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Montag, 27. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Lieder aus meinem Garten

 



Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:
„Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)


Lieder aus meinem Garten


Sommertag

Schatten im Grase, spielendes Laub,
Huschender Flug im Gezweige,
Tanzendes Gold auf den Wegen,
Überall Reife und Segen.
Wärme brütet auf Baum und Haus,
Schleierzart ziehet die Wolke,
Leben streckt segnende Hände
Über Mensch, Tier und Gelände.


Das ewig junge Lied

Mein Garten singt und blüht
Das ewig junge Lied,
Das Lied, das alle Welten kennt
Und aller Herzen Namen nennt.
Das Lied, das über die Meere geht,
In allen Winden der Erde weht.
Das Lied, das wie die Sonne glüht
Und süß wie purpurne Rosen blüht.
Das Lied, das im Paradiese geboren,
Sich seltsam zu unserer Seele verloren,
Das alt ist wie die Ewigkeit
Und ewig jung wie Freud und Leid.


Das Leben träumt in meinen Garten

Das Leben träumt in meinem Garten.
Es schloss die Türe hinter sich zu.
Lässt alles draußen liegen und warten.
Und segnet selig hier meine Ruh.
Und rührt mit stillen, segnenden Händen
An Baum und Strauch, an Duft und Wind.
An alle Stille, an alles Bewegen rührt es lind.
Dann huscht es hinaus zu fernen Dingen -
Und lässt mir im Garten ein goldenes Klingen.


Ein Meer der Stille bist du

Ein Meer der Stille bist du –
Ein tiefes, tiefes Meer.
Und meine Seele gleitet in selger Ruh
Den letzten Heimlichkeiten deiner Tiefe zu.
Ein unerschöpflich Bronnen
Aus deiner Tiefe quillt,
Und in des Lebens Weben ganz versonnen,
Fühl ich mich reich und warm mit ihm versponnen.


Von Freude ein tanzender Reigen

Mein Garten ist eine Welt für sich,
Rings stehen wie Mauern das Schweigen,
Und trennt meine Welt von all den andern.
Ewiger Sonntag erwartet mich,
Von Freuden ein Tanzender Reigen.
In Seligkeiten kann ich hier wander.
Weit eine Welt zwischen mir und den andern.


Mein Tag

Der Abend verglimmt in silbernen Schein.
Mein Tag, du vergehst -
Doch du warst mein.

Warst mein mit all deinem reichen Sinn,
Mit der heiligen Kraft,
In der ich bin.

Du lösest dich auf im Abendglühn.
Doch du warst mein -
Still lass ich dich ziehn.


Mittagsstille

Ein leises Wehen nur, das in den Bäumen spielt,
Und über lachenden Blumen ein Schmetterling.
Eines Vogels verlorener Ruf aus dem Gezweig -
Sonst reife Sonnenstille über allem Ding.
So wie die Glückesfülle das Herz fromm stille steht,
Geht Mittagsstille über all Leben wie ein Gebet.


In meinem Garten rauscht ein tiefer Brunnen

In meinem Garten rauscht ein tiefer Brunnen,
Und unerschöpfliches singt mir sein Sang.
Da kann ich lauschen und immer lauschen
Viel Zeiten langen.
Aus allen Weiten tönen die Stimmen,
Aus jeder Ferne kommt reich ein Klang,
Und ohne Müde mit pochendem Herzen
Lausch ich dem Sang.


Endlos aus einem tiefen Bronnen

Endlos aus einem tiefen Bronnen
Rinnt mir ein selig Lied.
Flattert lachend und unbesonnen
Hin über Weg und Steg.
Rauscht durch die Luft wie Vogelsang.
Glüht wie tausend schwingende Sonnen,
Verweht mit der Wolke, die leise und lind
Dort über die Berge zieht.

Donnerstag, 23. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Mein eigener Garten

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bilder sind von Odilon Redon (1840  -  1916)

Mein eigener Garten

Soll ich von meinem eigenen Garten erzählen –

Ich bin verliebt in ihn – und Verliebten ist nicht zu trauen.

Sie sagen meist zu viel Schönes von dem, das sie lieben.

Aber mein Garten ist so schön, daß, wenn ich tausendmal zu viel sagte, er immer noch schöner ist, als ich sagen kann.

Ja, ich bin verliebt in meinen Garten.

Verliebt in dem höchsten Sinne, daß ich meine Seele an ihn verloren habe.

Aber er gibt sie mir wieder. Tausendfältig gibt er sie mir wieder. –

Ich öffne die Tür am Wege.

Nun kommt mit. Steigt die Stufen zwischen den überhängenden Zweigen der Tannen und Buchen hinauf, in denen die Sommersonne mit goldenen Kugeln spielt und zwischen den dunklen Ästen klettern die roten Glühlampen der Rosen hinauf. So hast du von Schattenspiel und Lichtleuchten und Purpurfarben ein seliges Willkommen schon beim Eintritt in meine Welt.

Der Garten muss uns eine Welt sein, sonst hat er keinen Sinn.

Eine Welt, an die wir uns selbst verlieren, um uns neu und ganz wiederzufinden. Weit laß ihn sein, deinen Garten, wenn es möglich ist. Nicht eng und klein, daß man von hier bis dort seine Grenzen sieht und immer zwischen Anfang und Ende hin und her geworfen wird und nie zu jenem seligen Untertauchen in die Freude kommt, das uns nur die Fülle gibt.

Ach, ich liebe auch den kleinen Garten des Nachbarn und ich wünsche jedem unter uns ein Gärtlein, sei es noch so klein – immer ist's seliger als keines. Aber mein Garten ist weit – weit –

Ins Grenzenlose und Unendliche schaue ich hier, und täglich finde ich ein Neues, Unerwartetes, eine heimliche Freude, ein neues, helles Glück in den vier Winden seiner unerschöpflichen Schönheit.

Ich habe Traurige hineingeführt, und sie wurden getröstet.

Menschen der Freude ließ ich ein, und sie tranken sich göttlichen Rausch an seinem übervollen Becher.

Leidende fanden den Willen zum Leben in ihm wieder.

So kommt und schaut, daß ihr ihn erkennt und liebt mit meiner endlosen Liebe.

Auf den schattenumhangenen Treppen stiegen wir hinauf.

Nun teilen sich die Wege.

Wo nur zuerst hin in diesem Garten ohne Ende. Grenzenlos wie eine selige Unendlichkeit.

Am Abhang, der zur Straße fällt, geht ein lauschiger Weg zwischen blütenduftigen, lachenden Rasenflächen und ernsten, hohen Tannen und Laubbäumen, die einen grünen Wall zum Wege unten hin bauen. Im leuchtenden Rasen stehen viele tragende Fruchtbäume, die ein wenig schwer und nachdenklich ihre Zweige zur Erde senken, sie arbeiten an den süßen Früchten des Herbstes – stören wir ihre Ruhe nicht.

Überall siehst du reinliche, sandbestreute Wege zwischen den großen, weiten Rasenflächen, die voll zarter, wehender Blumen sind, die wie bunte Teppiche, in tausend Farben gestickt, im Sommerwinde schaukeln. Blau, weiß und gelb flatterts drüber hin im sanften Rhythmus schwebender Schmetterlingsflügel.

In der Mitte ein Rund. Das Herz meines Gartens, zu dem alle Schönheit hinlugt, von dem aus du in all seine Geheimnisse schauen, und dich in die Tiefe seiner Welt hineinträumen kannst. Tische und Bänke stehen da. Rot im lichten Sommergrün. Ein Kranz von dunkelroten Geranien säumt das Rund. Kirschen-, Apfel- und Pfirsichbäume geben ihren spielenden Schatten über diesen Platz, von dem das Auge in trunkener Lust in eine schier überwältigende Herrlichkeit schaut. Viele hundert altersschöne Bäume jeder Art und jeden Namens fast, erblickst du von hier an den aufsteigenden Höhen, die den Garten königlich umbauen.

Und hebst du den Blick zur Höhe, siehst du dort hoch über allem die alte, ragende Burg, mit strengen edlen Linien das Bild hundertjähriger Geschichte umfassend, steigt sie in die glasklare, seidenweiche Sommerbläue des Himmels und gibt dem Garten den unsagbar berauschenden Reiz, der uns aus ferner Vergangenheit wie aus altersgoldener Weite anrührt. Und die Hügel, die zu dieser Burg führen, sind umwachsen von den adelsstolzen Reben, deren honigschwerer Saft einst in goldenen Königsbechern und auf stolzen Bischofstafeln seine Feuer und Verzauberungen spielen ließ und noch immer spielen läßt. Auf der anderen Seite ragt über den Hügeln die Kapelle auf; mit ihren runden dunklen Schieferkuppeln, aus denen spitz die Kreuze aufspringen, liegt sie, von meinen hohen Pappeln eingerahmt, wie ein Bild von Künstler Hand vor mein schwelgendes Auge hingestellt.

Und weiter zur Rechten, wenn du im Garten umschaust, liegt eine Waldhütte von Birkengeländer umhegt, hohe Tannen stehen stille Wacht davor, Akazien und Hollunder breiten weithin ihre Zweige vor ihr her und die weißen bräutlichen Blüten des Jasmins verhängen und mengen sich mit dem dunklen Tannengezweig und gießen ihren schweren Duft auf die Wege, die zu diesem stillen Winkel führen. Zur Linken sind gar viele Plätze da, die zur Ruhe und Beschaulichkeit laden. Tief eingeschnitten in einer Taxushecke kannst du sitzen und den silbernen Glockenklängen lauschen, die von der Kapelle alle Stunden den Berg herabrieseln. Unter den rätselhaften Mispelzweigen, die sich weit und schallend über eine Bank breiten, kannst du seltsame Träume erhaschen.

In allen Winkel blüht und duftet es. Ströme von Licht fallen von den Bäumen nieder, die ihren Namen von diesem goldenen Regen haben. Und purpurn und violett und weiß gießt der Flieder seinen Sommerrausch über deine Seele. Der Rotdornbaum ist von tausend rosigen Büschen übersät und blühende Ligusterhecken stehen wie weiße Mauern inmitten der tiefgrünen Rasenflächen. Himbeerrot leuchten die schweren Dolden der Weigelienbüsche. Birken wehen ihre grünen Schleier im linden Winde, der von den Wäldern her reine wohlige Luft bringt.

Im Hintergrunde leuchten rotbeerige Sträucher.

Ein weites Rund glüht von Erdbeerfrüchten und Rosen, und beider Düfte mischen sich zu einem Ton, der wie bebender Harfenklang über deine Sinne geht.

Ist das nicht Fülle und Überschwang. –

Und noch bist du nicht am Ende meines Gartens.

Sieh dort das wundervolle, große Steinbecken in dreiteiligem Rund barock gefaßt, wie der Märchenbrunnen aus Kinderland liegt er kühl unter den hügelansteigenden Bäumen, die ihn mit ihrem Laub geheimnisvoll umhängen. Maigrüne Weiden und silberstämmige Birken suchen ihr Bild in seinem dunklen Wasser, blühendes Gaisblattgewinde hängt in wehenden Guirlanden von den Bäumen nieder, gelbe Schwertlilien stehen wie goldene Kerzen um ihn her, und aus dem dunklen, ruhenden Wasser steigen in silbernen Mondnächten der Froschkönig und die Prinzessin die Stufen hinauf, die zu seinem Grunde führen.

Hier kannst du dem Märchenzauber lauschen, der seit Jahrtausenden die Nächte träumender Gärten durchwandelt. Dem Zauber ewiger Jugend, der alt ist wie die Ewigkeit des Lebens und ewig jung wie die neugeborene Stunde des Tages.

Hast du dir Rausch genug getrunken an meinem Garten?

Und glaubst nun all seine Herrlichkeit zu kennen!

Siehe aber, noch ist kein Ende.

Mehr noch wartet dein.

Steig hinauf zur Höhe. Vier Stufenwege führen hinan. Durch dichte Laubwege führen sie, von Bäumen fast aller Namen dicht umstanden. Den Abhang hinunter fließt ein grüner Sammtteppich, von blühendem Gekräut bunt durchwirkt.

Auf schmalen, tief verschatteten Wegen wandelst du in traumhaft süßer Stille, nichts stört dir dein Lauschen und Denken, weit weg von den kleinen Dingen des Alltags bringt diese Unendlichkeit der Stille umher die Höhen und Tiefen des Tages zu dir, und du verlierst dich an jenes selige Schauen, aus dem alle Erkenntnisse blühen.

Der eine der Stufenwege führt zu einem einsamen Tempel, der auf einer schönen, alten Mauer steht, eine Mauer, die roh von Steinen aufgetürmt, wie von Kyklopenfaust geworfen, stark und trotzig zur obersten Terrasse aufsteigt. Vom Tempel fällt ein dichter Vorhang üppiger Efeuranken über das Gestein und gibt ihm eine malerische Bewegtheit und ernste Anmut.

Weiter entlang führt ein anderer Aufstieg wieder auf engem laubdichten Pfade zu einem Ruheplatz, der dir einen Ausruf der Freude entlockt.

Unter einem hohen, alten, weit um sich greifenden Nußbaum steht eine Bank auf erhöhten Stufen, um den mächtigen Stamm des Baumes ist ein Tisch gezimmert. Im Schatten dieses Baumes an einem heißen Sommertage zu sitzen, ist eine unaussprechliche Entzückung. Ein Geländer von dünnen Birkenzweigen schließt den zur untersten Terrasse fallenden Abhang ab, ein wildes Gewirr hängender Waldrebe spinnt zwischen Baum und Busch und um das Geländer hin. Und durch dieses Meer sonnenflimmernden Blättergeriesels siehst du auf ein Bild unendlicher Schönheit.

Hingelagert auf weinumsponnener Höhe breit und wuchtig ausladend, siehst du hier wieder die alte Heidenburg meiner Stadt, wo Frankenherzöge in frühesten Jahrhunderten hausten, Bischöfe ihren heiligen Sitz hatten.

Auf der Ebene des Berges ist die Burg stark und edel hingebaut, mit Zinnen und Türmen, die sich gegen die Bläue des Himmels mit wundervollen, breit ausladenden Mauerprofilen abheben, die den Berg hinab zum Tal hin in scharfen Stufenlinien die Luft durchschneiden.

Zu dieser Burg hinauf geht dein Blick, wo du auch gehst und stehst im Garten und ihre alte, ehrwürdige Pracht steht wie eine königliche Krone über der stillen Schönheit meines Gartens.

Und von diesem geheimnisvoll schönen Platze wandle ich weiter durch blühendes, duftendes Strauchwerk, unter blütenschweren Bäumen durch kühle Schattengänge hin. Einige Stufen führen zur obersten Terasse. Auch da üppigblühende Bäume und Gesträuch. Unter wehendem Birken- und Weidengezweig wartet wieder eine Bank auf dich zum Stillsein und Schauen. Ein schönes Steinbecken in spielender Rokokofassung, von hohen Schwertlilien, purpurnem Fliedergebüsch und schwerhängendem Goldregen eingeschlossen, liegt in ruhendem Stimmungszauber eingebettet; in seinem dunklen Wasser baden meine Singvögel und fliegen dann froh in die blaue Ferne und nehmen ein Stück meiner Seligkeit auf ihren Flügeln mit und in ihren Liedern bringen sie diese Seligkeit zu den andern Herzen, die in andern Gärten wandeln und auf die Stimmen der Freude lauschen. –

Und wieder ein Weg zur Höhe führt zu meinem Teehäuschen. Ein liebes, weinumranktes Häuschen. Tannen stehen rechts und links neben drei runden Stufen, die zu seiner Türe führen.

Und innen –

O da ist gar traulich und einladend zu einem guten Zusammensein mit lieben Menschen.

Die eine der Wände besteht aus lauter Fenstern, durch die du ein Meer von Blättergrün und hängendem Goldregen schaust, der ganze Raum ist davon grüngolden durchdämmert. In allen Ecken und Winkeln laden Bänke, Stühle, und Tische zu Ruhen und Plaudern wenn Freunde da, zu stiller Verlorenheit an die unsägliche Fülle und Stille umher, wenn du einsam hier bei dir selbst bist.

Trittst du aus der grünen Dämmerung dieser kleinen Klause vor die Türe, hast du ein Bild vor dir, das noch jedem, der es zum erstenmale erblickte, einen Ruf seligster Überraschung und Entzückung entlockte.

Über die kleine, von einem Birkenzweiggeländer abgeschlossene und blumenumstandene Terasse siehst du hier über das wogende Grün unzähliger Baumgipfel hinweg zu meiner Stadt hin, die im Tale des silbernen Flusses, von weichlinigen, sanften Hügeln umschlossen, mit ihren vielen, vielen Kirchtürmen hingelagert, dir ein Bild unvergesslicher Lieblichkeit in die Seele senkt, sonderlich wenn du das Glück hast, es im fallenden Abendscheine zu erschauen. Dann liegt diese prachtvolle vornehme Stadt wie umleuchtet von einem seltsamen Licht, das in seiner mystischen Goldung in alle Tiefen der weiten Zeiten zu schauen scheint, aus welchen diese altersschöne Stadt zu uns hergewachsen ist.

Und im sinkenden Abendscheine fängt die Luft plötzlich an zu klingen und zu singen. Ein Kranz feierlicher Töne senkt sich über Hügel, Fluß und Gelände. Es ist das große Aveläuten von all den ragenden Türmen, die dem Bilde meiner Stadt die starken Linien geben. Und diese Töne gehen zwischen Tal und Höhen, über Fluß und Straßen, über alle lauschenden Seelen hin und binden alles Geborene in einem heiligen Frieden zusammen.

Und in der Morgenfrühe liegt ein wunderbares Leuchten über diesem Bilde, ein starkes, junges Leuchten, das dem erwachenden Leben seine Wege weist und in alle Fernen dringt und die begrenzte Enge der Stadt zu weiten Horizonten öffnet.

Kaum kannst du dich trennen von diesem Blick in die köstliche Fülle umher.

Und doch muß ich dich noch weiterführen.

Noch mehr gibt es zu schauen und zu lieben in diesem schier unausschöpfbar schönen Garten.

Folge mir zurück zu dem herrlichen Lugaus, zurück zu dem schmalen Laubgang, durch das vielerlei Grün der Bäume, die rechts und links den Weg dicht umstehen, am Vogelbade vorüber bis da, wo die grünen Schatten ein Ende haben und auf der obersten Höhe des Gartens eine weite, lachende Wiese vor dir liegt.

O diese Wiese –

Ich glaube, sie ist mein Lieblingsplatz.

Im Hintergrunde ist sie von einer dichten Waldparzelle begrenzt, alte, ernste Bäume ragen von der Böschung auf, die hier zur unteren Terasse abfällt, zwischen dem dunklen Gehänge einiger Riesentannen steht eine Bank aus Astwerk, vom kletternden Grün der Waldrebe umflochten, da sitzest du tief im Versteck wie unter schweren Vorhängen und schaust mitten in die lachende Wiese, die auf stark ansteigender Bodenwelle hinauf zu dem Zaune des Gartens klettert.

Hinter dem Zaune ist die Straße, die zwischen Gärten und kleinen Landhäuschen immer bergan zum Gipfel der Hügel dieser Stadtseite führt.

Und so blickt mein Auge von diesem Platz über den Zaun hinaus in ein weites, wogendes, grünes Meer leiser im Winde spielender Laubmassen, die sich dicht und wohlig in die tiefe, sanfte Bläue des Sommerhimmels einschmiegen.

Und die Wiese selbst.

All das bunte Blühen in der schaukelnden Lust der spielenden Lüfte. Der berauschende Duft, der darüber weht. Das schimmernde Silber und Gold des wechselnden Lichtes. Das schwebende Tanzspiel der zarten Falterschwingen über dem wiegenden Farbengewoge. Bienen summen ihr trunkenes Lied und naschen aus all den offenen Bechern der Lust.

Dein Herz ist von trunkener Freude wie ein übervoller Brunnen, bis in seine letzten Tiefen fühlst du eine selige Ergriffenheit, in der du dich eins weißt mit dem ewigen All des Seins. –

Ich weiß nicht, wann mein Garten am schönsten ist.

Im Frühling, wenn der leuchtende Schaum der Baumblüte gegen den blauen Himmel lacht und das junge Laubgrün in der Sonne durchsichtig und golden wird, die ersten Veilchen aus verborgenen Winkeln aufbrechen, ihre keuschen, berauschenden Düfte dir wie ein Lied goldener Erinnerungen an das Herz rühren und neue, junge Träume auf allen Wegen dir entgegenkommen – o dann ist er unglaublich herrlich in seiner klingenden Lust und seiner heimlichen Süße, umtönt von den jauchzenden Liebesliedern, die zwischen Baum und Gesträuch auf und niederfliegen.


Und im Sommer –

Da strömt es in ihm von Duft und Farben, von Schatten und Licht, von Fruchtbarkeit und seliger Daseinsfülle. Dein Auge reicht nicht aus für die Millionen Leben, die hier zwischen Himmel und Erde atmen, blühen und wachsen, vom glitzernden Sandkorn am Boden bis zu den stolzen Tannen, die ihre hohen Spitzen in das tiefe sommerliche Blaugold des Himmels bohren.

Und das Flammenmeer des Herbstes.

Das lodernde Rotgelb auf Baum und Gesträuch, die wie lohende Opferschalen stehen und sich selbst verzehrend ihre letzte Schönheit dem scheidenden Sonnengotte hingeben; all die Glut, die sie von ihm nahmen, ihm wiedergeben im Scheidegruße ihrer sterbenden Seelen. –

Dann kommt das weiße Schweigen.

Der lange, tiefe Schlaf.

Alle Schönheit nahm die Sonne zurück.

Nun hat die Tiefe der Erde die Geheimnisse des Gartens zu hüten. –

Und wenn ich dich nun noch etwas weiter geleite, da wo meine lachende Wiese endet und um eine Biegung herum wir an einem kleinen Feldstück mit rankenden Bohnen und Erbsengeblühe vorüber, immer von den dichten Waldbäumen begleitet, endlich wieder zu den unteren Terrassen absteigen und dann plötzlich am grünumhangenen Treppengange sind, der zu der Türe meines Gartens führt – dann bleibst du noch einen Augenblick stehen, geblendet von dem flutenden Golde der sinkenden Sonne, das durch das dunkle Tannengezweig gleitet und dicht wie ein Gemälde der großen alten Meister mit Schauern der Ehrfurcht dich überschüttet.

Ich öffne noch nicht die Türe.

Ruhe noch einen Augenblick aus von allem Erlebten.

Denn vollendete Schönheit ist ein Erlebnis.

Und nun kennst du mein Königreich.

Und weißt, daß ich, trotzdem ich ein Verliebter bin, nicht zu viel von ihm sagte.

Du ahnst vielleicht sogar, daß es noch zu wenig war.

Daß da, wie in einem Briefe der Liebe, noch tausend köstliche Dinge zwischen den Zeilen stehen, die so zart und heimlich sind, daß man sie nicht in den Ring der Worte einfangen kann.

Aber in die Melodie des Liedes lösen sich all diese köstlichen Heimlichkeiten süß und linde auf.

Und so wirst du begreifen, daß alles Unaussprechliche meines Gartens zu seligen Liedern wurde, die alles Letzte, Tiefste und Süßeste ausschöpfen zu einem singenden Reigen seligen Glückes. Ich lege dir diese Lieder in deine Hände, in dein Herz.

Werde froh daran und reich – reich an jener zugleich traurigen und beglückenden Sehnsucht, die uns zu den Ufern der Erfüllung trägt.

An der Sehnsucht zu einem Garten, der irgendwo schon dir blüht und duftet und dir dein heimlich Königreich werden will.

Diese selig traurige und dennoch beglückende Sehnsucht will ich in deine Seele pflanzen mit meinen Liedern, die in meinem Garten blühten.


Sonntag, 19. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Der Garten der Kreatur

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840  -  1916)

Der Garten der Kreatur

Ein seltsames Bild gibt dieser Garten deiner Seele zu schauen. Wie eine Vision steht es da mitten im hellwachen Tage.

Unwirklich will es dir scheinen trotz der intensivsten Realität, die dort dir Schauen und Lauschen erfüllt.

Alle Zonen der Erde haben hier ihre Tore geöffnet, und aus ihnen strömt aller Wesen Wesen vor deinen erstaunten Augen zusammen. Aller Kreatur ist hier eine Stätte bereitet.

Und alle Gedanken, die dem Schöpferwillen in der Jahrtausende Fülle sich entrangen, findest du hier in ihrer gewaltigen Stufenleiter des Lebenden vom kleinsten Amphib bis zur grotesken Übergröße tropischer Gebilde zusammengerufen, und wie im Paradiese ruhen sie einträchtig beieinander.

Aller Kreatur ist in diesem Garten eine Heimat bereitet, eine Umwelt gegeben, wie sie jedem einzelnen gerade vonnöten. Wasser und Wiesen, Hochland und Höhlen, Waldesschatten und Sandwüsten sind von Menschenhand hingebreitet und aufgerichtet, um der tausendfachen Vielheit alles Lebenden eine Stätte der Schönheit und des Friedens zu geben.

Und dein Auge schaut ergriffen über die unerhörte Weite der bunten Möglichkeiten des schaffenden Urwillens, und der Erde unendlicher Kreis fügt sich vor deinen Blicken zu einem goldenen Zauberringe, der wie ein Symbol millionenfacher Zeugungsformen dich in einer kurzen Erdenstunde alle weltenweiten Horizonte jahrmillionentiefer Vorgänge des ewigen Werdens und Vergehens überfliegen lässt.

Mit Schauern der Ewigkeit aus der Zeiten Urwelttiefe und der Unendlichkeit ihrer greiflos gewordenen Fernen grüßt es dich aus diesen unzähligen Zeichen des gewaltigen Lebenswillens wie etwas Namenloses, Entschwundenes, das mit rätselhaften Geisterhänden an die Schwelle deiner eigenen Tage rührt.

Durch die ungeheure Menge tausendfacher Bewegtheit all dieser Kreatur umher, die wie ein Chaos von Form und Farbe und Bewegung hier die endlos weiten Räume füllt, zieht es sich wie ein roter Faden zu dir hin, der den schaffenden Urwillen aus den Nächten des Anfangs leise und geheimnisvoll mit den letzten Dingen deines eignen Wesens bindet und dich in seliger Beglückung für einen hauchkurzen Augenblick mit der heiligen Glut jenes gewaltigen Weltwillens erfüllt und dich deines Daseins tiefste Verbundenheit mit aller Kreaturen Sinn und Sein begreifen macht.

Und anders schaust du plötzlich um dich.

Ein Teil von diesem Allen bist du.

Milliarden sind der Zeiten Schritte, die das Urbild der kleinsten dieser Wesen durch der Ewigkeiten Räume trugen, bis es in dir sich zur Vollendung lösen konnte.

Tausendfach sind die Ahnungen aus dieser Zeiten dunklen Hintergründen, die, seltsamen Erinnerungen gleich, sich in deiner Seele Träume grüßen, und alle Liebe zu Tier und Baum und Blume dringt durch dies Erinnern weich und warm wie der Odem der Heimat zu dir her.

Hier in diesem seltsamen Garten fühlst du es angstvoll und jubelnd zugleich, wie feurig und doch linde die Einheit des Seins das All umspannt, daß die Melodien aller Kreatur aus eines Brunnens Tiefe steigen und die überschwängliche Fülle alles Geborenen mit dem Symbol des in sich zurückkehrenden Kreises tief verkettet ist. –

In tiefster Ergriffenheit wandelst du in der bunt und laut bewegten Welt dieses seltsam fremden Gartens, an dessen Ufer alle Fernen der Erde sich grüßen und erkennen.

Des Schauens ist kein Ende zu finden.

Wesen aus tausend Welten blicken dich an aus Millionen Augen, die hier wie kleine Sonnen leuchten.

Jedes hat einen andern Reflex in seinem beweglichen Rund. Von stiller vegetativer Hingegebenheit bis zu feurigster Leidenschaft ist die ganze Skala seelischer Entwicklungen in der sicheren Sprache des Blickes ausgewirkt. Menschlich mutet dich oft die Geste und das Schauen dieser Wesen an; als könntest du leise Zwiesprache mit ihnen halten, als haben sie dir aus tiefen Vergangenheiten geheime Botschaft zu sagen.

Eine Flut von Formen und Farben und Tönen umbrandet dich.

Und alles Gewoge von Menschen, Tier und Pflanzen, das dich umkreist, wächst in deinem Bewußtsein zu der gewaltigen Melodie des Lebens zusammen, die der Weltgeist in geheimnisvoller Fugenweise auf der Harfe seines Willens spielt. –

Da plötzlich tönen von der Rampe her die rauschenden Akkorde einer brausenden Symphonie, die alles Tönen umher, das wilde Brüllen der Löwen und Tiger, das Schreien der Affen, die krächzend heiseren Rufe der bunten Vögel, den seltsam schmerzlichen Laut des Lamas und all die tausend andern großen und kleinen Stimmen der bunt umherverstreuten Kreatur in die Rhythmen ihrer weiten Harmonien aufnimmt, sie auflöst aus ihrer Gebundenheit und von ihrer Schönheit umhüllt, sie in einer jubelnden Fanfare stolzen Triumphes zu den Grenzen des Alls hinträgt, zu denen der Menschengeist aus Drang und Enge sieghaft seine Wege fand. –

Der Menschengeist, der aller Kreaturen Spuren im Ringe seines Wesens trägt.


Samstag, 18. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Der Garten des Anfangs

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840  -  1916)

Der Garten des Anfangs

Im Anfang war der Garten.

Und die blühende Schönheit war ohne Ende.

Zwischen Himmel und Erde stand süß und heilig die große Stille, an der alle Töne des Seins zu schwingenden Harmonien wurden. Das Leben glühte und blühte da in überwältigender Herrlichkeit.

Farben und Düfte lagen wie Flammen über der Erde.

Tausendfach war das Grün der Haine.

Tausendfach die Form der blühenden Lust umher.

Zwischen Licht und Schatten hingebreitet schwebten alle seligen Träume des schaffenden Gottes.

Auf den singenden Wellen der Wasser schwamm das Chaos der Töne, die in den Herzen der nippenden Vögel zu tausend seligen Liedern wurden.

Heiß, in überströmender Fülle standen alle Becher des Lebens voll süßer Lust hoch bis zum Rande.

Tag und Nacht küssten einander in seligen Freuden.

Nichts wurde alt in diesem Garten.

Nichts starb darin.

Das Leben hatte den Tod noch nicht gesehen.

Und in diesen Gefilden der Seligkeit wandelte der Mensch.

In seiner gottreinen Seele ruhte alles Leben umher wie in einem Spiegel.

Alle Schönheit wurde zu strahlendem Licht in seinen Augen, und alle flammende Werdeglut brandete an sein Herz und entzündete die Fackel der Liebe darin.

So wandelte er in weißer Unschuld durch alle Farbengluten des Lebens. Und die Liebe in ihm verstand alle lohende Lebenslust umher.

Frieden war in seinem Herzen.

Er kannte nur Leben.

Die Nacht hatte keine Schrecken für ihn.

Seine Tage waren eine Unendlichkeit an Schönheit.

Sein Blut sang die seligen Melodien des Lebens mit.

Der Garten war der Kreis der Ewigkeit, in dem seines eigenen Wesens Ring selig verkettet war.

So ruhten ihm seine Tage und Nächte auf dem Wellenspiel der Freude.

Und seine Seele badete in den schwingenden Harmonien, die von der goldenen Harfe des Seins, die mitten im blühenden Garten stand, in alle Weiten strömten.

Aber der Tag kam, da er plötzlich den Tod erkannte.

Denn Schuld und Reue kam über seine Seele.

Das Licht der Schönheit erlosch.

Die Nacht wurde finster für ihn und der Tag voll Schrecken.

Und zwischen ihm und dem Garten der Seligkeit stand das Schwert des Schmerzes. Das Leben veränderte sein Angesicht gegen ihn.

Die Harmonien verstummten.

Und leer und öde war sein Herz.

In neue Fernen führte nun sein Weg.

Er selbst musste suchen und finden, das Leben hatte alle selige Bereitschaft für ihn verloren.

Zu Kampf und Sieg zog er aus. Mit schweren Füßen und müden Händen musste er sich jeden neuen Tag zu seinen Diensten zwingen. Und seine unruhigen Nächte waren von Traum und Tränen erfüllt. Aber im tiefsten Grunde seines Wesens trug er immerfort die Erinnerung an die singende Seligkeit jener Gefilde des Friedens, die ihm nun für immer verloren waren. Und neben dem Schweiß seiner Tage und der Unruhe seiner Nächte, neben Kampf und Siegen, Höhen und Tiefen seines bitteren Daseins sang leise die tiefe, zehrende Sehnsucht in ihm nach jenem Garten des Friedens.

Und Gott sah, wie elend und arm der Mensch geworden, da ihm die Schönheit des Friedens genommen war.

Und er erbarmte sich seiner und ließ den Traum seiner Erinnerung in ihm so stark werden und die Sehnsucht nach dem Verlorenen so schmerzhaft, daß er eines Tages anfing, sich ein Bild zu machen, das jenem Glücke ein wenig ähnlich war.

Aus der tiefen Sehnsucht seines arm gewordenen Herzens wurde dem Menschen der Garten geboren.

Und als er erst einmal diesen Traum ergriffen und in die Öde seiner Wirklichkeit gezwungen hatte, kam ihm eine so selige Beglückung aus dem Bilde, das aus Erinnerung und Sehnsucht gewoben war, und das seiner müde gewordenen Seele neue Flügel gab, daß er sich wieder in das Land der Freude schwingen konnte und Lied und Lust wieder zu seinem Herzen kamen.

In seinem Garten findet der Mensch zum Paradiese zurück. Er vergisst für Augenblicke, daß das Schwert des Schmerzes zwischen ihm und dem verlorenen Glücke steht, das ihm in jenem seligen Gefilde einst in strömender Fülle blühte.

Ja, jeder Garten ist eine sanfte und süße Erinnerung an das Paradies, das den Anfang der Menschheit sah.

Deshalb wird es dem Menschen so warm und froh im Herzen, wenn er in seinem Garten wandelt und ruht.

Vor seiner Tür lässt er alle Angst und Qual des harten Tages, und Glaube und Hoffnung kehren ihm hier wieder.

Und selig frei von Ketten und Lasten, mit denen das Leben den Alltag seiner Seele bindet und verdirbt, erkennt er sich selbst im Spiegel des Friedens, den er tief verborgen in seinem Garten findet. Eine Lüge nach der andern fällt ihm hier von seinem Wesen ab, und er wird frei zu allem Besten in ihm.

Sein Garten gibt ihm die Stille der Wahrheit und die Tiefe der Ruhe, an die alte Erkenntnis gebunden, aus der alle Reife blüht.

Alles Letzte und Tiefste in ihm erwacht ihm hier, und je länger und dringender er seinen Garten liebt, je mehr kommt jenes Neue und Ferne zu ihm heran, das er mit banger Sehnsucht so lange suchte und das die Vollendung alles dessen ist, was aus Ewigkeiten her seines Wesens Wege und Ziele sind.

Berauschender Geheimnisse voll ist sein Garten dem, der ihn mit seiner besten Liebe liebt. Hier wird ihm das Leben erst zu Leben. Und trunken von Traum und Erkenntnis wandelt er neu im Paradiese und findet allgemach die fast verloschenen Wege zu den rauschenden Quellen des Glückes zurück, von denen ihm Traum und Sehnsucht so schmerzvoll erfüllt blieben. –

Deine ruhende Welt ist dir dein Garten.

Und der Ring der Liebe zu denen, die du als die deinen erkannte, schließt sich dir hier zu einem heiligen Kreise.

Was du hier in tiefer Liebe umfassen kannst, ist wahrlich dein. In deinem Garten weicht aller Lüge und Schein und was bleibt, ist du und deine Wahrheit.

Und immer schmerzhafter wird die Sehnsucht der Menschen nach ihrem Garten werden, je mehr ihr äußeres Leben in Schein und Leere sich verliert.

Eine Türe zu wissen, die zwischen dir und dem Zwange zur Entfremdung von dir selbst steht. Eine Stille, die dich von all den falschen Tönen trennt, welche die heilige Melodie des Seins zerreißen. Eine Fülle reiner Seligkeiten, welche die traurige Armut da draußen vergessen lassen –

Das heißt ein heimlich Paradies haben, in dem du alles Göttliche in dir aufblühen und erglühen fühlst.

In jedem Garten wird die beste Sehnsucht eines Menschen zur Erfüllung. Darum gehe an keinem vorüber, der dir offen am Wege steht.

Tritt in jede Türe eines Gartens, die unverschlossen blieb, und hole dir einen Trunk aus dem Paradiese, der dir bis in die Wurzeln deines Wesens zur Labung wird.

Fühlst du, wenn du eintrittst, wie plötzlich dein Herz in dir so seltsam still wird. Wie dein Auge aufleuchtet in tiefer Ergriffenheit und ein Hauch des Friedens über die Unruhe deiner Seele geht?

Und wie alle Farben, alles Duften und Blühen umher zu dir redet, dich halten und locken will zu seiner rührenden Schönheit, zu seiner sanften Stille, zu all den heimlichen Rätseln, die aus seinem scheinbar so strengen Kreise der Einfachheit tausendfach hervorbrechen.

Und schwer wirst du zur Schwelle zurückfinden, wenn du eintratest. Denn jeder Garten hat ein ander Angesicht, in das zu schauen eine tiefe Wonne ist.

Erkennen wirst du auch den, dem er gehört.

Und oftmals wirst du dessen Seele heimlich grüßen und einen Hauch seines Wesens mit fort nehmen, auch wenn du nie sein leiblich Angesicht erblickst.

O ihr ruhenden Gärten der Erd –

Oasen der Erinnerung seid ihr an jenen seligen Garten des Anfangs, in dem alle Schönheit ohne Ende war.

Donnerstag, 16. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Der Garten des Dichters

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840  -  1916)

Der Garten des Dichters

Alles was in deinem Garten ist, findest du auch dort.

Die Bäume rauschen im Winde. Die Blumen blühen und duften. Das Licht spielt mit allen Dingen. Im Brunnen steigt und fällt das Wasser. Wege führen durch Schatten und Sonne zu fernen Winkeln, die voller Geheimnisse sind.

Die Stille ist da, und der schwirrende Flügelschlag zwischen Baum und Strauch. Es blühen alle Farben darin, und der blaue Rundbogen des Lichtes spannt sich zwischen seinen vier Winden wie ein seidenweiches Tuch zur Unendlichkeit der Ferne hin.

Ganz wie bei dir und mir.

Und doch ein anderes wird plötzlich der Garten, wenn der Dichter eintritt und mit seinen Sonnenaugen darüber hinblickt.

Unter diesem Blicke wandelt sich alles umher zu einem neuen Sein.

Der Raum, der wie ein Ring dich eng umschließt, weitet sich um ihn zur Unermesslichkeit, die an den Toren der Ewigkeit landet. Die Zeit, die unter deinen Schritten schmilzt wie neugefallener Schnee, hält ihren Atem an vor dem Lauschen seines Herzens und steht still vor dem suchenden Blick seiner Seele.

Die Wahrheit, die, in dichten Schleiern gehüllt, neben deinen Wegen geht, zeigt ihm ihr tiefstes Angesicht; in ihre seligsten Freuden und wehesten Schmerzen lässt sie ihn blicken, und mit eherner Hand rührt sie an die letzten Geheimnisse alles Wesens, daß er schaue und wisse und die Elemente des Seins sich mit seinem Ahnen mischen, daß die klingenden Worte seines Sanges ein Spiegel werden, in dem die Menschheit das Angesicht des Lebens findet. –

Im Garten des Dichters wandelt die Schönheit nackt und unverhüllt und der Glanz ihrer Herrlichkeit strömt über alle blühende Fülle umher.

Jedes Blatt und jede Blume, jede Farbe und alles Licht, alle Stille und jede Bewegung schimmern und tönen, leuchten und schwingen in diesem seligen Glanze.

Denn die Schönheit ist des Dichters heimlich Gespiel.

Sie baut ihm die goldnen Brücken, die ihn zu seinen Seligkeiten führen. Seligkeiten, die aus jeder tiefen Lust und allen einsamen Schmerzen gemischt, an die tausend Harfen rühren, die ihm im Blute rauschen, die seine Seele mit allem Weh und Leid des Daseins füllen und seines Blickes Rund zur Endlosigkeit des Schauens weiten.

So rührt die Schönheit in des Dichters Garten mit ihren königlichen Händen an jedes Blatt und jede Blüte, an alle Farben und jedes Licht, an die Tiefe der Sehnsucht und den klingenden Tanz der Töne, die den Garten des Dichters füllen, daß alles, ob es gleich allem dem in den Gärten aller Sterblichen ist, doch ein ganz Neues und Überseliges wird.

Ströme des Lebens rauschen darin.

Stimmen der Ewigkeit durchklingen ihn.

Die Tiefen der Weisheit raunen ihre Runen.

Aus den goldenen Brunnen der Freude rinnen selige Töne in die spielenden Lüfte.

Aus dem Dunkel der schweren Schatten starren die Augen des Schmerzes und suchen die Blicke des Dichters und harren, daß er ihn aufnehme in seine wissende Seele und seine dunkle Schwere hell und leicht mache durch den Sang der Weisheit, der in seinem Herzen blüht.

So nimmt der Dichter aus der Tiefe der Schönheit die Wurzeln seiner Kraft, die alle Bitterkeit der Tage und alles Weh der Nächte zu göttlichen Melodien bindet und aus der quälenden Unrast und schmerzhaften Sehnsucht aller Kreatur den Weg zur Lust der letzten Stille findet, in der sich die tausendfach gebrochenen Strahlen des Lebens zu dem weißen Lichte ewiger Harmonien sammeln. Dies alles aber, dies Werden und Wandeln, diese Abgründe und Seligkeiten, all der Rausch und Traum, von dem der Garten des Dichters übervoll ist wie ein Becher glühenden Weines –

All das sieht nur sein Auge.

Erkennt nur sein Herz.

Antwortet nur seiner Seele.

Darum kann wohl ein anderer der Sterblichen, der neben ihm wandeln würde, verwundert um sich schauen und voll Staunen fragen, wo ist all das, das sein Auge so strahlen, seine Stimme so voll Rausch und Seligkeiten macht? –

Sehe ich doch nichts anderes hier als in meinem eigenen Garten. Er aber geht wie ein Seher umher, und sein Angesicht leuchtet wie von fernen Morgenröten.

Denn in dem Garten des Dichters tönt und klingt die goldne Weltharfe, auf der Traum und Wahrheit, Zeit und Ewigkeit, alle Seligkeit und jeder Schmerz, Weisheit, Glaube und Liebe ihre Lieder der Tiefe singen.

Und von dieser heiligen Harfe nimmt er sie in das Glühen seiner Seele und gibt sie dir und mir und der Menschheit, daß sie an ihnen froh werde und erdentbunden zu fernen Höhen steige.

Lausche auf seine Lieder.

Vielleicht, daß sie dir die goldnen Schlüssel geben, die zu den Geheimnissen deines Gartens führen, die du noch nicht gefunden hast und die darin dein warten.

Mittwoch, 15. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Der Garten der Hoffnung

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840  -  1916)

Der Garten der Hoffnung

Wie ein Warten liegt es in diesem Garten.

Ein Warten auf etwas Kommendes.

Auch wie Lauschen ist es auf Schritte, die drinnen im stillen Heim leise umhergehen, wie die Schritte jener zu tun pflegen, die eines leidenden Körpers nicht ganz sicher sind.

Die ragenden Hochwaldstannen stehen Wacht vor dem stillen Hause. Das weite Rund ihrer Äste, die edle Form ihrer machtvollen Schönheit spricht von Erinnerungen an die noch nicht zu ferne Zeit, da hier noch tiefschattender Bergwald weit zu Tal blickte.

Nun sind aus den stillen Wäldern weite, lebensbunte Gärten geworden, Gärten für jene, die Stille und Ruhe und Erholung für Leib und Seele suchen.

Denn der Garten ist die tiefe Sehnsucht der Leidenden und Müden ebenso wie er der Traum der Starken und Frohen ist.

Doch eine andere Melodie ist es, die über den Gärten jener und dieser liegt.

Alle aber suchen sie sich selbst in ihren Gärten, wo die Begegnungen mit der eigenen Seele zu heiligen Festen werden und der Segen der Stille zu den Suchenden kommt. –

Und die Frau, die eben heraustritt auf den Söller des Hauses, das umbaut von den hohen, ragenden Waldbäumen des Garten gewordenen Waldes, hoch über dem schweigenden Tale liegt, ist eine der Suchenden und Sehnsüchtigen, die zu diesem Borne des Friedens kam, um sich selbst neu zu finden nach vielem Leid des Lebens, das über ihre junge Seele einbrach und ihr die Kräfte der Jugend lähmte.

Mit schmerzwissenden Augen blickt sie zur Weite des Tales, das sich vor ihr breitet, zu den blauen Fernen, zu denen ihre noch unausgelebte Jugend mit schmerzhaftem Verlangen sich dehnt und streckt.

Wie viel hat die Ferne ihr noch zu geben. Welten locken. Stimmen rufen. Verheißungen werfen ihren Glanz über die Wege, die zu ihnen führen.

Ihre erste Jugend welkte am Leiden bitterer Dinge und Erkenntnisse.

Aber die andere, neue Jugend, die ihrer wartet und welche die höhere ist, weil sie an sich selbst im Leide reicher geworden, drängt in ihrem Blute, in ihrer Sehnsucht und in ihren weit wachen Augen, die noch so viel zu schauen haben von der Fülle der Zeiten und des Seins.

So lebt sie in der Einsamkeit ihres Gartens sich selbst und dem Leben entgegen.

In weiter Schönheit liegt er vor ihr, in morgenfrischem Leuchten, und sie steigt vom Söller mit den leisen, müden Schritten, die von langen Schwächen noch nicht zu ihrer Kraft zurückgefunden, die Stufen hinab zu dem Schatten und Licht ihres geliebten Gartens, zu seinen Farben und Düften, zu seinen Träumen und Verheißungen. Alles ist er ihr geworden in diesen Zeiten der Dunkelheit und Leere ihres äußeren Lebens. Besinnung und Stille gab er ihr. Ahnung zu allen Fernen, Kraft zu allen Überwindungen, die noch ihre Wege hemmen.

Mit leuchtenden Augen schreitet sie durch die Geheimnisse seiner Schönheit, die nur sie ganz kennt, die nur ihr sich ganz auftun bis zu ihren tiefsten Gründen.

Wo sie geht und steht, ist alles voll ihrer selbst.

All die Jahre des Wartens auf sich selbst hat sie hier das bittre Leid ihrer Verzweiflungen, alles selige Wellenspiel schwingender Hoffnungen durch diesen Garten getragen. Er hat mit ihr geweint und gelächelt, kennt ihr Verzagen und ihr Jubeln, wie es das Auf und Ab aller Leiden umschwebt.

Sie kennt das strahlende Leuchten seiner Morgenhelle, die zarte, schwellende Kraft, die aus diesem Leuchten zu ihr kommt.

Sie kennt seine weite, ruhende Mittagsstille, die alle Pein tausendfacher Fragen und Unruhen wie mit einem weichen Mantel deckt und umhüllt. Kennt seine Abende voll heimlicher Süße, in denen der lockende Rausch des Lebens sich in milde, gleitende Melodien löst und alles Ferne und Nahe, alle Tiefe und Höhe und Weiche sich in Eines zu binden scheint, in dem alle schmerzhaften Dinge, alle Qual der Sehnsucht, alle Pein der Erinnerung sich mit den fallenden Abendschatten mischen und von der weiten Ebene seiner gleitenden Stille in seine sanfte Ruhe aufgenommen werden.

Auch das tiefe Schweigen seiner Nächte kennt sie.

Wo alle Fragen der wachen Seele am lautesten reden.

Wo alle Springbrunnen der Erinnerung ungestüm zum Rande steigen und jede schmerzvolle Hemmung heftiger an ihren Ketten klirrt.

Wo die Einsamkeit wie eine Drohung uns zu Häupten steht und alles Schwache, Kranke und Unwirkende der Seele und des Leibes über die stumme Wüste der Nächte hin nach Erlösung rufen.

Wie oft schon ging sie durch den Kreis des Werdens und Vergehens, der ihres Gartens Schönheit zur Höhe der Vollendung und zur Tiefe des Sterbens trug.

Ihr Herz sang mit dem Frühling und blühte mit seinen Farben und Düften, fühlte sich selig aufgelöst in das Meer der Fülle, der seines Sommers Wellen über sie hinfluten ließ. Immer wieder neu feierte sie alle Erfüllungen mit, mit denen die lohende Herrlichkeit seiner Herbste sie überschüttete.

Und das weiche Leuchten, das dann so lange über die träumende Ruhe seiner Winterstille stand, das aber in der Tiefe voll neuen Werdens, seliger Möglichkeiten und fester Sicherheiten ist – breitete auch über ihr, von langen Erwartungen fast müde gewordenes Herz, die Ruhe des Wissens um den kommenden Frühling auch für ihre neue harrende Jugend, die auf der Schwelle der Zeiten ihrer wartet, um sie neu zu grüßen und zu den blauen Fernen ihrer schmerzhaften Sehnsucht zu führen.

In ihrem Garten findet sie, die mit allen Schmerzen Suchende, sich selbst zu ihren Kräften hin. Langsam durch den Kreis der seligen Einsamkeiten ihres Gartens wandelnd, wird ihr das Tor der Hoffnung aufgetan, durch das sie zu dem neuen Leben schreitet, zu dem all ihre brennende Sehnsucht wie ein Pfeil gerichtet ist.

So ist ihr der Garten ein Symbol der Hoffnung, aus dem sie täglich neu den Glauben an das Kommende findet, das schon auf dem Wege zu ihr ist.