10. August
Ein Satz, heute am frühen Morgen auf dem Weg zur Backstube kurz notiert: „Wenn das Buch der Wandlungen sich nicht wandeln würde, wäre es kein Buch der Wandlungen.“ Das ist für mich nicht nur ein einfacher Kalauer, ein Sprachspiel, der Lust am Spielen entsprungen; sondern im Hintergrund schwingt da für mich mehr mit. Ich darf mir das Buch eigens „übersetzen“. Als chinesisches Original vermag ich es so oder so nicht zu lesen; die Übersetzung von Richard Wilhelm ist jene, die mir am Nahesten ist. Ich mag mich nicht in einen Sinologenstreit einmischen, welche Übersetzung die größte Originaltreue besitzt. Mir geht es um etwas anderes bei der Beschäftigung mit diesem Buch: Ab und zu einen Denkanstoß zu bekommen für das, was meine Seele gerade umtreibt.
„Der Grundgedanke des Ganzen ist der Gedanke der Wandlung. In den Gesprächen wird einmal erzählt, wie der Meister Kung an einem Fluss stand und sprach: So fließt alles dahin wie dieser Fluss, ohne Aufhalten, Tag und Nacht. Damit ist der Gedanke der Wandlung ausgesprochen. Der Blick richtet sich für den, der die Wandlung erkannt hat, nicht mehr auf die vorüberfließenden Einzeldinge, sondern auf das unwandelbare ewige Gesetz, das in allem Wandel wirkt. Dieses Gesetz ist der SINN des Lao Tse, der Lauf, das Eine in allem Vielen. Um sich zu verwirklichen, bedarf es, einer Entscheidung, einer Setzung. Diese Grundsetzung ist der große Uranfang alles dessen, was ist: Tai Gi, eigentlich: der Firstbalken. Die spätere Philosophie hat sich mit diesem Uranfang viel beschäftigt. Man hat den Wu Gi, den Ururanfang, als Kreis gezeichnet, und Tai Gi war dann der in Licht und Dunkel, Yin und Yang, geteilte Kreis, der auch in Indien und Europa eine Rolle spielte:
. Aber die Spekulationen gnostisch-dualistischer Art sind dem Urgedanken des I Ging fremd. Diese Setzung ist für ihn einfach der Firstbalken, die Linie. Mit dieser Linie, die an sich eins ist, kommt eine Zweiheit in die Welt. Zugleich mit ihr ist oben und unten, rechts und links, vorn und hinten — kurz die Welt der Gegensätze gesetzt. Diese Gegensätze sind bekannt geworden unter dem Namen Yin und Yang und haben namentlich in den Wendezeiten der Tsin- und Handynastie in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, als es eine ganze Schule der Yin-Yang-Lehre gab, viel Aufsehen erregt. Damals wurde das Buch der Wandlungen vielfach als Zauberbuch verwendet, und tausend Dinge wurden in das Buch hineingeheimnisst, von denen es ursprünglich nichts weiß. Natürlich hat diese Lehre vom Yin und Yang, vom Weiblichen und Männlichen als Urprinzipien, auch in der fremden Wissenschaft über China Aufsehen erregt. Man vermutete hier nach bewährten Mustern phallische Ursymbole und was damit zusammenhängt. Zur großen Enttäuschung solcher Entdecker muss gesagt werden, dass in dem Ursinn der Worte Yin und Yang nichts liegt, was darauf hinweist. Yin ist in seiner Urbedeutung das Wolkige, Trübe; Yang bedeutet eigentlich: in der Sonne wehende Banner, also etwas Beleuchtetes, Helles. Übertragen wurden die beiden Begriffe auf die erleuchtete und die dunkle (d. h. südliche und nördliche) Seite eines Berges oder Flusses (wo aber die Südseite im Blick auf den Fluss dunkel, d. h. Yin, und die das Licht reflektierende Nordseite hell, d. h. Yang, ist). Von hier aus wurden die Ausdrücke dann auf das Buch der Wandlungen übertragen auf die beiden wechselnden Grundzustände des offenbaren Seins.“, heißt es in der Einleitung zu dem Buch.
Für mich daran interessant ist die ursprüngliche Bedeutung von Yin und Yang. Die beiden Begriffe der Dualität sind nicht zwangsläufig „weiblich“ und „männlich“ zugeordnet. Dass dann in einem patriarchalen System daraus eine feste Zuordnung wurde, liegt hier in der Natur der Sache. Das zweite, was mir an der Passage auffällt, ist, dass das Yang nicht das „Strahlende“, sondern das Beleuchtete, das das Licht reflektierende ist. Also genau das Passive, was doch eigentlich dem Yin zugeordnet wird.
Das Bild ist von Elfriede Lohse-Wächtler (1899 - 1940) 1940 wurde sie zwangsweise in die als Tötungsanstalt missbrauchte Landes- Heil- und Pflegeanstalt Pirna Sonnenschein und dort im Rahmen einer nationalsozialistischen Massenmordaktion an Behinderten ermordet.