17.
August
Den
Neumond des Monates August hatten wir schon am 12. August
durchschritten. Wirklich tief bemerkbar hatte er sich nicht gemacht,
auch wenn er sogar mit einer Sonnenfinsternis verbunden war. Doch
wurde ich wohl abgelenkt von meinem Sinnen über die Ziehung des
ersten I Ging mit den neuen Schafgarbenstängeln. Zwei Dinge haben
sich da nach hinten verschoben beim Sinnen über die Texte: Die Wandlung der beiden Linien.
Also:
„Neun auf fünftem
Platz bedeutet:
Er
besitzt Wahrheit, die verkettet.
Kein Makel.
Hier
ist der Herr gezeichnet, der durch die Kraft seines Wesens alles
zusammenhält. Nur wenn seine Charakterstärke so umfassend ist, dass
er alle beeinflussen kann, die zu seiner Herrschaft gehören, ist er
so, wie er sein muss. Die Suggestivkraft muss vom Herrscher ausgehen.
Sie wird alle die Seinigen fest zusammenknüpfen und einigen. Ohne
diese Zentralkraft ist alle äußere Einigung nur Lüge, die im
entscheidenden Augenblick zerbricht.“
Hier
zeigen sich wieder in aller Deutlichkeit die patriarchalen Wurzeln
des I Ging. Es mag jedoch auch an der Schwierigkeit einer Übersetzung
bestimmter Worte und Sachverhalte liegen. „Die Suggestivkraft
muss vom Herrscher ausgehen“, das impliziert, dass ein
Herrscher überhaupt Suggestivkraft besitzen muss. Nicht Reinheit der
Gedanken und des Handelns zählt, nicht Sichtbarkeit der Lauterkeit
des Handelns, nicht eine Losgelöstheit von persönlichen Wertungen
in der Außenwirkung und im Bestreben, nein, es zählt: Die
Suggestion. In meinem Kosmos ist Suggestion eine Art hypnotische
Wirkung auf andere, welche sie willig hinterherlaufen lässt. Das mag
im begrenzten Maße „alle die Seinigen fest zusammenknüpfen und
einigen“. Was bedeutet, dass jemand überhaupt „Seinige“
haben möchte. Der „Führer“ hatte seine Suggestivkraft vor dem
Spiegel geübt, seine Gesten, seine ekstatischen Ausbrüche, seine
„tiefen“ Blicke in die Augen anderer.
Eine
Welt, die mir fremd ist. Gewiss kann ich eine gewisse Suggestivkraft
entwickeln, wenn ich auf der Bühne vortrage. Ich stelle mich hin und
lenke mithilfe der Kunst alle Aufmerksamkeit auf mich. Das ist in
diesem Moment meine Aufgabe, und es gehört hier hin als ein Teil
dessen, was Kunst auf der Bühne vermag. Jedoch: Die Aufmerksamkeit
wird mir geschenkt. Und sie sollte nicht über die Zeit auf der Bühne
hinaus gehen. „Du hast auch narzisstische Anteile“, sagte eine
befreundete Psychologin nach einer Lesung in der Klosterkirche zu
mir. „Ja, ich könnte sonst kein Künstler sein“, war sinngemäß
meine Antwort. Doch damit werde ich kein amerikanischer Präsident
des Jahres 2026. Light off - Jörg ist wieder da.
„Ohne
diese Zentralkraft ist alle äußere Einigung nur Lüge, die im
entscheidenden Augenblick zerbricht.“, doch nur durch
Suggestion erzeugte Einigkeit ist die Lüge selbst. Doch da, wo ich
in leitende Position gewählt worden bin, habe ich mich zu
öffnen und zu zeigen. Ich möchte um meines Könnens willen gewählt werden.
„Sechs auf drittem
Platz bedeutet:
Er findet einen
Genossen,
bald trommelt er, bald hört er auf.
Bald schluchzt
er, bald singt er.
Hier
ist die Kraftquelle nicht im eigenen Ich, sondern in der Beziehung zu
andern Menschen. Wenn man auch noch so nahe mit ihnen steht, wenn
unser Schwerpunkt auf ihnen beruht, so lässt sich nicht vermeiden,
dass man umhergeworfen wird zwischen Freude und Leid. Himmelhoch
jauchzend, zu Tode betrübt, das ist das Schicksal derer, die
abhängen von der inneren Übereinstimmung mit andern Menschen, die
sie lieben. Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen, dass dem so ist.
Ob dieser Zustand als lästig oder als höchstes Glück der Liebe
empfunden wird, bleibt der subjektiven Beurteilung des Betroffenen
überlassen.“
Ich
bin gerne abhängig von der inneren Übereinstimmung mit den
Menschen, die ich liebe. Doch es gibt Kreise der Nähe um mich. Der
inner circle sind die, welche mir am nahesten stehen, und da
kann und möchte ich duldsam sein, auch dann, wenn ich von ihnen das
eine oder andre mal von unbedachten Äußerungen oder ähnlichem
verletzt werde. Die Basis einer solchen Beziehung ist die tiefere
Übereinstimmung, welche von solchen Äußerlichkeiten nicht tangiert
wird. Eine innere Integrität der Beziehung.
Des
weiteren schaue ich, wie nahe ich mit mir verbundene Menschen an mein
Innerstes heranlasse: Eine Armlänge etwa, oder zwei, oder sogar ganz
viel inneren Abstand, gerade genügend Nähe in allen Fällen, dass
ein gemeinsames Ziel nicht gefährdet ist. Bei wenigen nur spüre
ich, dass kein Abstand vonnöten ist.
18.
August
Die
Ordnung des I Ging basiert auf einer patriarchalen
Gesellschaftsordnung („Könige“, „Herrscher“). Wie sähe denn
eine matriarchale Ordnung aus? Es ist ja nicht einfach so, dass es
dann statt eines Königs eine Königin gäbe oder statt eines
Herrschers eine Herrscherin. Eine Blaupause zu meiner Utopie gibt es:
„Die
gesellschaftliche Struktur der Irokesen-Nationen war vom Matriarchat
geprägt. Die Kernfamilie spielte nur eine untergeordnete Rolle, weil
sie stets nur Bestandteil der Ohwachira (etwa: Großfamilie) war,
eines Großhaushaltes, dem Frauen vorstanden . . . Etwa zwanzig bis
zweihundert einer solchen Owachira wohnten zusammen in einem
Langhaus, familienweise in kleinen Appartements. . . . Die Autorität
über ein solches Langhaus als der wichtigsten wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Einheit lag bei der ältesten `Ahnmutter`aller
Familien, die nur aus den Frauen und Kindern ihrer direkten
Nachkommen bestanden . . .
.
. .
Die
Machtfülle einer Owachira-Matrone und des weiblichen Owachira-Rates,
der aus ausgewählten erwachsenen Frauen bestand, war außerordentlich
groß, weil der Owachira-Matrone direkt und dem Owachirarat indirekt
alle erwachsenen Männer - daruter also auch sämtliche Amts- und
Würdenträger unterstanden. Kein einziger der Männer konnte ohne
das vorherige Einverständnis des Ohwachira-Frauenrates irgendetwas
unternehmen oder beschließen. So waren auch Kriege und jedwede
politische Entscheidungen ohne die ausdrückliche vorherige
Zustimmung der Frauen möglich.
.
. .
Jeglicher
Land- und Hausbesitz gehörte kollektiv einer Owachira; nur deren
Frauen waren, was das bewegliche Eigentum Verstorbener betraf,
erbberechtigt.
.
. .
Der
Owachira-Frauenrat regelte in offener Abstimmung alle
Großfamilienangelegenheiten. Ein Beschluss hatte nur bei
Einstimmigkeit Gültigkeit und war deshalb das Ergebnis umfassender
Kompromisse. Fraktionelle Meinungsbildung etwa von Gruppen gab es
nicht. Übereinstimmungen der Abgeordneten ergaben sich zufällig und
wechselten von Problem zu Problem. Jede Einflussnahme auf die
Meinungsbildung eines anderen galt als verwerflich, als Ausdruck
mangelnder Reife und führte zu Ausschluss aus dem Frauenrat.
.
. .
Eine
vom Frauenrat einstimmig gewählte oder durch Familienprivileg
bestimmte weise Matrone stand dem Frauenrat vor. Sie besaß aber
keine Entscheidungskompetenz, sondern fungierte vornehmlich als eine
Art Schiedsrichterin, die darauf achtete, dass die äußerst strengen
und detaillierten Verfahrensregeln eingehalten wurden. Wenn solche
Regeln nicht oder nur unvollständig beachtet wurden, verwies sie die
Beratungen in einer bestimmten Sache zum Anfang zurück, oder sie
ermahnte, machte Vorschläge. So wurde die Thematik äußerst
gründlich von Stufe zu Stufe jeweils bis zur Übereinstimmung der
Verhandelnden analysiert, in ihre Interessensbestandteile zerlegt und
Punkt für Punkt mit jeweils einstimmigen Entscheidungen
abgeschlossen, bis schließlich in einer Gesamtabstimmung das ganze
Problem eine einstimmige Beschlussfassung erlaubte, die allen
Beteiligten als akzeptabler Kompromiss diente.“ (Heinz
J. Stammel, Die Apotheke Manitous, Hamburg 2000, zuerst
veröffentlicht 1982, Kapitel „Die Sozialphilosophie der Indianer“)
Soweit
erst einmal die Grundzüge einer Konsensdemokratie, ich werde darauf
zurückkommen, denn es stecken in dem Konzept noch weitere Details,
die Beachtung erfordern. Erst einmal grundsätzlich: Wie sähe meine
Handlungsoption als Leitender in einem solchen System aus? Ganz
gewiss würde ich ohne manipulierende Suggestionskraft agieren
müssen.
Das Bild einer irokesischen Frau ist aus dem Buch Legue of the Ho-dé-sau-nee, or Iroquois von Lewis Henry Morgan (1818 - 1881), New York 1851
Hier gibt es weitere Informationen über den Irokesenbund: Der Irokesenbund als egalitäre Konsensdemokratie