31.
Oktober 2026
Rückzug
- Einen Tag, bevor der November beginnt. Ich habe heute wieder
einmal mit meinen Schafgarbenstengeln gespielt, ausgezählt, am
Küchentisch, und heraus kam am Ende die 33, Rückzug, ohne Wandlung.
Hier wieder zitiert aus dem I Ging in der Übersetzung von Richard
Wilhelm:
33.
Dun - Der Rückzug
oben
Kiën, das Schöpferische, der Himmel
unten
Gen, das Stillehalten, der Berg
Die
Kraft des Schattigen ist im Aufsteigen begriffen. Das Lichte zieht
sich vor ihr in Sicherheit zurück, so dass jene ihm nichts anhaben
kann. Es handelt sich bei diesem Rückzug nicht um menschliche
Willkür, sondern um Gesetze des Naturgeschehens. Darum ist in diesem
Fall der Rückzug die richtige Art des Handelns, die die Kräfte
nicht aufreibt. (Hierzu gibt es eine Anmerkung des Übersetzers:
„Es ist ein ähnlicher
Gedanke in dem Zeichen ausgedrückt wie in dem Wort Jesu: Ihr sollt
nicht widerstreben dem Übel (Math. 5, 39).“
Die zeigt, dass Richard Wilhelm den christlichen Missionar nie ganz
ablegen konnte. Ich selber interpretiere "Rückzug" ganz anders. Dazu später vielleicht mehr.)
Als
ich die Auflösung las, dachte ich sofort: Das passt! Mein
entzündetes Knie, das mich zur Zeit immer noch an die Wohnung
bindet, tägliche Wanderungen zwischen Klo, Küche und Bett sind
möglich, auch schon mal ein Gang ums Haus, doch das war es dann auch
vorerst. Und auch in anderer Hinsicht ist Rückzug die Wahl der
Stunde. Da ich nicht weiß, ob ich alle Tätigkeiten weiterhin
ausüben kann, werde ich wohl einige streichen, die das Knie über
Gebühr belasten. Das bedeutet schon eine tiefgreifendere
Umgruppierung in meinem persönlichen Leben. Durch das Wegfallen von
Tätigkeiten wird wiederum Zeit frei gesetzt, die für anderes
Attraktives genutzt werden kann.
Es
steht da auch noch darunter: „Als
Monatszeichen ist das Hexagramm dem sechsten Monat (Juli-August)
beigeordnet, in dem die Winterkräfte schon wieder anfangen, ihre
Wirkung zu zeigen.“
Doch für mich passt ein Rückzug im Rahmen der „Gesetze“ des
Naturgeschehens viel besser zu dem heutigen Tag, und zu der
Kehrtwende des Jahres rapide in die dunkle Zeit. Eben in die Zeit des
Rückzuges. Des Jahreszeitlichen Rückzuges.
Dazu
schrieb ich einmal: Der
Garten ruht. Es gibt dort allenfalls an milderen Tagen im Januar oder
Februar das Schneiden der Obstbäume zu tätigen. Eigentlich ist
alles auf Ruhe eingestellt, welche der Körper auch dankbar annehmen
möchte nach den vielfältigen Arbeiten im Herbst. Die Speisekammer
ist gefüllt, die Äpfel und Kartoffeln lagern, die Gläser und
Gläschen mit Kompott, Marmeladen und Fruchtmusen harren des Öffnens,
um eine Ahnung von Sommer in die Küche zu bringen, in der Teekanne
duftet der im Frühling und Sommer gesammelte "Tee der
Landschaft und der Jahreszeiten". Das Sonnenlicht ist weniger,
und wer weiterhin in vollem Ausmaße den Arbeiten nachgehen möchte,
welche diese Zivilisation erfordert, wird über kurz oder lang häufig
von der soganannten "Winterdepression"
eingeholt.
"Winterdepression". Wieder wird hier
meines Erachtens ein natürliches Empfinden des Körpers, der Rückzug
aus der Aktivität des Frühjahrs und des Sommers, zu einem
Krankheitsbild umgedeutet. Dann überschlagen sich die Artikel
populärwissenschaftlicher Art in den Journalen,
Apothekerzeitschriften vornean, mit allen möglichen Tipps, wie
dieser Krankheit oder Unpässlichkeit beizukommen sei.
Ich
empfehle: Winterpause
Prof. Dr. Marianne Gronemeyer stellte in einem Aufsatz die Frage: "Wieviel Arbeit braucht der Mensch?" (2008, auf ihrer Homepage):
"In früheren Zeiten, als unsere Ahnen noch das zum Leben Notwendige zusammenjagten und -sammelten, war diese Frage leicht beantwortet, wenn sie sich denn überhaupt stellte: Man musste so lange ‚arbeiten' bis man satt zu essen hatte. Es wäre vollkommen sinnlos, ja sogar in höchstem Maße existenzgefährdend gewesen, wenn man versucht hätte, ein Mehr zu erwirtschaften durch mehr Arbeit; denn ihr Dasein konnten unsere frühen Vorfahren nur sichern, wenn sie sich ihre Beweglichkeit erhielten, unbehindert von einem Ort zum andern ziehen konnten, um das Lebensnotwendige zu finden."
Und: "Noch in der bäuerlichen, sesshaften Lebensweise ist die Frage danach, wie viel Arbeit der Mensch braucht, offenkundig verrückt. Arbeit braucht man nicht, die hat man, und das einzige was über sie zu sagen ist, ist, dass sie getan werden muss. Arbeit ist nicht Gegenstand des Begehrens, sondern das Mittel, das dazu taugt, sein Dasein zu fristen. Sie ist ein notwendiges Übel oder einfach nur notwendig, und sie wird vom Winter, vom Feierabend und Festtag unterbrochen. Das Gegenstück der Arbeit ist also die Muße."
(Geschrieben Mitte Januar 2013)Ja, und
die Muße im Rückzug braucht es, um neu zu sortieren. Alles im Lot.
Das Bild
ist von Gustav Wunderwald (1882 - 1945)