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Donnerstag, 1. Dezember 2022

Die Reise des Tenderenda nach Ninidanda - Eine Collage

 

Die Reise nach des Tenderenda nach Ninidanda -  Eine Collage

 

Frühjahr 1967, die Beatles sind dabei, ihr Album Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band aufzunehmen. Für den Song Being fort he benefit of Mr Kite schwebte John Lennon eine echte Kirmes­stimmung vor. Im Archiv der Abbey Road Studios fanden sich Tonbänder mit Ausschnitten von Märschen, gespielt von Dampf- und Jahrmarktsorgeln. Kopien dieser Bänder wurden von Toningenieur Geoff Emerick in kleine Schnipsel zerschnitten und willkürlich wieder zusammengeklebt. Heraus kam dabei eine chaotische Klangcollage, die Lennon gefiel. Teile dieses Bandes wurden unter das Ende des Liedes gemischt und lassen es ausklingen. Es gibt eine Lesart dieses Vorganges, die besagt, dass Emerick die Schnipsel in die Luft warf und dann wieder zusammen fügte. Das wäre dann dem Vorgehen der ersten Dadaisten geschuldet, die ähnliches mit Zeitungsschnipseln taten.

 

Tenderenda, der Phantast ist das alter ego des Schriftstellers und Dichters Hugo Ball. Zusammen mit seiner späteren Frau Emmy Hennings hob er Februar 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire aus der Taufe, das war die Gründung von Dada. So ist diese „Reise nach Ninidanda des Tenderenda  -  Eine Collage“ auch eine Hommage an Hugo Tenderenda Ball selbst.

 

Verwendet wurden in dieser Collage Schnipsel von: Augusto Giacometti, Sarah Stilwell Weber, Léon Spilliaert, Hugo Ball, Luisa Francia, Neu!, Karlheinz Martin, Stefania Buzatu, Dave McKean, Aldous Huxley (Klaus Buhlert), Albert Einstein with Elsa (driving a flying car), Monty Python, Arthur Browns Kingdome Come, Len Lye, Eroc, Synapson & Bonga, Alan Ginsberg, Johann Wolfgang von Goethe, Väter der Klamotte, Sebastian Droste, Władysław Starewicz, Tangerine Dream, Gusto Gräser, White Noise ( feat. Delia Derbyshire), Oskar Maria Graf, Peter Thomas Sound Orchester, Ash Ra Tempel with Timothy Leary, Sally Rand, Charly Chaplin, Mythos, The Beatles, Richard Wilhelm (Übersetzer), Ken Kesey, Gary Snyder, Hans Leybold, Der Club der toten Dichter, Hector Hoppin and Anthony Gross, Moondog und anderen (falls ich jemanden vergessen haben sollte).

 

Einige Anregungen habe ich Joachim Deicke zu verdanken und seiner Pops tönender Wunderwelt.

Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Die Anderen Seiten) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.

Zum Geleit

Wo wäre denn Ninidanda? Ach, immer werden die richtigen Fragen nicht gestellt. Das ist seit altersher bekannt. Vielleicht wäre es sinnvoller, erst einmal zu klären, was Ninidanda eigentlich sei. „Seien wir neu und erfinderisch von Grund aus. Dichten wir das Leben täglich um.“, schrieb Hugo Ball in seinen Aufzeichnungen „Flucht aus der Zeit“. Das ist ungefähr hundert Jahre her. Es ist an der Zeit, nicht mehr zu flüchten. Es ist an der Zeit einen Ort in der Zeit zu finden. „Zeit ist eine Illusion, doch je mehr du davon hast, um so realer wird sie“ (Luisa Francia)

 

Hinter uns liegen ein paar Milliarden Jahre Entwicklung und ein bisschen Ewigkeit. Das ist viel. In der Fülle immer hungrig. Das ist schade. Ein Ort in der Zeit. Ich beginne die Reise. Jederzeit.

 

"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters) Doch vielleicht ist die Collage die Kunstform der allgegenwärtigen Ewigkeit.

 

Tenderenda

 

Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adam und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.

Du kleiner Schelm du!
Daß ich mir bewußt sei,
Darauf kommt es überall an.
Und so erfreu ich mich
Auch deiner Gegenwart.

Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt,
Ich lieg dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Goethe Aus: Gedichte, West-östlicher Divan, das Schenkenbuch und Sehnsucht, letzter Vers und. . .

Man schreibt Sommer 1914. Eine phantastische Dichtergemeinde wittert Unrat und faßt den Entschluß, ihr symbolisches Steckenpferd Johann rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Wie Johann sich erst sträubt und dann einwilligt. Irrfahrten und Hindernisse unter Führung eines gewissen Benjamin. In fernen Ländern begegnet man dem Häuptling Feuerschein, der sich als Polizeispitzel entpuppt. Daran geknüpft historiologische Bemerkung über die Niederkunft einer Polizeihündin in Berlin.


. . .  die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine Ewigkeit jenseits der Zeit
zu wählen. . .

Aus: Allen Ginsberg  -  Howl

Träumte durchs Leben zurück, durch deine Zeit – und meine, die auf den Weltenbrand, immer schneller, dahinjagt,
den allerletzten Moment – die Blume brennt im Tag – und was danach kommt. . ..

Allen Ginsberg Kaddish

 Ich selbst, jedenfalls, vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten vergangen . . .

 Allen Ginsberg, Kaddisch

Ich selbst, jedenfalls, vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten vergangen . . .

 Allen Ginsberg, Kaddisch

„Als Knabe bin ich einmal in einen tiefen Brunnen gefallen, aus dem ich viele Jahrzehnte lang nicht mehr heraus konnte. Da war ein Unsterblicher, der führte mich zu diesem Kraut. Man muss aber durch rotes Wasser, das ist so schwach, dass keine Feder darauf schwimmen kann. Alles, was darauf kommt, sinkt in die Tiefe. Der Mann zog einen Schuh aus und gab ihn mir. Auf dem Schuh fuhr ich über das Wasser, pflückte das Kraut und aß es. Die Leute an jenem Ort weben Matten aus Perlen und Edelsteinen. Sie führten mich in einen Raum, davor war ein Vorhang aus einer bunten, dünnen Haut. Sie gaben mir ein Kissen aus schwarzem Nephrit geschnitzt, darauf war Sonne und Mond, Wolken und Donner eingeschnitten. Sie deckten mich zu mit einer feinen Decke, die war aus den Haaren von hundert Mücken gesponnen. Diese Decke ist ganz kühl und im Sommer sehr erfrischend. Ich befühlte sie mit der Hand, da schien sie mir aus Wasser zu sein; als ich näher zusah, da war es lauter Licht.“

 

Aus Morgenhimmel, ein Chinesisches Märchen. „Chinesische Volksmärchen  - gesammelt und aus dem Chinesischen übertragen von Richard Wilhelm“, Leipzig 1914.

 

Was nun Dichter angeht,

die Erd-Dichter,
die kleine Gedichte schreiben,
brauchen Hilfe von niemand.

Gary Snyder

Die Transsubstanziation der Oblate und des Weins in Leib und Blut des Heilands . . gibt das Theorem des lyrischen Gedichts. Notwendig erscheint der Glaube an die Möglichkeit: Visionäres zu fixieren.


Es soll nicht gesagt werden, daß grundlegende Faktoren allein, zwingend Lyrisches bedingen. Komparserie und Weihrauch . . sind erforderlich.


Bleibt zu notieren: daß das Originäre nicht absolut primär zu sein hat (Zeugung und Geburt!): wie das Erlebnis das Wort herbeiziehen kann (herbeizieht): so kann das Wort zum Erlebnis führen. 

 

Hans Leybold


„Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben? Die Antwort: Damit du hier bist."

Walt Withman

Samstag, 29. Oktober 2022

Nyx - An die Göttin der Nacht

 

 

 


 


 


 

 

 

Die Textzeilen   „. . .  hörst du. . . Lerchen. . .Lerchen flattern auf“ sind folgendem Gedicht von Victor Hadwiger entlehnt:

Wandlung

Ich war ein Vers im Liede deiner Liebe,
und ein Gedanke bin ich nun
in der Ballade deiner letzten Fahrt.
Dein Traum barg Gott und mich,
von deiner feinen Finger Meisterschaft,
von deiner wilden Wehmut stamm ich ab
und irrte als ein sanfter Reim durch dein Gedicht.
Du küsstest mich aus deiner Leidenschaft empor,
du riefst mich an die Wand, die mich umschloss,
und draußen lebte noch ein Tag. –
Sahst du die Lerchen? Lerchen flattern auf.
Und hörtest du den wehen, wilden Klang?
Es war die Schale, die zersprang,
das Haus, das meinen Siegeslauf,
das mich verschlang.
Es rötet sich mein Tag! Die Götter kehren um,
dein feierlicher Mund wird stumm,
das Land wird licht vor mir und uferlos die Glut,
ich bin der Bach, ich bin die Flut,
sanft neigt sich das Gelände meinem Lauf.
Horch, Lerchen! Hörst du, Lerchen flattern auf!

Victor Hadwiger (1878 – 1911) Aus: Wenn unter uns ein Wandrer ist  -  Ausgewählte Gedichte, aus dem Nachlass heraus gegeben von Anselm Ruest, A. R. Meyer Verlag, Berlin-Wilmersdorf, 1912      

Musik vom Dingefinder, Loopprogramm, Stimme, Samples (Excerpts from: Alfred Schnittke, The Musician and the Carillon; Maurice Ravel, Ma Mere;  Les Baxter, Aqueducts.)

Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Dingeinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.

Mittwoch, 17. August 2016

Lunatic - Morgenhimmel




Lunatic: Morgenhimmel

Neuzugang in der Bibliothek der Alten Schule Fredelsloh: Das Buch „Chinesische Märchen  - gesammelt und aus dem Chinesischen übertragen von Richard Wilhelm“. Richard Wilhelm (1873 – 1930) ist mir bekannt als einer der Übersetzer des Tao Te King von Laotse. Seine Fassung dieses Weisheitsbüchleins bekam ich als erste zu fassen, und sie ist seither die für mich persönlich maßgebliche. Hermann Hesser schrieb zu der Übersetzung der Chinesischen Märchen: „Diese Geschichten erzählt sich das Volk, sie gehören nicht jener geheimnisvollen, hinter zehn Mauern verzauberten Literatur an, die niemand lesen kann, sondern sind lebendig und gehen noch heute von Hand zu Hand.“

Während unsere Märchen oft mit den Worten enden: „Dann lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende“, finden sich in Chinesischen Märchen oft solche Schlusstücke: „Damit verließ er sein Haus und wanderte in Muße. Er erlangte die Unsterblichkeit und verschwand.“ Das liegt daran, dass viele der von Richard Wilhelm gesammelten Märchen einen taoistischen Hintergrund haben. Darunter sind einige Wundergeschichten, deren Bildwelten wahrhaftig in andere Welten weisen, ähnlich der Bilder der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit denen ich diesen Blogartikel garniert habe.

Ich habe einige Auszüge aus dem Märchen „Morgenhimmel“ gewählt, eine Geschichte von einem Knaben, dessen Lebensschicksal seltsam begann: „Es war einmal ein Mann, der war schon zweihundert Jahre alt; aber er war noch immer frisch und stark wie ein Jüngling. Da gebar ihm seine Frau ein Kind, und als das Kind drei Tage alt war, starb sie. Der Vater gab das Kind der Nachbarin und sagte, sie solle dafür sorgen. Dann ging er fort vom Hause und verschwand.“

Gelesen hatte ich dieses Märchen in der letzten Vorvollmondnacht, so recht „lunatic“, wie die Engländer sagen würden, und der Fastvollmond schien wahrlich helle durch die Fenster.



Aus: Morgenhimmel

„Wo bist du das ganze Jahr gewesen?“

Der Knabe sprach: „Ich war nur geschwind am Purpurmeer. Dort wurden meine Kleider vom Wasser rot. Deshalb ging ich an die Quelle, wo die Sonne einkehrt, und wusch die Kleider mir. Am Morgen ging ich fort. Zu Mittag kam ich wieder. Was sprichst du denn von einem Jahr?“

Die Frau fragte weiter: „Und wo kamst du denn vorüber?“

Der Knabe sprach: „Als ich meine Kleider gewaschen hatte, da ruhte ich ein wenig in der Totenstadt und schlief ein. Der Königvater des Ostens gab mir rote Kastanien und Morgenrotsaft zu essen. Nun war ich satt. Dann ging ich zum dunklen Himmel und trank vom gelben Tau. So war auch mein Durst gestillt.“  . . .


„Woher weißt du das?“ fragte der Kaiser.

„Als Knabe bin ich einmal in einen tiefen Brunnen gefallen, aus dem ich viele Jahrzehnte lang nicht mehr heraus konnte. Da war ein Unsterblicher, der führte mich zu diesem Kraut. Man muss aber durch rotes Wasser, das ist so schwach, dass keine Feder darauf schwimmen kann. Alles, was darauf kommt, sinkt in die Tiefe. Der Mann zog einen Schuh aus und gab ihn mir. Auf dem Schuh fuhr ich über das Wasser, pflückte das Kraut und aß es. Die Leute an jenem Ort weben Matten aus Perlen und Edelsteinen. Sie führten mich in einen Raum, davor war ein Vorhang aus einer bunten, dünnen Haut. Sie gaben mir ein Kissen aus schwarzem Nephrit geschnitzt, darauf war Sonne und Mond, Wolken und Donner eingeschnitten. Sie deckten mich zu mit einer feinen Decke, die war aus den Haaren von hundert Mücken gesponnen. Diese Decke ist ganz kühl und im Sommer sehr erfrischend. Ich befühlte sie mit der Hand, da schien sie mir aus Wasser zu sein; als ich näher zusah, da war es lauter Licht.“


Einst berief der Kaiser alle seine Magier, um mit ihnen über die Gefilde der Seligen zu reden. Auch Morgenhimmel war dabei und erzählte: „Ich wanderte einmal am Nordpol und kam zum Feuerspiegelberg. Dort scheint weder Sonne noch Mond. Es ist aber ein Drache da, der hält einen feurigen Spiegel im Maul, das Dunkel zu erleuchten. Auf dem Berge ist ein Park; darinnen ist ein See. Dort wächst das Schimmerstengelgras, das leuchtet wie eine goldene Lampe. Bricht man es ab und braucht es als Kerze, so kann man alle sichtbaren Dinge sehen und dazu die Gestalt der Geister. Auch das Innere der Menschen kann man damit durchleuchten.“


Der Kaiser fragte, was denn das Glückswolkenland sei. Morgenhimmel erwiderte: „Dort ist ein großer Sumpf. Die Leute weissagen aus Luft und Wolken Glück und Unglück. Steht in einem Haus Glück bevor, so bilden sich in den Zimmern fünffarbene Wolken, die lassen sich auf Gras und Bäumen nieder und werden zu farbigen Tau. Der Tau schmeckt süß wie Most.“




Als Morgenhimmel gestorben war, berief der Kaiser den Sterndeuter und fragte: „Kanntest du Morgenhimmel?“

Der sagte: „Nein.“

Der Kaiser fragte: „Was verstehst du denn?“

Der Sterndeuter sagte: „Ich kann nach den Sternen sehen.“

„Sind alle Sterne an ihrem Platz?“ fragte der Kaiser.

Ja. Nur den Stern des großen Jahres habe ich achtzehn Jahre nicht gesehen. Jetzt aber ist er wieder sichtbar.“

Da blickte der Kaiser zum Himmel auf und seufzte: „Achtzehn Jahre lang war Morgenhimmel mir zur Seite, und ich wusste nicht, dass er der Stern des großen Jahres war.“


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