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Mittwoch, 19. August 2026

Deutungen 3. und 4. August 26

 


Es ist schon ein bisschen merkwürdig mit dem Einstellen der Texte immer einige Tage hinterher zu sein. Ich stelle heute einmal zwei ein, die nächsten Tage wohl auch mal noch mehr, um wieder Anschluss zu bekommen. Denn auch das Einstellen in Echtzeit hat seine Reize. Tagesenergie. 




3. August

Gestern hatte ich meine 50 Schafgarbenstengel zusammen bekommen. Es fehlten noch zwanzig Stück, und ich war spontan hinaus, die restlichen zu sammeln. Die trocknen jetzt in meiner Klause vor sich hin, die anderen dreißig können schon entblättert werden. Die getrockneten Blüten sind für Kräutertee vorgesehen.

Wenn alle Stengel vorbereitet sind, also getrocknet und auf die richtige Länge geschnitten, so um die zwanzig Zentimeter, dann kann ich damit beginnen, mit ihrer Hilfe das I-Ging-Orakel auszuzählen. Sicher, es gibt auch getrocknete Stengel zu kaufen, so um die zwanzig Euro macht das, doch da verstehe ich das Prinzip nicht dahinter. Warum muss etwas gekauft werden, das für etwas so persönliches wie ein Orakel verwendet wird? Schafgarbe ist ja nun wirklich kein seltenes Kraut. Und ich bekomme eine Beziehung zu meinem verwendeten Werkzeug. Einige sammelte ich bei meinen Morgengängen zurück von der Backstube, eine Anzahl schnitt ich, als ich mit dem kleinen Mann, der mich Opa nennt, vom Pilze suchen zurück kam; den Rest sammelte ich gestern. Zum Schneiden verwendete ich meine Baumschulhippe mit dem Walnussholzgriff, die mich schon seit über dreißig Jahren begleitet auf meinen Kräutersammeltouren. Das alles sind die kleinen Details und Erinnerungen, welche meine Stengel persönlich und einzig machen.

4. August

„Der Lähmung begegnen“ - Wenn es nicht so richtig voran geht, und sich in einem noch etwas sträubt, in das Handeln zu kommen. Da gibt es bestimmt einige Möglichkeiten. Die beste aber ist es nicht, sich selbst zu kasteien und versuchen „den inneren Schweinehund“ zu „überwinden“. Denn der möchte sich zurück ziehen und hat seine Gründe dafür. So macht es Sinn, dem Drang des Zurückziehens nachzugeben und in dem geschützten Raum der heimischen Klause darüber nachzudenken, was das Widerstreben ausmacht. Da ist zum Beispiel ein unliebsames Klärungsgespräch, welches ansteht, noch dazu am heutigen Tag, und das schon im Vorfeld viel Energie bindet. Da wird hin- und hergedacht, abgewägt, geschaut auf die Formulierungen, welche zu wählen sind, dass nicht erneut Missverständnisse im Raum stehen bleiben, zu schauen, wie deutlich ausgesprochen werden darf, ohne beleidigend zu werden.

Das läuft unter sozialer Interaktion, und man tut gut daran, sich hier die Zeit zu nehmen, welche erforderlich ist, auch um die Seele zu glätten, auch, um nicht erneut in die Falle zu laufen, die einfach nur Streit und weitere Energiebindung bedeutet. Einen Abschluss finden, ohne zu desavouieren und ohne erneut desavouiert zu werden. Und: versuchen, eine Kompromisslösung anzubieten.

Das wäre nicht weiter kompliziert, wenn man mit der Person nicht weiter in Verbindung stehen würde, ja, sogar an einem Projekt weiter zusammen arbeitet. Dann ließe sich einfach sagen: „Dammich noch mal! Verpiss dich einfach aus meinem Leben!“ Und Ruhe ist. Doch so simpel ist das nicht. Dass die andere Person keine Vorstellung davon hat, wieviel Energie sie mit ihrem Verhalten bindet, macht die Sache nicht einfacher. Da ist leider nicht die Möglichkeit, offen und geradeaus zu sagen, was gedacht wird. Alles was gesagt wird kann zu einem Schwanz erneuter Diskussionen, energiebindender weiterer Erklärungen und so weiter führen, bis hin zur Endlosschleife. Das gilt es zu vermeiden. Denn, wie oben geschrieben, die Energie wird zur Bearbeitung anderer Vorhaben gebraucht.

Da flammt kurz der Gedanke auf, wie es sich wohl anfühlt mit dem jetzigen amerikanischen Präsidenten in Verhandlung gehen zu müssen. Das fühlt sich garantiert genauso an, nur sind da die Auswirkungen des Gesprächsausganges einige Dimensionen größer. Doch das Prinzip ist das Gleiche: Jemand nimmt für sich das Recht heraus, über alle Grenzen des Gegenüber hinaus zu gehen, zu unterstellen, zu beleidigen, und dabei noch resistent gegen alle Ausgleichsbemühungen zu sein. Schwierig.

Vorgestern hatte ich ja die letzten zwanzig der fünfzig Schafgarbenstengel für das I-ging-Orakel zusammen bekommen. Die müssen noch trocknen, dann kann ich daran gehen, sie zu bearbeiten. Es ist mein Ziel, vor wichtigen Gesprächen, so wie heute eines anliegt, und vor wichtigen Entscheidungen das I ging zu befragen. Nicht, dass ich annehme, damit würde mir eine Entscheidung abgenommen, von einer sozusagen höheren Macht. Eher ziele ich ab auf das Innehalten. Schon das Auszählen der sechs Linien mittels der Schafgarbenstengel braucht seine Zeit. Dann kommt noch das Sinnieren über den oder die Texte zu den gezogenen Linien hinzu. Der gesamte Vorgang entschleunigt, unter einer halben Stunde ist da nichts zu machen. Und das ist gut so. Das Orakel mittels Münzen zu befragen, als ein Beispiel, wäre eine Instantbefragung, und ist für das Einschwingen in die tieferen Seelengründe nicht geeignet. Doch so naiv, zu glauben, dass das I ging einfach antwortet, bin ich nicht. Ich gewinne Zeit und Muße und Worte von außen, die zielführend sein können, wenn ich mich auf eine Lösung einlassen möchte.

Eine weitere Möglichkeit der Erdung wäre, bestimmte Ecken und unaufgeräumte Stellen in der Klause aufzuräumen, sich wieder einmal den neu angesammelten Spinnweben annehmen, die Tischdecke wechseln und ähnliches, „clean the room“, vielleicht etwas Musik dazu laufen lassen. Das schafft zwar nicht das Anstehende vom Tisch, hilft aber auch, die Seele zu klären. Also los. . .



Dienstag, 18. August 2026

Deutungen: 2. August 26

 



Deutungen


Das erste Posting von einem Projekt, das ich dieses Jahr am 2. August begonnen hatte. Kein "Diary", Tagebuch, keine Literatur, kein innerer Monolog. Was dann? Ein Innehalten im Strom der Geschehnisse und der Zeit, ein Besinnen auf mein eigenes Inneres, ein Erhaschen von vorüberfliegenden Gedanken. Wohin das führt? Vielleicht mitten in die Petersilie.

2. August: Ein neues Beginnen. Das eigentliche Beginnen lag auf gestern, dem 1. August. Doch da war noch ein Verhalten in mir. Heute ist da ein Voraus. Wir befinden uns in den Hundstagen (23. Juli - 23. August).

„Im Laufe der Zeit hat sich durch die Verschiebung der Erdachse auch der Zeitraum der ursprünglichen Hundstage um etwa vier Wochen nach hinten verlagert. Heute ist der Sirius-Stern über Deutschland erst frühestens Ende August mit voller Leuchtkraft zu sehen und deutet auf den nahenden Herbst hin. Auch die heißesten Tage des Jahres treten statistisch gesehen schon Anfang Juli auf.“ (Website „Mein Gartenexperte“ - Hundstage 2026: Bedeutung, Zeitraum und Bauernregeln).

Auch hier wieder die Verschiebung im Laufe der Zeiten, ähnlich wie bei den Sternbildern, auch die Daten der Tierkreiszeichen sind heute etwa einen Monat verschoben im Vergleich zu dem Zeitpunkt, an dem die Sonne die entsprechenden Sternbilder passiert. „Diese Daten wurden vor mehr als zweitausend Jahren festgelegt, aber heute haben sich die Dinge geändert. Zum Beispiel trifft der Widder die Sonne jetzt um den 19. April (das genaue Datum hängt vom Jahr und Ihrer Zeitzone ab) statt am 21. März. Die meisten Menschen, die sich als Widder bezeichnen, wurden also geboren, als die Sonne in den Fischen stand.

Der Grund für diese Zeitverschiebung ist die Präzession der Erdachse. Unser Planet ist wie ein Kreisel: Er ist an den Polen abgeflacht und hat am Äquator einen Wulst. Die Gravitationskräfte von Mond und Sonne spielen dabei eine Rolle. Die Erde wackelt also, wenn sie sich dreht, und ihre Achse folgt einem Kegel mit einem Radius von 23,5°. Dieses Wackeln nennt man Präzession der Erdachse oder Präzession der Äquinoktien. Jede Umdrehung dauert einen Tag, aber jedes Taumeln um den Kegel dauert 25.800 Jahre. Diese Bewegung lässt den Blick auf den Tierkreis von der Erde aus langsam altern, sodass sich die Sternbilder pro Menschenleben um etwa 1° nach Osten verschieben.
“ (Website Star Walk - Sternzeichen und Sternbilder am Himmel: Was ist der Unterschied?)

So zeigt sich auch hier die Brüchigkeit von Traditionen, und es zeigt sich mehr und mehr, dass wir keine Vergangenheiten haben, auf die wir zurückgreifen können, um dem entstehenden Neuen zu begegnen. Welche Möglichkeiten haben wir als Einzelmensch, das beginnende Neue mit zu gestalten, mit zu formen; und nicht einfach nur zu Begegnen? Ist die Kraft des einzelnen wirklich so klein, dass es um ein einfaches Hinnehmen, dessen was geschieht, geht?

„So fremd oft ist mir diese Welt / es webt in mir auch eine andere“ - Ich werde beginnen, sie aufzuspüren. Heute blühen schon die Goldruten vor der Alten Schule, zu früh für mein Gefühl, gemahnt das doch schon an den Herbst, auch dass die Herbstanemonen neben der Hundertjährigen Rose hier im Ort seit über einer Woche erste Blüten zeigen, unterstützt dieses Gefühl. Beide Arten haben zwar eine Blütezeit von Juli bis Oktober, also hier wäre nichts, was außerhalb der Norm stände, doch unterstützt der Anblick der Blüten die leicht melancholische Note, die meine Seele heute durchzieht.

Wir streichen aus alle, die wir kennen - uns eingeschlossen -“ (Witthüser & Westrupp, Orienta), da wäre vielleicht noch anzumerken: „Wir streichen aus alles, was wir kennen“. Ich bin mir nicht sicher, was das hier werden mag, und wohin es führen möchte. Eines jedoch weiß ich: Ich habe nicht vor, ein Tagebuch zu führen. Ich möchte nicht an so enge Grenzen gekoppelt sein, jeden Tag etwas zu schreiben, weder Unbedeutendes noch Bedeutendes, nur wenn es an der Zeit ist, sich selbst zu erklären, etwas in sich selbst zu klären, möge das hier Eingang finden.

Meine Bereitschaft zu diskutieren ist mittlerweile gegen Null gesunken. Das liegt weniger daran, dass ich keinen Widerspruch und keine Kritik vertragen kann, sondern mehr daran, dass mir an einem Schlagabtausch nicht gelegen ist. Vieles muss sorgsam durchdacht sein, möchte aufmerksam beobachtet und gründlich recherchiert sein, um dann in Muße durchgesprochen zu werden. Es ist schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der so viel an Information via Internet zur Verfügung steht, sich so wenig Zeit genommen wird, noch Argumente auszutauschen, zu prüfen und wieder auszutauschen. Es wird wohl auch etwas mit der Verrohung der Internetkommunikation in den „sozialen Medien“ zu tun haben. Da wird als Kommentar etwas rausgehauen, oft noch mit mehr oder minder subtilen persönlichen Beleidigungen garniert, noch ein Meme und ein link zu einem Video oder einem Zeitungsartikel darunter drapiert, und fertig.

Kein sorgsam ausgeführter eigener Gedanke dabei, keine selbst verfasste Zusammenfassung dessen, was man transportieren möchte. Keine Zeit. Dieser Stil hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr auch auf die persönlichen Gespräche übertragen, so ist mein Eindruck. Das lässt mich mehr und mehr verstummen.



Sonntag, 3. Mai 2026

VorGänge - NachGänge: Es gibt keine Jugendkriminalität. . .

 


. . . hinter der keine Erwachsenenkriminalität steckt.

Den nordamerikanischen Bewohnern dieses großen Kontinentes (auch "Ureinwohner" oder "Indianer" genannt) waren die meisten der Verhaltensweisen der weißen Eroberer fremd. Etwas erschütterte sie besonders: Wie die Weißen mit ihren Kindern umgingen: Schläge oder auch nur der "Klapps" waren ihnen als Erziehungsmittel völlig fremd, ebenso die rigide Unterdrückung des sexuellen Ausdrucks. Mittlerweile ist es ja auch in der Bundesrepublik angekommen, dass das Schlagen von Kindern kein "Kavaliers"delikt ist, sondern als Körperverletzung eine Straftat. Unabhängig ob die eigenen oder fremde Kinder geschlagen werden.

Durch körperliche Gewalt, aber auch durch andere Eriehungsmethoden wie seelischer Grausamkeit wird in den Kindern und späteren Jugendlichen der Keim späterer Gewalttätigkeit gelegt. Es gibt Gesellschaften und Gesellschaftsformen, wo dieses durchaus erwünscht ist. Durch eine gewaltfreie Erziehung wird man kein gutes Soldatenmaterial bekommen. Dass dabei dann immer einige "abrutschen" in die Kriminalität, gut, das muss hingenommen werden, Ausfälle gibt es immer.
Wenn dann die jugendlichen Gewalttäter nach dem kleinen Raubüberfall auf die Oma ihre Shore loswerden wollen, verkaufen sie an Erwachsene. Wenn sie von dem Hehlergeld sich Drogen kaufen, verdienen die Erwachsenen hier wieder. Es sind immer Erwachsene, welche letztendlich von Jugendkriminalität profitieren. Es sind immer Erwachsenengemeinschaften, die von Erziehung zur Gewalt hin profitieren.

Zuguterletzt: Wir haben es in unserer Hand, womit wir unsere Kinder spielen lassen. Wir Erwachsene. Ein Foto aus dem Schaufenster eines Bremer Waffengeschäftes: Kalaschnikov ab 14.




Freitag, 23. Januar 2026

Ein Gedicht und seine Wirkung: Abendstimmung von Ernst Blass

 


Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.

Ernst Blass


He!

Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

Jakob van Hoddis

Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

„Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

„Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“.

(Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

„O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“

(Ernst Blass)

„Deine Fliederweste,
du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl,
dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl,
trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“

(Kurt Hiller)

„Glühgrün lampjongt es in den Baumbeständen
zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw.

(Arthur Kronfeld)

. . . So sind sie, die Rigorosen. . . . „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

. . .

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

„Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass - 1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis - Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842 - 1931)

Samstag, 10. Januar 2026

Winternachtglanz

 


Winternachtglanz

Ringsum der Schnee, und funkelndes Schimmern,
Mond über dem Haupt, Milchstraße unter den Füßen,
träumte, ohne Träumer zu sein, aus Kristallflimmern
erwuchs ein trautes Grüßen.

Wollte eisgestickte weiße Lilien zum Geschenk dir reichen,
im hellen Auge deiner Zärtlichkeit glücksgebadet spielen,
die Sterne sammeln, die bei den überfrorenen Teichen
in die bereiften Seggen fielen.

Ein Wegekreuz in der Nacht, in der Mitte ein „Hier!“,
ein Wegweiser der, geknickt, sternwärts wies,
und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir
wie der Weg ins Paradies.


Anmerkung zu „und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir /
wie der Weg ins Paradies.“ Als der Dichter Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898, am 3. April 1948 in Zürich an einem Herzinfarkt verstorben aufgefunden wurde, steckte in einer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem diese beiden Zeilen standen.

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)

Samstag, 3. Januar 2026

VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

 



VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

Bei meinen Streifzügen durch die Welten der Lyrik im Dezember des letzten Jahres stieß ich in der Anthologie "Um uns die Stadt", Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung, herausgegeben von Robert Seitz und Heinz Zucker im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin 1931 auf folgendes Gedicht von Walter Bauer:

Zu Zeiten überfällt mich die grundlose Unruhe
und ich beneide alle, die voll Glaubens sind,
wie er auch sei, und die beten, oder deren Gedanken
sich entfernen vom Geräusch der Dinge.
Ich überlege, warum ich nicht mehr dazu imstande bin
und so tiefer Gewissheit zu leben
wie der Mönch in Tibet, der sich einmauern lässt,
um näher bei Gott zu sein -

Ich tröste mich damit, dass neue Mythen unterwegs sind,
Mythen voller neuer Gegenwart, die das Unverständliche,
Sinnlos-scheinende klar macht -
ich tröste mich damit und sage mir,
dass der Tod meiner Freunde und Brüder im Krieg
so gut ein Stück des Neuen ist
wie die Stunde im Kino, im Dunkel, vor einem Film,
wie auch der Augenblick,
da ich am Radioapparat sitze und einen neuen Sender finde
in tiefer Nacht.

Der Dichter, Walter Bauer, ist mir ein Begriff, schon lange gehören zwei seiner Gedichte, darunter das Gedicht „Dennoch“ zum Kanon meiner liebsten Trostgedichte. Darin heißt es:

„Es ist nicht sicher, wie lange wir leben werden
und ob wir Zeit haben, voneinander Abschied zu nehmen,
keine Rechnung geht mehr auf,
Armeen stehen an den Grenzen, ungeheure Wolken
sprechen von verborgenen Mitteln -
alle die alten bitteren Geschichten der Welt.
Dennoch haben wir Freude aneinander, als blieben wir ewig zusammen,
und leben in einem guten Geheimnis.
Dennoch lieben wir uns.“

Walter Bauer wurde 1904 geboren, wanderte mit einem Freund 1925 unter anderem durch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz, arbeitete als Gelegenheitsarbeiter, studierte einige Semester Germanistik, um später als Hauslehrer zu arbeiten. Von den Nationalsozialisten wurden seine Bücher verboten, er wurde als Soldat eingezogen, war Kriegsgefangener in Italien, ab 1948 freier Schriftsteller. Im September 1952 wanderte er aus Enttäuschung über die Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik nach Kanada aus, wo er an der Universität in Toronto lehrte. 1976 starb er in dieser Stadt.

So weit ein kurzer Einblick in einige Stationen eines bewegten Lebens. Was mich an dem oben beschriebenen Gedicht von ihm bewegte war unter anderem der Zeitpunkt der Veröffentlichung, 1931. Für mich heißt das, dass schon da deutlich spürbar war, dass die Zeitläufe auf einen Abgrund zugehen. Dass ich dieses Gedicht entdeckte, ist jetzt gerade drei Wochen her, es kam zu mir noch vor dem Beginn der Rauhnächte, und seine Worte begleiteten mich in diese Zeit der Wandlung. Heute ist der dritte Januar, nach meiner Zählung das Ende der Rauhnächte, und die dunklen Wolken am Horizont der Zeit werden mehr. Nicht nur der Krieg in der Ukraine nimmt kein Ende, und wenn, dann ist noch nicht klar, ob das Ende ein gutes ist. Und dann kommen heute die Nachrichten, dass Venezuela überfallen wurde von den Vereinigten Staaten, und dessen Präsident „festgenommen“ wurde. Nun weine ich diesem Präsidenten keine Träne nach, doch ist die Regierung der USA gewiss keinen Deut besser. Es ist allerorten der Aufmarsch der Diktatoren, Oligarchen und Gewalttäter bemerkbar, und diese gestalten Politik mit Gewalt, sobald sie an der Macht sind und mit der Aufteilung der Welt unter sich beginnen. „Alle die alten bitteren Geschichten der Welt“.

All das erreicht mich, und mich überfällt die Unruhe, nur weiß ich, dass sie nicht „grundlos“ ist. Walter Bauer war Zeit seines Lebens ein wacher Geist, und ich bin mir sicher, dass er das Heraufziehen der Gewaltherrschaft sehr wohl wahrnahm. 1931 noch diffus, als „grundlose Unruhe“, der er die Ahnung von „neuen Mythen“ entgegen setzen möchte. Doch noch saß er am Radio und suchte den neuen Sender. Was kam war das alte Verhängnis von Gewalt und Krieg. Was haben wir heute dem entgegenzusetzen, wo „keine Rechnung mehr auf geht“? Ich müsste lügen, wenn ich da schlüssige Antworten hätte. Die Antworten darauf müssen wir uns wohl gemeinsam im täglichen Handeln erarbeiten. Heute schneit es, und die Welt versinkt in ein zärtliches Weiß. Noch ist Ruhe, und Zeit zum Sinnieren. Ich möchte sie nutzen. 

Soweit meine Gedanken am Ende der Rauhnächte, angeregt durch ein Gedicht. Ich taste mich gedanklich weiter vor, um das mitteilen zu können, was zur Zeit noch unaussprechlich in mir ruht. Nächstens mehr.

Das Bild „Nachtphantasie“ ist von Harold Burdekin (1899 - 1944)

Freitag, 26. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Der andere Tod

 


Jonne Yrjö: Der andere Tod

Als ich alleine durch die Neumondnacht des diesjährigen Dezembers ging begegnete er mir. Nicht im Außen, er begegnete mir im Inneren, oder anders, im inneren Außen.

Es gibt eine fröhliche Dunkelheit, es gibt eine melancholische, und es gibt eine verstörende Dunkelheit. Dann gibt es noch eine lastende Dunkelheit, und diese traf mich unvorbereitet in dieser Nacht. Unvorbereitet, da doch der vorhergehende Tag ein sonniger war, ein sonnenheiterer, der mich die kommende Neumondnacht vergessen ließ.

Zu der lastenden Dunkelheit der Nacht gesellte sich Nebel, und ich empfand diesen Nebel als "stickig". Dieses Empfinden lag vielleicht auch daran, dass die Geräusche der nahen Straße so aufdringlich wurden. In der Regel sind sie verhalten und gewöhnbar wie ein fernes Rauschen. Doch in der stickigen Luftfeuchte waren die Motorengeräusche, die rastloses Rasen und Hetzen verbreiteten, körpernah zu spüren.

So kam eines zum anderen, und zu mir kamen die Gedanken an den Tod. Die lastende Dunkelheit, die stickigkühle geräuschschwangere Feuchte, es war, als würde der Tod nach mir greifen, nach mir und meinen Gedanken. Und: Es war nicht der freundliche Tod, den es auch gibt, welcher da nach mir griff. Es war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, oft gewalttätige Tod, der, welchen wir Menschen dieses Jahrhunderts und der vielen vergangenen Jahrhunderte so viel produzierten und produzieren.

Es war eine Verzweiflung in mir, denn ich fühlte es, ich spürte und hörte es, dass es so vielen Menschen egal ist, dass dieser Tod in unserem Leben umgeht. Ja, dass sie Thriller und Krimis und Spiele suchen, die angefüllt sind von Bildern und Schilderungen dieses Todes. Und diese Bilder und Schilderungen geben den ermatteten Nerven wohl etwas Kitzel. So dass die groben Reize dieses unfriedlichen, vorzeitigen, gewalttätigen Tod für so viele wichtig sind, als Darstellung, Bild, Spiel, eben als Nervenkitzel, wohl um noch etwas Lebendigsein in einem gewissen Grusel zu erspüren. Sich selbst wenigstens dort noch einmal wahrzunehmen.

So raste und hetzte dieser andere, dieser unfriedliche Tod durch diese Nacht und ließ meine Seele erkalten. Dass ich sterben werde, weiß ich, und ich bin einverstanden mit diesem Sterben. Ich hatte bis jetzt ein Leben, das mit vielen guten Ereignissen gesegnet war, neben den unvermeidlichen weniger erfreulichen. Ich bin´s zufrieden.

Auch dass mein Sohn einst sterben wird, weiß ich, und ich weiß, dass das zu den Bedingungen gehört, an der Schönheit dieser Welt teilzuhaben. Ich hoffe, dass er nach mir stirbt, und dass ich bis dahin mit ihm genügend glückliche Ereignisse erleben durfte, dass auch er sagen kann trotz aller Trauer: "Ich bin´s zufrieden!"

Auch diese Welt stirbt einst. Das ist nichts Schreckenerregendes für mich, sah ich doch als Gärtner und als Tierhalter genug Werden und Vergehen, im Kleinen wie im Großen. Es ist ein Pulsierendes, und nach einer Zeit blühen wieder die neuen Blüten und glänzen wieder die neuen Sterne. Und ich höre die Göttin, die dreigestaltige Göttin vom Werden, Sein und Vergehen, und sie sagt: "Ich bin´s zufrieden!"

Das alles können die heiteren Tode sein, und man trifft sich zur Trauerfeier und speist und trinkt und gedenkt mit einem Lächeln über die Freude an dem Gehabten und mit einer Träne über die Trauer am Verlorenen.

Doch was mich in dieser Nacht anwehte, war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, gewalttätige. Er trat mit einer Macht und einer Vielzahl an mich heran, dass es mich würgte, mir Herz und Wärme verschlug.

Höhnisch rief mir dieser andere Tod zu: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!". Dabei ist er doch allgegenwärtig in diesen Zeiten, er kommt als unsichtbare Strahlung an die Küsten, kommt als Plastikbrühe in unseren Speisen zu uns, als unmerkbares Gift in Luft und Wasser und allem Nährenden, er kommt auch ganz handfest aus Gewehrläufen, Geschützen, unbemannten Flugbomben, kommt als Schläger in der Nacht.

In dieser Nacht war er bei mir und zeigte sich, als Ahnung, als Druck in der Brust, als lastende Dunkelheit, als klaftertiefe Traurigkeit über das vielfältige Sterben in der Welt. Wie froh und glücklich war ich, als diese Nacht zu Ende ging. Müde, matt und traurig, und mit Nachtschwärze in der Seele ging ich am folgenden Tag zu Dir, und eine Weile schwieg ich, bis ich endlich erzählen konnte über diese Nacht.

In den gemeinsam verrichteten Tätigkeiten des Alltags wich schließlich die Beklemmung, welche die Begegnung mit dem anderen Tod bei uns ausgelöst hatte. auch wenn wir immer wieder die ferne drohende Stimme hören: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!"

Wir wissen um ihn. Und wir fragen uns: "Wie können wir ihm begegnen, dass er keine Macht über uns hat?"

"Es geht um Wahrhaftigkeit, um als Mensch mit Seele zu leben. Alles andere raubt uns die Kraft und führt zum Verlust von Nähe und Geborgenheit in sich selbst und in unseren Beziehungen."

Das Bild ist von Christopher Richard Wynne Nevinson (1889  -  1946)