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Samstag, 22. August 2026

Deutungen: 11. August 26 - Die Verfinsterung des Lichts

 


11. August

Ein Einschub: Für morgen ist eine Sonnenfinsternis angesagt, die auch bei uns zu sehen sein wird. Zwar nur partiell, doch immerhin werden zwischen 84 und 93 % der Sonne verdeckt, und das wird abends gegen 20 Uhr zu sehen sein. 1986 durfte ich dieses Himmelsschauspiel schon einmal erleben, und zwar sehr intensiv. In den Tagen kam in unserer Landkommune die Nachricht an, dass einem unserer Mitbewohnern, der erst vor gar nicht langer Zeit mit seinem Bauwagen, in dem er mit seinen beiden Kindern wohnte, ins Wendland weiter gezogen war, der Bauwagen abgebrannt und dabei seine kleine Tochter umkam, die wir alle sehr liebten. Sie war erst drei Jahre alt. An den Tagen zog eine Mitbewohnerin das I Ging und es kam „Die Verfinsternug des Lichts - Ming I“ dabei heraus.

Am Tag der Sonnenfinsternis, es war im April, zog es mich hinaus in die Wiesen, und ich ging und ging, ohne Ziel durch das Grün, weiter und weiter. Bis ich mich niederkniete und einen langezogenen Gesang erklingen ließ, der etwas von Wolfsgesang inne hatte. In diesem Augenblick schob sich der Mond vor die Sonnenscheibe. Ich heulte meine Trauere um das gestorbene Kind in die Verfinsterung des Lichtes, und das geschah nicht geplant und willentlich als ein wie auch immer geartetes Ritual, sondern es geschah einfach.

Oben Kun, das Empfangende, die Erde
Unten Li, das Haftende, das Feuer

Die Sonne ist hier unter die Erde gesunken, daher verdunkelt. Der Name des Zeichens bedeutet eigentlich Verwundung des Hellen, daher die einzelnen Linien auch vielfach von Verwundungen reden. Die Situation ist genau die entgegengesetzte wie beim vorigen Zeichen. Dort ein weiser Mann an der Spitze, der tüchtige Gehilfen hat, mit denen er gemeinsam voranschreitet. Hier ein finsterer Mann an maßgebender Stelle, durch den der Tüchtige und Weise geschädigt wird.


DAS URTEIL

Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.

Man darf sich auch von ungünstigen Verhältnissen nicht wehrlos mitreißen, nicht in seiner inneren Willenshaltung beugen lassen. Dies ist möglich, wenn man innerlich licht ist und nach außen hin nachgiebig und fügsam. Durch diese Haltung lässt sich auch die größte Not überwinden. Man muss freilich unter Umständen sein Licht verbergen, um trotz Schwierigkeiten in der unmittelbaren Umgebung seinen Willen durchhalten zu können. Die Beharrlichkeit muss im innersten Bewusstsein leben und darf nach außen nicht hervortreten. Nur so kann man unter Schwierigkeiten seinen Willen wahren.


(Aus dem I Ging, übersetzt von Richard Wilhelm) 

Hier ist erwähnt, was in meinen Augen gerade vonnöten wäre. Die Verhältnisse sind ungünstig, und die Verwirrung ist angerichtet. Kaum noch zu unterscheiden, welche Nachricht, die mich erreicht, von wo und in welchem Interesse manipuliert ist. Doch es gibt eine innere Richtschnur, die das Deuten hilft zu bestimmen, und die das Handeln möglich macht. Ich nenne sie „Meine Utopie“. Ich gehe von meiner Utopie aus, und versuche dieser im alltäglichen Handeln nach außen so nahe wie möglich zu kommen. Und in mir auszuloten, dass ich sie so gut wie möglich beschreiben kann. Dazu braucht es Zeit, denn Abwägen der Worte und Gedanken ist kein schnelles Fließen, sondern ein flirrendes Mäandern.

Dazu erst einmal so viel: „Nun, meine Utopie ist von meinem Leben geprägt, oder anders herum, meine Utopie hat mein Leben geprägt. Ich wollte dies: Ein Leben in den Gärten in Gemeinschaft. Dahinter der Gedanke, dass, wenn alle Menschen einen Teil ihrer Zeit in den Gärten verbringen würden, mit der würdevollen Handarbeit der Lebensmittelerzeugung, dann gäbe es mit der Verteilung kein Problem.“

Und: „Nun hege ich noch eine andere Utopie, eine die in einem gewissen Sinne unutopisch ist, da sie in historischer Zeit stattgefunden hat, und damit belegt worden ist: Die Konsensdemokratie. Einige Völker der nordamerikanischen Natives lebten diese, zum Beispiel der Irokesenverbund. Nun hat diese Art der Demokratie einen Haken: Sie verschlingt viel Zeit, da Entscheidungen immer wieder durch die Gremien gehen müssen, bis eine Einigkeit hergestellt ist. Und: Sie bedingt eine Erziehung zum Mitreden schon von Anfang an.

Mit anderen Worten, meine Utopien lassen sich nicht einfach über die heutige Situation überstülpen, und, sie sind von sehr vielen Menschen nicht gewünscht. Da eine Konsensdemokratie ja keine Konsensdemokratie mehr ist, wenn sie befohlen wird, ob von einem Diktator oder einer Mehrheit, ist da egal, wird das wohl Utopie bleiben. Ich selber bin zu begrenzt, um zu wissen, was allen Menschen gut tut. Das müssen wir Menschen gemeinsam herausfinden. Doch ich möchte nicht einfach hinnehmen, dass wir in einer Welt leben, in der jeden Tag, jede Stunde Menschen verhungern. In der es überbordenden Reichtum weniger gibt, und grotesker Armut von so vielen. Erst wenn hier der Ausgleich gelungen ist, mag ich von einer einigermaßen gerechten Welt für uns Menschen sprechen. Die Grundbedürfnisse sollten im Fokus des Gemeinwesens stehen, nicht künstlich erzeugte Konsumwünsche.

Dann noch mein dritter utopischer Gedanke: Neben der Handarbeit in dem so wichtigen Teil des Lebens, der Ernährung, und der zeitfressenden Konsensfindung bei allen Entscheidungen, welche die Gemeinschaft betreffen, ist da noch der Wunsch nach unendlichem Wachstum in mir. Nein, kein solches Wachstum in der Materie, exponentielles Wachstum, da wäre dann die Wasserstoffbombe, die zeigt, was dann geschieht. Ein Wachstum in die Qualität. In die Qualität der Gespräche, des Erzählten, des Gedachten. In die Qualität des handwerklich Erarbeiteten. Und ein unendliches Wachstum in die Phantasie, da kein Mensch mehr unerhört bleibt.“

Das also wären die drei Fundamente meines Utopias: Handarbeit, Konsensfindung und unendliches Wachstum in die Qualität. Ich könnte dazu mehr ausführen, doch ist mir gar nicht danach. Mich selber haben diese drei Fundamente zu dem Leben geführt, welches das meine ist. Nicht perfekt, nicht in Ausschließlichkeit, eher so, wie es ein spanisches Sprichwort beschreibt: "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg!"

Das schrieb ich im April 2016 hier in meinem Blog. Und es ist immer noch für mich aktuell. Weiter im Text der Verfinsterung des Lichts:

DAS BILD

Das Licht ist in die Erde hinein gesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.

In Zeiten der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht durch rücksichtsloses Auftreten soll man sich nutzlos übermächtige Feindschaft zuziehen. Man soll in solchen Zeiten die Gewohnheiten der Menschen zwar nicht mitmachen, aber de auch nicht kritisch ans Licht ziehen. Im Verkehr muss man in solchen Zeiten nicht alles wissen wollen. Man muss manches auf sich beruhen lassen, ohne sich darum betören zu lassen.

Soweit die Grundaussagen des damals gezogenen. Heute, und in Vorbereitung auf morgen, ist die Situation anders. Doch es stimmt schon: „Förderlich ist es, in der Not beharrlich zu sein“. Die Verhältnisse sind ungünstig, Krieg ist da, und die Möglichkeit, dass er sich ausweitet, greifbar. Die Oligarchen aller Couleur sind dabei, die Welt unter sich aufzuteilen, und dabei bekämpfen sie sich gegenseitig mit allen Mitteln. Auch wenn sie sich direkt und persönlich nichts tun. Zu leiden haben die Menschen. Und die einen flüchten sich unter die Fittiche der Patriarchen, ziehen für diese in den Krieg, real oder mental, bekämpfen alle diejenigen, welche ihren Kurs nicht mitmachen wollen. Parteien werden gefördert, welche die Ausplünderung des Planeten unterstützen, und „Ausplünderung“ ist hier ganz real gemeint. Ausgeplündert wird alles, die Ressourcen, die Menschen, Pflanzen und Tiere, Erde, Wasser, Luft und Feuer, alle Elemente unterliegen der Ausplünderung.

Die Anhängerinnen und Anhänger der Ausplünderungsparteien sind rabiat und unbelehrbar. Mit ihnen zu argumentieren lohnt nicht, sie glauben. Das ist die Verfinsterung des Lichts im Großen.

Waldgespräch

Ihr fraget mich, warum im grünen Wald ich niste -
Ich lächle schweigend, und mein Herz ist selig leicht:
Die Pfirsichblüten schwimmen fort und schwinden -
Es gibt noch eine Welt, von Menschen nicht erreicht.


Li tai Pe (Übersetzung Richard Wilhelm, aus: Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten, Jena 1922)

Dieses kleine Werk ein weiterer Tagesfund. Es klingt wie ein Echo aus vergangenen Tagen zu meinem Gedicht und Lied „Verborgen“

Verborgen

Ich schlafe meinen Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tiefdrunten im Wald,
ich trage an vererbter Verwundung,
eine Verwundung, Jahrtausende alt.
Über mir rauschen die Winde, ein singendes Meer,
wehen in die Weite, Baumwipfel neigen sich schwer.
Die Welt draußen erstarrte im Kalt.

Ich trage Traumlicht in der hohlen Hand.

Krieger nahmen den Segen vom Kinde,
die Welt draußen erstarrte in Kummer und Not,
doch in meinen tiefsamtenen Träumen unter der Linde
atmet heimische Küche, schneidet die Mutter das Brot.
Auf Tischen lockt Speise, glänzen die Weine
im Glase, als ob sich Ahnung und Zukunft vereine,
ich öffne die Hände, dass die Flamme mir loht.

Es tanzt meiner Hände Schatten an der Wand.

Aus wehmütig erhellten Tavernen
klingt Spiel, dass sich im Dickicht verliert,
ein Segel glänzt auf, mein Boot treibt in Fernen,
wo Sehnsucht ein anderes Ichsein gebiert.
Tänzerinnen und Tänzer eröffnen den Reigen,
im Haare die Sterne, welche sich neigen,
ein Mund, der meine Wunde berührt.

So werden trübe Schatten gebannt.

Ein Ahnen im Summen des Sommers der Linde,
in meinem Herzen steigt eine Flut,
ein Singen, ich löse und binde,
ein Falter, der auf schwankender Blüte ruht.
So ruf ich in alldem hinein meine Fragen,
eine Antwort, ein Echo aus ferneren Tagen,
ein Lachen, ein Segnen, ein Mut.

Ich habe mich doch immer erkannt.

Ein heilsamer Kuss auf meiner Verwundung,
die Antwort des Draußen verhallt,
ich schlafe meinen Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tiefdrunten im Wald.

Dieses Lied singe ich häufig vor mich hin, ich habe es auch schon bei einer Probe in der Klosterkirche gesungen, zusammen mit Frauenstimmen. Es entwickelt sich. Und nach dem Gesundungsschlaf wieder geläutert in die Welt der Menschen eintreten. Jeden Tag wieder. So gut als möglich.

Der Vierzeiler von Li tai pe ist wohl auch ein Echo auf einen Vierzeiler von Dschung Tsu:

Sehnsucht

Im Nebel gebt sich fern und dämmernd eine Brücke,
Und an der Ufermauer liegt ein Fischerkahn.
Den ganzen Tag schon seh ich Pfirsichblüten schwimmen -
Wo öffnet mir ein Tor zur Seligkeit die Bahn?

(Übersetzung Richard Wilhelm, aus: Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten, Jena 1922)

Opa Basditu (Der kleine Mann, der mich Opa nennt, hatte eine Zeichnung gefertigt, darunter stand: Opa Basditu, will heißen: Opa, das bist Du)


Hier geht es zu dem Chinesischen Märchen Die Quelle im Pfirsichblütenwald
Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911)

Freitag, 21. August 2026

Deutungen: 10 August 26

 


10. August

Ein Satz, heute am frühen Morgen auf dem Weg zur Backstube kurz notiert: „Wenn das Buch der Wandlungen sich nicht wandeln würde, wäre es kein Buch der Wandlungen.“ Das ist für mich nicht nur ein einfacher Kalauer, ein Sprachspiel, der Lust am Spielen entsprungen; sondern im Hintergrund schwingt da für mich mehr mit. Ich darf mir das Buch eigens „übersetzen“. Als chinesisches Original vermag ich es so oder so nicht zu lesen; die Übersetzung von Richard Wilhelm ist jene, die mir am Nahesten ist. Ich mag mich nicht in einen Sinologenstreit einmischen, welche Übersetzung die größte Originaltreue besitzt. Mir geht es um etwas anderes bei der Beschäftigung mit diesem Buch: Ab und zu einen Denkanstoß zu bekommen für das, was meine Seele gerade umtreibt.

Der Grundgedanke des Ganzen ist der Gedanke der Wandlung. In den Gesprächen wird einmal erzählt, wie der Meister Kung an einem Fluss stand und sprach: So fließt alles dahin wie dieser Fluss, ohne Aufhalten, Tag und Nacht. Damit ist der Gedanke der Wandlung ausgesprochen. Der Blick richtet sich für den, der die Wandlung erkannt hat, nicht mehr auf die vorüberfließenden Einzeldinge, sondern auf das unwandelbare ewige Gesetz, das in allem Wandel wirkt. Dieses Gesetz ist der SINN des Lao Tse, der Lauf, das Eine in allem Vielen. Um sich zu verwirklichen, bedarf es, einer Entscheidung, einer Setzung. Diese Grundsetzung ist der große Uranfang alles dessen, was ist: Tai Gi, eigentlich: der Firstbalken. Die spätere Philosophie hat sich mit diesem Uranfang viel beschäftigt. Man hat den Wu Gi, den Ururanfang, als Kreis gezeichnet, und Tai Gi war dann der in Licht und Dunkel, Yin und Yang, geteilte Kreis, der auch in Indien und Europa eine Rolle spielte: . Aber die Spekulationen gnostisch-dualistischer Art sind dem Urgedanken des I Ging fremd. Diese Setzung ist für ihn einfach der Firstbalken, die Linie. Mit dieser Linie, die an sich eins ist, kommt eine Zweiheit in die Welt. Zugleich mit ihr ist oben und unten, rechts und links, vorn und hinten — kurz die Welt der Gegensätze gesetzt.

Diese Gegensätze sind bekannt geworden unter dem Namen Yin und Yang und haben namentlich in den Wendezeiten der Tsin- und Handynastie in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, als es eine ganze Schule der Yin-Yang-Lehre gab, viel Aufsehen erregt. Damals wurde das Buch der Wandlungen vielfach als Zauberbuch verwendet, und tausend Dinge wurden in das Buch hineingeheimnisst, von denen es ursprünglich nichts weiß. Natürlich hat diese Lehre vom Yin und Yang, vom Weiblichen und Männlichen als Urprinzipien, auch in der fremden Wissenschaft über China Aufsehen erregt. Man vermutete hier nach bewährten Mustern phallische Ursymbole und was damit zusammenhängt. Zur großen Enttäuschung solcher Entdecker muss gesagt werden, dass in dem Ursinn der Worte Yin und Yang nichts liegt, was darauf hinweist. Yin ist in seiner Urbedeutung das Wolkige, Trübe; Yang bedeutet eigentlich: in der Sonne wehende Banner, also etwas Beleuchtetes, Helles. Übertragen wurden die beiden Begriffe auf die erleuchtete und die dunkle (d. h. südliche und nördliche) Seite eines Berges oder Flusses (wo aber die Südseite im Blick auf den Fluss dunkel, d. h. Yin, und die das Licht reflektierende Nordseite hell, d. h. Yang, ist). Von hier aus wurden die Ausdrücke dann auf das Buch der Wandlungen übertragen auf die beiden wechselnden Grundzustände des offenbaren Seins.“, heißt es in der Einleitung zu dem Buch.

Für mich daran interessant ist die ursprüngliche Bedeutung von Yin und Yang. Die beiden Begriffe der Dualität sind nicht zwangsläufig „weiblich“ und „männlich“ zugeordnet. Dass dann in einem patriarchalen System daraus eine feste Zuordnung wurde, liegt hier in der Natur der Sache. Das zweite, was mir an der Passage auffällt, ist, dass das Yang nicht das „Strahlende“, sondern das Beleuchtete, das das Licht reflektierende ist. Also genau das Passive, was doch eigentlich dem Yin zugeordnet wird.


Das Bild ist von Elfriede Lohse-Wächtler (1899 - 1940) 1940 wurde sie zwangsweise in die als Tötungsanstalt missbrauchte Landes- Heil- und Pflegeanstalt Pirna Sonnenschein und dort im Rahmen einer nationalsozialistischen Massenmordaktion an Behinderten ermordet.

Donnerstag, 20. August 2026

Deutungen - 8. und 9. August 26

 


Einfach ein paar Tage übersprungen, doch keine Übersprungshandlung. Alles entwickelt sich aus sich selbst heraus .

8. August

Heute das erste Mal mit den gesammelten Schafgartenstengeln das I Ging ausgezählt. Heraus kam dabei die 61: Dschung Fu - Innere Wahrheit. „Über dem See weht der Wind und bewegt die Oberfläche des Wassers. So zeigen sich sichtbare Wirkungen des Unsichtbaren. Das Zeichen besteht oben und unten aus festen Strichen, während es in der Mitte frei ist. Das deutet auf die Freiheit des Herzens von Voreingenommenheiten, so dass es Fähig ist zur Aufnahme der Wahrheit. Die beiden Teilzeichen haben umgekehrt in der Mitte einen festen Strich. Das deutet auf die Kraft der inneren Wahrheit in ihren Wirkungen.

Die Eigenschaften der Teilzeichen sind: oben Sanftheit, Nachgiebigkeit gegen die Unteren, unten Fröhlichkeit im Gehorsam gegen die Oberen. Solche Zustände schaffen die Grundlage eines gegenseitigen Vertrauens, das Erfolge ermöglicht.

Das Zeichen Fu (Wahrheit) ist eigentlich das Bild eines Vogelfußes über einem Jungen. Es enthält die Idee des Brütens. Das Ei ist hohl. Die Kraft des Lichten muss belebend von außen wirken. Aber es muss doch schon ein Keim des Lebens im Innern sein, damit das Leben geweckt werden kann. Es lassen sich weitgehende Spekulationen an diese Gedanken knüpfen.
“ (I Ging in der Übersetzung von Richard Wilhelm)

Das war ein sehr guter Beginn des kommenden Neuen. Ein Beginn im Fluss. Auch heute in der Klosterkirche getönt, zu dritt. Viel Gesang, auch eines meiner neuen Lieder „Verborgen“, auch „Freiheit goldener Vogel“ wurde angestimmt, ansonsten viel Improvisation und einige Übungen. Mit dem gesamten Text zu dem von mir gezogenen Zeichen werde ich mich die nächsten Tage noch intensiv auseinander (und zusammen) setzen.


9. August

Gestern noch einmal über das I Ging – Orakel nachgedacht, ebenso wie heute früh, als wir auf dem Obstanger das Heu zusammengerecht hatten. Es wurde dort wieder einmal gemäht.

Hier noch einmal weiter im Text der Auswertung des von mir gezogenen Hexagrammes:

"Das Urteil

Innere Wahrheit. Schweine und Fische. Heil!
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Fördernd ist Beharrlichkeit.

Schweine und Fische sind die ungeistigsten und daher am schwersten zu beeinflussenden Tiere. Die Kraft der inneren Wahrheit muss einen hohen Grad erreicht haben, ehe sich ihr Einfluss auch auf solche Wesen erstreckt. Wenn man solchen widerspenstigen, schwer zu beeinflussenden Menschen gegenübersteht, beruht das ganze Geheimnis des Erfolgs darauf, dass man den richtigen Weg findet, um Zugang zu ihnen zu finden. Man muss sich erst innerlich ganz frei machen von seinen Voreingenommenheiten. Man muss sozusagen die Psyche des andern ganz unbefangen auf sich wirken lassen; dann kommt man ihm innerlich nah, versteht ihn und bekommt Macht über ihn, so dass die Kraft der eigenen Person durch die geöffnete Pforte Einfluss auf den andern gewinnt. Wenn man so keine Hindernisse unüberwindlich findet, dann mag man auch die gefährlichsten Dinge unternehmen – wie das Durchqueren des großen Wassers – und es wird gelingen. Nur ist es wichtig, dass man versteht, worauf die Kraft innerer Wahrheit beruht. Sie ist nicht identisch mit einfacher Intimität oder geheimem Zusammenhalten. Solch intimes Zusammenhalten kann auch unter Räubern stattfinden. Auch in diesem Fall bedeutet es freilich eine Kraft. Aber sie gereicht nicht zum Heil, weil sie nicht unüberwindlich ist. Alles Zusammengehen auf Grund von Interessengemeinschaft geht nur bis an einen gewissen Punkt. Wo die Interessengemeinschaft aufhört, hört auch das Zusammenhalten auf, und intimste Freundschaft schlägt oft in Hass um. Nur wo die Grundlage das Rechte, die Beständigkeit ist, bleibt die Verbindung so fest, dass sie alles überwindet.
"

Nun möchte ich mich ja den Bewertungen weitestgehend entziehen. „Ungeistigste“ wäre hier zum Beispiel nicht meine Wortwahl. Das schon einmal zu „Man muss sich erst innerlich ganz frei machen von seinen Voreingenommenheiten“ Ich möchte auch keine Macht über Menschen gewinnen und Einfluss nehmen auf andere nur im beiderseitigen Einverständnis. Hier liest sich das für mich wie ein Anleitungsbuch des Herrscherwissens.

Wenn die Kraft meiner inneren Wahrheit einen hohen Grad erreicht hat, dann kann das auch daran liegen, dass ich meiner inneren Quelle sehr nahe bin, und dass ich ein hohes Maß an Unabhängigkeit in meiner Seele kultiviere, ohne die Liebe zu den Wesen dabei verloren zu haben. Daraus ergibt sich dann eine authentische Kommunikation, die deckungsgleich mit dem ist, was ich in mir trage. Diese vermag zu wirken, auch und gerade dann, wenn ich in Leistungspositionen gestellt bin. Nun ist es so, dass ich in einem nichthierachischen System Leitender bin, in der Gemeinschaftsküche, in der Wilden Sollingküche, bei Texte und Töne. Da ist ein Geben und Nehmen vonnöten, und ein fast schon naiv zu nennendes Menschenbild, das weiterhin um den guten Kern in jeden Menschen weiß, auch und gerade da, wo dieser tief verschüttet liegt. Von gutem Kern zu guten Kern zu kommunizieren kann dann unter gewissen Umständen gelingen. Und dafür braucht es das innere Freisein von den Voreingenommenheiten.

„Fast schon naiv“ will meinen, dass ich dadurch für Außenstehende für etwas blauäugig gehalten werden kann. Was dann oft mit „dumm“ gleichgesetzt wird. Ich sehe schon sehr deutlich, wo und oft auch warum Menschen in meiner Umgebung ihren Egoismen folgen. Auch, wo welche eine gewisse Gier zu was auch immer an den Tag legen. Ich nehme das sogar oft sehr genau wahr. Handle ich doch selber nicht altruistisch oder „selbstlos“. Nur haben die Koordinaten meines Egoismus ein anderes System als das Koordinatensystem vieler anderer. Ich möchte glücklich und gesund leben, auch habe ich eine Künstlernatur, ich möchte mich zeigen. „Du hast aber auch narzißtische Züge“, sagte eine befreundete Psychologin zu mir. Ich antwortete: „Ja, sicher, sonst könnte ich kein Künstler sein!“. Auf jeden Fall kein Künstler, der gerne vor Publikum auftritt.

Auch möchte ich ein gutes Leben leben. Das bedeutet für mich gute Ernährung, einen guten Wohnort, Menschen, die mir gut tun um mich herum. Dafür tu ich gerne etwas. Wenn ich denn schon mal in Leitungspositionen gerate, dann soll diese Tätigkeit nicht mit Abstrichen an dem Genannten verbunden sein. Um gute Nahrung, einen guten Wohnort und gute Menschen um mich herum zu haben, dazu noch Mu0e, den künstlerischen Neigungen und meinem natürlichen Hang zur Faulheit nachzugehen, bedarf es vor allen Dingen eines: Zeit. So versuche ich denn, diese Zeit nicht mit wenig zielführenden Tätigkeiten zu verbringen. Wobei müßig im Bett zu liegen und zu lesen und Musik zu hören durchaus zu den zielführenden Tätigkeiten gehört. Denn das Ziel heißt: Wohlfühlen.


Mittwoch, 19. August 2026

Deutungen 3. und 4. August 26

 


Es ist schon ein bisschen merkwürdig mit dem Einstellen der Texte immer einige Tage hinterher zu sein. Ich stelle heute einmal zwei ein, die nächsten Tage wohl auch mal noch mehr, um wieder Anschluss zu bekommen. Denn auch das Einstellen in Echtzeit hat seine Reize. Tagesenergie. 




3. August

Gestern hatte ich meine 50 Schafgarbenstengel zusammen bekommen. Es fehlten noch zwanzig Stück, und ich war spontan hinaus, die restlichen zu sammeln. Die trocknen jetzt in meiner Klause vor sich hin, die anderen dreißig können schon entblättert werden. Die getrockneten Blüten sind für Kräutertee vorgesehen.

Wenn alle Stengel vorbereitet sind, also getrocknet und auf die richtige Länge geschnitten, so um die zwanzig Zentimeter, dann kann ich damit beginnen, mit ihrer Hilfe das I-Ging-Orakel auszuzählen. Sicher, es gibt auch getrocknete Stengel zu kaufen, so um die zwanzig Euro macht das, doch da verstehe ich das Prinzip nicht dahinter. Warum muss etwas gekauft werden, das für etwas so persönliches wie ein Orakel verwendet wird? Schafgarbe ist ja nun wirklich kein seltenes Kraut. Und ich bekomme eine Beziehung zu meinem verwendeten Werkzeug. Einige sammelte ich bei meinen Morgengängen zurück von der Backstube, eine Anzahl schnitt ich, als ich mit dem kleinen Mann, der mich Opa nennt, vom Pilze suchen zurück kam; den Rest sammelte ich gestern. Zum Schneiden verwendete ich meine Baumschulhippe mit dem Walnussholzgriff, die mich schon seit über dreißig Jahren begleitet auf meinen Kräutersammeltouren. Das alles sind die kleinen Details und Erinnerungen, welche meine Stengel persönlich und einzig machen.

4. August

„Der Lähmung begegnen“ - Wenn es nicht so richtig voran geht, und sich in einem noch etwas sträubt, in das Handeln zu kommen. Da gibt es bestimmt einige Möglichkeiten. Die beste aber ist es nicht, sich selbst zu kasteien und versuchen „den inneren Schweinehund“ zu „überwinden“. Denn der möchte sich zurück ziehen und hat seine Gründe dafür. So macht es Sinn, dem Drang des Zurückziehens nachzugeben und in dem geschützten Raum der heimischen Klause darüber nachzudenken, was das Widerstreben ausmacht. Da ist zum Beispiel ein unliebsames Klärungsgespräch, welches ansteht, noch dazu am heutigen Tag, und das schon im Vorfeld viel Energie bindet. Da wird hin- und hergedacht, abgewägt, geschaut auf die Formulierungen, welche zu wählen sind, dass nicht erneut Missverständnisse im Raum stehen bleiben, zu schauen, wie deutlich ausgesprochen werden darf, ohne beleidigend zu werden.

Das läuft unter sozialer Interaktion, und man tut gut daran, sich hier die Zeit zu nehmen, welche erforderlich ist, auch um die Seele zu glätten, auch, um nicht erneut in die Falle zu laufen, die einfach nur Streit und weitere Energiebindung bedeutet. Einen Abschluss finden, ohne zu desavouieren und ohne erneut desavouiert zu werden. Und: versuchen, eine Kompromisslösung anzubieten.

Das wäre nicht weiter kompliziert, wenn man mit der Person nicht weiter in Verbindung stehen würde, ja, sogar an einem Projekt weiter zusammen arbeitet. Dann ließe sich einfach sagen: „Dammich noch mal! Verpiss dich einfach aus meinem Leben!“ Und Ruhe ist. Doch so simpel ist das nicht. Dass die andere Person keine Vorstellung davon hat, wieviel Energie sie mit ihrem Verhalten bindet, macht die Sache nicht einfacher. Da ist leider nicht die Möglichkeit, offen und geradeaus zu sagen, was gedacht wird. Alles was gesagt wird kann zu einem Schwanz erneuter Diskussionen, energiebindender weiterer Erklärungen und so weiter führen, bis hin zur Endlosschleife. Das gilt es zu vermeiden. Denn, wie oben geschrieben, die Energie wird zur Bearbeitung anderer Vorhaben gebraucht.

Da flammt kurz der Gedanke auf, wie es sich wohl anfühlt mit dem jetzigen amerikanischen Präsidenten in Verhandlung gehen zu müssen. Das fühlt sich garantiert genauso an, nur sind da die Auswirkungen des Gesprächsausganges einige Dimensionen größer. Doch das Prinzip ist das Gleiche: Jemand nimmt für sich das Recht heraus, über alle Grenzen des Gegenüber hinaus zu gehen, zu unterstellen, zu beleidigen, und dabei noch resistent gegen alle Ausgleichsbemühungen zu sein. Schwierig.

Vorgestern hatte ich ja die letzten zwanzig der fünfzig Schafgarbenstengel für das I-ging-Orakel zusammen bekommen. Die müssen noch trocknen, dann kann ich daran gehen, sie zu bearbeiten. Es ist mein Ziel, vor wichtigen Gesprächen, so wie heute eines anliegt, und vor wichtigen Entscheidungen das I ging zu befragen. Nicht, dass ich annehme, damit würde mir eine Entscheidung abgenommen, von einer sozusagen höheren Macht. Eher ziele ich ab auf das Innehalten. Schon das Auszählen der sechs Linien mittels der Schafgarbenstengel braucht seine Zeit. Dann kommt noch das Sinnieren über den oder die Texte zu den gezogenen Linien hinzu. Der gesamte Vorgang entschleunigt, unter einer halben Stunde ist da nichts zu machen. Und das ist gut so. Das Orakel mittels Münzen zu befragen, als ein Beispiel, wäre eine Instantbefragung, und ist für das Einschwingen in die tieferen Seelengründe nicht geeignet. Doch so naiv, zu glauben, dass das I ging einfach antwortet, bin ich nicht. Ich gewinne Zeit und Muße und Worte von außen, die zielführend sein können, wenn ich mich auf eine Lösung einlassen möchte.

Eine weitere Möglichkeit der Erdung wäre, bestimmte Ecken und unaufgeräumte Stellen in der Klause aufzuräumen, sich wieder einmal den neu angesammelten Spinnweben annehmen, die Tischdecke wechseln und ähnliches, „clean the room“, vielleicht etwas Musik dazu laufen lassen. Das schafft zwar nicht das Anstehende vom Tisch, hilft aber auch, die Seele zu klären. Also los. . .



Dienstag, 18. August 2026

Deutungen: 2. August 26

 



Deutungen


Das erste Posting von einem Projekt, das ich dieses Jahr am 2. August begonnen hatte. Kein "Diary", Tagebuch, keine Literatur, kein innerer Monolog. Was dann? Ein Innehalten im Strom der Geschehnisse und der Zeit, ein Besinnen auf mein eigenes Inneres, ein Erhaschen von vorüberfliegenden Gedanken. Wohin das führt? Vielleicht mitten in die Petersilie.

2. August: Ein neues Beginnen. Das eigentliche Beginnen lag auf gestern, dem 1. August. Doch da war noch ein Verhalten in mir. Heute ist da ein Voraus. Wir befinden uns in den Hundstagen (23. Juli - 23. August).

„Im Laufe der Zeit hat sich durch die Verschiebung der Erdachse auch der Zeitraum der ursprünglichen Hundstage um etwa vier Wochen nach hinten verlagert. Heute ist der Sirius-Stern über Deutschland erst frühestens Ende August mit voller Leuchtkraft zu sehen und deutet auf den nahenden Herbst hin. Auch die heißesten Tage des Jahres treten statistisch gesehen schon Anfang Juli auf.“ (Website „Mein Gartenexperte“ - Hundstage 2026: Bedeutung, Zeitraum und Bauernregeln).

Auch hier wieder die Verschiebung im Laufe der Zeiten, ähnlich wie bei den Sternbildern, auch die Daten der Tierkreiszeichen sind heute etwa einen Monat verschoben im Vergleich zu dem Zeitpunkt, an dem die Sonne die entsprechenden Sternbilder passiert. „Diese Daten wurden vor mehr als zweitausend Jahren festgelegt, aber heute haben sich die Dinge geändert. Zum Beispiel trifft der Widder die Sonne jetzt um den 19. April (das genaue Datum hängt vom Jahr und Ihrer Zeitzone ab) statt am 21. März. Die meisten Menschen, die sich als Widder bezeichnen, wurden also geboren, als die Sonne in den Fischen stand.

Der Grund für diese Zeitverschiebung ist die Präzession der Erdachse. Unser Planet ist wie ein Kreisel: Er ist an den Polen abgeflacht und hat am Äquator einen Wulst. Die Gravitationskräfte von Mond und Sonne spielen dabei eine Rolle. Die Erde wackelt also, wenn sie sich dreht, und ihre Achse folgt einem Kegel mit einem Radius von 23,5°. Dieses Wackeln nennt man Präzession der Erdachse oder Präzession der Äquinoktien. Jede Umdrehung dauert einen Tag, aber jedes Taumeln um den Kegel dauert 25.800 Jahre. Diese Bewegung lässt den Blick auf den Tierkreis von der Erde aus langsam altern, sodass sich die Sternbilder pro Menschenleben um etwa 1° nach Osten verschieben.
“ (Website Star Walk - Sternzeichen und Sternbilder am Himmel: Was ist der Unterschied?)

So zeigt sich auch hier die Brüchigkeit von Traditionen, und es zeigt sich mehr und mehr, dass wir keine Vergangenheiten haben, auf die wir zurückgreifen können, um dem entstehenden Neuen zu begegnen. Welche Möglichkeiten haben wir als Einzelmensch, das beginnende Neue mit zu gestalten, mit zu formen; und nicht einfach nur zu Begegnen? Ist die Kraft des einzelnen wirklich so klein, dass es um ein einfaches Hinnehmen, dessen was geschieht, geht?

„So fremd oft ist mir diese Welt / es webt in mir auch eine andere“ - Ich werde beginnen, sie aufzuspüren. Heute blühen schon die Goldruten vor der Alten Schule, zu früh für mein Gefühl, gemahnt das doch schon an den Herbst, auch dass die Herbstanemonen neben der Hundertjährigen Rose hier im Ort seit über einer Woche erste Blüten zeigen, unterstützt dieses Gefühl. Beide Arten haben zwar eine Blütezeit von Juli bis Oktober, also hier wäre nichts, was außerhalb der Norm stände, doch unterstützt der Anblick der Blüten die leicht melancholische Note, die meine Seele heute durchzieht.

Wir streichen aus alle, die wir kennen - uns eingeschlossen -“ (Witthüser & Westrupp, Orienta), da wäre vielleicht noch anzumerken: „Wir streichen aus alles, was wir kennen“. Ich bin mir nicht sicher, was das hier werden mag, und wohin es führen möchte. Eines jedoch weiß ich: Ich habe nicht vor, ein Tagebuch zu führen. Ich möchte nicht an so enge Grenzen gekoppelt sein, jeden Tag etwas zu schreiben, weder Unbedeutendes noch Bedeutendes, nur wenn es an der Zeit ist, sich selbst zu erklären, etwas in sich selbst zu klären, möge das hier Eingang finden.

Meine Bereitschaft zu diskutieren ist mittlerweile gegen Null gesunken. Das liegt weniger daran, dass ich keinen Widerspruch und keine Kritik vertragen kann, sondern mehr daran, dass mir an einem Schlagabtausch nicht gelegen ist. Vieles muss sorgsam durchdacht sein, möchte aufmerksam beobachtet und gründlich recherchiert sein, um dann in Muße durchgesprochen zu werden. Es ist schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der so viel an Information via Internet zur Verfügung steht, sich so wenig Zeit genommen wird, noch Argumente auszutauschen, zu prüfen und wieder auszutauschen. Es wird wohl auch etwas mit der Verrohung der Internetkommunikation in den „sozialen Medien“ zu tun haben. Da wird als Kommentar etwas rausgehauen, oft noch mit mehr oder minder subtilen persönlichen Beleidigungen garniert, noch ein Meme und ein link zu einem Video oder einem Zeitungsartikel darunter drapiert, und fertig.

Kein sorgsam ausgeführter eigener Gedanke dabei, keine selbst verfasste Zusammenfassung dessen, was man transportieren möchte. Keine Zeit. Dieser Stil hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr auch auf die persönlichen Gespräche übertragen, so ist mein Eindruck. Das lässt mich mehr und mehr verstummen.



Sonntag, 3. Mai 2026

VorGänge - NachGänge: Es gibt keine Jugendkriminalität. . .

 


. . . hinter der keine Erwachsenenkriminalität steckt.

Den nordamerikanischen Bewohnern dieses großen Kontinentes (auch "Ureinwohner" oder "Indianer" genannt) waren die meisten der Verhaltensweisen der weißen Eroberer fremd. Etwas erschütterte sie besonders: Wie die Weißen mit ihren Kindern umgingen: Schläge oder auch nur der "Klapps" waren ihnen als Erziehungsmittel völlig fremd, ebenso die rigide Unterdrückung des sexuellen Ausdrucks. Mittlerweile ist es ja auch in der Bundesrepublik angekommen, dass das Schlagen von Kindern kein "Kavaliers"delikt ist, sondern als Körperverletzung eine Straftat. Unabhängig ob die eigenen oder fremde Kinder geschlagen werden.

Durch körperliche Gewalt, aber auch durch andere Eriehungsmethoden wie seelischer Grausamkeit wird in den Kindern und späteren Jugendlichen der Keim späterer Gewalttätigkeit gelegt. Es gibt Gesellschaften und Gesellschaftsformen, wo dieses durchaus erwünscht ist. Durch eine gewaltfreie Erziehung wird man kein gutes Soldatenmaterial bekommen. Dass dabei dann immer einige "abrutschen" in die Kriminalität, gut, das muss hingenommen werden, Ausfälle gibt es immer.
Wenn dann die jugendlichen Gewalttäter nach dem kleinen Raubüberfall auf die Oma ihre Shore loswerden wollen, verkaufen sie an Erwachsene. Wenn sie von dem Hehlergeld sich Drogen kaufen, verdienen die Erwachsenen hier wieder. Es sind immer Erwachsene, welche letztendlich von Jugendkriminalität profitieren. Es sind immer Erwachsenengemeinschaften, die von Erziehung zur Gewalt hin profitieren.

Zuguterletzt: Wir haben es in unserer Hand, womit wir unsere Kinder spielen lassen. Wir Erwachsene. Ein Foto aus dem Schaufenster eines Bremer Waffengeschäftes: Kalaschnikov ab 14.




Freitag, 23. Januar 2026

Ein Gedicht und seine Wirkung: Abendstimmung von Ernst Blass

 


Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.

Ernst Blass


He!

Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

Jakob van Hoddis

Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

„Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

„Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“.

(Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

„O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“

(Ernst Blass)

„Deine Fliederweste,
du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl,
dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl,
trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“

(Kurt Hiller)

„Glühgrün lampjongt es in den Baumbeständen
zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw.

(Arthur Kronfeld)

. . . So sind sie, die Rigorosen. . . . „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

. . .

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

„Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass - 1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis - Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842 - 1931)