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Freitag, 23. Januar 2026

Ein Gedicht und seine Wirkung: Abendstimmung von Ernst Blass

 


Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.

Ernst Blass


He!

Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

Jakob van Hoddis

Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

„Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

„Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“.

(Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

„O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“

(Ernst Blass)

„Deine Fliederweste,
du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl,
dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl,
trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“

(Kurt Hiller)

„Glühgrün lampjongt es in den Baumbeständen
zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw.

(Arthur Kronfeld)

. . . So sind sie, die Rigorosen. . . . „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

. . .

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

„Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass - 1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis - Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842 - 1931)

Samstag, 10. Januar 2026

Winternachtglanz

 


Winternachtglanz

Ringsum der Schnee, und funkelndes Schimmern,
Mond über dem Haupt, Milchstraße unter den Füßen,
träumte, ohne Träumer zu sein, aus Kristallflimmern
erwuchs ein trautes Grüßen.

Wollte eisgestickte weiße Lilien zum Geschenk dir reichen,
im hellen Auge deiner Zärtlichkeit glücksgebadet spielen,
die Sterne sammeln, die bei den überfrorenen Teichen
in die bereiften Seggen fielen.

Ein Wegekreuz in der Nacht, in der Mitte ein „Hier!“,
ein Wegweiser der, geknickt, sternwärts wies,
und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir
wie der Weg ins Paradies.


Anmerkung zu „und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir /
wie der Weg ins Paradies.“ Als der Dichter Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898, am 3. April 1948 in Zürich an einem Herzinfarkt verstorben aufgefunden wurde, steckte in einer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem diese beiden Zeilen standen.

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)

Samstag, 3. Januar 2026

VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

 



VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

Bei meinen Streifzügen durch die Welten der Lyrik im Dezember des letzten Jahres stieß ich in der Anthologie "Um uns die Stadt", Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung, herausgegeben von Robert Seitz und Heinz Zucker im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin 1931 auf folgendes Gedicht von Walter Bauer:

Zu Zeiten überfällt mich die grundlose Unruhe
und ich beneide alle, die voll Glaubens sind,
wie er auch sei, und die beten, oder deren Gedanken
sich entfernen vom Geräusch der Dinge.
Ich überlege, warum ich nicht mehr dazu imstande bin
und so tiefer Gewissheit zu leben
wie der Mönch in Tibet, der sich einmauern lässt,
um näher bei Gott zu sein -

Ich tröste mich damit, dass neue Mythen unterwegs sind,
Mythen voller neuer Gegenwart, die das Unverständliche,
Sinnlos-scheinende klar macht -
ich tröste mich damit und sage mir,
dass der Tod meiner Freunde und Brüder im Krieg
so gut ein Stück des Neuen ist
wie die Stunde im Kino, im Dunkel, vor einem Film,
wie auch der Augenblick,
da ich am Radioapparat sitze und einen neuen Sender finde
in tiefer Nacht.

Der Dichter, Walter Bauer, ist mir ein Begriff, schon lange gehören zwei seiner Gedichte, darunter das Gedicht „Dennoch“ zum Kanon meiner liebsten Trostgedichte. Darin heißt es:

„Es ist nicht sicher, wie lange wir leben werden
und ob wir Zeit haben, voneinander Abschied zu nehmen,
keine Rechnung geht mehr auf,
Armeen stehen an den Grenzen, ungeheure Wolken
sprechen von verborgenen Mitteln -
alle die alten bitteren Geschichten der Welt.
Dennoch haben wir Freude aneinander, als blieben wir ewig zusammen,
und leben in einem guten Geheimnis.
Dennoch lieben wir uns.“

Walter Bauer wurde 1904 geboren, wanderte mit einem Freund 1925 unter anderem durch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz, arbeitete als Gelegenheitsarbeiter, studierte einige Semester Germanistik, um später als Hauslehrer zu arbeiten. Von den Nationalsozialisten wurden seine Bücher verboten, er wurde als Soldat eingezogen, war Kriegsgefangener in Italien, ab 1948 freier Schriftsteller. Im September 1952 wanderte er aus Enttäuschung über die Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik nach Kanada aus, wo er an der Universität in Toronto lehrte. 1976 starb er in dieser Stadt.

So weit ein kurzer Einblick in einige Stationen eines bewegten Lebens. Was mich an dem oben beschriebenen Gedicht von ihm bewegte war unter anderem der Zeitpunkt der Veröffentlichung, 1931. Für mich heißt das, dass schon da deutlich spürbar war, dass die Zeitläufe auf einen Abgrund zugehen. Dass ich dieses Gedicht entdeckte, ist jetzt gerade drei Wochen her, es kam zu mir noch vor dem Beginn der Rauhnächte, und seine Worte begleiteten mich in diese Zeit der Wandlung. Heute ist der dritte Januar, nach meiner Zählung das Ende der Rauhnächte, und die dunklen Wolken am Horizont der Zeit werden mehr. Nicht nur der Krieg in der Ukraine nimmt kein Ende, und wenn, dann ist noch nicht klar, ob das Ende ein gutes ist. Und dann kommen heute die Nachrichten, dass Venezuela überfallen wurde von den Vereinigten Staaten, und dessen Präsident „festgenommen“ wurde. Nun weine ich diesem Präsidenten keine Träne nach, doch ist die Regierung der USA gewiss keinen Deut besser. Es ist allerorten der Aufmarsch der Diktatoren, Oligarchen und Gewalttäter bemerkbar, und diese gestalten Politik mit Gewalt, sobald sie an der Macht sind und mit der Aufteilung der Welt unter sich beginnen. „Alle die alten bitteren Geschichten der Welt“.

All das erreicht mich, und mich überfällt die Unruhe, nur weiß ich, dass sie nicht „grundlos“ ist. Walter Bauer war Zeit seines Lebens ein wacher Geist, und ich bin mir sicher, dass er das Heraufziehen der Gewaltherrschaft sehr wohl wahrnahm. 1931 noch diffus, als „grundlose Unruhe“, der er die Ahnung von „neuen Mythen“ entgegen setzen möchte. Doch noch saß er am Radio und suchte den neuen Sender. Was kam war das alte Verhängnis von Gewalt und Krieg. Was haben wir heute dem entgegenzusetzen, wo „keine Rechnung mehr auf geht“? Ich müsste lügen, wenn ich da schlüssige Antworten hätte. Die Antworten darauf müssen wir uns wohl gemeinsam im täglichen Handeln erarbeiten. Heute schneit es, und die Welt versinkt in ein zärtliches Weiß. Noch ist Ruhe, und Zeit zum Sinnieren. Ich möchte sie nutzen. 

Soweit meine Gedanken am Ende der Rauhnächte, angeregt durch ein Gedicht. Ich taste mich gedanklich weiter vor, um das mitteilen zu können, was zur Zeit noch unaussprechlich in mir ruht. Nächstens mehr.

Das Bild „Nachtphantasie“ ist von Harold Burdekin (1899 - 1944)

Freitag, 26. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Der andere Tod

 


Jonne Yrjö: Der andere Tod

Als ich alleine durch die Neumondnacht des diesjährigen Dezembers ging begegnete er mir. Nicht im Außen, er begegnete mir im Inneren, oder anders, im inneren Außen.

Es gibt eine fröhliche Dunkelheit, es gibt eine melancholische, und es gibt eine verstörende Dunkelheit. Dann gibt es noch eine lastende Dunkelheit, und diese traf mich unvorbereitet in dieser Nacht. Unvorbereitet, da doch der vorhergehende Tag ein sonniger war, ein sonnenheiterer, der mich die kommende Neumondnacht vergessen ließ.

Zu der lastenden Dunkelheit der Nacht gesellte sich Nebel, und ich empfand diesen Nebel als "stickig". Dieses Empfinden lag vielleicht auch daran, dass die Geräusche der nahen Straße so aufdringlich wurden. In der Regel sind sie verhalten und gewöhnbar wie ein fernes Rauschen. Doch in der stickigen Luftfeuchte waren die Motorengeräusche, die rastloses Rasen und Hetzen verbreiteten, körpernah zu spüren.

So kam eines zum anderen, und zu mir kamen die Gedanken an den Tod. Die lastende Dunkelheit, die stickigkühle geräuschschwangere Feuchte, es war, als würde der Tod nach mir greifen, nach mir und meinen Gedanken. Und: Es war nicht der freundliche Tod, den es auch gibt, welcher da nach mir griff. Es war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, oft gewalttätige Tod, der, welchen wir Menschen dieses Jahrhunderts und der vielen vergangenen Jahrhunderte so viel produzierten und produzieren.

Es war eine Verzweiflung in mir, denn ich fühlte es, ich spürte und hörte es, dass es so vielen Menschen egal ist, dass dieser Tod in unserem Leben umgeht. Ja, dass sie Thriller und Krimis und Spiele suchen, die angefüllt sind von Bildern und Schilderungen dieses Todes. Und diese Bilder und Schilderungen geben den ermatteten Nerven wohl etwas Kitzel. So dass die groben Reize dieses unfriedlichen, vorzeitigen, gewalttätigen Tod für so viele wichtig sind, als Darstellung, Bild, Spiel, eben als Nervenkitzel, wohl um noch etwas Lebendigsein in einem gewissen Grusel zu erspüren. Sich selbst wenigstens dort noch einmal wahrzunehmen.

So raste und hetzte dieser andere, dieser unfriedliche Tod durch diese Nacht und ließ meine Seele erkalten. Dass ich sterben werde, weiß ich, und ich bin einverstanden mit diesem Sterben. Ich hatte bis jetzt ein Leben, das mit vielen guten Ereignissen gesegnet war, neben den unvermeidlichen weniger erfreulichen. Ich bin´s zufrieden.

Auch dass mein Sohn einst sterben wird, weiß ich, und ich weiß, dass das zu den Bedingungen gehört, an der Schönheit dieser Welt teilzuhaben. Ich hoffe, dass er nach mir stirbt, und dass ich bis dahin mit ihm genügend glückliche Ereignisse erleben durfte, dass auch er sagen kann trotz aller Trauer: "Ich bin´s zufrieden!"

Auch diese Welt stirbt einst. Das ist nichts Schreckenerregendes für mich, sah ich doch als Gärtner und als Tierhalter genug Werden und Vergehen, im Kleinen wie im Großen. Es ist ein Pulsierendes, und nach einer Zeit blühen wieder die neuen Blüten und glänzen wieder die neuen Sterne. Und ich höre die Göttin, die dreigestaltige Göttin vom Werden, Sein und Vergehen, und sie sagt: "Ich bin´s zufrieden!"

Das alles können die heiteren Tode sein, und man trifft sich zur Trauerfeier und speist und trinkt und gedenkt mit einem Lächeln über die Freude an dem Gehabten und mit einer Träne über die Trauer am Verlorenen.

Doch was mich in dieser Nacht anwehte, war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, gewalttätige. Er trat mit einer Macht und einer Vielzahl an mich heran, dass es mich würgte, mir Herz und Wärme verschlug.

Höhnisch rief mir dieser andere Tod zu: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!". Dabei ist er doch allgegenwärtig in diesen Zeiten, er kommt als unsichtbare Strahlung an die Küsten, kommt als Plastikbrühe in unseren Speisen zu uns, als unmerkbares Gift in Luft und Wasser und allem Nährenden, er kommt auch ganz handfest aus Gewehrläufen, Geschützen, unbemannten Flugbomben, kommt als Schläger in der Nacht.

In dieser Nacht war er bei mir und zeigte sich, als Ahnung, als Druck in der Brust, als lastende Dunkelheit, als klaftertiefe Traurigkeit über das vielfältige Sterben in der Welt. Wie froh und glücklich war ich, als diese Nacht zu Ende ging. Müde, matt und traurig, und mit Nachtschwärze in der Seele ging ich am folgenden Tag zu Dir, und eine Weile schwieg ich, bis ich endlich erzählen konnte über diese Nacht.

In den gemeinsam verrichteten Tätigkeiten des Alltags wich schließlich die Beklemmung, welche die Begegnung mit dem anderen Tod bei uns ausgelöst hatte. auch wenn wir immer wieder die ferne drohende Stimme hören: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!"

Wir wissen um ihn. Und wir fragen uns: "Wie können wir ihm begegnen, dass er keine Macht über uns hat?"

"Es geht um Wahrhaftigkeit, um als Mensch mit Seele zu leben. Alles andere raubt uns die Kraft und führt zum Verlust von Nähe und Geborgenheit in sich selbst und in unseren Beziehungen."

Das Bild ist von Christopher Richard Wynne Nevinson (1889  -  1946)


Dienstag, 23. Dezember 2025

Beim Zubereiten der Mousse au chocolat

 



Beim Zubereiten der Mousse au chocolat


So rauh sind die Nächte heuer nicht,
eher etwas still verhalten,
am Tage diffuses Dämmerlicht,
des nachts sind Sterne am erkalten.

Es versinkt gedankenreich,
was gestern noch so schlüssig war,
und alles kommt von jetzt auf gleich,
die Nächte raunen Kriegsgefahr.

Und doch: Ich gebe mich Alltäglichkeiten hin,
morgen ist der Festtag, des Jahres End-
und Höhepunkt ist zum Erreichen nah,
die dunkle Schokolade schmilzt im Wasserbad,
als wär´s kein Ende, das hier naht.

Heut lief alles glatt, weder Sahne
noch der Eischnee machten Zicken,
und selbst dass Verrühren
geht gut von der Hand, und ich ahne,
und ich sehe schon die Gäste morgen selig nicken,
so eine Mousse vermag es aus der Zeit zu führen.

Ich lecke schon die Finger und die Löffel ab,
auch ist es Zeit, die Schüsseln auszuschleckern,
und ich tanze, und die Tropfen kleckern
in der Küche einen Hexenkreis um mich herum.

Ich weiß nicht was kommt, so nächstes Jahr,
es ist wohl so: irgendeine Zeit ist um,
eine Frist ist schleichend ausgelaufen, unbemerkt,
und der große Wunsch wurde zur Illusion verzwergt.

Doch ich möchte nicht einfach resignieren,
zwar weiß ich um die sich nähernde Gefahr,
die wohl niemanden verschont.
Manchmal wehr ich mich mit Alltäglichkeiten,
so dass etwas in mir die Schönheit dieser Welt vernimmt,
ich möchte etwas, das zum Lächeln stimmt,
damit ich wieder weiß, warum es sich zu Kämpfen lohnt.


Sonntag, 14. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Myrte Jilája an Jonne Yrjö / Myrte Jilája: Im Garten

 



Myrte Jilája an Jonne Yrjö


Der alte Pflaumenbaum, der einst im Herbststurm brach,
treibt aus dem Moderstumpf die neuen Triebe,
es ist noch Musik überall, wenn du zu lauschen vermagst:

Ein jeder Tag hat sein eigenes Lied.
Wenn ein leiser Wind durch die
Baumwipfel zieht
und die Dämmerung
die Klänge geheimnisvoller werden lässt,
ein tausendfältiges Summen
im Geäst
dich zum Verstummen
bringt,
dann ist es die liebende Erde selber,
die singt.


Myrte Jilája: Im Garten

Manchmal kommen die Worte in meinen Garten,
Wenn ich Dünger streue oder Blüten säe.
Erst stehen sie am Zaun, als wollten sie noch warten.
Manchmal sind die Worte scheu wie Rehe.

Sie wollen mich bei der Arbeit nicht stören.
Doch dann kommen sie leicht wie der Wind
In meine Träume von Blüten, Äpfeln und Möhren,
Weil Worte wie spielende Kinder sind.

Neugierig tanzen und tänzeln sie heran,
Lachend ergänzen sie einem Vers den Reim,
Dann kugeln sie zurück in den Tann
Und kichernd laufen sie heim.


Das Bild ist von Eugeniuz Zak (1884 - 1926)

Freitag, 12. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Die Gärtnerin Myrte Jilája singt / Wer liebt kann auch tanzen

 


Die Gärtnerin Myrte Jilája singt

Heute lege ich die Samen in die Erde:
Für das Morgen ein Keim.
Heute gebe ich die Liebe der Erde:
Für das Morgen ein Heim.

Ich führe euch zu verloren gedachten Spuren,
wenn ihr die Rätsel gelöst habt, dann bitt ich zu schweigen,
bis die Sterne sich in die Baumkronen neigen,
dann erklingen die alten neuen Lieder über den Fluren.
Für diese Lieder ist es niemals zu spät:

Die Gärtnerin sät.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Ihr Männer, ihr Söhne, aus den Schatten heraus,
ihr denkt, ihr habt euch die Welt zu eigen gemacht,
und all ihre Schätze an euch genommen,
doch was habt ihr wirklich hervor gebracht?

Leiden und Krieg, ihr „Väter aller Dinge“,
Frau Welt ist das nicht gut bekommen,
sie trägt um den Hals eine Schlinge
und alles, was sich selbst gehört, habt ihr an euch genommen,
dort hängt jetzt ein Schild mit der Aufschrift „Privat!“

Die Gärtnerin hütet die Saat.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Helden sind Diebe, sie kennen nur die Gewalt,
doch das Leben ist sich selbst ein Geschenk,
es überzieht die Erde in vielerlei Gestalt,
und ich trage Trauer, wenn ich bedenk:
Hat denn das Töten die Welt verbessert?

Die Gärtnerin wässert
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Wo ist denn das „Besser“, das früher war?
Alles Vergangene endete im Heute.
Soll das so weitergehen immerdar?
Die Welt für euch nur als Beute?
Ein Schatten hat sich auf alles gelegt.

Die Gärtnerin pflegt
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Dabei bringt die Erde so viele Früchte hervor,
die sie uns ganz freiwillig gewährt.
Nur bebauen und bewahren, dann steht vor dem Gartentor
kein Engel mit Flammenschwert,
da er das Schwertführen verlernte.

Die Gärtnerin schreitet zur Ernte,
sie erntet das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Am Ende des Reigens steht das Erntefest,
Wein wird gekeltert, im Ofen backt frisches Brot,
ach, wenn man uns bloß doch machen lässt,
dann leidet niemand mehr bittere Not,
Kerzen sorgen für Glanz.

Die Gärtnerin bittet zum Tanz.




Wer liebt kann auch tanzen

Wer liebt kann auch tanzen,
wer tanzen kann, tanzt für eine freie Welt,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
wir bewegen uns für das, was uns gefällt.

Wer liebt kann auch tanzen,
schwingen wir uns in den großen Reigen ein,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
es soll der Tanz für unsre Zukunft sein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir wollen nicht mehr stille sein:
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
bringen wir uns alle ein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir lieben diesen Stern, der uns gebor´n,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
noch sind Lieb und Freiheit nicht verlor´n.

Wer liebt kann auch tanzen,
die Welt soll Tanz und Frieden sein.
Bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
Tanz und Lieb und Freiheit soll die Zukunft sein.


Die Bilder sind von Eugeniuz Zak (1884 - 1926) und Alphonse Palumbo (1890 - 1947)