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Freitag, 30. Oktober 2026

Erlesenes: Jakob van Hoddis - Von Mir und vom Mich

 



Immer noch aufgrund einer Entzündung im Knie an Haus und Bett gefesselt grabe ich weiter Texte aus, um mich zum einen zu unterhalten, zum andern um mich abzulenken und zum dritten um etwas zum Nachdenken zu haben. Bei folgendem Text kommt alles drei zusammen:


Von Mir und vom Mich


Von Jakob van Hoddis

Motto: Seltsam, wie hier der Verstand
           An mir hämmert, an mir hirnert,
           Selbstsadistisch arrogant,
           Selbst den Stirner unterstirnert.

Cogito ergo sum: Das Denken ist kein Beweis für das Ich, sondern das Ich ein Postulat des Denkens.
Ein Bild und eine Erfahrung: Am fernen Ufer singen die Sirenen. Wohl weiß Odysseus, Lüge ist es, was die Dichter von ihren gierigen Vogelkrallen berichten. Hold und lieblich wäre es, bei ihnen zu wohnen. Er sehnt sich hinüber.
Aber Glied um Glied ist er am Maste seines Schiffes angekettet. Nicht von Freunden, die uns ja so oft vom Schönsten entfernt halten - um unseres Besten willen - ! Vergessene Wünsche, längst schal gewollter Wille, törichte Knabensehnsucht - daraus ist eine Kette geschmiedet, die unsichtbare, unzerreißbare, die bei jedem Aufbäumen tiefer in sein Fleisch einschneidet. Der Fessel des nordischen Feuergottes vergleichbar.
Und am Steuer sitzt der Traum seiner selbst, der lang schon tote.
Du sagst: „Lieber der Sklave eines Menschen, denn der Halbaffe einer Idee!“ Schön. Wie steht es mit dem Halbaffentum der Ichidee?
Ein anderes bin ich, der ich bin (Ur-Ich),
ein anderes das Ich, das ich denke (Ich-Idee)
Oder: Das Urich = Postulat des Denkens,
Die Ichidee = Objekt des Denkens.
Die erste Gleichung: das entschleierte Bild von Sais
Die zweite Gleichung: der schimmernde Schleier des Grausigsten.
Und da kam der Pedant der Innerlichkeit und schrie mich an: Was tust du den Mund auf, du Unheiliger! Weißt du nicht, dass das Wort den Gedanken nicht formt, nicht formt, sondern umformt! Dass es den glühenden Strom des Schmerzlichsten und Freudigsten zu buntem Glaswerk erstarren lässt?

„Das Wort ist ein eigenwilliger Herr. Warum begibst du dich unter seine Herrschaft?“
Ich antwortete: „O Prophet! Wahrlich, du bist ein König ohne Kamarilla! Wohl beherrscht mich das Wort. Aber es ist nicht mein Herr. Es ist mein Scherge.“
„Wissen sie übrigens, wer der Pfeil der Eleaten ist, von dem die Schulmeister so Wunderliches berichten? Der traf und sich doch nicht bewegte, der flog und doch ruhte? Der Pfeil ist das Wort.“
Das Wort als Scherge. Oder: Die Sprache ist die Bureaukratie der Seele.
Ebensowenig wie man in Worten zu denken braucht, braucht man in Worten zu dichten.
Man braucht wahrscheinlich die Idee zum Kunstwerk, wie den Bast zum Kränzewinden. Aber der Bast ist selten das Schönste am Kranz.

Im Kunstgewerbe erfüllt die Zweckmäßigkeit die befruchtende Funktion der Idee.
Für den Dichter ist die Denkkraft auch ein Sinn.
Auch die an Sich selbst - an der Ichidee - ist ein poetisches Erlebnis.
Wünschen ist Selbstpoetik.
Der Genusswert der Philosophie, jeder indirekte, jeder eingebildete Genuss, jede Macht- und Tatenfreude ist in der Ichpoetik begründet.
So ist die Beziehung zwischen Kunst und Leben wieder hergestellt. Denn Kunstwerk am Kunstwerk bildet sich das Leben an der Dichtung und die Dichtung am Leben. Wie sich Fackel an Fackel entzündet.
Der ästhetische Ichthyosaurus sucht ein festes - also begreifliches Verhältnis zu seiner Ichidee.
Er zieht sich Eigenschaften an. Die kann er sich merken. Da weiß er, was er an sich hat.
Er wird zum Charakter, zur Persönlichkeit, zum Original.
Wir aber sind uns in jedem Augenblick ein Anderes, stets Unbegreifliches.
Wir fühlen uns, ohne uns zu definieren.
Er wird zum Halbaffen seiner Ichdefinition.
Wir werden uns zum Dämon.
Es gibt kein höheres Dasein, als das Unbegreifliche, und Homer ist sein Prophet.

Postskriptum:

Das Ur-Ich und die ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee;
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blass.
Da sprach das Ur-Ich zur Ichidee:
„Was wandelst du im grünen Klee?“
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
„Ich wandle nur auf deiner Spur,“ -
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.

Aus: Die Aktion, Nr. 52, 27. Dezember 1913

Ein Text, den sich ein bekiffter Zen-Meister ausgedacht haben könnte. Ein Zen-Koan auch: „Triffst du Buddha unterwegs, so töte ihn“ - „Da, Freunde, hub sich große Not: Ich schlug mich gegenseitig tot.“ Zu lesen in einsamen Nächten rund um den Vollmond. Zenon von Elea dachte über die Wirklichkeit von Bewegung nach. Zenon sagt, ein fliegender Pfeil nehme in jedem Moment seiner Flugbahn einen bestimmten, exakt umrissenen Ort ein. An einem exakt umrissenen Ort befinde sich der Pfeil in Ruhe, denn an einem Ort könne er sich nicht bewegen. Da sich der Pfeil in jedem Moment also in Ruhe befinde, müsste er sich insgesamt in Ruhe befinden.

„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache „des Menschen“. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie u.s.w., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin.“ Max Stirner, aus: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1845

„Der Stock überwindet entweder den Menschen oder der Mensch überwindet den Stock.“ Derselbe dortselbst. Ließe sich noch sagen, in Mehrzahl: Die Kriege überwinden entweder die Menschen oder die Menschen überwinden die Kriege.

John Höxter, ein Zeitgenosse von van Hoddis meint dazu:

Ich will das Wie nicht wissen noch das Was;
Den Nießnutz nur von Ja und Nein (für Nass!),
Den echten Schein der Summe des Seins,
Der Dreiheit, der Zweiheit und der Eins.
(Die Drei dehnt des Denkens dunkle Dimension,
Zwei spiegelspaltet, Zwist und Zwang zum Lohn,
Die einsame Eins kann nichts weiter tun
Als im Überallhier immernun zu ruhn.)


Jakob van Hoddis, geboren als Hans Davidsohn am 16. Mai 1887 in Berlin, expressionistischer Lyriker. Sein bekanntestes Werk ist das Gedicht „Weltende“. Ab 1915 war van Hoddis wegen Psychose in ständiger ärztlicher Behandlung. Am 29. September 1933 wurde Jakob van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Die Illustration ist von Alexandre de Riquer (1856 - 1920)

Deutungen: 30. Oktober

 


30. Oktober

„Erwähnt sie nicht, denn erwähnen nährt den Wahn“

Selbstverständlich weiß ich, was weltweit vor sich geht. Dass Oligarchen und Milliardäre die Welt unter sich aufteilen, und dafür bereit sind Kriege zu entfachen, Medien und somit Menschen manipulieren, dass Gewalt und Brutalität wieder en vogue ist, um Ziele durchzusetzen, welche letztlich zerstörend sind, sekundiert von Hasswellen in den Kommentarspalten der virtuellen Medien. Dass der Krieg in der Ukraine die Blaupause der zukünftigen Verteilungskämpfe markiert, ein immenses Schlachtfeld, um die Waffen der Zukunft auszuprobieren. Da träumen die Ewiggestrigen noch von Panzerschlachten, während an den Himmeln Schwärme von Drohnen aufsteigen. Da werden Lügen und Wahrheiten und Ahnungen und absonderlichste Theorien munter vermischt, so dass sich Worte in den Köpfen wie Karusselle drehen, zum Schwindeligwerden. Das weiß ich jeden Tag und jeden Tag aufs Neue. Ich lese mit. Doch ich schreibe darüber möglichst nicht mit. Ich habe kein Rezept und erst recht keine Rezepte. Und ich habe ein Tagwerk. Das möchte ich nicht auch noch dreingeben, wo ich doch schon den Gedanken dreingegeben habe, dass sich das Weltgeschehen noch einmal zum Besseren, Friedlicheren wandelt. Erst einmal muss wohl die Ausdehnung ins Größte und Weiteste geschehen. Wenn die Menschheit nicht aus zwei Weltkriegen und zwei Atombomben auf Städte gelernt hat, was vermag dann noch zu lehren?

Und doch müssen wir den heutigen Tag bestehen. Und weitere. Netze knüpfen, einer zukünftigen Gemeinschaft dienen, mit Menschen sprechen, Sorgen ernst nehmen. Sowohl die eigenen als auch die der anderen. Niemanden und niemals aufgeben. Die knapp bemessene Zeit an reale Menschen vergeben, die Menschen, welche uns umgeben, welche wir lieben oder mit denen wir mindestens auskommen müssen.

Ich muss nicht meine Zeit damit vergeuden, über Zustände wieder und wieder zu berichten, die uns eigentlich allen geläufig sind. Soviel sei gesagt: Ich weiß darum!

Das Bild ist von Vilmos Aba-Novák (1894 - 1941)

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Erlesenes: Wanderung von Friedrich Glauser

 


Ich habe eine gewisse Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und auch der zwei Jahrzehnte davor. Man mag zwar sagen, das liegt jetzt hundert Jahre zurück. Doch vieles, was uns heute umtreibt, fand schon damals Ausdruck, und heute wissen wir auch, was letztlich obsiegt hatte. Uns zur Mahnung.

So viele radikale Lebensentwürfe wurden geboren zu der Zeit, schon das Aufflammen einer echten Alternativbewegung zu einer militaristischen Gesellschaft. Schauen wir nur zum Monte Verita, wo sich Anfang des neuen Jahrhunderts so vieles traf, was echter und zutiefst radikaler Gegenentwurf war. Aller Aufbruch wurde jäh unterbrochen vom Weltkriege, erst später der erste genannt, da ein zweiter folgte. Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.

Als ich die Bühne des Lebens betrat, gerade herausgewachsen aus einer nicht so erfreulichen Kindheit, da war gerade die Counterculture im Schwange, wir träumten vom Leben auf dem Lande, in Kommunen. Und wir träumten nicht nur. Gelesen wurde in unserem Kreise unter anderem Hermann Hesse, ich selber mochte vor allem seinen Siddhartha und einige seiner Märchen. Es war jener Hesse, dessen Inspiration für seinen Demian auf dem Monte Verita geboren wurde, in der Höhle des Gusto Gräser. Jenem langhaarigen Urhippie. Viele der langhaarigen Lebensreformer flüchteten vor dem Eingezogenwerden in die Armee in die USA, dort wiederum beeinflussten sie die Beats und diese wieder die Hippies, welche dann Hermann Hesse für sich entdeckten.

Also so weit fort von den Zwanzigern waren wir da gar nicht. Und vieles, was die radikalen Lebensreformer, aber auch die Dada-Leute, bevor das zu Dadaismus und damit zur Kunstrichtung wurde, entwickelten war in der Beatbewegung und in der Hippiebewegung spürbar. (Ich meine die Hippiebewegung, die sich am 6. Oktober 1967 in San Francisco selber zu Grabe getragen hatte, um dann aufs Land zu gehen). So ist meine Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhundert für mich gar nicht so verwunderlich.

Hier nun ein Text von Friedrich Glauser, ein Typoskript vom Mai 1920, Ascona, aus dem Nachlass, Schweizer Nationalbibliothek.

Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.

1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.

Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»

«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)

Das Bild zeigt Ascona im Herbst und ist 1915 von Arthur Segal (1875 - 1944)


Wanderung

Ziellos kreuzen sich die Wege auf feuchtgrauer Ebene; kriechende Wolken sind Führer unserem Schreiten: Im Kreise? Im Zickzack? Nutzlos wäre es Ziele zu lernen. Lasst uns stolpern durch modernde Gräser, unser Gruß gelte den hohlen Bäumen allein, denn von schimmernder Fäulnis werden sie bewohnt. Der dürren Äste verzweifeltes Gebet! Ihre Knochenhände ballen den Nebel zu farblosen Kugeln, der Wolken hungrige Mäuler zu stopfen.

Nasser Schnee ist unser Mantel, ein eisiger Pflug durchackert unsere Wangen, die Furchen erstarren zu stummer Maske. Sprödes Glas sind unsere Glieder, nie wird Verzweiflung sie mehr zum Tanzen bringen oder Freude zum Tanzen.

Metallene Peitschen schwingt der Regen; die knallen im Wind. Auf breiten Blättern trommeln Tropfen die einsamen Reigen der Kindheit, mutlos träumen wir vergangene Hoffnungsmärchen, die längst verschimmelt sind. Wir wissen: Wie werden wir den Blutpurpur schauen, der unseren Augen künden sollte in grauer Dämmerung der Morgensonne brennendes Nahen. . . . . . schläfrig müssen wir blinzeln, stets mit blass schlaffen Lidern, zu ewigem Zwielicht sind wir verdammt.

Darum lauschen wir den weisen Sprüchen der Kröte, die sanfte Gefährtin wird den Feinden des Flugs. Sie zeigt den Weg, der zum Moore führt. Dort verheißt sie Erlösung: Versinken. Mitleidig lächeln wir über uns, wenn faulendes Hirn die Stirne sprengt.

Dann winkt uns Erwachen im Reiche des Schlamms. Braun ist des Himmels Zelttuch, hängt tief herab, drückt auf glühende Luft. Fauligem Schleim entquellen Pilze und Blumen, deren Düfte die Weihe versprechen, die letzte blendende Weihe der bunten Gifte. Von blätterlosen Ästen fällt blauer Blütenstaub auf uns, die wir liegen auf weichen Wurzeln. Wir träumen von Nie-Erfülltem, das uns naht, uns den Nimmer-Begehrenden.

1920

Dienstag, 27. Oktober 2026

Deutungen: 27 Oktober

 

Endlich, nach längerer Zeit, komme ich einmal wieder dazu, mit meiner Kolumne Deutungen fortzufahren. Ich hatte viel um die Ohren, es gab dementsprechend viel zu tun, und ich tat dementsprechend viel. Da wurde ich jäh gestoppt: Mein Knie spielte nicht mehr mit. Nun verbringe ich viel Zeit im Bett und kann mir so meine Gedanken machen. Zum Beispiel zum Thema "viel tun" oder zum Thema "Welt retten". Warum ich mich zum letzteren Thema nicht berufen fühle, mich zu äußern, darüber habe ich mir heute Gedenken gemacht. Im Bett. 

Ich bin begrenzt. Begrenzt und eng in meinem Denken. Ich vermag es nicht, mir globale Lösungen auszudenken, und auch nicht, für globale Lösungen einzustehen. Ich hatte schon seid ich denken kann eine gewisse Scheu vor Maschinen. Also Maschinen im herkömmlichen Sinne: Traktoren, Fräsen, Bohrmaschinen, Kettensägen, Kraftfahrzeuge allgemein, und so weiter. Wenn ich es irgendwie vermeiden konnte, habe ich solcherart Maschinen nicht bedient. Ich habe lange Jahre im Gartenbau und in Baumschulen gearbeitet, dort jedoch mit Spaten und Rosenschere und Hacke und Harke. Auch solche Menschen braucht(e) man dort. Sicher, wenn es gar nicht anders ging habe ich auch schon einmal mit einem Traktor und einem Drei-Schar-Wendepflug einen Acker gepflügt. Aber nicht gerne. Und mit einer Kettensäge habe ich noch nie gearbeitet. Und Auto fahren mag ich auch nicht. Alles das nicht.

Dabei bin ich kein Maschinenstürmer, und ich sehne mich auch nicht nach irgendwelchen vergangenen Zeiten zurück, alles Vergangene endete im Heute. Auch lebe ich deshalb gerne in Gemeinschaften. Mit Menschen zusammen, die diese Scheu vor Maschinen nicht haben. Dafür kann ich dann in der Küche werkeln, zum Beispiel. Küchenmaschinen nutze ich durchaus, Passierstab und Mixer und was es so gibt. Sicher, kleine Mengen Pesto bereite ich lieber im Mörser, von Hand. Doch koche ich auch häufiger für größere Gruppen.

Eine Maschine benutze ich sogar gerne, das ist mein Laptop, Produktionsmittel für Texte und Videos, Kommunikationsmittel und Fernseher und Stereoanlage in einem. Möchte ich nicht misse. Auch wenn ich ohne kann. Musizieren zum Beispiel. Eine Zeitlang nutzte ich Loopprogramme, doch das ist kein Vergleich zum Musizieren mit natürlichen (unverstärkten) Instrumenten. Letzteres gerne auch mit anderen Menschen zusammen.

Auch lebe ich nicht gerne in der Stadt. Trotzdem ich es eine recht lange Zeit lang musste. (Oder vermeintlich musste), die Umstände spielen im Moment keine Rolle. Also: Ich besitze eine Abneigung gegen Arbeit mit Maschinen, gegen Städte, besonders Großstädte, und gegen Alleinsein. Letzteres nicht in dem Sinne, dass ich nicht mit mir Alleinsein könnte. Ich kann das sehr gut und gerne. Doch ich bin als Mensch ein sozialer Mensch, der gerne etwas mit anderen zusammen macht. Und dass nicht nur aus Gründen, dass ich alleine so wenig bewerkstelligen kann (siehe zum Beispiel Maschinen)

Aus all diesen persönlichen Dispositionen heraus habe ich eine persönliche Sicht auf die Dinge erarbeitet. Zum Beispiel, dass die natürliche Fortbewegungsart des Menschen das Gehen ist. Und er es möglichst dabei belassen sollte. Wieso soll ich meinen Körper umgeben mit einer Tonne Blech und angetrieben von einem Explosionsmotor auf einer nur zu diesem Zweck asphaltierten Straße fortbewegen, wenn ich ebenso gut auch zu Fuß auf einem Feldweg oder einen Trampelpfad machen kann, um von a nach b zu kommen? Ich erkenne den Sinn darin nicht. Sicher, ich bin dann schneller bei b, doch ich möchte mir mein Leben lieber so einrichten, dass ich die Zeit habe, in meinem Zeitmaß dahin zu kommen.

Genau aus diesen und anderen Dispositionen heraus maße ich mir nicht an, Lösungen für die drängenden Probleme der Menschheit zu formulieren. Und wenn ich das täte, wären sie sicher sehr radikal. Durchsetzen könnte ich meine Lösungen sowieso nicht. Da ich pyramidale Herrschaftsstrukturen ablehne. Zugunsten von Konsenslösungen. Einstimmigen Konsenslösungen. Meine Lösungsüberlegungen bleiben eher philosophischer Art. Und praktisch versuche ich möglichst so zu leben, dass ich mir vorstellen kann, dass mit der Art meines materiellen Verbrauches hochgerechnet alle Menschen satt und gewärmt leben können. Ich glaube nicht daran, dass es allen Menschen zustehen kann, ein Auto, ein 120qm – Eigenheim und was weiß ich noch alles zu besitzen. Weniger ist hier mehr. Und Glück hängt davon schon gar nicht ab. Vielleicht sollten wir darüber einmal sprechen: Was und wieviel braucht ein Mensch zum Glücklichsein. Und was und wieviel ist davon allen Menschen möglich. Auch in Zukunft, wenn wir noch mehr Menschen sind.

Ich denke, dass ich nicht der Einzige bin, 
doch gestehen wir es uns ein: 
Wir werden immer die Wenigen sein. 

. . . und rieselte und floss und sang: Was möchtest du wissen?
Und es roch so nach Äpfeln und Nüssen.


Das Bild ist von Leo Gerstel (1881 - 1941) mit dem Titel Landweg in Bergen.

Montag, 26. Oktober 2026

Das Gedicht Weltwehe von August Stramm mit Illustrationen von Hugo Meier Thur

 








































Hamburger Handdrucke, Erstes Buch der Zierbücher, Druck der Werkstatt Lerchenfeld zu Hamburg unter Leitung von Johannes Schulz, Verlag Der Sturm, Berlin 1922

August Stramm, geboren am 28. Juli 1874 in Münster, gestorben, „gefallen“, beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland am 1. September 1915.. Er war wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen. Das Gedicht Weltwehe entstand 1915 und erschien zuerst in der Zeitschrift Der Sturm im April 1915.

Hugo Meier-Thur (eigentlich Arthur Hugo Meier); geboren am 26. Oktober 1881 in Elberfeld; ermordet am 5. Dezember 1943 im KZ Fuhlsbüttel, expressionistischer Graphiker und Maler. In der Zeit von 1910 bis 1943 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Hamburg, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Hansische Hochschule für Bildende Künste umbenannt wurde. Nach Denunziationen wegen seiner Äußerungen gegen das NS-Regime wurde er 1943 nach einer niedergeschlagenen Anklage beim Volksgerichtshof in „Schutzhaft“ genommen und nach schwerer Folter von der Gestapo ermordet.

Von 1908 bis 1910 studierte er an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg bei Carl Otto Czeschka. Nach Studienabschluss wurde er als Lehrkraft verpflichtet und unterrichtete Graphik und Typographie, nach dem ersten Weltkrieg war er seit Januar 1919 wieder an der Kunstgewerbeschule als Lehrkraft tätig, ab 1927 im Rang eines Professors.

Seit 1935 zeichnete sich ein Konflikt mit dem NS-Regime ab, als 15 Exemplare seiner 1922 entstandenen expressionistischen Illustrationen zu Welt-Wehe. Ein Schwarzweißspiel in Marmorätzungen zu einem Gedicht von August Stramm als „entartet“ aus der Erfurter Sammlung des Angermuseums entfernt wurden. 1937 schließlich wurden weitere acht Exemplare von „Welt-Wehe“ aus der Hamburger Kunsthochschule beschlagnahmt und später vernichtet.

Anfang September 1943 wurde er verhaftet und in das Gestapo-Quartier in der Johnsallee abtransportiert, im Oktober 1943 wurde er als „Schutzhäftling“ in das KZ Fuhlsbüttel verbracht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“. Dort wurde er am 5. Dezember 1943 bei einem Verhör nach schwerer Folter ermordet.


Sonntag, 11. Oktober 2026

Erlesenes: Paul Kornfeld - Zwei Prosagedichte

 



Erlesenes - Sonntag ist, draußen Herbstwetter im Wechsel von Regen, Wind und Sonne. Nichts Dringliches zu tun. So habe ich denn heute gelesen, nichts Aktuelles, sondern etwas aus einer alten Literaturzeitschrift. Hatte auch etwas, sich einmal vom Tagesgeschehen abzulenken (wenn auch der Autor Paul Kornfeld im Ghetto Litzmannstadt an Thyphus verstarb, und wir in einer Zeit leben, in welcher die Erinnerungen an die Geschehnisse im Dritten Reich mehr und mehr verblassen und teilweise, noch schlimmer, verklärt werden). Doch: „wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt“

Doch hatte ich beim Abtippen des Textes (ja, ich hab ihn ganz altertümlich diesen Text vom Manuskript abgetippt) und dabei lesen genügend Zeit zum Nachdenken über das Gelesene gehabt. Was zu einem doch recht besinnlichen Sonntag führte. Zumal eines der Prosagedichte den Titel „Gebet“ führt.


Paul Kornfeld: Zwei Gedichte in Prosa

I. Gebet


Immer ist der Tod nahe und man muss fürchten, unausgesprochene Worte, als schwere Last in der Brust tragend, zu Grabe geführt zu werden. Deshalb sitz ich hier und schreibe, um mich zu entlasten und von der Gefahr zu befreien, dass mich in der letzten Stunde vor meinem Tode oder gar in einer jenseitigen Welt nicht das Furchtbare bedrückt: geschwiegen zu haben und vielleicht gerade dadurch schuldig geworden zu sein.

Ich hebe die Hände zum Himmel und danke dafür, dass ich Mensch geworden bin auf der Welt und nichts anderes. Ein Mensch. Ich staune und bin beglückt darüber. Vom ersten Tage, da man denken und sich seiner bewusst werden kann, ist man´s gewöhnt, ein Mensch zu sein; zu sehr, als müsste es so sein, nimmt man es hin; ich staune und immer wieder kommt mir der Gedanke, ich könnte auch ein Tier geworden sein: eine Schlange in Indien, ein Regenwurm oder eine Schwalbe - oder auch irgendein Ding: ein Baum, eine Uhr oder ein wehender Vorhang. Ich bin glücklich, dies alles nicht geworden zu sein, sondern als Mensch in der Welt zu stehen und muss dem Schicksal danken.

Ich könnte als Mensch mein ganzes Leben in einem Irrenhaus verbringen, mich als Kaiser von China, als General oder als ein wildes Tier zeigen und Tag für Tag, Stunde für Stunde zum Grauen oder zur Belustigung anderer die sinnlosesten Gebärden ausführen; ich könnte ärmer sein, als ich bin und es könnte mir am Nötigsten fehlen: an Nahrung, an einem Obdach im Winter und an Papier und Feder, um niederzuschreiben, was ich unter jeder Bedingung niederschreiben muss; ich könnte als Mensch auch eine indische Frau geworden sein, die in qualvoller Ehe ihren Mann, der ein Bösewicht ist, verflucht, doch nach seinem Tode, statt nun, ihrer Sehnsucht folgend, von neuem zu leben und einen geliebten Mann zu finden, dem Verhassten folgen und verbrannt werden muss - doch an all dies denke ich heute nicht und nicht an die tausend Gefahren, denen ich entgangen bin, sondern nur an das eine, unendlich Einfache: dass ich Mensch bin und nicht Tier oder Ding!

Wohl ist es schön, auf der Straße zu stehen oder im Garten zwischen gleichen Geschöpfen und von der Erde zu leben und von der Sonne und vom Regen des Himmels, ja, wohl ist es schön, ein Baum zu sein! Ich aber bin Mensch! Nein, ich möchte kein Baum sein, auch ich kann in der Sonne baden, doch ich, als Mensch, kann auch, gehe ich weiter, wissen von all den Dingen, wissen, dass ich die Erde geküsst, in der Sonne gebadet und wissen von meinen eigenen Gefühlen.!

Auch das Tier freut sich der Sonne, freut sich der Nahrung; welches Tier aber kennt die Wonne des Geruches von Wein!

Wir haben´s gelernt, Mensch zu sein. Bedenken wir aber, dass es viel mehr Dinge und viel mehr Tiere gibt als Menschen! Hätte nicht der oder jener eine Hyäne werden können oder ein Karpfen?

Welcher Unglückliche, würde man ihn fragen und wäre er der Unglücklichste von allen, wollte wirklich und wahrhaftig etwa ein Gaul werden oder ein Pfau? - Und eine Schlange zu sein wäre für mich das Furchtbarste von allem!

Ich schließe die Augen und denke mir, ich ginge in diesem Augenblick als Hund über die Straße; öffne ich sie wieder, dann erscheint es mir, dass ich ein Mensch bin, ein lebendiger Mensch, als unfassbares Glück. Heute abend werden mich Freunde besuchen und wir werden plaudern; wir werden lachen, freundlich sein und vielleicht schenkt auch Einer dem Anderen etwas.

Vielleicht kann ein Hund auch lieben und er kann treu sein. Wir aber, als Menschen, haben die Sprache, um zu sagen, dass wir einander lieben, ja, wir können Verse schreiben und das Bild der Geliebten malen.

Und davon sprach ich noch gar nicht: das Schicksal hätte wollen können, dass wir als Dinge auf der Welt sind!

Wohl kann das Tier sich recken und zufrieden sein, wir aber sind weiter gespannt: das Glück an einem Ende und der Jammer am anderen, und wir können danken, so wie ich jetzt danke, dass ich lebe und Mensch bin und nicht Tier oder Ding!


II. Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend -

Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend, denn tut er den Mund auf, ist er voll des Irrtums und der Lüge und er braucht tausend Krücken und Stützen. Nennt er nicht die Farbe des herbstlichen Laubes und die Farbe einer Leiche, nennt er dieses oder jenes nicht mit dem gleichen Worte: gelb? Nennt er nicht einen toten Regenwurm und zugleich einen toten Menschen: eine Leiche? Und doch ist jenes ein totes Tier und dieser ein Mensch, dem die Seele entflog! Wie erhaben aber kann er sein, wenn er an einer Leiche steht und weiß und denkt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich; doch er ist entseelt, ich aber lebe noch. Doch auch ich werde einmal eine Leiche sein. - Doch es ist der Mensch ein erbärmliches Geschöpf, wenn er an einer Leiche steht und sagt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich -

Es teilt der Mensch hilflos, wenn er spricht, den unendlichen Raum in Teile und teilt die unendliche Zahl in Stunden. Doch wie gewaltig kann er sein, wenn er auf eines Berges Spitze steht, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern - atmend mit seinen Lungen, sehend mit seinen Augen, tastend mit seinen Fingern, beschienen von der aufgehenden Sonne und vom Wind umhaucht, der Himmel über ihm und um ihn der Raum - und doppelt gewaltig, wenn ihn die Melodie durchflattert: Ich bin ein Mensch, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern -

Es ist in jedem Menschen ein Licht aufgestellt und wenn er begnadet ist, kann´s ihn durchleuchten. Manche Vollkommenheit ist ihm gegeben. Schön und rein der Liebende, wenn er niederkniet vor einer Frau, durchbebt von der Berührung ihrer Hand - töricht und lächerlich, wenn er sagt: Ich lieb - ! Erhabenheit der stummen Träne, des einsam Weinenden - Nichtigkeit des klagenden Menschen, Unzulänglichkeit jeder Klage vor der Unendlichkeit des Schmerzes! Es bellt der Hund, der Löwe brüllt und der Mensch spricht - unantastbar aber der Schweigende, wenn er duldet oder jubelt! Erhaben der Leidende, wenn er dasteht und fühlt!

Es ist dem Menschen ein Dämon gegeben, zu richten, zu segnen und zu fluchen; und er richtet, ohne zu sprechen. Gewaltig der Mensch, wenn er stumm ihm horcht, wie er stumm zu ihm spricht - und doch nennt er Taten gut oder schlecht -

Einst aber wird sich aller Schall aller einst auf der Erde gesprochenen Worte zu einem Gewitter zusammenballen und auf die Menschheit niederfahren - unnennbar und wortlos schwingt sich dann auf - Seele der Menschheit! - Gott ist allein und schweigt seit ewigen Zeiten, der Menschen aber sind viele und sie sind verdammt, zu sprechen, immer zu sprechen, wie der Wind weht, wie der Wald rauscht, wie die Mühle sich dreht, immer zu sprechen, zu greifen und nichts zu ergreifen, zu haschen und nichts zu erhaschen, zu rennen und nichts zu erreichen - wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt -


Aus: Daimon, Eine Monatsschrift, Herausgeber Jakob Moreno Levy, Redakteur E. A. Reinhardt, Februar 1918


Paul Kornfeld, geboren am 11. Dezember 1889 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben am 25. April 1942 im Ghetto Litzmannstadt, Dramaturg und Schriftsteller. Nach dem Tod seines älteren Bruders im Juni 1905 erwartete die Familie, dass Paul Kornfeld nach dem Studium die Nachfolge im väterlichen Unternehmen antreten würde. Wegen seiner literarischen Ambitionen, aber auch um der Prager Stimmung einer überhitzten und vorwiegend destruktiven Intelligenz zu entkommen, zog Paul Kornfeld im Jahr 1914 nach Frankfurt am Main, wo ihm sein dichterischer Durchbruch gelang. Das 1913 geschriebene Erstlingswerk Die Verführung, ein Frühwerk des Expressionismus, erschien 1916 und wurde 1917 am Schauspielhaus Frankfurt uraufgeführt.

Im Dezember 1932 übersiedelte er nach siebzehn Jahren zurück nach Prag. Impuls für seine Rückkehr war der 80. Geburtstag seines Vaters. Nach Deutschland kam Kornfeld wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nicht mehr zurück.

Obwohl er wusste, dass er in Prag nicht in Sicherheit war und mit Verwandten nach England hätte fliehen können, wollte er Prag nicht verlassen. Vor seiner Verhaftung am 31. Oktober 1941 durch die SS und Deportation in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź), wo er nach einem halben Jahr an Typhus starb, schaffte er es, sein Romanmanuskript „Blanche oder das Atelier im Garten“ bei einer Tschechin zu verstecken, die es nach dem Krieg seinen Verwandten in London gab. 1957 erschien der Roman bei Rowohlt. (Wiki)


Bild: Paul Kornfeld um 1925. Nach einer Photographie (vermutlich von Nini und Carry Hess, Frankfurt/M.)

Die Schwestern Nini (geb. 21. August 1884; gest. 1943 in Auschwitz) und Carry Hess (geb. 11. November 1889; gest. 1957 in Chur, Schweiz) zählten zu den bedeutendsten Lichtbildkünstlerinnen der Weimarer Republik. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurden die beiden Fotografinnen von den Nationalsozialisten verfolgt und ihr Werk und ihr Leben zerstört.

Samstag, 10. Oktober 2026

Erlesenes - Artur Streiter: Großstadt - GroßgartenStadt / Maximilian Lazarowitz: Gassen

 

Heute ein interessanter Artikel aus dem Jahre 1930 von einem interessanten Menschen. Ich stelle ihn einfach hier einmal unkommentiert ein. Für mein Empfinden nachdenkenswert auch heute noch:

Großstadt — GroßgartenStadt


Von Arthur Streiter Mit zwei Skizzen vom Verfasser. „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten, wie mit einer Axt." H. Zille.

Von den schwärmerischen Träumen eines weltfremden Altertümlers aus mögen krumme, winklige Gassen, — in deren übel riechende Tiefe nie ein Sonnenstrahl gelangen kann, — Gassen, wie beispielsweise der Berliner Krögel, Gassen in der Altstadt anderer Groß- und Kleinstädte, einen gewissen Reiz haben. Ja, viele' dieser Gassen und Gässchen sind wegen ihrer Verschlungenheit, dass da und dort ein Giebel, ein Schornstein, ein Fenster hervorlugt, nicht ohne malerischen Reiz; das mag zugestanden sein. Doch vom Standpunkt eines sachlichen, selbst in romantischen Dingen die Hygiene über alles liebenden Menschen sind diese Gassen die Pestbeulen im Antlitz der Städte. Steht doch durch statistische Erhebungen fest, dass jede kleinere oder größere Epidemie ihren Ausgangspunkt von solchen eng und jämmerlich gebauten Stadtteilen nahm, ja, dort im Gegensatz zu frei und luftig gebauten moderneren Stadtteilen am allerheftigsten wütete! In Dresden war z. B. zur Zeit der großen Pockenepidemie im Jahre 1919 der Prozentsatz der Erkrankungen und der Todesfälle weitaus höher in der Altstadt als in anderen Wohnvierteln. Doch nicht nur die altertümlichen Gassen, die oft schier auf Fäulnisbergen errichtet wurden will ich anklagen, sondern die Großstadt als solche, wie sie heute noch existiert, ist ein Seuchenherd, wie ihn sich kein Pestbazillus besser wünschen kann! Wir wissen alle, wie es um das Wesen so einer Groß- oder größeren Kleinstadt bestellt ist: die Höfe der Häuser sind hoch und schmal. Sarggrüften gleichend. In den hochaufgetürmten Mauern wird das Leben eingeschlossen und verkümmert zu frühem Tode. Die Straßen sind voll Staub und Lärm und die Menschen voll Unruhe. Ihr Seelenleben durch Reize aller Art dauernd in Aufregung und genau so wenig widerstandsfähig wie ihre Lungen, die täglich so und so viele Quentchen Schmutz aller Art verarbeiten müssen. ,,Nervös" ist fast ein jeder der Großstadtmenschen. „Ich bin eben nervös", sagen sie und „heute ist jedermann nervös" — doch damit ist die Sache nicht abgetan. Sie leiden alle an Störungen ihres Nervensystems und haben alle im Nu die „Grippe" oder die Pocken. In erster Linie ist für diese leichte Anfälligkeit in Krankheitsausbrüchen die Großstadt mit ihrer Vergiftung und Entmenschung des Menschen verantwortlich zu machen. Zu selten sind die Inseln, zu denen der Einzelne sich flüchten kann, um im Grünen die Lungen zu stärken, die Nerven zu entspannen und den Nebenmenschen zu ertragen. Der Mensch lernt, selbst unerträglich, Seinesgleichen fliehen, weil er sich nicht ertragen kann. So wird der Mensch parteiisch, ohne Gemeinschaft, egoistisch und gönnt einander kaum die Luft. Selbst die Tiere in der Stadt entfremden ihrer Natur, werden zänkisch, — ich habe gefunden, dass Mensch und Tier in natürlicher ländlicher Umgebung ruhiger, harmonischer leben. Blicken wir einmal in eins der Mietshäuser hinein: Acht bis zehn große und kleinere Familien bewohnen einen Aufgang. Doch niemand weiß vom anderen, von seinem Leid und seinem Glück. Getrennt von des Nachbars täglichem Leben — doch auch von seiner Gefahr umschlungen — gehen die Menschen ihren Weg, sich selbst am nächsten, — so, wie es ihr tägliches Leben gebietet. Niemand kennt den Nachbar näher. So ist schon rein seelisch das Großstadtleben des Menschen eine Armseeligkeit. Ist das ein Leben? Müde, gehetzt von des Tages Unrast, angeekelt vom Schmutz der Werkfrohn gequält von den Maschinen, die selten Freude und Lust an der Arbeit entlocken. Was Wunder, dass das Empfinden für einander im Gemüte der Menschen eingeschlafen ist. Die Großstadt ist immer voll Unruhe, das macht 34 ihn heimatlos, „nervös", fremd und krank. Er hat in den Mietskasernen kein Zu-Hause. Auch wenn der Stadtmensch ein noch so eingesessener Bürger ist, nicht einmal in seinen vier Wänden hat er Schutz. Zieht die Grippe, zieht sonst ein Bazillenheer seine Bahn, es wird auch durch seine Tür in seinen Körper dringen. Er wohnt zu nahe aneinander; es ist zu wenig Luft und Sonne um und in ihm, als dass er all den Keimen und Einwirkungen widerstehen kann. Sein Wohnen ist ein Hausen, aber kein Zu hause-haben! Das Leben ist in den Städten von den kräftigenden Nabelfäden der Natur getrennt. Fast stets ist die Luft grau und dunstig und des Nachts ist die Stadt wie mit schweren Leichentüchern zugedeckt. Und doch geschieht es bisweilen im Frühling, dass blaue Tage sich in die Straßen und m die kranken Leiber der Menschen drängen, um ihnen mit Macht die Schönheit eines Erdentages zu zeigen. Aber die Menschen dürfen nur wenig Zeit haben. Nur des Abends dürfen sie in den Parks, in den Laubenkolonien den würzigen Duft des Frühlings — oder wenigstens einen leisen Widerschein davon erhaschen.



Moderner Siedlungsbau Junge Paare stehen in den Torwegnischen scheu aneinandergeschmiegt; die Prostitution macht gute Geschäfte und die Zahl der Geschlechtskranken steigt. — Die jungen Liebenden hören die Geräusche um sie herum und bangen, dass man sie stören oder verjagen wird. — Sie hören all das hässliche Familienleben aus den Häusern und Wohnungen. — — Alles Unnatur, alles Unnatur, — denn das rechte Leben ist es nicht.. Es liegt im Wesen unserer Großstädte begründet, dass der Mensch am Stadtleben erkrankt, entartet und zur unnatürlichen Karikatur seiner selbst wird. Gewiss, es hat bei Kulturvölkern immer Großstädte gegeben. Die Griechen, die Römer, die Ägypter erbauten lange vor unserer Zeitrechnung große Menschenansiedlungen, Großstädte. Und doch können uns diese beinahe prähistorischen Großstädte, — die sogar Ent- und Bewässerungsanlagen hatten, noch zum Muster dienen, wie Großstädte angelegt werden dürfen und wie nicht! Die Griechen legten Großgartenstädte an. Als Verehrer der Sonne, des Lichts und des Wassers war ihr Bauen darauf gerichtet, dem Licht und der frischen Luft den Eintritt in die Wohnungen zu gewähren. Ja, sie richteten sich sogar Baderäume mit großen Bassins ein! So erhielten sie sich gesund und wurden ein schönes Volk. — Die alten Kulturvölker bauten überhaupt nicht übereinander, sie hatten es nicht nötig. Wohnungen wie Käfige übereinander zu türmen. Erst dem Mittelalter, dem vergangenen und unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, Pestherde statt Wohnungen zu bauen. Auf Grund eines erbärmlichen Bodenschachers wurden Wohnungen bis in den Himmel hinein gebaut, sodass die Bewohner der unteren Stockwerke zwei Drittel des Tages bei künstlichem und den Rest ohne Licht verbringen müssen. So war Gustav Landauer einer der ersten, der, über Damaschke hinaus schießend, erklärte: (wie vor ihm Proudhon) ,,der Boden muss wieder unser werden, der Boden muss wieder allen gehören." Unserer Zeit ist es gegeben, sich auf Selbsthilfe zu besinnen, auf einen, nein, auf den Weg, der aus dem Großstadtbabeltum heraus zu einem schönen, gesunden Menschentum hinführt. Damaschke, Gustav Landauer und viele andere wiesen als Pioniere stets darauf hin, dass gesunde Siedlungen eine erneuerte Menschheit schaffen werden. Die Großstadt sei lediglich ein Industriezentrum, währenddem sich das eigentliche Leben des Menschen in schönen Großgartenstädten abspiele, damit er gesund und gestählt gegen alle Einwirkungen das Leben ertragen kann. — Schön wird nach den heutigen Begriffen, nach den Anforderungen, die ein hygienisch einwandfreies Leben stellt, nicht gebaut indem die Baustile anderer Epochen kopiert werden. Unsere Lebenserfordernisse, unser Lebensstil oder -rythmus ist ein ganz anderer geworden. Schlicht und sachlich, seinem Zwecke zugewiesen, stark und klar betonend, dass keine unnötige Kraftverschwendung entsteht. Wer nun allerdings einen modernen Bau mit seinen glatten Linien, seines Verzichts auf jeden staubfangenden „Putz", seinen vor allen Dingen großen luft- und lichtspendenden Fenstern eine „Kiste" nennt, mag bedenken, daß eine glatte Kiste doch leichter zu reinigen ist, als ein mit barocken Schnörkeln versehenes Prunkmöbel. — Neues, sachliches, hygienisches Bauen, mit der Natur verbundenes, gesunderhaltenes Siedeln, Wandern, neue Ernährung, frische Luft, Leben in der Natur, in Großgartenstädten, ist der Weg zur Verhütung von Seuchen und Epidemien — und nicht Impfen und Wiederimpfen. Ist Geld da zur Impferei, zum Panzerkreuzerbau, sollte es auch zum Wohnbau da sein! Gesunde, saubere Wohnungen statt Panzerkreuzer und Impfzauber, — denn der Feind lebt mitten unter uns — in den abbaureifen Großstädten!

Aus: Besinnung und Aufbruch, Monatsblätter freiheitlicher Bücherfreunde Jahrgang 2 / Heft 3, Juli 1930

Artur Streiter, geboren 17. Januar 1905 in Lichtenberg bei Berlin; gestorben 21. Oktober 1946 in Schönow, Schriftsteller und Maler. Streiter wuchs zusammen mit einem Pflegebruder auf. Er absolvierte eine Handwerkerlehre und eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Als Jugendlicher verließ er sein Elternhaus und schloss sich mit 16 Jahren einer von Heinrich Goldberg gegründeten Kommune an. Nach deren Fortgang nach Frankreich und nachdem er 1925/26 mit einer Puppenspielertruppe einige Monate durch Deutschland gereist war, erwarb er das zuletzt von Goldberg genutzte Gelände im Roten Luch zwischen Rehfelde und Müncheberg und versuchte dort eine Lebenskulturgemeinschaft aufzubauen. Streiter sah sich zu dieser Zeit als Anarchist und Anarchosyndikalist, beeinflusst von Gustav Landauer, Leo Tolstoi und teilweise von Erich Mühsam. Er vertrat die These: „Ich sage nicht: so wenig Staat wie möglich, sondern betone: gar keinen Staat“. Arbeiter waren in seinen Augen Sklaven, Streik ein legitimes Mittel für die politische Revolution, die Institution Kirche eng verbunden mit staatlicher Machtausübung.

In den 1920er Jahren galt sein Interesse u. a. der Bohème und dem Vagabundentum. Er gehörte zum Kreis der Bruderschaft der Vagabunden um Gregor Gog.

Als Autodidakt veröffentlichte er in dieser Zeit zahlreiche Sachartikel, sozialkritische Prosatexte, Lyrik, künstlerische Beiträge und Buchrezensionen in diversen Zeitungen und Zeitschriften wie Besinnung und Aufbruch, „Contra“, Der Kunde, „Der Vagabund“, als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freien Arbeiter-Union Deutschlands auch in deren Organ Der Syndikalist.

Artur Streiter führte er eine umfangreiche Korrespondenz, u. a. mit Martin Buber, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Stefan Zweig.

1930 wurde ihm der Pachtvertrag im Roten Luch gekündigt. Daraufhin war er Mitinitiator der benachbarten Landkommune Grünhorst, der er neben Gertrud Gräser, der Tochter von Gusto Gräser, dem Maler und Schriftsteller Max Schulze-Sölde und anderen noch kurzzeitig angehörte. Die Siedlung wurde zu einem Treffpunkt der Biosophischen Bewegung um Ernst Fuhrmann und undogmatischer Sozialisten um die Zeitschrift von Franz Jungs „Der Gegner“.

Von 1931 bis 1939 lebte Streiter wieder in Berlin. 1936 wurde er nach einer Denunziation einige Wochen im Konzentrationslager Columbia am Tempelhofer Feld inhaftiert. 1939 ließ er sich in Schönow nieder.

Artur Streiter war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er starb im Alter von 41 Jahren an Lungentuberkulose, die er sich während der Haft zugezogen hatte. (Wiki)

Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.