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Montag, 14. Februar 2022

Das rote Kleid - Ein Märchen

 

Das rote Kleid

Ein Mädchen wollte einen Krug mit Milch, den es auf dem Kopfe trug, zum Markt bringen und malte sich unterwegs aus, was es mit dem Erlös für die verkaufte Milch alles anfangen könnte. »Für den Erlös kauf ich erst einmal ein Huhn. Wenn ich das Huhn fleißig füttere, legt es Eier und brütet aus den Eiern Küken aus. Sind die Küken groß, dann verkaufe ich sie und das Huhn und erwerbe dafür ein Schaf. Hat das Schaf ein Lamm geworfen, dann verkaufe ich Schaf und Lamm und erwerbe dafür ein Kalb. Ist das Kalb zu einer Kuh geworden, die mir ihrerseits ein Kalb geworfen hat, dann verkaufe ich Kuh und Kalb und erhalte dafür soviel Geld, dass ich mir ein rotes Kleid kaufen kann. Dann drehen sich alle Burschen nach mir um und sagen: ›Das ist aber ein hübsches, ansehnliches Mädchen!‹ Und ich kann die Nase hoch tragen.« In diesem Augenblick kam der Bürgermeister dem Mädchen entgegen und wünschte ihm einen schönen guten Morgen. Es vergaß, dass es einen Krug mit Milch auf dem Kopf trug, verneigte sich nach Landessitte vor ihm, der Krug fiel zu Boden, und die Milch floss aus. Da weinte das Mädchen bitterlich. »Warum weinst du so sehr?« fragte der Bürgermeister. »Ach, ich Unglückliche! Alles, was ich mir unterwegs angeschafft habe, ist nun in der Erde versickert. Über das meiste komme ich hinweg, doch um das rote Kleid ist es wirklich schade!«

Ein Märchen aus Jugoslawien

Das Bild ist von Egon Schiele (1890  -  1918)

 

Dienstag, 8. Februar 2022

Marianne Dora Rein: Märchen von den vier Brüdern

 

Märchen von den vier Brüdern

Es lebten vier Brüder, die grübelten über den Sinn des Lebens, saßen in ihrem Haus und zerdachten sich die Stirn. Da sagte der eine und strich mit der Hand über sein rotgleißendes Haar: Ich will gehen und die feurige Flamme nach dem Sinn befragen". Der zweite sagte: „Ich hole mir Antwort von der wehenden Luft", warf den Kopf in den Nacken, und sein Gesicht leuchtete. Der dritte:„Den ewigen Wassern will ich lauschen und ihrem Rieseln", und seine Augen glänzten sehnsüchtig wie in Tränen. Der letzte schwieg. Als sie in ihn drangen,wen er befragen wolle, sagte er ruhig: „Ich diene der lebendigen Erde und warte in Geduld", dabei sah er durchs Fenster, das weit offenstand und den Blick freigab auf sommerliche Wiesen, belaubte Bäume, einen blanken Fluß und die Türme der nahen Stadt.

Andern Tags nahmen sie Abschied voneinander, und da sie nicht wussten, ob sie sich je wiedersehen würden, schworen sie,sich gegenseitig Nachricht zu geben über ihr Schicksal und ihre Erfahrungen, wenn nicht durch Worte, so durch Zeichen. Dann zogen die drei Brüder aus, der vierte winkte lang unter der Tür.

Der erste schlug den Weg ein zur feurigen Flamme. Er erkannte die Richtung an mancherlei Zeichen. Schmiedeessen warfen roten Schein aus ihrem rußigen Dunkel; Kohlenmeiler im tiefen Wald wiesen ihn weiter mit langsam schwelender Glut. Der Weg zog sich lange hin; im Herbst verriet der rauchige Geruch ihm die Kartoffelfeuer, bevor er sie sah, und einmal, in einer hellen Schneenacht, färbte sich der Himmel von dem gewaltigen Brand einer ganzen Stadt. Da wußte er, daß er sein Ziel bald erreichen werde. Im Gebirge stand er vor dem verfallenen Eingang eines verlassenen Bergwerks, Irrlichter tanzten blauzüngelnd auf dem moorigen Grund. Er stieg hinab durch die Dunkelheit, schritt die Gänge entlang in die Tiefe der Erde bis zu dem Reich der feurigen Flamme. Lange stand er und schaute. Da züngelten Flammen im Kreise in allen Stufungen von Rot und Blau und Gelb, in reinen und in verwischten Farben. Sie brannten, man sah nicht wovon genährt, es schien, sie verbrannten am eignen Feuer, lautlos, ohne Prasseln und Knistern. In ihrem Kreis türmte sich ein Berg von schwärzlicher Asche; er wuchs langsam und stetig, und über seiner Mitte schwebte ein leuchtender Schein, nicht Licht nicht Flamme, nicht hell nicht dunkel, ein Unnennbares. Auch strahlte vom Feuer nicht aus, was des Feuers Seele ist: Wärme. Er beugte sich über die Flammen und tat seine Frage, das Gesicht auf den schwebenden Schein geheftet. Doch ward ihm keine Antwort, da befiel ihn Angst; er wollte enteilen wie ein Frevler, der Unheiliges begehrt, aber nun brannten die Flammen heller auf, griffen nach ihm und seinem Gewände und zogen ihn mit starker Gewalt in ihren Kreis. Einen Augenblick stand er ganz durchglüht, jeder Muskel, jeder Nerv, jede Blutbahn ward sichtbar, sein Herz erglühte rot, dann ward er zur Flamme und brannte lautlos mit, den schwebenden Schein zu nähren, der über dem Aschenberg hing.

Der zweite Bruder suchte den Weg zur wehenden Luft. Er trug den Kopf im Nacken; aufwärtsblickend ging er dahin und folgte den treibenden Wolken in Richtung der Winde. Er ging unter dem feuchten Westwind und ließ sein Gesicht vom Regen betauen, der Südwind fächelte ihn trocken und entzückte mit Düften sein Herz. An windstillen Tagen rastete er, lag im Walde und schaute zum Himmel oder stand in Städten unter offnen Torbögen, durch die Zugluft streifte, und ließ die Menschen an sich vorüberziehen, ohne sie zu beachten. Denn auch im Gewirr der Häuser und Gassen suchte sein Blick die Richtung am Himmel.

Darüber verrannen Sommer und Frühherbst, die leichten Winde zogen davon, Ost und Nord trieben ihn erschauernd weiter, unter kalten Regengüssen, ersten Schneefällen suchte er frierend das Ziel und wandte sich südwärts. Aber die freundlichen Winde mieden ihn. Zitternd duckte er sich unter der Wucht der Sandstürme und lag erschlafft von der Glut, die gewaltig über die weite Wüste wehte. Nur die Gewißheit, daß sein Weg bald enden werde, gab ihm die Kraft zum Weiterschreiten. An einem wolkenschattigen Tag, an dem die Winde sich alle vier um die Herrschaft stritten, betrat er ein enges Tal, das schmal zwischen schroffen Bergen lag. Hier staute sich die Luft, es war kühl und still. Trotzdem ergriff ihn Furcht, denn aus düsterm Himmel streifte ihn eisiger Lufthauch. Da wußte er: hier war das Ziel, und rief seine Frage in die Lüfte. Der saugende Wirbel verschlug ihm den Atem, ein gewaltiger Wind ergriff ihn, schleuderte den Körper empor in vielfachen Drehungen, bis er, ermüdet von der eigenen Gewalt, ihn fallen ließ, zerstiebend im rasenden Sturze, so daß keine Spur von ihm blieb.

Der dritte ging an alten Brunnen vorüber, die die Städte mit dem Atem des Wassers erfüllten, verweilte bei jedem und spiegelte sein Gesicht in den flachen Brunnenschalen. An Bächen zog er hinab, an Flüssen, verträumte die Nächte an blanken Seen und schilfumstandenen Weihern. Mühlenräder rauschten, die Sonne blinkte ihm entgegen von den glitzernden Wellen, Mond und Sterne belauschte er, wenn sie den Silberschein in den feuchten Spiegel tauchten. Das Wasser ward ihm zum Abbild der bewegten Welt, sein Weg war lieblich und seine Sehnsucht zerfloß ohne hohe Spannung in linden Tränen; seinen Durst stillten rieselnde Quellen, über dem Dahinschweifen vergaß er die Ursache seiner Wanderung. Erst als an den verhangenen Herbsttagen die Wasserfläche dunkler schien und wie erloschen und nicht mehr Erquickung bot, sondern durchdringende Feuchte ausströmte, gedachte er wieder seiner Sendung. Seine Sehnsucht verdichtete sich zu Schwermut und Traurigkeit, als der erste Frost den hellen Spiegel blendete und mit Reif behauchte und ihm beim Hineinblicken das Wasser nicht mehr sein eignes Bild tröstlich entgegenhielt. Und als eines Morgens kein Wasser ihm entgegenblinkte, sondern der Fluß erstarrt lag unter der grünlichen Decke wachsenden Eises, da war ihm, als werde er zu seinem eignen Schatten und löse sich schwach von sich selber. So taumelte er durch die Tage und blickte angstvoll auf die gefangenen Wasser, die der Frost immer fester in Fesseln schlug.

Am kürzesten Tag geriet er an einen See, durch dessen Eisdecke dunkle Augen zu blicken schienen. Begierig nach dem Anblick lebendigen Wassers verließ er das Ufer, glitt zu einem der aufgehackten Fischlöcher, und die Frage nach dem Sinn löste sich halb unbewußt von seinen Lippen, mehr ein Seufzen. Das Bersten des Eises drang nicht mehr zu seinen Ohren, als sein Fuß auf der Glätte fehltrat und die dunkelnde Schwärze des Wassers ihn einzog.

Der letzte harrte treu der Rückkehr der Brüder, obwohl die Weisheit des Herzens ihm die Antwort schon lange gegeben hatte; aber noch hatte keiner ein Zeichen gesandt, und seine Hoffnung war wie ein Ball, hin- und hergeschleudert zwischen Zuversicht und Befürchtung. Er suchte nicht nach dem verlorenen Sinn, lebte seine Menschentage und tat seine Arbeit, und da er in Ruhe werkte, nicht in Unrast suchte, fiel das Wissen darum ihm von selber zu: nicht auf einmal wie ein funkelnder Blitz, der einen Augenblick aufzuckt, um das Auge in doppelter Dunkelheit zurückzulassen, da es, unfähig so rasch zu schauen, sofort wieder vergessen muß, was an Erleuchtung ihm zufiel. Nein, das Wissen wuchs in seinem Gemüt, wie eine schöne Fernsicht, auf die man zuwandert, allmählich deutlicher vor den Blicken liegt, mit immer schärferem und klarerem Umriß, ohne daß Eile den Genuß der Wanderung trübt. Er sah viele Gesichter auf seinem Weg, junge und alte, frohe und bedrückte, ruhige und bewegte. Auch ihm brannte das Feuer, wehte die Luft, strömten die Wasser, aber immer hielt die lebendige Erde, über die er bewußt und festen Schrittes ging, ihn davor zurück, in unklarer Sehnsucht zu verbrennen, zu zerstäuben, zu zerfließen. So vergingen ihm die Jahre, und er harrte nicht mehr auf die Zeichen seiner Brüder. Zu gewiß wußte er, daß sie verloren waren, verzehrt, aufgesogen, zerflossen in Sehnsucht.

Er erkannte, daß sie Toren waren, die das Ende vorwegnehmen wollten, als sie noch am Anfang ihrer Aufgabe standen: vor dem Leben selbst. Das Nächste immer galt es zu tun, zu leben, zu schauen, zu schaffen, und als Gnade winkte am Ende die Einsicht, daß Aufgabe und Sinn in eins verschmolzen. Dann nahten wohl der feurige Schein, die wehende Luft, die ewigen Wasser und nahmen sanft ihren Teil von dem, was erfüllt zurückkehrte zu der lebendigen Erde, aus der einst Gott den Menschen schuf.

Marianne Rein, aus: Der Morgen, Zweimonatschrift der Juden in Deutschland, herausgegeben von Julius Goldstein, Philo-Verlag, Berlin Heft 3 Juni 1938

                                 

Marianne Rein, geboren am 2. Januar 1911, verfasste Gedichte und Prosa überwiegend aus dem Bereich der Naturlyrik und veröffentlichte auch einzelne Werke in der Zeitschrift „Der Morgen“, die vom Kulturbund Deutscher Juden herausgegeben wurde. 1917 verlor sie ihren Vater, der nach schwerer Krankheit starb, woraufhin ihre Mutter mit ihr im selben Jahr nach Würzburg zog, von wo sie stammte. Marianne Rein besuchte in Würzburg die jüdische Volksschule und trat später mit dem Schriftsteller Jakob Picard in regen Briefkontakt. Während des Nationalsozialismus versuchte sie erfolglos, zusammen mit ihrer Mutter auszuwandern. Ab 1941 arbeitete sie in einem jüdischen Altersheim. Am 27. November 1941 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und dort erschossen.

Das Bild ist von Anton Mauve (1828  -  1888), Anton Mauve war ein führender niederländischer Landschaftsmaler zum Ende des 19. Jahrhunderts. Vincent van Gogh, den Cousin seiner Gattin, führte Mauve an die Malerei heran.

Donnerstag, 27. Januar 2022

Zur Erinnerung an Zitkála-Šá, Roter Vogel

 

Zur Erinnerung an Zitkála-Šá, Roter Vogel, die am 25. 1.1938 starb: Die Boarding Schools gehören zum dunkelsten Teil der US-amerikanischen und kanadischen Geschichte, sie stehen am Ende einer langen Geschichte der Vertreibung, des Genozids, der kulturellen Vernichtung und Marginalisierung, die bis heute nachwirkt. Die Yankton-Dakota Zitkala-Ša (Roter Vogel), die als Gertrude Simmons Bonin am 22. Februar 1876 in einem Reservat in Dakota geboren wurde, erfuhr durch ihre Mutter eine traditionelle Erziehung und lernte von ihr die Mythen und Bräuche der Dakota. Ihr Vater war ein Weißer, von dem nur wenig bekannt ist. Trotz der Armut und zahlreicher Probleme erlebte sie ihre Kindheit als sehr behütet und im Einklang mit ihren indigenen Wurzeln. Ihre Kindheit im Reservat beschrieb sie in ihrem ersten Buch “Impression of an Indian Childhood”. Mit 12 Jahren begann sie ein von Quäkern betriebenes Internat für die Umerziehung von indianischen Kindern (also ihre “Anpassung an die weiße Gesellschaft) zu besuchen. Der Kontrast zu ihrer bisherigen Kindheit hätte nicht größer sein können. Die dort angewendten Erziehungsmethoden übten massiven Druck auf die Kinder aus, ihre Herkunftssprache und Herkunftskultur zu vergessen und veränderten die Persönlichkeiten der Kinder grundlegend. Zitkala-Ša schrieb dazu später:

“Es war nahezu unmöglich, die eiserne Routine hinter sich zu lassen, nachdem die zivilisatorische Maschine ihr geschäftiges Tagewerk begonnnen hatte.”

Nachdem sie die Schule verließ, fand sie keinen rechten Anschluss mehr an ihre Herkunftskultur. Die Traditionen und Bräuche, ja sogar die Sprache, waren ihr durch die Umerziehung entfremdet. Sie besuchte eine weiße High School, entdeckte ihre Liebe zu klassischer Musik und studierte dank eines Stipendiums am Bostoner Konservatorium Violine, ein zu dieser Zeit ganz und gar ungewöhnlicher Vorgang. Als Soloviolonistin ging sie auf Tour.

Doch 1901 kehrte sie in die Yankton Reservation zurück. 1913 wurde die von ihr verfasste Oper “Sun Dance” – eine Anspielung auf den traditionellen Sonnentanz – uraufgeführt, eine einzigartige Verbindung indianischer Erzählkultur und klassischer Musik. Bis heute ist es die einzige Oper, die von einer amerikanischen Indigenen verfasst wurde.

Zitkala-Ša engagierte sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung, 1916 wurde sie Generalsekretärin der Society of American Indians und legte sich in dieser Funktion immer wieder mit dem Bureau of Indian Affairs in Washington an. Sie wurde Redakteurin der Zeitschrift “American Indian Magazine” und gründete 1921 das “Indian Welfare Committee”. Ihre Erlebnisse als Aktivistin schilderte sie ein Jahr später in dem Buch “American Indian Stories”. Bis zu ihrem Tod 1938 blieb sie eine engagierte Aktivistin, die an der Anklageschrift gegen Staat Oklahoma und dessen “legalisiertem Landraub” an der indigenen Bevölkerung mit und setze sich für die Verbesserung der indigenen Bevölkerung, insbesondere der Frauen ein.

1902 veröffentlichte sie einen Artikel in Atlantic Monthly mit dem Titel "Why I Am a Pagan". Es war eine Abhandlung über ihre persönlichen spirituellen Überzeugungen, in der sie dich gegen die Christianisierung der Indianer wandte. Dieser Artikel endete mit den Worten: “A wee child toddling in a wonder world, I prefer to their dogma my excursions into the natural gardens where the voice of the Great Spirit is heard in the twittering of birds, the rippling of mighty waters, and the sweet breathing of flowers. If this is Paganism, then at present, at least, I am a Pagan.-”

 

 

Freitag, 27. September 2019

"Ich will heraus aus dieser Stadt" (Gerrit Engelke)

           

Die Idee zu diesem Video entstand im Januar dieses Jahres (2019), als ich meinen Freund Yunus für eine Woche in Mönchengladbach besuchte. Dank an den unbekannten Klarinettisten, dem Hilfesuchenden und den Straßenkids von Mönchengladbach, dass sie mir erlaubten, Aufnahmen von ihnen in diesem Video zu verwenden.



Ich will heraus aus dieser Stadt


Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
draußen  - weit  -
und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
voll Gotteseinsamkeit. 
Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
so lange schon  -
daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
den Ewig-Ton. 
Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
daß Ebenen, Gebirge wellen
in meine Träume. 
Die Winterberge, meine Berge tönen  -
Wälder sind verschneit. 
Ich will hinaus, mit euch mich zu versöhnen!
Ich will hinaus aus dieser Zeit,
hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus. 
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
locken mich hinaus!
Bald hab ich diese Straßenwochen,
bald diesen Stadtbann aufgebrochen
und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
ziehe selig in die Welt!


Der Dichter Gerrit Engelke wurde am 21. Oktober 1890 in Hanover geboren, am 13. Oktober 1918 fiel er an der Westfront, kurz nachdem er einem Freund geschrieben hatte, er wolle über das „vom Krieg befreite, wieder menschlich-brüderlich werdende Völkereuropa der Städte, der Arbeit, des Lebens“ schreiben. Dass Engelke dem städtischen Leben jedoch auch kritisch gegenüber stand zeigt sein Gedicht „Ich will heraus aus dieser Stadt“.

Donnerstag, 12. September 2019

Waldgang






Noch bin ich nicht wirklich alt,
dass wir uns recht verstehen.
Doch irgendwann, doch irgendwann
werd´ ich für immer in die Wälder gehen.

Und wenn dann eine Seele Trauer trägt,
dann wünsch ich, dass sie den grünen Pfad begeht,
und lernt im Wipfelwispern, im Blätterrauschen
einer größ´ren Seele lauschen.


Waldgang


„Der Dichter ist ein Wanderer durch die Zeit,
 er hebt ein paar Gegenstände vom Wege auf,
 deren Nähe ihn berührt, die seinen Weg erst
 zur Reise machen; das, nicht mehr, ist Kunst.“

Adolf Muschg



Oft wird das kommende Neue von einem Buch begleitet. So war es auch dieses Mal für mich. Kurz vor der Abreise von dem kleinen Hof im österreichischen Waldviertel noch einmal ein Griff auf das Bücherbord, in dem die zu verschenkenden Bücher standen. Die Fahrt würde lang werden, und so war eine Reiselektüre erwünscht. Es war ein kleines Büchlein mit dem Titel „Literatur als Therapie? – Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare“ von Adolf Muschg, welches mir in die Hände fiel. Zuerst las ich, im Zugabteil sitzend, nur zögerlich darin, dann, je weiter ich kam, anteilnehmender. Zum Ende hin wurde ich immer hellhöriger, hieß es schließlich dort: „Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst – oder Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, daß Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.“ Bis das Buch an diesem Satz angelangt war, wurde unter anderem beschrieben das Unheilbare, welches der Dichter „nur“ beschreiben kann, denn Krankheit ist kein Fall für ein Individuum, sondern das kranke Individuum ein stellvertretender Ausdruck für eine erkrankte Gesellschaft.

Auch die Herkunft des Dichters aus dem schamanischen Handeln für die Gesellschaft wurde beschrieben, und vieles mehr. Dass es zudem noch die Ereignisse der Jahre anfangs der Achtziger anriss, „Zürich brennt“ sei hier nur ein Stichwort, einer Zeit also, wo auch ich Teil der „Jugendrevolte“ war und meinen langen Weg begann, machte es nur um so wertvoller für mich. Und: Da der Autor von seinem Werdegang als Dichter berichtete, also das Subjektive in den Schilderungen nicht ausblendete, war ich mit einem Male wieder bei meinem eigenen Werdegang, erinnerte ich mich meiner Jugend, als ich nichts anderes als „Dichter“ werden wollte, und schon als Sechszehnjähriger kaum anderes tat als Lesen oder selber Schreiben.

Doch im Unterschied  zu dem genannten Autor wollte mein Schicksal etwas anderes mit mir: Mit siebzehn Jahren wurde ich „der Welt“ endgültig überdrüssig und wollte °aufs Land“. Wollte das Leben unmittelbar und nicht aus zweiter (schreibender und geschriebener Hand) erleben. Da ich nun nicht gerade mit handwerklichen Gaben gesegnet war, entschloss ich mich, Gärtner zu lernen als Rüstzeug für späteres Landleben. Als ich dann eine Lehrstelle hatte, übereignete ich alles bis dahin von mir Geschriebene der Mülltonne, sehr zum Entsetzen eines Freundes, der meine Gedichte schätzte. Doch ich wollte das Leben in seiner Gänze und nicht nur als Papier, und ich entschloss mich erst wieder zu schreiben, wenn ich denn gelebt hätte, ergo, von etwas selbst Erlebten schreiben könnte. .

Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen. Mein Weg führte mich, wie gewünscht, aufs Land, dann wieder in die Stadt, dann an den Rand der Stadt in mein KleinHäuschen, bis ich schließlich auch dieses aufgeben musste und ich mich entschloss, mich in Fredelsloh, dem Töpferdorf am Rande des Sollings, nieder zu lassen.

Es gibt dort viel Wald, und es war gerade Anfang September. Pilzzeit. So lenkten mich meine Schritte immer wieder in den Wald, und während ich dort verweilte, zogen die Gedanken durch meine Seele, gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen an meine Kindheit, in welcher der Wald eine bedeutsame Rolle spielte; an meine Jugend, an meine ersten Gehversuche in Richtung Landleben und die Wiederkehr des Dichters in mir zogen während des geruhsamen Gehens und Sammelns an mir vorüber. So wurde aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein in sich verflochtenes Band.

Zum Forsthaus ist es gerademal eine halbe Wegstunde, und dahinter beginnt der Wald. Genauer beginnt er schon etwas vorher, doch da ist es noch kein richtiger Wald, sondern eine an Weiden endende Vorstufe dazu. Noch genauer ist es auch kein Wald, der dort beginnt, sondern ein Forst, ein Nutzholz lieferndes Baumanbaugebiet. Doch für mich Stadtflüchtling ist es Wald, nicht mehr und nicht weniger als das. Laut warnte der Eichelhäher, der Hüter des Waldes. Sein „rätsch  -  rätsch“ war weithin zu hören, und es bedeutete: „Es kommt ein Fremder“. In der Landschaft rund um meinen Garten am Rande der Stadt, aus der ich komme, warnte der Eichelhäher nicht mehr, sondern flog still vorbei, wenn ich erschien. Ich gehörte für ihn zum Inventar, zum friedlichen Inventar der Umgebung. Doch in diesem Wald war ich noch neu, und es war vor mir zu warnen.

Den mit Schotter befestigten Weg, der zum Forsthaus führt und daran vorbei, verließ ich nach kurzer Zeit. Es gehen weitere Waldpfade rechts und links ab, begrünt und verwunschen bewachsen. Hier kommt man nicht weit. Mal ist es das Auge, welches den Wanderer aufhält, zum Beispiel wenn das filigran ziselierte tief orangefarbene Gebilde einer Pilzkoralle auf einem Baumstumpf vor einem auftaucht. Davor stehe ich schauend wie gebannt. Dann ist es das Ohr, welches mich innehalten lässt: Ein kleiner Bach quert den Waldpfad, und er gluckst und plappert vor sich hin, dass ich ins Lauschen versinke. Schließlich ist es die Nase, die mich  zum Verweilen veranlasst. Bachminze ist als flüchtiges Aroma in der Luft zu spüren, oder ein süßer Anisduft von Pilzen, welche unsichtbar im Gewirr der jungen Fichten und Buchen leben.

So geriet das „Eigentliche“, die Pilzsuche, zur Nebensache. Außer man traf wieder auf einen wohlgestalteten Steinpilz, da hüpfte das Herz vor Sammlerfreude. Auch, wenn die Freude oft nur kurz währte, und sich das Fundstück als madendurchsetzt erwies.

Schließlich wurde auch der Waldpfad verlassen und die Wege verloren sich in den weichen Mooslandschaften zwischen den Stämmen. Das ist es doch: Solange durch die Forsteinsamkeit zu streifen, bis die Dinge ihre eigene Bedeutung bekommen. Dass in dem Augenblick, in dem der wie das Urbild „Pilz“ gewachsene Steinpilz auftaucht, die Wildgans über die Wipfel der Fichten streicht und mich ihren Rufen hinterher lauschen lässt, bis sich diese in der Ferne verlieren; das alles wird als ein geheimes Zeichen angenommen. Da öffnet sich dann eine Tür zum All-ein-sein, und eine Verbundenheit mit einer älteren Welt leuchtet auf. Da wird mir gewahr, dass neben den Lauten einiger kleiner Vögel, dem Bachgeriesel und den Rufen der über die Wipfel fliegenden Wildgans  -  Stille herrschte.

Das Licht der Spätsommersonne wurde gefiltert durch die Baumkronen, zwischen den Stämmen kamen Lichtstrahlen und Schleier an, welche einen Zauber in die Gegenwart trugen und das Grün des Waldbodens vergoldeten. Zwischen diesem sanft illuminierten Grün und Gold war der Moosboden farbig gesprenkelt mit Täublingen und Stäublingen, mit Rotfußröhrlingen, Goldröhrlingen, Amethystträuschlingen, Fichtenreizkern, Trichterlingen und einer vielgestaltigen Zugabe von Märchengeschöpfen. Auch die „Männlein im Walde“, die mit dem knatscheroten Hut und den weißen Tupfen, waren hier zuhause und zeigten das nahende Ende des Sommers an. Dann das ungewohnte gelblichweiße Leuchten der Anisegerlinge, den schiefknolligen,  im Forst. Manchmal bildeten diese große Hexenringe, luden zum Tanze darin ein, und wenn die Wärme stieg zwischen den Stämmen, dann war ihr Duft weit spürbar, ein süßlicher Geruch, nicht einmal unangenehm aus der Ferne, mit jener Spur Anis.

Unwirklich. So fühlte es sich an, in diesen Kreis einzutreten. Ein Schritt, und schon war man umgeben von den gelblichweißen Hutzelwesen, die in ihrer Art ja auch des Hexenwesens verdächtig sind, kommen sie doch über Nacht und vergehen fast genauso schnell wieder.

Ich spüre es, wenn mich der Wald umfängt und einnimmt, wenn mich die Innenseite der Welt einlässt. Die Außenseite ist besetztes Land, ist Asphaltband quer durch die Seelenlandschaft, auf dem sich laute Fahrzeuge bewegen, von „Explosionsmotoren“ vorangetrieben. Hart ist die Straße der Außenseite den Füßen, und harte Sohlen werden benötigt, sich dort zu bewegen, wenn man sich auf das Gehen auf eigenen Füßen beruft.

Trostlos und ganz Außenseite wurde der Forst da, wo die Motorsägentruppen und die großen Maschinen gewütet hatten, ein Schlachtfeld hinterlassend, tiefe Fahrspuren, wie von gepanzerten Kettenfahrzeugen. Wahllos kreuz und quer liegende größere Zweige und Äste, ganze Baumkronen, unbrauchbar als verwertbares Holz. Hier wurde sie sichtbar, die erobernde Außenwelt, auch wenn mit geschlossenen Augen die Landschaft nach Fichtenharz duftete. Das stete Motorenrauschen einer nahen Straße, in deren Nähe mich die Wege führten,  komplettierte das Arrangement der Trauer und Zerstörung. Es herrschte sicht- und hörbar die Ökonomie. Eine Ökonomie des schnellen Verbrauches.

Meine offene Wunde wurde für mich darin spürbar, darin, dass mir das alles sehr nahe ging, der Anblick der totenbleichen frischen Sägeflächen der Baumstümpfe, der Anblick der großen Äste, die Gerippen gleich den Waldboden bedeckten. Dann wurde ich unmittelbar in den Schmerz hineingestellt, einem Schmerz, der den Gedanken formen ließ: „Ich kann diese Erde nicht beschützen, zu klein bin ich da.“ Unteilbar als Mensch und doch Teil einer in ein düsteres Irren geratenen Menschheit.

Mein Menschsein ist hier heimisch und gehört dazu, ist wie die gefällten Bäume, wie der von den großen Rädern gemarterte Waldboden. Zwar weiß ich, dass es hier noch „zivilisiert“ zugeht, dass anderswo die Maschinen und die Verwüstungen größer, riesenhafter, sind. Ganze Flächen Waldes werden unwiederbringlich zerstört, anderswo. Doch hier sprach mich diese Verwüstung unmittelbar an, war sie für mich unübersehbar, greifbar, riechbar.

Ich vermag nicht zu „retten“, bin ich doch Teil des „zu Rettenden“ in so vielen Aspekten meines Seins. Ich habe mich auf die Seite der Wehrlosigkeit der Natur gestellt, das ist meine Kompromisslosigkeit. Meine Kraft, hier zu verweilen, entspringt meinem Dichten, meinem Schauen, meinem Gesang.

Das heißt nicht, hier einfach untätig zu bleiben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Bin ich doch als Seiender und Handelnder „Mitläufer“. Es heißt, sich für das Erfahrene, das Geliebte einzusetzen. Dort zu wirken, wo ich beginne, Wurzeln zu schlagen oder dort, wo ich schon verwurzelt bin. Die zerstörerischen Tendenzen dieser Zivilisation nicht einzulassen in das tägliche Tun, sowie auch in dem Maße diesen Tendenzen entgegen zu wirken, soweit es möglich ist, und soweit es die mir gegebene Zeit zulässt. Das „einfache“ Leben sucht sich den ganzen Menschen, und das Einwirken in die „Materie“ von Hand, mit der Behutsamkeit, welche nur die Behandlung der Dinge diesen geben kann, das Begreifen der Dinge mit der Sensibilität der Fingerkuppen und Handflächen, all das hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

In wie vielen Internetforen und auf wie vielen Demonstrationen tummeln sich wieder die politisch Allwissenden jeder Couleur. So viele Ausschließlichkeitsansprüche lassen sich gar nicht bedienen, wie dort postuliert werden. Doch ich weiß nicht, wohin es mit der Menschheit, der „Welt“ und der Zivilisation hingehen sollte. Die Vielfalt der möglichen Zukünfte ist unendlich. Nur für mich und für das, was mir gut tut, vermag ich zu sprechen. Dafür stehe ich ein, und das fasse ich so weit, wie es mir möglich ist. Zum Beispiel ist es mir ein Bedürfnis, in Gemeinschaft zu leben. Sowohl im engeren Sinne als Hausgemeinschaft, als auch im weiteren Sinne in einer Gemeinschaft in Dorf und Region.

Wenn ich mich der Landschaft hingebe, dem Haus, dem Garten, der Gemeinschaft, in der ich lebe, der engeren Gemeinschaft im Hof und der weiteren Gemeinschaft des Dorfes, wenn ich mich dort engagiere, dann bekommt politisches Handeln ganz von selbst eine andere Dimension, jenseits der Statistiken und der politischen Maximen. Schaue ich hin, was mit den großen Entwürfen der Menschheitsgestaltung und  Menschheitsbeglückung geschehen ist, den internationalen, nationalen, „sozialen“, Kultur- und anderen Revolutionen, so sehe ich: Immer endete es mit Guillotinen, Massakern, Gulags, Konzentrationslagern. Und immer waren es Menschen, ähnliche Menschen wie ich, die dort geköpft, erschossen, vergast wurden oder in den Verließen verrotteten. Nicht zuletzt in unserem Lande fand vor gar nicht so langer Zeit ein großer Versuch statt, mittels der Ausgrenzung und Vernichtung von „krank“ empfundenen „heil“ zu werden als großes Ganzes, in diesem Falle als Volkskörper. Wie viele riefen „Heil!“ oder sogar „Sieg heil!“ und es war ihnen egal, dass ihnen auf dem Wege in dieses Heil das Mitgefühl für die Geschöpfe abhandenkam. Da gefallen mir die Sätze von Adolf Muschg weitaus besser, dort, wo er schreibt, dass es etwas individuell Unheilbares gibt, welches angenommen werden möchte, da es der Heillosigkeit des gegenwärtigen Zustandes der Zivilisation und der Erde entspricht. Das heißt nicht, in der Untätigkeit zu verharren, wie schon gesagt.

Es gibt überall genug zu tun. Welches von dem, was getan werden muss und darf, meinem Wesen entspricht, wird sich zeigen. Noch bin ich im Stadium des Ankommenden und Anklopfenden und habe mich verhalten zu zeigen. Noch beginnen die Menschen und Wesen hier, mich kennen zu lernen, und ich sie; und noch warnt der Eichelhäher, wenn ich in „sein“ Revier trete. Zu Recht, denn noch bin ich fremd. Doch ein Anfang ist gemacht, so wie ich mit einigen Menschen im Ort gesprochen habe, so wie ich oberhalb des Dorfes beglückt eine Fläche entdecken durfte, auf welcher Enzianblüten tiefblau aus dem Grün der Gräser schauten, so wie ich mit dem Sammeln der Pilze und Früchte der Landschaft beginne, damit beginne, mir die Landschaft, fast wörtlich genommen, einzuverleiben. So werde ich hier mehr und mehr ansässig.

Ich glaube nicht, dass die „meisten“ Menschen  in der Art zu leben vermögen, oder diese gar mögen, die ich lebe. Sie würden es als Verzicht empfinden, da sie die Habenseite nicht kennen. Zu weit lebe ich mit einem Teil von mir „draußen“, und es war kein leichter und fröhlicher Prozess, die Türen dorthin zu öffnen, eine um die andere. Durch jede dieser sich öffnenden Seelentüren kam Empfindung herein, Schmerz, Leid, Trauer  -  all das wollte angenommen werden, genauso wie die angebliche Langeweile der Tätigkeiten, ihre Reizlosigkeit, verglichen mit dem, was die Unterhaltungsindustrie an Nervenkitzel bietet. Das stille Glück lässt sich nicht kaufen, es lässt sich auch nicht als „Kick“ am Ende eines Marathonlaufes erhaschen. Es kommt auf leisen Sohlen, und unvermittelt, beim Lauschen des Schreies der Wildgans, während Staubteilchen und kleine Insekten in den Lichtstrahlen zwischen den Stämmen tanzen, ist es da. Unteilbar in der webenden Welt. Gegenwart.

Ich selber muss auf dem Lande leben, um mich wohl zu fühlen. Ich habe es mit der Urbanität versucht, sie macht mich krank. Sie beeinträchtigt mein körperliches Empfinden in einer Art und Weise, die einer seelischen Lähmung gleichkommt. Zu viel ist es, was dort auf mich einstürmt, zu weit offen meine Seele, als dass sie das alles verarbeiten könne. Ich brauche die Stille der Wälder. Es ist ganz einfach: Ich bin dem Stadtbeat nicht gewachsen. Nicht dafür gewachsen. Also muss, kann und darf ich hier wirken. Ein jede, ein jeder hat dort zu wirken, wo sie oder er lebt, dort ist in die Polis hineinzuwirken. Meine Entscheidung für das Landleben enthält keine Wertung des urbanen Lebens. Ich möchte das eine gegen das andere nicht ausspielen. Bei so vielen Menschen, die diesen Planeten bevölkern, ist eine gewisse Urbanität unumgänglich. Die Frage ist, wie wir sie gestalten, und wie wir den Flow von Stadt zu Land und umgekehrt hinbekommen. Vernetzung statt Abgrenzung und Kampf. Es ist wie mit allem: Die Schlüssel heißen Kommunikation, Austausch, Vernetzung.

Immer noch bewegte ich mich durch die Buchen- und Fichtenräume, atmete den Duft des Fichtenharzes und der Moose ein, lenkte den Blick auf den Waldboden, nicht vergessend, dass ich trotz allem hier war, um Pilze zu sammeln. Die meisten Steinpilze waren groß und am vermodern, hier kam der Sammler eine Zeit zu spät, um zu ernten; und auf den Baumstümpfen tauchten Sparrige Schüpplinge auf, Hallimasch und Stockschwämmchen, als Zeichen, dass sich die Jahreszeit wandelt und eine andere Saison beginnt. Es begann sich eine leise Melancholie in das Erleben zu mischen, eine nicht unangenehme mahnende Abschiedsstimmung. Vielleicht trug diese dazu bei, neben den Gedanken an das Gelesene in dem kleinen Büchlein von Adolf Muschg, dass meine Gedanken „endzeitlicher“ gestimmt waren. Um das Leid der Erde lindern zu helfen, muss ich erst einmal auf ihr ankommen. Muss mich einfügen in ihre Rhythmen, in den Kreis ihrer Wesen, in ihren Kreis des Werdens und Vergehens. Muss ich mit den Wesen leiden, denn nichts anderes heißt „Mit-Leid“: Die Stimmung der Zeit erspüren, auch die Schwingungen der Zerstörung, welche unsere menschliche Zivilisation anrichtet, und welche die Pflanzen und Tiere und all das, was in der „Umwelt“ lebendig ist, sehr wohl erfühlen. Solange ich mich dem verschließe, mich dagegen panzere, bin ich noch außerhalb des lebendigen Kreises.

Dieses „Mit-Leid“ ist auf eine Art unheilbar. Es gehört in dieser Zeit zum lebendig sein dazu. Wer meint, er oder sie hätte hier eine fröhlichere Botschaft verdient vom Dichter, oder eine frohe Botschaft gar, der oder die weiß noch nichts von der Innenseite der Welt, dem einfachen Genügen in der Gegenwart, dem stillen Glück aller Geschöpfe der Erde, die „nicht säen und nicht ernten“. Auch dieses stille Glück ist unteilbar und unheilbar.


Sonntag, 31. März 2019

Ein Wandervogel in Fredelsloh



„Fredelsloh ist vor allem ein Außeneindruck. Steht man auf der letzten Weperhöhe und sieht das Dorf im ersten Schnee zusammengekauert zu seinen Füßen, so scheint der mächtige Kirchenleib mit den schweren Türmen wie ein ruhender Löwe dahingestreckt vor seinem Hügel zu wachen. Bursfelde ist in Buntsandstein gebaut, Fredelsloh in sorgfältigen Quadern. Durch Umbauten ist der Eindruck im Innern sehr erschwert. Aber das Querschiff und die aus dieser Breite mit einem Blick zusammengefaßten drei Apsidenrundungen, alles in strenger, herber Ziellosigkeit, das bleibt ein mächtiger Raumeindruck trotz des quälenden, großen Barockaltars. Ein Taufstein ist erhalten, rund mit kräftiger, sechseckiger Einfassung, einfach und gut“.

Aus: Frank Fischer „Romanische Kirchen in Südhannover“, Wandervogel e. V., Fahrtenblatt des Gaues Niedersachsen, 1914, Heft 1, gefunden in: „Wandern und Schauen“, gesammelte Aufsätze von Frank Fischer, für die deutschen Wandervögel herausgegeben von Fr. Brauns und W. Liebenow, Göttingen 1918

„Frank Fischer, ein geborener Balte, ist hervorgegangen aus dem früheren `Wandervogel e. V. zu Steglitz“. Seit den ersten Gründungswochen im Jahre 1904 hat er ihm angehört und als Führer und Schriftleiter des `Nachrichtenblattes` großen Einfluß auf die Gestaltung des Bundes ausgeübt. Nach der Steglitzer Zeit kam Fischer 1909 zum Abschluss seiner Studien nach Göttingen. Bald fand er auch hier den Anschluß an den Wandervogel“ (Aus: „Wandern und Schauen“)

Frank Fischer war kein Freund des lärmenden Hurrapatriotismus, so schreibt er unter anderem 1909 im „Nachrichtenblatt des Wandervogels“: „Der Gewinn, den wir schaffen, ist auf lange Zeit unscheinbar, und auch da, wo er als echter Gewinn der Seele heller leuchtet, läßt er sich eben nicht mit raschem Griff für vorgefaßte Ziele verwerten. Vor allem spröde ist, was im Wandern gelernt wird, gegen den `Patriotismus`, der gerade in diesen Tagen durch vergleichende Ermahnung von vielen Seiten erweckt werden soll.  . . .  So kommen für uns keine Vorträge und Schlachtfeldbesichtigungen in Frage, alle die von außen und äußerlich eingreifenden Versuche, Geschichtslehren oder gar Gesinnungen und Instinkte, zum Beispiel die des primitiven Raubtieres, einzuimpfen.“ (Aus dem Aufsatz „Unser Wandern“, Steglitz 1909, gefunden ebenda)

Trotzdem meldete sich Fischer beim Ausbruch des 1. Weltkrieges als Freiwilliger, um schon nach kurzer Zeit am 10. November 1914 beim Sturm auf Langemarck den Tod zu finden.

Sonntag, 17. März 2019

Sonniger Sonntag im Vorfrühling





Sonniger Sonntag im Vorfrühling

Auf dem kleinen Stücklein Nachbars Wiese hinterm Haus,
dies Flecklein grün, da blühn gelb und bunt Kroküsschen,
und ich spitze meinen Wundermund und atme aus
und pfeif´ und sing und brabble ein paar Stüsschen.

An den Haselsträuchern baumeln schon die Kätzchen rum,
und auch mir ist tatenarm gedankenlos nach Hängen,
nach Ausdehnen in der Wärme, und es treibt mich um,
dass es die Männerblüten sind. Ich kann es nicht verdrängen.

Die Frauen, scheinbar unscheinbar, verstecken sich als rote Narben
im Astgewirr, ich muss schon genauer schauen, sie zu entdecken.
Doch einmal gefunden, ist das Rot so kussmundfarben,

und ich passiv und windbestäubend möchte sie erwecken,
um mich an das hinzugeben, was da gerade ist, beziehungsweise
das hinzunehmen, dieses Sein. „Selig, selig“, sag ich weise leise.