Es gibt die einen und es gibt die anderen Seiten. In diesem Blog möchte ich als Dingefinder die anderen Seiten desselben publizieren. Denn diese machten sich auf ihre Art selbstständig. . .
Ich möcht in Häusern ein- und ausgehen können, begleitet von warmen Worten beim Empfang. Ich möcht die Freuden jeden Tages dann benennen, und sie erklingen lassen als Gesang.
Dann im Staunen jedes Herz erreichen, welches mir entgegenschlägt. Jedes Wort mit einem Lachen anzureichern, so, dass es jedes Herz bewegt.
Selbst das Weiterziehen wird begleitet von einem Lied, gesungen klar in Dur, dass es mir den Weg froh vorbereitet, Weg in mein eignes Herz, zu meiner eigenen Natur.
Ach, da war keine Vorsicht im Schlafenden; schlafend, aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich ein-ließ. Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war, mit des innern Geschehns weiterschlagenden Ranken schon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachstum, zu tierhaft jagenden Formen. Wie er sich hingab -. Liebte. Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis, diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung, wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt. Ja, das Entsetzliche lächelte . . .
Aus der Dritten Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke
Musik: "Rilke" vom Dingefinder, Querflöte, Loopprogramm, Samples
Später Mond Ich sah den Mond Silbernetze flechten aus Spinnenweben, taubeträuft - die Tropfen hingen Perlen gleich im Ried - Aus jedem Tropfen schien der Mond im Kleinen, ein jeder wurde vom Monde zum Leuchten gebracht, und so gab es tausend Monde in der Nacht.
Neige dich, du Baum-Geflüster! Näher wehet schon der Wald. Zwischen Wolken, Welt-Geschwister, Sirius erhebt sich bald.
Feld gebreitet in der Aue, Vogelflug am Horizont. Über Teichen schwingt der blaue unermeßlich ferne Mond.
(Aus: Walter Rheiner - Insel der Seligen - Ein Abendlied 1918)
Ich komm als müder Nachtlandpilger an Deine Schwelle, Sonnenlicht - Aus einem Labyrinth verschlungner Pfade steig ich vor Dein Angesicht.
Die Augen wund von Schau der Sterne, doch jenen Himmel unerreicht, so steh ich vor Dir, Weltenauge, indes der Morgennebel weicht.
Ich öffne mich jetzt Deiner Klarheit und singe Dir ein Dankgebet. So wohl geführt in neue Tage ist der, der hier jetzt vor Dir steht.
(Dingefinder)
10. Nacht
Wie mich der Garten still umfing, als die lange Nacht zu Ende war. Beruhigend grün im Morgensonnenschein. Ein leiser Wind fuhr durch mein Haar.
Blüten glänzend aus der Wildnis, die sich wuchernd aus sich selbst gebar. So übernahm ich das Vermächtnis, während ich die Bäume lächeln sah.
(Dingefinder)
Musik: Antje Mc Inerney, Keltische Harfe, mit freundlicher Genehmigung
Zu Walter Rheiner: Eigentlich Walter Heinrich Schnorrenberg, geboren am 18. März 1895 in Köln; gestorben am 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg), Schriftsteller des Expressionismus.
Als er 1914 zum Kriegsdienst berufen wurde, nahm Walther Rheiner erstmals Rauschmittel – er gab damit vor, drogensüchtig zu sein, um der Wehrpflicht zu entgehen. Trotz dieses Umstands wurde er eingezogen und mit Beginn des Ersten Weltkrieges an die russische Front beordert. Eine Entziehungskur scheiterte, sein Täuschungsversuch kam 1917 ans Licht, worauf er vom Dienst suspendiert wurde und nach Berlin übersiedelte. Aus seinem anfänglich gemäßigten Drogenkonsum entwickelte sich jedoch mehr und mehr eine Sucht nach Kokain und Morphinen, die ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. In einer armseligen Unterkunft in der Charlottenburger Kantstraße setzte er seinem Leben am 12. Juni 1925 im Alter von 30 Jahren mit einer Überdosis Morphin selbst ein Ende.
Am Ende der Nacht stellte ich selber die letzte Frage: „Was ist das für ein Lied, welches du singst?“ Sie öffnete die Tür dem beginnenden Tage: „Es duftet nach Rosen“, sagte die Sphinx.
(Dingefinder)
Musik: "Rosenzeit" (Auszug) von Verlah Wo, Keyboard
Es sind Bilder aus unserem Rosengarten unterhalb der Klosterkirche Fredelsloh im Video mit verwendet worden.
Das Vorschaubild des Videos zeigt eine Blüte der "Hundertjährigen Rose", wie sie in Fredelsloh genannt wird. Sie wächst in einem Vorgarten nahe der Klosterkirche.
Bereits
die Griechen und Römer der Antike kultivierten die Alba-Rose (Rosa
alba) in ihren Gärten. Sie entstand aus einer Kreuzung von Rosa
canina var. Froebelii und Rosa damascena. Albertus Magnus
erwähnte die Alba-Rose um 1250 im Vorstellungsraum des heutigen
Deutschland. Da das Kloster Fredelsloh im 12. Jahrhundert gegründet wurde, und sicher einen Klostergarten hatte, ist anzunehmen, dass dort auch Alba-Rosen kultiviert wurden.
Das Exemplar im besagten Vorgarten hat die Eigenschaft, sortenechte Ausläufer zu treiben, die sich leicht weitervermehren lassen. Heutzutage werden Rosen, auch die Albarosen, okuliert, das heißt veredelt. Für mich ein Beleg, dass die Pflanze durchaus ein stattliches Alter hat, und der Gedanke berührt mich, dass sie vielleicht ein Nachfahre der von den Nonnen kultivierten Rosen ist.
Albarosen sind mit einem starken, reinen Rosenduft gesegnet. "Eines der schönsten Heilmittel ist die Rose", sagte schon Hildegard von Bingen. In ihrem
historischen, naturheilkundlichen Werk „Physica“ schreibt sie
über die Rose:
… die
Rose ist auch gut zu Tränken und Salben und zu allen Heilmitteln,
wenn sie ihnen beigefügt wird; und sie sind um so besser, wenn ihnen
etwas von der Rose beigefügt wird, wenn auch wenig, das heißt von
ihren guten Kräften…“Physica, 1.Buch, Cap.22
Da die Albarosen, als alte Sorte, nur einmal im Jahr blühen (dafür jedoch überreich), werden sie heutzutage nicht mehr viel gepflanzt.
Am müden Himmel sah ich ein Gesicht, Wie drei Gestirne miteinander rangen: Die Sonne sank, der Mond war aufgegangen, Der Abendstern ergoss sein bleiches Licht.
Es hielten alle drei das Gleichgewicht. Schon wollte sie die blinde Nacht umfangen, Da sah ein Weib ich nach den Sternen langen, Ein Weib, dem Grab entsteigen zum Gericht.
Ich sah das Weib sich in den Himmel recken Und mit den Armen Stern und Mond bedecken; Ihr Atem löschte aus der Sonne Licht.
Doch statt des Monds, des Sternes und der Sonne, Erstrahlte mild ihr holdes Angesicht: Es gab dem Weltall Wärme, Licht und Wonne!
Nikolai Maximowitsch Minski (1855 - 1937), übersetzt von Alexander Eliasberg, (1878 -1924)
Musik: Verlah Wo, Klavier / Frederike Herrlich, Gesang; Dingefinder, Querflöte; aufgenommen in der Klosterkirche Fredelsloh
Lachend vergass ich der weisheit schätze Leiden und träume erfüllten den sinn. Wob um die welt einst demantene netze, Träume zu seligen ufern jetzt hin.
Schaue in blüten ein ewiges walten, Folge dem gott auf verbotener spur. Wenn dann die wogen gelinde erkalten, Zieht mich mein schwan auf der wogenden flur.
Heilige frauen auf heiliger reise, Traurige lieder traurig und hehr! Neige mein haupt und lache ich leise. Wie lacht es sich leise am dunkelnden meer!
Für die Rauhnächte: Die Rauhnächte sind einige Nächte um den Jahreswechsel, denen im europäischen Brauchtum eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Meist handelt es sich um die Zwölf Nächte vom Weihnachtstag (25. Dezember) bis zum Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar), gelegentlich um andere Zeiträume, beispielsweise jenen zwischen dem Thomastag (21. Dezember) und Neujahr. In manchen Gebieten wird die Thomasnacht nicht hinzugezählt.
Es gibt jedoch auch andere Zählweisen, zum Beispiel 13 Nächte (vom 21. Dezember, der Wintersonnenwende und längsten Nacht im Jahr, bis zum 3. Januar), diese richtet sich nach den 13 Mondmonaten eines Sonnenjahres von 365 Tagen. Ein Mondmonat sind ca. 27/28 Tage, die der Mond. oder in anderer Lesart die Mondin braucht, um die Erde zu umrunden. Das sind aufs Sonnenjahr gesehen ca. 352 Tage. So dienen die 13 Rauhnächte auch dazu, den Mond- und den Sonnenkalender in Deckung zu bringen.
Letzteres ist die Zählweise, die ich bevorzuge. Zur Begleitung durch die 13 Nächte habe ich für jede dieser Nächte ein kleines Video gebastelt, zu denen ich eigene und fremde Texte eingesprochen habe, jeweils mindestens einen für die jeweilige Nacht, mit Musik und Bildern dazu, so dass ich für jede der 13 Nächte eines einstellen kann. Viel Spaß damit.
p. s.: Lesenswert zu den 13 Monden ist das Buch „Mond Tanz Magie“ von Luisa Francia, 1986 im Verlag Frauenoffensive (München) erschienen.
p. p. s: Es ist weder ein christliches Weihnachtsdingens noch ein heidnisches Wintersonnenwende-Ding geworden, eher sehr persönliche Reflektionen um das Thema Nacht.
13 Nächte
"Kehre in die Stille schweigend ein:
So fällt das Wort ins unverletzte Sein."
Dreizehn ist die Zahl der Monde. Meine Seele ist uralt.
Wenn ich schweigend gehe, bin ich Du, dann bin ich Wald!
Schweigen. Es gibt Zeiten, da ist jedes Wort das Wort zu viel.
Im Schweigen erlöse die Räume von der Worte unbeugsamen Spiel.
Dreizehn Nächte, in denen alle Zeiten stille stehn,
Wanderungen, zwischen den Zeiten zeitlos schweigend gehn.
Nur im Schweigen nähren wir den Klang,
nur im Schweigen lauschen wir kaum hörbarem Gesang.
Ich lasse zu, dass mich Dunkelheit umfängt.
Und Kälte. Stille. Alles zu lösen, woran die Seele hängt,
um dieses Nachtland furchtlos mit sanftem Fuße zu betreten.
Nachtland, Klüfte, windgezauste Bäume, Erdental.
Fuß auf Fuß gesetzt am Pfad, Wegekreuze, weise Wahl:
Nur wer dreizehn Nächte ohne Furcht, wird hier herein gebeten.
(Dingefinder)
1. Mond
Aller heilen Seelen Neumond, Tanz in Dunkelheit,
Dunkles Blut, in Farbe von Holundersaft,
ein Ort zum Tanze überall, und Wölfe, wild und frei,
und sterben und gebären, geboren werden, wie nah
das beieinander liegt. Und Alt wird wieder neu,
und Nacht erhellt vom Flammentanz, himmelwärts befreit.
(Dingefinder)
Kreislauf
Alles ist nur Weg zu dir:
Winterfrühen voll Vertrauen,
Zärtliches an Plänen bauen,
Staunendes gefangen stehn
Vor dem Blaß der Orchideen.
Schau nach weißen Wolkenballen,
Die erhellt in Blicke fallen,
Losgelöstheit schlanker Hand,
Reinern Ländern zugewandt.
O Erfülltheit, strenges Wirken
Klar in herrschenden Bezirken,
Himmel tief und weit in mir -
Alles ist nur Weg zu dir . . .
(Elisabeth Janstein 1893 - 1944)
Elisabeth Janstein, geboren als Elisabeth Jenny Janeczek am 19. Oktober 1893 in Iglau, Österreich-Ungarn; starb am 31. Dezember 1944 in Winchcombe, Borough of Tewkesbury, England im Exil. Sie war eine böhmisch-österreichische Dichterin und Journalistin.
Musik: Verlah Wo Klavier; Ute C. Geige; Frederike Herrlich Gesang; Dingefinder Gitarre
13 Nächte - Die zweite Nacht
Trost der Nacht
Weiche Hände hat die Nacht,
Und sie reicht sie mir ins Bette;
Fürchtend, daß ich Tränen hätte,
Streicht sie meine Augen sacht.
Dann verläßt sie das Gemach;
Rauschen hör´ ich, sanft und seiden;
Und den Dornenzweig der Leiden
Zieht sie mit der Schleppe nach.
Ludwig Jacobowski (1868 - 1900)
Musik: Dingefinder, Gitarre und Glockenspiel
13 Nächte: 3. Nacht
Ein Wanderer in der Nacht
Stille ist - des Sommers Singen verloderte im Kalt. Nur Schritte hör ich, meine, auf nächtlichem Asphalt.
Die Wege führen heimwärts in den Winter, kühl streicht ein Wind mir durch das Haar. Ich seh nur Nacht, kein Licht dahinter, und Äste raunen klirrend von Gefahr. . .
Stille ist - des Sommers Singen verloderte im Kalt. Keinen Schritt mehr höre ich - Nur Eis glänzt auf Asphalt. . .
(Dieses Gedicht schrieb ich im zarten Alter von 18 Jahren)
Musik: Erd Ling Judith: Didgeridoo; Dingefinder: Gitarre, Stimme; aufgenommen in der Klosterkirche Fredelsloh
13 Nächte: 4. Nacht
Nun gleiten wir schon ungezählte Jahre Und sehn noch endlos sich die Wasser breiten. Von Charons Ruder in die dunkel-klare, Bewegte Flut sehn wir die Tropfen gleiten Und sehn sie werden und ins dunkelklare Und leis bewegte Wasser niedergleiten. Und dieses ist das große, wunderbare Mysterium des Tods: wir gleiten, gleiten. . .