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Samstag, 2. November 2024

Meister Eckhart: Von der Armut (im Geiste)

 



Novemberzeit - Lesezeit, da darf es an langen dunklen Abenden gerne etwas tiefsinniger und grüblerischer sein, denn Zeit für Tiefsinn und Grübelei ist ja genügend. So empfehle ich heute zum Tiefsinnieren und Grübeln die Predigt Von der Armut (im Geiste) von Meister Eckhart (1260 - 1328), hier in der Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Gustav Landauer. Diese Predigt ist für mein Empfingen einer der „taostischsten“ Texte der mystischen christlichen Literatur. Auch wenn mir einige Begrifflichkeiten fremd sind, finde ich hier doch vieles, was mich berührt und nachdenklich macht.

Von der Armut. 

Die Seligkeit tat ihren Mund der Weisheit auf und sprach: „Selig sind die Armen des Geistes, das Himmelreich ist ihrer." Alle Engel und alle Heiligen und alles was je geboren ward, muss schweigen, wenn diese ewige Weisheit des Vaters spricht; denn alle Weisheit der Engel und aller Kreaturen ist lauter nichts vor der Weisheit Gottes, die grundlos ist. Diese Weisheit hat gesagt, dass die Armen selig seien. Nun gibt es zweierlei Armut. Die eine ist eine äußerliche Armut und die ist gut und ist sehr an dem Menschen zu loben, der es mit Willen tut unserm Herrn Jesus Christus zulieb, weil er sie selber auf Erden geübt hat. Von dieser Armut will ich nichts weiter sagen. Aber es gibt noch eine andere Armut, eine inwendige Armut, von der dies Wort unseres Herrn zu verstehn ist, das er sagt: „Selig sind die Armen des Geistes oder an Geist."

Nun bitte ich euch, ihr möchtet so sein, dass ihr diese Rede versteht, denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, wenn ihr der Wahrheit, von der wir jetzt reden, nicht gewachsen seid, so könnt ihr mich nicht verstehen. Etliche Leute haben mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir antworten. 

 Bischof Albrecht sagt, der sei ein armer Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht Genüge tun, und das ist gut gesagt. Aber wir sagen es noch besser und nehmen Armut in einem höheren Sinne. Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. Von diesen drei Punkten will ich sprechen. 

Zum ersten also heißt der ein armer Mensch, der nichts will. Diesen Sinn verstehn etliche Leute nicht recht; das sind die Leute, die peinlich an Pönitenzien und äußerlichen Bußübungen festhalten (dass die Leute in großem Ansehen stehen, das erbarme Gott!) und sie erkennen doch so wenig von der göttlichen Wahrheit. Diese Menschen heißen heilig nach dem äußern Ansehen, aber von innen sind sie Esel, denn sie verstehen es nicht, die göttliche Wahrheit zu unterscheiden. Diese Menschen sagen, der sei ein armer Mensch, der nichts will. Das deuten sie so, der Mensch solle so sein, dass er an keinen Dingen seinen Willen mehr erfülle, vielmehr danach trachten solle, dem allerliebsten Willen Gottes zu folgen. Diese Menschen sind nicht übel daran, denn ihre Absicht ist gut; darum sollen wir sie loben; Gott und seine Barmherzigkeit erhalte sie. Aber ich sage mit guter Wahrheit, dass sie keine armen Menschen und nicht armen Menschen gleichzustellen sind. Sie sind in der Leute Augen groß geachtet, die sich auf nichts Besseres verstehen. Doch sage ich, dass sie Esel sind, die von göttlicher Wahrheit nichts verstehn. Mit ihren guten Absichten können sie vielleicht das Himmelreich erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt künden will, von der wissen sie nichts. 

Wenn mich nun einer fragt, was denn ein armer Mensch sei, der nichts will, so antworte ich und spreche so. Solange der Mensch das hat, was in seinem Willen ist, und solange sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der Mensch hat nicht die Armut, von der wir sprechen wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genug tun will, und das ist nicht das rechte. Denn will der Mensch wirklich arm sein, so soll er seines geschaffenen Willens so entledigt sein, wie er war als er nicht war. Und ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen und irgend nach der Ewigkeit und nach Gott begehret, so lange seid ihr nicht richtig arm; denn das ist ein armer Mensch der nichts will und nichts erkennt und nichts begehrt. 

Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkenner meiner selbst nach göttlicher Wahrheit; da wollte ich mich selbst und wollte kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge. Aber als ich aus meinem freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr geschaffenes Wesen anfingen, da war Gott nicht in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott. Nun sagen wir, dass Gott danach dass er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der Kreatur ist und nicht so große Fülle, als die geringste Kreatur in Gott hat. Und gäbe es das, dass eine Fliege Vernunft hätte und vernünftig den ewigen Abgrund göttlichen Wesens, aus dem sie gekommen ist, suchen könnte, so sagen wir, dass Gott mit alledem, was Gott ist, die Fliege nicht ausfüllen und ihr nicht genug tun könnte. Deshalb bitten wir darum, dass wir Gottes entledigt werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaft werden, wo die obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und wollte was ich war, und war was ich wollte. So soll der Mensch arm sein des Willens und so wenig wollen und begehren wie er wollte und begehrte, als er nicht war. Und in dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will.

Zum zweiten ist der ein armer Mensch, der nichts weiß. Wir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte so leben als ob er nicht lebte, weder sich selbst noch der Wahrheit noch Gott. Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner sagen, dass der Mensch, der diese Armut haben soll, alles haben soll, was er war als er nicht lebte, in keiner Weise lebte, weder sich, noch der Wahrheit, noch Gott, er soll vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen Gottes in ihm lebendig ist; denn als der Mensch in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm nichts anderes: was da lebte, das war er selbst. Daher sagen wir, dass der Mensch so seines eigenen Wissens entledigt sein soll, wie er war als er nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, und frei dastehe, als wie er von Gott kam. 

Nun ist die Frage, wovon allermeist die Seelheit abhänge? Etliche Meister haben gesagt, es komme auf das Begehren an. Andere sagen, es komme auf Erkenntnis und auf Begehren an. Aber wir sagen, sie hänge nicht von der Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas hat weder vor noch nach und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und dann kann der Mensch Armut sein eigen nennen. Die Meister sagen, Gott sei Wesen und zwar ein vernünftiges Wesen und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder Wesen, noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge. Wer nun des Geistes arm sein will, der muss alles seinen eigenen Wissens arm sein, als einer, der nichts weiß und kein Ding, weder Gott, noch Kreatur, noch sich selbst. Dagegen ist es nicht so, dass der Mensch begehren solle, den Weg Gottes zu wissen oder zu erkennen. In der Weise, wie ich gesagt habe, kann der Mensch arm sein seines eigenen Wissens. 

Zum dritten ist der ein armer Mensch, der nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das sei Vollkommenheit, dass man nichts von den leiblichen Dingen dieser Erde hat, und das ist in einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer es mit Willen tut. Aber dies ist nicht der Sinn, den ich meine. Ich habe vorhin gesagt, der sei ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so entledigt sei, wie er war als er nicht war. Von dieser Armut sagen wir, dass sie die ursprünglichste Armut sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, der die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. Wer so des Wissens und Erkennens ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offenbarste Armut. Aber die dritte Armut, von der ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich das der Mensch nichts hat. 

Nun gebt ernstlich acht; ich habe oft gesagt, und es sagen es auch große Meister, der Mensch solle aller Dinge und aller Werke, sowohl innerlich wie äußerlich, so entledigt sein, dass er eine Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken könne. Jetzt aber künden wir es anders. Steht die Sache so, dass der Mensch aller Dinge ledig steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, und ist es noch so in ihm bestellt, dass Gott eine Stätte in ihm zu wirken findet, so sagen wir: solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der tiefsten Armut, denn Gott ist nicht der Meinung mit seinen Werken, der Mensch solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken könne, sondern das ist eine Armut des Geistes, dass der Mensch Gottes und aller seiner Werke so ledig steht, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den Menschen so arm, so ist Gott sein eigenes Werk empfangend und ist eine Eigenstätte seiner Werke damit, dass Gott ein Wirken in sich selbst ist. Allhier erlangt der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll. 

Daher sagen wir, dass der Mensch arm dastehen soll, dass er kein Raum sein und keinen haben soll, worin Gott wirken könne. Wenn der Mensch einen Raum behält, dann behält er Unterschiedenheit. Darum bitte ich Gott, dass er mich Gottes quitt mache, denn unwesenhaftes Wesen und Sein ohne Dasein ist über Gott und über Unterschiedenheit; da war ich selbst, da wollte ich mich selbst und erkannte mich selbst diesen Menschen machend, und darum bin ich Ursache meiner selbst nach meinem Wesen, das ewig ist, und nach meinem Wesen, das zeitlich ist. Und darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das soll sterben und soll zunichte werden, denn es ist des Tages; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen. Ein großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist da. Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig stehn es Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zu teil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, dass er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann. 

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gewachsen ist, so lange wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig empfinden, das walte Gott. Amen.

Aus: Verschollene Meister der Literatur - Meister Eckharts mystische Schriften, in unsere Sprache übersetzt von Gustav Landauer, Karl Schnabel (Axel Junckers Buchhandlung), Berlin 1903

Gustav Landauer, geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe; ermordet am 2. Mai 1919 in München-Stadelheim, Schriftsteller, Übersetzer, Anarchist, sein wichtigster Einfluss war Peter Kropotkin.

Als Pazifist kritisierte er den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik vom 7. bis zum 13. April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten in der Haft ermordet.

Hier der link zum gesamten Text des Buches: Meister Eckhart - Mystische Schriften

Montag, 4. September 2023

Tao Yuanming: Die Chrysanthemen

 



Zum Thema Chinesische Dichtung übersetzt:

Ich habe hier zum Vergleich vier Übersetzungen verschiedener Übersetzer eines Gedichtes von Tao Yuanming (365 - 427), die erste ist von Richard Wilhelm. Ich finde es interessant, wie sich das gleiche Gedicht so andersartig übersetzen lässt. Nun bin ich kein Sinologe und kann nicht beurteilen, welches der vier dem Original am Nächsten kommt. 


Die Chrysanthemen


In später Pracht erblühn die Chrysanthemen,
Ich pflücke sie, vom Perlentau benetzt.
Um ihre Reinheit in mich aufzunehmen,
Hab einsam ich zum Wein mich hingesetzt.
Die Sonne sinkt, die Tiere gehn zur Ruhe,
Die Vögel sammeln sich im stillen Wald. –
Fern liegt die Welt mit ihrer Unrast Kummer,
Das Leben fand ich, wo der Wahn verhallt.

Übersetzung. Richard Wilhelm (1873 - 1930)


Ich pflücke still am Ostzaun Chrysanthemen,
Seh nach dem Südberg am entlegenem Ort.
Des Berges Hauch so schön im Abendlicht;
In Scharen ziehn die Vögel heimwärts fort.
Und in dem allen liegt ein tiefer Sinn.
Ich will ihn sagen - und vergaß das Wort.

Übersetzung: Günther Debon (1921 - 2005)



Beim Weintrinken, fünftes Gedicht

Meine Hütte steht in bewohntem Gebiet,
und doch herrscht kein Lärm von Wagen und Pferden.
Du fragst, wie mir dies möglich sei?
Einem Herzen, das fern ist, wird still auch die Welt.
Chrysanthemen pflücke ich am östlichen Zaun
und schaue voll Frieden zu den südlichen Bergen.
Klar schimmern die Berge im Abendlicht,
in Paaren kehren die Vögel zurück.
Eine tiefe Wahrheit ist hierin enthalten,
sie auszusprechen, versagen mir die Worte.

Übersetzung: Árpád Romándy



Mitten im Treiben der Menschen baute ich mein Haus,
Doch ertönt hier kein Lärm von Wagen und Pferd.
Wie kann dies sein, so magst du fragen –
Hat das Herz sich entfernt, folgt der Ort ihm nach.
Am Zaun im Osten pflücke ich Chrysanthemen
Und blicke in Muße auf den Gipfel im Süden.
Rein ist die Bergluft bei Sonnenuntergang;
Die Vögel kehren heim in Scharen.
In all dem verbirgt sich so viel Sinn – 
Will ich’s erklären, fehlen mir die Worte.

Aus: Karl-Heinz Pohl; Rückzug in den Garten oder die Liebe zu den Chrysanthemen - Der Dichter Tao Yuanming


Das Bild zeigt Porträt von Tao Qian (Tao Yuanming), gemalt von Chen Hongshou (1599–1652)

Sonntag, 21. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (II)

 



Der zweite Teil des Zyklus, eine eher prosaische und philosophische Abhandlung seines Verhältnisses zu Gott, „Gott ist durch kein Gleichnis zu erjagen, weil Gott kein metaphysisches Wild ist“, schreibt er. Einiges davon erinnert mich an Texte von Laotse und von Meister Eckhardt, und auch an einiges, das ich selber mir zusammen reimte, doch bei ihm mit einem größeren pessimistischen Einschlag. Dieser ist wohl dem Erleben des ersten Weltkrieges zu schulden, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade einmal ein halbes Jahr vorbei war. Das Foto von ihm ist von dem Fotografen Anton Josef Trčka (1893 - 1940), es zeigt den Dichter im Jahre 1914.


LEBEN: Werden Entleiden Sein.

Wort und Werk werden, entleiden, sind.

Die Ahnung meiner Seele in der verhüllten Zeit vor neunzehnhundertvierzehn - was aber mein Gehirn damals kaum begriff - ist durch das Erlebnis des Krieges tiefste Erkenntnis geworden:

dass die Erde totgeborenes ist.

Da ist Tod nicht zu fürchten; fürchte dich nicht vor Leid, Liebe und Verrat.

Denn diese Erde ist nicht die Gefahrzone im Weltall und dieses All ist chaotisches Sterben in sich.

Von unwissenden Beherrschern, die, beschränkt von der Vorstellung ihrer Weltgesetze, irdische Frucht erschufen, wird die Erde methodisch geordnet. Diese Weltorganisatoren, Moralfeldherren, Staatsphilosophen und Religionsstifter sind keine Nihilisten, weil ich das Nein bejahen muss und das Bewusstsein des Absolut – Absoluten jenseits der Welt, Gott, habe, das einzige Menschliche, die Demut, die ihnen nie werden kann.

Dieses ist mein Wesen: Verkommenheit. Welt - Zeit - verkommen - sein. Ich rechne nicht mit Zeit und Welt. Ich verzichte auf Bild und Gleichnis. Denn ich verzichte auf Gefolgschaft. Ich verzichte auf Jünger, die mich verstehen und deuten könnten. Und mein Leben bejahen, hieße Gott verneinen.

Ich bin das Bleibende im Strom, der nicht ist, weil ich Gott weiß.

Totgeborene Erde muss versagen: Nichts ist Alles ist Nichts.

Sünde ausgelöscht! Gut und Teufel, Tun und Lassen ausgetilgt! Sehnsucht erfüllt!

Was könnte foltern, erschüttern, quälen: Erde! Was feig machen und mutverzerren! Erde.

Kein Tor zur Hölle, keine Pforte in den Himmel, ich gestehe: es gibt keine Welt.



Leben: Werden Entleiden Sein

Wahrheit ist bildlos Gott. Gott ist. 1 = 1: das ist Alles. 1 = 2: warum nicht. Geschrieben, gesprochen, gehört. Ja und Nein. Und Nein. Wir denken, wir denken irdisch.

Gott ist durch kein Gleichnis zu erjagen, weil Gott kein metaphysisches Wild ist, das vom Pfeil des durch durchdringenden Wortegehirnes getroffen werden könnte.

Ist in kein Sinnbild zu kleiden wie die Gliederpuppe Mensch. Verflucht!

Ist sinnbild: bild - und sinnlos. Sein heiliger Sinn: Vereinigung der Welt, der Zeit. Vereinigung des Lebens in Welt und Zeit. Gott ist Sein. Sein ist das Sein.

Ich hüte mich, mehr zu verraten von meiner Heiterkeit.



Wirklichkeit geschieht. Geschehen stirbt wirklich. Welt, Zeit; Leben in Welt und Zeit. Stein wird zu Sand, Sand vielleicht Stein: Stein Sand. Es wächst, es fließt, es stirbt. Ding bleibt Ding, solang es stirbt.

Leben Kraft Trieb; ein Gehirn wird Vorstellung. Ein Gehirn denkt. Ich wende nichts ein. Aber Gott lasse man aus dem Spiel. Denn Wirklichkeit ruht - und - tanzt, ruht nicht. Zum Teufel die Moral! sie ist nicht Sprache geworden: es ist gleich 1:1, wenn es sein muss, eins ist nicht zwei, wenn es nicht sein muss; dies ist der Erde klar. Braucht die Erde Gott? Was braucht die Erde Gott!

Wer spricht von Zusammenhängen? Ich dichte. Und werde mich hüten, mehr zu sagen. -

Und ich betrete die Erde wieder, dass ich Boden unter den Füßen habe. Ich komme zurück mit der großen Erfahrung meiner bildlosen Gesichte, des Gottwissens. Ich bin da als Wille des Dichters, des Dichters, der weiß. Und mir ward die Dreieinigkeit des Wortes: Die Sprache des Künstlers; mir ist die Ehrlichkeit des Weltverkommenen, die Unabhängigkeit des Wissenden. Der Arbeit Können und Wollen. Sendung: die Macht des Dichters. Und Bewusstsein trotz der Sendung. Gestaltungstrieb.


Mit meinem Gottwissen bin ich da, ein dichtender Mensch. Ich bin nicht anders, ich kann nicht anders: ich muss sein, was ich kann. Die Bedingung meiner Form. Meine Art bedingt mein Charakter. Und doch und deshalb: Futurus sum bis ans Ende. Undenkbar  -

undenkbar ist das Was, es ist nicht darzutun. Der Rest ist Arbeit Der Rest ist das Wort. Aber: Bild und Gleichnis versagen, sogar der Punkt. Er ist Raum, er ist Vorstellung. Und ruf ich die Fläche, ist sie gleicher Stoff wie der Punkt. Die Linie muss verglimmen, wenn ich sie ansehe.

Ich dichte!

Ist größere Tragik auf Erden!

Ist solche Tragik jenseits der Welt?

O Wahrheit, denn die Wahrheit ist bildlos wie Gott.

1 = 1.



Jenseits der Schönheit. Schönheit, der Sinn, der den Sinnen entspringt, die da sind, Dasein, um nicht irre gehend zu leiten. Also Entwertung der wertlosen Werte, der totgeborenen. Schlacke, die Schlacke ist von Anbeginn zu Anbeginn. Was ist der Rest: eben Alles: Nichts.

Ich werde mich hüten, mehr zu sagen. Meine mutige Unabhängigkeit bis an die Grenzen. . . die Grenzen. Also endet meine Wahrhaftigkeit, meine Ehrlichkeit: ich leugne es nicht. Ich bekenne. Gott.

Ich hüte mich Nichts zu sagen. Alles bleibt: Schönheit - Krätze. Das ist da, Dasein, das nicht ist.

Kein Rückzug. Wenn ich sie von meiner Flucht reden höre, antworte ich:

Totgeboren und nicht wissend die Erde der Schönheit! Alles lebt in der Welt. Es ist leicht hier zu tanzen. Mitten im Kriege wissend zu tanzen. Über und unter wölbt sich der Weltraum: Warum nicht tanzen!

     -  Meerengen von Fischerbooten torpediert; Untersee von Langmut destilliert;      Riesenerze Malachit und Hydroxyt schmelzen im Tumult der These: Branntwein nistet in der Teuerung; Rosenernte hämmert in die Stellung aller Offensiven und am Knotenpunkt der Erde lagert Munition. -

Will man noch zwingendere Sprache? Brauch ich Verstärkung gegen das Frachtstück im Kampf um den Tanz auf Erden!
Ich heiße Sonka, der Dichter von Mund zu Mund.

Die Menschen sehen mich und hören meine Stimme,

sie lesen dieses Nihilisten Manifeste, sie sehen dieses Mathematikers Skelette, warum fragen sie (denn sie fragen): Wer ist Sonka? Wo, was?

Es ist nicht Flucht, wenn ich die Äpfel dieses Sommers zähle, die Äpfel, die im Herbst von einem Raubtier zermalmt, gefressen, vernichtet werden. Auch ich bin gefräßig. Und mäste mein Aas.




Dieses kleine Selbstgespräch mit Gott, eher Prosa, eingebettet in einen lyrischen Zyklus, weckt bei mir Erinnerungen an Gelesenes und Geschriebenes. Zum einen an den Tao Te King, wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1873 - 1930) von 1910, wo der erste Abschnitt heißt:

Der Sinn, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde,
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Doch auch an Meister Eckhardt (1260 - 1328) der unter anderem schrieb:

"Als ich in meinem ersten Ursprung stand, da hatte ich keinen Gott, und da war ich Ursprung meiner selbst. Da wollte ich nichts. Dort verlangte ich nach nichts, denn ich war abgelöst von ihm und ein Erkennender meiner selbst im Genuss der Wahrheit. Da wollte ich mich selbst und sonst nichts. Was ich wollte, das war ich. Was ich war, das wollte ich. Und hier stand ich, abgelöst von Gott und allen Dingen. Aber als ich dann heraustrat aus meinem freien Willen und mein geschaffenes Wesen entgegennahm, da bekam ich einen Gott. Denn bevor die Geschöpfe waren, da war Gott nicht Gott, vielmehr war er, was er war. Aber als die Geschöpfe entstanden und ihr geschaffenes Wesen empfingen, da war Gott nicht mehr Gott in sich selbst, sondern er war Gott in den Geschöpfen."

Und:

"Alles, was je von Gott herkam, ist bestimmt, sein Wesen durch Wirken rein zu entfalten. Die für den Menschen charakteristische Tätigkeit ist Lieben und Erkennen. Nun entsteht die Frage, worin von beidem die Seligkeit vor allem bestehe. Einige Meister lehren, sie bestehe in der Liebe; andere lehren, sie bestehe im Erkennen und im Lieben, und die reden besser. Aber ich behaupte, sie bestehe weder im Erkennen noch im Lieben. Mehr noch: Es gebe ein Eines in der Seele, von dem Erkennen und Lieben herkommen. Es selbst erkennt nichts und liebt nichts – wie das die Kräfte der Seele tun. Nur wer dieses Eine erkennt, der begreift, worin die Seligkeit besteht. Es kennt weder ein Davor noch ein Danach. Es harrt keiner von außen zufällig erfolgenden Ergänzung, denn es kann weder etwas hinzu gewinnen noch etwas verlieren. Es ist so arm, dass es nicht weiß, dass Gott in ihm wirkt. Ja, es ist selber das selbe, das sich selbst genießt wie Gott sich genießt. Daher behaupte ich, der Mensch solle frei und abgelöst stehen. Er soll nicht wissen und nicht erkennen, dass Gott in ihm wirke. Auf diese Weise kann der Mensch Armut besitzen."

Aus seiner Predigt „Über die Armut im Geiste“ (Das Bild „Kelch Christi ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)


Und ich, als Dingefinder, habe Ähnliches so formuliert:

Auf dem Pfade

Ich bin durchs Leben gegangen - äonenlang.
Und alle Zeiten durchschwingt ein göttlicher Klang.

Durch mich hindurch schautein ewiger Geist,
Ich vermag ihn nicht zu benennen,
Er schaut durch mich in diese Welt
Und lernt in ihr sich selber kennen.


Freitag, 19. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (I)

 



Die Legende vom weltverkommenen Sonka

Kunst will Sein und Sein ist nichts als Liebe


M
it barfüßigem Schritt die heimatlichen Pfade kosend,
aufrecht wie Bäume, hellumblühten Hauptes,
weltenübersegnet,
sind wir einmal die selig Wandernden gewesen,
und wanderten, versöhnte Brüder auf verteilter Erde,
von Volk zu Volk, die Grenzen jeder Auserwähltheit überschreitend,
ein selbstlos reines Herz von Mensch zu Mensch tragend brüderlich.

Wir waren arm wie die Vögel unterm Himmel und nackt wie Lilien des Feldes
und atmeten das Licht der grenzenlosen Liebe,
den Odem Gottes, der die Welt vereinigt
im Paradies der Menschheitsseele.

Wir schritten aufzubauen
das Weltreich eines Volkes,
beseelt von göttlicher Vernunft,
in den Gesetzen deines Geistes.

Wir ruhten aus mit Landstreichern am Kreuzweg
in gastlich mildem Schatten alter Bäume,
wenn Mittag uns mit lichter Ruh beschenkte,
und feierten die Abende mit Dichtern in Gesprächen
im Kreis der Schwestern, die sich offenbarten
in allen ihren himmlisch-irdischen Gestalten:

Wundersame Priesterin der unbefleckten Flamme,
demütig stolze Trägerin von des Geschlechtes Schwere,
gekrönte Dienerin des Kindes, gnadenreiche Mutter,
Meisterin des heimatlichen Mahles, heilige Schwester,
Hüterin Gegenwart, Gebärerin der Zukunft,
unserer zügellosen Ichgesänge versöhnende Sordine -
wir betteten das Herz in deine traumvollen Hände
mit einzutönen in den Werdedithyramb des Alls.

Wir spielten mit den Knaben in den Gärten
und unserm Spiel entstieg, vom blauen Tag umschlungen,
der Jüngling heidnischer Gesänge, Genius der Freiheit.

Wir tranken Bruderschaft mit Königen und Bettlern
aus der verklärten Quelle deiner großen Güte,
die unsere Menschheitsstirn erlöste,
den Spiegel deines Wortes, Namenloser,
der du der Ursprung aller Weisheit bist,
der Sinn, die Wahrheit und das Leben:

Wir waren Menschen von des Lebens Gnaden,
nicht Könige, nicht Bettler, - Menschen, Menschen,
von jedem Hauch verkündet war Liebe unser Wesen,
dass Lerchen nisteten in unserer Wanderschaft.


O
Erde, Erde! Krieg.
O Erde, Blindenhaus der schwarzen Felder!

Menschen werden von Menschen mutwillig geschlachtet,
Tiere, wutbrüllend unverständliches Morden wider den Geist -
Tod ohne Tat, zielloses Blut:
Es erstickt das siebenmal durchbohrte Weltherz.

Gräberfurchen wühlt ein rostumflorter Pflug
in den jäh verdorrten Weinberg meiner Menschheitsstirne.
Blutschwarzer Geier erdnaher Flug
umnachtet Gegenwart,
da Leichenzug um Leichenzug
sich stürzt in totgeborne Zukunft,
Seiendes begrabend:
Ach, das Nimmermehr der Welt.

Der ewige Tag wird eingescharrt
und die unsterblichen Gestirne:
Was erlischt nicht die Sonne
an der Einsamkeit düsterster Erkenntnis
Erd und Himmel, Sein, All, Wirklichkeit -
die Welt ist Wahn.

Geschöpfe sind aus Staub gemacht
und unser Herz ist Staub -
Geist, Erde und Gestirne Staub.

O, Macht der Menschen über Menschen!
Gewaltige der Macht, die Wind mit Blut bebauen,
Gesetze züchten, uns zu würgen,
von unserm letzten Hauch zu leben,

weh Tyrannen,
die in Gewalt gedeihen
Und Hass in Recht entfachend,
Brudermord bereiten.

Und die Ohnmächtigen der Erde:
Vagabunden, Huren,
deren Armut unrein ist
wie Lüge, Neid und Gier,
ein räudig Pack aus Läusen und Gestank!

Und ihre Kinder sind die Sündenbrut der Alten.

Denn Liebe: Liebe - Unglück in der irren Weltmechanik,
Liebe: Verrat, betört Verworrenes,
das Wollust schreiend,
Schwachheit röchelnd,
Trug gebärend,
doch zugrunde geht.

Ich aber bin allein geblieben,
bin elend bang allein geblieben,
das Tränenmeer zu trinken zwischen Höll und Hölle.

Wohin hab ich verloren
Welt und Weib und Wesen,
was zu verlieren war, verloren,
dass ich nicht sterben kann?!

Was ruf ich an? Was ruf ich an!

So trostlos hart, so schwer, so bang bin ich allein.


Mi
t den ewigen Gestirnen
zeitlos schreitend, Gottes Schreiter,
schritt ich brüderlich und heiter
über sternenhohe Bahn.

In den Schluchten kam ich an, -
als ich aus der Sterne Spiel
fern zurück ins Chaos fiel
kam ich in den Schluchten an:

Und ich tast in Weh und Wahn
mich felsab und felsenan
einsamer und schwerer.

Dunkel liegt das fremde Land,
rätselhaft verhüllt und stumm.
An dem Stab der blinden Hand
frisst beständig, steil und krumm
und zerrissen ohne Steg
frisst mir bodenloser Weg.


D
EIN Auserwählter leid ich sonder Maß,
doch deines Willens Gnade macht mich stark.

O Herr! Der wüstzerstampften Liebe: Hass
zersägt mir tausendfach das Mark.
Ich bejahe den Krieg, das blutige Tier,
rot überwiehernd dürstendes Flüstern.

Ich krümme das Rückgrat, ich blähe die Nüstern,
mein Haupt reckt sich rasend ins Weltbrevier.

Und meine Hände, deiner Tat Verzücken,
die magischen Kreise Gestirne zerpflücken,
und meine Zähen gefletscht aus gräßlichsten Wonnen,
in mittagflammender Hölle sich sonnen,
die meine Blicke zu Dir überbrücken,
dass ich in des Einzigen Anblick erlahme.

Dein Tod und dein Leben! Mir entsprudelt der Same,
in meinem Blut ertrinkt der Boden
der Tage und Nächte All, verschlungen
von Gischt und Lava meiner Hoden,
verendet Weltruf ruhbezwungen.

Beendet. Entladen. Erfüllt. Verklungen
umsäuselt die göttliche Quelle
in kosmischen Kristallgebirgen
nach ungedachter Zeit
wieder des Anfangs ersten Keim.


Wie oft wurde ich gemustert, numeriert und ausgestrichen,
eingetragen, aufgeschrieben, registriert und mitgezählt,
eingeteilt und ausgewählt,
verglichen:
ich habe die Zeichen der Zellen, Betten, Akten, der Teufel weiß wessen,
wo ich geknebelt ward, und wo ich gefesselt gefangen gesessen,
nicht gekannt oder vergessen.

Armselig wie Zahlen die Menschen, die sie schrien und schrieben, -
ich, ich bin der, der ich bin, gebleiben:
Sonka,
töricht fremd im irdischen Land,
Geist in Gottes Hand:

Unbeirrt auf harten Wegen leid ich klarem Ziel entgegen.

Sieben Martern meintwegen!
Drosselt, knechtet, hängt mich auf!
setzet eure Nummer drauf -

mich hält kein Galgen auf,
ich ziele Gott, dem Ist, entgegen.


Ich bin ein Narr, doch fehlen mir die Schellen:
ich tanze nicht und schreie nicht auf Märkten,
ich lehre nicht,
ich löse keine Bilderrätsel auf,
Buchstabenspiele, Weltgeschichtlichkeit.

Denn irgendwo und wie und wann
geschieht das Sterben dieser fremden Erde,
mir Mutter einst: da ward ich Keim,
ich trieb, ein Schiff in Leid und Werden,
und duldend Mensch geworden,
wuchs empor ich in den Raum
nackt wie ein Baum.

Blut und Tränen, schwarz wie Wolkenstürze,
haben blind mein Erdreich unterwühlt und weggeschwemmt.
Ich wurzle nicht.

Sturmgetrieben ein wandelnder Baum,
den kein Sturm zerbricht,
wachse ich und wurzle nicht:
was nährt mein Geäst, was erfüllt meinen Stamm?
Ich bin ein Baum, bin aus Wurzel Schaft und Wipfel:

Zeitentwurzelt
über Welt und himmelaus
die Einsamkeit tragend,
Frucht und Blüte meiner Krone -
in Gott hinein.

Hugo Sonnenschein, aus: Der neue Daimon, Heft 3 - 4, April 1919, Genossenschaftsverlag, Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel.

Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das Portrait von ihm ist von Egon Schiele (1890 - 1918)




Mich erinnerte beim Lesen der obigen Verse an zweierlei, einmal an die Klage des Laotse aus dem 20. Abschnitt, hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1873 - 1930) von 1910:

O Einsamkeit, wie lange dauerst Du?
Alle Menschen sind so strahlend,
als ginge es zum großen Opfer,
als stiegen sie im Frühling auf die Türme.
Nur ich bin so zögernd, mir ward noch kein Zeichen,
wie ein Säugling, der noch nicht lachen kann,
unruhig, umgetrieben, als hätte ich keine Heimat.
Alle Menschen haben Überfluß;
nur ich bin wie vergessen.
Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.
Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
nur ich bin wie trübe.
Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
nur ich bin wie verschlossen in mir,
unruhig, ach, als wie das Meer,
wirbelnd, ach, ohn Unterlaß.
Alle Menschen haben ihre Zwecke;
nur ich bin müßig wie ein Bettler.
Ich allein bin anders als die Menschen:
Doch ich halte es wert,
Nahrung zu suchen bei der Mutter.




Zum anderen hatte ich in meiner eigenen Wanderzeit (Ich war in den Siebzigern alleine mehrere Monate und in den Achtzigern mit meiner damaligen Partnerin eineinhalb Jahre unterwegs) einen Zyklus geschrieben mit dem Titel Der Narr, daraus einige Gedichte:  


Der Narr


Ich singe in die Sonne
und fall in alle Himmel ein



Ja, ich bin der Narr!
Ich habe die Karte gezogen
und alles andere wäre gelogen,
ich bin der Narr
es ist wahr!

Ja, ich bin der Narr!
Ich blätter in meinen Annalen
und gebäre mich selbst unter Qualen,
ich bin der Narr
es ist wahr!

Ja, ich bin der Narr!
Ich werde meinem Schicksal
nicht mehr entgegenstehn!
Ich werde glühen
und blühen
und in der frühen
Stunde vergehn!


Ich weiß!

Wie ein waidwundes Wild
trage ich den Tod durch die Welt.
Ich weiß!

Schaut mir nicht in die Augen,
eines voll Trauer, eines voll Glut.
Ich weiß!

Sie haben in eine Nacht geschaut,
dunkel, dunkler als die dunkle Pforte -
Ich weiß!

Noch trage ich die Male des Schmerzes,
noch trag ich die Wundmale einer sterbenden Lust -
Ich weiß!

Dachte, hätte Gott gefunden.
Gott starb - ich starb - alles starb
Ich weiß!

Ich trage keine Hoffnung
hinter gottloser Stirne.
Ich weiß!


Finis

Wenn Du den langen dunklen Nächten
entfallen bist

und die Sonne wieder scheint,
dann lachst Du,
dann sagst Du:
Was soll der Mist?

Hat das der liebe Gott gemeint,
als er Dich schuf?
Du hörst im Herzen einen Ruf:
von weitem her,
ganz leis:

Ich weiß!

Das Bild ist von Frederick Mc Cubben (1855 - 1917)




Montag, 27. Februar 2023

Auf dem Flusse Tschu - Nachdichtungen Chinesischer Lyrik

 



Ich möchte eine Auswahl von Nachdichtungen Chinesischer Lyrik vorstellen. Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

Reise in die Nacht


Am Ufer bewegt leichter Wind die kurzen Gesträuche.
Einsam über den Fluss treiben die Segelmasten unseres Schiffes.
Die Sterne strahlen auf eine weite Öde herab.
Der aufgehende Mond bescheint die strömende Fläche.
Dichten allein gibt dem Namen nicht Ruhm.
Wenn man alt und krank ist, lässt man das Beamtentum.
Leben, streben, schweben wozu?
Einsam wie der Wasservogel, der zwischen Himmel und Erde treibt.

Du Fu, Nachdichtung Albert Ehrenstein

Wein

Die sinkende Sonne scheint nieder aufs Tor.
Dämmerung über dem Fluss.
Die Gerüche der Gärten hüllen das Ufer.
Auch Rauch, wo die Scharen der Schiffer
Ihre Boote verankern.
Schon zwitschern sich in der Laube
Die Vögel zur Ruh.
Und fliegende Käfer erfüllen die Luft ringsum mit Gesumm.
Rausch-Wein, wer gab dir die Kraft,
Tausend Sorgen zu ertränken in
Einem kleinen Becher!

Du Fu, Nachdichtung Albert Ehrenstein

Du Fu (chinesisch 杜甫, Pinyin Dù Fǔ, W.-G. Tu Fu; * 712 im Kreis Gong östlich von Luoyang, Provinz Henan; † 770 in der Gegend von Tangzhou (heute Changsha, Provinz Hunan) war einer der wichtigsten Dichter der chinesischen Tang-Dynastie und Zeitgenosse des Dichters Li Bai.

Der Fischer im Frühling

Die Erde trank den Schnee. Wie erste Pflaumenblüte
durch die Lüfte rudert!
Die Trauerweiden prunken golden.
Falter, die Flügel violett gepudert,
Tauchen samtene Köpfe in Blütendolden.

Wie eine Insel steht der Kahn im Teich, Der Fischer lässt
Sein Netz behutsam in den dünnen Silberspiegel springen.
Der klirrt, zerbrochen. Er gedenkt der Schwalbe fern im Nest;
Bald wird er ihr das Futter bringen.

Li-tai-pe, Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

Auf dem Flusse Tschu

Blick ich aus dem blassen Kahne
Nieder in die Wasserwildnis:
Zwischen Schilf und Wolkenfahne
Schwimmt des Mondes goldnes Bildnis.
So in meiner Seele funkelt
Die Geliebte groß und prächtig.
Sonne tags den Mond verdunkelt:
Riesig strahlt er mitternächtig.

Thu-fu, (andere Schreibweise für Du Fu, siehe oben) Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

In der Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ (1919) von Hermann Hesse gibt sich der Maler Klingsor den Namen Li Tai Po, sein Dichterfreund Hermann den Namen Thu Fu. „Wie namenlos schön [ist] alles jetzt, wie ruhig, gut und spendend, wie voll von Gott!“ Aber er ist todmüde und er sagt sich ein Gedicht Thu Fus auf: „Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt. […] Alles stirbt, alles stirbt gern.“

Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York), Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Ehrenstein, da er nicht kriegsdiensttauglich war, zur Arbeit im Wiener Kriegsarchiv verpflichtet. Während viele andere Künstler sich anfangs von der Kriegsbegeisterung mitreißen ließen, war Ehrenstein von Anfang an überzeugter Kriegsgegner, was er auch in einer Reihe von Artikeln und Gedichten (zum Beispiel Der Mensch schreit) klar artikulierte. Im Verlauf des Krieges kam er in Kontakt mit Walter Hasenclever und Martin Buber. 1916/17 gehörte er zum Kreis um die Zeitschrift Die Neue Jugend.

Zusammen mit vielen anderen Autoren stand Ehrensteins Name auf der Schwarzen Liste der Nazi-Studentenschaft. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. In den nächsten Jahren publizierte er in Zeitschriften der Exilliteratur. Von 1939 bis 1941 lebte er mittellos in Zürich. Schließlich ging er nach England zu seinem Bruder Carl, von dort nach Frankreich, bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte. (Wiki)

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 – 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte. Er starb am 14. August 1928 an Tuberkulose.

Die Illustration zeigt den Dichter Du Fu, aus: Wan hsiao tang-Chu chuang -Hua chuan (1921).

Dienstag, 21. Februar 2023

Selbstvergessenheit - Nachdichtungen Chinesischer Lyrik

 



Ich möchte eine Auswahl von Nachdichtungen Chinesischer Lyrik vorstellen. Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

Eine Nachtlandung am Chien-Te

Mein kleines Boot bewegt sich an nebliger Lände,
Das Tageslicht schwindet. Ein Erinnern beginnt:
Die Welt war weit, die Bäume dicht beim Himmel,
Klar im Wasser die Nähe des Monds.

Meng Hao-jan (689-740)

Die Nachdichtung des Gedichtes ist von dem Dichter Hans Schiebelhuth, geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA). Sie entstammt genauso wie die Eingangsgrafik dem Buch Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po

Auf der Phönixterrasse in Nanking

Phönixe stolzierten einst auf der Phönixterrasse einher
Und flogen fort, die Terrasse ist leer -
Doch der Strom fließt weiter: wie immer.

Im Wu-Schloß wuchern Blumen, wo einsam verwachsene Wege laufen,
Die Minister der Tschin modern unter uralten Grabhaufen -
Die Zeit fließt weiter: wie immer.

Drei Berge verdämmern am Abendhimmel,
Der Strom umarmt die Weiße Reiher-Insel -
Dann fließt er weiter: wie immer.

Ziehende Wolken verdunkeln die Sonne, man wimmert
Verbannt aus Kaiserstadt und Phönixschimmer -
Dann lebt man weiter: wie immer.

Li Tai Pe, Nachdichtung Albert Ehrenstein, aus: Der Querschnitt, Band 12/1, 1932

Selbstvergessenheit

Der Strom - floss,
Der Mond vergoss,
Der Mond vergaß sein Licht - und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß
Beim Weine.
Die Vögel waren weit,
Das Leid war weit,
Und Menschen gab es keine.

Li-tai-pe, Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 – 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte. Er starb am 14. August 1928 an Tuberkulose.

An Li Tai Pe

Von Du Fu

Kühler Wind wehrt von fern.
Was denkst du jetzt?
Wann kommen wohl die Vögel,
die mir Gutes bringen?
Herbstregengüsse schwellen Strom und See.
Ins Unglück schwemmte Dich Ruhm.
Die bösen Geister freuten sich,
Als Du erloschest.
O einmal möchte ich noch
Mit Deinem Schatten sprechen.
Wenn ich denke: Du starbst,
Möchte ich meine Gedichte
Der Vergessenheit opfern.

Deutsch von Albert Ehrenstein, aus: Der Querschnitt, 1927

Du Fu (chinesisch 杜甫, Pinyin Dù Fǔ, W.-G. Tu Fu; * 712 im Kreis Gong östlich von Luoyang, Provinz Henan; † 770 in der Gegend von Tangzhou (heute Changsha, Provinz Hunan) war einer der wichtigsten Dichter der chinesischen Tang-Dynastie und Zeitgenosse des Dichters Li Bai. 

Der Frühlingsstrom

Hitze und Kälte, Dunkel und Dämmer drängen einander. Durch meine geschlossenen Tore höre ich nichts außer dem Morgen- und Abendtrommeln. Von meinen oberen Fenstern seh ich nichts als Schiffe, die kommen und gehen.

Vergebens lockt mich der Oriol mit seinem Gesang, unter den blühenden Bäumen herumzustreifen. Vergebens lockt mich der Rasen mit seinem grünen Gras, nah am Wasser zu sitzen.

Aber es ist nur ein Ding und nur eines allein, das zu belauschen ich nimmer ermüde: der Frühlingsfluß - wie er über die Steine rieselt und schwätzt gegen die Felsen.

Mein Weg

Ein Seefahrer kam aus der Mitte der Meere,
Schwere Gesichte berichtend aus der Mitte der Meere:
„In einem tiefen Schlund der Seehügel und Meerberge
Sah ich deine letzte Herberge: Terrasse und Turm.
In der Mitte stand ein Tempel der Feen
Mit einer leeren Nische.
Die in den Meeren sagten alle, sie warte
Auf dich, Po Lo-t´ien.“

Meerfahrer, ich kenne das Tor der Leere,
Ich bin kein Jünger der Feen.
Die Gesichte, die du berichtet,
Sind eine Lügengeschichte.

Die Berge der Meere werden nie sein
Po Lo-t´iens Heim.
Wenn ich die Erde verlasse,
Werde ich gehn in die milden Gefilde
Der Tushita-Himmel.

(Tuṣita [tʉʃita] im Sanskrit oder Tusita im Pali (in der Literatur auch Tuschita oder Tushita geschrieben) ist eine himmlische Welt, in der sich der kommende Buddha Maitreya derzeit befinden soll.)

Lo-t´ien liebte von jung an das Studium. Als Erwachsener wandte er sich der Dichtung zu. . . . Er begann seine Laufbahn als Bücherzensor und gab sie auf als Regierungsgehilfe des Kaisers. Zwischendurch bekleidete er mehr als zwanzig Beamtenposten, lebte über vierzig Jahre davon. Sein Äußeres hielt er der Lehre des Kungfutse gemäß, seine Seele neigte sich rein der Lehre Buddhos. In seiner freien Zeit durchwanderte er die Gebirge, spielte Laute und trank Wein, seinen Geist anzuregen. . . . Was er im Leben begehrte, fühlte, bekam, verlor, bedrückt durchmachte, verstand - all dies stand als Geschichte, Aufsatz, Gedicht genau in seinem Werk. Geboren wurde er 771 n. Chr., er starb 846.

Aus: Po Chü – I (Des Gelehrten Po sechs Werke, von Lo-t´ien), Nachdichtungen von Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York, Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Er veröffentlichte danach auch in den Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. In den nächsten Jahren publizierte er in Zeitschriften der Exilliteratur. Von 1939 bis 1941 lebte er mittellos in Zürich. Schließlich ging er nach England zu seinem Bruder Carl, von dort nach Frankreich, bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte.

Keine Nachdichtung eines Chinesischen Textes, doch ist in diesem Gedicht von Eduard Saenger so viel taoistisches Gedankengut eingeflossen, dass es zeigt, wie dieses rezipiert wurde:

Nicht Eins und Alles.
Wann ist Eins, wann Alles?
Alles ist Nichts, und Nichts ist Alles.
Es wertet sich ein Werdendes zum Sein,
Zur Einheit aus dem Vielen.
Einheit ist Weg der Wesen, jeder Weg.
Dich stehst du, dich besinnend, still,
So ist und war nichts mehr,
Und Alles ist aus Nichts. -

Eduard Saenger 1880-1948. Aus: Nichts und Alles, eine Lehre von Adel, Im Wir Verlag, Berlin 1923

Eduard Saenger wuchs von 1883 bis 1888 in den USA und danach in einem Waisenhaus in Deutschland auf. Er studierte Philologie in Berlin, wurde promoviert und war Soldat im Ersten Weltkrieg. Saenger arbeitete als Journalist für verschiedene Zeitungen und als Sprecher für den Rundfunk. Seine Übersetzung der Sonette Shakespeares erschien 1909 im Insel-Verlag, er übersetzte das Waltarilied aus dem Lateinischen. Saenger, der als Jude in Nazi-Deutschland diskriminiert wurde, emigrierte 1935 nach England und versuchte dort seinen Unterhalt als Privatlehrer, Übersetzer und Journalist zu bestreiten.

Sonntag, 19. Februar 2023

Vom TAO lernen

 


Vom Tao lernen

30 (Auszug)

Wer nach dem SINN dem Menschenherrscher hilft,
zwingt nicht mit Waffen die Welt.
Seine Art ist es, den Rückzug zu lieben.
Wo Kämpfer geweilt, wachsen Disteln und Dornen.
Hinter den großen Heeren her kommt sicher böse Zeit.
Der Tüchtige will Entscheidung und nichts mehr.
Er wagt nicht Eroberung mit Gewalt.
Entscheidung, ohne sich zu brüsten,
Entscheidung, ohne sich zu rühmen,
Entscheidung, ohne stolz zu sein,
Entscheidung, weil's nicht anders geht,
Entscheidung, ferne von Gewalt.

31 (Auszug)

Auch die schönsten Waffen sind unheilbringende Geräte,
und die Geschöpfe hassen sie wohl.
Darum: Wer den SINN hat, weilt nicht dabei.

* * *

Die Waffen sind unheilbringende Geräte,
nicht Geräte für den Edlen.
Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste.
Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
Wer sich daran freuen wollte, würde sich ja des Menschenmordes freuen.
Wer sich des Menschenmordes freuen wollte, kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.

* * *

Menschen töten in großer Zahl, das soll man beklagen mit Tränen des Mitleids.
Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.

Aus: Laotse: Tao Te King – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben in der Übersetzung von Richard Wilhelm. Düsseldorf/Köln 1952

Ich schrieb vor einiger Zeit, März letzten Jahres: "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen uns den Weg" (Sprichwort aus Spanien). Zur Situation in der Ukraine: Ich gestehe mir persönlich sowohl eine Ratlosigkeit als auch eine Machtlosigkeit ein. Das muss ich aushalten (können). Ich selber werde garantiert nicht zur Waffe greifen, um andere Menschen zu töten. Auch nicht zu meiner eigenen Selbstverteidigung. Doch das ist erst einmal meine persönliche Entscheidung. Ich wüsste nicht, was ich den Menschen raten sollte, die jetzt in der Ukraine sich mit Waffen gegen eine aggressive Soldateska verteidigen. Wie gesagt, ich bin da einfach nur rat- und auch machtlos. Ich schaue mit Erstaunen auf die Vielen, die jetzt so selbstgewiss von sich geben, was da zu tun wäre. Wo haben sie diese Selbstgewissheit her? Gibt es da wirklich keine Zweifel? Ich verzweifel an den Zweifelsfreien. Doch eines vermag ich sicher zu sagen: Gegen die jetzt einsetzende Militarisierung der Sprache, der Heroisierung auch des Widerstandes gegen die Kriegsarmee, gegen die Heldenmythenbildung, ja, auch der Verteidiger, werde ich mich positionieren."

Warum dieses so selbstgefällige „entweder – oder“? - Ich wünsche mir ein „und“. Verhandlungsoptionen sollten niemals verschlossen werden. Doch manchmal braucht es die Unterstützung der Selbstverteidigung, um überhaupt eine Verhandlungsoption zu haben. Ein reines Nachgeben demjenigen, der das Recht des Stärkeren für sich beansprucht, kann niemals eine friedensstiftende Wirkung haben. Gewalt und Waffen müssen immer geächtet werden. Weltweit. „Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.“

Das ist es, was ich mir wünsche: Eine Entmilitarisierung der Sprache. Keinerlei Heroisierung des Kriegsgeschehens. Wenn Waffen zur Selbstverteidigung gebraucht werden, bleiben sie doch unheilvolle Geräte. Es ist dringend an der Zeit, nicht nur den Krieg (die Kriege!) zu beenden, sondern auch einer weltweiten Ächtung von jedweder Gewalt und jedweden Waffen das Wort zu führen. Das wünsche ich mir: Eine Regierung (viele Regierungen!), die sagt: Wir unterstützen die Verteidigung nur, wenn gleichzeitig weltweite Gespräche der Ächtung in Gang kommen. „Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.“

Das Bild „Laotse“ ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)


Freitag, 27. Januar 2023

Ein Lebwohlsang von weißen Wolken - Nachdichtungen chinesischer Lyrik

 


Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.


Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po


Ein Lebwohlsang von weißen Wolken

Die weißen Wolken ziehen über Berge der Ferne,
So wie über die Berge der Nähe hin.
Überallhin werden die weißen Wolken dir folgen.

Sie werden dir folgen überallhin –
Mit dir gehn, wenn du in Berge der Ferne gehst,
Übersetzen mit dir über Wasser des großen Stroms.

Drüben über Wassern des großen Stroms,
Da ist dir ein Mantel von Efeu zu tragen,
Und du darfst liegen in einem Bett aus weißem Gewölk.

Gehe schnell heim, o mein Freund!


Abschied von einem Freund

Blauberge steigen auf jenseits der Nordmauer.
Den Ostteil der Stadt entlang fließt das weiße Wasser.
Hier scheiden wir, Freund, ein für alle mal.
Du reisest nun zehntausend Meilen, du treibst davon
Wie ein entwurzelt Wassergras.

O die ziehenden Wolken und die Gedanken des Wandrers!
O der Sonnenuntergang und die Sehnsucht des alten Freunds!
Wir reiten hinweg voneinander, winken uns mit der Hand,
Derweil unsre Pferde wiehern, leis, leis ...


Himmelslandtraum, ein Lebewohlsang

Die Seefahrer erzählen von der östlichen Seligkeitsinsel.
Verloren sei sie in einer Wildnis nebelhaften Gewogs.

Aber das Süd-Himmelsland, wie die Leute gen Mittag sagen,
Soll sichtbar sein durch schimmernder Wolken Bereich.

Dies Himmelsland, quer sich erstreckend durch die Meilen der Ewigkeit,
Es hebt sich über das Fünfgebirg und türmt sich über dem Scharlachschloß,
Während der Tafelberg, so als staunte er davor auf,
Mit seinen 40 und 8 Tausend-Fuß Höhe sich gegen Südosten dehnt.

Ich also, Verlangens zu träumen von den Südländern am Meer,
Flog über den Spiegelsee eines Nachts unterm Mond.

Der Mond im See befolgte mir meinen Flug,
Folgte mir nach bis an die berühmte Stadt,
Wo noch das Haus steht des Dichterprinzen.
Ich sah die grünen Wasser sich kräuseln und hörte der Affen schrilles Geschrei!
Ich klomm, des Prinzen Holzschuhe angetan,
Himmelwärts auf einer Leiter Wolken –
Und halbwegs oben vom Wall des Weltgewölbs sah ich die Morgensonne
Und hörte den Himmelshahn krähen in der heiteren Luft.
Dann wand zwischen tausend Abgründen mein Weg sich [immer rundherum].
Blumen erstickten den Pfad. Ohnmächtig sank ich hin.

Brüllende Bären und heulende Drachen jagten mich auf. O die lärmenden Wasser der Strudel!
Mit Zittern stand ich im tiefen Forst. Ich schauderte vor den überhängenden Klippen, eine auf die andre getürmt.
Wolken auf Wolken sammelten sich zu Häupten, Regen drohend.
Das Wasser ergoß sich zu Füßen, im Nebel zerstäubend.

Ein Donnerschlag dröhnte.
Die Berge zerbröckelten,
Das Steintor ins Himmelsinnere tat weit sich auf, offenbarte
Ein ungeheures Reich von unergründlichem Azur,
Sonne und Mond alle beide scheinen auf goldne und silberne Schlösser.

In Regenbogen berieselt und reitend auf dem Wind
Steigen die Luftfeen herab wie Blumenflocken.
Die männlichen Geister der Luft kamen zuletzt, dick waren sie wie Hanfstengel.

Phönixvögel zogen ihre [Kreise], und Panther schlugen Harfen.
Entsetzen erfüllte mich und Schrecken ergriff mein Herz.
Bestürzt hob ich mich auf, und ach! ...
Ich erwachte und fand mein Bett und Kissen.
Vorbei war die glänzende Traumwehwelt.

So ist's im Leben mit allem, was uns erfreut.
Alle Dinge gehn vorüber mit den ostwärts fließenden Wassern.
Ich verlaß dich und geh – wann werde ich wiederkommen?
Laß du das weiße Reh weiden unter den Waldsteinen.
Laß mich reisen, daß ich das liebliche Gebirge besuche.
Wie könnt ich unterwürfig mich beugen und den Machthabern dienen.
Es erwürgt mir die Seele.


Besuchsgang zu einem taoistischen Bergklausner, der nicht zu Hause war

Ein Hund bellt auf von fern, wo leis die Wasser rauschen.
Die Pfirsichblüte steht festlich, vom Regen genetzt.
Das Gehölz ist so dicht, daß man zuweilen einem Hirsch begegnen kann.
Aber die Mittagsglocke kann man nicht hören in dieser einsamen Schlucht.
Die wilden Bambus wehn im blauen Dunst.
Am begrünten Felshang funkeln fliegende Wasserfälle.
Wes Weges ist er gegangen? Nichts ist, das es mir sagen könnte.
An eine Kiefer lehn ich mich traurig hier und da.

Bei der Zelle eines abwesenden Priesters
in den Bergen

Durch einen Steinwall geh ich ins Rottal hinein.
Das Fichtentor ist umdrängt von grünem Moos.
Zwar sind Zeichen von Vögeln auf den verlaßnen Steigen,
Doch keines bedeutet mich, in die Priesterklause einzudringen.
Ich guck durchs Fenster und seh an der Wand
Den weißen Besen hängen, ganz verstaubt.
Ich seufze der Enttäuschung gar vergeblich Seufzen.
Ich werde gehen, doch versonnen trondle ich herum.
Süßduftige Wolken wehn den Bergzug lang,
Ein Blumenregen fällt vom Himmel nieder.
Hier kann ich die Glücksal der Einsamkeit fühlen
Und das Klagen der Blauaffen hören.
O, welch eine Stille herrscht über diesem Grunde,
Welche Abgeschiedenheit von allen Dingen der Welt!


Die Nachdichtungen der Gedichte von Li-Tai-Po sind von dem Dichter Hans Schiebelhuth. (geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA). Sie entstammen genauso wie die Eingangsgrafik dem Buch Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po


Samstag, 7. Januar 2023

Tolles Singen in den Bergen - Nachdichtungen Chinesischer Lyrik

 


Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

Im Zentrum der Chinabegeisterung stand der Sinologe und Übersetzer Richard Wilhelm (1837 - 1930), dessen einfühlsame Übersetzung des Tao Te King nebst umfangreichen Anmerkungen 1910 herauskam. Es folgten Übersetzungen des Kungfutse, des I Ging und von Chinesischen Märchen (letztere wurden sogar bei den ersten Dada-Soireen in Zürich herangezogen, Hugo Ball las daraus 1916 vor).

Auch mich zogen die Chinesische Philosophie und die Chinesische Lyrik, soweit sie als Nachdichtung vorlag früh in ihren Bann. Schon im Alter von sechzehn Jahren begeisterte mich der Tao Te King in der Übersetzung des Richard Wilhelm, und das in den Anmerkungen aufgeführte Chinesische Märchen von der Quelle im Rosenblütenwald wurde zu einem Leitstern in meinem Leben. Diese Quelle ließ mich nicht wieder los.

In der ansonsten für mich recht langweiligen Bibliothek von Tante und Onkel in Stade, wo ich die jeweiligen Sommerferien verbrachte, fand ich zu meiner Erleichterung das schmale Bändchen Chinesicher Gedichte in der Nachdichtung von Klabund, dessen Inhalt mich nachhaltig begeisterte (Noch immer kann ich einige Zeilen auswendig „Als ich ein Kind war / schien der Mond mir rundes Gold“).

Es war auch die Zeit, in der in meinem Freundeskreis neben Hermann Hesse Jack Kerouac gelesen wurde. Von letzterem begeisterte mich ein Buch uneingeschränkt, es wurde unter den unsäglich dumm übersetzten Titel „Gammler, Zen und hohe Berge“ als Taschenbuch angeboten. (der amerikanische Titel lautet The Dharma Bums). Dort trat mir China in der Gestalt des Japhy entgegen, der unter anderem die Gedichte vom Kalten Berg des Han Shan übersetzte, von denen sich auch eine Eindeutschung in diesem Buch befand. Hinter der Figur des Japhy verbirgt sich der Dichter Gary Snyder, dessen Bücher mich seit den frühen achtziger Jahren begleiten.

Ich habe hier einmal eine kleine Auswahl von Nachdichtungen Chinesischer Lyrik getroffen. Das ist beileibe nicht vollständig, und ich werde dieser Serie im Laufe des Jahres noch weitere hinzufügen. Heute vor allem Gedichte von Lo-t`ien. 

Als Bild habe ich das Gemälde „Kleine Hütten im Wald“ gewählt, von der im Februar 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch. Für mich ist darin die Stimmung der kleinen Hütten der Chinesischen Einsiedler wiederzufinden.



Die Lieder der Nonnen Gotamo Buddhas enthält der Khuddakani kayo, die dritte Sammlung des Pàli-Kanon, deren erste Textausgabe 1883 Oldenberg und Pischel, deren erste deutsche Übersetzung 1899 Karl Eugen Neumann besorgte. Wörtlich aus Neumanns Übertragung entnommen ist nur das „Verführungslied des Schelmen“, dem Neumann eine deutscher Rhythmisierung gleiche Form gegeben hat, während er sonst wohl der philologischen Genauigkeit wegen die Diktion des Originals nachahmt, was nicht immer deutsch klingt und des Rhythmus entbehrt.

Franz Blei, aus: Der Amethyst, Blätter für seltsame Literatur und Kunst, herausgegeben von Franz Blei, Heft 1, Dezember 1905


Aus: Po Chü – I (Des Gelehrten Po sechs Werke, von Lo-t´ien), Nachdichtungen von Albert Ehrenstein


Lo-t´ien liebte von jung an das Studium. Als Erwachsener wandte er sich der Dichtung zu. . . . Er begann seine Laufbahn als Bücherzensor und gab sie auf als Regierungsgehilfe des Kaisers. Zwischendurch bekleidete er mehr als zwanzig Beamtenposten, lebte über vierzig Jahre davon. Sein Äußeres hielt er der Lehre des Kungfutse gemäß, seine Seele neigte sich rein der Lehre Buddhos. In seiner freien Zeit durchwanderte er die Gebirge, spielte Laute und trank Wein, seinen Geist anzuregen. . . . Was er im Leben begehrte, fühlte, bekam, verlor, bedrückt durchmachte, verstand - all dies stand als Geschichte, Aufsatz, Gedicht genau in seinem Werk

Geboren wurde er 771 n. Chr., er starb 846. 


Deutsch von Albert Ehrenstein, aus: Der Querschnitt, Band 6/1, 1926


Bo Djù´J (Bai Juyi, 772 - 846), deutsch von Vincenz Hundhausen, aus:  Der Querschnitt, 1928