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Montag, 8. Mai 2023

Gary Snyder wird heute 93 Jahre alt

 



Gary Snyder aka Japhy Ryder in Jack Kerouacs „The Dharma Bums“ wird heute 93 Jahre alt. Er ist einer der Begründer der Beat Generation, bevor diese das große Ding wurde, verabschiedete er sich 1956 für acht Jahre nach Japan, um Zen-Buddhismus zu studieren.


Was nun Dichter angeht


Was nun Dichter angeht,
die Erd-Dichter,
die kleine Gedichte schreiben,
brauchen Hilfe von niemand.

***

Die Luft-Dichter
wettern die schnellsten Stürme
und räkeln sich manchmal in Prielen.
Anrollend
bricht sich Gedicht auf Gedicht.

***

Bei fünfzig Grad unter Null
fließt kein Brennstoff
und Propan bleibt im Tank.
Feuer-Dichter
verbrennen am absoluten Nullpunkt
wieder hochgepumpte Fossil-Liebe.

***

Der erste Wasser-Dichter
blieb sechs Jahre unten.
Er war mit Seetang bedeckt.
Das Leben in seinem Gedicht
hinterließ Millionen winziger,
verschiedener Spuren,
die im Schlick durcheinander liefen.

***

Mit der Sonne und dem Mond
im Bauch
schläft
Der Raum-Dichter.
Himmel ohne Ende –
Aber seine Gedichte fliegen
wie Wildgänse
über den Rand.

***

Ein Kopf-Dichter
bleibt im Haus.
Das Haus ist leer,
und es hat keine Wände.
Das Gedicht
wird von allen Seiten gesehen,
überall,
sofort.

Übersetzung von Klaus Martens

"In unserer Zeit der Lightshows, der riesigen Kinoleinwände und quadrophonischen Klangsysteme ist es erstaunlich, dass immer noch Leute kommen, um einem einfachen, gewöhnlichen, `unverstärkten´ Menschen zuzuhören, der nichts weiter als Sprache und Stimme benutzt. Das zeigt doch, dass sie die Dichtheit, die Eleganz und die grenzenlose Vielfalt von Bildern schätzen, die aus dieser Kunst, die man Dichtung nennt, hervorgehen: die Kunst, Sprache zu destillieren und ihr Maß zu geben." Gary Snyder, aus: Landschaften des Bewusstseins, Gespräche und Reden, Trickster Verlag, München 1984


Sonntag, 19. Februar 2023

Im Frieden der wilden Dinge - Nachdichtung eines Poems von Wendell Barry

 



Eine Nachdichtung eines Gedichtes von Wendell Barry. Ich schreibe mit Absicht Nachdichtung und nicht Übersetzung, denn ich bin der Meinung, dass sich der gesamte lyrische Gehalt eines Gedichtes nicht eins zu eins übersetzen lässt, allenfalls nachempfinden.

Im Frieden der wilden Dinge

In manchen Nächten wächst eine große Trauer in mir,
mich lässt der kleinste Laut vor den Fenstern aufschrecken,
und die Sorge um unser aller Leben in dieser Welt nimmt überhand.
Dann stehe ich auf von meiner Bettstatt und folge den Wegen
in die nahegelegenen Wälder, wo die wilden Enten und die
schweigsamen Reiher wohnen an den stillen Waldweihern.
Wesen, die ihr Sein nicht in vorauseilender Trauer leben.
Über mir das sanfte Blinzeln der Sterne in ruhender Nacht,
besänftigend mit ihrem Licht. So ruhe ich eine Zeit
in der Gnade einer älteren Erde, und befreit von der
eben noch so übermächtigen Furcht lenke ich meine
Wege wieder heimwärts.

The Peace of Wild Things

When despair for the world grows in me
and I wake in the night at the least sound
in fear of what my life and my children´s lives may be,
I go and lie down where the wood drake
rests in his beauty on the water, and the great heron feeds.
I come into the peace of wild things
who do not tax their lives with forethought
of grief. I come into the presence of still water.
And I feel above me the day-blind stars
waiting with their light. For a time
I rest in the grace of the world, and I am free.

Aus: Wendell Berry - The Peace of Wild Things and other poems, Penguin 2018 Copyright by Wendell Berry 2012

Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa so: Im Frieden der wilden Dinge
Wenn die Verzweiflung um die Welt in mir wächst,
und ich wache in der Nacht beim geringsten Laut auf,
in Furcht davor, was aus meinem Leben und dem meiner Kinder werden mag,
dann gehe ich, lasse mich dort nieder, wo die Brautente
ruht in ihrer Schönheit auf dem Wasser, wo der Große Reiher sich labt.
Ich komme in den Frieden der wilden Dinge,
die ihr Sein nicht in vorauseilender Trauer leben.
Ich komme in die Gegenwart von stillem Wasser
und ich spüre über mir die tagblinden Sterne,
wartend mit ihrem Licht. Eine Zeit lang
ruhe ich in der Gnade der Welt, und ich bin frei.

Wendell Berry, geboren am 5. August 1934 in Henry County, Kentucky ist ein US-amerikanischer Essayist, Dichter, Romancier, Umweltaktivist und Landwirt. Ihn verbindet eine langjährige Brieffreundschaft mit dem Lyriker und Essayisten Gary Snyder. Wendell Berry engagiert sich für ökologischen Landbau und dafür, den Beitrag, den eine landwirtschaftliche Kultur mit kleinbäuerlichen Strukturen zur Kultur als Ganzer leisten kann, ins Bewusstsein zu rufen. Er ist ein dezidierter Gegner von agrarindustrieller Bodenbewirtschaftung, monokulturellem Anbau, Massentierhaltung und Atomindustrie.

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)

Mittwoch, 8. Februar 2023

Zum Andenken an Neal Cassady

 

               

Am 8. Februar 1926 wurde Neal Cassady geboren, die männliche Muse der Beat Generation, die Ende der Fünfziger bis weit in die Sechziger des letzten Jahrhunderts überall dabei war, wo es wild und bunt war. Cassady selbst hat nur ein einziges Buch, den autobiografischen Roman The First Third verfasst, der postum veröffentlicht wurde, da er selbst keinen Wert auf Veröffentlichung legte.
1946 lernte er an der Columbia University Jack Kerouac und Allen Ginsberg kennen. Er war der Fahrer des Autos, mit dem er und Jack quer durch die USA reisten. Jack mochte nicht selber fahren. Dafür schrieb er auf dieser Fahrt seinen Roman On the Road.
Mit Ginsberg und Charles Plymell (Ein weiterer Autor und Verleger der Beat Generation) lebte Cassady in den 1960er Jahren in einer Wohngemeinschaft. Cassady hatte einen großen Einfluss auf die Beatniks, speziell auf Kerouac. Seine Art zu reden wurde Vorbild für Kerouacs Prosastil. Zudem war er der Protagonist einer Vielzahl von dessen Büchern, so zum Beispiel als Dean Moriarty in Kerouacs bekanntestem Werk On the Road, als Cody in Visions of Cody sowie als literarische Figur in Dharma Bums, Big Sur und Desolation Angel.
Allen Ginsberg, erwähnte ihn in seinem bekanntesten Gedicht Howl als „N.C., secret hero of these poems...“. Er ist auch einer der Protagonisten in Tom Wolfes Buch The Electric Kool-Aid Acid Test. Die Band Grateful Dead besang ihn als Cowboy Neal in The Other - Ken Kesey schrieb in The Day After Superman Died über den Tag, an dem er die Nachricht vom Tode Cassadys erfahren hatte.
Nachdem sich Kerouac früh „zur Ruhe setzte“, schloss sich Cassady in den frühen 1960ern Ken Keseys Merry Pranksters an, den Vorläufern der Hippie- und Psychedelic-Bewegung. Er war der Fahrer des Busses Further, der die Merry Pranksters quer durch die USA von Acid Test zu Acid Test brachte, zusammen mit einer wilden Truppe, zu denen auch die Musikertruppe The Warlocks gehörte, die sich später in Grateful Dead umbenannten.
Am 4. Februar 1968 war sein wildes Leben zu Ende, er starb in San Miguel de Allende, Mexiko.

Montag, 30. Januar 2023

Jack Karouac: Blues and Haikus

 

             


Jack Karouac: Blues and Haikus

Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die mittlerweile weltweit verbreitet ist. Japanische Haiku bestehen aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Silben. Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Vor allem traditionelle Haiku geben eine Jahreszeit an. Als Wesensmerkmal gelten auch die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen. Im Text wird nicht alles gesagt, Gefühle werden nur selten benannt. Sie sollen sich erst durch die aufgeführten konkreten Dinge und den Zusammenhang erschließen. Soweit und in aller Kürze (es ließe sich so viel mehr darüber schreiben) über den oder das Haiku.

Der amerikanische Schriftsteller Jack Karouac (1922 - 1969), bekannt vor allem durch seinen Roman On the road, und einer der wichtigsten Vertreter der Beat Generation, hat neben anderem auch Haikus geschrieben. Erhalten geblieben ist ein Tondokument auf Schallplatte, Blues and Haikus, von 1959, auf dem Jack Karouac 34 seiner Haiku vorträgt, jeweils gefolgt von einem kurzen Saxophonsolo von Zoot Sims oder Al Cohn. Ein faszinierendes Zeitdokument, das die Intentionen der Beat-Dichterinnen und -Dichter wieder auferstehen lässt.

Ich habe es mir nun erlaubt, diese 34 Haiku nachzudichten. Nicht zu übersetzen, nein, denn ich glaube, dass Lyrik dieser Art, die aus dem Augenblick entstanden ist, nicht zu übersetzen ist. Daher nenne ich meine Eindeutschungen Nachdichtungen.

Anders als Kerouac, der seine Haiku als Kurzgedichte schrieb, als Schnappschüsse aus Worten, habe ich bei meinen Nachdichtungen die Wortgruppenzählung von 5-7-5 Silben benutzt. Eine reizvolle Aufgabe. Hier also sind sie, 34 Haiku, amerikanisches Englisch und Deutsch:

Haiku 1

In my medicine cabinet
The winter fly
Has died of old age

Dort, mein Arzneischrank,
darin die Winterfliege,
schon alt, sie verstarb.

Haiku 2

Well here I am 2 PM
What day is it

Nun, hier bin ich.
Es ist vierzehn Uhr. Jedoch:
welcher Tag ist es?

Haiku 3

The tree looks like a dog
Barking at heaven

Einem Hunde gleich
dort der Baum, so sehr gleich, hör
Bellen am Himmel

Haiku 4

Prayer beads on the holy book
My knees are cold

Gebetsperlen auf
dem heiligen Buch, spür es:
Meine Knie sind kalt

Haiku 5

In the morning frost,
The cats step slowly

Im Frost des Morgens,
Die Katzen, so behutsam,
sie treten leis auf

Haiku 6

No telegram today,
Only more leaves fell

Kein Telegramm heut,
keinerlei Nachricht, fielen
nur mehr Blätter heut

Haiku 7

Castles of the Gandharvas
Is full of aging young couples

Die Wohnstätten der
Gandharvas: Paare nun dort,
so jung geblieben

Haiku 8

Early morning, yellow flowers
Thinking about the drunkards of Mexico

Am frühen Morgen,
gelbe Blüten gedenken
der Trinker Mexikos

Haiku 9

The national scene
Late afternoon sun in those trees

Szene, national:
Späte Nachmittagssonne
in diesen Bäumen

Haiku 10

Nightfall
Boy smashing dandelions with a stick

Dämmerung, ein Bub
zerschlägt die Pusteblumen
mit einer Gerte

Haiku 11

Holding up my purring cat to the moon,
I sighеd

Meine Katze schnurrt
zum Monde hochgehalten,
Ich seufzte leise

Haiku 12

August moon
Oh! I got a boil on my thigh

Du Mond im August,
Oh! Es wuchs eine Beule
auf meinem Schenkel

Haiku 13

Drunk as a hoot-owl
Writing letters by thunderstorm

Trunken wie eine
Eule schreibe ich Briefe
im Gewittersturm

Haiku 14

All-day long
Wеaring a hat
That wasn't on my head

All die Tage lang
trug ich diesen Hut, der nicht
auf meinem Kopf war

Haiku 15

Beautiful young girls
Running up the library steps
With shorts on

Jung und schön sind
die Frauen, in Shorts hinauf
zur Bibliothek

Haiku 16

Crossing the football field
Coming home from work
The lonely businessman

Einsamer Kaufmann,
nach der Arbeit nach Haus
quert er den Bolzplatz

Haiku 17

Useless, useless
Heavy rain
Driving into the sea

Sinnlos, so sinnlos,
Sturzbach des Regens, eilends
auf Fahrt in das Meer

Haiku 18

After the shower
Among the drenched roses
The bird
Thrashing in the bath

Nach dem Sturzbach die
durchnässten Rosen laden
den Vogel zum Bad

Haiku 19

The little worm
Lowers itself from the roof
By a self-shat thread

Am eignen Faden
spinnt sich die kleine Made
hinab vom Dache

Haiku 20

Snap your finger!
Stop the world!
Rain falls harder

Ein Fingerschnippen!
Zeit, die Welt anzuhalten!
Regen fällt härter

Haiku 21

Nightfall
Too dark to read the page,
Too cold

Dämmerung, es ist
zu dunkel, diese Seite
zu lesen, zu kalt

Haiku 22

In my medicine cabinet
The winter fly
Has died of old age

Im Medizinschrank
die Winterfliege, heute
starb sie altersschwach

Haiku 23

Following each other,
My cats stop
When it thunders

Nach und nach inne-
haltend meine Katzen, sind
vom Donner berührt

Heiku 24

Spring evening
The two eighteen-year-old sisters

Abend im Frühling,
achtzehn Jahre alt, beide
Schwestern, noch so jung

Haiku 25

The postman is late
The toilet window is shining

Spät heut der Postmann,
das Fenster im Bad glänzt schon
im Lichte des Tags

Haiku 26

Wash, hung out by moonlight
Friday night in May

Zum Trocknen gehängt
die Wäsche in das Mondlicht,
Freitag Nacht im Mai

Haiku 27

Empty baseball field
A robin
Hops along the bench

Entlang der Bänke
am leeren Baseballfelde
spielt das Rotkelchen

Haiku 28

Blackbird
No!
Bluebird
Branch, still jumping

Schwarzdrossel, nein, nein!
Blauvogel, Hüttensänger
springt durch das Gezweig

Haiku 29

My rumpled couch
The ladies voice next door

Das Bett ungemacht,
ich lausche der Stimme der
Frau von nebenan

Haiku 30

The bottoms of my shoes
Are clean
From walking in the rain

Meiner Schuhe Sohlen,
sie sind gesäubert durch das
Gehen im Regen

Haiku 31

Bee
Why you staring at me
I'm not a flower?

Was schaust du mich an,
kleine Biene? Ich bin doch
keine Blüte, nein!

Haiku 32

The barn
Swimming in a sea of
Windblown leaves

Die Scheune verschwimmt
in einem Meer von Blättern,
windverweht treibend

Heiku 33

Glowworm
Sleeping on this flower
Your light's on!

Glühwürmchen, sie
schlafen auf dieser Blume.
Leuchtend ihr Licht!!

Heiku 34

Spring night
A leaf
Falling from my chimney

Diese Frühlingsnacht
segelte fallend ein Blatt
von meinem Schornstein

Paul Geneson: Kerouac redet viel über die Idee der Spontaneität: über „spontanes Zurechtkommen“, über die „spontane Begegnung mir dem Unbewussten“. Empfindest du auch so, wenn du dichtest?

Gary Snyder: Das ist nur ein Teil davon. Spontaneität ist schön, und Jacks Haikus gehören in Mexico City Blues gehören zu den schönsten Gedichten in englischer Sprache.

Aus einem Interview mit Gary Snyder von Paul Geneson, Sommer 1976, für die Ohio Review, aus: Gary Snyder, Landschaften des Bewusstseins, Gespräche und Reden, aus dem Amerikanischen von Christine Kapfer, Trickster Verlag, München 1984