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Sonntag, 8. November 2026

Erlesenes - Hilda Bergmann: Die Wichtelmännchen Eßgern, Lachgern und Träumgern und die Springbrunnenfee

 



Die Wichtelmännchen Eßgern, Lachgern und Träumgern und die Springbrunnenfee

Am Waldrand unweit des alten Springbrunnens war über Nacht ein Schirmpilz aus der Erde geschossen, ein großer, stattlicher, breithutiger Schirmpilz. Er stand neben einer Gesellschaft violetter Waldglockenblumen und bot in seinem Umkreis Schutz vor den Sonnenstrahlen.

»Ei, welch schönes, schattiges Plätzchen,« sagte eine Stimme aus dem Grase und ein Wichtelmännchen mit Schusterschürze und Schusterwerkzeug kam herbei. »Gut zum Ausruhen, gut zum Ausruhen,« brummte ein zweites mit dickem Vollmondgesichte und streckte sich neben seinem Kameraden ins Moos. »Gut zum Träumen, gut zum Träumen,« meinte ein drittes und nahm neben den andern Platz. Der lustige kleine Schuster hörte auf den Namen Lachgern, sein dicker Bruder wurde, was meint ihr wohl, warum, Eßgern geheißen, der dritte Wichtelmann ward Träumgern genannt. Von drüben kam das Geplätscher des alten Springbrunnens herüber, silbern und fein.

»Ob wir nicht einmal die Springbrunnenfee erblicken werden?« nahm Träumgern das Wort und blickte nach dem Brunnen hinüber, der seine Strahlen in die Höhe warf und als Perlen wieder zurückfallen ließ. »Meine Muhme, das Wurzelweiblein, hat mir oft von ihr erzählt. Ein Kleid von gesponnenen Wassertropfen und aus gewebten Regenbogenfarben hat die Springbrunnenfee an. Auf dem Kopfe trägt sie ein Krönlein von glitzerndem Wellenschaum. Ihre Augen sind dunkel wie unergründliche Flut, ihr Mund plaudert so unermüdlich wie der alte Brunnen selbst. Es müßte sehr schön sein, der Springbrunnenfee zu begegnen!«

»Unsinn!« brummte Eßgern und streckte sich im Grase aus. »Was sollte sie wohl mit uns beginnen und was fingen wir mit jemandem an, der zart und silbern ist und uns am Ende gar unter den Händen zerfließt?«

»Ach, wenn sie uns doch einen Wunsch tun ließe, den sie dann erfüllte,« sagte Lachgern und hörte auf zu hämmern. »Ich wüßte wohl, was ich mir wünschte!«

»Ho, ho,« lachte Eßgern mit seiner tiefen Stimme. »Um Wünsche ist auch mir nicht bange. Und zu allererst wünschte ich mir eine Schüssel großer, schöner Lachsforellen, knusprig gebraten, mit einem leckeren Brunnenkressensalat. Für mein Leben gerne esse ich Bratforellen mit Brunnenkressensalat!«

»Natürlich etwas zum Essen,« kicherte Lachgern. »Als ob du nicht ohnehin schon dick genug wärst! Wenn es nach mir ginge, schenkte dir die Springbrunnenfee einen tüchtigen Nasenstüber und mir eine Geschichte, denn Geschichten höre ich für mein Leben gern.«

Träumgern schwieg und sah nach dem Brunnen hinüber, der stieg und fiel. »Na, du Träumer?« fragte Eßgern und stieß das dritte Wichtelmännchen an. »Was wünschtest du dir wohl, wenn uns jetzt die Springbrunnenfee erschiene?«

»Ich wünschte mir nichts als einen wunderschönen Traum,« erwiderte Träumgern. »Kann es etwas Schöneres geben, als einen wunderschönen Traum?« Jetzt lachten Eßgern und Lachgern, daß ihnen die Tränen über die Wangen liefen. »Einen Traum wünscht er sich,« schrie Eßgern. »Kann man einen Traum essen? Kann man einen Traum anfassen? Nein, so einen törichten Wichtelmann bat es noch nie gegeben.«

Während sie so sprachen, war die Sonne hochgestiegen und warf ihre Strahlen senkrecht durch die Tannenwipfel zu Boden. Das Moos duftete, die Nadeln strömten Harzgeruch aus, den Wald schläferte. Auch die Vögel waren verstummt, das Lüftchen in den Zweigen war eingeschlafen und die Hummeln nickten in den blühenden Kelchen ein. Da schien es den drei Wichtelmännchen, als höre der alte Springbrunnen mitten in seinem Geplauder auf. Sie starrten hinüber, denn das war noch nie vorgekommen, solange sie den geschwätzigen Brunnen kannten. Und wahrhaftig, die Spitzenschleier des Brunnens wurden dichter und dichter, eine Gestalt löste sich von ihm los, flimmernd von dem Lichte unzähliger, farbiger Tropfen, eingehüllt in ein Kleid aus gesponnenem Silber und gewebten Regenbogenfarben. »Die Springbrunnenfee,« riefen die Wichtelmännchen und jedes tat dabei im Innern seinen Wunsch. »Bratforellen mit Brunnenkressensalat,« dachte Eßgern sehnsüchtig; »eine schöne Geschichte,« wünschte Lachgern; nur Träumgern dachte gar nichts, sondern sah mit offenen Augen die Fee an, die langsam näher kam.

Ein Hauch von Kühle verbreitete sich, als sie neben dem Schirmpilz stand. »Ihr habt mich herbeigewünscht, liebe Freunde,« sagte sie mit lieblicher Stimme und die klang wahrhaftig so silbern wie das Geplätscher des Springbrunnens. »Ich habe gerade ein Stündchen Zeit übrig, da bin ich gerne zu Besuch gekommen. Mein alter Brunnen wird sich solange ohne mich behelfen!«

Die Wichtelmännchen waren aufgesprungen und hatten der holdseligen Erscheinung unter dem Schirmpilze Platz gemacht.

»Also eine hübsche Geschichte soll ich dir erzählen?« wandte sich die Fee an Lachgern. »Du wünschest dir gebratene Bachforellen?« lachte sie Eßgern an. »Und du verlangst einen wunder-, wunderschönen Traum?« sagte sie zu Träumgern, der bis über die Ohren rot wurde. »Nun wohl, meine lieben Freunde, dann fangen wir gleich mit der Geschichte vom Fünkchen Lichterloh an!«

Und die Fee erzählte den drei Wichtelmännchen Eßgern, Lachgern und Träumgern die Geschichte vom Fünkchen Lichterloh:

»Es war ein Fünkchen Lichterloh
in einem Feuerlein.
Das sprang in einen Haufen Stroh.
Ei, sagt' das Fünklein Lichterloh,
im Stroh, da brennt sichs fein.

Das Fünkchen wächst und wird gar groß
in seinem Bündel Stroh.
Schon züngelt eine Flamme los,
wie eine Fahne rot und bloß,
und flackert lichterloh:

»Ich bin die Flamme Lichterloh!
Mich hungert nach viel mehr.
Verschlungen ist der Haufen Stroh!
Ich bin die Flamme Lichterloh,
gebt mir die Scheune her!«

Schon nach der Scheune leckt und droht
die Flamme Nimmersatt.
Die Glocke wimmert: Feuersnot!
Die Luft ist grau, der Himmel rot,
versengt sind Baum und Blatt.

Da kommt die große Spritze an.
»O Flamme, halte ein!«
Schon pfaucht sie, das war wohlgetan,
die unverschämte Flamme an
und löscht den Feuerschein.

Nun blieb vom Fünklein Lichterloh
nur Asche noch zurück.
Verbrannt war bloß der Haufen Stroh.
Wie waren alle Leute froh,
das Wasser war ihr Glück.«

»Ja, das war eine sehr schöne Geschichte,« sagte Lachgern und klatschte in die Hände. »Wie gut, daß die große Spritze die schlimme Flamme ausgelöscht hat. Ich danke dir auch schön, liebe Springbrunnenfee!«

»Es ist große Feindschaft seit alter Zeit zwischen den Wasserleuten und den Feuerleuten,« erklärte die Fee.

»Wo wir das gefräßige Fünklein treffen, löschen wir es aus. Nur wenn wir ferne sind, breitet es sich aus, wird größer und größer und frißt am Ende das ganze Haus.«

Noch während die Fee sprach, hatte Eßgern die Nase gehoben und geschnuppert. »Hatschi!« nieste er plötzlich und sah sich um. Es war ihm ein feines und verlockendes Gerüchlein in die Nase gestiegen und wahrhaftig, da lagen mit einem Male drei schöne knusprig braune Bachforellen vor ihm, umgeben von einem grünen Kränzlein Brunnenkressensalates. Sie dufteten ihn so lieblich an, daß Eßgern seinen Bart strich und sich mit Behagen über das leckere Gericht machte, ohne nach rechts und links zu sehen.

»Und du, mein Freund,« klang jetzt die süße Stimme der Fee in des schweigsamen Träumgern Ohr. »Du willst doch einen wunder-, wunderschönen Traum?«

»Der nie ein Ende nimmt,« erwiderte Träumgern und sah der Fee in die unergründlichen Augen. Da erhob sich diese, küßte den Wichtelmann auf die Stirne und sagte: »Ich gebe dir den schönsten, den ich habe, den Traum des Wassers. Die Quelle wird dir ihn zuflüstern, der Regen erzählt ihn dir, das Tautröpflein kennt ihn, der Bach rauscht ihn dir zu. Alles, was das Wasser träumt und erlebt, soll dir offenbar sein nun und immerdar. Dies ist das Geschenk der Springbrunnenfee für dich.« Ein kühler Hauch ging durch die Luft. Die Vögel regten ihre Flügel, die Hummeln flogen wieder summend von Blume zu Blume, das Lüftlein spielte mit den hohen Glockenblumen, die Sonne schickte schräge Strahlen auf die Waldlichtung. Der Springbrunnen warf, als wäre nichts geschehen, die glitzernden Bälle seiner Wassertropfen in die Luft und fing sie in seinem Becken wieder auf. Dabei plätscherte er wie vor und je, als hätte er niemals eine Pause darin eintreten lassen.

»Da hat mir gerade von einem herrlichen Gericht Forellen geträumt,« gähnte Eßgern und setzte sich im Grase auf, wobei er bemerkte, daß er ein großes Huflattichblatt sorglich in Händen hielt, als wäre es eine Schüssel. Aber das Blatt war leer und auch nicht ein Bröselchen Speise darauf zu erblicken. »Schade,« murmelte Eßgern »und ich hatte es mir im Traum so gut schmecken lassen.«

»Da hat mir gerade eine Geschichte vom Fünklein Lichterloh geträumt,« sagte Lachgern und suchte sein Handwerkzeug zusammen, um das winzige Stieflein fertig zu machen, das er in Arbeit hatte. »Ich hätte schwören mögen, daß die Springbrunnenfee da unter unserm Schirmpilze saß und uns von der Flamme und der Feuerspritze erzählte:

»Da kam die große Spritze an.
O Flamme, halte ein!
Und pfauchte, das war wohlgetan,
die nimmersatte Flamme an
und löscht' den Feuerschein.«

»Das kommt von der Hitze,« brummte Eßgern und erhob sich. »Da hat man immer so lebhafte Träume.«

Träumgern sagte gar nichts. Er fuhr mit der Hand nach der Stirn, wo er noch den kühlen Kuß der Springbrunnenfee zu spüren glaubte, und war zufrieden, denn er hatte ja seinen wunder-, wunderschönen Traum. Da kam das Geplätscher des Springbrunnens lauter an sein Ohr und Träumgern vernahm die Worte:

»Ich steige und falle,
ich fließe und walle,
ich komme von Firnen
mit silbernen Stirnen;
und siehst du mich springen,
so hörst du mich singen.
Die schönsten Geschichten
kann ich dir berichten.«

Im Kelche des Taumäntelchens aber lag ein Wassertropfen und sprach:

»Wassertropfen heiß' ich,
viele Dinge weiß ich,
viele Tiere kenn' ich,
viele Blumen nenn' ich;
kann von ihren Seelen
manches dir erzählen.«

Da erkannte Träumgern, daß es lautere Wahrheit sei, was die Springbrunnenfee ihm gesagt hatte und daß er von nun an die Sprache der Wassers verstehen und alle seine Geheimnisse erfahren würde. Ja, das war freilich ein wundervolles Geschenk und Träumgern saß ganz still und andächtig da und horchte.

Inzwischen war es dunkel geworden, denn eine große Wolke war heraufgezogen und ließ dicke Tropfen auf die Wiese fallen. Die drei Wichtelmännchen unter ihrem Pilzschirm saßen schön im Trockenen und Träumgern vernahm das Lied der Regentropfen:

»Wir laufen und hüpfen mit eilenden Füßen,
wir plätschern und tanzen, wir netzen und grüßen
das durstige Erdreich; wir kommen zum Segen,
wir sind der warme, fruchtbringende Regen.«

»Ich schlage vor, kommen morgen wieder hier zusammen,« sagte Lachgern und packte seine Siebenfachen zusammen. »Ja, hier ruht und schläft sichs gut,« stimmte Eßgern zu. »Und wenn man hier noch etwas Gutes zu essen bekäme.« – »Das kann ich dir nicht versprechen,« lachte Träumgern. »Aber wenn wir uns hier wieder treffen und wenn es euch recht ist, dann erzähle ich euch eine Geschichte. Die Springbrunnenfee hat sie mir im Traum geschickt.« »Bravo, bravo,« riefen Eßgern und Lachgern wie aus einem Munde. »Ist die Geschichte schön? Und wie soll sie denn heißen?« »Ich glaube, sie wird euch gefallen,« entgegnete Träumgern. »Kommt nur morgen bald zu unserem Pilze. Meine Geschichte heißt: ›Vom lustigen Wässerlein‹.«

Aus: Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten, Verlag von Gebrüder Stiepel Ges. m. b. H. Reichenberg, 1928 

Hilda Bergmann, geboren am 9. November 1878 in Prachatitz, Böhmen; gestorben am 22. November 1947 in Schweden), österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin.

Nachdem die Familie im Jahre 1897 nach Wien umgezogen war, schloss sie dort 1898 eine Ausbildung als Volksschullehrerin ab, wo sie an verschiedenen Schulen arbeitete. 1908 schied sie aus Gesundheitsgründen aus dem Schuldienst aus. Im selben Jahr heiratete sie den Witwer Alfred Kohner. Dieser brachte einen Sohn namens Hans in die Ehe. Da Alfred Kohner sich als Jude nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 in Gefahr befand, wanderte die Familie nach Åstorp in Schweden aus. Eine Rückkehr in ihre Heimatstadt Prachatitz war ihr wegen der Kriegs- und Nachkriegsereignisse verwehrt. Im Exil in Schweden starb Hilda Bergmann am 22. November 1947.

Dienstag, 3. November 2026

Deutungen: 3. November 2026

 



3. November 2026


Hier der dritte Teil des Textes zum von mir ausgezählten I Ging-Hexagrammes 33 - Der Rückzug (Weiterhin in der Übersetzung von Richard Willhelm):

Das Bild

Unter dem Himmel ist der Berg:
das Bild des Rückzugs.
So hält der Edle den Gemeinen fern,
nicht zornig, sondern gemessen.

Der Berg erhebt sich unter dem Himmel, aber in seiner Natur liegt es, dass er schließlich stehenbleibt. Der Himmel dagegen zieht sich nach oben vor ihm in die Ferne zurück, so dass er unerreichbar bleibt. Das ist das Bild für die Art, wie der Edle sich dem aufsteigenden Gemeinen gegenüber verhält. Er zieht sich in seiner Gesinnung vor ihm zurück. Er hasst ihn nicht; denn der Hass ist eine Art von innerer Beteiligung, durch die man sich mit dem gehassten Gegenstand verbindet. Der Edle zeigt die Stärke (Himmel) darin, dass er den Gemeinen durch seine Gemessenheit zum Stillstand bringt (Berg).


Ich schaue gerne Märchenfilme. Mord und Totschlag brauch ich mir nicht anzuschauen, es reicht mir, wenn ich nur die Zeitung lese und / oder Nachrichten schaue. Informiert darüber bin ich sowieso genug. Ich gönne mir Idylle. Sicher, auch in den Märchenfilmen gibt es Gewalt, doch eher geschönt und nicht ausführlich (und genüsslich) dargestellt wie in sogenannten Thrillern, oder gar in Splatterfilmen. Das, was ich da an (angedeutete) Gewalt sehe reicht mir schlichten Gemüt schon. Doch doch, es gibt mittlerweile richtig schöne Märchenfilme. Hier eine Empfehlungsliste meinerseits:

„Der gestiefelte Kater“ von 2009, mit einen bezaubernden Roman Knižka als Kater Minkus

„Die zertanzten Schuhe“ von 2011, in dem Carlo Ljubek den Anton gibt.

„Der Kronprinz“ von 2015

„Die sieben Raben“ von 2015

Allesamt neuere, modernere Verfilmungen. Daher nicht so kitschig gemacht wie viele Ältere, und somit auch für Erwachsene gut anzuschauen. Sehr schön selbstverständlich auch zusammen mit Kindern. Alle vier habe ich mir schon mehrmals angeschaut, Da kann man mal für eine Stunde in eine (fast) heile Welt eintauchen, und, was ich goutiere, es gibt verlässlich ein gutes Ende.


Welche guten Erlebnisse erschaffst du dir,
den Tag zu bestehen?
Wo kommt nur die Lust an Totenköpfen
überall her?
Tätowierte Vermählung mit Gräbern der Vergangenheit.
Schmerzlust, der Knechte breite Schultern.
Abkehr. Ich denke an das Beständige,
und nicht an das Flüchtige.
Ich denke an das Flüchtige, welches Bestand hat.
Welche guten Ereignisse erschaffst du dir,
den Tag zu bestehen?


Das Bild ist von Elenore Abott (1875 - 1935)

Sonntag, 1. November 2026

Aus der Wortwerkstatt: Fraglos nicht Fragenlos

 



Fraglos nicht Fragenlos


„Wowo ist die Frage auf die Antwort des Dada“
(„WoWo“ Künstler Friedhelm Kändler)

Ich tändle noch mit tausend Fragen,
unverantwortlich unbeantwortet,
es wundert mich, dass keine Gewissensbisse an mir nagen,
bin wohl anderswo verortet
nicht von dieser Welt.

Vor dem Haus färben sich die Blätter von den Linden,
gelb um gelb vergilbt das Grün,
auch sind die ersten Töne braun zu finden,
bald werden all die Blätter fliehn,
wenn eins ums andere nicht mehr am Baume hält. 

Doch noch mag ich die sanften Töne,
sie lächeln mir zu, wenn ich aus dem Fenster schau,
bald bleiben nur noch dürre Zweige, notabene,
Silhouetten, dahinter Himmelgrau,
ich hab mein Sach´ auf nichts gestellt.

So ist mir heut auch nicht nach Philosophieren,
ich lass die Fragen Fragen sein,
die Antworten bekommen wir früh genug zu spüren,
wir reden uns die Zukunft klein,
bis sie uns auf die Füße fällt.


Das Aquarell „Herbst“ ist von Judith Zahn-Dahlen, Fredelsloh

Deutungen: 1. November 2026

 


1. November 2026


„I don´t believe in I-Ching“, John Lennon, in seinem Lied God von 1970.

Der Song ist zu hören auf dem ersten Soloalbum von John Lennon nach seiner Trennung von den Beatles. Ein Statement der Ernüchterung und des Rückzuges. Am Ende heißt es in dem Lied:

„The dream is over
What can I say?
The dream is over
Yesterday
I was the dream weaver
But now I'm reborn
I was the Walrus
But now I'm John
And so, dear friends
You'll just have to carry on
The dream is over.
“

Das war nicht der erste Rückzug dieser Generation. Während das Hippie-Ding so richtig groß wurde und weltweit überschwappte, nach dem Monterey-Festival Juni 1967, wo sich den Managern der Musikbranche das kommerziell riesige Potential dieser Bewegung offenbarte, am 6. Oktober des besagten Jahres und in dem auf den summer of love folgenden Herbst, zog eine seltsame Karawane durch das Viertel Haight-Ashbury in San Francisco. Hippies schleppten einen Sarg durch die Straßen und trugen ihre eigene Bewegung symbolisch zu Grabe. Viele von ihnen fanden sich in der folgenden Zeit in Landkommunen wieder. Rückzug.

So geht es nun im Buch I Ging (weiterhin in der Übersetzung von Richard Wilhelm) mit dem Zeichen Nr. 33 „Rückzug“ weiter:

Das Urteil

Der Rückzug. Gelingen.
Im Kleinen ist fördernd Beharrlichkeit.

Die Verhältnisse sind so, dass die feindlichen Kräfte, durch die Zeit begünstigt, im Vorrücken sind. In diesem Fall ist der Rückzug das richtige, und eben durch den Rückzug erlangt man Gelingen. Der Erfolg besteht darin, dass man den Rückzug richtig auszuführen vermag. Rückzug ist nicht zu verwechseln mit Flucht, die auf weiter nichts bedacht ist als Rettung unter allen Umständen. Rückzug ist ein Zeichen von Stärke. Man darf den rechten Moment nicht versäumen, solange man in vollem Besitz von Kraft und Stellung ist. Da versteht man rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu deuten und bereitet einen zeitweiligen Rückzug vor, statt sich in einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod einzulassen. So räumt man auch dem Gegner nicht ohne weiteres das Feld, sondern erschwert ihm das Vorrücken, indem man im einzelnen noch immer Beharrlichkeit zeigt. Auf diese Weise bereitet man im Rückzug schon den Umschwung vor. Die Gesetze eines solchen aktiven Rückzugs zu verstehen, ist nicht leicht. Der Sinn, der in solcher Zeit verborgen liegt, ist bedeutend.

„Angezogen von der Philosophie und den Idealen der Hippiebewegung strömten dann Tausende von jungen Leuten der ganzen USA in den Stadtteil Haight-Ashbury in San Francisco, um daran teilzunehmen – unter anderem deshalb wird das Jahr 1967 als „Höhepunkt der Hippiebewegung“ angesehen.

Aus vielen der viktorianischen Häuser des Haight-Ashbury-Viertels wurden offene Wohngemeinschaften, teilweise auch mit künstlerischer (Family Dog) oder musikalischer (Grateful Dead) Ausrichtung. Die Diggers, eine Aktionsgruppe, deren Ethik „Free. Free everything“lautete, verteilten in Free Stores Lebensmittel. Sie benannten sich nach den Diggers, einer englischen Dissidentengruppe des 17. Jahrhunderts, und die Free Stores sind die Vorbilder für die heutigen Umsonstläden.

Da sich viele Ärzte weigerten, Hippies zu behandeln, und diese oft auch nicht das Geld dazu hatten, wurde am 7. Juni 1967 die erste Free Clinic eröffnet. Free bedeutete nicht nur ‚kostenlos‘, sondern auch ‚unbürokratisch‘ und ‚vorurteilsfrei‘.“ (Wiki)

Dadurch, dass das Viertel in San Francisco von (jungen) Menschen aus den gesamten Vereinigten Staaten förmlich überrannt wurde, ließen sich diese Strukturen nicht erhalten. Aber auch der Trubel um die Bewegung und die Toruristisierung des Viertels trug zum Rückzug der Protagonisten bei. Auf dem Lande in Kommunen und in kleineren Strukturen ließen sich die Ideale eher aufrecht erhalten. So baute sich dort ein Netzwerk auf. Derweil ging die Kommerzialisierung der Bewegung unaufhaltsam weiter bis zu einem Höhepunkt, dem Woodstock-Festival 1969. Und danach ging es dann verhältnismäßig schnell bergab, politisch entkernt, wurde alles zur kulturellen Beliebigkeit. Doch im Kleinen, im Rückzug, überlebten einige der Strukturen. Bis heute.

Zum Foto oben: The Death of the Hippie funeral event and procession would start at the Psychedelic Shop on Haight and proceed on to Buena Vista Park October 6, 1967

Peter Breinig / The Chronicle 1967

Samstag, 31. Oktober 2026

Deutungen: 31. Oktober 2026

 


31. Oktober 2026

Rückzug - Einen Tag, bevor der November beginnt. Ich habe heute wieder einmal mit meinen Schafgarbenstengeln gespielt, ausgezählt, am Küchentisch, und heraus kam am Ende die 33, Rückzug, ohne Wandlung. Hier wieder zitiert aus dem I Ging in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

33. Dun - Der Rückzug

oben Kiën, das Schöpferische, der Himmel

unten Gen, das Stillehalten, der Berg

Die Kraft des Schattigen ist im Aufsteigen begriffen. Das Lichte zieht sich vor ihr in Sicherheit zurück, so dass jene ihm nichts anhaben kann. Es handelt sich bei diesem Rückzug nicht um menschliche Willkür, sondern um Gesetze des Naturgeschehens. Darum ist in diesem Fall der Rückzug die richtige Art des Handelns, die die Kräfte nicht aufreibt. (Hierzu gibt es eine Anmerkung des Übersetzers: „Es ist ein ähnlicher Gedanke in dem Zeichen ausgedrückt wie in dem Wort Jesu: Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel (Math. 5, 39).“ Die zeigt, dass Richard Wilhelm den christlichen Missionar nie ganz ablegen konnte. Ich selber interpretiere "Rückzug" ganz anders. Dazu später vielleicht mehr.)

Als ich die Auflösung las, dachte ich sofort: Das passt! Mein entzündetes Knie, das mich zur Zeit immer noch an die Wohnung bindet, tägliche Wanderungen zwischen Klo, Küche und Bett sind möglich, auch schon mal ein Gang ums Haus, doch das war es dann auch vorerst. Und auch in anderer Hinsicht ist Rückzug die Wahl der Stunde. Da ich nicht weiß, ob ich alle Tätigkeiten weiterhin ausüben kann, werde ich wohl einige streichen, die das Knie über Gebühr belasten. Das bedeutet schon eine tiefgreifendere Umgruppierung in meinem persönlichen Leben. Durch das Wegfallen von Tätigkeiten wird wiederum Zeit frei gesetzt, die für anderes Attraktives genutzt werden kann.

Es steht da auch noch darunter: „Als Monatszeichen ist das Hexagramm dem sechsten Monat (Juli-August) beigeordnet, in dem die Winterkräfte schon wieder anfangen, ihre Wirkung zu zeigen.“ Doch für mich passt ein Rückzug im Rahmen der „Gesetze“ des Naturgeschehens viel besser zu dem heutigen Tag, und zu der Kehrtwende des Jahres rapide in die dunkle Zeit. Eben in die Zeit des Rückzuges. Des Jahreszeitlichen Rückzuges.

Dazu schrieb ich einmal: Der Garten ruht. Es gibt dort allenfalls an milderen Tagen im Januar oder Februar das Schneiden der Obstbäume zu tätigen. Eigentlich ist alles auf Ruhe eingestellt, welche der Körper auch dankbar annehmen möchte nach den vielfältigen Arbeiten im Herbst. Die Speisekammer ist gefüllt, die Äpfel und Kartoffeln lagern, die Gläser und Gläschen mit Kompott, Marmeladen und Fruchtmusen harren des Öffnens, um eine Ahnung von Sommer in die Küche zu bringen, in der Teekanne duftet der im Frühling und Sommer gesammelte "Tee der Landschaft und der Jahreszeiten". Das Sonnenlicht ist weniger, und wer weiterhin in vollem Ausmaße den Arbeiten nachgehen möchte, welche diese Zivilisation erfordert, wird über kurz oder lang häufig von der soganannten "Winterdepression" eingeholt.

"Winterdepression". Wieder wird hier meines Erachtens ein natürliches Empfinden des Körpers, der Rückzug aus der Aktivität des Frühjahrs und des Sommers, zu einem Krankheitsbild umgedeutet. Dann überschlagen sich die Artikel populärwissenschaftlicher Art in den Journalen, Apothekerzeitschriften vornean, mit allen möglichen Tipps, wie dieser Krankheit oder Unpässlichkeit beizukommen sei.

Ich empfehle: Winterpause

Prof. Dr. Marianne Gronemeyer stellte in einem Aufsatz die Frage: "Wieviel Arbeit braucht der Mensch?" (2008, auf ihrer Homepage):


"In früheren Zeiten, als unsere Ahnen noch das zum Leben Notwendige zusammenjagten und -sammelten, war diese Frage leicht beantwortet, wenn sie sich denn überhaupt stellte: Man musste so lange ‚arbeiten' bis man satt zu essen hatte. Es wäre vollkommen sinnlos, ja sogar in höchstem Maße existenzgefährdend gewesen, wenn man versucht hätte, ein Mehr zu erwirtschaften durch mehr Arbeit; denn ihr Dasein konnten unsere frühen Vorfahren nur sichern, wenn sie sich ihre Beweglichkeit erhielten, unbehindert von einem Ort zum andern ziehen konnten, um das Lebensnotwendige zu finden."

Und: "Noch in der bäuerlichen, sesshaften Lebensweise ist die Frage danach, wie viel Arbeit der Mensch braucht, offenkundig verrückt. Arbeit braucht man nicht, die hat man, und das einzige was über sie zu sagen ist, ist, dass sie getan werden muss. Arbeit ist nicht Gegenstand des Begehrens, sondern das Mittel, das dazu taugt, sein Dasein zu fristen. Sie ist ein notwendiges Übel oder einfach nur notwendig, und sie wird vom Winter, vom Feierabend und Festtag unterbrochen. Das Gegenstück der Arbeit ist also die Muße."

(Geschrieben Mitte Januar 2013)

Ja, und die Muße im Rückzug braucht es, um neu zu sortieren. Alles im Lot.


Das Bild ist von Gustav Wunderwald (1882 - 1945)


Freitag, 30. Oktober 2026

Erlesenes: Jakob van Hoddis - Von Mir und vom Mich

 



Immer noch aufgrund einer Entzündung im Knie an Haus und Bett gefesselt grabe ich weiter Texte aus, um mich zum einen zu unterhalten, zum andern um mich abzulenken und zum dritten um etwas zum Nachdenken zu haben. Bei folgendem Text kommt alles drei zusammen:


Von Mir und vom Mich


Von Jakob van Hoddis

Motto: Seltsam, wie hier der Verstand
           An mir hämmert, an mir hirnert,
           Selbstsadistisch arrogant,
           Selbst den Stirner unterstirnert.

Cogito ergo sum: Das Denken ist kein Beweis für das Ich, sondern das Ich ein Postulat des Denkens.
Ein Bild und eine Erfahrung: Am fernen Ufer singen die Sirenen. Wohl weiß Odysseus, Lüge ist es, was die Dichter von ihren gierigen Vogelkrallen berichten. Hold und lieblich wäre es, bei ihnen zu wohnen. Er sehnt sich hinüber.
Aber Glied um Glied ist er am Maste seines Schiffes angekettet. Nicht von Freunden, die uns ja so oft vom Schönsten entfernt halten - um unseres Besten willen - ! Vergessene Wünsche, längst schal gewollter Wille, törichte Knabensehnsucht - daraus ist eine Kette geschmiedet, die unsichtbare, unzerreißbare, die bei jedem Aufbäumen tiefer in sein Fleisch einschneidet. Der Fessel des nordischen Feuergottes vergleichbar.
Und am Steuer sitzt der Traum seiner selbst, der lang schon tote.
Du sagst: „Lieber der Sklave eines Menschen, denn der Halbaffe einer Idee!“ Schön. Wie steht es mit dem Halbaffentum der Ichidee?
Ein anderes bin ich, der ich bin (Ur-Ich),
ein anderes das Ich, das ich denke (Ich-Idee)
Oder: Das Urich = Postulat des Denkens,
Die Ichidee = Objekt des Denkens.
Die erste Gleichung: das entschleierte Bild von Sais
Die zweite Gleichung: der schimmernde Schleier des Grausigsten.
Und da kam der Pedant der Innerlichkeit und schrie mich an: Was tust du den Mund auf, du Unheiliger! Weißt du nicht, dass das Wort den Gedanken nicht formt, nicht formt, sondern umformt! Dass es den glühenden Strom des Schmerzlichsten und Freudigsten zu buntem Glaswerk erstarren lässt?

„Das Wort ist ein eigenwilliger Herr. Warum begibst du dich unter seine Herrschaft?“
Ich antwortete: „O Prophet! Wahrlich, du bist ein König ohne Kamarilla! Wohl beherrscht mich das Wort. Aber es ist nicht mein Herr. Es ist mein Scherge.“
„Wissen sie übrigens, wer der Pfeil der Eleaten ist, von dem die Schulmeister so Wunderliches berichten? Der traf und sich doch nicht bewegte, der flog und doch ruhte? Der Pfeil ist das Wort.“
Das Wort als Scherge. Oder: Die Sprache ist die Bureaukratie der Seele.
Ebensowenig wie man in Worten zu denken braucht, braucht man in Worten zu dichten.
Man braucht wahrscheinlich die Idee zum Kunstwerk, wie den Bast zum Kränzewinden. Aber der Bast ist selten das Schönste am Kranz.

Im Kunstgewerbe erfüllt die Zweckmäßigkeit die befruchtende Funktion der Idee.
Für den Dichter ist die Denkkraft auch ein Sinn.
Auch die an Sich selbst - an der Ichidee - ist ein poetisches Erlebnis.
Wünschen ist Selbstpoetik.
Der Genusswert der Philosophie, jeder indirekte, jeder eingebildete Genuss, jede Macht- und Tatenfreude ist in der Ichpoetik begründet.
So ist die Beziehung zwischen Kunst und Leben wieder hergestellt. Denn Kunstwerk am Kunstwerk bildet sich das Leben an der Dichtung und die Dichtung am Leben. Wie sich Fackel an Fackel entzündet.
Der ästhetische Ichthyosaurus sucht ein festes - also begreifliches Verhältnis zu seiner Ichidee.
Er zieht sich Eigenschaften an. Die kann er sich merken. Da weiß er, was er an sich hat.
Er wird zum Charakter, zur Persönlichkeit, zum Original.
Wir aber sind uns in jedem Augenblick ein Anderes, stets Unbegreifliches.
Wir fühlen uns, ohne uns zu definieren.
Er wird zum Halbaffen seiner Ichdefinition.
Wir werden uns zum Dämon.
Es gibt kein höheres Dasein, als das Unbegreifliche, und Homer ist sein Prophet.

Postskriptum:

Das Ur-Ich und die ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee;
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blass.
Da sprach das Ur-Ich zur Ichidee:
„Was wandelst du im grünen Klee?“
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
„Ich wandle nur auf deiner Spur,“ -
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.

Aus: Die Aktion, Nr. 52, 27. Dezember 1913

Ein Text, den sich ein bekiffter Zen-Meister ausgedacht haben könnte. Ein Zen-Koan auch: „Triffst du Buddha unterwegs, so töte ihn“ - „Da, Freunde, hub sich große Not: Ich schlug mich gegenseitig tot.“ Zu lesen in einsamen Nächten rund um den Vollmond. Zenon von Elea dachte über die Wirklichkeit von Bewegung nach. Zenon sagt, ein fliegender Pfeil nehme in jedem Moment seiner Flugbahn einen bestimmten, exakt umrissenen Ort ein. An einem exakt umrissenen Ort befinde sich der Pfeil in Ruhe, denn an einem Ort könne er sich nicht bewegen. Da sich der Pfeil in jedem Moment also in Ruhe befinde, müsste er sich insgesamt in Ruhe befinden.

„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache „des Menschen“. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie u.s.w., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin.“ Max Stirner, aus: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1845

„Der Stock überwindet entweder den Menschen oder der Mensch überwindet den Stock.“ Derselbe dortselbst. Ließe sich noch sagen, in Mehrzahl: Die Kriege überwinden entweder die Menschen oder die Menschen überwinden die Kriege.

John Höxter, ein Zeitgenosse von van Hoddis meint dazu:

Ich will das Wie nicht wissen noch das Was;
Den Nießnutz nur von Ja und Nein (für Nass!),
Den echten Schein der Summe des Seins,
Der Dreiheit, der Zweiheit und der Eins.
(Die Drei dehnt des Denkens dunkle Dimension,
Zwei spiegelspaltet, Zwist und Zwang zum Lohn,
Die einsame Eins kann nichts weiter tun
Als im Überallhier immernun zu ruhn.)


Jakob van Hoddis, geboren als Hans Davidsohn am 16. Mai 1887 in Berlin, expressionistischer Lyriker. Sein bekanntestes Werk ist das Gedicht „Weltende“. Ab 1915 war van Hoddis wegen Psychose in ständiger ärztlicher Behandlung. Am 29. September 1933 wurde Jakob van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Die Illustration ist von Alexandre de Riquer (1856 - 1920)

Deutungen: 30. Oktober 2026

 


30. Oktober

„Erwähnt sie nicht, denn erwähnen nährt den Wahn“

Selbstverständlich weiß ich, was weltweit vor sich geht. Dass Oligarchen und Milliardäre die Welt unter sich aufteilen, und dafür bereit sind Kriege zu entfachen, Medien und somit Menschen manipulieren, dass Gewalt und Brutalität wieder en vogue ist, um Ziele durchzusetzen, welche letztlich zerstörend sind, sekundiert von Hasswellen in den Kommentarspalten der virtuellen Medien. Dass der Krieg in der Ukraine die Blaupause der zukünftigen Verteilungskämpfe markiert, ein immenses Schlachtfeld, um die Waffen der Zukunft auszuprobieren. Da träumen die Ewiggestrigen noch von Panzerschlachten, während an den Himmeln Schwärme von Drohnen aufsteigen. Da werden Lügen und Wahrheiten und Ahnungen und absonderlichste Theorien munter vermischt, so dass sich Worte in den Köpfen wie Karusselle drehen, zum Schwindeligwerden. Das weiß ich jeden Tag und jeden Tag aufs Neue. Ich lese mit. Doch ich schreibe darüber möglichst nicht mit. Ich habe kein Rezept und erst recht keine Rezepte. Und ich habe ein Tagwerk. Das möchte ich nicht auch noch dreingeben, wo ich doch schon den Gedanken dreingegeben habe, dass sich das Weltgeschehen noch einmal zum Besseren, Friedlicheren wandelt. Erst einmal muss wohl die Ausdehnung ins Größte und Weiteste geschehen. Wenn die Menschheit nicht aus zwei Weltkriegen und zwei Atombomben auf Städte gelernt hat, was vermag dann noch zu lehren?

Und doch müssen wir den heutigen Tag bestehen. Und weitere. Netze knüpfen, einer zukünftigen Gemeinschaft dienen, mit Menschen sprechen, Sorgen ernst nehmen. Sowohl die eigenen als auch die der anderen. Niemanden und niemals aufgeben. Die knapp bemessene Zeit an reale Menschen vergeben, die Menschen, welche uns umgeben, welche wir lieben oder mit denen wir mindestens auskommen müssen.

Ich muss nicht meine Zeit damit vergeuden, über Zustände wieder und wieder zu berichten, die uns eigentlich allen geläufig sind. Soviel sei gesagt: Ich weiß darum!

Das Bild ist von Vilmos Aba-Novák (1894 - 1941)