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Sonntag, 29. Juni 2025

Hugo Sonnenschein: Noch einmal rufe ich dich an. . .

 


Noch einmal rufe ich dich an weil ich dir schon so oft begegnet bin auf der großen Landstraße meines Lebens, dir Kamerad, dir Freund, die Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Kamerad, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Genosse, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an: Mensch!

Erkennst du mich? Ja, ich bin der, welcher von Osten kommt, mit dem Stern im Haar, immer wieder von Osten kommt wie ein Bettler, aber geschmückt mit Löwenzahn durch die Straßen der Stadt wie ein Narr. Sonka. Weißt du nicht mehr, ich ruhte sehr müde am Neptunsbrunnen in Florenz und Kinder brachten mir Fische und Brot, weil ich hungrig war, und alle Bettler der Gegend aßen von meinem Hunger und wurden satt ohne u betteln.

Kennst du mich nicht? Verblaßte das Wunder in deinem Herzen, das geschah, als du deinen wütenden Hund auf mich hetztes: der sprang mich an mit gefletschten Zähnen und ward zum Lämmlein, als er mich erreichte, und leckte meine Hände.

Erinnere dich: daß du gestorben wärst an jenem Tag, da du verlassen warst von Gott und Menschen. Ich schwieg und sah dich an. Aus meinem Schweigen wurde dir das Leben. Ich habe mich an dich verschenkt, Verbrecher im Gefängnis, an dich Totkranker im Spital, an dich Obdachloser im Asyl, an dich du Mädchen von der Straße, an dich und dich und dich und dich, ich habe mich verschenkt mit Blick und Gegenblick und meiner Hand in deiner Hand, die dich umfaßte.

Du kennst mich ja. Ich bin von Osten. Und deine Maske aus dem Dreck des Westens wird nicht auslöschen mein Gesicht, das sich verschenkt, verschenkt, verschenkt, sieh mich nur an! Und du hast schon ein Herz und ein Gesicht.

Noch einmal rufe ich dich an, weil ich dir schon so oft begegnet bin auf der großen Landstraße meines Lebens, die Kamerad, dir Freund, dir Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Kamerad, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Genosse, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an: Mensch!

Hugo Sonnenschein, aus: Der neue Daimon, 1919, Heft 3 - 4, April, Genossenschaftsverlag Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel, Wien Prag Leipzig

Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.


Mittwoch, 24. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (IV)

 



Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Der Zyklus "Die Legende vom weltverlommenen Sonka" wurde in Der neue Daimon, Heft 3 - 4, April 1919 veröffentlicht, herausgegeben im Genossenschaftsverlag, Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel.

Als die Zeitschrift Daimon als Der neue Daimon im April 1919 erschien, hatte die Zeitschrift einen neuen Verlag, den Genossenschaftsverlag, als Versuch der Sozialisierung des dichterischen Schaffens. Dieser Verlag startete mit folgenden Aufruf:

Noch ist der Dichter, der Denker in der Hand des Kapitals. Noch entscheidet über Druck und Verbreitung erstarrtes Alter, persönliche Voreingenommenheit der Verleger, der Dünkel ich-befangener Herausgeber. Junge Dichter fielen, ehe sie ihr Wort sahen, verhungerten, blind geopfert, ehe man sie sehen wollte, niemand gab ihnen das Lebensmittel: Geld für ihre guten Worte. Verse und Prosa der starken Anfänger verkümmern im Dunkeln, weil der zarte Anfang oder der steile Wurf noch kein Geschäft ist. So beschlossen wir, uns und den Proletariern, die nach uns kommen, zu helfen. Wir fordern euch auf, ein Gleiches zu tun, mitzutun.

Wir selbst wollen, was wir zu geben haben, preisgeben.

Wir wollen jede neue gute Stimme, soweit unsere Kräfte reichen, schallend machen.

Wir: Genossen, Kameraden Brüder, wollen zu allen sprechen, sagen, bekennen, was wir sind, was wir fühlen und denken. Wir wollen weder ausgebeutet werden, noch Ausbeuter sein.

Der Ertrag aus den Büchern der Klassiker, der großen Toten aller Zeiten, darf nicht Geschäftsleuten, Büchermachern, vor altem Neuen aufs Neue verlegenen Verlegern zuströmen, sondern den Erben der vergangenen Dichter, den lebenden, kommenden Dichtern: uns und unseresgleichen.

Das Wort muß frei werden, Gemeinbesitz aller. Unsere Arbeit gehört der Menschheit.
Der von uns Gefährten verwirklichte Genossenschaftsverlag stellt die Dichter endlich in die Reihe der Arbeiter: die Ernte aus ihren Werken dient nicht mehr dem Wucher der Zwischenhändler, sondern dem Lebensunterhalt der Mitschaffenden.

Wer reine Hände hat, stehe zu uns!

Für den Genossenschaftsverlag Wien:
Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel.

Das war eine illustre Runde: Alfred Adler (1870 - 1937) war ein Schüler Sigmund Freuds und Entwickler der Individualpsychologie; Albert Ehrenstein (1886 - 1950) Lyriker, Erzähler und Nachdichter chinesischer Lyrik; Fritz Lampl (1892 - 1955) Schriftsteller und Glaskünstler; Jakob Moreno Levy (1889 - 1974) Psychiater, Soziologe und Begründer des Psychodramas und der Gruppenpsychotherapie; oben genannter Hugo Sonnenschein und der Schriftsteller Franz Werfel (geboren 1890 in Prag, gestorben 1945 im amerikanischen Exil)


MORGENS erwachst du,
es regnet Herbst
nach eines Sommers Tag:
du erwachst
im Flaumbett deines Mutterhauses in Gaya an der Gaya
im Marsgebirge deiner indo-slovakischen Heimat,
oder in Wien: Bettgeher auf einem Stundenlager
und obdachlos in den Praterauen
oder in Amsterdam im Strohsack-Asyl
der jüdischen Barmherzigkeit „Achnosas Achim“,
in Pariser Quartieren,
im Straßengraben vor Rom,
auf Deck, in Kajüten,
auf Matten des Urwalds
oder im Wigwam,
in Scheunen und Ställen,
Kasernen des Krieges,
Latrinen Europas,
im Kerker unterm Spielberg
oder im Unterstand bei Sokal,
in Baracken, Lazaretten,
im Kriegsspital 1,
im Feldspital 2,
im Reservespital 100,
(letzthin plötzlich in der Obhut,
süßer heimatlicher Obhut
der Okurkas, Häscherghurkas
einer neuernannten Grenzstadt
weiß-rot übertünchter Pfähle
schwarz und gelber Unterfarbe
wie die Seele der Regierung,
die mit schiefem Lächelmäulchen
ihren Krämernamen zwitschert)
oder wie jetzt, den 22. IX. Morgens 8 Uhr 55,
in Kolln an der Elbe
im Turm der Villa Dekanka
im Familiengrab,
morgen am Mond -
überall zu Haus, fremd in der Heimat
erwachst du, es regnet, Herbst
nach einem Sommersonntag,
immer und wieder erwachst du allein:

Ruh ist Ziel aller Fahrt,
weißt du, lebendiger Leib,
mit geschlossenen Augen sehend;
Tätigkeit und Geschehn,
weißt du: Kampf mit der Zeit
um das Sein!
Mit den freundlichen Dingen,
deinen Feinden, maßest du dich,
bestandest, Unterlieger,
lebendigen Leibes besiegter Sieger,
nie ward dir der Freund:
der feindliche Feind.

Es regnet Herbst, Regen
nach letztem Sommertag,
da erwacht Erwachendem
morgens der Feind.

Ave dem Feind,
dem erwarteten Freund,
erlösendem Spender seienden Todes,
Mundschenk ewigen Weins,
bildlosen Herbstes Erbauer.


Pilgernd habe ich dich aufgenommen
Botschaft deiner stillsten Frommen.

Jenseits schlachtenmilder Stille
bildlos gottdurchtränkte Stille.

Diese Landschaft wird vergehn
und nicht wieder auferstehn.

Und im späten Abendlichte
wird des Blutes Schmerz zunichte.

Und mit eines Tags Vergluten
spülst du mich in deine Fluten,

überwätigender Wille.
Und verströmst mich in der Stille.


Ich höre Schritte!
Naht mir Fleisch und Blut?
Es will mich umarmen
mit köstlicher Schwere:

Mein Geist ist satt.
Keinen Körper weiß meine Seele,
mein Körper kein Weib.
Nie küsst ein Herz mehr
meinen bittern Mund,
den für die Stille süßen Mund,

himmlische Sehnsucht ist mein Leben,
nie wird mein Same irdisches Geschlecht.


WELT ist da, und Zeit ist Raum,
selbst das Jenseits noch ist Traum,
blutverwirkt mit Raum und Zeit
Eins im Kreis der Wirklichkeit.
Zeit ist Raum und Traum ist Welt,
die am Fels des Worts zerschellt:
Tod - ein Wort,
der Fels, das Wort.

In des Wortes Wesen mündet
Ruh nur, die sich findet.


NOCH bin ich nicht der Geist so weltlos klar,
um heimzumünden in des Wesens Nichts,
das Gottes ist und ewig war, bevor dass Chaos war;
noch bin ich Rhythmus, Farbe und Gestalt des Lichts:

Es werde Licht! da ward die Welt aus Not und Schein -
es werde Licht, da ward in ihr der Pfad zu Tod und Sein,
noch muss geschehn, dass ich am Pfad Entschlafender im Licht erwache,
aber erwache als einsamer Stern über deinem Dache,
erwache schon als Baum an deines Hauses Schwelle,
als Wind, der dich umarmt, und die dich liebt als Welle:
solang er leidet, muss der Mensch im Gleichnis werden.

Doch einst erlischt der Stern, erlischt in Tod und Sein,
es schläft der Baum, schläft in die Stille ein,
und Wind und Welle münden gotthinein,
wenn wir geworden sind und nicht mehr werden.


AUCH an des reinen Leides weisen Tagen,
auch in der hohen Nacht der klarsten Gegenwart
zerschimmert, vom einzigen Gleichnis getragen,
des Menschen einsame Fahrt,
wie wandernder Segel flatterndes Linnen
im grenzenlosen dunkellichten Garten
abendweltbegrenzter Wasserspiegel.

Leben ist Warten und nichts beginnen
und alles ertragen:
Leben ist Sterben, Tod ist Sein.

Wann enden meines Sterbens Tage,
wann wird der Reise Kreis vergehn,
wie lange trägt mein Herz die Frage
noch von Geschehen zu Geschehn.


ERSTEH mir doch in Raum und Zeit,
o Ebenmaß der Wirklichkeit,
dass ich das Dasein nicht entwerte,
der leidverzerrte Gottgekehrte,
dass ich nicht immer der Erde entrücke
und Einkehr finde im menschlichen Glück.

Zu spät schlägt vielleicht die verhasste Uhr:
ein Tor,
der diese Welt verlor,
ein Toter, der nicht Gott erfuhr.

Ich möchte beim Anbau säumen
und segenschwere Ernte träumen,
Pan betreuen gottversessen
und dann von süßen Früchten speisen,
Sonnen, die die Welt umkreisen,
Erde und Sonne essen,
innig unter Menschen wandeln
und mir irdisch Gut erhandeln,
feierabends beim Wein
der Nachbar meines Nachbarn sein.

Ich wollte ihre Unruh haben,
wenn sie begatten, gebären, begraben.

Doch alle Türen sich verschließen,
nie darf ich ein Herz genießen,
niemals wird in Raum und Zeit
mir friedliche Fläche der Menschlichkeit.
Ich treibe diesseits von Gott und jenseits der Uhr,
abseits der Welt und ohne Spur.


BEWEINT mich die Frau, sie weint: ich Weib,
zerjauchzt mich die Frau, frohlockt sie: ich Weib -

immer dunkler blutverbunden
mit Sehnsucht und Schmerz der sterbenden Stunden
siegt ihre Stimme: ich Weib wie Weib,
ich Weib wie Erde, Wasser, Luft und Feuer,
wir Töchter der Sonne, wir Hexen der Hölle -
vertraut sich bitteröde Wildnis
dem Wüsten entwandernden einsamen Mann.

In jäher Faust blitzt das Messer: Verbrecher!
und Klage mordet: Lust und Hunger -

Landstraßen und geheime Pfade
erinnern: Pilger, heiliger Pilger,
aber Wälder und Ebenen, breit duftend,
schimmern und tönen:Freiheit,
immer neue Heimat, letzte heimatlose Freiheit;
es wachsen und schwinden die Horizonte:
unvergänglich im Sterben ruhend geweiteter Raum.

Mir begegnet der Mensch, wer er auch sei,
umarmt mich, Sonka!
brüderlich dank ich dir, Bruder.

Mein Name ist Trost den Sklaven und Krüppeln
im Tumult großer Städte: nichtiges Dasein.
Sonka! Aufruf den Bettlern im Geist,
Arbeiter in den Fabriken und vor den Palästen: Arbeiter, Arbeit!

An allen Fronten der Menschheit den Menschen verbündet,
demütig, kniend, jammernd, brüllend, gebietend
läutet mein Name inbrünstig den Frieden.

Und Waldhörner tragen mein Herz von Wipfel zu Wipfel:
Ave blühende Schönheit!

Panzer und Drähte, gehämmert, verkünden der Fahrten
endliches Ende
und Aeroplane wolkentief
posaunen: Endlichkeit, Raum, vergänglicher Traum.

Störrisch fasst den überragenden Felsen
anflutendes Meer: Ufer, Fessel!
leichthin schaukelt die Woge den stählernen Riesen,
Sturm: Ärmliches Wrack deiner Hände!
Meervolk bekränzt entschäumt den Tiefen,
das Spielzeug spielend mit Blumen zu schmücken.

Weil ich nichts bin und nichts habe,
geizt der besitzende Nachbar verbissen:
Räuber und räudiger Hund,
indes ich, ein Wildbach, in Dunst und Dickicht entschwinde.

Einfältig glitzert jeden Tag und jede Stunde
Mond oder Sonne: Sonka.

Wer ruft in die Welt den Namen
mit seiner ganzen Seele,
dem Herzen meines Herzens -

namenlos,
höre mich.


O Wahrheit, Wahrheit, einfache Tochter der Täler,
Berge und Flüsse,
der Blüten und Samen,
der Sterne, Sonnen:
nimm und erlöse mein bitteres Menschenherz.

Befreie die Freiheit,
entbinde die Liebe,
beflügle die Sehnsucht,
gib Ruhe den Flügeln,
Gesang meinem Flug.

Segne die Nächte
mit friedlichen Träumen,
ihrer großen Erfüllung
die tagenden Tage.
Verschenke das Leben
mit offenen Händen
an Gute und Treue,
o, Wahrheit, Wahrheit,
einfache Tochter der Täler,
Berge und Flüsse,
der Blüten und Samen,
der Sterne, Sonnen.


ERHEB dich, Liebe, erhebe dich,
entsage nicht, trage,
trage dich wieder, duldend schwer,
aber erhebe dich, erheb dich
und leb nicht nebeneinher.

Vertraue dich dem Ruf der Erde,
ihrem Rhythmus: Stirb und Werde,
traumgeschaute Welt bricht an;
wisse, dass du ichbefangen,
toten Dingen nachgehangen,
und Vergangensein ist Wahn.

Versöhne dich und erhebe dich,
versöhne die Tage, erlösender Blick:
Zukunft! ewig kommendes Glück -
erheb dich, Liebe, trage dich,
schreite, befruchte und trage.


JETZT hingestellt vor euch in dieser Stunde,
die Julifeierabend ist, süß von Getreide und Holunder,
hingestellt vor euch, ihr Männer und ihr Frauen,
die ihr so aus der Arbeit kommet guten Willens,
zu hören, was ich rede,
ich rede zu euch,
wie ich zu Hirten und zu Kindern sprach
vom Ölgebirge meiner Heimat
vor vielen vielen Jahren.
Seid gut in dem Bewusstsein eurer Kraft und Sendung,
seid Menschen und versöhnet euch.

Jetzt hingestellt vor dich in dieser Stunde,
auf die der hohe Julihimmel blickt mir allgerechten Sternen,
spräch ich zu dir, du großes Arbeitsheer,
Heer der Revolution und Freiheit,
ich redete zu dir:

Ich war dir roter Fackelbrand zur rechten Stunde,
und war die Flammenfahne, Blut und Stimme
gegen ein Jahrtausend,
o, höre, ich beschwöre dich:
Sei stark in dem Bewusstsein deiner Kraft und Sendung,
versöhnet euch, versöhnet euch.


NOCH einmal rufe ich dich an, weil ich dir schon so oft begegnet bin auf der großen Landstraße meines Lebens, dir Freund, dir Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Kamerad, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Genosse, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an: Mensch! Erkennst du mich? Ja, ich bin der, welcher von Osten kommt mit dem Stern im Haar, immer wieder von Osten kommt wie ein Bettler, aber geschmückt mit Löwenzahn durch die Straßen der Stadt wie ein Narr, Sonka. Weißt du nicht mehr, ich ruhte sehr müde am Neptunbrunnen in Florenz und Kinder brachten mir Fische und Brot, weil ich hungrig war, und alle Bettler der Gegend aßen von meinem Hunger und wurden satt ohne zu betteln. Kennst du mich nicht? Verblasste das Wunder in deinem Herzen, das geschah, als du deinen wütenden Hund auf mich hetztest: der sprang mich an mit gefletschten Zähnen und ward zum Lämmlein, als er mich erreichte, und leckte meine Hände. Erinnere dich: dass du gestorben wärst an jenem Tag, da du verlassen warst von Gott und Menschen. Ich schwieg und sah dich an. Aus meinem Schweigen wurde dir das Leben. Ich habe mich an dich verschenkt, Verbrecher im Gefängnis, an dich Totkranker im Spital, an dich Obdachloser im Asyl, an dich du Mädchen von der Straße, an dich und dich und dich, ich habe mich verschenkt mit Blick und Gegenblick und meiner Hand in deiner Hand, die ich umfasste. Du kennst mich ja. Ich bin von Osten. Und deine Maske aus dem Dreck des Westens wird nicht auslöschen mein Gesicht, das sich verschenkt, verschenkt, verschenkt, sieh mich nur an! und schon hast du ein Herz und ein Gesicht.
Noch einmal rufe ich dich an, weil ich dir schon
so oft begegnet bin auf der großen Landstraße
meines Lebens, dir Kamerad, dir Freund, dir
Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mit-
mensch, noch einmal rufe ich dir zu,
nicht Kamerad, nicht Freund, nicht
Bruder, nicht Genosse, nicht
Bürger, nicht Mitmensch,
noch einmal halte
ich dich an, Alles
Umfassender:
Mensch!



So endet denn dieser Zyklus, und wieder kommt mir eine Erinnerung, „verschenkt, verschenkt, verschenkt“, ich schrieb vor einigen Jahren dieses Gedicht:

Ich verschenke mich!

Ich biete mich nicht feil,
nicht für Geld, für Liebe nicht,
für nichts und gar nichts auf der Welt,
alldieweil ein großes Herz die Welt umfängt,
ein Herz, das nicht an Dingen hängt,
ich biete mich nicht feil.

Ich verschenke mich!

. . . und wenn ich mich einmal verneige,
dann neige ich mein Haupt
vor Lebenslust, vor Kinderlachen,
und ich schweige von den Dingen,
die mir heilig sind,
und im Erwachen bin ich selber Kind.

Ich verschenke mich!

Ich verschenk mein Herz in aller Offenheit
und träume himmelwärts
und manchmal tu ich weinen, weinen, weinen
vor lauter Glück, von aller Angst befreit,
und aller Herzen Du begegnen mir in Einem.

Ich verschenke mich!


Montag, 22. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (III)

 


Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Der Zyklus "Die Legende vom weltverlommenen Sonka" wurde in Der neue Daimon, Heft 3 - 4, April 1919 veröffentlicht, herausgegeben im Genossenschaftsverlag, Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel.




DIES eine Bein, darauf das andre ruht,
gestellt auf niebebauten Boden irgendwo
und mit den müden Händen einen wunden Fuß umfassend,
sitz ich verkauert stumm auf einem morschen Stamm,
gekrümmten Rückens,
dass mein Knie, von meines Hauptes blinder Last bebürdet,
die kalte Schläfe mir durchbohrt.

Ich bin ein Samenkorn
vom Wetter hergetragen.
Was werde ich, wenn ich da Wurzel fasse,
in diesem Moder kraftverlassen?

Bin ein verirrter Block,
verwitternd.
Entspringt eine Quelle meinem Gestein?
Verwehen Stürme mich zu Staub,
dass mich die Erde begrabe?
Oder bin ich Felsen genug, zu versinken im Grund?

Bin eine Schraube,
losgelöst von ihrer Dampfmaschine,
die vorüberrollte zu den Städten.
O, ist der Riesin Leib geborsten ohne mich?
O, ward die Lücke ausgefüllt von einer stahlgetreuern Schwester?
Mein Wert, mein Schicksal: der neuen Maschine zu dienen?
wird man mich suchen? wer mich finden?


spielende Kinder - ein rostig Ding?

Ich bin ein Bund Telegraphendraht,
der von einem hastenden Motor verschleudert,
hier die Straßenböschung herabglitt.
Guter Draht, geglüht, zu verbinden,
der Erde brüderlich schmerzvollen Puls zu verkünden,
Bewegung erleidend zu klingen.

Ich werde zerfallen, Unkraut düngen,
Dasein wird mich überwuchern.

Ich sitz verkauert stumm auf einem morschen Stamm,
zusammenbrach ein Wanderer am Wege,
mit erdenschweren Händen ein Gebilde,
(Seele ward der Form,
die Seele meines längst verscharrten Meisters,
der Götter schuf aus Stein)
ein meisterhaft vollendet unvollkommen letztes Werk:
Mensch auf dem Weg zu Gott.

Stoff: mein Leib,
Gestalt: mein Blut,
o Gleichnis mein Blut,
es sei dein Traum, was er wolle:
einmal verschlingt dich die durstige Scholle,
schmilzt in kosmischer Glut -
und endlich mündet die Welt im Geist,
der meinem Ja sein Nein erweist.


ICH habe die Erde unbeschlafen gelassen,
unbefahren die Ringelspiele
der Menschheit an den Heeresstraßen.
Nie hab ich angelegt auf ruhmbemalte Ziele.

Wie lächelt die Quelle verliebt sich zu spiegeln
in mir, mich spiegelnd im Ferneblauen.
In dem Geheimnis mit den Sternensiegeln
wir selig zu Tode uns schauen.


AUS mir loht stets ein Feueraufblick der Bejahung:
je bleicher sich mein Haupt in einen Schädel wandelt,
je dünner meine Hände Spinnen gleichen.
Hekatomben ungesühnter Leichen
bebürden mir die kranke Menschenbrust.

Mein Aufblick
durchbricht die blutschwarze Erde der Welt,
versengt das Sterben,
entschwebt dem All.

Willenskraft,
die mir das Antlitz meißelt,
ist Dichtermacht von Seiner Macht.
Ich trag ein Kreuz von aller Welt verlacht
und doch von Aller Schmerz gegeißelt:
mein Dichterherz.

Seit Anbeginn
verhöhnt mich Wahn der Zeit.
Ich treibe zu dir hin
in deine Ewigkeit.

Und Sünde und Not
mein tägliches Brot,

weil ich Gottes bin.


MEIN Pfad
durchläuft die höllischen Schächte,
umkreist die Bahnen der Sonnen:
des Menschentums Gleichnis scheingesponnen
rot eingewebt in Tage und Nächte -
mein Pfad, der die Zeit verlassend,
Irre erleidet, Wahn und Wahrheit,
bis seine blutenden Augen, verblassend,
verwerden in Klarheit!



GOTT: ist die Ruh, Vollendung
in Nichts entwandelter Kraft;
Ist: bildlose Beendung
von Zeit und Tod und Wanderschaft.

Nach dem Widerstreit der Stunden
sind die Dinge blind verblendet.
Nichts wird, wenn sich Gott beendet,
mein beharrlich Leid bekunden.

Einmal werden meine Stimmen
stumm sein von der Ruhe Gnaden.
Wann wird endlich wer bestimmen,
mich zu allem Nichts zu laden?


BETTLER von Haus zu Haus, wo wohnst du?

Auf der Menschheitsgaleere, geschmiedet an die Zeiger der Lüge,
Geflochten ans Urrad, ans Uhrrad der Zeit,
Hausen die Nächsten, Besitzer der Höhlen und der Paläste,
Hassen die Armut, die sie furchtsam lästern
Und mästen Gewissen verbittert mit Wahn. -

Aber du?

Blaudunkel flutet dein Blick:
Doch die Nacht kennt dich nicht,
Du bist unter Schatten nicht zu erblicken,
Dich beherbergt kein Grab.

Dein Antlitz ausgemergelt von Sonne -
Und ich begegne dir nie,
Wie du des Sommers wanderst im Staub der Straßen
Oder wie du wanderst am weißen Strand vor den Toren,
Und ich find dich nicht schlafen am Wiesenrain
Und ertapp dich nie
Abbeerend die Sträucher am Weinberg.
Die Gräser blühen nichts von deinem leichten Gang,
Die Wipfel rauschen nichts von deinem sich wiegendem Haupt,
Der Winde Atmen hat dein Odem nie verspürt.

Nicht kündet spiegelnd dich der Glanz der herben Jahreszeiten:
Schnee oder Blüte,
Die Männer wissen dich nicht,
Die Frauen: niemals hat solch ein Mensch hier gebettelt.

Und ich erschau dich doch allemal, Bettler von Haus zu Haus,
Am hellen Mittag und zur Mitternacht
Unbekümmert schreiten von Haus zu Haus
In Bettlertracht
Mit deinem Bettelsack
Und deiner Schnapsflasche:
Wo luderst du dein Tagwerk hin?
Was ist dein Wesen, was dein Sinn?
Wo ruhst du aus?

Zeitgeläute, raumatmend, Werden tönt nur Klageruf,
Sonka nennt mich die Erde.
Sich tötete der Mensch, der liebend mir den Namen schuf,
Geist, dass er ewig, und nicht mehr werde.
Beseelt war der Anfang, entleibt das Ende -
Tod ist vollendetes Immer.

Und wiedergeboren bricht aus tagdurchflossenem Sein
Widerhall seiner Stille
- Erstritten erlitten auf Erden einmal -
Das Wort und der Laut:
Ein Mal, mir geworden, ein Name,
Liebe und Sterben, in Ewigkeit da sein
Bedeutet dem Dulder,
Verwirklicht den Dichter,
Leitet im Wesen der Welt des Sehens heimgeheiligten Pfad,
Schmerzerhellte Beziehung zum Geist:

Stoff gestaltet den Schein der Legende,
Endlich verklingen, endlich geläutert von meines Ursinns Berührung
Verklingen die Dinge Sonka.

Gleichnis verwirrt und Bild verführt,
Da ist des Wortes Irresein,
Da ist der Traumgesichte Schein.
Ich schreite gleite unberührt,
Ein jeder geht den Weg allein.
Stein wie Stein, Staub wird Stein,
Weg beleibt, was der Weg gebiert,
Spur nur, was der Fuß verliert.
Aber jenseits von Weg und Spur und Staub -
Ist Sein Gott.

Gleichnis haucht das Tote nicht lebendig,
Bild schlägt, was lebendig wurde, tot.
Aus meinem leeren Bettelsack verschenk ich ewig Brot
Und meiner Flasche Nichts, das ich verspreng, ist wahnlos, nichts,
Beständig.




Hier erinnert mich Hugo Sonnenschein an Walther von der Vogelweide, gerade die Verse "Das eine Bein / darauf das andre ruht", und auch der weitere Verlauf dieses Monologes, ich denke, dass sie sich direkt auf das bekannteste Werk des Minnesängers beziehen:

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
mîn kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wes man zer welte solte leben;
deheinen rât kunde ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der deheinez niht verdurbe.
diu zwei sind êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
das dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider, des enmac niht sîn,
daz guot und weltlîch êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîge und wege sint in benomen;
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.


Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine,
darauf der Ellenbogen stand;
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
dem Weltlauf nach und irdischem Heil;
doch wurde mir kein Rat zuteil,
wie man drei Ding’ erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding’ sind Ehr’ und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen.
Die hätt ich gern in einem Schrein.
Doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz.
Sie finden Hemmungen allerwärts;
Untreue liegt im Hinterhalt,
kein Weg ist sicher vor Gewalt,
so Fried als Recht sind todeswund,
und werden die nicht erst gesund, wird den drei Dingen kein Geleite kund.

Die Illustration zeigt Walther von der Vogelweide im Codex Manesse (etwa 1300 - 1340)

Sonntag, 21. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (II)

 



Der zweite Teil des Zyklus, eine eher prosaische und philosophische Abhandlung seines Verhältnisses zu Gott, „Gott ist durch kein Gleichnis zu erjagen, weil Gott kein metaphysisches Wild ist“, schreibt er. Einiges davon erinnert mich an Texte von Laotse und von Meister Eckhardt, und auch an einiges, das ich selber mir zusammen reimte, doch bei ihm mit einem größeren pessimistischen Einschlag. Dieser ist wohl dem Erleben des ersten Weltkrieges zu schulden, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade einmal ein halbes Jahr vorbei war. Das Foto von ihm ist von dem Fotografen Anton Josef Trčka (1893 - 1940), es zeigt den Dichter im Jahre 1914.


LEBEN: Werden Entleiden Sein.

Wort und Werk werden, entleiden, sind.

Die Ahnung meiner Seele in der verhüllten Zeit vor neunzehnhundertvierzehn - was aber mein Gehirn damals kaum begriff - ist durch das Erlebnis des Krieges tiefste Erkenntnis geworden:

dass die Erde totgeborenes ist.

Da ist Tod nicht zu fürchten; fürchte dich nicht vor Leid, Liebe und Verrat.

Denn diese Erde ist nicht die Gefahrzone im Weltall und dieses All ist chaotisches Sterben in sich.

Von unwissenden Beherrschern, die, beschränkt von der Vorstellung ihrer Weltgesetze, irdische Frucht erschufen, wird die Erde methodisch geordnet. Diese Weltorganisatoren, Moralfeldherren, Staatsphilosophen und Religionsstifter sind keine Nihilisten, weil ich das Nein bejahen muss und das Bewusstsein des Absolut – Absoluten jenseits der Welt, Gott, habe, das einzige Menschliche, die Demut, die ihnen nie werden kann.

Dieses ist mein Wesen: Verkommenheit. Welt - Zeit - verkommen - sein. Ich rechne nicht mit Zeit und Welt. Ich verzichte auf Bild und Gleichnis. Denn ich verzichte auf Gefolgschaft. Ich verzichte auf Jünger, die mich verstehen und deuten könnten. Und mein Leben bejahen, hieße Gott verneinen.

Ich bin das Bleibende im Strom, der nicht ist, weil ich Gott weiß.

Totgeborene Erde muss versagen: Nichts ist Alles ist Nichts.

Sünde ausgelöscht! Gut und Teufel, Tun und Lassen ausgetilgt! Sehnsucht erfüllt!

Was könnte foltern, erschüttern, quälen: Erde! Was feig machen und mutverzerren! Erde.

Kein Tor zur Hölle, keine Pforte in den Himmel, ich gestehe: es gibt keine Welt.



Leben: Werden Entleiden Sein

Wahrheit ist bildlos Gott. Gott ist. 1 = 1: das ist Alles. 1 = 2: warum nicht. Geschrieben, gesprochen, gehört. Ja und Nein. Und Nein. Wir denken, wir denken irdisch.

Gott ist durch kein Gleichnis zu erjagen, weil Gott kein metaphysisches Wild ist, das vom Pfeil des durch durchdringenden Wortegehirnes getroffen werden könnte.

Ist in kein Sinnbild zu kleiden wie die Gliederpuppe Mensch. Verflucht!

Ist sinnbild: bild - und sinnlos. Sein heiliger Sinn: Vereinigung der Welt, der Zeit. Vereinigung des Lebens in Welt und Zeit. Gott ist Sein. Sein ist das Sein.

Ich hüte mich, mehr zu verraten von meiner Heiterkeit.



Wirklichkeit geschieht. Geschehen stirbt wirklich. Welt, Zeit; Leben in Welt und Zeit. Stein wird zu Sand, Sand vielleicht Stein: Stein Sand. Es wächst, es fließt, es stirbt. Ding bleibt Ding, solang es stirbt.

Leben Kraft Trieb; ein Gehirn wird Vorstellung. Ein Gehirn denkt. Ich wende nichts ein. Aber Gott lasse man aus dem Spiel. Denn Wirklichkeit ruht - und - tanzt, ruht nicht. Zum Teufel die Moral! sie ist nicht Sprache geworden: es ist gleich 1:1, wenn es sein muss, eins ist nicht zwei, wenn es nicht sein muss; dies ist der Erde klar. Braucht die Erde Gott? Was braucht die Erde Gott!

Wer spricht von Zusammenhängen? Ich dichte. Und werde mich hüten, mehr zu sagen. -

Und ich betrete die Erde wieder, dass ich Boden unter den Füßen habe. Ich komme zurück mit der großen Erfahrung meiner bildlosen Gesichte, des Gottwissens. Ich bin da als Wille des Dichters, des Dichters, der weiß. Und mir ward die Dreieinigkeit des Wortes: Die Sprache des Künstlers; mir ist die Ehrlichkeit des Weltverkommenen, die Unabhängigkeit des Wissenden. Der Arbeit Können und Wollen. Sendung: die Macht des Dichters. Und Bewusstsein trotz der Sendung. Gestaltungstrieb.


Mit meinem Gottwissen bin ich da, ein dichtender Mensch. Ich bin nicht anders, ich kann nicht anders: ich muss sein, was ich kann. Die Bedingung meiner Form. Meine Art bedingt mein Charakter. Und doch und deshalb: Futurus sum bis ans Ende. Undenkbar  -

undenkbar ist das Was, es ist nicht darzutun. Der Rest ist Arbeit Der Rest ist das Wort. Aber: Bild und Gleichnis versagen, sogar der Punkt. Er ist Raum, er ist Vorstellung. Und ruf ich die Fläche, ist sie gleicher Stoff wie der Punkt. Die Linie muss verglimmen, wenn ich sie ansehe.

Ich dichte!

Ist größere Tragik auf Erden!

Ist solche Tragik jenseits der Welt?

O Wahrheit, denn die Wahrheit ist bildlos wie Gott.

1 = 1.



Jenseits der Schönheit. Schönheit, der Sinn, der den Sinnen entspringt, die da sind, Dasein, um nicht irre gehend zu leiten. Also Entwertung der wertlosen Werte, der totgeborenen. Schlacke, die Schlacke ist von Anbeginn zu Anbeginn. Was ist der Rest: eben Alles: Nichts.

Ich werde mich hüten, mehr zu sagen. Meine mutige Unabhängigkeit bis an die Grenzen. . . die Grenzen. Also endet meine Wahrhaftigkeit, meine Ehrlichkeit: ich leugne es nicht. Ich bekenne. Gott.

Ich hüte mich Nichts zu sagen. Alles bleibt: Schönheit - Krätze. Das ist da, Dasein, das nicht ist.

Kein Rückzug. Wenn ich sie von meiner Flucht reden höre, antworte ich:

Totgeboren und nicht wissend die Erde der Schönheit! Alles lebt in der Welt. Es ist leicht hier zu tanzen. Mitten im Kriege wissend zu tanzen. Über und unter wölbt sich der Weltraum: Warum nicht tanzen!

     -  Meerengen von Fischerbooten torpediert; Untersee von Langmut destilliert;      Riesenerze Malachit und Hydroxyt schmelzen im Tumult der These: Branntwein nistet in der Teuerung; Rosenernte hämmert in die Stellung aller Offensiven und am Knotenpunkt der Erde lagert Munition. -

Will man noch zwingendere Sprache? Brauch ich Verstärkung gegen das Frachtstück im Kampf um den Tanz auf Erden!
Ich heiße Sonka, der Dichter von Mund zu Mund.

Die Menschen sehen mich und hören meine Stimme,

sie lesen dieses Nihilisten Manifeste, sie sehen dieses Mathematikers Skelette, warum fragen sie (denn sie fragen): Wer ist Sonka? Wo, was?

Es ist nicht Flucht, wenn ich die Äpfel dieses Sommers zähle, die Äpfel, die im Herbst von einem Raubtier zermalmt, gefressen, vernichtet werden. Auch ich bin gefräßig. Und mäste mein Aas.




Dieses kleine Selbstgespräch mit Gott, eher Prosa, eingebettet in einen lyrischen Zyklus, weckt bei mir Erinnerungen an Gelesenes und Geschriebenes. Zum einen an den Tao Te King, wieder in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1873 - 1930) von 1910, wo der erste Abschnitt heißt:

Der Sinn, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde,
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Doch auch an Meister Eckhardt (1260 - 1328) der unter anderem schrieb:

"Als ich in meinem ersten Ursprung stand, da hatte ich keinen Gott, und da war ich Ursprung meiner selbst. Da wollte ich nichts. Dort verlangte ich nach nichts, denn ich war abgelöst von ihm und ein Erkennender meiner selbst im Genuss der Wahrheit. Da wollte ich mich selbst und sonst nichts. Was ich wollte, das war ich. Was ich war, das wollte ich. Und hier stand ich, abgelöst von Gott und allen Dingen. Aber als ich dann heraustrat aus meinem freien Willen und mein geschaffenes Wesen entgegennahm, da bekam ich einen Gott. Denn bevor die Geschöpfe waren, da war Gott nicht Gott, vielmehr war er, was er war. Aber als die Geschöpfe entstanden und ihr geschaffenes Wesen empfingen, da war Gott nicht mehr Gott in sich selbst, sondern er war Gott in den Geschöpfen."

Und:

"Alles, was je von Gott herkam, ist bestimmt, sein Wesen durch Wirken rein zu entfalten. Die für den Menschen charakteristische Tätigkeit ist Lieben und Erkennen. Nun entsteht die Frage, worin von beidem die Seligkeit vor allem bestehe. Einige Meister lehren, sie bestehe in der Liebe; andere lehren, sie bestehe im Erkennen und im Lieben, und die reden besser. Aber ich behaupte, sie bestehe weder im Erkennen noch im Lieben. Mehr noch: Es gebe ein Eines in der Seele, von dem Erkennen und Lieben herkommen. Es selbst erkennt nichts und liebt nichts – wie das die Kräfte der Seele tun. Nur wer dieses Eine erkennt, der begreift, worin die Seligkeit besteht. Es kennt weder ein Davor noch ein Danach. Es harrt keiner von außen zufällig erfolgenden Ergänzung, denn es kann weder etwas hinzu gewinnen noch etwas verlieren. Es ist so arm, dass es nicht weiß, dass Gott in ihm wirkt. Ja, es ist selber das selbe, das sich selbst genießt wie Gott sich genießt. Daher behaupte ich, der Mensch solle frei und abgelöst stehen. Er soll nicht wissen und nicht erkennen, dass Gott in ihm wirke. Auf diese Weise kann der Mensch Armut besitzen."

Aus seiner Predigt „Über die Armut im Geiste“ (Das Bild „Kelch Christi ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)


Und ich, als Dingefinder, habe Ähnliches so formuliert:

Auf dem Pfade

Ich bin durchs Leben gegangen - äonenlang.
Und alle Zeiten durchschwingt ein göttlicher Klang.

Durch mich hindurch schautein ewiger Geist,
Ich vermag ihn nicht zu benennen,
Er schaut durch mich in diese Welt
Und lernt in ihr sich selber kennen.


Freitag, 19. Mai 2023

Hugo Sonnenschein: Die Legende vom weltverkommenen Sonka (I)

 



Die Legende vom weltverkommenen Sonka

Kunst will Sein und Sein ist nichts als Liebe


M
it barfüßigem Schritt die heimatlichen Pfade kosend,
aufrecht wie Bäume, hellumblühten Hauptes,
weltenübersegnet,
sind wir einmal die selig Wandernden gewesen,
und wanderten, versöhnte Brüder auf verteilter Erde,
von Volk zu Volk, die Grenzen jeder Auserwähltheit überschreitend,
ein selbstlos reines Herz von Mensch zu Mensch tragend brüderlich.

Wir waren arm wie die Vögel unterm Himmel und nackt wie Lilien des Feldes
und atmeten das Licht der grenzenlosen Liebe,
den Odem Gottes, der die Welt vereinigt
im Paradies der Menschheitsseele.

Wir schritten aufzubauen
das Weltreich eines Volkes,
beseelt von göttlicher Vernunft,
in den Gesetzen deines Geistes.

Wir ruhten aus mit Landstreichern am Kreuzweg
in gastlich mildem Schatten alter Bäume,
wenn Mittag uns mit lichter Ruh beschenkte,
und feierten die Abende mit Dichtern in Gesprächen
im Kreis der Schwestern, die sich offenbarten
in allen ihren himmlisch-irdischen Gestalten:

Wundersame Priesterin der unbefleckten Flamme,
demütig stolze Trägerin von des Geschlechtes Schwere,
gekrönte Dienerin des Kindes, gnadenreiche Mutter,
Meisterin des heimatlichen Mahles, heilige Schwester,
Hüterin Gegenwart, Gebärerin der Zukunft,
unserer zügellosen Ichgesänge versöhnende Sordine -
wir betteten das Herz in deine traumvollen Hände
mit einzutönen in den Werdedithyramb des Alls.

Wir spielten mit den Knaben in den Gärten
und unserm Spiel entstieg, vom blauen Tag umschlungen,
der Jüngling heidnischer Gesänge, Genius der Freiheit.

Wir tranken Bruderschaft mit Königen und Bettlern
aus der verklärten Quelle deiner großen Güte,
die unsere Menschheitsstirn erlöste,
den Spiegel deines Wortes, Namenloser,
der du der Ursprung aller Weisheit bist,
der Sinn, die Wahrheit und das Leben:

Wir waren Menschen von des Lebens Gnaden,
nicht Könige, nicht Bettler, - Menschen, Menschen,
von jedem Hauch verkündet war Liebe unser Wesen,
dass Lerchen nisteten in unserer Wanderschaft.


O
Erde, Erde! Krieg.
O Erde, Blindenhaus der schwarzen Felder!

Menschen werden von Menschen mutwillig geschlachtet,
Tiere, wutbrüllend unverständliches Morden wider den Geist -
Tod ohne Tat, zielloses Blut:
Es erstickt das siebenmal durchbohrte Weltherz.

Gräberfurchen wühlt ein rostumflorter Pflug
in den jäh verdorrten Weinberg meiner Menschheitsstirne.
Blutschwarzer Geier erdnaher Flug
umnachtet Gegenwart,
da Leichenzug um Leichenzug
sich stürzt in totgeborne Zukunft,
Seiendes begrabend:
Ach, das Nimmermehr der Welt.

Der ewige Tag wird eingescharrt
und die unsterblichen Gestirne:
Was erlischt nicht die Sonne
an der Einsamkeit düsterster Erkenntnis
Erd und Himmel, Sein, All, Wirklichkeit -
die Welt ist Wahn.

Geschöpfe sind aus Staub gemacht
und unser Herz ist Staub -
Geist, Erde und Gestirne Staub.

O, Macht der Menschen über Menschen!
Gewaltige der Macht, die Wind mit Blut bebauen,
Gesetze züchten, uns zu würgen,
von unserm letzten Hauch zu leben,

weh Tyrannen,
die in Gewalt gedeihen
Und Hass in Recht entfachend,
Brudermord bereiten.

Und die Ohnmächtigen der Erde:
Vagabunden, Huren,
deren Armut unrein ist
wie Lüge, Neid und Gier,
ein räudig Pack aus Läusen und Gestank!

Und ihre Kinder sind die Sündenbrut der Alten.

Denn Liebe: Liebe - Unglück in der irren Weltmechanik,
Liebe: Verrat, betört Verworrenes,
das Wollust schreiend,
Schwachheit röchelnd,
Trug gebärend,
doch zugrunde geht.

Ich aber bin allein geblieben,
bin elend bang allein geblieben,
das Tränenmeer zu trinken zwischen Höll und Hölle.

Wohin hab ich verloren
Welt und Weib und Wesen,
was zu verlieren war, verloren,
dass ich nicht sterben kann?!

Was ruf ich an? Was ruf ich an!

So trostlos hart, so schwer, so bang bin ich allein.


Mi
t den ewigen Gestirnen
zeitlos schreitend, Gottes Schreiter,
schritt ich brüderlich und heiter
über sternenhohe Bahn.

In den Schluchten kam ich an, -
als ich aus der Sterne Spiel
fern zurück ins Chaos fiel
kam ich in den Schluchten an:

Und ich tast in Weh und Wahn
mich felsab und felsenan
einsamer und schwerer.

Dunkel liegt das fremde Land,
rätselhaft verhüllt und stumm.
An dem Stab der blinden Hand
frisst beständig, steil und krumm
und zerrissen ohne Steg
frisst mir bodenloser Weg.


D
EIN Auserwählter leid ich sonder Maß,
doch deines Willens Gnade macht mich stark.

O Herr! Der wüstzerstampften Liebe: Hass
zersägt mir tausendfach das Mark.
Ich bejahe den Krieg, das blutige Tier,
rot überwiehernd dürstendes Flüstern.

Ich krümme das Rückgrat, ich blähe die Nüstern,
mein Haupt reckt sich rasend ins Weltbrevier.

Und meine Hände, deiner Tat Verzücken,
die magischen Kreise Gestirne zerpflücken,
und meine Zähen gefletscht aus gräßlichsten Wonnen,
in mittagflammender Hölle sich sonnen,
die meine Blicke zu Dir überbrücken,
dass ich in des Einzigen Anblick erlahme.

Dein Tod und dein Leben! Mir entsprudelt der Same,
in meinem Blut ertrinkt der Boden
der Tage und Nächte All, verschlungen
von Gischt und Lava meiner Hoden,
verendet Weltruf ruhbezwungen.

Beendet. Entladen. Erfüllt. Verklungen
umsäuselt die göttliche Quelle
in kosmischen Kristallgebirgen
nach ungedachter Zeit
wieder des Anfangs ersten Keim.


Wie oft wurde ich gemustert, numeriert und ausgestrichen,
eingetragen, aufgeschrieben, registriert und mitgezählt,
eingeteilt und ausgewählt,
verglichen:
ich habe die Zeichen der Zellen, Betten, Akten, der Teufel weiß wessen,
wo ich geknebelt ward, und wo ich gefesselt gefangen gesessen,
nicht gekannt oder vergessen.

Armselig wie Zahlen die Menschen, die sie schrien und schrieben, -
ich, ich bin der, der ich bin, gebleiben:
Sonka,
töricht fremd im irdischen Land,
Geist in Gottes Hand:

Unbeirrt auf harten Wegen leid ich klarem Ziel entgegen.

Sieben Martern meintwegen!
Drosselt, knechtet, hängt mich auf!
setzet eure Nummer drauf -

mich hält kein Galgen auf,
ich ziele Gott, dem Ist, entgegen.


Ich bin ein Narr, doch fehlen mir die Schellen:
ich tanze nicht und schreie nicht auf Märkten,
ich lehre nicht,
ich löse keine Bilderrätsel auf,
Buchstabenspiele, Weltgeschichtlichkeit.

Denn irgendwo und wie und wann
geschieht das Sterben dieser fremden Erde,
mir Mutter einst: da ward ich Keim,
ich trieb, ein Schiff in Leid und Werden,
und duldend Mensch geworden,
wuchs empor ich in den Raum
nackt wie ein Baum.

Blut und Tränen, schwarz wie Wolkenstürze,
haben blind mein Erdreich unterwühlt und weggeschwemmt.
Ich wurzle nicht.

Sturmgetrieben ein wandelnder Baum,
den kein Sturm zerbricht,
wachse ich und wurzle nicht:
was nährt mein Geäst, was erfüllt meinen Stamm?
Ich bin ein Baum, bin aus Wurzel Schaft und Wipfel:

Zeitentwurzelt
über Welt und himmelaus
die Einsamkeit tragend,
Frucht und Blüte meiner Krone -
in Gott hinein.

Hugo Sonnenschein, aus: Der neue Daimon, Heft 3 - 4, April 1919, Genossenschaftsverlag, Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel.

Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das Portrait von ihm ist von Egon Schiele (1890 - 1918)




Mich erinnerte beim Lesen der obigen Verse an zweierlei, einmal an die Klage des Laotse aus dem 20. Abschnitt, hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm (1873 - 1930) von 1910:

O Einsamkeit, wie lange dauerst Du?
Alle Menschen sind so strahlend,
als ginge es zum großen Opfer,
als stiegen sie im Frühling auf die Türme.
Nur ich bin so zögernd, mir ward noch kein Zeichen,
wie ein Säugling, der noch nicht lachen kann,
unruhig, umgetrieben, als hätte ich keine Heimat.
Alle Menschen haben Überfluß;
nur ich bin wie vergessen.
Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.
Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
nur ich bin wie trübe.
Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
nur ich bin wie verschlossen in mir,
unruhig, ach, als wie das Meer,
wirbelnd, ach, ohn Unterlaß.
Alle Menschen haben ihre Zwecke;
nur ich bin müßig wie ein Bettler.
Ich allein bin anders als die Menschen:
Doch ich halte es wert,
Nahrung zu suchen bei der Mutter.




Zum anderen hatte ich in meiner eigenen Wanderzeit (Ich war in den Siebzigern alleine mehrere Monate und in den Achtzigern mit meiner damaligen Partnerin eineinhalb Jahre unterwegs) einen Zyklus geschrieben mit dem Titel Der Narr, daraus einige Gedichte:  


Der Narr


Ich singe in die Sonne
und fall in alle Himmel ein



Ja, ich bin der Narr!
Ich habe die Karte gezogen
und alles andere wäre gelogen,
ich bin der Narr
es ist wahr!

Ja, ich bin der Narr!
Ich blätter in meinen Annalen
und gebäre mich selbst unter Qualen,
ich bin der Narr
es ist wahr!

Ja, ich bin der Narr!
Ich werde meinem Schicksal
nicht mehr entgegenstehn!
Ich werde glühen
und blühen
und in der frühen
Stunde vergehn!


Ich weiß!

Wie ein waidwundes Wild
trage ich den Tod durch die Welt.
Ich weiß!

Schaut mir nicht in die Augen,
eines voll Trauer, eines voll Glut.
Ich weiß!

Sie haben in eine Nacht geschaut,
dunkel, dunkler als die dunkle Pforte -
Ich weiß!

Noch trage ich die Male des Schmerzes,
noch trag ich die Wundmale einer sterbenden Lust -
Ich weiß!

Dachte, hätte Gott gefunden.
Gott starb - ich starb - alles starb
Ich weiß!

Ich trage keine Hoffnung
hinter gottloser Stirne.
Ich weiß!


Finis

Wenn Du den langen dunklen Nächten
entfallen bist

und die Sonne wieder scheint,
dann lachst Du,
dann sagst Du:
Was soll der Mist?

Hat das der liebe Gott gemeint,
als er Dich schuf?
Du hörst im Herzen einen Ruf:
von weitem her,
ganz leis:

Ich weiß!

Das Bild ist von Frederick Mc Cubben (1855 - 1917)