19. August
Gedanken dürfen sich kreuzen, Ereignisse auch. Gestern wurde ein neues Modell des Fahrradklingeldeckelxylophons mit Hilfe eines Freundes angefertigt. Das alte ist schon Jahre überfällig, die Plastiktreppe, auf der die Fahrradklingeldeckel drapiert waren, ist schon vor Jahren verschwunden. Nun also aus Holz. Nur drei Tragebretter für jeweils vier Klangkörper statt vier davon. Nun also Zwölftonmusik im Wortsinne. Dann wurden noch die Uhrenglockenstäbe montiert, die vormals auf dem Klangarten, also der Klangschublade, befestigt waren. Das ganze sieht jetzt etwas futuristisch aus. Es soll eines der Musikinstrumente für dingefinders publik art arkestra werden, neben der Grünen Lampe und einer Kiste voll little instruments. „publik art“ weil dieses Instrumentarium vom Publikum bedient werden soll, um die gelesenen Gedichte klanglich zu illuminieren. „arkestra“ ist eine Ableitung von Orchester, die Sun Ra für seine Bandprojekte als Bezeichnung gewählt hatte. Hier steckt das Wort „Arche“ drin, und das gefällt mir auf eine freundliche Weise.
Beim frühmorgendlichen Gang zur Backstube, es sind immerhin vier Kilometer, teils durch Wald, begegnen mir nicht nur verschiedene Tiere und frisch aufgeblühte Blumen, sondern auch gute Gedanken. Das wird wohl korrelieren. Heute war zuerst dunkel, der nahende Herbst lässt grüßen. Da ich eine Straße gehe, die zwar nicht vielbefahren ist, doch wo trotzdem das eine oder andere Auto entgegen kommt, habe ich jetzt wieder Taschenlampe dabei und eine Leuchtweste als modisches Accessoire über der Regenjacke. Ja, Regenjacke brauchte es heute morgen zum Teil. Es war trotzdem ein schöner Gang, und mir begegnete in der Morgendämmerung eine Fledermaus, so spät noch unterwegs. Letzte Woche noch war es an diesem Teil der Straße noch hell, und keine Fledermäuse flogen mehr.
Diese beim Gehen entstandenen kleinen Morgenphilosophien lassen sich so wenig festhalten wie die Fledermaus in der Morgendämmerung. Doch sie wirken in den Tag hinein. Heute kam mir der Weg wieder recht lang vor. Es gibt Morgende, da ist der Weg kurz und fröhlich, als hätte irgendein Waldgeist ein paar hundert Meter vom Weg einfach abgeschnitten. Doch auch wenn es langsamer vorangeht mit dem Zeitvergehen, hat das nicht unbedingt etwas mit Traurigkeit oder Melancholie zu tun. Sind dann wohl einfach von irgendwem ein paar hundert Meter Weg darangeklebt worden.
Noch klingen viele der Gedanken zum I Ging – Orakel vom 8. August nach. Doch so langsam verblasst das, andere Dinge drängen vor. Vieles schwer greifbares. Und vieles ist so komplex, dass es kaum verwörterbar ist. Ein Versuch es trotzdem wert. Auch wenn die Entwicklungen in der Welt eine Geschwindigkeit aufgenommen haben, die atemlos macht. Mit welcher Macht sich in den letzten zehn Jahren Tech-Giganten, Oligarchen, KI – Steuerung, Drohnenkrieg und die Aufteilung der Welt in Verwertungssphären in den Vordergrund geschoben haben, ist für mich manchmal kaum fassbar. Ein Teil von mir lebt noch in der Landkommune in den Achtzigern, ein anderer ist auf der Wanderung, die folgte. Doch lebe ich trotzdem in Gänze in einem Dorf in idyllischer Landschaft, und auf meinen Morgen- und anderen Gängen kommt mir die Welt oft fast paradiesisch vor. Es sind ganz lapidare Dinge, welche dann mit einer Plötzlichkeit glücklich und heiter machen. Mal ist der Schwarzstorch, der aus der taufeuchten Wiese aufsteigt, dann wieder ist es das ätherische Blau der Wegwartenblüten die sich der Sonne darbieten, welche von der Schönheit der Erde sprechen. All diese Kleinigkeiten, wie die paar Triebe vom Gelben Steinklee, die im Vorbeigehen gestreift werden und mit Cumarinduft grüßen. Da fällt mir dann eine Geschichte ein, die ich mit meinem damals drei Jahre alten Sohn erlebt hatte. Es war zur Weihnachtszeit, meine Eltern lebten noch, und hatten zum Familientreffen eingeladen. Mein Sohn und ich hatten uns nach einer Überdosis Verwandtschaft in den nahen Wald verzupft. Damals hatten wir ein Spiel, ein Rollenspiel, ich las ihm am Abend oft aus Peterson Und Findus vor, den Kinderbüchern von Sven Nordquist, und so wurde ich dann zu Peterson und mein Sohn zu Findus.
Wir beide also in den nahen Wald. Es war winterlich kühl, jedoch die Sonne schien, sozusagen eine kühle Wärme um uns, und das Licht war etwas gefiltert durch einen leichten Dunstschleier. Dadurch bekamen eine Pflanzen die Andeutung einen Halo um sie herum, und das Moos auf dem Boden ein sanft smaragdenes Leuchten. Da gerade Weihnachten war hatten wir ein besonderes Augenmerk auf die kleinen Fichten, die in verschiedenen Altersstufen eine Lichtung einnahmen. Wir stellten uns vor, wie diese wohl mit Kerzen und Lametta geschmückt aussehen würden. Bei den ganz kleinen Bäumchen mussten wir lachen bei der Vorstellung, wie sie sich unter der Last nur einer Kerze schon biegen würden.
So gingen wir fröhlich durch diese Welt von Weihnachtsbäumchen, Smaragdmoos und Lichtflitter, mein Sohn wurde fröhlicher und fröhlicher, bis es aus ihm herausplatzte, er mich mit großen Augen ansah und sagte: „Die Welt ist schön! Nicht wahr, Peterson?“
20. August
Wir schauen oft erstaunt auf die großen Konflikte in der Welt, dabei sind sie nur ein Spiegel unserer Konflikte im Kleinen, so geht das weiter hinunter von Stufe zu Stufe, Familie, Freundeskreis, Bekanntenkreis, Dorf oder Stadtteil, Ortsrat, Gemeinderat, Stadtrat, Kreisrat, Landesregierung, Bundesregierung, EU, Nato, Erdteile, Globus: irgendwie sind wir Menschen eine streit- und kriegsüchtige Spezies. Was sich bei uns im Kleinen spiegelt, das ist vergrößert Weltpolitik, Geostrategie. „Du muss geostrategisch denken“, sagte mir einmal jemand in einer politischen Diskussion. Doch warum sollte ich das tun? Das, was geostrategisch gerade läuft, ist Irrsinn. Da werden Ressourcen in kaum vorstellbaren Ausmaß verballert, nur um Ressourcen zu sichern, die dann wieder verballert werden Jede Energieeinsparung, jede umweltfreundlichere Energiegewinnung auf der einen Seite wird geschluckt von Servern für KI und für den Bau von Waffensystemen, Satelitensystemen, Kriegführungen.
Und da oben drohen sich die großen Jungs (meist sind es Jungs, beziehungsweise alte Männer) gegenseitig, scheffeln dabei ungeniert weiter, vergolden Paläste, und lassen sich irgendwie doch gegenseitig in Ruhe. Den Kopf hinhalten muss das Fußvolk.
. Aber die Spekulationen gnostisch-dualistischer Art sind dem Urgedanken des I Ging fremd. Diese Setzung ist für ihn einfach der Firstbalken, die Linie. Mit dieser Linie, die an sich eins ist, kommt eine Zweiheit in die Welt. Zugleich mit ihr ist oben und unten, rechts und links, vorn und hinten — kurz die Welt der Gegensätze gesetzt.