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Montag, 6. März 2023

Vom Dingefinden

 



Vom Dingefinden

Wenn wir modernen Menschen von den Sammlerinnen und Jägern abstammen, dann ist das Dingefinden wohl eine der ältesten menschlichen Tätigkeiten. Vom Finden nützlicher Dinge hing lange Zeit unser Überleben ab.

Vielleicht erfreuen uns deshalb eine schöne, gefundene Vogelfeder oder selbstgesammelte Waldfrüchte für eine leckere Sommermarmelade mehr, als viele schnell gekaufte Dinge.

Kinder können sich an den kleinen gefundenen Dingen des Alltags immer wieder aufs Neue erfreuen und sie haben die Fähigkeit, im Spiel die Zeit völlig zu vergessen.

Das Gehen und dabei Dinge finden ist wohl die erste Meditationsform der Menschen. Ganz in der Gegenwart verhaftet, im stillen Gespräch mit der Umgebung, mit wissendem Blick um die Dinge und mit offenem Ohr für die Klänge der Landschaft wird die Welt eine Wunderwelt, in der alles seine Bedeutung hat.

Die Menschen der Sammlerinnen- und Jägergesellschaften brauchten für ihren unmittelbaren Lebensunterhalt im Durchschnitt zwanzig Stunden die Woche zu arbeiten.

Daher hatten sie genügend Zeit, in Handarbeit wundervolle Kunstwerke zu schaffen und sich geduldig um ihre Kinder zu kümmern.

Mir ist noch nie ein Kind begegnet, welches aus freien Stücken hässliches Plastikspielzeug herstellt. All das Zeug wird von Erwachsenen produziert, die ob dieser „produktiven“ Tätigkeit keine Zeit mehr haben, die kleinen Dinge zu sehen, welche Kinder immer noch begeistern können: Steine, Federn, Muschelschalen, Glasscherben. Natürlich wollen die Kinder auch den bunten Plastiknippes besitzen. Dass er Geld kostet, und nur dazu gemacht ist, den Leuten Geld aus den Taschen zu ziehen, dafür können sie nichts. Oft werden sie aber von den Erwachsenen dafür gerügt, dass sie den Talmi haben wollen, den die Erwachsenen extra für sie hergestellt haben.

Kinder erfreuen sich an Erwachsenen, die Zeit haben und Dinge finden können. Seligkeit.


Ich suche nicht - ich finde

Suchen, das ist Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem. Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen,
und was gefunden wird, ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer.
Die Ungewissheit solcher Wagnisse
können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die im Ungeborgenen sich geborgen wissen, die in der Ungewissheit,
der Führerlosigkeit geführt werden,
die sich vom Ziel ziehen lassen
und nicht selbst das Ziel bestimmen.

Pablo Picasso


Zu der Grafik oben gibt es eine Geschichte: Es ist schon länger her, dass ich im Rahmen eines Kinderferienprogrammes eine Woche zum Thema "Indianer" anbot. Da waren dann zwölf Kinder, Jungen und Mädchen, auf dem Gelände unseres Erlebnisgartens, und waren ganz erstaunt, dass es nicht um "wowowow" und prachtvollen Federschmuck ging, wie sie es sich vorgestellt hatten, wild und romantisch; sondern dass ich ihnen das Leben der Indianer, die in den großen nordamerikanischen Waldgebieten lebten, näher bringen wollte, anhand der Sitten und Gebräuche dieser Sammlerinnen- und Jägervölker. Wobei der Schwerpunkt in dieser Woche auf dem Sammeln beruhte.

Der erste Tag begann mit einer Namenssuche, wir brauchten ja einen indianischen Namen für jedes, und ich erzählte, dass bei diesen Völkern die Kinder zur Geburt einen vorläufigen Namen bekämen, und dann, im späteren Alter sich auf eine Namenssuche begeben müssten. Die Kinder meiner Gruppe waren im Alter von neun bis zwölf Jahren, also eigentlich noch etwas zu jung für eine Namenssuche, die bei diesen Völkern im Alter von vierzehn Jahren stattfand.

Statt also zu warten, bis alle vierzehn Jahre alt waren, um dann für drei Tage alleine im Wald zu verbringen mit Fasten, bis ihnen die Ahnung ihres neuen Namens zugetragen wurde, verkürzte ich das Procedere. Wir gingen in den nahegelegenen Wald, und die Aufgabe war, dass jede und jeder für sich ginge, bis er oder sie einen auffälligen Gegenstand fände, der mitgenommen werden konnte. Anhand dieses Gegenstandes sollte dann abends im Plenum gemeinsam besprochen werden, wie der neue Name wohl wäre.

Ein zwölf Jahre altes Mädchen war dabei, das aus schwierigen familiären Verhältnissen kam. Sie wollte partout nicht alleine in den Wald, also hängte sie sich an mich, und wir gingen gemeinsam. Sie war nicht gerade positiv sich selbst gegenüber eingestellt, um es einmal etwas sanfter zu sagen. Und sie fand auch nichts, was ihr auffiel, außer einem Haufen Hundekacke, und sie sagte: "Dann heiß ich eben Hundekacke!" Was ich selbstverständlich nicht gelten ließ.

Auf dem Rückweg zu unserem Lager wurde sie dann doch etwas unruhig, und letztlich sammelte sie ein am Wegrand liegendes Efeublatt, schon etwas angewelkt, und daher nicht rein grün, sondern auch etwas begilbt an den Seiten, für sich ein.

Abends saßen wir dann um das Feuer im Kreis, und besprachen unsere Fundstücke. Ich wollte, dass nicht nur ein Namen anhand der Fundstücke gefunden wurde, sondern dass auch ein kleiner Merksatz mit diesem Namen verbunden wurde. Als nun die Reihe an das Mädchen kam, dass zuerst einmal "Hundekacke" heißen wollte, hielt sie ihr gefundenes Efeublatt in die Höhe. Den Kindern fiel auf, dass das Blatt die Form eines Sternes hatte, wenn auch nicht ganz symmetrisch. So bekam das Mädchen dann den Namen "Sternblatt" in unserem temporären Stamm. Und ein Merksatz wurde auch gefunden: "Ich heiße Sternblatt, weil mich jemand gern hat".

Für den Rest der Woche war Sternblatt wie verwandelt. Positiv und fröhlich. Ich hoffe, dass das über diese Freizeit hinaus getragen hat.


Freitag, 3. März 2023

Vom Beschneiden der Flügel

 



Vom Beschneiden der Flügel

Wir beschneiden dir die Flügel, Pegasus,
so wie wir es gelernt haben,
so wie wir beschneiden die Flügel
bei unseren Hühnern, denn
freilaufend sind sie, das ist jetzt
die Mode, wir beschneiden die Flügel,
so wie wir es gelernt haben:
Den einen beschneiden wir etwas,
den anderen noch kürzer, das
nennt man asymetrisch, das ist
modern, so fliegen sie im Kreis,
Pegasus, so wie wir es gelernt haben.

Das Beschneiden der Flügel, Pegasus,
so wie wir es gelernt, Pegasus, dann
laufen sie frei, die Hühner, und fliegen
im Kreise, asymetrisch, das Beschneiden
der Flügel, so wie wir es gelernt,
das haben wir verinnerlicht, das ist
uns zweite Natur, so laufen wir frei, denn
wir wollen, dass du anders bist,
denn jeder Mensch ist anders, das haben
wir gelernt, denn so laufen wir frei, gelernt
ist gelernt, jeder Mensch ist anders,
sagen wir, gelernt ist gelernt, jeder
hat ein Recht auf anders.

Wir beschneiden die Flügel, Pegasus,
denn so laufen wir frei, und fliegen im Kreise,
asymetrisch, so nennt man das,
das ist jetzt die Mode, denn
so anders anders, das ist nicht anders,
Pegasus, wir beschneiden
die Flügel, das haben wir gelernt,
das fliegt nur im Kreise, der eine kurz,
der andere noch kürzer,
Pegasus, denn wer die Lehrbücher liest,
der ist ein Wissender, das haben wir gelernt,
so anders, wir nennen es asymetrisch,
denn dann laufen wir frei, und sei einmal
ehrlich mit dir: Wo schon gibt es ein Pferd
mit Flügeln in der Natur. Nichts davon steht
in unseren Lehrbüchern, so anders anders.
Gelernt ist gelernt.

Das Bild „Pegasus“ ist von Jerzy Hulewicz Dziewczyna (1886 - 1941), im von den Deutschen besetzten Warschau gab er im Untergrund Zeitschriften heraus. Er starb unerwartet in Warschau. Die meisten seiner Werke fielen während des Warschauer Aufstandes 1944 den Flammen zum Opfer.

Mittwoch, 1. März 2023

Novalis - Aus: Die Lehrlinge zu Sais

 


Novalis – Aus: Die Lehrlinge zu Sais

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.

Von weitem hört ich sagen: die Unverständlichkeit sei Folge nur des Unverstandes; dieser suche, was er habe, und also niemals weiter finden könne. Man verstehe die Sprache nicht, weil sich die Sprache selber nicht verstehe, nicht verstehen wolle; die echte Sanskrit spräche, um zu sprechen, weil Sprechen ihre Lust und ihr Wesen sei.

Nicht lange darauf sprach einer: »Keiner Erklärung bedarf die heilige Schrift. Wer wahrhaft spricht, ist des ewigen Lebens voll, und wunderbar verwandt mit echten Geheimnissen dünkt uns seine Schrift, denn sie ist ein Akkord aus des Weltalls Symphonie.«

Von unserm Lehrer sprach gewiss die Stimme, denn er versteht die Züge zu versammeln, die überall zerstreut sind. Ein eignes Licht entzündet sich in seinen Blicken, wenn vor uns nun die hohe Rune liegt, und er in unsern Augen späht, ob auch in uns aufgegangen ist das Gestirn, das die Figur sichtbar und verständlich macht. Sieht er uns traurig, daß die Nacht nicht weicht, so tröstet er uns, und verheißt dem emsigen, treuen Seher künftiges Glück. Oft hat er uns erzählt, wie ihm als Kind der Trieb die Sinne zu üben, zu beschäftigen und zu erfüllen, keine Ruhe ließ. Den Sternen sah er zu und ahmte ihre Züge, ihre Stellungen im Sande nach. Ins Luftmeer sah er ohne Rast, und ward nicht müde seine Klarheit, seine Bewegungen, seine Wolken, seine Lichter zu betrachten. Er sammelte sich Steine, Blumen, Käfer aller Art, und legte sie auf mannigfache Weise sich in Reihen. Auf Menschen und auf Tiere gab er acht, am Strand des Meeres saß er, suchte Muscheln. Auf sein Gemüt und seine Gedanken lauschte er sorgsam. Er wusste nicht, wohin ihn seine Sehnsucht trieb. Wie er größer ward, strich er umher, besah sich andre Länder, andre Meere, neue Lüfte, fremde Sterne, unbekannte Pflanzen, Tiere, Menschen, stieg in Höhlen, sah wie in Bänken und in bunten Schichten der Erde Bau vollführt war, und drückte Ton in sonderbare Felsenbilder. Nun fand er überall Bekanntes wieder, nur wunderlich gemischt, gepaart, und also ordneten sich selbst in ihm oft seltsame Dinge. Er merkte bald auf die Verbindungen in allem, auf Begegnungen, Zusammentreffungen. Nun sah er bald nichts mehr allein. – In große bunte Bilder drängten sich die Wahrnehmungen seiner Sinne: er hörte, sah, tastete und dachte zugleich. Er freute sich, Fremdlinge zusammenzubringen. Bald waren ihm die Sterne Menschen, bald die Menschen Sterne, die Steine Tiere, die Wolken Pflanzen, er spielte mit den Kräften und Erscheinungen, er wusste wo und wie er dies und jenes finden, und erscheinen lassen konnte, und griff so selbst in den Saiten nach Tönen und Gängen umher.

Was nun seitdem aus ihm geworden ist, tut er nicht kund. Er sagt uns, daß wir selbst, von ihm und eigner Lust geführt, entdecken würden, was mit ihm vorgegangen sei. Mehrere von uns sind von ihm gewichen. Sie kehrten zu ihren Eltern zurück und lernten ein Gewerbe treiben. Einige sind von ihm ausgesendet worden, wir wissen nicht wohin; er suchte sie aus. Von ihnen waren einige nur kurze Zeit erst da, die andern länger. Eins war ein Kind noch, es war kaum da, so wollte er ihm den Unterricht übergeben. Es hatte große dunkle Augen mit himmelblauem Grunde, wie Lilien glänzte seine Haut, und seine Locken wie lichte Wölkchen, wenn der Abend kommt. Die Stimme drang uns allen durch das Herz, wir hätten gern ihm unsere Blumen, Steine, Federn alles gern geschenkt. Es lächelte unendlich ernst, und uns ward seltsam wohl mit ihm zumute. »Einst wird es wiederkommen«, sagte der Lehrer, »und unter uns wohnen, dann hören die Lehrstunden auf.« – Einen schickte er mit ihm fort, der hat uns oft gedauert. Immer traurig sah er aus, lange Jahre war er hier, ihm glückte nichts, er fand nicht leicht, wenn wir Kristalle suchten oder Blumen. In die Ferne sah er schlecht, bunte Reihen gut zu legen wusste er nicht. Er zerbrach alles so leicht. Doch hatte keiner einen solchen Trieb und solche Lust am Sehn und Hören. Seit einer Zeit, – vorher eh jenes Kind in unsern Kreis trat, – ward er auf einmal heiter und geschickt. Eines Tages war er traurig ausgegangen, er kam nicht wieder und die Nacht brach ein. Wir waren seinetwegen sehr in Sorgen; auf einmal, wie des Morgens Dämmerung kam, hörten wir in einem nahen Haine seine Stimme. Er sang ein hohes, frohes Lied; wir wunderten uns alle; der Lehrer sah mit einem Blick nach Morgen, wie ich ihn wohl nie wieder sehen werde. In unsre Mitte trat er bald, und brachte, mit unaussprechlicher Seligkeit im Antlitz, ein unscheinbares Steinchen von seltsamer Gestalt. Der Lehrer nahm es in die Hand, und küsste ihn lange, dann sah er uns mit nassen Augen an und legte dieses Steinchen auf einen leeren Platz, der mitten unter andern Steinen lag, gerade wo wie Strahlen viele Reihen sich berührten.

* * * 

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ew´gen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (1772 - 1801)

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Samstag, 14. Januar 2023

Nachtangeln

 


Nachtangeln


Als mein Freund und ich vierzehn Jahre alt waren, durften wir zum ersten Male in unserem Leben ohne Erwachsene eine ganze Nacht an der Geeste, einem Fluss, der durch Bremerhaven fließt, verbringen. Wir durften Nachtangeln.

Die Nacht war sternklar und kühl. Wir saßen am Ufer des Flusses, die Angeln waren Beiwerk und vorgeschobener Grund für ein Nachtabenteuer.

Vierzehnjährige haben ihre eigene Art, die Welt zu betrachten und eine Nacht am Fluss ist durchaus der geeignete Rahmen, um ins Philosophieren zu geraten. So eine raffiniert naive Logik der Weltbetrachtung haben wir vielleicht nur in diesem Alter. Und nur in diesem Alter den Mut und die Zeit, sich Gedanken zu machen über so etwas Grandioses wie die Unendlichkeit der Welt.

Für Erwachsene wird solch ein Gedankenwerk als überflüssige Aktivität erachtet. Nicht nur für Erwachsene, mir erging es schon als junger Heranwachsender so, dass Ambitionen, die über das „Normale“ hinausgingen, kritisch betrachtet wurden. Als einem, der erwachsen werden will, nicht würdig.

Wir waren also vierzehn Jahre alt, die Nacht wurde kühler, kein Fisch biss. So gerieten wir ins Erzählen und ins Philosophieren. Durch die Weite des Sternenhimmels animiert, durch die ungewohnte nächtliche Aktivität aufgekratzt und trotz Müdigkeit überwach, stellten wir uns die Frage (stellten wir uns der Frage), wo das denn alles endet. Und wo und wie es dahinter weiter gehen würde, wenn es denn endet.

Wir dachten im Kreis. Wenn es enden würde, dann gäbe es eine Grenze. Wenn es eine Grenze gäbe, dann ginge es dahinter weiter. Wenn es keine Grenze gäbe, dann wäre das Ganze unendlich. Dass es unendlich sei: Unvorstellbar. Unendlichkeit ließ sich nicht „erfühlen“. Dass es nicht unendlich sei, genauso unvorstellbar. Uns war ganz schwindelig.

Wir begannen uns damit anzufreunden, dass es „irgendwie unendlich“ sei. Etwas anderes war nicht möglich. Hoimar von Ditfurth beschreibt das Weltall als endlich und in sich gekrümmt. Aber das wussten wir damals noch nicht. Und ein in sich gekrümmtes endlich riesengroßes Weltall hätten wir auch nicht akzeptiert. Die Krümmung wäre auch nichts anderes als eine Grenze. Und dahinter...?

Anstatt uns weiter diesem Gefühl auszusetzen, einem nichtfassbaren unendlichen Universum anzugehören, unendlich und unfassbar in seiner räumlichen Ausdehnung, und genauso unendlich und unfassbar in seinen zeitlichen Abläufen, statt also sich diesem gefühlsmäßig nicht zu Erfassendem auszusetzen, begannen wir damit, uns Gedanken darüber zu machen, welche Konsequenzen eine Unendlichkeit in Zeit und Raum hätte.

Unendlichkeit im Raum: das ist schon sehr speziell. Also nach oben geht es weiter, immer weiter. Und nach unten geht es weiter, immer weiter. Und nach rechts geht es weiter, immer weiter. Nach links, nach vorne, nach hinten: immer weiter, immer weiter. Gekrümmt oder nicht, Kugel, Elipsoid oder sonst was, hinter den Grenzen: weiter, weiter - immer wieder wurden unsere Gedanken und Gespräche von merkwürdigen Schauern unterbrochen.

In der Luft war ein hohes, kaum hörbares Pfeifen, in einer Frequenz, die gerade an der Wahrnehmungsschwelle tönte, als wenn man die tiefsten Töne der Fledermäuse wahrnimmt, die man gerade eben noch hört. Nicht wirklich da, doch fühlbar seiend. Die weiter entfernten Straßenlaternen leuchteten und trugen alle einen kobaltblauen Halo. Unsre Wahrnehmung war klar und uns war etwas unheimlich. Und wir hatten den Mut, es uns zuzugestehen.

Uns war seltsam unheimlich und seltsam euphorisch, beides. Zum Glück biss kein Fisch an und holte uns in die Zweckmäßigkeiten dieser Welt zurück.

Unendlichkeit im Raum: Die für uns verblüffendste Konsequenz war die Erfahrung, dass das Weltall, wenn es denn unendlich wäre (und was anderes wäre nicht denkbar), eine urdemokratische und gerechte Veranstaltung ist. Wenn es sich nach allen Seiten in die Länge und in die Quere und in Höhe, Breite, Tiefe, unendlich weit ausdehnte, dann, ja dann gibt es keinen Rand. Dann gibt es nur „Mitten“. Eine unendlich große Anzahl von „Mitten“. Du bist der Mittelpunkt der Welt. Ich bin der Mittelpunkt der Welt. Dort ist der Mittelpunkt der Welt. Hier ist der Mittelpunkt der Welt. Ich Mitte. Du Mitte. Er, sie, es Mitte.

Also entweder unendlich oder nicht. Wenn unendlich (und was anderes ist nicht denkbar), dann sind wir alle der Mittelpunkt der Welt.

Wir beide schauten uns an und lachten und beglückwünschten uns gegenseitig: Grüß Dich, Du Mittelpunkt aller Dinge! Sei gegrüßt, Mitte der Welt. Du Mitte, ich Mitte. Ab durch die Mitte. Beseelt waren wir von dieser Erkenntnis.

Aber wenn das alles unendlich ist, nach vorne und nach hinten, wenn „hinter uns“ unendlich lange Zeiträume liegen, dann ...

Ja dann gibt es uns alle unendlich oft. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit unendlich klein ist, dass es uns beide hier sitzend beim Nachtangeln ein zweites Mal gibt, dann gibt es uns ein zweites Mal. Denn selbst eine unendlich kleine Wahrscheinlichkeit ist unendlich oft passiert. Und alle Alternativen auch.

Also: Ob wir heut in der Nacht einen Fisch fangen, oder viele Fische fangen, oder gar keinen, oder ob du ins Wasser fällst oder ich und so weiter. . .  Alles schon unendlich oft mal passiert. Genauso wie jede der unendlich vielen Variationen. Entweder unendlich oder nicht. Wenn unendlich (und was anderes ist nicht denkbar), dann haben wir alles schon unendlich oft Mal erlebt. Daher also kommen die Déjà-vu-Erlebnisse!

Und wer gerne in Atlantis gewohnt haben möchte als Prinzessin oder Hohepriester, der oder die haben unendlich oft Mal in Atlantis gelebt, wer reinkarniert werden möchte, wird reinkarniert, und das alles so oft ein jeder möchte und noch viel mehr. Eben unendlich oft Mal. Und wer lieber vom Affen abstammt, stammt unendlich oft Mal vom Affen ab. Und jede, und jeder ist der Mittelpunkt der Welt. Wie schön, dass die Welt unendlich ist!

Wir redeten und redeten, über das, was wir entdeckt hatten, beseelt und glücklich. Heute ging es uns so, morgen so. Aber woanders gab es uns, und es ging uns ganz anders. Und woanders gab es Welten, da hatten nicht die Weißen Amerika entdeckt, sondern die Rothäute jenen Wurmfortsatz von Asien, der sich Europa nennt. Und sie brachten Friedenspfeifen und lustige Geschichten mit.

Als wir am nächsten Morgen nach Hause kamen, waren wir sehr fröhlich. Die spöttischen Bemerkungen unserer Väter ob der Größe unseres Fanges perlten an uns ab. Denn unendlich oft hatten wir unendlich viel gefangen. Nur heute nicht.



Donnerstag, 1. Dezember 2022

Die Reise des Tenderenda nach Ninidanda - Eine Collage

 

Die Reise nach des Tenderenda nach Ninidanda -  Eine Collage

 

Frühjahr 1967, die Beatles sind dabei, ihr Album Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band aufzunehmen. Für den Song Being fort he benefit of Mr Kite schwebte John Lennon eine echte Kirmes­stimmung vor. Im Archiv der Abbey Road Studios fanden sich Tonbänder mit Ausschnitten von Märschen, gespielt von Dampf- und Jahrmarktsorgeln. Kopien dieser Bänder wurden von Toningenieur Geoff Emerick in kleine Schnipsel zerschnitten und willkürlich wieder zusammengeklebt. Heraus kam dabei eine chaotische Klangcollage, die Lennon gefiel. Teile dieses Bandes wurden unter das Ende des Liedes gemischt und lassen es ausklingen. Es gibt eine Lesart dieses Vorganges, die besagt, dass Emerick die Schnipsel in die Luft warf und dann wieder zusammen fügte. Das wäre dann dem Vorgehen der ersten Dadaisten geschuldet, die ähnliches mit Zeitungsschnipseln taten.

 

Tenderenda, der Phantast ist das alter ego des Schriftstellers und Dichters Hugo Ball. Zusammen mit seiner späteren Frau Emmy Hennings hob er Februar 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire aus der Taufe, das war die Gründung von Dada. So ist diese „Reise nach Ninidanda des Tenderenda  -  Eine Collage“ auch eine Hommage an Hugo Tenderenda Ball selbst.

 

Verwendet wurden in dieser Collage Schnipsel von: Augusto Giacometti, Sarah Stilwell Weber, Léon Spilliaert, Hugo Ball, Luisa Francia, Neu!, Karlheinz Martin, Stefania Buzatu, Dave McKean, Aldous Huxley (Klaus Buhlert), Albert Einstein with Elsa (driving a flying car), Monty Python, Arthur Browns Kingdome Come, Len Lye, Eroc, Synapson & Bonga, Alan Ginsberg, Johann Wolfgang von Goethe, Väter der Klamotte, Sebastian Droste, Władysław Starewicz, Tangerine Dream, Gusto Gräser, White Noise ( feat. Delia Derbyshire), Oskar Maria Graf, Peter Thomas Sound Orchester, Ash Ra Tempel with Timothy Leary, Sally Rand, Charly Chaplin, Mythos, The Beatles, Richard Wilhelm (Übersetzer), Ken Kesey, Gary Snyder, Hans Leybold, Der Club der toten Dichter, Hector Hoppin and Anthony Gross, Moondog und anderen (falls ich jemanden vergessen haben sollte).

 

Einige Anregungen habe ich Joachim Deicke zu verdanken und seiner Pops tönender Wunderwelt.

Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Die Anderen Seiten) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.

Zum Geleit

Wo wäre denn Ninidanda? Ach, immer werden die richtigen Fragen nicht gestellt. Das ist seit altersher bekannt. Vielleicht wäre es sinnvoller, erst einmal zu klären, was Ninidanda eigentlich sei. „Seien wir neu und erfinderisch von Grund aus. Dichten wir das Leben täglich um.“, schrieb Hugo Ball in seinen Aufzeichnungen „Flucht aus der Zeit“. Das ist ungefähr hundert Jahre her. Es ist an der Zeit, nicht mehr zu flüchten. Es ist an der Zeit einen Ort in der Zeit zu finden. „Zeit ist eine Illusion, doch je mehr du davon hast, um so realer wird sie“ (Luisa Francia)

 

Hinter uns liegen ein paar Milliarden Jahre Entwicklung und ein bisschen Ewigkeit. Das ist viel. In der Fülle immer hungrig. Das ist schade. Ein Ort in der Zeit. Ich beginne die Reise. Jederzeit.

 

"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters) Doch vielleicht ist die Collage die Kunstform der allgegenwärtigen Ewigkeit.

 

Tenderenda

 

Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adam und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.

Du kleiner Schelm du!
Daß ich mir bewußt sei,
Darauf kommt es überall an.
Und so erfreu ich mich
Auch deiner Gegenwart.

Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt,
Ich lieg dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Goethe Aus: Gedichte, West-östlicher Divan, das Schenkenbuch und Sehnsucht, letzter Vers und. . .

Man schreibt Sommer 1914. Eine phantastische Dichtergemeinde wittert Unrat und faßt den Entschluß, ihr symbolisches Steckenpferd Johann rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Wie Johann sich erst sträubt und dann einwilligt. Irrfahrten und Hindernisse unter Führung eines gewissen Benjamin. In fernen Ländern begegnet man dem Häuptling Feuerschein, der sich als Polizeispitzel entpuppt. Daran geknüpft historiologische Bemerkung über die Niederkunft einer Polizeihündin in Berlin.


. . .  die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine Ewigkeit jenseits der Zeit
zu wählen. . .

Aus: Allen Ginsberg  -  Howl

Träumte durchs Leben zurück, durch deine Zeit – und meine, die auf den Weltenbrand, immer schneller, dahinjagt,
den allerletzten Moment – die Blume brennt im Tag – und was danach kommt. . ..

Allen Ginsberg Kaddish

 Ich selbst, jedenfalls, vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten vergangen . . .

 Allen Ginsberg, Kaddisch

Ich selbst, jedenfalls, vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten vergangen . . .

 Allen Ginsberg, Kaddisch

„Als Knabe bin ich einmal in einen tiefen Brunnen gefallen, aus dem ich viele Jahrzehnte lang nicht mehr heraus konnte. Da war ein Unsterblicher, der führte mich zu diesem Kraut. Man muss aber durch rotes Wasser, das ist so schwach, dass keine Feder darauf schwimmen kann. Alles, was darauf kommt, sinkt in die Tiefe. Der Mann zog einen Schuh aus und gab ihn mir. Auf dem Schuh fuhr ich über das Wasser, pflückte das Kraut und aß es. Die Leute an jenem Ort weben Matten aus Perlen und Edelsteinen. Sie führten mich in einen Raum, davor war ein Vorhang aus einer bunten, dünnen Haut. Sie gaben mir ein Kissen aus schwarzem Nephrit geschnitzt, darauf war Sonne und Mond, Wolken und Donner eingeschnitten. Sie deckten mich zu mit einer feinen Decke, die war aus den Haaren von hundert Mücken gesponnen. Diese Decke ist ganz kühl und im Sommer sehr erfrischend. Ich befühlte sie mit der Hand, da schien sie mir aus Wasser zu sein; als ich näher zusah, da war es lauter Licht.“

 

Aus Morgenhimmel, ein Chinesisches Märchen. „Chinesische Volksmärchen  - gesammelt und aus dem Chinesischen übertragen von Richard Wilhelm“, Leipzig 1914.

 

Was nun Dichter angeht,

die Erd-Dichter,
die kleine Gedichte schreiben,
brauchen Hilfe von niemand.

Gary Snyder

Die Transsubstanziation der Oblate und des Weins in Leib und Blut des Heilands . . gibt das Theorem des lyrischen Gedichts. Notwendig erscheint der Glaube an die Möglichkeit: Visionäres zu fixieren.


Es soll nicht gesagt werden, daß grundlegende Faktoren allein, zwingend Lyrisches bedingen. Komparserie und Weihrauch . . sind erforderlich.


Bleibt zu notieren: daß das Originäre nicht absolut primär zu sein hat (Zeugung und Geburt!): wie das Erlebnis das Wort herbeiziehen kann (herbeizieht): so kann das Wort zum Erlebnis führen. 

 

Hans Leybold


„Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben? Die Antwort: Damit du hier bist."

Walt Withman

Montag, 14. Februar 2022

Das rote Kleid - Ein Märchen

 



Das rote Kleid

Ein Mädchen wollte einen Krug mit Milch, den es auf dem Kopfe trug, zum Markt bringen und malte sich unterwegs aus, was es mit dem Erlös für die verkaufte Milch alles anfangen könnte. »Für den Erlös kauf ich erst einmal ein Huhn. Wenn ich das Huhn fleißig füttere, legt es Eier und brütet aus den Eiern Küken aus. Sind die Küken groß, dann verkaufe ich sie und das Huhn und erwerbe dafür ein Schaf. Hat das Schaf ein Lamm geworfen, dann verkaufe ich Schaf und Lamm und erwerbe dafür ein Kalb. Ist das Kalb zu einer Kuh geworden, die mir ihrerseits ein Kalb geworfen hat, dann verkaufe ich Kuh und Kalb und erhalte dafür soviel Geld, dass ich mir ein rotes Kleid kaufen kann. Dann drehen sich alle Burschen nach mir um und sagen: ›Das ist aber ein hübsches, ansehnliches Mädchen!‹ Und ich kann die Nase hoch tragen.« In diesem Augenblick kam der Bürgermeister dem Mädchen entgegen und wünschte ihm einen schönen guten Morgen. Es vergaß, dass es einen Krug mit Milch auf dem Kopf trug, verneigte sich nach Landessitte vor ihm, der Krug fiel zu Boden, und die Milch floss aus. Da weinte das Mädchen bitterlich. »Warum weinst du so sehr?« fragte der Bürgermeister. »Ach, ich Unglückliche! Alles, was ich mir unterwegs angeschafft habe, ist nun in der Erde versickert. Über das meiste komme ich hinweg, doch um das rote Kleid ist es wirklich schade!«

Ein Märchen aus Jugoslawien

Das Bild ist von Egon Schiele (1890 - 1918)

Freitag, 27. September 2019

"Ich will heraus aus dieser Stadt" (Gerrit Engelke)

           

Die Idee zu diesem Video entstand im Januar dieses Jahres (2019), als ich meinen Freund Yunus für eine Woche in Mönchengladbach besuchte. Dank an den unbekannten Klarinettisten, dem Hilfesuchenden und den Straßenkids von Mönchengladbach, dass sie mir erlaubten, Aufnahmen von ihnen in diesem Video zu verwenden.

Ich will heraus aus dieser Stadt


Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
draußen  - weit  -
und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
voll Gotteseinsamkeit.  –
Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
so lange schon  -
daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
den Ewig-Ton.  –
Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
daß Ebenen, Gebirge wellen
in meine Träume.  –
Die Winterberge, meine Berge tönen  -
Wälder sind verschneit.  –
Ich will hinaus, mit euch mich zu versöhnen!
Ich will hinaus aus dieser Zeit,
hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus.  –
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
locken mich hinaus!
Bald hab ich diese Straßenwochen,
bald diesen Stadtbann aufgebrochen
und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
ziehe selig in die Welt!


Der Dichter Gerrit Engelke wurde am 21. Oktober 1890 in Hanover geboren, am 13. Oktober 1918 fiel er an der Westfront, kurz nachdem er einem Freund geschrieben hatte, er wolle über das „vom Krieg befreite, wieder menschlich-brüderlich werdende Völkereuropa der Städte, der Arbeit, des Lebens“ schreiben. Dass Engelke dem städtischen Leben jedoch auch kritisch gegenüber stand zeigt sein Gedicht „Ich will heraus aus dieser Stadt“.

Donnerstag, 12. September 2019

Waldgang



Noch bin ich nicht wirklich alt,
dass wir uns recht verstehen.
Doch irgendwann, doch irgendwann
werd´ ich für immer in die Wälder gehen.

Und wenn dann eine Seele Trauer trägt,
dann wünsch ich, dass sie den grünen Pfad begeht,
und lernt im Wipfelwispern, im Blätterrauschen
einer größ´ren Seele lauschen.

Waldgang

                                                      „Der Dichter ist ein Wanderer durch die Zeit,
                                                      er hebt ein paar Gegenstände vom Wege auf,
                                                      deren Nähe ihn berührt, die seinen Weg erst
                                                      zur Reise machen; das, nicht mehr, ist Kunst.“

                                                      Adolf Muschg

Oft wird das kommende Neue von einem Buch begleitet. So war es auch dieses Mal für mich. Kurz vor der Abreise von dem kleinen Hof im österreichischen Waldviertel noch einmal ein Griff auf das Bücherbord, in dem die zu verschenkenden Bücher standen. Die Fahrt würde lang werden, und so war eine Reiselektüre erwünscht. Es war ein kleines Büchlein mit dem Titel „Literatur als Therapie? – Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare“ von Adolf Muschg, welches mir in die Hände fiel. Zuerst las ich, im Zugabteil sitzend, nur zögerlich darin, dann, je weiter ich kam, anteilnehmender. Zum Ende hin wurde ich immer hellhöriger, hieß es schließlich dort: „Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst – oder Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, daß Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.“ Bis das Buch an diesem Satz angelangt war, wurde unter anderem beschrieben das Unheilbare, welches der Dichter „nur“ beschreiben kann, denn Krankheit ist kein Fall für ein Individuum, sondern das kranke Individuum ein stellvertretender Ausdruck für eine erkrankte Gesellschaft.

Auch die Herkunft des Dichters aus dem schamanischen Handeln für die Gesellschaft wurde beschrieben, und vieles mehr. Dass es zudem noch die Ereignisse der Jahre anfangs der Achtziger anriss, „Zürich brennt“ sei hier nur ein Stichwort, einer Zeit also, wo auch ich Teil der „Jugendrevolte“ war und meinen langen Weg begann, machte es nur um so wertvoller für mich. Und: Da der Autor von seinem Werdegang als Dichter berichtete, also das Subjektive in den Schilderungen nicht ausblendete, war ich mit einem Male wieder bei meinem eigenen Werdegang, erinnerte ich mich meiner Jugend, als ich nichts anderes als „Dichter“ werden wollte, und schon als Sechszehnjähriger kaum anderes tat als Lesen oder selber Schreiben.

Doch im Unterschied  zu dem genannten Autor wollte mein Schicksal etwas anderes mit mir: Mit siebzehn Jahren wurde ich „der Welt“ endgültig überdrüssig und wollte °aufs Land“. Wollte das Leben unmittelbar und nicht aus zweiter (schreibender und geschriebener Hand) erleben. Da ich nun nicht gerade mit handwerklichen Gaben gesegnet war, entschloss ich mich, Gärtner zu lernen als Rüstzeug für späteres Landleben. Als ich dann eine Lehrstelle hatte, übereignete ich alles bis dahin von mir Geschriebene der Mülltonne, sehr zum Entsetzen eines Freundes, der meine Gedichte schätzte. Doch ich wollte das Leben in seiner Gänze und nicht nur als Papier, und ich entschloss mich erst wieder zu schreiben, wenn ich denn gelebt hätte, ergo, von etwas selbst Erlebten schreiben könnte. .

Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen. Mein Weg führte mich, wie gewünscht, aufs Land, dann wieder in die Stadt, dann an den Rand der Stadt in mein KleinHäuschen, bis ich schließlich auch dieses aufgeben musste und ich mich entschloss, mich in Fredelsloh, dem Töpferdorf am Rande des Sollings, nieder zu lassen.

Es gibt dort viel Wald, und es war gerade Anfang September. Pilzzeit. So lenkten mich meine Schritte immer wieder in den Wald, und während ich dort verweilte, zogen die Gedanken durch meine Seele, gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen an meine Kindheit, in welcher der Wald eine bedeutsame Rolle spielte; an meine Jugend, an meine ersten Gehversuche in Richtung Landleben und die Wiederkehr des Dichters in mir zogen während des geruhsamen Gehens und Sammelns an mir vorüber. So wurde aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein in sich verflochtenes Band.

Zum Forsthaus ist es gerademal eine halbe Wegstunde, und dahinter beginnt der Wald. Genauer beginnt er schon etwas vorher, doch da ist es noch kein richtiger Wald, sondern eine an Weiden endende Vorstufe dazu. Noch genauer ist es auch kein Wald, der dort beginnt, sondern ein Forst, ein Nutzholz lieferndes Baumanbaugebiet. Doch für mich Stadtflüchtling ist es Wald, nicht mehr und nicht weniger als das. Laut warnte der Eichelhäher, der Hüter des Waldes. Sein „rätsch  -  rätsch“ war weithin zu hören, und es bedeutete: „Es kommt ein Fremder“. In der Landschaft rund um meinen Garten am Rande der Stadt, aus der ich komme, warnte der Eichelhäher nicht mehr, sondern flog still vorbei, wenn ich erschien. Ich gehörte für ihn zum Inventar, zum friedlichen Inventar der Umgebung. Doch in diesem Wald war ich noch neu, und es war vor mir zu warnen.

Den mit Schotter befestigten Weg, der zum Forsthaus führt und daran vorbei, verließ ich nach kurzer Zeit. Es gehen weitere Waldpfade rechts und links ab, begrünt und verwunschen bewachsen. Hier kommt man nicht weit. Mal ist es das Auge, welches den Wanderer aufhält, zum Beispiel wenn das filigran ziselierte tief orangefarbene Gebilde einer Pilzkoralle auf einem Baumstumpf vor einem auftaucht. Davor stehe ich schauend wie gebannt. Dann ist es das Ohr, welches mich innehalten lässt: Ein kleiner Bach quert den Waldpfad, und er gluckst und plappert vor sich hin, dass ich ins Lauschen versinke. Schließlich ist es die Nase, die mich  zum Verweilen veranlasst. Bachminze ist als flüchtiges Aroma in der Luft zu spüren, oder ein süßer Anisduft von Pilzen, welche unsichtbar im Gewirr der jungen Fichten und Buchen leben.

So geriet das „Eigentliche“, die Pilzsuche, zur Nebensache. Außer man traf wieder auf einen wohlgestalteten Steinpilz, da hüpfte das Herz vor Sammlerfreude. Auch, wenn die Freude oft nur kurz währte, und sich das Fundstück als madendurchsetzt erwies.

Schließlich wurde auch der Waldpfad verlassen und die Wege verloren sich in den weichen Mooslandschaften zwischen den Stämmen. Das ist es doch: Solange durch die Forsteinsamkeit zu streifen, bis die Dinge ihre eigene Bedeutung bekommen. Dass in dem Augenblick, in dem der wie das Urbild „Pilz“ gewachsene Steinpilz auftaucht, die Wildgans über die Wipfel der Fichten streicht und mich ihren Rufen hinterher lauschen lässt, bis sich diese in der Ferne verlieren; das alles wird als ein geheimes Zeichen angenommen. Da öffnet sich dann eine Tür zum All-ein-sein, und eine Verbundenheit mit einer älteren Welt leuchtet auf. Da wird mir gewahr, dass neben den Lauten einiger kleiner Vögel, dem Bachgeriesel und den Rufen der über die Wipfel fliegenden Wildgans  -  Stille herrschte.

Das Licht der Spätsommersonne wurde gefiltert durch die Baumkronen, zwischen den Stämmen kamen Lichtstrahlen und Schleier an, welche einen Zauber in die Gegenwart trugen und das Grün des Waldbodens vergoldeten. Zwischen diesem sanft illuminierten Grün und Gold war der Moosboden farbig gesprenkelt mit Täublingen und Stäublingen, mit Rotfußröhrlingen, Goldröhrlingen, Amethystträuschlingen, Fichtenreizkern, Trichterlingen und einer vielgestaltigen Zugabe von Märchengeschöpfen. Auch die „Männlein im Walde“, die mit dem knatscheroten Hut und den weißen Tupfen, waren hier zuhause und zeigten das nahende Ende des Sommers an. Dann das ungewohnte gelblichweiße Leuchten der Anisegerlinge, den schiefknolligen,  im Forst. Manchmal bildeten diese große Hexenringe, luden zum Tanze darin ein, und wenn die Wärme stieg zwischen den Stämmen, dann war ihr Duft weit spürbar, ein süßlicher Geruch, nicht einmal unangenehm aus der Ferne, mit jener Spur Anis.

Unwirklich. So fühlte es sich an, in diesen Kreis einzutreten. Ein Schritt, und schon war man umgeben von den gelblichweißen Hutzelwesen, die in ihrer Art ja auch des Hexenwesens verdächtig sind, kommen sie doch über Nacht und vergehen fast genauso schnell wieder.

Ich spüre es, wenn mich der Wald umfängt und einnimmt, wenn mich die Innenseite der Welt einlässt. Die Außenseite ist besetztes Land, ist Asphaltband quer durch die Seelenlandschaft, auf dem sich laute Fahrzeuge bewegen, von „Explosionsmotoren“ vorangetrieben. Hart ist die Straße der Außenseite den Füßen, und harte Sohlen werden benötigt, sich dort zu bewegen, wenn man sich auf das Gehen auf eigenen Füßen beruft.

Trostlos und ganz Außenseite wurde der Forst da, wo die Motorsägentruppen und die großen Maschinen gewütet hatten, ein Schlachtfeld hinterlassend, tiefe Fahrspuren, wie von gepanzerten Kettenfahrzeugen. Wahllos kreuz und quer liegende größere Zweige und Äste, ganze Baumkronen, unbrauchbar als verwertbares Holz. Hier wurde sie sichtbar, die erobernde Außenwelt, auch wenn mit geschlossenen Augen die Landschaft nach Fichtenharz duftete. Das stete Motorenrauschen einer nahen Straße, in deren Nähe mich die Wege führten,  komplettierte das Arrangement der Trauer und Zerstörung. Es herrschte sicht- und hörbar die Ökonomie. Eine Ökonomie des schnellen Verbrauches.

Meine offene Wunde wurde für mich darin spürbar, darin, dass mir das alles sehr nahe ging, der Anblick der totenbleichen frischen Sägeflächen der Baumstümpfe, der Anblick der großen Äste, die Gerippen gleich den Waldboden bedeckten. Dann wurde ich unmittelbar in den Schmerz hineingestellt, einem Schmerz, der den Gedanken formen ließ: „Ich kann diese Erde nicht beschützen, zu klein bin ich da.“ Unteilbar als Mensch und doch Teil einer in ein düsteres Irren geratenen Menschheit.

Mein Menschsein ist hier heimisch und gehört dazu, ist wie die gefällten Bäume, wie der von den großen Rädern gemarterte Waldboden. Zwar weiß ich, dass es hier noch „zivilisiert“ zugeht, dass anderswo die Maschinen und die Verwüstungen größer, riesenhafter, sind. Ganze Flächen Waldes werden unwiederbringlich zerstört, anderswo. Doch hier sprach mich diese Verwüstung unmittelbar an, war sie für mich unübersehbar, greifbar, riechbar.

Ich vermag nicht zu „retten“, bin ich doch Teil des „zu Rettenden“ in so vielen Aspekten meines Seins. Ich habe mich auf die Seite der Wehrlosigkeit der Natur gestellt, das ist meine Kompromisslosigkeit. Meine Kraft, hier zu verweilen, entspringt meinem Dichten, meinem Schauen, meinem Gesang.

Das heißt nicht, hier einfach untätig zu bleiben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Bin ich doch als Seiender und Handelnder „Mitläufer“. Es heißt, sich für das Erfahrene, das Geliebte einzusetzen. Dort zu wirken, wo ich beginne, Wurzeln zu schlagen oder dort, wo ich schon verwurzelt bin. Die zerstörerischen Tendenzen dieser Zivilisation nicht einzulassen in das tägliche Tun, sowie auch in dem Maße diesen Tendenzen entgegen zu wirken, soweit es möglich ist, und soweit es die mir gegebene Zeit zulässt. Das „einfache“ Leben sucht sich den ganzen Menschen, und das Einwirken in die „Materie“ von Hand, mit der Behutsamkeit, welche nur die Behandlung der Dinge diesen geben kann, das Begreifen der Dinge mit der Sensibilität der Fingerkuppen und Handflächen, all das hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

In wie vielen Internetforen und auf wie vielen Demonstrationen tummeln sich wieder die politisch Allwissenden jeder Couleur. So viele Ausschließlichkeitsansprüche lassen sich gar nicht bedienen, wie dort postuliert werden. Doch ich weiß nicht, wohin es mit der Menschheit, der „Welt“ und der Zivilisation hingehen sollte. Die Vielfalt der möglichen Zukünfte ist unendlich. Nur für mich und für das, was mir gut tut, vermag ich zu sprechen. Dafür stehe ich ein, und das fasse ich so weit, wie es mir möglich ist. Zum Beispiel ist es mir ein Bedürfnis, in Gemeinschaft zu leben. Sowohl im engeren Sinne als Hausgemeinschaft, als auch im weiteren Sinne in einer Gemeinschaft in Dorf und Region.

Wenn ich mich der Landschaft hingebe, dem Haus, dem Garten, der Gemeinschaft, in der ich lebe, der engeren Gemeinschaft im Hof und der weiteren Gemeinschaft des Dorfes, wenn ich mich dort engagiere, dann bekommt politisches Handeln ganz von selbst eine andere Dimension, jenseits der Statistiken und der politischen Maximen. Schaue ich hin, was mit den großen Entwürfen der Menschheitsgestaltung und  Menschheitsbeglückung geschehen ist, den internationalen, nationalen, „sozialen“, Kultur- und anderen Revolutionen, so sehe ich: Immer endete es mit Guillotinen, Massakern, Gulags, Konzentrationslagern. Und immer waren es Menschen, ähnliche Menschen wie ich, die dort geköpft, erschossen, vergast wurden oder in den Verließen verrotteten. Nicht zuletzt in unserem Lande fand vor gar nicht so langer Zeit ein großer Versuch statt, mittels der Ausgrenzung und Vernichtung von „krank“ empfundenen „heil“ zu werden als großes Ganzes, in diesem Falle als Volkskörper. Wie viele riefen „Heil!“ oder sogar „Sieg heil!“ und es war ihnen egal, dass ihnen auf dem Wege in dieses Heil das Mitgefühl für die Geschöpfe abhandenkam. Da gefallen mir die Sätze von Adolf Muschg weitaus besser, dort, wo er schreibt, dass es etwas individuell Unheilbares gibt, welches angenommen werden möchte, da es der Heillosigkeit des gegenwärtigen Zustandes der Zivilisation und der Erde entspricht. Das heißt nicht, in der Untätigkeit zu verharren, wie schon gesagt.

Es gibt überall genug zu tun. Welches von dem, was getan werden muss und darf, meinem Wesen entspricht, wird sich zeigen. Noch bin ich im Stadium des Ankommenden und Anklopfenden und habe mich verhalten zu zeigen. Noch beginnen die Menschen und Wesen hier, mich kennen zu lernen, und ich sie; und noch warnt der Eichelhäher, wenn ich in „sein“ Revier trete. Zu Recht, denn noch bin ich fremd. Doch ein Anfang ist gemacht, so wie ich mit einigen Menschen im Ort gesprochen habe, so wie ich oberhalb des Dorfes beglückt eine Fläche entdecken durfte, auf welcher Enzianblüten tiefblau aus dem Grün der Gräser schauten, so wie ich mit dem Sammeln der Pilze und Früchte der Landschaft beginne, damit beginne, mir die Landschaft, fast wörtlich genommen, einzuverleiben. So werde ich hier mehr und mehr ansässig.

Ich glaube nicht, dass die „meisten“ Menschen  in der Art zu leben vermögen, oder diese gar mögen, die ich lebe. Sie würden es als Verzicht empfinden, da sie die Habenseite nicht kennen. Zu weit lebe ich mit einem Teil von mir „draußen“, und es war kein leichter und fröhlicher Prozess, die Türen dorthin zu öffnen, eine um die andere. Durch jede dieser sich öffnenden Seelentüren kam Empfindung herein, Schmerz, Leid, Trauer  -  all das wollte angenommen werden, genauso wie die angebliche Langeweile der Tätigkeiten, ihre Reizlosigkeit, verglichen mit dem, was die Unterhaltungsindustrie an Nervenkitzel bietet. Das stille Glück lässt sich nicht kaufen, es lässt sich auch nicht als „Kick“ am Ende eines Marathonlaufes erhaschen. Es kommt auf leisen Sohlen, und unvermittelt, beim Lauschen des Schreies der Wildgans, während Staubteilchen und kleine Insekten in den Lichtstrahlen zwischen den Stämmen tanzen, ist es da. Unteilbar in der webenden Welt. Gegenwart.

Ich selber muss auf dem Lande leben, um mich wohl zu fühlen. Ich habe es mit der Urbanität versucht, sie macht mich krank. Sie beeinträchtigt mein körperliches Empfinden in einer Art und Weise, die einer seelischen Lähmung gleichkommt. Zu viel ist es, was dort auf mich einstürmt, zu weit offen meine Seele, als dass sie das alles verarbeiten könne. Ich brauche die Stille der Wälder. Es ist ganz einfach: Ich bin dem Stadtbeat nicht gewachsen. Nicht dafür gewachsen. Also muss, kann und darf ich hier wirken. Ein jede, ein jeder hat dort zu wirken, wo sie oder er lebt, dort ist in die Polis hineinzuwirken. Meine Entscheidung für das Landleben enthält keine Wertung des urbanen Lebens. Ich möchte das eine gegen das andere nicht ausspielen. Bei so vielen Menschen, die diesen Planeten bevölkern, ist eine gewisse Urbanität unumgänglich. Die Frage ist, wie wir sie gestalten, und wie wir den Flow von Stadt zu Land und umgekehrt hinbekommen. Vernetzung statt Abgrenzung und Kampf. Es ist wie mit allem: Die Schlüssel heißen Kommunikation, Austausch, Vernetzung.

Immer noch bewegte ich mich durch die Buchen- und Fichtenräume, atmete den Duft des Fichtenharzes und der Moose ein, lenkte den Blick auf den Waldboden, nicht vergessend, dass ich trotz allem hier war, um Pilze zu sammeln. Die meisten Steinpilze waren groß und am vermodern, hier kam der Sammler eine Zeit zu spät, um zu ernten; und auf den Baumstümpfen tauchten Sparrige Schüpplinge auf, Hallimasch und Stockschwämmchen, als Zeichen, dass sich die Jahreszeit wandelt und eine andere Saison beginnt. Es begann sich eine leise Melancholie in das Erleben zu mischen, eine nicht unangenehme mahnende Abschiedsstimmung. Vielleicht trug diese dazu bei, neben den Gedanken an das Gelesene in dem kleinen Büchlein von Adolf Muschg, dass meine Gedanken „endzeitlicher“ gestimmt waren. Um das Leid der Erde lindern zu helfen, muss ich erst einmal auf ihr ankommen. Muss mich einfügen in ihre Rhythmen, in den Kreis ihrer Wesen, in ihren Kreis des Werdens und Vergehens. Muss ich mit den Wesen leiden, denn nichts anderes heißt „Mit-Leid“: Die Stimmung der Zeit erspüren, auch die Schwingungen der Zerstörung, welche unsere menschliche Zivilisation anrichtet, und welche die Pflanzen und Tiere und all das, was in der „Umwelt“ lebendig ist, sehr wohl erfühlen. Solange ich mich dem verschließe, mich dagegen panzere, bin ich noch außerhalb des lebendigen Kreises.

Dieses „Mit-Leid“ ist auf eine Art unheilbar. Es gehört in dieser Zeit zum lebendig sein dazu. Wer meint, er oder sie hätte hier eine fröhlichere Botschaft verdient vom Dichter, oder eine frohe Botschaft gar, der oder die weiß noch nichts von der Innenseite der Welt, dem einfachen Genügen in der Gegenwart, dem stillen Glück aller Geschöpfe der Erde, die „nicht säen und nicht ernten“. Auch dieses stille Glück ist unteilbar und unheilbar.


Diesen Text schrieb ich 2014, kurz nachdem ich in meiner Wahlheimat Fredelsloh wohnhaft wurde. 

Donnerstag, 3. Januar 2019

Wandern (TAO)


                                         Wandern (TAO) 
 
                                          Das Leben:
Ein Mäandern.
Ein Wandern.
Du deutest die Zeichen
in Dingen
am Wegesrand.
Hältst
Zauber
in der Hand.
Wer mit einer Wanderung beginnt,
weiß vorher nie,
wo sein Weg endet.
Ganz eins mit sich
verblasst die Phantasie,
doch ist kein Schritt verschwendet.

                                                 ¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨

 

Benennen
meint nicht „Kennen“.
Beim Namen nennen
lässt
sich die Gegenwart nicht.
Hier wurzelt und beginnt
die Vielheit aller Wesen,
die gegenwärtig sind.
Wir treffen uns
im gegenwärtigen
Geheimnis.
Weder Dunkelheit noch Licht
lassen uns die Zeichen lesen,
wenn die Zeit
nicht namenlos verrinnt.
Ein unsichtbares Tor,
durch das hervor
die Wunder in das Leben steigen,
ein wundersamer Reigen
von blütengleichem Glanz
lädt uns zum Tanz,
wir tanzen das „Ist“, das „Sein“, das „Ich bin“,
namenlose Wogen tragen uns dahin.

                                                       ¨˜“ª¤.¸* ☸ *¸.¤ª“˜¨

 

Der Text ist inspiriert vom ersten Abschnitt des Tao Te King von Laotse. Hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

Der SINN, der sich aussprechen läßt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten