesamt in Ruhe befinden.
„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache „des Menschen“. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie u.s.w., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin.“ Max Stirner, aus: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1845
„Der Stock überwindet entweder den Menschen oder der Mensch überwindet den Stock.“ Derselbe dortselbst. Ließe sich noch sagen, in Mehrzahl: Die Kriege überwinden entweder die Menschen oder die Menschen überwinden die Kriege.
John Höxter, ein Zeitgenosse von van Hoddis meint dazu:
Ich will das Wie nicht wissen noch das Was;
Den Nießnutz nur von Ja und Nein (für Nass!),
Den echten Schein der Summe des Seins,
Der Dreiheit, der Zweiheit und der Eins.
(Die Drei dehnt des Denkens dunkle Dimension,
Zwei spiegelspaltet, Zwist und Zwang zum Lohn,
Die einsame Eins kann nichts weiter tun
Als im Überallhier immernun zu ruhn.)
Jakob van Hoddis, geboren als Hans Davidsohn am 16. Mai 1887 in Berlin, expressionistischer Lyriker. Sein bekanntestes Werk ist das Gedicht „Weltende“. Ab 1915 war van Hoddis wegen Psychose in ständiger ärztlicher Behandlung. Am 29. September 1933 wurde Jakob van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.
Die Illustration ist von Alexandre de Riquer (1856 - 1920)
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