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Samstag, 10. Oktober 2026

Artur Streiter: Großstadt - GroßgartenStadt / Maximilian Lazarowitz: Gassen

 

Heute ein interessanter Artikel aus dem Jahre 1930 von einem interessanten Menschen. Ich stelle ihn einfach hier einmal unkommentiert ein. Für mein Empfinden nachdenkenswert auch heute noch:

Großstadt — GroßgartenStadt


Von Arthur Streiter Mit zwei Skizzen vom Verfasser. „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten, wie mit einer Axt." H. Zille.

Von den schwärmerischen Träumen eines weltfremden Altertümlers aus mögen krumme, winklige Gassen, — in deren übel riechende Tiefe nie ein Sonnenstrahl gelangen kann, — Gassen, wie beispielsweise der Berliner Krögel, Gassen in der Altstadt anderer Groß- und Kleinstädte, einen gewissen Reiz haben. Ja, viele' dieser Gassen und Gässchen sind wegen ihrer Verschlungenheit, dass da und dort ein Giebel, ein Schornstein, ein Fenster hervorlugt, nicht ohne malerischen Reiz; das mag zugestanden sein. Doch vom Standpunkt eines sachlichen, selbst in romantischen Dingen die Hygiene über alles liebenden Menschen sind diese Gassen die Pestbeulen im Antlitz der Städte. Steht doch durch statistische Erhebungen fest, dass jede kleinere oder größere Epidemie ihren Ausgangspunkt von solchen eng und jämmerlich gebauten Stadtteilen nahm, ja, dort im Gegensatz zu frei und luftig gebauten moderneren Stadtteilen am allerheftigsten wütete! In Dresden war z. B. zur Zeit der großen Pockenepidemie im Jahre 1919 der Prozentsatz der Erkrankungen und der Todesfälle weitaus höher in der Altstadt als in anderen Wohnvierteln. Doch nicht nur die altertümlichen Gassen, die oft schier auf Fäulnisbergen errichtet wurden will ich anklagen, sondern die Großstadt als solche, wie sie heute noch existiert, ist ein Seuchenherd, wie ihn sich kein Pestbazillus besser wünschen kann! Wir wissen alle, wie es um das Wesen so einer Groß- oder größeren Kleinstadt bestellt ist: die Höfe der Häuser sind hoch und schmal. Sarggrüften gleichend. In den hochaufgetürmten Mauern wird das Leben eingeschlossen und verkümmert zu frühem Tode. Die Straßen sind voll Staub und Lärm und die Menschen voll Unruhe. Ihr Seelenleben durch Reize aller Art dauernd in Aufregung und genau so wenig widerstandsfähig wie ihre Lungen, die täglich so und so viele Quentchen Schmutz aller Art verarbeiten müssen. ,,Nervös" ist fast ein jeder der Großstadtmenschen. „Ich bin eben nervös", sagen sie und „heute ist jedermann nervös" — doch damit ist die Sache nicht abgetan. Sie leiden alle an Störungen ihres Nervensystems und haben alle im Nu die „Grippe" oder die Pocken. In erster Linie ist für diese leichte Anfälligkeit in Krankheitsausbrüchen die Großstadt mit ihrer Vergiftung und Entmenschung des Menschen verantwortlich zu machen. Zu selten sind die Inseln, zu denen der Einzelne sich flüchten kann, um im Grünen die Lungen zu stärken, die Nerven zu entspannen und den Nebenmenschen zu ertragen. Der Mensch lernt, selbst unerträglich, Seinesgleichen fliehen, weil er sich nicht ertragen kann. So wird der Mensch parteiisch, ohne Gemeinschaft, egoistisch und gönnt einander kaum die Luft. Selbst die Tiere in der Stadt entfremden ihrer Natur, werden zänkisch, — ich habe gefunden, dass Mensch und Tier in natürlicher ländlicher Umgebung ruhiger, harmonischer leben. Blicken wir einmal in eins der Mietshäuser hinein: Acht bis zehn große und kleinere Familien bewohnen einen Aufgang. Doch niemand weiß vom anderen, von seinem Leid und seinem Glück. Getrennt von des Nachbars täglichem Leben — doch auch von seiner Gefahr umschlungen — gehen die Menschen ihren Weg, sich selbst am nächsten, — so, wie es ihr tägliches Leben gebietet. Niemand kennt den Nachbar näher. So ist schon rein seelisch das Großstadtleben des Menschen eine Armseeligkeit. Ist das ein Leben? Müde, gehetzt von des Tages Unrast, angeekelt vom Schmutz der Werkfrohn gequält von den Maschinen, die selten Freude und Lust an der Arbeit entlocken. Was Wunder, dass das Empfinden für einander im Gemüte der Menschen eingeschlafen ist. Die Großstadt ist immer voll Unruhe, das macht 34 ihn heimatlos, „nervös", fremd und krank. Er hat in den Mietskasernen kein Zu-Hause. Auch wenn der Stadtmensch ein noch so eingesessener Bürger ist, nicht einmal in seinen vier Wänden hat er Schutz. Zieht die Grippe, zieht sonst ein Bazillenheer seine Bahn, es wird auch durch seine Tür in seinen Körper dringen. Er wohnt zu nahe aneinander; es ist zu wenig Luft und Sonne um und in ihm, als dass er all den Keimen und Einwirkungen widerstehen kann. Sein Wohnen ist ein Hausen, aber kein Zu hause-haben! Das Leben ist in den Städten von den kräftigenden Nabelfäden der Natur getrennt. Fast stets ist die Luft grau und dunstig und des Nachts ist die Stadt wie mit schweren Leichentüchern zugedeckt. Und doch geschieht es bisweilen im Frühling, dass blaue Tage sich in die Straßen und m die kranken Leiber der Menschen drängen, um ihnen mit Macht die Schönheit eines Erdentages zu zeigen. Aber die Menschen dürfen nur wenig Zeit haben. Nur des Abends dürfen sie in den Parks, in den Laubenkolonien den würzigen Duft des Frühlings — oder wenigstens einen leisen Widerschein davon erhaschen.



Moderner Siedlungsbau Junge Paare stehen in den Torwegnischen scheu aneinandergeschmiegt; die Prostitution macht gute Geschäfte und die Zahl der Geschlechtskranken steigt. — Die jungen Liebenden hören die Geräusche um sie herum und bangen, dass man sie stören oder verjagen wird. — Sie hören all das hässliche Familienleben aus den Häusern und Wohnungen. — — Alles Unnatur, alles Unnatur, — denn das rechte Leben ist es nicht.. Es liegt im Wesen unserer Großstädte begründet, dass der Mensch am Stadtleben erkrankt, entartet und zur unnatürlichen Karikatur seiner selbst wird. Gewiss, es hat bei Kulturvölkern immer Großstädte gegeben. Die Griechen, die Römer, die Ägypter erbauten lange vor unserer Zeitrechnung große Menschenansiedlungen, Großstädte. Und doch können uns diese beinahe prähistorischen Großstädte, — die sogar Ent- und Bewässerungsanlagen hatten, noch zum Muster dienen, wie Großstädte angelegt werden dürfen und wie nicht! Die Griechen legten Großgartenstädte an. Als Verehrer der Sonne, des Lichts und des Wassers war ihr Bauen darauf gerichtet, dem Licht und der frischen Luft den Eintritt in die Wohnungen zu gewähren. Ja, sie richteten sich sogar Baderäume mit großen Bassins ein! So erhielten sie sich gesund und wurden ein schönes Volk. — Die alten Kulturvölker bauten überhaupt nicht übereinander, sie hatten es nicht nötig. Wohnungen wie Käfige übereinander zu türmen. Erst dem Mittelalter, dem vergangenen und unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, Pestherde statt Wohnungen zu bauen. Auf Grund eines erbärmlichen Bodenschachers wurden Wohnungen bis in den Himmel hinein gebaut, sodass die Bewohner der unteren Stockwerke zwei Drittel des Tages bei künstlichem und den Rest ohne Licht verbringen müssen. So war Gustav Landauer einer der ersten, der, über Damaschke hinaus schießend, erklärte: (wie vor ihm Proudhon) ,,der Boden muss wieder unser werden, der Boden muss wieder allen gehören." Unserer Zeit ist es gegeben, sich auf Selbsthilfe zu besinnen, auf einen, nein, auf den Weg, der aus dem Großstadtbabeltum heraus zu einem schönen, gesunden Menschentum hinführt. Damaschke, Gustav Landauer und viele andere wiesen als Pioniere stets darauf hin, dass gesunde Siedlungen eine erneuerte Menschheit schaffen werden. Die Großstadt sei lediglich ein Industriezentrum, währenddem sich das eigentliche Leben des Menschen in schönen Großgartenstädten abspiele, damit er gesund und gestählt gegen alle Einwirkungen das Leben ertragen kann. — Schön wird nach den heutigen Begriffen, nach den Anforderungen, die ein hygienisch einwandfreies Leben stellt, nicht gebaut indem die Baustile anderer Epochen kopiert werden. Unsere Lebenserfordernisse, unser Lebensstil oder -rythmus ist ein ganz anderer geworden. Schlicht und sachlich, seinem Zwecke zugewiesen, stark und klar betonend, dass keine unnötige Kraftverschwendung entsteht. Wer nun allerdings einen modernen Bau mit seinen glatten Linien, seines Verzichts auf jeden staubfangenden „Putz", seinen vor allen Dingen großen luft- und lichtspendenden Fenstern eine „Kiste" nennt, mag bedenken, daß eine glatte Kiste doch leichter zu reinigen ist, als ein mit barocken Schnörkeln versehenes Prunkmöbel. — Neues, sachliches, hygienisches Bauen, mit der Natur verbundenes, gesunderhaltenes Siedeln, Wandern, neue Ernährung, frische Luft, Leben in der Natur, in Großgartenstädten, ist der Weg zur Verhütung von Seuchen und Epidemien — und nicht Impfen und Wiederimpfen. Ist Geld da zur Impferei, zum Panzerkreuzerbau, sollte es auch zum Wohnbau da sein! Gesunde, saubere Wohnungen statt Panzerkreuzer und Impfzauber, — denn der Feind lebt mitten unter uns — in den abbaureifen Großstädten!

Aus: Besinnung und Aufbruch, Monatsblätter freiheitlicher Bücherfreunde Jahrgang 2 / Heft 3, Juli 1930

Artur Streiter, geboren 17. Januar 1905 in Lichtenberg bei Berlin; gestorben 21. Oktober 1946 in Schönow, Schriftsteller und Maler. Streiter wuchs zusammen mit einem Pflegebruder auf. Er absolvierte eine Handwerkerlehre und eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Als Jugendlicher verließ er sein Elternhaus und schloss sich mit 16 Jahren einer von Heinrich Goldberg gegründeten Kommune an. Nach deren Fortgang nach Frankreich und nachdem er 1925/26 mit einer Puppenspielertruppe einige Monate durch Deutschland gereist war, erwarb er das zuletzt von Goldberg genutzte Gelände im Roten Luch[1] zwischen Rehfelde und Müncheberg und versuchte dort eine Lebenskulturgemeinschaft aufzubauen. Streiter sah sich zu dieser Zeit als Anarchist und Anarchosyndikalist, beeinflusst von Gustav Landauer, Leo Tolstoi und teilweise von Erich Mühsam. Er vertrat die These: „Ich sage nicht: so wenig Staat wie möglich, sondern betone: gar keinen Staat“.[2] Arbeiter waren in seinen Augen Sklaven, Streik ein legitimes Mittel für die politische Revolution, die Institution Kirche eng verbunden mit staatlicher Machtausübung.

In den 1920er Jahren galt sein Interesse u. a. der Bohème und dem Vagabundentum. Er gehörte zum Kreis der Bruderschaft der Vagabunden um Gregor Gog.

Als Autodidakt veröffentlichte er in dieser Zeit zahlreiche Sachartikel, sozialkritische Prosatexte, Lyrik, künstlerische Beiträge und Buchrezensionen in diversen Zeitungen und Zeitschriften wie Besinnung und Aufbruch, „Contra“, Der Kunde, „Der Vagabund“, als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freien Arbeiter-Union Deutschlands auch in deren Organ Der Syndikalist.

Artur Streiter führte er eine umfangreiche Korrespondenz, u. a. mit Martin Buber, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Stefan Zweig.

1930 wurde ihm der Pachtvertrag im Roten Luch gekündigt. Daraufhin war er Mitinitiator der benachbarten Landkommune Grünhorst, der er neben Gertrud Gräser, der Tochter von Gusto Gräser, dem Maler und Schriftsteller Max Schulze-Sölde und anderen noch kurzzeitig angehörte. Die Siedlung wurde zu einem Treffpunkt der Biosophischen Bewegung um Ernst Fuhrmann und undogmatischer Sozialisten um die Zeitschrift von Franz Jungs „Der Gegner“.

Von 1931 bis 1939 lebte Streiter wieder in Berlin. 1936 wurde er nach einer Denunziation einige Wochen im Konzentrationslager Columbia am Tempelhofer Feld inhaftiert. 1939 ließ er sich in Schönow nieder.

Artur Streiter war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er starb im Alter von 41 Jahren an Lungentuberkulose, die er sich während der Haft zugezogen hatte. (Wiki)

Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.


Dienstag, 22. September 2026

Deutungen: 22. September

 


Ich habe eine Weile gewartet, bis ich hier wieder weiter schreibe. Zum einen viel um die Ohren, zum anderen uninspiriert. In der Zwischenzeit ist eine Menge geschehen. Politisch: Zwei Landtagswahlen, eine Senatswahl und eine Kommunalwahl . An letzterer nahm auch ich teil, sowohl aktiv als auch passiv. Letzteres war nicht so erfolgreich, doch auch das ist okay.

Zu den beiden Landtagswahlen ist mittlerweile überall alles gesagt und geschrieben worden. Beziehungsweise, das wogt immer noch gewaltig hin und her. Unterhalb dieses Gewoges: Ich denke, es gibt überall Menschen ähnlich wie ich, und die haben es jetzt schwerer und schwerer. Dazu passt es, dass ich mich heute wieder einmal dem I-Ging gewidmet habe, und folgendes kam bei der Auszählung mittels der Schafgarbenstengel heraus (wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm) :


36. Ming I - Die Verfinsterung des Lichts

Die Sonne ist hier unter die Erde gesunken, daher verdunkelt. Der Name des Zeichens bedeutet eigentlich Verwundung des Hellen, daher die einzelnen Linien auch vielfach von Verwundungen reden. Die Situation ist genau die entgegengesetzte wie beim vorigen Zeichen. Dort ein weiser Mann an der Spitze, der tüchtige Gehilfen hat, mit denen er gemeinsam voranschreitet; hier ein finsterer Mann an maßgebender Stelle, durch den der Tüchtige und Weise geschädigt wird.


Das Urteil

Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.

Man darf sich auch von ungünstigen Verhältnissen nicht wehrlos mitreißen, nicht in seiner inneren Willenshaltung beugen lassen. Dies ist möglich, wenn man innerlich licht ist und nach außen hin nachgiebig und fügsam. Durch diese Haltung lässt sich auch die größte Not überwinden. Man muss freilich unter Umständen sein Licht verbergen, um trotz Schwierigkeiten in der unmittelbaren Umgebung seinen Willen durchhalten zu können. Die Beharrlichkeit muss im innersten Bewusstsein leben und darf nach außen nicht hervortreten. Nur so kann man unter Schwierigkeiten seinen Willen wahren.


Das Bild

Das Licht ist in die Erde hineingesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.

In Zeiten der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht durch rücksichtsloses Auftreten soll man sich nutzlos übermächtige Feindschaft zuziehen. Man soll in solchen Zeiten die Gewohnheiten der Menschen zwar nicht mitmachen, aber sie auch nicht kritisch ans Licht ziehen. Im Verkehr muss man in solchen Zeiten nicht alles wissen wollen. Man muss manches auf sich beruhen lassen, ohne sich darum betören zu lassen.

Das letzte Mal hatte ich dieses Hexagramm Mitte der Achtziger gezogen (ich berichtete), nun wieder heute, in etwas anderer Konstellation. Einen Tag vor dem kalendarischen Herbstbeginn (die Tage werden wieder kürzer und die Dunkelheit nimmt zu) und wenige Tage vor dem Septembervollmond (der Erntemond), der Viertelmond ist schon überschritten.

Also: Erst einmal alles sacken lassen. Und den letzten Absatz noch einmal wirken. Das Foto zeigt übrigens einen Spitzschuppigen Stachelschirmling (Echioderma asperum), gestern zu Hauf gefunden, als ich mit einer jungen Dame aus der Abraxas Kochschule auf Pilzpirsch war. Die Kochschule bekam von dem sechsjährigen Mädchen ihren Namen an einem anderen Tag, auch da waren wir auf Pilzpirsch, fanden aber nur eine Rabenfeder. Durch diesen Fund kamen wir auf den Namen, benannt nach dem Raben Abraxas aus dem Buch Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Der Name des obigen Pilzes klingt ähnlich wie der eines der Drachen, die Hagrid der Wildhüter manchmal heimlich bei sich aufzog. „Spitzschuppiger Stacheldrache“, hmhm, das klingt doch schon recht bös. Und so ist dieser Pilz giftig, hat sogar schon Todesfälle verursacht. Leider waren gestern wirklich essbare Pilze so gut wie nicht vorhanden. Aber hübsch ist er doch, der kleine Kerl, oder?

Abwarten, die Steinpilze, Maronenröhrlinge und Trompetenpfifferlinge kommen bestimmt noch. „In der Zeit der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein.“ Und geduldig.


Sonntag, 6. September 2026

Deutungen: 5. und 6. September

 


5. September

Heute zeigt sich die Sonne wieder.


6. September

Auf manches Tagesgeschehen möchte ich doch reagieren. Und dann fehlen mir gerade jetzt erst einmal die Worte.

Ich lebe gerne auf dem Dorf. Und heute habe ich die ersten Espenrotkappen gefunden auf den Weg in den Solling. Die Pilzsaison hat begonnen. Ich halte das für ein gutes Zeichen.

„Von Godwin über Owen bis hin zu Ruskin und Morris lebte in England der Traum einer Wiederherstellung der mittelalterlichen Dorfgemeinden, doch ohne den Feudalherren und mit den technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit. Die deutsche Sozialdemokratie träumte lieber von einem Zentralstaat, der von selbst sozialistisch wird.“

„Außer der Landwirtschaft, die alle gemeinsam ausüben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk“ (Thomas) Morus"

Aus Rainer Donner - Tu was du willst, im Kursbuch 52, Utopien I, 1978, kursiv im Original

„Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür.“

Thomas Wolfe, aus: Schau heimwärts Engel, deutsch von Hans Schiebelhuth

Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Städten. Bevölkerungsverteilung: Im Jahr 2024 lebten etwa 77,9 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands in Städten oder Ballungsräumen. Nur 15 Prozent der Bevölkerung leben in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Allein in Jakarta (Indonesien) (41,9), Dhaka (Bangladesch) (36,6) und Tokio (Japan) (33,4), den drei größten Städten der Welt (Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Klammern), leben mehr Menschen als in der gesamten Bundesrepublik. (Statistisches Bundesamt 2025)


Freitag, 4. September 2026

Deutungen: 4. September

 



4. September

Heute morgen noch zuversichtlich im Flow - dann „der Tag als der Regen kam“, mit dem einsetzenden Regen veränderte sich die Tagesenergie ins melancholisch-herbstliche. In solchen Situationen lässt sich lernen, ob der trübe Tag tiefer in die Seele eingreift, oder ob die Hinnahmefähigkeit sich ausgebildet hat. Es gibt nicht nur Flut im Leben, doch wie weit eine Stimmung die Seele aufwühlt, liegt daran, wie tief ich mich einlasse. Dafür gibt es keine Roadmap, ich vermag darüber auch keine Chautauqua abzuhalten.

Noch einmal zurück zum gestrigen Posting. Auch ich hatte mich dem ersten Abschnitt gedanklich des Tao Te King angenommen. Inspiriert davon schrieb ich folgendes Gedicht:

Wandern (TAO)

Das Leben:
Ein Mäandern.
Ein Wandern.

Du deutest die Zeichen
in Dingen
am Wegesrand.

Hältst
Zauber
in der Hand.

Wer mit einer Wanderung beginnt,
weiß vorher nie,
wo sein Weg endet.

Ganz eins mit sich
verblasst die Phantasie,
doch ist kein Schritt verschwendet.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Benennen
meint nicht „Kennen“.
Beim Namen nennen
lässt
sich die Gegenwart nicht.
Hier wurzelt und beginnt
die Vielheit aller Wesen,
die gegenwärtig sind.

Wir treffen uns
im gegenwärtigen
Geheimnis.
Weder Dunkelheit noch Licht
lassen uns die Zeichen lesen,
wenn die Zeit
nicht namenlos verrinnt.

Ein unsichtbares Tor,
durch das hervor
die Wunder in das Leben steigen,
ein wundersamer Reigen
von blütengleichem Glanz
lädt uns zum Tanz,
wir tanzen das „Ist“, das „Sein“, das „Ich bin“,
namenlose Wogen tragen uns dahin.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Dies ist nun weniger eine Nachdichtung, schon gar keine Übersetzung, es ist das Echo meiner eigenen Seele auf das bei Laotse gelesene.

Hier ein von mir eingesprochenes Video dazu: Wandern (TAO)
Das Bild oben ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stifung als Nachlassverwalterin.

Donnerstag, 3. September 2026

Deutungen: 3. September

 


3. September

Heute einmal zwei Übersetzungen und eine (sehr) freie Nachdichtung des ersten Verses des Tao Te King. Die erste ist von Richard Wilhelm, die zweite „Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular, Insel-Verlag 1923, die (recht freie) Nachdichtung ist von Gusto Gräser.

„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.

Ich stelle die drei Texte erst einmal unkommentiert untereinander. Die Übersetzungen des Tao Te King sind Legion. Ich selber mag die von Richard Wilhelm, es war die erste, die mir in die Hand fiel, und ich war sechszehn Jahre alt, und ich war sofort begeistert. Es war, als hätte ich ein Stück geistige Heimat gefunden. Seitdem hat mich chinesische Philosophie und insbesondere der Taoiismus, aber auch die chinesischen Dichter, nie ganz los gelassen.


I

Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten


II

Die Bahn der Bahnen ist nicht die Alltagsbahn;
Der Name der Namen ist nicht der Alltagsname.
Unnambarkeit ist Wesen des Allüberall;
Nambarkeit ist Werden des Einzelnen.
Jedoch: klar siehet, wer von Ferne sieht,
und nebelhaft, wer Anteil nimmt.
Diese Grundwesenheit, zwiefältig, ist Eins
in der Erscheinung nur, zwiefacher Gegensatz.
Sie ist das Unergründliche,
das unergründliche Gründliche,
das Tor zum letzten Geheimnis.


III

Hörst Du?
Hör auf mit dem Krampfen und Krallen, lasse Dich ruhn -
Lass Dich getrost mit den treulichen Allen, wie der Thau
zu dem Grunde fallen,
daraus uns erwallet urheiliges Tun.
Wallfall mit TAO ins Leben!
- - -
Du stehst, Du staunst des unverstandnen Worts?
O will nicht verstehn!
Geh, geh vorüber, lass gehn, lass geschehen
und TAO wird Dich erheben, wie es mich erhebt,
das heimlich heilig in uns Allen lebt.
Athem Es aus und ein - athmend ahnst Du sein Leben.
Sog, sing oder jauchz Es, aber will es nicht nennen -
nimm nicht durch Namen Dir, Mir, was Es an Gaben
birgt und bringt.
Unnennlich ist das unendlich Eine, und nennlich ist nur
der vergängliche Teil ---
Ehre sein Dunkel, und sieh, sein Stern wird Dir blinken -
aber - ziehst Du ans Licht, musst Du in Trübheit versinken.
Hüt, o hüt das Geheimnis,
so wird das Geheimnis Dich hüten,
aber willst Du es sehen, muss es Dein Leben zerwüten.
Oh Du!
Traue getrost - und wonnig wirket sein Weben -
H ö r e a u f !
und innig beginnt sein helfend heilendes Leben.


Mittwoch, 2. September 2026

Deutungen: 2. September

 


2. September

Heute am frühen Morgen, auf dem Weg zur Backstube, schaute mich der Viertelmond milde durch einen Halo an, gerade so viel Licht spendend, dass Wald und Landschaft sanft eingetaucht war in eine Art Elfengespinst. Das war schon mal sehr schön, so als Tagesbeginn. Auf dem Rückweg dann, so zweieinhalb Stunden später, durfte ich dann noch ein vierblättriges Kleeblatt finden. So im vorbeigehen, am Wegesrand. Ich kann mich wie ein Kind über so etwas freuen.

Das Kleeblatt habe ich weitergegeben. An die Liebste. Dass es ihr Glück bringe. Und mir auch. Mit den vierblättrigen Kleeblättern und dem Glück ist das auch so eine Sache. Denn diese Kleeblätter bringen nicht per se Glück. Es gibt da einen Zauber: Du musst ein gefundenes vierblättriges Kleeblatt verschenken, dass es Glück bringe. Dem oder der Beschenkten. Über diesen Umweg dann wird es auch Dir Glück bringen, denn das Glück hat die Tendenz, sich zu vermehren, wenn es verschenkt wird.

Mir hat es auf jeden Fall Glück gebracht. Also, bis jetzt. Zwar heißt es, „man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, doch sehe ich das differenzierter. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend verfluchen“, so herum wird für mich ein Schuh daraus. Und die Zahl vier mag ich.

Da gibt es die vier Mondphasen, Neumond. Vollmond, dazwischen die Halbmonde, „Viertelmonde“ genannt, zu deren Zeiten jeweils ein Wandel zu geschehen vermag. Oft so etwas Banales wie ein Wetterwechsel. Dann gibt es die vier Elemente. Damit sind nicht die chemischen Elemente gemeint, so wie ein Spötter doch meinte, heutzutage gäbe es 118 Elemente. Das, was mit „Elementen“ gemeint ist, sind Seinsqualitäten. Wenn ich mich auf „vier Elemente“ beziehe, stelle ich mich in die Tradition der westlichen (europäischen) Philosophie. Die Natives Nordamerikas, welche in einer adäquaten Klimazone wie wir leben, haben eine ähnliche Grundlage. Auch bei ihnen gibt es Feuer (Wärme), Luft, Wasser, Erde.

Diesen vier Elementen sind jeweils verschiedene Seinsqualitäten zugeordnet, so zum Beispiel die vier Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter; auch die Himmelsrichtungen, Osten, Süden, Westen, Norden; und auch die Mondphasen: Der zunehmende Mond ist dem Element Feuer zugeordnet, der Vollmond dem Element Luft, der abnehmende Mond, der Neumond dem Element Erde.


Zu den vier Elementen werde ich mich in späteren Tagen gewiss noch weiter äußern, spielten sie doch in den Deutungen der Erscheinungen in anderen Zeiten eine große Rolle. Doch für den heutigen Tag gibt es noch weiteres zu berichten: Das Labyrinth in der Klosterkirche wurde wieder gelegt. Mit Kieselsteinen wurde ein Labyrinth gelegt, dass an das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres angelehnt ist, welches wiederum auf keltische Ursprünge verweist. Ich freue mich schon darauf, wieder flötespielend meinen Gang durch Labyrinth am Morgen zu tätigen. Ein kleines Ritual, das ich mir angewöhnt hatte in den Zeiten, als dieses eigentlich heidnische Symbol in unserer Kirche zu finden war. Nächstens mehr. . .

Das Foto ist von der Website der Klosterkirche Fredelsloh

Dienstag, 1. September 2026

Deutungen 1. September

 



1. September

Es gibt Zeiten, da geschehen die Dinge einfach. Das Geschehen ist einfach einfach. So in den letzten Tagen. Gutes Gelingen.

„Das Sanfte. Durch Kleines Gelingen.
Fördernd ist es, zu haben, wohin man geht.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.

Eindringlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Es soll nicht durch Vergewaltigung gewirkt werden, sondern durch ununterbrochene Beeinflussung. Diese Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die durch Überrumpelung gewonnenen, aber sie sind nachhaltiger und völliger. Damit man auf diese Weise wirken kann, muss man ein klares Ziel haben; denn nur dadurch, dass die eindringliche Beeinflussung immer in derselben Richtung wirkt, wird etwas erreicht.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es sich einem bedeutenden Manne unterordnet, der die Fähigkeit besitzt, Ordnung zu schaffen
.“, war die Botschaft meiner letzten I-Ging-Ziehung. (Hier wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm). Nun bin ich kein Alpha-Männchen, doch auch niemand, der sich irgendeinem noch so bedeutenden Manne unterordnet. Ich bin gerne bereit, Weisungen von Menschen zu folgen, sei es Frau oder Mann, welche ich in der Sache als kompetent und leitend sehe. Und ich sehe auch diejenigen, die mir fördernd entgegen kommen. Da brauche ich mich nicht einmal unterzuordnen. So versuche ich meine Deutung einmal anders: „Das Sanfte. Durch kleines gelingen. Förderns ist es, ein Ziel zu haben. Fördernd ist es, gute Helferinnen und Helfer zu haben.

Beharrlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Tätigkeit kann als Vorbild gewonnen werden. Die nachhaltigen Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die, welche durch Überrumpelung und Überredung gewonnen werden. Damit auf diese Weise gewirkt werden kann, ist ein klares Ziel vonnöten, so kann die Beharrlichkeit immer in die selbe Richtung wirken und etwas erreichen.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es nicht blind an den Helferinnen und Helfern vorbei geht. Förderlich ist es, zu erkennen, von wo die Hilfe kommt. Förderlich ist es, Ratschläge anzunehmen und förderlich ist es, jene das tun zu lassen, was sie besser können als einer selber. Richtig eingeordnet lässt sich so Ordnung schaffen
“.

Heute ging es in angemessenen Schritten weiter mit dem Schaffen der Ordnung in die gesehene Richtung, und es kam jeweils zum richtigen Zeitpunkt die gebrauchte Hilfe an. Wer sieht, kann auch annehmen. Dann ist Nehmen seliger denn geben.