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Dienstag, 22. September 2026

Deutungen: 22. September

 


Ich habe eine Weile gewartet, bis ich hier wieder weiter schreibe. Zum einen viel um die Ohren, zum anderen uninspiriert. In der Zwischenzeit ist eine Menge geschehen. Politisch: Zwei Landtagswahlen, eine Senatswahl und eine Kommunalwahl . An letzterer nahm auch ich teil, sowohl aktiv als auch passiv. Letzteres war nicht so erfolgreich, doch auch das ist okay.

Zu den beiden Landtagswahlen ist mittlerweile überall alles gesagt und geschrieben worden. Beziehungsweise, das wogt immer noch gewaltig hin und her. Unterhalb dieses Gewoges: Ich denke, es gibt überall Menschen ähnlich wie ich, und die haben es jetzt schwerer und schwerer. Dazu passt es, dass ich mich heute wieder einmal dem I-Ging gewidmet habe, und folgendes kam bei der Auszählung mittels der Schafgarbenstengel heraus (wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm) :


36. Ming I - Die Verfinsterung des Lichts

Die Sonne ist hier unter die Erde gesunken, daher verdunkelt. Der Name des Zeichens bedeutet eigentlich Verwundung des Hellen, daher die einzelnen Linien auch vielfach von Verwundungen reden. Die Situation ist genau die entgegengesetzte wie beim vorigen Zeichen. Dort ein weiser Mann an der Spitze, der tüchtige Gehilfen hat, mit denen er gemeinsam voranschreitet; hier ein finsterer Mann an maßgebender Stelle, durch den der Tüchtige und Weise geschädigt wird.


Das Urteil

Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.

Man darf sich auch von ungünstigen Verhältnissen nicht wehrlos mitreißen, nicht in seiner inneren Willenshaltung beugen lassen. Dies ist möglich, wenn man innerlich licht ist und nach außen hin nachgiebig und fügsam. Durch diese Haltung lässt sich auch die größte Not überwinden. Man muss freilich unter Umständen sein Licht verbergen, um trotz Schwierigkeiten in der unmittelbaren Umgebung seinen Willen durchhalten zu können. Die Beharrlichkeit muss im innersten Bewusstsein leben und darf nach außen nicht hervortreten. Nur so kann man unter Schwierigkeiten seinen Willen wahren.


Das Bild

Das Licht ist in die Erde hineingesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.

In Zeiten der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht durch rücksichtsloses Auftreten soll man sich nutzlos übermächtige Feindschaft zuziehen. Man soll in solchen Zeiten die Gewohnheiten der Menschen zwar nicht mitmachen, aber sie auch nicht kritisch ans Licht ziehen. Im Verkehr muss man in solchen Zeiten nicht alles wissen wollen. Man muss manches auf sich beruhen lassen, ohne sich darum betören zu lassen.

Das letzte Mal hatte ich dieses Hexagramm Mitte der Achtziger gezogen (ich berichtete), nun wieder heute, in etwas anderer Konstellation. Einen Tag vor dem kalendarischen Herbstbeginn (die Tage werden wieder kürzer und die Dunkelheit nimmt zu) und wenige Tage vor dem Septembervollmond (der Erntemond), der Viertelmond ist schon überschritten.

Also: Erst einmal alles sacken lassen. Und den letzten Absatz noch einmal wirken. Das Foto zeigt übrigens einen Spitzschuppigen Stachelschirmling (Echioderma asperum), gestern zu Hauf gefunden, als ich mit einer jungen Dame aus der Abraxas Kochschule auf Pilzpirsch war. Die Kochschule bekam von dem sechsjährigen Mädchen ihren Namen an einem anderen Tag, auch da waren wir auf Pilzpirsch, fanden aber nur eine Rabenfeder. Durch diesen Fund kamen wir auf den Namen, benannt nach dem Raben Abraxas aus dem Buch Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Der Name des obigen Pilzes klingt ähnlich wie der eines der Drachen, die Hagrid der Wildhüter manchmal heimlich bei sich aufzog. „Spitzschuppiger Stacheldrache“, hmhm, das klingt doch schon recht bös. Und so ist dieser Pilz giftig, hat sogar schon Todesfälle verursacht. Leider waren gestern wirklich essbare Pilze so gut wie nicht vorhanden. Aber hübsch ist er doch, der kleine Kerl, oder?

Abwarten, die Steinpilze, Maronenröhrlinge und Trompetenpfifferlinge kommen bestimmt noch. „In der Zeit der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein.“ Und geduldig.


Sonntag, 6. September 2026

Deutungen: 5. und 6. September

 


5. September

Heute zeigt sich die Sonne wieder.


6. September

Auf manches Tagesgeschehen möchte ich doch reagieren. Und dann fehlen mir gerade jetzt erst einmal die Worte.

Ich lebe gerne auf dem Dorf. Und heute habe ich die ersten Espenrotkappen gefunden auf den Weg in den Solling. Die Pilzsaison hat begonnen. Ich halte das für ein gutes Zeichen.

„Von Godwin über Owen bis hin zu Ruskin und Morris lebte in England der Traum einer Wiederherstellung der mittelalterlichen Dorfgemeinden, doch ohne den Feudalherren und mit den technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit. Die deutsche Sozialdemokratie träumte lieber von einem Zentralstaat, der von selbst sozialistisch wird.“

„Außer der Landwirtschaft, die alle gemeinsam ausüben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk“ (Thomas) Morus"

Aus Rainer Donner - Tu was du willst, im Kursbuch 52, Utopien I, 1978, kursiv im Original

„Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür.“

Thomas Wolfe, aus: Schau heimwärts Engel, deutsch von Hans Schiebelhuth

Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Städten. Bevölkerungsverteilung: Im Jahr 2024 lebten etwa 77,9 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands in Städten oder Ballungsräumen. Nur 15 Prozent der Bevölkerung leben in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Allein in Jakarta (Indonesien) (41,9), Dhaka (Bangladesch) (36,6) und Tokio (Japan) (33,4), den drei größten Städten der Welt (Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Klammern), leben mehr Menschen als in der gesamten Bundesrepublik. (Statistisches Bundesamt 2025)


Freitag, 4. September 2026

Deutungen: 4. September

 



4. September

Heute morgen noch zuversichtlich im Flow - dann „der Tag als der Regen kam“, mit dem einsetzenden Regen veränderte sich die Tagesenergie ins melancholisch-herbstliche. In solchen Situationen lässt sich lernen, ob der trübe Tag tiefer in die Seele eingreift, oder ob die Hinnahmefähigkeit sich ausgebildet hat. Es gibt nicht nur Flut im Leben, doch wie weit eine Stimmung die Seele aufwühlt, liegt daran, wie tief ich mich einlasse. Dafür gibt es keine Roadmap, ich vermag darüber auch keine Chautauqua abzuhalten.

Noch einmal zurück zum gestrigen Posting. Auch ich hatte mich dem ersten Abschnitt gedanklich des Tao Te King angenommen. Inspiriert davon schrieb ich folgendes Gedicht:

Wandern (TAO)

Das Leben:
Ein Mäandern.
Ein Wandern.

Du deutest die Zeichen
in Dingen
am Wegesrand.

Hältst
Zauber
in der Hand.

Wer mit einer Wanderung beginnt,
weiß vorher nie,
wo sein Weg endet.

Ganz eins mit sich
verblasst die Phantasie,
doch ist kein Schritt verschwendet.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Benennen
meint nicht „Kennen“.
Beim Namen nennen
lässt
sich die Gegenwart nicht.
Hier wurzelt und beginnt
die Vielheit aller Wesen,
die gegenwärtig sind.

Wir treffen uns
im gegenwärtigen
Geheimnis.
Weder Dunkelheit noch Licht
lassen uns die Zeichen lesen,
wenn die Zeit
nicht namenlos verrinnt.

Ein unsichtbares Tor,
durch das hervor
die Wunder in das Leben steigen,
ein wundersamer Reigen
von blütengleichem Glanz
lädt uns zum Tanz,
wir tanzen das „Ist“, das „Sein“, das „Ich bin“,
namenlose Wogen tragen uns dahin.

¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨


Dies ist nun weniger eine Nachdichtung, schon gar keine Übersetzung, es ist das Echo meiner eigenen Seele auf das bei Laotse gelesene.

Hier ein von mir eingesprochenes Video dazu: Wandern (TAO)
Das Bild oben ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stifung als Nachlassverwalterin.

Donnerstag, 3. September 2026

Deutungen: 3. September

 


3. September

Heute einmal zwei Übersetzungen und eine (sehr) freie Nachdichtung des ersten Verses des Tao Te King. Die erste ist von Richard Wilhelm, die zweite „Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular, Insel-Verlag 1923, die (recht freie) Nachdichtung ist von Gusto Gräser.

„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, gestorben am 27. 10. 1958 in München.

Ich stelle die drei Texte erst einmal unkommentiert untereinander. Die Übersetzungen des Tao Te King sind Legion. Ich selber mag die von Richard Wilhelm, es war die erste, die mir in die Hand fiel, und ich war sechszehn Jahre alt, und ich war sofort begeistert. Es war, als hätte ich ein Stück geistige Heimat gefunden. Seitdem hat mich chinesische Philosophie und insbesondere der Taoiismus, aber auch die chinesischen Dichter, nie ganz los gelassen.


I

Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten


II

Die Bahn der Bahnen ist nicht die Alltagsbahn;
Der Name der Namen ist nicht der Alltagsname.
Unnambarkeit ist Wesen des Allüberall;
Nambarkeit ist Werden des Einzelnen.
Jedoch: klar siehet, wer von Ferne sieht,
und nebelhaft, wer Anteil nimmt.
Diese Grundwesenheit, zwiefältig, ist Eins
in der Erscheinung nur, zwiefacher Gegensatz.
Sie ist das Unergründliche,
das unergründliche Gründliche,
das Tor zum letzten Geheimnis.


III

Hörst Du?
Hör auf mit dem Krampfen und Krallen, lasse Dich ruhn -
Lass Dich getrost mit den treulichen Allen, wie der Thau
zu dem Grunde fallen,
daraus uns erwallet urheiliges Tun.
Wallfall mit TAO ins Leben!
- - -
Du stehst, Du staunst des unverstandnen Worts?
O will nicht verstehn!
Geh, geh vorüber, lass gehn, lass geschehen
und TAO wird Dich erheben, wie es mich erhebt,
das heimlich heilig in uns Allen lebt.
Athem Es aus und ein - athmend ahnst Du sein Leben.
Sog, sing oder jauchz Es, aber will es nicht nennen -
nimm nicht durch Namen Dir, Mir, was Es an Gaben
birgt und bringt.
Unnennlich ist das unendlich Eine, und nennlich ist nur
der vergängliche Teil ---
Ehre sein Dunkel, und sieh, sein Stern wird Dir blinken -
aber - ziehst Du ans Licht, musst Du in Trübheit versinken.
Hüt, o hüt das Geheimnis,
so wird das Geheimnis Dich hüten,
aber willst Du es sehen, muss es Dein Leben zerwüten.
Oh Du!
Traue getrost - und wonnig wirket sein Weben -
H ö r e a u f !
und innig beginnt sein helfend heilendes Leben.


Mittwoch, 2. September 2026

Deutungen: 2. September

 


2. September

Heute am frühen Morgen, auf dem Weg zur Backstube, schaute mich der Viertelmond milde durch einen Halo an, gerade so viel Licht spendend, dass Wald und Landschaft sanft eingetaucht war in eine Art Elfengespinst. Das war schon mal sehr schön, so als Tagesbeginn. Auf dem Rückweg dann, so zweieinhalb Stunden später, durfte ich dann noch ein vierblättriges Kleeblatt finden. So im vorbeigehen, am Wegesrand. Ich kann mich wie ein Kind über so etwas freuen.

Das Kleeblatt habe ich weitergegeben. An die Liebste. Dass es ihr Glück bringe. Und mir auch. Mit den vierblättrigen Kleeblättern und dem Glück ist das auch so eine Sache. Denn diese Kleeblätter bringen nicht per se Glück. Es gibt da einen Zauber: Du musst ein gefundenes vierblättriges Kleeblatt verschenken, dass es Glück bringe. Dem oder der Beschenkten. Über diesen Umweg dann wird es auch Dir Glück bringen, denn das Glück hat die Tendenz, sich zu vermehren, wenn es verschenkt wird.

Mir hat es auf jeden Fall Glück gebracht. Also, bis jetzt. Zwar heißt es, „man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, doch sehe ich das differenzierter. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend verfluchen“, so herum wird für mich ein Schuh daraus. Und die Zahl vier mag ich.

Da gibt es die vier Mondphasen, Neumond. Vollmond, dazwischen die Halbmonde, „Viertelmonde“ genannt, zu deren Zeiten jeweils ein Wandel zu geschehen vermag. Oft so etwas Banales wie ein Wetterwechsel. Dann gibt es die vier Elemente. Damit sind nicht die chemischen Elemente gemeint, so wie ein Spötter doch meinte, heutzutage gäbe es 118 Elemente. Das, was mit „Elementen“ gemeint ist, sind Seinsqualitäten. Wenn ich mich auf „vier Elemente“ beziehe, stelle ich mich in die Tradition der westlichen (europäischen) Philosophie. Die Natives Nordamerikas, welche in einer adäquaten Klimazone wie wir leben, haben eine ähnliche Grundlage. Auch bei ihnen gibt es Feuer (Wärme), Luft, Wasser, Erde.

Diesen vier Elementen sind jeweils verschiedene Seinsqualitäten zugeordnet, so zum Beispiel die vier Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter; auch die Himmelsrichtungen, Osten, Süden, Westen, Norden; und auch die Mondphasen: Der zunehmende Mond ist dem Element Feuer zugeordnet, der Vollmond dem Element Luft, der abnehmende Mond, der Neumond dem Element Erde.


Zu den vier Elementen werde ich mich in späteren Tagen gewiss noch weiter äußern, spielten sie doch in den Deutungen der Erscheinungen in anderen Zeiten eine große Rolle. Doch für den heutigen Tag gibt es noch weiteres zu berichten: Das Labyrinth in der Klosterkirche wurde wieder gelegt. Mit Kieselsteinen wurde ein Labyrinth gelegt, dass an das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres angelehnt ist, welches wiederum auf keltische Ursprünge verweist. Ich freue mich schon darauf, wieder flötespielend meinen Gang durch Labyrinth am Morgen zu tätigen. Ein kleines Ritual, das ich mir angewöhnt hatte in den Zeiten, als dieses eigentlich heidnische Symbol in unserer Kirche zu finden war. Nächstens mehr. . .

Das Foto ist von der Website der Klosterkirche Fredelsloh

Dienstag, 1. September 2026

Deutungen 1. September

 



1. September

Es gibt Zeiten, da geschehen die Dinge einfach. Das Geschehen ist einfach einfach. So in den letzten Tagen. Gutes Gelingen.

„Das Sanfte. Durch Kleines Gelingen.
Fördernd ist es, zu haben, wohin man geht.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.

Eindringlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Es soll nicht durch Vergewaltigung gewirkt werden, sondern durch ununterbrochene Beeinflussung. Diese Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die durch Überrumpelung gewonnenen, aber sie sind nachhaltiger und völliger. Damit man auf diese Weise wirken kann, muss man ein klares Ziel haben; denn nur dadurch, dass die eindringliche Beeinflussung immer in derselben Richtung wirkt, wird etwas erreicht.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es sich einem bedeutenden Manne unterordnet, der die Fähigkeit besitzt, Ordnung zu schaffen
.“, war die Botschaft meiner letzten I-Ging-Ziehung. (Hier wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm). Nun bin ich kein Alpha-Männchen, doch auch niemand, der sich irgendeinem noch so bedeutenden Manne unterordnet. Ich bin gerne bereit, Weisungen von Menschen zu folgen, sei es Frau oder Mann, welche ich in der Sache als kompetent und leitend sehe. Und ich sehe auch diejenigen, die mir fördernd entgegen kommen. Da brauche ich mich nicht einmal unterzuordnen. So versuche ich meine Deutung einmal anders: „Das Sanfte. Durch kleines gelingen. Förderns ist es, ein Ziel zu haben. Fördernd ist es, gute Helferinnen und Helfer zu haben.

Beharrlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Tätigkeit kann als Vorbild gewonnen werden. Die nachhaltigen Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die, welche durch Überrumpelung und Überredung gewonnen werden. Damit auf diese Weise gewirkt werden kann, ist ein klares Ziel vonnöten, so kann die Beharrlichkeit immer in die selbe Richtung wirken und etwas erreichen.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es nicht blind an den Helferinnen und Helfern vorbei geht. Förderlich ist es, zu erkennen, von wo die Hilfe kommt. Förderlich ist es, Ratschläge anzunehmen und förderlich ist es, jene das tun zu lassen, was sie besser können als einer selber. Richtig eingeordnet lässt sich so Ordnung schaffen
“.

Heute ging es in angemessenen Schritten weiter mit dem Schaffen der Ordnung in die gesehene Richtung, und es kam jeweils zum richtigen Zeitpunkt die gebrauchte Hilfe an. Wer sieht, kann auch annehmen. Dann ist Nehmen seliger denn geben.

Montag, 31. August 2026

Deutungen: 30. und 31. August

 



Beim heutigen Datum angekommen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass "Deutungen" kein Tagebuch im herkömmlichen Sinne ist, dass durchaus Tage übersprungen werden, an denen hier nichts geschieht. Oder Posts zu anderen Labels. Also: nicht Tagebuch, nicht innerer Monolog, nicht Literatur; schreibe ich einiges an Tagesgedanken auf.


30. August


Heute am Morgen schon eine interessante Begegnung gehabt. Auf dem Weg zur Klosterkirche, die ich morgens aufschließe und abends wieder zu, kam ich an einer Bank mit Tisch vorbei, die für rastende Wandernde aufgebaut wurde, nahe der Durchgangsstraße. Auf der Bank saß ein Mann, offensichtlich Rentner sie ich, vielleicht etwas älter als ich, schwer einschätzbar, bärtig, in Fahrradkluft und mit einer Warnweste in rot angetan, ein Stück weiter sein Fahrrad geparkt. Radler auf Tour und Durchreise. Ich grüßte ihn, wie man auf dem Dorf so grüßt. Er grüßte knapp zurück, zeigte dann auf den Boden, wo ein paar Reste, die andere Verweilende zurückgelassen hatten, herumlagen. Er zeigte darauf, vorwurfsvoll, und dann mit dem gleichen Vorwurf in der Stimme sage er: „Gestern war das hier noch sauber!“ So, als wäre ich dafür verantwortlich, dass dem jetzt nicht mehr so ist (und wahrscheinlich auch für alles Unbill der Welt, was auf ihn zurückgefallen war). Ich hatte es eilig, weil ich schon etwas spät dran war, und sagte nur: „Dann räum das doch weg!“. Eigentlich hätte noch der Nachsatz „wenn es Dich stört“ dazugehört, doch da war ich schon weiter.

Nach dem Aufschließen der Kirche ging ich noch einmal zurück, der Radwanderer war fort, der Müll noch da. Drei zerknüllte Getränkedosen, ein Stück Verpackunspapier und eine Wasserflasche, wo sogar noch Pfand drauf war. Hat nicht einmal eine Minute gedauert, das alles einzusammeln und in den Papierkorb zu verfrachten, der zu dem Ensemble von Bank und Tisch dazu gehörte.

Ich werde diese Begebenheit jetzt nicht weiter kommentieren. Nur so viel: Der Pfand der Flasche beträgt 25 Cent. Das Aufsammeln hat nicht einmal eine Minute gedauert. Sie zum nächsten Pfandautomaten bringen, ist keine Extraarbeit, denn ich bringe meistens einmal die Woche meine gesammelten Werke zu besagtem Automaten. Ich habe das mal durchgerechnet, es würde einen Stundenlohn ergeben, der über dem Mindestlohn liegt.

Heute dann zu dritt an dem Hochbeet für Kräuter weitergearbeitet, die wir in der Wilden Sollingküche verarbeiten wollen. Im Anschluss in der Klosterkirche mit unserem Ensemble für einen Auftritt in dieser Kirche im November geprobt. Unter anderem singen wir dafür die ersten sechs Zeilen des Dies Irae:

„Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.

Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!

(Tag des Zornes, jener Tag
wird die zeitliche Welt in Asche auflösen
gemäß dem Zeugnis Davids und der Sibylla.

Welch großes Beben wird sein,
wenn der Richter erscheint
zur strengen Prüfung von allem
.)“

So ist mir an diesem Tag allerlei begegnet: ein muffiger Rentner, Arbeit an der Zukunft anhand eines kleinen Gartens, das Singen des Anfangs eines Hymnus über das jüngste Gericht, in all das schwingt die Aussage meiner Ziehung des chinesischen Orakels mittels Scharfgarbenstängeln zum Erntemond mit, und die diesjährige Ernte für die dreigestaltige Göttin. Möge das deuten, wer will.


Edit: „Was, wenn unser Gehirn Bewusstsein nur empfängt – und nicht erzeugt?

Ein roter Apfel ist zunächst nichts Besonderes. Licht trifft auf die Netzhaut, Nervenzellen senden elektrische Signale, das Gehirn verarbeitet Formen und Farben. Doch irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das bis heute niemand vollständig erklären kann: Aus elektrischen Impulsen entsteht das persönliche Erleben von Rot.

Dazu kommen Gedanken, Erinnerungen, Schmerz, Angst oder das Gefühl, überhaupt ein Ich zu sein. Seit Jahrzehnten versuchen Neurowissenschaftler, zu verstehen, wie das Gehirn Bewusstsein hervorbringt. Christof Koch vom Allen Institute in Seattle beschäftigt sich seit Langem mit dieser Frage.

. . .

Inzwischen hält er es für denkbar, dass das Gehirn Bewusstsein gar nicht erzeugt. Es gehöre vielmehr zu den grundlegenden Eigenschaften der Wirklichkeit, während das Gehirn bestimmt, wie es erlebt wird.
“ (Aus einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 30. 8. 2016)


31. August


Heute am frühen Morgen, als ich unterwegs zur Backstube war, begrüßte mich eine Fledermaus. Ich winkte gerade dem abnehmenden Vollmond zu, als sie knapp über meine Hand hinwegflog. Ob sie diese für ein zu groß geratenes Insekt hielt, weiß ich nicht, ich fand es nett. Als ich auf dem Hof ankam, flatterte da eine weitere herum, zog ihre Zickzack-Elipsen über den Hof, verschwand für eine Weile durch ein offenes Scheunentor, um dann davon zu flattern. Ich fand das eine nette Begegnung für den Morgen, die mich fröhlich stimmte. Sehr viel fröhlicher als ein muffiger Rentner am Morgen.

Während meines Ganges sinnierte ich wieder einmal über „unsere“ Herrscher und ihre Legitimation(en). So einfach wie beim Kaiser von China, der eben vom Himmel installiert und gottgegeben war, ist es heute nicht mehr. Auf jeden Fall für die meisten, obwohl der eine oder andere schon wieder Dynastien einführt oder so etwas einführen möchte. Also soll die Legitimation vom Volke aus kommen, und dafür werden Wahlen angeboten. Selbst die 90 % und mehr–Diktatoren wollen sich so ihre Legitimation erschleichen, auch wenn dann zum Wahlergebnis kräftig nachgeholfen wird. Die Opposition in Haft zu nehmen ist da nur eine mögliche Methode. Ist die Wahl dann gewonnen, hat doch wieder „Gott“ gewaltet, oder, falls der nicht kompatibel ist zu der nach außen getragenen Weltanschauung, die „Vorsehung“. Auf jeden Fall sollte da etwas Höheres im Spiel sein. Und für die in Abstufungen folgenden Minidiktatoren der Verweis auf die höchste Macht da oben, der Gottgegebene vom heiligen Volke gewählte vorgesehene.

Das ist eine Variante von Demokratie: Der vom Volke bestätigte Gottgesandte. Es gibt da noch andere, wie zum Beispiel die direkte Demokratie oder die repräsentative Demokratie, in der das Volk politische Entscheidungen nicht direkt trifft, sondern durch gewählte Vertreter ausübt. Welche je nach der Verfassung mehr oder weniger unkontrollierte Macht ausüben können. Henry Mencken, ein amerikanischer Satiriker, schrieb im Baltimore Evening Sun am 26. Juli 1920 dazu folgendes: „Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines großen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weiße Haus mit einem wahren Idioten und narzisstischen Irren besetzt sein.“ Da hatte jemand keine große Meinung von den einfachen Leuten, auch wenn sich der letzte Teil der Aussage heute bestätigt hat. So klingt das schon wie eine Prophezeiung.

Ich persönlich habe eine andere Meinung zu dem Gros der einfachen Leute (zu denen ich mich auch zähle). Doch leider laufen Mehrheitsbeschlüsse etwa so: 60 % Wahlbeteiligung derjenigen, die wählen gehen dürfen (Kinder bis achtzehn Jahre sind da ausgeschlossen), wenn sich da eine knappe Mehrheit konsolidiert, dann kommen wir auf vielleicht 35 % der gesamten Menschen einer Gesellschaft, unter Umständen noch weniger, welche die bestehende Regierung gewählt haben (oder den Präsidenten). Ich weiß schon, warum ich Konsensdemokratie präferiere, auch wenn diese wohl Utopie bleibt.

Was noch? Heute Apfelkuchen backen mit den Kindern, sechs und sieben Jahre alt, sechs das Mädchen, sieben der Junge, erstes und zweites Schuljahr. Das Schälen und zerkleinern der Äpfel vermochte noch die Konzentration zu binden. Auch das Ausrollen des Teiges und das Belegen, obwohl da das Mitwirken schon etwas nachließ. Dann Pause, die Kuchen im Ofen, in der Spielecke werden aus verschiedenen Materialien Waffen gebaut, und der Krieg geht los. Mit vielerlei Munition, Raketen und was sonst noch so herumspukt. Dazwischen Organisation für Proviant, Versatzstücke aus Harry Potter Filmen, zschhhh und fitschhh, „Opa, ich hab Durst“, „Dürfen wir nach draußen auf den Spielplatz?“. Ja, sie dürfen. Mal sehen, wann sie wieder reinkommen. Es regnet gerade.


Die Illustration oben unterliegt folgender Lizenz: CC BY-SA 3.0

Sonntag, 30. August 2026

Deutungen: 28. und 29. August



28. August

Lebenskunst: Zulassen, dass die Dinge sich selbstständig machen. Sich eingestehen, dass das eigene Handeln im Einklang mit der Zeitenergie passiert, und dass das eigene Einwirken auf die Zeitläufe gering ist. „Life is what happens to you while you're busy making other plans. - Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ (John Lennon)

Heute um etwa 4:30 Uhr trat der Mond in den Kernschatten der Erde ein - Mondfinsteris bei Vollmond, dem Erntemond. Sie war nicht sichtbar, da der Himmel bedeckt war. Doch so oder so, ich hätte sie verschlafen. Jedoch habe ich dieses Ereignis zum Anlass genommen, ein weiteres I-Ging-Orakel mittels meiner Schafgarbenstengel zu ziehen. Wieder unspezifisch, ohne konkrete Frage außer der nach der Zeitenergie. Wichtige Entscheidungen liegen nicht an, und wenn, könnte ich sie auch treffen, ohne das Orakel zu befragen. Darum geht es mir nicht. In der Welt zündeln gerade wieder die Patriarchen und Oligarchen, es werden kleine Ereignisse produziert, welche sich durchaus zu etwas Größerem ausweiten können. Hier eine kleine Grenzverletzung, da eine Drohung, verklausuliert doch unverhohlen, der eine Präsident versucht mit Zöllen und Umbenennungen von Gewässern zu beeindrucken, sowie durch dumme Beleidigungen und cholerische Ausfälle; der andere schickt mal da ganz unverbindlich ein Kriegsschiff hin, in die Nähe der Küste Britanniens, weit genug, um in internationalen Gewässern zu bleiben, nah genug, um sichtbar zu sein. Auch die eine oder andere Drohne verfliegt sich, und seine Maulhelden sprechen von Atombomben. Derweil rücken Landtagswahlen immer näher, und die Schreihälse nehmen den Mund voll. Sie wollen auch ein Stückchen Oligarchie abbekommen, und schmeißen sich den großen Vorbildern dafür gerne in die Arme. Von dem, was ich meine Utopie nenne, entfernt sich das Weltgeschehen weiter und weiter, dafür wird eine Kriegsgefahr realer. Um all das zu sehen brauche ich keine Glaskugel, kein Kartenlegen und auch keine Schafgarbenstängel.

Heute habe ich einmal wieder meine Schafgarbenstängel zur Hand genommen und ausgezählt. Was mich jetzt die nächste Zeit begleiten wird ist Sun - Das Sanfte, (das Eindringliche, der Wind)

Sun ist eines der acht Doppelzeichen. Es ist die älteste Tochter, hat als Bild den Wind oder das Holz, als Eigenschaft die Sanftheit, die jedoch eindringt wie der Wind oder das Holz mit seinen Wurzeln.

Das Dunkle, das an sich starr und unbeweglich ist, wird aufgelöst durch das eindringende lichte Prinzip, dem es sich unterordnet in Sanftheit. In der Natur ist es der Wind, der die angehäuften Wolken auseinandertreibt und heitre Himmelklarheit schafft. Im Menschenleben ist es die durchdringende Klarheit des Urteils, die alle dunklen Hintergedanken zunichte macht. Im Leben der Gemeinschaft ist es der mächtige Einfluss einer bedeutenden Persönlichkeit, die alle lichtscheuen Machenschaften aufdeckt und auseinandertreibt.

Das Urteil

Das Sanfte. Durch Kleines Gelingen.
Fördernd ist es, zu haben, wohin man geht.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.

Eindringlichkeit erzeugt allmähliche und unscheinbare Wirkungen. Es soll nicht durch Vergewaltigung gewirkt werden, sondern durch ununterbrochene Beeinflussung. Diese Wirkungen sind weniger in die Augen fallend als die durch Überrumpelung gewonnenen, aber sie sind nachhaltiger und völliger. Damit man auf diese Weise wirken kann, muss man ein klares Ziel haben; denn nur dadurch, dass die eindringliche Beeinflussung immer in derselben Richtung wirkt, wird etwas erreicht.

Das Kleine kann nur dann etwas erreichen, wenn es sich einem bedeutenden Manne unterordnet, der die Fähigkeit besitzt, Ordnung zu schaffen.

Das Bild

Einander folgende Winde:
das Bild des sanft Eindringenden.
So verbreitet der Edle seine Gebote
und wirkt seine Geschäfte.

Das Eindringliche des Windes beruht auf seiner Unaufhörlichkeit. Dadurch wird er so machtvoll. Er nimmt die Zeit als Mittel zur Wirkung. So muss auch der Gedanke des Herrschers in die Volksseele eindringen. Auch dazu ist eine dauernde Einwirkung durch Aufklärung vonnöten. Erst wenn das Gebot in die Volksseele übergegangen ist, ist ein darauf bezügliches Handeln möglich. Unvorbereitetes Handeln schreckt nur zurück und wirkt abstoßend.
(I Ging, wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm).

Auch hier zeigt sich mir wieder deutlich, dass das I Ging aus einer patriarchalen Herrscherumgebung stammt. „So muss auch der Gedanke des Herrschers in die Volksseele eindringen.“ Was fange ich mit einer solchen Botschaft an? Wo ich Herrscher ablehne zugunsten gewählter Delegierten einer Konsensdemokratie? Ich entsage mich des Herrschens, und ich möchte auch nicht in eine „Volksseele“ eindringen. Diese Träume haben auf unserem Planeten viel zu viele, die einen, mit dem Wunsch zu herrschen (und sich dabei gut zu bereichern), die anderen, um beherrscht zu werden in der Hoffnung, dass sie dadurch als Nutznießer etwas vom Reichtum abbekommen. Ohne weiter Aktivität als Beherrschter zu sein.

Diesen gesamten Part der Deutung schiebe ich hier einmal beiseite. Was bleibt dann? „ Das Eindringliche des Windes beruht auf seiner Unaufhörlichkeit. Dadurch wird er so machtvoll. Er nimmt die Zeit als Mittel zur Wirkung . . . Unvorbereitetes Handeln schreckt nur zurück und wirkt abstoßend.“ Dem kann ich als Handlungsmaxime etwas abgewinnen. Auch für das, was mir persönlich für die nächste Zeit bevorsteht. Und dabei zulassen, dass die Dinge sich selbstständig machen. Die Zeit der Herrscher geht zu Ende. Auch wenn es momentan nicht so aussieht. Planet Erde ist nicht beherrschbar. Ausbeutbar schon. Schändbar schon. Aber nicht beherrschbar.

„Das Eindringliche des Windes beruht auf seiner Unaufhörlichkeit. Dadurch wird er so machtvoll. Er nimmt die Zeit als Mittel zur Wirkung.“ Machen wir, die wir nicht herrschen wollen, genauso. Seien wir eindringlich ohne zu überreden. Wirken wir einfach.


29. August



Es ist hilfreich, wenn man einen Sinologen im Freundeskreis hat, wenn man sich mit dem I Ging beschäftigt. By the way, ich hatte mich im ersten Anlauf vertippt, und schrieb „Sinnolge“, was auch irgendwie passend ist. Er erklärte mir, dass die Regierenden zu der Zeit, als das Buch entstand, als „Gottkönige“ beziehungsweise „Gottkaiser“ galten, als vom Himmel installierte Herrscher, deren Macht aufgrund ihrer Herkunft nicht anzweifelbar war.

Wir sprachen dann darüber, wie diametral dem mein persönliches Weltbild entgegengesetzt ist, das auf einer konkreten Utopie einer Konsensdemokratie beruht. Hier die von oben eingesetzte Macht über die Menschen und dort die von unten nach oben delegierte Handlungsvollmacht. Ich selber wähle die Handlungen, die Parteien, die meiner Utopie einer Konsensdemokratie am Nahesten kommen. Wir beide mussten da noch klären, dass ich damit nicht die direkte Demokratie meinte, wie sie zum Beispiel in Volksabstimmungen stattfindet. Im schlimmsten Fall gehen dort die Abstimmungen 49 zu 51 Prozent aus, und der Same der Unzufriedenheit ist schon wieder gelegt. Selbst wenn das Verhältnis 20 zu 80 wäre. Direkte Demokratie ist ein System das auf Gewinner und Verlierer beruht und nicht auf Sachentscheidungen, die es auszudiskutieren gilt.

Eigentlich macht es schon Sinn, jeden Menschen erst einmal nach seiner Utopie zu befragen. Danach, wie er oder sich ein gedeihliches Zusammenleben aller Menschen vorstellen. Und was sie sich unter Herrschaft vorstellen. Das Herrschen von Gottes Gnade treffen wir gerade wieder beim aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Schwebend über allen Gesetzen werden Dekrete unterschrieben, und Gegner, und das sind alle Menschen, die nicht gleicher Meinung sind, werden gnadenlos beleidigt und erniedrigt. Der nächste Schritt zum Ausrotten ist da nicht weit. Im alten China wurden die Herrscher wenigsten als Weise bezeichnet. Und nicht als rüpelhafte Tölpel (obwohl das das Spiegelbild derer ist, die dem Präsidenten die Stimme gaben. Und diese verstehen die Kritik am Präsidenten nicht: „Das ist doch einer von uns, ist doch ersichtlich an seinem Handeln“.

In den Kommentaren zum I Ging (auch hier wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm) heißt es. „Die heiligen Weisen von alters machten das Buch der Wandlungen also: Um in geheimnisvoller Weise den lichten Göttern zu helfen, erfanden sie das Schafgarbenorakel. Sie teilten dem Himmel die Zahl drei zu und der Erde die Zahl zwei und berechneten danach die weiteren Zahlen.

Sie betrachteten die Veränderung im Dunkeln und Lichten und stellten danach die Zeichen fest, Sie erzeugten Bewegungen im Festen und Weichen und ließen so die einzelnen Linien entstehen. Sie brachten sich in Übereinstimmung mit SINN (Tao) und Leben (Te) und stellten demgemäß die Ordnung des Rechten auf. Indem sie die Ordnung der Außenwelt bis zu Ende durchdachten und das Gesetz des eignen Innern bis zum tiefsten Kern verfolgten, gelangten sie zum Verständnis des Schicksals.
“

Zurück zu dem von mir gezogenen Hexagramm: „Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Reue schwindet.
Auf der Jagd fangt man drei Arten von Wild.

Wenn man angeborene Bescheidenheit infolge der verantwortungsvollen Stelle, die man bekleidet, und der Erfahrungen, die man gesammelt hat, mit energischer Betätigung verbindet, so erreicht man sicher einen großen Erfolg. Die drei Arten von Tieren dienten zu Opfern für die Götter, zur Bewirtung der Gäste und zum täglichen Gebrauch. Wenn man für alle drei Zwecke etwas erlegte, so war das Jagdergebnis besonders gut
“

Ich erklärte meinem Freund, dem Sinologen, dass ich das I Ging nicht im klassischen Sinn als Orakelbuch nutze, sondern versuche, damit die Zeitqualität zu ergründen, die sich für die nächsten Ereignisse vor mir ausbreitet. Ich habe dann bis zu dem nächsten Zeitpunkt, an dem ich wieder zu meinen Schafgarbenstängeln greife, einiges zum Nachsinnen. Die „Sechs auf dem vierten Platz“ ist ja durchaus eine positive Wertung der Zeitqualität. Auch wenn ich nicht jage. Ich bin eher der Sammler. Gut, dann werde ich demnächst noch einen Kräuterbuschen sammeln (wir befinden uns ja noch im Frauendreißiger*) als Opfer für die dreigestaltige Göttin, für die Bewirtung der Gäste hoffe ich Steinpilze in ausreichenden Mengen zu finden und für den täglichen Gebrauch sammle ich die Früchte, welche gerade anstehen: Zwetschgen, Äpfel, Birnen. Auch ein Vorrat anzulegen gehört dazu. So hoffe ich, dass mein Sammelergebnis besonders gut wird. 


*Zum Frauendreißiger: Das heutige Datum liegt in den Tagen der so genannten Frauendreißiger, die vor allen in katholischen Gegenden traditionell ihren Stellenwert hatten. Das sind dreißig Tage, beginnend am Vorabend des 15. August, dem Fest Maria Himmelfahrt und endend am 15. September, dem Gedenktag der Schmerzen Mariens. In dieser Phase sollen die gesammelten Heilpflanzen besonders wirksam sein. In diesen Tagen wurde auch der Dreißigerstrauß gesammelt, der am 8. September, dem Fest der Mariä Geburt, geweiht wurde.

In den Dreißigerstrauß wurden, je nach Region, meistens sieben oder neun verschiedene Kräuter gebunden. Auch andere Zahlen waren möglich, doch diese beiden waren die häufigsten. Zu den oft verwendeten Kräutern in diesem Strauß zählten: Beifuß, Baldrian, Rainfarn, Schafgarbe, Himbeerlaub, Farnkräuter, Thymian (Quendel), Gundermann, Mutterkraut, Johanniskraut, Goldrute, Dost, Eisenkraut, Königskerze, aber auch Gartenkräuter wie Liebstöckel und Dill. Meistens bildete eine hohe, blühende Königskerze die Mitte des Straußes.

Samstag, 29. August 2026

Deutungen: 24. bis 26. August 26

 


So langsam hole ich zeitlich auf, und diese Kolumne gerät in die Echtzeit. Auch diese ist ein Gewebe aus dem Ereignendem, dem Ereignetem, und aus dem Kommenden aus dem, was sich ereignen wird. Mit jedem Wort das geschrieben wird, gerät die Gegenwart zur Vergangenheit. 


24. August

Ich bin nicht die Anlaufstelle, um Absolution zu erteilen. Wer etwas in meinen Augen Unverzeihliches getan hat, der und dem möchte ich die Tat nicht verzeihen. Wie oder wann etwas abzubüßen wäre, muss jede und jeder für sich selber entscheiden, und auch die Art der Buße. Ich bin weder Ankläger noch Richter. Das meiste an „Fehltritten“ vermag ich als lässlich verzeihen. Sowohl mir als auch anderen. „Es gibt keine Schuld, nur Ursachen“, sagt meine Liebste gerne. Ich selber möchte es eher so formulieren: „Es gibt keine Schuld, sondern nur Situationen“. Doch wie viele möchten eher bemuttert und nicht versöhnt sein. Echte Reue akzeptiere ich, und kein Reuiger soll aus einer Gemeinschaft verstoßen werden. Doch mit dem Unverzeihlichen sollte jede und jeder selbst klarkommen. Allenfalls gibt es da noch die christliche Kirche als Anlaufstelle für Absolution. Inwieweit das mit der eigenen Glaubenswilligkeit einher geht, sollte jede ud jeder für sich selbst entscheiden.

Etwas ganz anderes, ein Tagesfund, heute gelesen: "Regionale Politik findet nicht in Washington, Moskau oder in anderen ›Regierungssitzen‹ statt. Regionale Macht ›sitzt‹ nicht. Sie fließt überall und überallhin. Durch Wasserscheiden und Blutströme. Durch Nervensysteme und Nahrungsketten. Die Regionen sind überall & nirgends. Wir sind alle illegal. Wir sind Eingeborene, und wir sind ruhelos; wir besitzen kein Land, wir leben in ihm." (Gary Snyder, Lektionen der Wildnis, 2012)

Kleiner Ansporn für mich, wo ich gerade dabei bin, mich in die Lokalpolitik einzumischen. 


25. August

„Ankräutern“, mein neuer Begriff in meiner Essperimenteküche*. Damit meine ich, verschiedene Kräuter zu Gerichten verabreichen, die geschmacklich unterstützen ohne zu dominieren. Am elegantesten ist es, wenn sie als kaum wahrnehmbare Nuance fungieren. Heute wieder einmal ausprobiert, indem ich etwas Lavendelsirup an die Pflaumenmarmelade getan habe. Die Idee kam mir vorgestern, als ich die leckeren sanftsüßen Pflaumen frisch vom Baume aß. Irgendwie stellte sich bei mir die Idee „Lavendel dazu“ ein, und ich fand das eigentlich sehr sinnig und spannend. Also habe ich es kurzerhand gemacht. Wirklich nur so wenig, dass er kaum wahrnehmbar ist in der fertigen Marmelade, und doch gibt er ein leicht wahrnehmbares Hintergrundaroma. Gefällt mir. Ich habe schon häufiger Versuche in diese Richtung gestartet, wie zum Beispiel eine pikante Waldmeistersuppe auf der Basis von Hühnerbrühe und Weißwein. 


*“Essperimente“ nannte eine junge Dame aus dem Kinderkochclub, den ich damals leitete unsere Versuche, Schmackhaftes herzustellen. Die Kinder waren im Grundschulalter, und wir hatten viel zusammen ausprobiert. Das Foto zeigt Gummibären, die ich letztes Jahr mit zwei Kindern hier im Ort aus Waldmeistersirup hergestellt hatten. Warum sie so rot sind? Ich beschrieb es so: „Eigentlich wollten wir Gundermanngummibärchen herstellen, doch dann wurden es Waldmeistergummibärchen. Gummibärchen mussten sein, denn das hatte ich dem kleinen Mann, der mich Opa nennt, versprochen. Ein Glas unseres selbst hergestellten Waldmeistersirups hatte nicht richtig geschlossen, und dessen Inhalt verwendeten wir. Auf 150 ml Sirup, den wir aufkochten gaben wir 5 g Agar Agar hinzu, und, da uns die Farbe des Sirups etwas blass erschien auch noch einen Schwapp Rote-Bete-Saft. Noch einmal aufkochen, auf Körpertemperatur abkühlen lassen, und in die eingeölten Silikonformen geben. So erhielten wir nach dem Festwerden Gummibärchen, die knallrot waren, doch „grün“, eben nach Waldmeister, schmeckten.“ Es gibt Dinge, die scheinen anders, als sie sind. Lehren fürs Leben.


26. August

Flow - Wie funktioniert das? Letzte Woche hatte ich Plakate drucken lassen für unsere Septemberveranstaltung. Eigentlich hatte ich vor, die ersten schon in Moringen zum Aushang zu verteilen. In der Apotheke war das Fenster voll, gar nicht erst hinein gegangen, im Supermarkt quoll das Aushangbrett über, gar nicht erst daran gedacht. Am Montag war ich Einkaufen in Moringen, hatte aber keine Plakate dabei. Doch gesehen, dass im Fenster der Apotheke wieder Platz war. Heute dann beim einkaufen welche dabei, und heute klappte alles wie am Schnürchen, eines in der Apotheke losgeworden, eines im Zigarettenladen, wo auch gerade wieder Platz frei war, eines am Aushangbrett im Supermarkt, dort in Poleposition. Es klappte heute einfach, und das war erfreulich. Manches lässt sich nicht erzwingen.

Als ich noch in einem Dorf in der Nähe von Bremerhaven wohnte, und mal wieder wenig Geld hatte, zu wenig, um auf den Swutsch nach Bremen mit dem Zug zu fahren, dachte ich daran, mich wenigstens in Bremerhaven an den Weserdeich zu setzen, auch in der berechtigten Hoffnung, dort ein paar Bekannten zu begegnen, und einer bekannten Rockband zu lauschen, die vom Deich aus hörbar ein Konzert gab. Zwar nicht ganz so meine Musik, aber die Aussicht auf Gesellschaft. Meine Lieblingsdisco in Bremen leider unerreichbar wegen Ebbe in der Kasse.

Ich schnappte mir mein Fahrrad, und machte mich auf den Weg nach Bremerhaven. Schon kurz nach dem Ortsausgang musste ich anhalten, denn auf dem Grünstreifen war ein 10-DM-Schein zu finden (so lange ist das schon her!). Das besserte meine Laune erheblich, denn es versprach die Aussicht auf ein paar Bier. So etwa fünfzig Meter weiter, wieder rechts auf dem Grünstreifen, lag dann ein 20-DM-Schein. Ich selbstverständlich wieder runter vom Fahrrad, und auch den mit genommen. Dann bin ich noch einmal ein paar Meter weiter gekommen, bis ich wieder anhalten musste. Denn nun lag da ein 50-DM-Schein. Da dachte ich mir, nachdem ich auch den eingesteckt hatte, dass das ein gutes Zeichen wäre. Ich wendete mein Fahrrad und die Fahrtrichtung und radelte zum nahegelegenen Bahnhof ein Dorf weiter. Dort fuhr gerade der Zug nach Bremen ein. Ich rein da, damals konnte man noch Fahrkarten bar im Zug lösen, und ich hatte schließlich einen vergnüglichen Abend in meiner Lieblingsdisco, und eine nette Frau lernte ich auch noch kennen.

Obige Geschichte klingt zwar etwas unwahrscheinlich, ist mir trotzdem so passiert. An dem Abend klappte einfach alles. So etwas lässt sich auch nicht planen. Wenn etwas in einem solchen Flow geschieht, sollte man einfach der Göttin (oder wem oder was auch immer) ein dickes Dankeschön senden.

Es geschehen Dinge, die sollen so sein. Keine weitere Erklärung

Freitag, 28. August 2026

Deutungen: 22. und 23. August

 


22. August

Die Sonne steht mittlerweile wieder so tief, dass sie im Fenster meiner Klause die facettierte kleine Kristallkugel durchscheint, welche dort hängt. Diese wiederum schickt so angestrahlt Regenbögen in mein Zimmer. Das geschieht eine gewisse Zeit im Frühjahr, und jetzt wieder, wo sich das Jahr dem Herbste zuneigt. Ich erfreue mich daran, besonders, wenn ich die Kugel leicht pendeln lasse, dann entwickelt sich ein Lichtdom aus Regenbogensplittern an Wänden und Decke.

Ich liebe Regenbögen, und ich kann es nicht verstehen, dass einige Menschen beim Anblick einer Regenbogenfahne steil gehen. Steht diese doch für nichts anderes als ein tolerantes Miteinander. Aber vielleicht ist so manch teutonisches Mannsbild davon abgestoßen, da es ihn dann an eigene verborgene Neigungen mahnt. So eine Spekulation meinerseits. In der Bibel ist der Regenbogen ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen. "Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er ist das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde", heißt es im ersten Buch Mose. Nachdem Noah mitsamt seiner Arche nach der Sintflut gelandet war.

„Die ersten Regenbogenfahnen tauchten bereits vor 500 Jahren auf. Im Bauernkrieg 1525 führte der Theologe Thomas Müntzer bewaffnete Bauern an. Als Zeichen ihres Bundes mit Gott und als Symbol ihres Aufstandes trugen sie eine weiße Fahne mit einem Regenbogen.

1913 hatte der US-amerikanische Geistliche James William van Kirk anlässlich des Weltfriedenskongresses eine "World Peace Flag" (Friedensflagge) kreiert mit Regenbogenstreifen, Sternen und einem Globus. Seit 1961 verwendet die Friedensbewegung die Farben des Regenbogens auf ihren Fahnen mit dem weißen Schriftzug "Pace" für Frieden. Dabei sind die sieben Farben von Violett (oben) nach Rot angeordnet, stehen also in Bezug auf den natürlichen Regenbogen kopfüber. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace schmückt die Bordwand ihres "Rainbow-Warrior" Schiffes mit einem Regenbogen.
“ (Christine Süß-Demuth auf der Webseite evangelisch.de)

* * *

Es beginnt die Zeit der großen Ernte, nicht umsonst wurde der Vollmond im August auch der Erntemond genannt. Dieser Zeigt sich am Freitag, dem 28. August in voller Schönheit, und es wird auch eine partielle Mondfinsternis angekündigt. Ich werde dieses Datum wählen, um ein weiteres I Ging zu ziehen.


Vorerst wird geerntet: Gestern waren Vogelbeeren dran, und Zitronenbohnenkraut, vom letzteren harren die von den Trieben abgestribbelten Blätter eingezuckert der heutigen Weiterverarbeitung. Wir hatten gestern auch noch Ingwer in feine Scheiben geschnitten und lagenweise eingezuckert, und die Vogelbeeren gekocht und abgeseiht. Heute sollen dir drei Komponenten zu einem Sirup zusammengeführt werden: Der sich über Nacht gebildete Sirup des eingezuckerten Ingwers wird abgegossen und die Ingwerscheiben kurz durchgekocht, dann abgesiebt, die eingezuckerten Blätter des Zitronenbohnenkrautes ebenso, und dieser Sud wird mit dem des Ingwers und dem der Vogelbeeren und dem Ingwersirup kurz aufgekocht, mit Zitronensaft und eventuell etwas Zitronenschale abgeschmeckt und heiß auf Flaschen gezogen.

Abgekühlt dient dieser Sud als Limonadengrundlage mit Bitternote von den Vogelbeeren, er lässt sich mit Mineralwasser aufgießen, selbstverständlich auch mit Prosecco. Die Vogelbeeren geben ihm auch eine hellorangene Farbe. Die Beeren sind wirklich für Vögel gedacht, sie hängen gut erreichbar an den Zweigenden, leuchtend gefärbt, denn viele Vögel sind Augentiere: „Aber nicht alle Vögel verlassen sich so stark auf ihren Geruchssinn. Viele kleinere Vogelarten, wie zum Beispiel Singvögel, nutzen hauptsächlich ihr Sehvermögen und ihren Hörsinn, um sich zu orientieren und Nahrung zu finden. Ihr Geruchssinn ist weniger ausgeprägt und spielt in ihrem Alltag eine untergeordnete Rolle.

Interessanterweise hat die Forschung gezeigt, dass der Geruchssinn bei Vögeln im Laufe der Evolution unterschiedlich entwickelt wurde. Während einige Arten ihn fast verloren haben, haben andere ihn verfeinert und angepasst, um in ihrer spezifischen Umgebung zu überleben. .
.“ (Dirk Löhe, Webseite „Vögel im Garten“)

Die Vogelbeeren sind roh leicht giftig, geben meinem Limonadenansatz aber eine angenehme Bitternote, außerdem sind sie ein natürlicher Vitamin-C-Zusatz. Am Montag geht es mit den Kindern weiter mit Holunderbeeren, Zwetschgen und Pflaumen stehen an, und mit den Äpfeln geht es auch los. Außerdem lassen die regenreicheren letzten Tage allmählich auf Pilze hoffen. Die Natur schenkt reichlich.

Das Foto oben zeigt Peter Pateter und die Waldlilli inmitten der Vogelbeerernte. Die beiden sind eine Filzarbeit von Judith Zahn-Dahlen aus Fredelsloh, sie dienen als Maskottchen der Wilden Sollingküche, ein Projekt, an dem ich beteiligt bin. Das Foto hat Sonja Fiedler aus Fredelsloh aufgenommen.


23. August

Was ich schätze am I Ging ist, dass es kein lineares Buch ist. Keine Art Roman oder philosophische Abhandlung mit Anfang und Ende, ein Buch, dessen Texte ich mir so langsam „erziehen“ muss mit meinen Schafgarbenstengeln. Und dass mit jeder Ziehung auch noch Varianten zulässt a la „neun auf dem zweiten Platz“. Ich bin nicht der Versuchung erlegen, das Buch von Anfang bis Ende durch zu lesen. Ich werde es mir nach und nach erziehen.

„Sechs auf drittem Platz bedeutet: Hier ist die Kraftquelle nicht im eigenen Ich, sondern in der Beziehung zu andern Menschen. Wenn man auch noch so nahe mit ihnen steht, wenn unser Schwerpunkt auf ihnen beruht, so lässt sich nicht vermeiden, dass man umhergeworfen wird zwischen Freude und Leid. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, das ist das Schicksal derer, die abhängen von der inneren Übereinstimmung mit andern Menschen, die sie lieben. Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen, dass dem so ist. Ob dieser Zustand als lästig oder als höchstes Glück der Liebe empfunden wird, bleibt der subjektiven Beurteilung des Betroffenen überlassen.“, einfacher ausgedrückt: Wer liebt macht sich verletzlich.

Sich verletzlich zu machen bedeutet auch, verzeihen zu können. Auch, um die Liebe fortzuführen. Es bedeutet die Einsicht zu bekommen, dass kein Mensch unfehlbar ist. Einem Menschen, der mir nicht so nahe ist wie ein geliebter Mensch, dem kann ich unverzeihlicher begegnen. Und dabei und damit auf Abstand halten. Eine oft angemessene Reaktion.

Das Lot der Frage pendelt, ist Liebe zwangsläufig („Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen“) mit Abhängigkeit verbunden? Anders: Gibt es einen Unterschied zwischen Bindung und Abhängigkeit? Muss Bindung immer mit Verstrickung einhergehen? Was tun wir in einer Beziehung, wenn unsere Prägungen aufeinanderprallen?

Wer hat ein Gesetz wie postuliert? Wo Gott nicht mehr regiert, herrschen die Naturgesetze. Als wäre „die Natur“ eine Person, die Gesetze erlässt. Ich denke, dass wir uns mit dem Begriff Natur“gesetze“ ganz auf die falsche Fährte begeben haben, die Natur zu verstehen. Und so ähnlich wie die Naturgesetze wird das oben ausgesprochene Gesetz postuliert. Und so wie dort „die Natur“ als der Gesetzgeber (ich wähle hier bewusst die männliche Form, auch wenn Natur eine „die“ ist) fungiert, ist es da auch irgendetwas.

Was ist, wenn wir uns aus den Verstrickungen der Worte befreien? Wenn das Fallen eines Apfels Ausdruck des Wesens der Schwerkraft ist. Ebenso wie das Inbahnhalten von Planeten. Schwere hat die Eigenschaft der Anziehung.

Wie ist das mit dem Lieben eines Menschen? Ich bin mir sicher, dass das auch ohne „himmmelhochjauchzend - zu Tode betrübt“ geht. Dass die innere Übereinstimmung mit einem Menschen etwas anderes ist als Abhängigkeit. Und dass sie funktionieren kann, wenn beider Kraftquelle in etwas Tieferem wurzelt. Daher darf ich mich der Verletzlichkeit preisgeben. "Dein Liebenkönnen ist das, was dem Ganzen einen Sinn gibt". Wir hängen alle von dem ab, was wir lieben, und was uns wiederliebt.

„Verstehen entsteht, wo wahres Hören und wahre Selbstbeobachtung in der Beziehung vorhanden sind. . . . Beobachte dich, wenn du in irgendeinem Ausmaß leidest. Beobachte deine Motive. Beobachte die Tätigkeit der Identifikation. Beobachte die Tätigkeit der Differenzierung. Beobachte die Tätigkeit des Verlangens. Beobachte die sich immer wiederholenden Grundmuster deiner Existenz. . . .Wenn du erkennst, dass du in jedem Augenblick, ob du dich in deiner besten Verfassung oder im denkbar übelsten Zustand befindest, stets nur die Beziehung vermeidest, dann verstehst du.“ (Aus: „Das Knie des Lauschens: Die Meditation des Verstehens“ von Adi Da Samraj)

Donnerstag, 27. August 2026

Deutungen: 19. und 20. August 26

 


19. August

Gedanken dürfen sich kreuzen, Ereignisse auch. Gestern wurde ein neues Modell des Fahrradklingeldeckelxylophons mit Hilfe eines Freundes angefertigt. Das alte ist schon Jahre überfällig, die Plastiktreppe, auf der die Fahrradklingeldeckel drapiert waren, ist schon vor Jahren verschwunden. Nun also aus Holz. Nur drei Tragebretter für jeweils vier Klangkörper statt vier davon. Nun also Zwölftonmusik im Wortsinne. Dann wurden noch die Uhrenglockenstäbe montiert, die vormals auf dem Klangarten, also der Klangschublade, befestigt waren. Das ganze sieht jetzt etwas futuristisch aus. Es soll eines der Musikinstrumente für dingefinders publik art arkestra werden, neben der Grünen Lampe und einer Kiste voll little instruments. „publik art“ weil dieses Instrumentarium vom Publikum bedient werden soll, um die gelesenen Gedichte klanglich zu illuminieren. „arkestra“ ist eine Ableitung von Orchester, die Sun Ra für seine Bandprojekte als Bezeichnung gewählt hatte. Hier steckt das Wort „Arche“ drin, und das gefällt mir auf eine freundliche Weise.

Beim frühmorgendlichen Gang zur Backstube, es sind immerhin vier Kilometer, teils durch Wald, begegnen mir nicht nur verschiedene Tiere und frisch aufgeblühte Blumen, sondern auch gute Gedanken. Das wird wohl korrelieren. Heute war zuerst dunkel, der nahende Herbst lässt grüßen. Da ich eine Straße gehe, die zwar nicht vielbefahren ist, doch wo trotzdem das eine oder andere Auto entgegen kommt, habe ich jetzt wieder Taschenlampe dabei und eine Leuchtweste als modisches Accessoire über der Regenjacke. Ja, Regenjacke brauchte es heute morgen zum Teil. Es war trotzdem ein schöner Gang, und mir begegnete in der Morgendämmerung eine Fledermaus, so spät noch unterwegs. Letzte Woche noch war es an diesem Teil der Straße noch hell, und keine Fledermäuse flogen mehr.

Diese beim Gehen entstandenen kleinen Morgenphilosophien lassen sich so wenig festhalten wie die Fledermaus in der Morgendämmerung. Doch sie wirken in den Tag hinein. Heute kam mir der Weg wieder recht lang vor. Es gibt Morgende, da ist der Weg kurz und fröhlich, als hätte irgendein Waldgeist ein paar hundert Meter vom Weg einfach abgeschnitten. Doch auch wenn es langsamer vorangeht mit dem Zeitvergehen, hat das nicht unbedingt etwas mit Traurigkeit oder Melancholie zu tun. Sind dann wohl einfach von irgendwem ein paar hundert Meter Weg darangeklebt worden.

Noch klingen viele der Gedanken zum I Ging – Orakel vom 8. August nach. Doch so langsam verblasst das, andere Dinge drängen vor. Vieles schwer greifbares. Und vieles ist so komplex, dass es kaum verwörterbar ist. Ein Versuch es trotzdem wert. Auch wenn die Entwicklungen in der Welt eine Geschwindigkeit aufgenommen haben, die atemlos macht. Mit welcher Macht sich in den letzten zehn Jahren Tech-Giganten, Oligarchen, KI – Steuerung, Drohnenkrieg und die Aufteilung der Welt in Verwertungssphären in den Vordergrund geschoben haben, ist für mich manchmal kaum fassbar. Ein Teil von mir lebt noch in der Landkommune in den Achtzigern, ein anderer ist auf der Wanderung, die folgte. Doch lebe ich trotzdem in Gänze in einem Dorf in idyllischer Landschaft, und auf meinen Morgen- und anderen Gängen kommt mir die Welt oft fast paradiesisch vor. Es sind ganz lapidare Dinge, welche dann mit einer Plötzlichkeit glücklich und heiter machen. Mal ist der Schwarzstorch, der aus der taufeuchten Wiese aufsteigt, dann wieder ist es das ätherische Blau der Wegwartenblüten die sich der Sonne darbieten, welche von der Schönheit der Erde sprechen. All diese Kleinigkeiten, wie die paar Triebe vom Gelben Steinklee, die im Vorbeigehen gestreift werden und mit Cumarinduft grüßen. Da fällt mir dann eine Geschichte ein, die ich mit meinem damals drei Jahre alten Sohn erlebt hatte. Es war zur Weihnachtszeit, meine Eltern lebten noch, und hatten zum Familientreffen eingeladen. Mein Sohn und ich hatten uns nach einer Überdosis Verwandtschaft in den nahen Wald verzupft. Damals hatten wir ein Spiel, ein Rollenspiel, ich las ihm am Abend oft aus Peterson Und Findus vor, den Kinderbüchern von Sven Nordquist, und so wurde ich dann zu Peterson und mein Sohn zu Findus.

Wir beide also in den nahen Wald. Es war winterlich kühl, jedoch die Sonne schien, sozusagen eine kühle Wärme um uns, und das Licht war etwas gefiltert durch einen leichten Dunstschleier. Dadurch bekamen eine Pflanzen die Andeutung einen Halo um sie herum, und das Moos auf dem Boden ein sanft smaragdenes Leuchten. Da gerade Weihnachten war hatten wir ein besonderes Augenmerk auf die kleinen Fichten, die in verschiedenen Altersstufen eine Lichtung einnahmen. Wir stellten uns vor, wie diese wohl mit Kerzen und Lametta geschmückt aussehen würden. Bei den ganz kleinen Bäumchen mussten wir lachen bei der Vorstellung, wie sie sich unter der Last nur einer Kerze schon biegen würden.

So gingen wir fröhlich durch diese Welt von Weihnachtsbäumchen, Smaragdmoos und Lichtflitter, mein Sohn wurde fröhlicher und fröhlicher, bis es aus ihm herausplatzte, er mich mit großen Augen ansah und sagte: „Die Welt ist schön! Nicht wahr, Peterson?“


20. August

Wir schauen oft erstaunt auf die großen Konflikte in der Welt, dabei sind sie nur ein Spiegel unserer Konflikte im Kleinen, so geht das weiter hinunter von Stufe zu Stufe, Familie, Freundeskreis, Bekanntenkreis, Dorf oder Stadtteil, Ortsrat, Gemeinderat, Stadtrat, Kreisrat, Landesregierung, Bundesregierung, EU, Nato, Erdteile, Globus: irgendwie sind wir Menschen eine streit- und kriegsüchtige Spezies. Was sich bei uns im Kleinen spiegelt, das ist vergrößert Weltpolitik, Geostrategie. „Du muss geostrategisch denken“, sagte mir einmal jemand in einer politischen Diskussion. Doch warum sollte ich das tun? Das, was geostrategisch gerade läuft, ist Irrsinn. Da werden Ressourcen in kaum vorstellbaren Ausmaß verballert, nur um Ressourcen zu sichern, die dann wieder verballert werden Jede Energieeinsparung, jede umweltfreundlichere Energiegewinnung auf der einen Seite wird geschluckt von Servern für KI und für den Bau von Waffensystemen, Satelitensystemen, Kriegführungen.

Und da oben drohen sich die großen Jungs (meist sind es Jungs, beziehungsweise alte Männer) gegenseitig, scheffeln dabei ungeniert weiter, vergolden Paläste, und lassen sich irgendwie doch gegenseitig in Ruhe. Den Kopf hinhalten muss das Fußvolk.


Dienstag, 25. August 2026

Deutungen: 17. und 18. August 26

 


17. August

Den Neumond des Monates August hatten wir schon am 12. August durchschritten. Wirklich tief bemerkbar hatte er sich nicht gemacht, auch wenn er sogar mit einer Sonnenfinsternis verbunden war. Doch wurde ich wohl abgelenkt von meinem Sinnen über die Ziehung des ersten I Ging mit den neuen Schafgarbenstängeln. Zwei Dinge haben sich da nach hinten verschoben beim Sinnen über die Texte: Die Wandlung der beiden Linien.

Also: „Neun auf fünftem Platz bedeutet:

Er besitzt Wahrheit, die verkettet.
Kein Makel.

Hier ist der Herr gezeichnet, der durch die Kraft seines Wesens alles zusammenhält. Nur wenn seine Charakterstärke so umfassend ist, dass er alle beeinflussen kann, die zu seiner Herrschaft gehören, ist er so, wie er sein muss. Die Suggestivkraft muss vom Herrscher ausgehen. Sie wird alle die Seinigen fest zusammenknüpfen und einigen. Ohne diese Zentralkraft ist alle äußere Einigung nur Lüge, die im entscheidenden Augenblick zerbricht.“

Hier zeigen sich wieder in aller Deutlichkeit die patriarchalen Wurzeln des I Ging. Es mag jedoch auch an der Schwierigkeit einer Übersetzung bestimmter Worte und Sachverhalte liegen. „Die Suggestivkraft muss vom Herrscher ausgehen“, das impliziert, dass ein Herrscher überhaupt Suggestivkraft besitzen muss. Nicht Reinheit der Gedanken und des Handelns zählt, nicht Sichtbarkeit der Lauterkeit des Handelns, nicht eine Losgelöstheit von persönlichen Wertungen in der Außenwirkung und im Bestreben, nein, es zählt: Die Suggestion. In meinem Kosmos ist Suggestion eine Art hypnotische Wirkung auf andere, welche sie willig hinterherlaufen lässt. Das mag im begrenzten Maße „alle die Seinigen fest zusammenknüpfen und einigen“. Was bedeutet, dass jemand überhaupt „Seinige“ haben möchte. Der „Führer“ hatte seine Suggestivkraft vor dem Spiegel geübt, seine Gesten, seine ekstatischen Ausbrüche, seine „tiefen“ Blicke in die Augen anderer.

Eine Welt, die mir fremd ist. Gewiss kann ich eine gewisse Suggestivkraft entwickeln, wenn ich auf der Bühne vortrage. Ich stelle mich hin und lenke mithilfe der Kunst alle Aufmerksamkeit auf mich. Das ist in diesem Moment meine Aufgabe, und es gehört hier hin als ein Teil dessen, was Kunst auf der Bühne vermag. Jedoch: Die Aufmerksamkeit wird mir geschenkt. Und sie sollte nicht über die Zeit auf der Bühne hinaus gehen. „Du hast auch narzisstische Anteile“, sagte eine befreundete Psychologin nach einer Lesung in der Klosterkirche zu mir. „Ja, ich könnte sonst kein Künstler sein“, war sinngemäß meine Antwort. Doch damit werde ich kein amerikanischer Präsident des Jahres 2026. Light off - Jörg ist wieder da.

„Ohne diese Zentralkraft ist alle äußere Einigung nur Lüge, die im entscheidenden Augenblick zerbricht.“, doch nur durch Suggestion erzeugte Einigkeit ist die Lüge selbst. Doch da, wo ich in leitende Position gewählt worden bin, habe ich mich zu öffnen und zu zeigen. Ich möchte um meines Könnens willen gewählt werden. 


„Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Er findet einen Genossen,
bald trommelt er, bald hört er auf.
Bald schluchzt er, bald singt er.

Hier ist die Kraftquelle nicht im eigenen Ich, sondern in der Beziehung zu andern Menschen. Wenn man auch noch so nahe mit ihnen steht, wenn unser Schwerpunkt auf ihnen beruht, so lässt sich nicht vermeiden, dass man umhergeworfen wird zwischen Freude und Leid. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, das ist das Schicksal derer, die abhängen von der inneren Übereinstimmung mit andern Menschen, die sie lieben. Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen, dass dem so ist. Ob dieser Zustand als lästig oder als höchstes Glück der Liebe empfunden wird, bleibt der subjektiven Beurteilung des Betroffenen überlassen.“

Ich bin gerne abhängig von der inneren Übereinstimmung mit den Menschen, die ich liebe. Doch es gibt Kreise der Nähe um mich. Der inner circle sind die, welche mir am nahesten stehen, und da kann und möchte ich duldsam sein, auch dann, wenn ich von ihnen das eine oder andre mal von unbedachten Äußerungen oder ähnlichem verletzt werde. Die Basis einer solchen Beziehung ist die tiefere Übereinstimmung, welche von solchen Äußerlichkeiten nicht tangiert wird. Eine innere Integrität der Beziehung.

Des weiteren schaue ich, wie nahe ich mit mir verbundene Menschen an mein Innerstes heranlasse: Eine Armlänge etwa, oder zwei, oder sogar ganz viel inneren Abstand, gerade genügend Nähe in allen Fällen, dass ein gemeinsames Ziel nicht gefährdet ist. Bei wenigen nur spüre ich, dass kein Abstand vonnöten ist.


18. August

Die Ordnung des I Ging basiert auf einer patriarchalen Gesellschaftsordnung („Könige“, „Herrscher“). Wie sähe denn eine matriarchale Ordnung aus? Es ist ja nicht einfach so, dass es dann statt eines Königs eine Königin gäbe oder statt eines Herrschers eine Herrscherin. Eine Blaupause zu meiner Utopie gibt es:

„Die gesellschaftliche Struktur der Irokesen-Nationen war vom Matriarchat geprägt. Die Kernfamilie spielte nur eine untergeordnete Rolle, weil sie stets nur Bestandteil der Ohwachira (etwa: Großfamilie) war, eines Großhaushaltes, dem Frauen vorstanden . . . Etwa zwanzig bis zweihundert einer solchen Owachira wohnten zusammen in einem Langhaus, familienweise in kleinen Appartements. . . . Die Autorität über ein solches Langhaus als der wichtigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einheit lag bei der ältesten `Ahnmutter`aller Familien, die nur aus den Frauen und Kindern ihrer direkten Nachkommen bestanden . . .

. . .

Die Machtfülle einer Owachira-Matrone und des weiblichen Owachira-Rates, der aus ausgewählten erwachsenen Frauen bestand, war außerordentlich groß, weil der Owachira-Matrone direkt und dem Owachirarat indirekt alle erwachsenen Männer - daruter also auch sämtliche Amts- und Würdenträger unterstanden. Kein einziger der Männer konnte ohne das vorherige Einverständnis des Ohwachira-Frauenrates irgendetwas unternehmen oder beschließen. So waren auch Kriege und jedwede politische Entscheidungen ohne die ausdrückliche vorherige Zustimmung der Frauen möglich.

. . .

Jeglicher Land- und Hausbesitz gehörte kollektiv einer Owachira; nur deren Frauen waren, was das bewegliche Eigentum Verstorbener betraf, erbberechtigt.

. . .

Der Owachira-Frauenrat regelte in offener Abstimmung alle Großfamilienangelegenheiten. Ein Beschluss hatte nur bei Einstimmigkeit Gültigkeit und war deshalb das Ergebnis umfassender Kompromisse. Fraktionelle Meinungsbildung etwa von Gruppen gab es nicht. Übereinstimmungen der Abgeordneten ergaben sich zufällig und wechselten von Problem zu Problem. Jede Einflussnahme auf die Meinungsbildung eines anderen galt als verwerflich, als Ausdruck mangelnder Reife und führte zu Ausschluss aus dem Frauenrat.

. . .

Eine vom Frauenrat einstimmig gewählte oder durch Familienprivileg bestimmte weise Matrone stand dem Frauenrat vor. Sie besaß aber keine Entscheidungskompetenz, sondern fungierte vornehmlich als eine Art Schiedsrichterin, die darauf achtete, dass die äußerst strengen und detaillierten Verfahrensregeln eingehalten wurden. Wenn solche Regeln nicht oder nur unvollständig beachtet wurden, verwies sie die Beratungen in einer bestimmten Sache zum Anfang zurück, oder sie ermahnte, machte Vorschläge. So wurde die Thematik äußerst gründlich von Stufe zu Stufe jeweils bis zur Übereinstimmung der Verhandelnden analysiert, in ihre Interessensbestandteile zerlegt und Punkt für Punkt mit jeweils einstimmigen Entscheidungen abgeschlossen, bis schließlich in einer Gesamtabstimmung das ganze Problem eine einstimmige Beschlussfassung erlaubte, die allen Beteiligten als akzeptabler Kompromiss diente.“ (Heinz J. Stammel, Die Apotheke Manitous, Hamburg 2000, zuerst veröffentlicht 1982, Kapitel „Die Sozialphilosophie der Indianer“)

Soweit erst einmal die Grundzüge einer Konsensdemokratie, ich werde darauf zurückkommen, denn es stecken in dem Konzept noch weitere Details, die Beachtung erfordern. Erst einmal grundsätzlich: Wie sähe meine Handlungsoption als Leitender in einem solchen System aus? Ganz gewiss würde ich ohne manipulierende Suggestionskraft agieren müssen.


Das Bild einer irokesischen Frau ist aus dem Buch Legue of the Ho-dé-sau-nee, or Iroquois von Lewis Henry Morgan (1818  -  1881), New York 1851

Hier gibt es weitere Informationen über den Irokesenbund: Der Irokesenbund als egalitäre Konsensdemokratie


Sonntag, 23. August 2026

Deutungen: 12., 13. und 15. August 26

 



12. August


„Wir werden wohl immer die Wenigen sein“ - Wenn ich von meiner Utopie berichte, dann berichte ich von dem, was ich mir wünschen würde für die Menschen. Ich dränge da nicht nach Verwirklichung, sondern ich forsche in mir selbst, in wie weit ich meiner eigenen Utopie gerecht werde. Diese ist meine Quelle im Pfirsichblütenwald. In Deutschland leben zur Zeit etwa 25% der Menschen dörflich, und davon sind wiederum nur ein paar Handvoll ähnlich gestrickt wie ich. Wir leben verstreut, und das einzige, was wir sagen können, ist: „So wollen wir leben, und dafür stehen wir ein!“

Schon genügend "Ja, aber"- Diskussionen habe ich darüber schon geführt. Darum geht es mir hier nicht. Es geht um meinen eigenen inneren Kompass. Welche meiner Handlungen stehen dem näher, welche entfernen sich weit davon, und inwiefern muss ich Kompromisse eingehen. 

Ich habe keine Pläne in der Schublade, wie wir als 8-Milliarden-Volk auf diesem begrenzten Planeten zusammen leben sollten, oder eher, wie wir zusammen zu einem friedlichen Miteinander kommen. Für mich sind Prioritäten für alle Menschen: Genügend zu Essen, ein Dach über den Kopf, Wärme, Soziales Miteinander, Gewaltlosigkeit. Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Wohlgemerkt: Für alle Menschen. Mithilfe an der und Mitarbeit in der Gemeinschaft für jede und jeder nach seinen und ihren Fähigkeiten. Das alles sollten Selbstverständlichkeiten sein, global. Garantiert und ohne Ausnahme und ohne „Warum?“.

Erst wenn das gewährleistet ist, können wir uns darüber unterhalten, wie wichtig es wäre, dass jede und jeder ein Smartphon, ein Auto, zweihundert Quadratmeter Wohnfläche mit einem Riesenbildschirm im Wohnzimmer und ähnliches haben sollte. Erst wenn sichergestellt ist, dass niemand hungert, obdachlos ist, friert und ohne medizinische Versorgung ist, dann kommt das Verhandeln um den Luxus für alle, so viel Luxus, wie wir dem begrenzten System Planet Erde abgewinnen können ohne die Biosphäre zu zerstören. Und das nicht nur heute, sondern weiterhin, Zukunft inklusive wir haben als Menschheit noch ungefähr drei Milliarden Jahre hier zu verbringen.

So weit für heute. Gleich treffen wir uns, um den entstehenden Kräutergarten zu besprechen, und ich hoffe, dass auch meine Frage nach dem „wie“ eines Baues eines Fahradklingekldeckelxylophons beantwortet wird.

Noch eine kurze Nacherzählung sei erlaubt, während ich in der Küche sitze und warte: Gestern durften wie die erste reife Feige ernten von der Pflanze, die ich vor drei Jahren als kleines Ding kaufte und erst einmal in einen größeren Topf setzte. Nun hat sie zwei Winter im Flur verbracht, in Kürze wird sie in einen größeren Topf verbracht, und darf noch einen Winter inhouse verbringen. Dann werde ich es vielleicht wagen, sie nach draußen zu pflanzen, an einer warmen Südwand. Die Sorte ist „Brown Turkey“, und sie gilt als eine der winterhärtesten und reichtragensten überhaupt. Zu Feigen ließe sich einiges sagen. Erst einmal: Ich liebe Feigen. Ein Grund, warum ich eine her geholt habe. Nun ist sie erst einmal ein Gehölz mit Feigenblättern („Das Feigenblatt ist das Blatt der Feigen“, wusste Joachim Ringelnatz dazu zu sagen), und süßen Früchten. Sie ist eine der am frühesten domestizierten Nahrungspflanzen.

Das Befruchtungsgeschehen der Ficus carica ist kompliziert, und ich verkürze den Bericht hier mit der Information, dass dabei Feigengallwespen eine Rolle spielen. Für meine Brown Turkey ist das unwesentlich, da die Sorte selbstfruchtbar ist.


13. August

Zeichen lesen lernen

Ein Zeichen durfte ich heute morgen schon lesen lernen. Ich habe ein kleines Büchlein über die christlichen Zeichen aus einem Bücherkarton „zum Verschenken“ gezogen. Anlässlich meines heutigen Themas wollte ich darin lesen. Nun ist es verschwunden. Eine halbe Stunde mit der Suche verbracht, doch ist es nicht mehr auffindbar. Obwohl gestern noch in der Hand gehabt. Waren wohl die Muklas oder andere kleine koboldartige Hausgeister. Ist damit wohl heute noch nicht an der Reihe.

Die Feige. Monika Helmke Hansen schreibt dazu: „Schöpferische Idee und Bestimmung - Obwohl sie eine recht extravagante und wohlschmeckende Frucht ist, kann ich die schöpferische Idee der Feige leider auch heute nur als ungut beschreiben. So steht sie weder für eine heilende noch irgendeine spirituelle Kraft, um dem Menschen in seiner Entfaltung zu dienen.

Die Feige macht nicht nur dick, plump, ungefällig und unfrei - ich sehe vor meinem geistigen Auge wie zur Unterstreichung ein Tier, ähnlich einem Schakal -, sie macht auch noch lügnerisch.


Natürlich kannst du gelegentlich Feigen essen, wenn dir danach ist, und sie dann auch genießen, denn dogmatisch wollen wir auf keinen Fall sein. Nur würde ich die Feige nicht gerade zu einer Früchtekur oder zur Abnehmdiät nehmen.“ (Monika Helmke Hansen, Die Botschaft der Früchte - Heilkräftige Helfer in der Zeitenwende, Freiburg 1998)

Dagegen die Meinung von einer anderen Frau zur Feige, Luisa Francia: „Feigen - stärken die sinnliche Kraft der Frauen und die Abwehrkräfte, Frische Feigen sind ein beinahe nicht zu übertreffendes Heilmittel.“ (Luisa Francia, Das magische Kochbuch, Rezepte und Geheimnisse von weisen Frauen, München 2001)

Diese beiden widersprüchlichen Worte zu ein und derselben Frucht. Ich lasse das erst einmal einwirken.


15. August

Zurück zu der Feige und den zwei Frauen, die sich darüber äußerten. Monika Helmke Hansen schreibt: „GÖTTIN NATUR danke ich glücksstrahlend für alle Geschenke: für das Wissen, das sich mir öffnet wie ein stetig stärker werdender Strom, der seine Kraft aus vielen Seitenarmen erhält - damit ich auch dein Wissen durch Resonanzen freilege; für ihren Atem, den Geistwind, der mich durchströmt - damit auch du zunehmend aus diesem gemeinsamen Strom atmen kannst; für die Befreiung, die Sie mir schon geschenkt hat und weiter schenken wird - damit ich sie an dich weitergebe; für die zunehmende Freude, die Sie mir schenkt, einfach darüber, dass ich bin! Wie gerne will ich die neue Lebensfreude an dich weiterverströmen!“ (Die nicht kursiven Wörter im Text sind im Original kursiv geschrieben) (Monika Helmke Hansen, Die Botschaft der Früchte - Heilkräftige Helfer in der Zeitenwende, Freiburg 1998)

Luisa Francia über sich: „jahrelang lang fuhr ich mit meiner tochter kreuz und quer durch afrika, später zog ich allein los, um die magie der fetischpriesterinnen von ghana und der mamissis von togo, nigeria und benin zu studieren, ich wohnte bei einem zeichenfänger der ewe in benin und bei yorubapriesterinnen, um die voodoo-religion zu verstehen. ich verbrachte viel zeit mit tuaregs in der sahara, wo die frauen trommeln und sich am donnerstag abend die männer aussuchen, mit denen sie eine woche oder länger zusamensein wollen. ich traf scharlatane, nieten, weise frauen, sogar zwei weise männer. dann fuhr ich sieben jahre lang nur nach indien, nepal und tibet, ich zog allein barfuss durch das himalayagebirge, schlief bei bergbewohnern auf dem hausdach oder bei berggöttinnen auf dem schoss. das gehen allein half mir mein lied zu finden und mein eigenes universum zu spüren. seit ein paar jahren beschäftigt mich das konzept von zeit und raum. die gemessene zeit, die empfundene zeit . . .“ (Webseite Salamadra.de von Luisa Francia)

Die Botschaft der Früchte, die Monika Helmke Hansen verbreitet, basiert unter anderem auf den vierzehn Nothelfern, welchen verschiedene Früchte zugeordnet sind. (Unter anderem auch die Banane, eine Frucht, der ich kaum etwas abgewinnen kann). Wobei die vierzehn Früchte nicht jeweils einem Nothelfer zugeordnet sind. Zum Verständnis: „Die Vierzehn Nothelfer sind vierzehn Heilige aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert. Die Gruppe besteht nach der sogenannten Regensburger Normalreihe aus drei weiblichen und elf männlichen Heiligen, von denen alle bis auf den heiligen Ägidius als Märtyrer starben. Abweichend davon gibt es regionale Varianten. In der katholischen Kirche werden die Nothelfer als Schutzpatrone im Gebet angerufen. In der evangelischen Kirche gelten sie allgemein als Vorbilder im Glauben, sofern sie überhaupt dort bekannt sind.“ (Wiki)

Die vierzehn Nothelfer sind ein Konstrukt der christlichen, vornehmlich der katholischen Kirche. Mag es daher kommen, dass die Feige so schlecht wegkommt? Oh, sinnliche Verführerin!. Mir geht es hier nicht darum, Monika Helmke Hansen bloßzustellen, sie hat ihr Konzept gefunden. Es geht um Deutungen, und hieran kann ich einmal exemplarisch vorstellen, wie das persönliche Hintergrundrauschen die Deutungen beeinflusst. Das ist genauso beim I Ging, beim Kartenlegen, beim Deuten von Zeichen allgemein. Ich muss mich lesen lernen.  

Ich liebe Feigen. In Nordwestspanien, Galicien, lebte ich eine Zeit, neben meinem Häuschen befand sich ein Feigenbaum. Zu der Zeit, als ich dort wirkte, trug er gerade reife Früchte, und ich naschte jeden Morgen davon. Dieses kleine Ritual bleibt mir in guter Erinnerung. Wohl auch ein Grund mit, dass ich mir das Feigenbäumchen kaufte. Und schon in jungen Jahren schrieb ich folgendes Gedicht (in meinem Zyklus „Wanderer“):

Ende des Wanderns

Am Ende des Weges
treffen wir uns unterm Feigenbaum.
         -  ein Feigenbaum
             so groß wie ein Berg -

Ein schlängelnder Pfad
führt in das Dorf aus dem Traum,
und wenn der Wanderer naht,
sieht er Menschen fröhlich am Werk,
sieht er Hühner scharren im Sand,
hört er die Hähne krähn,
und über weißen Wolken
wird ein Regenbogen stehn.

Im übrigen mag ich den Ansatz von Monika Helmke Hansen, den Früchten, der Nahrung überhaupt, Deutungen zu unterlegen. Ich habe dem Buch von ihr einige anregende Gedanken entnehmen können. Nicht nur das Auge, auch der Geist isst mit. Es müssen ja nicht unbedingt die vierzehn Nothelfer sein, denen ich die Früchte zuordne.