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Mittwoch, 11. Juni 2025

Strawberry Fields Forever

 


Strawberry Fields Forever

So hat es mich noch einmal „in die Walderdbeeren“ getrieben. Sie ist doch einfach zu lecker, diese Marmelade aus den kleinen Dingern. Beim Pflücken ist jede/r für sich und bei sich, und die Gedanken dürfen mäandern. Heute bin ich mit dem Fluss meiner Gedanken wieder einmal bei der Utopie gelandet, beziehungsweise, beim Fehlen der Utopien. Ein Freund sagte das letztens, dass die Utopien ausgestorben sind, „man“ ist jetzt „Realist“. Doch ich finde es wichtig, von der Utopie aus zu denken, sie als Richtschnur zu nehmen für das tägliche Handeln. „Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg“, das ist ein spanisches Sprichwort.

Um die Menschenwelt ist es nicht zum Besten bestellt, das ist offensichtlich. Ich schreibe hier von „Menschenwelt“, denn ich meine, nicht „die Welt“ ist schlecht. Unsere Welt ist eher schön und liebenswert. Wenn ich mir Sammeleimer und den Wanderstock nehme, und die Wege außerhalb von Fredelsloh gehe, um zu meinen „strawberry fields“ zu gelangen, darf ich mich immer wieder an der Landschaft und ihrer Vielgestaltigkeit erfreuen, werde auf dem Weg von den Ziegen begrüßt, die auf der Weper zusammen mit Schafen gehalten werden, um auf den Kalkmagerrasen für die selteneren Pflanzen das Buschwerk nieder zu halten; ich darf mich an den Blüten von Wildorchideen, Skabiosen, Hauhechel und vielen anderen erfreuen, dazwischen gaukeln die Falter, welche die Blüten besuchen; über mir, in den Büschen und Bäumen, welche den Wanderweg säumen, reifen die Früchte heran, wilde Kirschen, Mirabellen, Schlehen, und noch weiter über mir, im blauen Himmel, zieht der Milan seine Kreise.


Das alles sind Zeichen einer Welt, an deren Schönheit ich mich erfreuen kann, und wenn ich das alles erleben darf, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie die Welt „gedacht“ ist. Nein, die „Welt“ ist nicht zu verbessern. Allenthalben das Verhalten von uns Menschen bräuchte wohl dringend eine „Verbesserung“. Wir sind gerade dabei, das, was diese Welt ausmacht, ihre Schönheit in ihrer Vielfalt um des menschlichen Eigennutzes willen zu zerstören.

Es ist nicht die „Welt“, die uns mit Kriegen gegen uns und alles überzieht, wir überziehen die Erde mit Krieg, Zerstörung, Gewalt. Und da gibt es nicht den „Zweiten Weltkrieg“ und den „Ersten“, als zeitlich begrenzte Ereignisse, die letzten paar hundert, ja, tausend Jahre, hält dieser Krieg der Menschen gegen die Welt an. Da waren die Völkerwanderungskriege und die Römerkriege, die Kämpfe, mit denen die Christianisierung einherging, da waren der dreißigjährige Krieg, der Mitteleuropa massiv entvölkerte, da waren der siebenjährige Krieg, unter dem auch meine Wahlheimat hier litt, und so weiter, und dazwischen Bauernkriege, Scharmützel, kleine und große Feldzüge, und dazwischen Ausbeutung und Kahlschlag der Natur ringsum, Grobheit und Gewalt den einfachen Menschen gegenüber und der einfachen Menschen untereinander, Hexenverbrennungen, schwarze Pädagogik, unglaublich niederdrückende Arbeitsverhältnisse der Tagelöhner auf dem Land und in den Fabriken.

Wir Menschen haben der Welt weder Schönheit noch Frieden gebracht, sondern sind immer und überall als Eroberer gekommen. Sicher, es gab (und gibt) immer auch Menschenoasen, in denen Menschen mit der Welt in Eintracht und Frieden lebten, doch dann kamen andere, wie zum Beispiel in historischer Zeit die Weißen nach Nordamerika, und die Idylle war dahin. Nein, wir Menschen sollten uns nicht in den Gedanken versteigen, die „Welt zu verbessern“. Diese gute und bessere Welt zerstören wir gerade.

Doch die Welt ist alt genug, hat seit ihrer Entstehung einiges an Katastrophen, Klimawandel und Eiszeiten überlebt, und ist immer wieder in alter Schönheit erblüht, sie wird auch uns Menschen überstehen. Denn Schönheit ist ihr inneres Wesen. Wir Menschen dürfen uns entscheiden, ob wir dazu gehören wollen, ob wir eins damit sind, oder ob wir als Eroberer kommen, und uns „die Erde untertan“ machen, um ihr unseren gewalttätigen Stempel aufzudrücken. Mit diesem Versuch, der zusehends am Scheitern ist und absehbar scheitert, stellen nur wir uns außerhalb „der Welt“.



Wenn ich nun versuche, meine Utopie in Worte zu kleiden, dann komme ich immer wieder dahin: Ich bin als menschliches Wesen eines mit der Erde und ihren Wesen, im Grunde untrennbar verbunden, als ein Teil, das aus ihr kommt und in sie geht. Ich möchte im Konsens mit allen Wesen leben, mit ihrem Werden, Sein und Vergehen, ebenso wie alle Wesen auch werden, sein, vergehen, und, wenn es denn so ist, nach Staub und Asche wieder in die Schönheit der Welt zurückkehren. Im Konsens mit allen Wesen, also auch mit uns, den Menschenwesen.

Daher kann ich keine „konkrete Utopie“ anbieten. Ich kann mich als einzelnes Wesen in meiner Eigenart, die mein Beitrag zu der unglaublichen Vielfalt der Welt ist, einbringen. Ich vermag meine Gedanken zu sagen und aufzuschreiben. Ich vermag auch einige Wünsche anzubringen, hinsichtlich des Lebens von uns Menschen untereinander, ich verabscheue psychische und physische Gewalt zum Durchsetzen von Zielen, ich vermag nicht zu verstehen, wie einem Menschen dieses Land, dieser Wald, diese Wiese „gehören“ kann. Alles gehört sich selbst, und anderes ist eine Illusion, eine Illusion, die letztlich mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Ich wünsche mir eine gemeinschaftliche Lebensweise von uns Menschen, in der sich jede/r nach seiner, ihrer Art entwickeln darf, und nicht durch die Egoismen anderer, vermeintlich stärkerer, doch im Grunde nur grausamer und gewalttätigerer, zu Dingen gezwungen zu werden, die wesensfremd sind. Ich weiß, dass sich solcherart Leben, gemeinschaftlich, im Konsens mit allen und allem zu handeln, eine Möglichkeit ist, die wir als Menschen ergreifen können.

Von dieser Utopie lasse ich nicht ab, sie ist die Quelle in mir, aus der mein Lebensmut sprudelt. Auch ich bin nicht unbeschadet durch die Schule dieser Gesellschaft gegangen, in der jahrhundertelang die Verletzungen und Traumata von Generation zu Generation gereicht wurden, und in jeder Generation neue hinzu kamen. Auch ich bin verletzt, ungerecht, fühle, dass die Gewalt in mir wohnt, auch wenn ich ihr kein zu hause bieten möchte. Ich kann nur durch Wissen damit umgehen. Durch das Wissen, dass das Menschsein, welches zu den heutigen schlimmen Zuständen geführt hat, auch in mir ist. Wenn ich den Ungeist benennen kann, dann vermag ich mit ihm umz gehen. Dann vermag ich ihn in mir zu bannen. Mehr ist mir nicht gegeben.

Doch eine „konkrete Utopie“ kann ich nicht anbieten. Wenn ich eine „schöne neue Welt“ zeichnen wollte, um von dieser Blaupause aus die „Welt“ zu „verändern“, dann käme ich wieder als Eroberer. Ich kann durch Äußerung meiner selbst einen Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert, doch den Konsens zum gemeinsamen friedlichen Miteinander können wir eben nur - friedlich miteinander entwickeln. Eben darum vermag ich nicht zu sagen, wie Weg und Ziel für uns alle auszusehen hat. Meine Utopie ist eine sehr persönliche Utopie.

Während in dieser Art meine Gedanken mäandern, knie ich im rotbetupften Grün meines „strawberry fields“, atme den heranwehenden Duft von Lindenblüten ein und das Aroma der Walderdbeeren, lausche dem Ruf eines vorbeiziehenden Turmfalken, fühle die Sonnenstrahlen auf dem Rücken, welche mich durch das Blätterwerk der schützenden Haselzweige erreichen; meine Fingerkuppen nehmen mehr und mehr die Farbe der Beeren an, die ich pflücke. Manchmal schlecke ich sie ab, und schmecke süß.

Mittwoch, 14. Juni 2023

Heinrich Vogeler: An den Frühling

 


An den Frühling von 1899 ist ein Mappenwerk mit 10 Radierungen. Gedruckt wurde sie von Otto Felsing, Berlin, erschienen ist sie im Insel Verlag, bei Schuster & Löffler. Die Radierungen sind eine locker verbundene Folge von landschaftlichen Motiven rund um den Barkenhoff in Worpswede, einem Tag von den Morgen in den Abend folgend. Die 10 Grafiken tragen die Titel „Die Lerche“, „Frühlingsmorgen“, „Um Mittag“, „Frühlingsblumen“, „Froschbraut“, „Der Fischer“, „Storch überm Weiher“, „Vor Feierabend“, „Die Amsel“, „Märznacht“.





















Heinrich Vogeler, geboren am 12. Dezember 1872 in Bremen; gestorben am 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist. Der vielseitig begabte Künstler ist besonders durch seine Werke aus der Jugendstilzeit bekannt geworden. Er gehört zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede, sein Wohnhaus, der Barkenhoff, wurde Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung.

Mittwoch, 1. März 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Der Stuhl zwischen allem

 


Der Stuhl zwischen allem

Morgenspaziergang. Am Wegrand ein Ahorn mit sieben Stämmen. Er wäre mir vielleicht nie in dieser Deutlichkeit aufgefallen, wenn nicht irgendwer einen Stuhl, mit blauer Sitzfläche und blau gepolsterter Lehne, zwischen diese Stämme drapiert hätte.

Als ich mich nun in Gedanken auf diesen blauen Stuhl nieder ließ, sprach der erste der sieben Stämme, der kräftigste, zu mir mit seiner stimmlosen Stimme: "Die Welt ist alt genug, sie weiß, wie sie sich rettet".

Und der zweite der Stämme flüsterte zu mir: "Sterben tust Du sowieso".

Der dritte der Stämme rief mir zu: "Deine Kinder werden ihren Weg gehen. Zur Not auch mit Deinen guten Ratschlägen."

Der vierte darauf: "Dir ward gegeben, Dir ward genommen. Was gibst Du? Was nimmst Du?"

Der fünfte, wie Blätterrauschen: "Rufe den Wind, und er wird wehen. Rufe die Sonne, und sie wird scheinen. Rufe die Nacht, und die Finsternis erblüht. Rufe die Engel, und sie werden sprechen. Rufe den Tag und er wird kommen. Möge Dein Ruf ein großer Gesang sein!"

Der sechste darauf brach in schallendes Gelächter aus und rief: "Geh mir aus der Sonne, auch wenn es der Mond ist!"

Und der siebente endlich, welcher der feinste und zarteste war: "Trage den Gürtel der Nacht, wenn Du zur Liebsten gehst!"

So hatte ich genügend zu bedenken an diesem Tag.


Sonntag, 12. November 2017

Gar wundersame Nachrichten aus dem Lande Dingsda




Gar wundersame Nachrichten aus dem Lande Dingsda

I

So etwa Richtung Nord-Nordwest,
aber noch nicht hinterm Mond,
liegt Dingsda hinterm Städtchen Schilda.
Es ist ganz ungewohnt bewohnt.

Es gibt dort Klänge, Farben, Düfte, Bilder,
der Weg dahin führt durch das Rosenbogentor.
Es ist dort alles so wie hier. Nur eben etwas anders.
(Oder kommt´s mir nur so vor?)


II

In Dingsda wohnen wundersame Leute.
Möchtest du sie kennen lernen,
schau als erstes zu den Sternen,
dass sich dir dein Schicksal deute.

Wenn Mercuria im Sternbild Rabe steht,
so hörte ich aus alten Sagen,
dann kannst du den Aufbruch wagen,
nach einem kurzen Dankgebet.

Am frühen Morgen darfst du dann beginnen,
im ersten Morgennebel-Schimmern,
im letzten Mond, im späten Sternenglimmern.
So wanderst du mit wachen Sinnen.

Kommst du dann an ein Rosenbogentor,
dann tauche tief in Rosendüfte ein.
Die Rosen werden dein Begleiter sein,
und bunte Vögel singen dir im Chor.

Lerne dann, dass du vergessen darfst,
was dein Gemüt bedrückte,
denk an das, was dich beglückte,
als du die goldne Münze warfst.

Dann sage dir, nun ist es gut,
eine gute Gegenwart steht dir jetzt bevor,
du schreitest durch das Rosenbogentor,
und begegnest du mir, ziehe ich den Hut.


III

Bin kein Ritter. Trag kein Schwert.
Bin kein Paladin.
Hab keine Rüstung. Nichts von Wert.
Als treuer Wanderer, so zieh ich hin.

Bin kein Bettler. Bin kein König.
Kein Krösus und kein Großmogul.
Ich habe nichts. Davon nicht wenig.
Habe Bett, Tisch, Schrank und Stuhl.

Fröhlich lebe ich in meiner Klause.
Was ich brauche, schenkt der Wald.
Komm ich vom Wandern dann nach hause,
zeigt sich mein Lebensengel in fröhlicher Gestalt.


IV

Hinter dem Rosenbogentor sprudelt eine Quelle.
Es wispert leis der Bambushain.
Um mich herum ein sattes Rosa, und helle
Pfirsichblütenblätter, fallend hüllen sie mich ein.

Ich gehe den geraden Weg.
Nur doof, dass der sich schlängelt.
Ich werd nicht gern gegängelt.
Über jeden Bach, da führt ein Steg.

Ich bin kein Gast.
Ich wohne hier.
Und wen du dich besonnen hast,
bin ich bei dir.

Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch

Montag, 20. Februar 2017

Morgendliche Rückkehr im Februarnebel



Morgendliche Rückkehr im Februarnebel

Am Wegesrand die trockendürren Rainfarnstengel fangen Tau und Reif.
Die Silhouetten naher Hügel tauchen ein in ein „Vielleicht“.
Während sich der Nebel senkt, und der Erde kühlfeuchte Hände reicht,
kriecht Kälte unter die Pullover, und langsam werden meine Finger steif

und klamm vor dieser Kälte. Die Nebel senken sich,
ein dunkelgraues Federbett, das sich auf meinen Atem legt.
Ich träum mich seltsam durch die Landschaft, und es regt
sich ringsum kein Getier. Mit mir alleine wandre ich,

ich leb auf einem stillgelegten Stern. Kaum bemerkbar ist für mich
die Wandlung der Gestalten, und in mir, kaum zu spüren, verblich
was in unnahbarer Ferne durch eine kalte Hand verdirbt.

So mag sich Tod anfühlen, dieses "in das Sterben gehn" bekommt Gestalt.
In diesem Unverstandnem ist der Tod so nah, die Welt so alt,
doch denke ich daran, dass auch der Winter immer wieder stirbt.