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Freitag, 23. Januar 2026

Ein Gedicht und seine Wirkung: Abendstimmung von Ernst Blass

 


Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.

Ernst Blass


He!

Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

Jakob van Hoddis

Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

„Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

„Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“.

(Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

„O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“

(Ernst Blass)

„Deine Fliederweste,
du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl,
dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl,
trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“

(Kurt Hiller)

„Glühgrün lampjongt es in den Baumbeständen
zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw.

(Arthur Kronfeld)

. . . So sind sie, die Rigorosen. . . . „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

. . .

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

„Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass - 1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis - Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842 - 1931)

Donnerstag, 3. Juli 2025

Zur Erinnerung an Chaim Nachman Bialik: Licht

 



Licht


Einsam durchlebt´ ich den Morgen der Kindheit
Und strebte in Rätselwelten hinein,
Ich bangt´ aus der Tiefe der Welt nach dem Lichte
In mir war ein Fremdes wie gärender Wein,
Verstecke sucht´ ich und sank ins Betrachten,
Schien mir ein Seher, der Welten schaut,
Dort fand ich Freunde, empfing ihr Geheimnis
Und wahrte im Herzen, was sie mir vertraut.

Der Freunde wie viel! Jeder fliegende Vogel,
Der Bäume Schatten und Waldespracht,
Des Mondes keusches Antlitz im Fenster,
Der Keller, das Tor, welches knarrt und kracht -
Die Distel hinter dichtem Gezäune,
Der Strahl, den die Sonne zu mir gespannt,
Ein Lämpchen, ein Glas aus kristallenen Splittern -
Der Söller, die spinnwebdurchzogene Wand,
Süßgrauendes Dämmern in tiefen Brunnen
Und drin mein Echo und Spiegelbild,
Die Stimme der Uhr, die schneidende Säge
Im Holz, aus der´s wie ein Sprechen quillt,
Auch reife Birnen und herbe Äpfel,
Die nah´ in des Nachbars Garten hängen -
Der Bienen und Fliegen Summen und Drängen, -
Ich liebte sie alle, doch war mir nichts
So teuer, so hold, als die Geister des Lichts.
Im Sommer sah ich wohl solche Geister,
Wie leichte Cherubim, gezeugt im Glanz.
Wie sie zu Feld und zum Wasser schwebten,
Streifte auch mich ihr jubelnder Tanz,
Mich faßt´ ihre Wonne seelenbefreiend,
Zum erstenmal kindlich aufglänzte mein Blick.
Ich ward ihnen Freund, ihres Kreises Vertrauter -
Wir liebten einander in strahlendem Glück.

Am Morgen, ich bin noch schlummerumfangen,
Auf! pocht´s an mein Fenster, huschend und hell,
Noch bin ich nicht fertig, von Morgengesichten
Noch kaum ermannt, da blinzelt es: Schnell!
Kaum hab´ ich den Schuh, den verlegten, gefunden,
Ruft´s: Fort! Und geschwind! Die Sekunde verrinnt!
Und wie ich mich dränge, zu ihnen zu kommen,
Winkt´s: „In die Weite!“ Wir schweben, zerstreuen uns
Spielen und tollen im tauigen Grün,
Leuchten in Funken und reih´n uns in Perlen,
Auf grüner Decke rollen wir hin.

Dann sinken im Kreis wir, am Tau uns berauschend -
Jäh leuchtet in tausend Schimmern das Korn,
In tausend Lichtern strahlet das Grüne,
Mit sieben Augen lugt jeder Dorn.
An jedem Stachel Kristalle erzittern
Und bilden Säume aus dünnem Gold.

Da faßt das Lichtreich plötzlich ein Schwanken,
Daß Sonn` und Saphir wie durch Siebe nur blinkt -
Der Blick wird verdunkelt - das macht nur ein Kälblein,
Das leckend und fressend im Grase springt.
Nach Speise gräbt eine Kette von Hühnern,
Daß nickend die Häupter der Gräser beben -
Rings regt sich ein schwatzendes, gackerndes Leben.
Ich aber zitt´re im Glanz wie ein Vogel,
Die Seele im Netze des Lichtes gefangen,
Als ob feingoldene, zarte Fäden
An allen Gliedern mich fassen, umfangen.
Und neu verjüngt sich die leuchtende Kindheit,
Die Sonne des Sangs will im Herzen erstehen,
Ich selber möchte vom Kusse der Strahlen
Aufleuchten, aufjauchzen und selig vergehen.

Noch bin ich trunken, die Seele geschwellt,
Durchwoben vom Glanze, da tönt es: Zum Feld!
In leichtem Fluge der Geister Gemeine
Durchbreitet das Feld in blitzendem Scheine.
Auf Halmesspitzen, den spelzigen, hohen,
Die labungsdürstenden schweben und lohen.
„In diesem weiten Meere des Glanzes
O laßt uns, bis brennend der Mittag, uns baden,
Indes über uns wie Träume des Himmels
Ziehen der Wölkchen leichte Schwaden!
Jetzt birgt sie die Schar, als taucht´ sie in Fluten,
Jetzt blitzt sie empor zu jauchzendem Glüh´n,
Sie schütteln die Körper und schleudern wie Tropfen
Einer zum andern ihr Funkensprüh´n.

Es jauchzt das Gefild - wie im Schwunge von Schwalben,
Die schießen und zwitschern und eilend entflieh´n -
Viel leichtbeschwingte, hurt´ge Libellen
Auf lichten Flügeln blitzen und blüh´n,
Tanzen verweilenden Flugs auf den Garben
In weißen, roten und goldenen Farben,
Verschlungen im Glanz und wieder erglitzernd.
Es ist, als streut´ eine heitere Hand
Lebende Blumen über die Geister,
Die goldene Pfeile im Reigen besprengen -
Sie sprüh´n in Raketen, im Takt zu den Sängen
Des Heimchens, der Grille, der Feldmusikanten,
Die mit den Zimbeln zirpen und springen.
Die Luft, die glühende, schweigende schüttert,
Sie hüllt sich in girrendes Rauschen und zittert.

Schon müde des Lichts, den Weinberg durchrüttelnd,
Verkünden die Frohen: „Zum Weiher! vor!
Schon ward´s zum Verschmachten!“ - Sie schwingen die Flügel
Zum Weiher, gebettet in Schilf und Rohr.
In ruhigem Mittag die Wasser sich wiegen,
In Sonne und Schatten der Weiden gestreckt.
Hier ist es hell wie ein glatter Spiegel,
Es wölbt sich Azur, nur leise bedeckt
Von Wölkchen, zerfließend, wie Perlen so rein.
Die Welt ist verzaubert. Ein neuer Himmel,
Gekühlt die Sonne und reiner die Wesen,
Im Schleier ewiger Ruhe und Fülle,
Getaucht in die lauteren Wasser der Stille,
Und alles voll Leuchten, voll Frieden und Traum.

Und drüben Dunkel von dichten Schatten,
In Grün und in Frieden versunken die Flut,
Und beide Ufer bedecken mit Schatten
Die Welt, die stumm in der Tiefe ruht.
Da baden zwei Störche, ein weißer Schwan
Und schütteln und schwingen das nasse Gefieder,
Und alles gekühlt, voll Feuchte und Grün.

Dort wieder ein Meer von goldenem Glanze,
Lichtflecke und -brüche und leuchtende Falten,
Goldene Schuppen und glastende Ketten -
Zwei Sonnen, im Bruche der Wellen gespalten,
Wie reinen Kristalls ein glitzerndes Lohen -
Und alles blitzet und leuchtet und brennt.

Zum Weiher! Zum Weiher! In seligem Schrecken
Erschwankt all die Flut der goldenen Halle,
Daß Glanz um Glanz sich durchdringen, bedecken, -
Da regt´s sich in tausend Tönen und Farben,
Bewegt sich unten der wölbige Himmel,
Bewegt sich die Sonne und teilt sich in sieben,
Und sieben Sonnen im Tiefengetümmel
Küssen einander und mischen sich wieder,
Zerstückeln vollends. Ein Taumel umflicht
Jegliches Wesen im Chaos der Tiefe,
Im Flutmeer des Glanzes, im Ozean Licht.

In dieses Flammen und Glanzeswogen
Versank auch ich und sog von dem Lichte.
Wie kehrt´ ich wieder, gereinigt, geklärt!
An diesen tausend jubelnden Quellen
Zersprengte mein Inn´res in Meeresergüssen,
Vom Reigen der Klänge fortgerissen,
Die tausend seligen Harfen entschwellen.

Noch sitz´ ich, versunken, im Rasen des Weihers
Und seh´, wie die Welle sich sänftigt am Strand.
Noch wiegt sich ruhig auf ihrem Antlitz
Ein leichtes Zittern, macht funkeln den Sand,
Entzündet noch Zünglein und kleine Flämmchen
Und streut dazwischen ein leises Glimmen -
Es ist ein Glanz, der vertönt und erstirbt. -

Still wird der Weiher, sein Antlitz wieder
Wie früher schlummernd, glatt und durchhellt.
Und wieder zeigen sich deutliche Spuren,
Faltet sich unten im Schatten der Weiden
Im heimlichen Schilf eine schweigende Welt.
Dort drüben steht am Rande des Weihers
Bei leuchtender Flut ein Fischergreis,
Der hebt ein feines Netz aus dem Wasser,
Schüttelt es und in des Regenbogens
Farben blitzen die Tropfen im Kreis,
Als braute der Fischer in gleißenden Schalen
Zaubertränke mit goldenem Schaum.
Es springen zur Erde Tropfen und Blitze,
Aufleuchtet ein leichter und seliger Traum.

Plötzlich sah ich aus dem Teiche
Reih´ auf Reihe zart sich heben,
Auf die stille Fläche schweben
Kleiner Geister eine Schar,

Heil´ger Schwingen, rein und schön -
Ob sie sich nicht heut´ erst lösten
Von den Flügeln eines Cherubs
In den Höh´n?

Und noch blitzt aus ihren Augen
Höchstes Glänzen der Schechinah -
Wie sie Arm´ in Arme schlingen,
tönt ihr Singen:

Zu uns, du Knabe,
Zu uns, du Schöner
Und Lichtesdurst´ger,
Bis sinket der Tag!

Wir tauchen dich,
Wir tragen dich
Zu tief versunk´nen
Meeresschätzen.

Zu gläsernen Türmen,
Kristallpalästen,
Demant´nen Tempeln
Und Funkelsonnen

Mit Licht, durch sieben
Tage gehütet,
Tränken wir dich
Aus goldenen Kelchen.

Bis Licht dein Atem,
Bis Licht dein Schauen
In Herz und Bein
Dringt´s tief hinein

Von tausend Güssen
Und Strahlenküssen -
Viel sel´ger, ach!
Als du´s ertragen kannst.

Noch klang mir der feine Gesang in der Seele
Sie aber verschwanden im Waldesdicht,
Winkend mit dem letzte Blicke des Trostes,
Als gält´ es: Zum Morgen! - und nicht mehr in Sicht.
Und neulich war´s, nicht denk´ ich der Stunde,
Sah ich ihr Antlitz - von Ohngefähr -
Es schien voll Trübe und voller Erbarmen,
Ihr scheidender Blick aber sprach nichts mehr.

Und wieder weckt mich das Licht aus dem Schlummer,
Es sengt meine Lippen, es sticht meine Lider,
ich blicke zum Fenster und seh´ nur die Sonne -
Wie späh´ ich und harre - sie kehren nicht wieder,
Des Lichtes Gesang ist für ewig verstummt.

Nur tief im Herzen trag´ ich die Töne,
Unter den Lidern des Lichtes Gewalten.
Ich schöpfte des Lebens holdeste Träume,
Aus ihrem Auge die hehrsten Gestalten,
Am Quell vom Segen der Reine getränkt.

Ch. N. Bialik, aus: Gedichte, aus dem hebräischen übertragen von Ernst Müller, Buchschmuck von O. Herschdörffer, Jüdischer Verlag GmbH, Köln und Leipzig 1911

Chaim Nachman Bialik (jiddisch חיים נחמן ביאַלי , hebräisch חַיִּים נַחְמָן בִּיאָלִי , vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; geboren am 9. Januar 1873 im Dorf Radin, in der Nähe von Schytomyr, Russisches Kaiserreich; gestorben am 4. Juli 1934 in Wien, war ein russisch-österreichischer jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen.

Zudem übersetzte Bialik Shakespeares Julius Caesar, Schillers Wilhelm Tell, Cervantes’ Don Quichotte, Gedichte von Heine sowie Der Dybbuk des jiddischen Dichters Salomon An-ski ins Hebräische. Dabei war er sich der Grenzen des Übersetzens sehr bewusst: "Eine Übersetzung zu lesen sei wie die Braut durch den Schleier hindurch zu küssen."


Samstag, 3. Mai 2025

Mynona, Robert Gernhardt über Sonette

 


In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
wer heut´ Sonette macht, ist nur ein Schwein.

Daher hüt` ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich´s auch wollte, nicht diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag´ ich immer: nein!

Ich hoppse, wie die Muskeln mir´s diktieren,
will nicht in fremde Form gezwungen sein
und fühle mich ganz frei in meiner - meiner!

Pfui Teufel, sollt´ ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.

Dieses Sonett von Mynona (Salomon Friedländer) dürfte wohl die Blaupause zu der etwas deftiger formulierten Sonettkritik von Robert Gernhardt sein:

Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Robert Gernhardt (1937 - 2006)

Nur ließ Mynona seinem Missgefallen am Sonett noch 99 weitere Sonette folgen, wie zum Beispiel dieses hier:

Susanne wandert nach dem Badezeltchen,
Die Glieder eingehüllt in seidnen Rips,
Ein Herr (Zylinder, Lack, Monokel, Schlips)
Folgt ihr verstohlen in das Tannenwäldchen.

„Zu mager“, urteilt er. Doch durch ein Spältchen
Schielt lüstern er, ein ganz infamer Fips,
Erblickt (statt des vermeintlichen Geripps)
In Wahrheit das graziöseste Gestältchen.

Anmutig hebt sie eine Wasserkanne,
Besprudelt ihren fabelhaften Wuchs.
Er, selbstvergessen, ungeheuer hastig

(So geht es dem überreizten Manne)
Tritt fehl, versinkt fast ohne jeden Murr
In einem Sumpf (die Gegend war morastig).

Aus: Hundert Bonbons, Sonette von Mynona, München bei Georg Müller, 1918; angemerkt sei noch, dass ich persönlich Sonette sehr schätze. 

Salomon Friedländer, geboren am 4.5.1871 in Gollantsch/Posen; gestorben am 9.9.1946 in Paris. Der Sohn einer jüdischen Arztfamilie verbrachte seine Jugend in Posen und Berlin. In München studierte er ab 1894 Medizin, in Berlin Zahnmedizin und ab 1896 Philosophie (Promotion 1902 in Jena). 1906 siedelte er nach Berlin über und schrieb nun unter dem Namen Mynona (Anagramm von »anonym«) auch Gedichte und Grotesken; seine philosophischen Schriften erschienen unter dem Namen Friedlaender. 1933 emigrierte er nach Paris.

Das Foto ist aus dem Nachlass, Salomo Friedlaender Collection, Leo Baeck Institute, New York

Freitag, 4. April 2025

Elsa Asenijeff: Lasst die Bäume noch glücklich sein!

 


Lasst die Bäume noch glücklich sein!

Brecht nicht herein!
Lasst die Bäume noch glücklich sein!
Sie atmen, sesshaft in den Boden gestellt,
Eine reine, klare, sittliche Welt!
Nur wie ein Traum weht ihr Sehnen,
Hinüber und herüber
Aus tiefster Säfte getragener Traumesfieber!
Alle Jahre! alle Jahre werden sie wieder
Frisch! Voll Frühlingsbegeisterung!
Und tausend Jahre sehen sie wieder jung!
Alljährlich im frischen Knospensprung!
So wachsen sie hinein in Ätherbläue
Ohne Schuld und ohne Reue – – –
Laßt die Bäume noch glücklich sein!
Schöpfungsatmend! Lebensfeiernd! Menschenallein!

Elsa Asenijeff, geboren am 3. Januar 1867 in Wien, gestorben am 5. April 1941 in der „Korrektionsanstalt für asoziale und arbeitsunwillige Erwachsene“ in Bräunsdorf, in die sie von den Nationalsozialisten „verbracht“ wurde, der Aktenlage nach an Lungenentzündung.

Einem zweijährigen Aufenthalt in der Heilanstalt Leipzig-Dösen, folgte 1926 die Überstellung nach Hubertusburg und schließlich als „nicht gemeingefährlich“ in das Versorgungshaus Colditz. 1933 siedelten die Nationalsozialisten diese Einrichtung als „Korrektionsanstalt für asoziale und arbeitsunwillige Erwachsene“ nach Bräunsdorf bei Freiberg um.

Aus dieser Zeit, von ihr datiert 1938, stammt ein Manuskript mit über 200 Gedichten mit dem Titel „Bilanz der Moderne“. Diese Gedichte, inzwischen veröffentlicht, und auch Krankenakten belegen, dass sie nicht geisteskrank war. Bräunsdorf war auch keine Anstalt für Geisteskranke.

1922 meldet sie sich mit dem Buch "Aufschrei - Gedichte in freien Rhythmen" zu Wort: "Wie rett ich Dich, o Welt, vom Menschen;/ ohne ihn zu vernichten!/…./Wie halt ich Milliarden Hände!/ Die sich schändend an Dir vergehen/…/Welch ein Mund,/Ihnen zu verkünden: Das Paradies hat euch geboren,/Und die Hölle habt Ihr geboren!/ Laßt noch Sterne über ihren Dünsten leuchten,/Hell brennende Gold- und Edelsteine als Grund,/Blütenüberschütteter Boden dazwischen…." Sie appellierte an alle, sich für das Leben und den Fortbestand der Erde verantwortlich zu fühlen.

Von 1898 bis 1916 war sie Muse und Geliebte des Malers und Bildhauers Max Klinger (1857 - 1920), der sie häufig malte.

Das Bild „Stamm und Äste im Frühjahr“ (1930) ist von Leon S
pillaert (1881 - 1946)

Samstag, 4. Januar 2025

Vom Traum zum Tag, Gedichte von Walter Rheiner, Emmy Hennings, Richard Perls, Else Lasker-Schüler

 

Das fünfte Abendlied

In des Abends samtnen Hafen
lenken hin die Häuser-Schiffe.
Siehe! Mond und Sterne trafen

sich in unsrer Stirnen Spiegel!
Wiese breitete die Schwingen,
Wald hob auf den dunklen Flügel.

Leise Wege um uns singen.
Unser Herz in nahen Gärten
leuchtete. Der Nacht Syringen

schlingen sich um uns, die warten -
warten, daß sich uns die Räume
füllen mit verwehten, zarten

Farben unsrer wachen Träume,
die sich magisch offenbarten.


Das sechste Abendlied

Wie wir in die Wiesen sinken,
segelt Mond, das ferne Schiff,
leise um des Waldes dunkles Riff.

Von der Stirn dir will ich trinken
Abendschein, der dich betaut,
und den nahen Himmel, der
unermeßlich tief erblaut.

Leise regt sich das Geflüster
naher Sterne. Milde wandern
Wolken, die im Osten landen.

Schwinden wir? . . . Schon düster
schwingt sich Weg den Bergen zu.
Bist du hier? . . . Am Horizont
stehst in Firmamenten du!

Walter Rheiner, aus: Insel der Seligen - Ein Abendlied 1918


Traum

Ich bin so vielfach in den Nächten.
Ich steige aus den dunklen Schächten.
Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.

So selbstverloren in dem Grunde,
Nachtwache ich, bin Traumesrunde
und Wunder aus dem Heiligenschrein.

Und öffnen sich mir alle Pforten,
bin ich nicht da, bin ich nicht dorten?
Bin ich entstiegen einem Märchenbuch?

Vielleicht geht ein Gedicht in ferne Weiten.
Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten,
ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch.

Emmy Hennings, aus: Deutsche Gedichte. Von Hildegard von Bingen bis Ingeborg Bachmann, hrsg. v. Elisabeth Borchers, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1987


In Villa Blanca

Ich will die stillen Stunden nicht entbehren
Die träume fliehen wie gepeitscht vom winde.
Ich soll die brüder lieder singen lehren
und reigen tanzen unter fahler linde.

Die Seele weint in ängstlichen gefühlen.
Ich kann die worte nicht zu klängen finden,
kann die gedanken nicht zu kränzen winden
Um roter wunde heißen brand zu kühlen.

Ich fliehe licht und schließe meine lider.
Ich sehne lippen und begehre wonne.
Mit kühlem gift durchdringet müde glieder
Ein traum, gewebt aus traurigkeit und sonne.

Ich jauchze auf in tönendem frohlocken.
Das heilige steht zu freiem eingang offen -
Die königin hat mich ins herz getroffen
Ich höre harfenton und kirchenglocken.

Richard Perls, aus: Blätter für die Kunst 1899


Syrinxliedchen

Die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen 
In die Kelche der roten Gladiolen, 
Und die Mondsichel lacht 
Wie ein Faunsaug’ verstohlen. 

Die Welt hält das Leben umschlungen 
Im Strahl des Saturn 
Und durch das Träumen der Nacht 
Sprüht es purpurn. 

Jüx! Wollen uns im Schilfrohr 
Mit Binsen aneinander binden 
Und mit der Morgenröte Frühlicht 
Den Süden unserer Liebe ergründen! 

Else Lasker-Schüler, aus: Styx. Gedichte, 1902


Walter Rheiner: Als er 1914 zum Kriegsdienst berufen wurde, nahm Walter Rheiner erstmals Rauschmittel – er gab damit vor, drogensüchtig zu sein, um der Wehrpflicht zu entgehen. Trotz dieses Umstands wurde er eingezogen und mit Beginn des Ersten Weltkrieges an die russische Front beordert. Eine Entziehungskur scheiterte, sein Täuschungsversuch kam 1917 ans Licht, worauf er vom Dienst suspendiert wurde und nach Berlin übersiedelte. Aus seinem anfänglich gemäßigten Drogenkonsum entwickelte sich jedoch mehr und mehr eine Sucht nach Kokain und Morphinen, die ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. In einer armseligen Unterkunft in der Charlottenburger Kantstraße setzte er seinem Leben am 12. Juni 1925 im Alter von 30 Jahren mit einer Überdosis Morphin selbst ein Ende.

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, Heilige und Hure, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. „Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon.“

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“

Hermann Hesse über Emmy Hennings

Richard Perls (1873 – 1898), der früh verstorbene Dichter gehörte zum George-Kreis.

Else Lasker-Schüler, geboren am 11. Februar 1869, gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Eine der mittlerweile bekanntesten deutschen Dichterinnen.

Sprecher und Gitarre: Dingefinder
Klavier: Verlah Voh
Geige: Ute C.
Perkussion: Erd Ling Judith
Keltische Harfe: Antje McInerney
Panflöte: Klaus der Geiger

Und die Glocken der Klosterkirche Fredelsloh

Donnerstag, 2. Januar 2025

Max Herrmann-Neiße: Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen


Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

Max Herrmann-Neiße, (* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London), Deutscher Dichter, von den Nazis ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Portrait des Dichters malte 1921 Erich Büttner (1889 - 1926) 

Sprecher und Gitarre: Dingefinder

Montag, 30. Dezember 2024

Jakob Haringer: Gebet um Sünde - Ein Lied

 



Gebet um Sünde

O Gott! aus diesen lauen grauen Tagen
Glüh mich zur Sünde hin, weil mich so friert –
Eh daß mein Herz vereist in frommen Sagen,
Mach mich ein bißchen teuflisch und vertiert.

Ihr toten Tage ausgehöhlt entgöttert,
Wie ungewürzte Speise leer und schal,
Sauer wie Schweiß um blöd vertane Arbeit –
Ihr Toten – ach erstickt mich tausendmal;

Wie Wein, in den es jahrelang geregnet.
Auf euch ruht nimmer Gottes Mutterhand...
Behängt mit meinen nie geweinten Tränen,
Mit meiner letzten Wünsche Kindertand.

Wo ist der Engel, der da gut und weise
Euch wachsen ließ wie Veilchen aus dem Schnee?
Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.

O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.

O laß mich lieber Dir mit Sünden danken...
Die Sünden weinen sich die Augen aus.
Die Heiligen mit ihren Löwenpranken
Zerschlagen ganz mein armes Blumenhaus.


„Lieber Gott! Du solltest wirklich deinen allerletzten Freund nicht so behandeln!... Weißt du, bloß Kleinigkeiten sind es nun einmal, die auf Erden uns armen Würmern die Wege erleichtern ... und selbst mit denen geizest du... Das Glück ist immer gegen die armen Leute. ... Weißt du, es ist schon hundsgemein, daß du nicht helfen magst! Du, schick sofort ein Wunder!! ... Ich habe nie gespart wie deine Braven, ich habe all deine schönen Dinge gekostet und genossen und verschenkt... Wenn deine andern endlich krepieren, liest man ja immer von ihrem edlen, großzügigen ‚Vermächtnis’ – allerdings habe ich noch nie gelesen und gehört, was sie zu Lebzeiten wahrhaft Gutes getan. Wie lieb ich all deine schönen Sachen: ein Amselruf im Morgenrot, ein Mädchenknie, eine Leberwurst, eine kleine süße Melodie, Frauenhüften, Gewürze, Duft der Parfüms, Zigarren, die liebe Einsamkeit, Stille, Hunger, mit einem guten Kameraden essen und trinken. Und wie schön hast du erst die Sünde, das gute Laster gemacht!“

Jakob Haringer (1898 - 1948)

„Die Größe Haringers ist sein urlyrisches Genie : zu sehen und Worte zu haben für das Gesehene. Eine Welt ging in ihn ein. Haringer, der Vagant, ein kranker, nicht mehr junger Mann, hungert in einem Asyl, einem Krankenhaus, in einer Höhle der Berge. Reißt ihn das Buch aus seiner Armut, dann werden seine Verse glätter, seine Gesichte aber blasser werden. Sein Buch ist wie ein Bergpfad, der in großer Höhe durch Kalkgestein führt : spitzes und abgebröckeltes Gestein — und dann wieder Ansiedlungen seltenster Pflanzen, wahre Fundgruben der Form. Es lohnt sich, in diesem Bande zu wühlen, um Oasen der Sprache aufzuwittern. Du findest dann am Wegrand eine Zeile wie diese:

In den Stunden des Glückes hast du Genossen und Frauen.
In den Gewittern des Narrens weinst du verzweifelt allein.
“

Otto Zarek (1898 – 1958)

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“


Gitarre und Gesang: Dingefinder

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Victor Hadwiger: An stillen Nachmittagen. . .

 

                                                    Es geht ein Lied vom Sommerhauch getragen,
                                                    ein Lied aus fernen Fernen geht umher.
                                                    Hörst du die Blumen fragen?
                                                    Er ist ein Wanderer. . .



An stillen Nachmittagen. . .

An stillen Nachmittagen sang ich’s in die blauen Lichter,
Wenn meine Mutter murrte, weil ich müßig war,
Ich sang es in den Hohn der Bösewichter
Und blieb ein Dichter und ein Narr.

Es gingen viele stille Nachmittage
An meinem großen Schmerz vorbei,
Da wurde es zu einer frommen Frage,
Ein braver Spruch und bald ein stolzer Schrei.

Ich lernte es von einem Spielmann rasch und froh,
Wie man es singt und nimmermehr vergisst,
Von einem Spielmann, der in einem alten Volkslied wo
An einem Frühlingstraum gestorben ist.

Du lege deinen Kopf in meine Hände,
Es dämmert die Dezembernacht,
Und sing es in der Dunkelheit zu Ende,
Was ich im Lichte mir erdacht.

Ich will mit dir in deine Länder fahren
Und deine leisen Engel sehn;
Dir meine Seele offenbaren,
In deiner Seele untergehn.

Victor Hadwiger, 1878 - 1911

1899 begann er ein Studium der Literaturgeschichte und Philosophie in Prag. Daneben verkehrte er im neoromantischen Literaturzirkel „Jung-Prag“, wo er u. a. mit Paul Leppin und Hugo Wiener, aber auch mit dem zehn Jahre älteren Bürgerschreck Gustav Meyrink nähere Bekanntschaft schloss und bald zu einer der markantesten Figuren der künstlerischen Bohème avancierte. „Leppin und Hadwiger erschienen meist zwillingsbrüderhaft gemeinsam. Sie waren beide sehr groß und trugen enorme Hüte, fielen auch auf der Straße auf. Beide sehr blaß, bunte Künstlerkrawatten flatterten um ihren Hals“, erinnerte sich rückblickend Max Brod in seinen Aufzeichnungen über den „Prager Kreis“. Im Frühjahr 1903 zog er nach Berlin, um sich dort durch die Mitarbeit an der „Vossischen Zeitung“ und eigene literarische Arbeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein im gleichen Jahr erscheinender Lyrikband Ich bin verhalf ihm hier zu einem viel beachteten Einstand. 1911 erschienen Victor Hadwigers Novelle „Der Empfangstag“ sowie die beiden Liebesgeschichten „Blanche“ und „Des Affen Jogo Liebe und Hochzeit“. Eine sich nun langsam abzeichnende erfolgreiche Schriftstellerkarriere beendete jedoch sein plötzlicher Tod am 4. Oktober 1911.


Musik: Verlah Wo, Keyboard: Sprecher: Dingefinder Jörg Krüger

Freitag, 29. November 2024

Christian Morgenstern: Die Heldin

 



Die Heldin

Muhme Kunkel geht voraus
wo´s ein Tier zu schützen gilt.
Tapfer hält sie ihren Schild
vor die kleinste Ackermaus.

Ihre Dienstmagd Lulu Hammer,
welche Fleisch frißt wie ein Wolf
sperrt sie, samt dem Kälblein Rolf
eines Tags in ihre Kammer.

Legt ein Beilchen ihr parat,
spricht: Wofern dir Fleisch tut not
schlag denn dieses Fleisch selbst tot -
oder aber iß Salat.

Lulu, ganz in sich gewandelt
fühlt, wie grauslich ihre Gier,
bittet ab dem Bruder Tier.
Ja, noch mehr, sie hat gehandelt

wie sonst nur des Helden Weise:
Nämlich gab, fürwahr, sie tat es,
Rolf die Köpfe des Salates
und verblieb selbst ohne Speise.

Schließlich ruft sie nach der Muhme. . .
Diese läßt die Zwei heraus.
Lulu lebt seither im Haus
reinerer Moral zum Ruhme.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol, aus dem Nachlass


Das Video The Three Stooges - Malice in the palace (1949), Auszug, zeigt die für mich schönsten Szenen aus diesem Film, nicht nur für Vegetarier empfehlenswert. Zusammenschnitt von mir. 

Montag, 25. März 2024

Lilien weiß und Rosen rot - Eine Collage

 

Lilien weiß und Rosen rot - Gedichte zu Lilien und zu Rosen


Und ich glaube an die gold'nen Schwellen,
Wo die wirren, rothen Düfte quellen,
Wo im Winde hohe Lilien schaukeln,
Wo dich Träume wundersam umgaukeln.

Lisa Baumfeld


Ankunft

Lilie, auf die ich meine Strahlen male,
Öffne den Kelch dem süßen Licht entgegen,
Dein Frühling, der dir naht auf Sonnenwegen,
Steigt inbrunstleuchtend von dem hohen Saale.

Lilie, die mein ist, der ich mich vertraue,
Mein Schöpfer will, daß ich dich lenzlich kiese,
Aus blauen Firmamenten sehnend fließe
Mein Kuss in dich mit perlenreinem Taue.

Reinhard Johannes Sorge


Ich und Du

Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Friedrich Hebbel


Nachtgesang

Sieh, die Treppen des Gebirges
Kam die Nacht heraufgestiegen,
Und sie pflückte alle Abendrosen ab.

Sieh, die Treppen des Gebirges
Kam der Mond heraufgestiegen,
Und er pflanzte
Stille weiße Lilien ein.

Wie sie zitternd Blüten treiben
Hoch und leuchtend in die Nacht.

Hör, die Treppen meines Hauses
Sehnsucht kommt heraufgestiegen,
Und sie pflückt mir meine roten Rosen ab.

Mädchen, kämst du wie ein Vollmond
Still herauf auf meiner Treppe,
In die Brust mir
Deiner Brüste Lilien pflanzend,

Daß sie große Blumen tragen
Weiß und traumhaft in die Nacht.

Ernst Wilhelm Lotz


Schwermut

Hinter langen Liliensäumen,
Die um schlanke Beete liefen,
Schliefen, schliefen
Rote Rosen schwer in Träumen.

Manchmal weckten sie Fontainen,
Die am Abend lauter sangen,
Und befangen
Fasste sie ein fernes Sehnen.

Und es seufzten auf die zarten
Rosen in den bleichen Zweigen.
Tiefes Schweigen -.
Doch voll Düfte stand der Garten.

Camill Hoffmann


Hülle Dich, Liebste, in weiße Gewänder,
Ehe die Saite zerspringt.
Lächle im Saale der Engel und Rosen,
Laß Dir die kindliche Stirne kosen,
Ehe das Echo verklingt.

Hugo Ball


Wo du wanderst,
Blühen die Rosen träumerischer,

Wo deine Stimme tönt,
Ist ein Echo aus himmlischen Sphären.

Wo deine Hände Gaben reichen,
Lacht der Frühling aus allen Beeten.

Wo du liebst,
Geht die Welt in Flammen auf!

Hans Bethge


Und ich glaube an die goldnen Schwellen - Aus: Glaubensbekenntnis, Lisa Baumfeld, geboren am 27. April 1877 in Wien; gestorben am 3. Februar 1897 ebenda. Lisa Baumfeld erkrankte schwer und verstarb innerhalb weniger Tage im Alter von 19 Jahren in Wien. Postum gab Ferdinand Groß 1899 eine Sammlung ihrer Gedichte unter dem Titel „Gedichte“ heraus.

Ankunft - Aus: Nachgelassene Gedichte, Vier Quellen Verlag 1925, Reinhard Johannes Sorge, geboren am 29. Januar 1892 in Rixdorf, heute Berlin-Neukölln; gestorben am 20. Juli 1916 in Ablaincourt an schweren Verwundungen, die er sich bei der Schlacht an der Somme zugezogen hatte. Dichter und Dramatiker. Mit seinem Stück Der Bettler, auf Vorschlag von Richard Dehmel mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, wurde er der Begründer der expressionistischen Dramatik.

Ich und Du, Friedrich Hebbel (1813 - 1863)

Nachtgesang, Ernst Wilhelm Lotz, geboren am 6. Februar 1890 in Culm an der Weichsel, Westpreußen; er fiel als Kriegsfreiwilliger am 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich. Er war Lyriker und Übersetzer, unter anderem übersetzte er Gedichte von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine.

Schwermut - Aus: Adagio stiller Abende, Gedichte von Camill Hoffmann, Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 Camill Hoffmann wurde am 31. Oktober 1878 in Kolín, Böhmen geboren; im Oktober 1944 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

Hülle Dich, Liebste, in weiße Gewänder. . . Hugo Ball - Aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

Wo du wanderst. . . aus: Hans Bethge Lieder an eine Kunstreiterin
1922 Gyldendalscher Verlag Berlin. Hans Bethge, geboren am 9. Januar 1876 in Dessau; gestorben am 1. Februar 1946 in Göppingen, Dichter, machte sich einen Namen durch seine Nachdichtungen orientalischer Lyrik.


Musik: 
Gert Wilden jun., aus: Die Schneekönigin 2002; Schumann, Dichterliebe - „Ich will meine Seele tauchen“; Moondog, Frost Flower; Anton Webern, Zwei Lieder op. 19, Goethe Weiß wie Lilien; King Crimson, Peace - A Theme; Laurie Anderson, White Lily; Schumann, Dichterliebe - „Die Rose, die Lilie“; Moondog, Sand Lily; Mark Levant, aus: The Woman in Green 1945.


Dichterliebe

Ich will meine Seele tauchen
In den Kelch der Lilie hinein;
Die Lilie soll klingend hauchen
Ein Lied von der Liebsten mein.

Das Lied soll schauern und beben
Wie der Kuss von ihrem Mund,
Den sie mir einst gegeben
In wunderbar süßer Stund'.


* * * 

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
Die liebt' ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
Sie selber, aller Liebe Bronne,
Ist Rose und Lilie und Taube und Sonne.

Fritz Wunderlich, Tenor; Hubert Giesen, Piano
Heinrich Heine, aus: Buch der Lieder, vertont von Robert Schumann


Weiß wie Lilien, reine Kerzen, 
Sternen gleich, bescheidner Beugung, 
Leuchtet aus dem Mittelherzen 
Rot gesäumt die Glut der Neigung. 

(So frühzeitige Narzissen 
Blühen reihenweis im Garten. 
Mögen wohl die Guten wissen, 
Wen sie so spaliert erwarten.) 

Johann Wolfgang von Goethe, Anton Webern, Zwei Lieder, op. 19 John Alldis Choir Members of the London Symphony Orchestra/Pierre Boulez 


Laurie Anderson - White Lily 

What Fassbinder film is it?
The one-armed Man walks into a flower shop and says:
What flower expresses Days go by
And they just keep going by endlessly
Pulling you Into the future.

Days go by Endlessly
Endlessly pulling you Into the future.

And the florist says: "White Lily."



Filmschnipsel und Bilder unter anderem aus: The Woman in Green 1945; Spencer Roth-Rose, White Lily (2017)


Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Die Anderen Seiten) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt. 

Wenn schon alles gesagt, gesehen und gehört worden ist, ist die Collage vielleicht die Kunstform der Zukunft. 

Montag, 4. September 2023

Tao Yuanming: Die Chrysanthemen

 



Zum Thema Chinesische Dichtung übersetzt:

Ich habe hier zum Vergleich vier Übersetzungen verschiedener Übersetzer eines Gedichtes von Tao Yuanming (365 - 427), die erste ist von Richard Wilhelm. Ich finde es interessant, wie sich das gleiche Gedicht so andersartig übersetzen lässt. Nun bin ich kein Sinologe und kann nicht beurteilen, welches der vier dem Original am Nächsten kommt. 


Die Chrysanthemen


In später Pracht erblühn die Chrysanthemen,
Ich pflücke sie, vom Perlentau benetzt.
Um ihre Reinheit in mich aufzunehmen,
Hab einsam ich zum Wein mich hingesetzt.
Die Sonne sinkt, die Tiere gehn zur Ruhe,
Die Vögel sammeln sich im stillen Wald. –
Fern liegt die Welt mit ihrer Unrast Kummer,
Das Leben fand ich, wo der Wahn verhallt.

Übersetzung. Richard Wilhelm (1873 - 1930)


Ich pflücke still am Ostzaun Chrysanthemen,
Seh nach dem Südberg am entlegenem Ort.
Des Berges Hauch so schön im Abendlicht;
In Scharen ziehn die Vögel heimwärts fort.
Und in dem allen liegt ein tiefer Sinn.
Ich will ihn sagen - und vergaß das Wort.

Übersetzung: Günther Debon (1921 - 2005)



Beim Weintrinken, fünftes Gedicht

Meine Hütte steht in bewohntem Gebiet,
und doch herrscht kein Lärm von Wagen und Pferden.
Du fragst, wie mir dies möglich sei?
Einem Herzen, das fern ist, wird still auch die Welt.
Chrysanthemen pflücke ich am östlichen Zaun
und schaue voll Frieden zu den südlichen Bergen.
Klar schimmern die Berge im Abendlicht,
in Paaren kehren die Vögel zurück.
Eine tiefe Wahrheit ist hierin enthalten,
sie auszusprechen, versagen mir die Worte.

Übersetzung: Árpád Romándy



Mitten im Treiben der Menschen baute ich mein Haus,
Doch ertönt hier kein Lärm von Wagen und Pferd.
Wie kann dies sein, so magst du fragen –
Hat das Herz sich entfernt, folgt der Ort ihm nach.
Am Zaun im Osten pflücke ich Chrysanthemen
Und blicke in Muße auf den Gipfel im Süden.
Rein ist die Bergluft bei Sonnenuntergang;
Die Vögel kehren heim in Scharen.
In all dem verbirgt sich so viel Sinn – 
Will ich’s erklären, fehlen mir die Worte.

Aus: Karl-Heinz Pohl; Rückzug in den Garten oder die Liebe zu den Chrysanthemen - Der Dichter Tao Yuanming


Das Bild zeigt Porträt von Tao Qian (Tao Yuanming), gemalt von Chen Hongshou (1599–1652)

Montag, 27. Februar 2023

Auf dem Flusse Tschu - Nachdichtungen Chinesischer Lyrik

 



Ich möchte eine Auswahl von Nachdichtungen Chinesischer Lyrik vorstellen. Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

Reise in die Nacht


Am Ufer bewegt leichter Wind die kurzen Gesträuche.
Einsam über den Fluss treiben die Segelmasten unseres Schiffes.
Die Sterne strahlen auf eine weite Öde herab.
Der aufgehende Mond bescheint die strömende Fläche.
Dichten allein gibt dem Namen nicht Ruhm.
Wenn man alt und krank ist, lässt man das Beamtentum.
Leben, streben, schweben wozu?
Einsam wie der Wasservogel, der zwischen Himmel und Erde treibt.

Du Fu, Nachdichtung Albert Ehrenstein

Wein

Die sinkende Sonne scheint nieder aufs Tor.
Dämmerung über dem Fluss.
Die Gerüche der Gärten hüllen das Ufer.
Auch Rauch, wo die Scharen der Schiffer
Ihre Boote verankern.
Schon zwitschern sich in der Laube
Die Vögel zur Ruh.
Und fliegende Käfer erfüllen die Luft ringsum mit Gesumm.
Rausch-Wein, wer gab dir die Kraft,
Tausend Sorgen zu ertränken in
Einem kleinen Becher!

Du Fu, Nachdichtung Albert Ehrenstein

Du Fu (chinesisch 杜甫, Pinyin Dù Fǔ, W.-G. Tu Fu; * 712 im Kreis Gong östlich von Luoyang, Provinz Henan; † 770 in der Gegend von Tangzhou (heute Changsha, Provinz Hunan) war einer der wichtigsten Dichter der chinesischen Tang-Dynastie und Zeitgenosse des Dichters Li Bai.

Der Fischer im Frühling

Die Erde trank den Schnee. Wie erste Pflaumenblüte
durch die Lüfte rudert!
Die Trauerweiden prunken golden.
Falter, die Flügel violett gepudert,
Tauchen samtene Köpfe in Blütendolden.

Wie eine Insel steht der Kahn im Teich, Der Fischer lässt
Sein Netz behutsam in den dünnen Silberspiegel springen.
Der klirrt, zerbrochen. Er gedenkt der Schwalbe fern im Nest;
Bald wird er ihr das Futter bringen.

Li-tai-pe, Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

Auf dem Flusse Tschu

Blick ich aus dem blassen Kahne
Nieder in die Wasserwildnis:
Zwischen Schilf und Wolkenfahne
Schwimmt des Mondes goldnes Bildnis.
So in meiner Seele funkelt
Die Geliebte groß und prächtig.
Sonne tags den Mond verdunkelt:
Riesig strahlt er mitternächtig.

Thu-fu, (andere Schreibweise für Du Fu, siehe oben) Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

In der Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ (1919) von Hermann Hesse gibt sich der Maler Klingsor den Namen Li Tai Po, sein Dichterfreund Hermann den Namen Thu Fu. „Wie namenlos schön [ist] alles jetzt, wie ruhig, gut und spendend, wie voll von Gott!“ Aber er ist todmüde und er sagt sich ein Gedicht Thu Fus auf: „Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt. […] Alles stirbt, alles stirbt gern.“

Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York), Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Ehrenstein, da er nicht kriegsdiensttauglich war, zur Arbeit im Wiener Kriegsarchiv verpflichtet. Während viele andere Künstler sich anfangs von der Kriegsbegeisterung mitreißen ließen, war Ehrenstein von Anfang an überzeugter Kriegsgegner, was er auch in einer Reihe von Artikeln und Gedichten (zum Beispiel Der Mensch schreit) klar artikulierte. Im Verlauf des Krieges kam er in Kontakt mit Walter Hasenclever und Martin Buber. 1916/17 gehörte er zum Kreis um die Zeitschrift Die Neue Jugend.

Zusammen mit vielen anderen Autoren stand Ehrensteins Name auf der Schwarzen Liste der Nazi-Studentenschaft. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. In den nächsten Jahren publizierte er in Zeitschriften der Exilliteratur. Von 1939 bis 1941 lebte er mittellos in Zürich. Schließlich ging er nach England zu seinem Bruder Carl, von dort nach Frankreich, bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte. (Wiki)

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 – 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte. Er starb am 14. August 1928 an Tuberkulose.

Die Illustration zeigt den Dichter Du Fu, aus: Wan hsiao tang-Chu chuang -Hua chuan (1921).

Dienstag, 21. Februar 2023

Selbstvergessenheit - Nachdichtungen Chinesischer Lyrik

 



Ich möchte eine Auswahl von Nachdichtungen Chinesischer Lyrik vorstellen. Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

Eine Nachtlandung am Chien-Te

Mein kleines Boot bewegt sich an nebliger Lände,
Das Tageslicht schwindet. Ein Erinnern beginnt:
Die Welt war weit, die Bäume dicht beim Himmel,
Klar im Wasser die Nähe des Monds.

Meng Hao-jan (689-740)

Die Nachdichtung des Gedichtes ist von dem Dichter Hans Schiebelhuth, geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA). Sie entstammt genauso wie die Eingangsgrafik dem Buch Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po

Auf der Phönixterrasse in Nanking

Phönixe stolzierten einst auf der Phönixterrasse einher
Und flogen fort, die Terrasse ist leer -
Doch der Strom fließt weiter: wie immer.

Im Wu-Schloß wuchern Blumen, wo einsam verwachsene Wege laufen,
Die Minister der Tschin modern unter uralten Grabhaufen -
Die Zeit fließt weiter: wie immer.

Drei Berge verdämmern am Abendhimmel,
Der Strom umarmt die Weiße Reiher-Insel -
Dann fließt er weiter: wie immer.

Ziehende Wolken verdunkeln die Sonne, man wimmert
Verbannt aus Kaiserstadt und Phönixschimmer -
Dann lebt man weiter: wie immer.

Li Tai Pe, Nachdichtung Albert Ehrenstein, aus: Der Querschnitt, Band 12/1, 1932

Selbstvergessenheit

Der Strom - floss,
Der Mond vergoss,
Der Mond vergaß sein Licht - und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß
Beim Weine.
Die Vögel waren weit,
Das Leid war weit,
Und Menschen gab es keine.

Li-tai-pe, Nachdichtung Klabund, aus: Chinesische Gedichte, Nachdichtungen Gesamtausgabe, Wien, Phaidon, 1931

Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 – 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte. Er starb am 14. August 1928 an Tuberkulose.

An Li Tai Pe

Von Du Fu

Kühler Wind wehrt von fern.
Was denkst du jetzt?
Wann kommen wohl die Vögel,
die mir Gutes bringen?
Herbstregengüsse schwellen Strom und See.
Ins Unglück schwemmte Dich Ruhm.
Die bösen Geister freuten sich,
Als Du erloschest.
O einmal möchte ich noch
Mit Deinem Schatten sprechen.
Wenn ich denke: Du starbst,
Möchte ich meine Gedichte
Der Vergessenheit opfern.

Deutsch von Albert Ehrenstein, aus: Der Querschnitt, 1927

Du Fu (chinesisch 杜甫, Pinyin Dù Fǔ, W.-G. Tu Fu; * 712 im Kreis Gong östlich von Luoyang, Provinz Henan; † 770 in der Gegend von Tangzhou (heute Changsha, Provinz Hunan) war einer der wichtigsten Dichter der chinesischen Tang-Dynastie und Zeitgenosse des Dichters Li Bai. 

Der Frühlingsstrom

Hitze und Kälte, Dunkel und Dämmer drängen einander. Durch meine geschlossenen Tore höre ich nichts außer dem Morgen- und Abendtrommeln. Von meinen oberen Fenstern seh ich nichts als Schiffe, die kommen und gehen.

Vergebens lockt mich der Oriol mit seinem Gesang, unter den blühenden Bäumen herumzustreifen. Vergebens lockt mich der Rasen mit seinem grünen Gras, nah am Wasser zu sitzen.

Aber es ist nur ein Ding und nur eines allein, das zu belauschen ich nimmer ermüde: der Frühlingsfluß - wie er über die Steine rieselt und schwätzt gegen die Felsen.

Mein Weg

Ein Seefahrer kam aus der Mitte der Meere,
Schwere Gesichte berichtend aus der Mitte der Meere:
„In einem tiefen Schlund der Seehügel und Meerberge
Sah ich deine letzte Herberge: Terrasse und Turm.
In der Mitte stand ein Tempel der Feen
Mit einer leeren Nische.
Die in den Meeren sagten alle, sie warte
Auf dich, Po Lo-t´ien.“

Meerfahrer, ich kenne das Tor der Leere,
Ich bin kein Jünger der Feen.
Die Gesichte, die du berichtet,
Sind eine Lügengeschichte.

Die Berge der Meere werden nie sein
Po Lo-t´iens Heim.
Wenn ich die Erde verlasse,
Werde ich gehn in die milden Gefilde
Der Tushita-Himmel.

(Tuṣita [tʉʃita] im Sanskrit oder Tusita im Pali (in der Literatur auch Tuschita oder Tushita geschrieben) ist eine himmlische Welt, in der sich der kommende Buddha Maitreya derzeit befinden soll.)

Lo-t´ien liebte von jung an das Studium. Als Erwachsener wandte er sich der Dichtung zu. . . . Er begann seine Laufbahn als Bücherzensor und gab sie auf als Regierungsgehilfe des Kaisers. Zwischendurch bekleidete er mehr als zwanzig Beamtenposten, lebte über vierzig Jahre davon. Sein Äußeres hielt er der Lehre des Kungfutse gemäß, seine Seele neigte sich rein der Lehre Buddhos. In seiner freien Zeit durchwanderte er die Gebirge, spielte Laute und trank Wein, seinen Geist anzuregen. . . . Was er im Leben begehrte, fühlte, bekam, verlor, bedrückt durchmachte, verstand - all dies stand als Geschichte, Aufsatz, Gedicht genau in seinem Werk. Geboren wurde er 771 n. Chr., er starb 846.

Aus: Po Chü – I (Des Gelehrten Po sechs Werke, von Lo-t´ien), Nachdichtungen von Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York, Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Er veröffentlichte danach auch in den Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. In den nächsten Jahren publizierte er in Zeitschriften der Exilliteratur. Von 1939 bis 1941 lebte er mittellos in Zürich. Schließlich ging er nach England zu seinem Bruder Carl, von dort nach Frankreich, bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte.

Keine Nachdichtung eines Chinesischen Textes, doch ist in diesem Gedicht von Eduard Saenger so viel taoistisches Gedankengut eingeflossen, dass es zeigt, wie dieses rezipiert wurde:

Nicht Eins und Alles.
Wann ist Eins, wann Alles?
Alles ist Nichts, und Nichts ist Alles.
Es wertet sich ein Werdendes zum Sein,
Zur Einheit aus dem Vielen.
Einheit ist Weg der Wesen, jeder Weg.
Dich stehst du, dich besinnend, still,
So ist und war nichts mehr,
Und Alles ist aus Nichts. -

Eduard Saenger 1880-1948. Aus: Nichts und Alles, eine Lehre von Adel, Im Wir Verlag, Berlin 1923

Eduard Saenger wuchs von 1883 bis 1888 in den USA und danach in einem Waisenhaus in Deutschland auf. Er studierte Philologie in Berlin, wurde promoviert und war Soldat im Ersten Weltkrieg. Saenger arbeitete als Journalist für verschiedene Zeitungen und als Sprecher für den Rundfunk. Seine Übersetzung der Sonette Shakespeares erschien 1909 im Insel-Verlag, er übersetzte das Waltarilied aus dem Lateinischen. Saenger, der als Jude in Nazi-Deutschland diskriminiert wurde, emigrierte 1935 nach England und versuchte dort seinen Unterhalt als Privatlehrer, Übersetzer und Journalist zu bestreiten.

Sonntag, 19. Februar 2023

Vom TAO lernen

 


Vom Tao lernen

30 (Auszug)

Wer nach dem SINN dem Menschenherrscher hilft,
zwingt nicht mit Waffen die Welt.
Seine Art ist es, den Rückzug zu lieben.
Wo Kämpfer geweilt, wachsen Disteln und Dornen.
Hinter den großen Heeren her kommt sicher böse Zeit.
Der Tüchtige will Entscheidung und nichts mehr.
Er wagt nicht Eroberung mit Gewalt.
Entscheidung, ohne sich zu brüsten,
Entscheidung, ohne sich zu rühmen,
Entscheidung, ohne stolz zu sein,
Entscheidung, weil's nicht anders geht,
Entscheidung, ferne von Gewalt.

31 (Auszug)

Auch die schönsten Waffen sind unheilbringende Geräte,
und die Geschöpfe hassen sie wohl.
Darum: Wer den SINN hat, weilt nicht dabei.

* * *

Die Waffen sind unheilbringende Geräte,
nicht Geräte für den Edlen.
Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste.
Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
Wer sich daran freuen wollte, würde sich ja des Menschenmordes freuen.
Wer sich des Menschenmordes freuen wollte, kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.

* * *

Menschen töten in großer Zahl, das soll man beklagen mit Tränen des Mitleids.
Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.

Aus: Laotse: Tao Te King – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben in der Übersetzung von Richard Wilhelm. Düsseldorf/Köln 1952

Ich schrieb vor einiger Zeit, März letzten Jahres: "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen uns den Weg" (Sprichwort aus Spanien). Zur Situation in der Ukraine: Ich gestehe mir persönlich sowohl eine Ratlosigkeit als auch eine Machtlosigkeit ein. Das muss ich aushalten (können). Ich selber werde garantiert nicht zur Waffe greifen, um andere Menschen zu töten. Auch nicht zu meiner eigenen Selbstverteidigung. Doch das ist erst einmal meine persönliche Entscheidung. Ich wüsste nicht, was ich den Menschen raten sollte, die jetzt in der Ukraine sich mit Waffen gegen eine aggressive Soldateska verteidigen. Wie gesagt, ich bin da einfach nur rat- und auch machtlos. Ich schaue mit Erstaunen auf die Vielen, die jetzt so selbstgewiss von sich geben, was da zu tun wäre. Wo haben sie diese Selbstgewissheit her? Gibt es da wirklich keine Zweifel? Ich verzweifel an den Zweifelsfreien. Doch eines vermag ich sicher zu sagen: Gegen die jetzt einsetzende Militarisierung der Sprache, der Heroisierung auch des Widerstandes gegen die Kriegsarmee, gegen die Heldenmythenbildung, ja, auch der Verteidiger, werde ich mich positionieren."

Warum dieses so selbstgefällige „entweder – oder“? - Ich wünsche mir ein „und“. Verhandlungsoptionen sollten niemals verschlossen werden. Doch manchmal braucht es die Unterstützung der Selbstverteidigung, um überhaupt eine Verhandlungsoption zu haben. Ein reines Nachgeben demjenigen, der das Recht des Stärkeren für sich beansprucht, kann niemals eine friedensstiftende Wirkung haben. Gewalt und Waffen müssen immer geächtet werden. Weltweit. „Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.“

Das ist es, was ich mir wünsche: Eine Entmilitarisierung der Sprache. Keinerlei Heroisierung des Kriegsgeschehens. Wenn Waffen zur Selbstverteidigung gebraucht werden, bleiben sie doch unheilvolle Geräte. Es ist dringend an der Zeit, nicht nur den Krieg (die Kriege!) zu beenden, sondern auch einer weltweiten Ächtung von jedweder Gewalt und jedweden Waffen das Wort zu führen. Das wünsche ich mir: Eine Regierung (viele Regierungen!), die sagt: Wir unterstützen die Verteidigung nur, wenn gleichzeitig weltweite Gespräche der Ächtung in Gang kommen. „Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.“

Das Bild „Laotse“ ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)


Freitag, 27. Januar 2023

Ein Lebwohlsang von weißen Wolken - Nachdichtungen chinesischer Lyrik

 


Am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter den deutschen Literaten eine Chinabegeisterung, die sich bis in die dreißiger Jahre fortsetzen sollte. Nicht nur Theosophen oder die Aussteiger rund um den Monte Verita in Ascona fanden im Tao Te King Weisheit, auch viele Schriftsteller orientierten sich an chinesischen Dichtern wie Li Tai Pe. Hermann Hesse war ein Verehrer dieses Dichters, und Klabund, Franz Blei, Hans Schiebelhuth, Albert Ehrenstein und viele andere widmeten sich Nachdichtungen chinesischer Lyrik.


Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po


Ein Lebwohlsang von weißen Wolken

Die weißen Wolken ziehen über Berge der Ferne,
So wie über die Berge der Nähe hin.
Überallhin werden die weißen Wolken dir folgen.

Sie werden dir folgen überallhin –
Mit dir gehn, wenn du in Berge der Ferne gehst,
Übersetzen mit dir über Wasser des großen Stroms.

Drüben über Wassern des großen Stroms,
Da ist dir ein Mantel von Efeu zu tragen,
Und du darfst liegen in einem Bett aus weißem Gewölk.

Gehe schnell heim, o mein Freund!


Abschied von einem Freund

Blauberge steigen auf jenseits der Nordmauer.
Den Ostteil der Stadt entlang fließt das weiße Wasser.
Hier scheiden wir, Freund, ein für alle mal.
Du reisest nun zehntausend Meilen, du treibst davon
Wie ein entwurzelt Wassergras.

O die ziehenden Wolken und die Gedanken des Wandrers!
O der Sonnenuntergang und die Sehnsucht des alten Freunds!
Wir reiten hinweg voneinander, winken uns mit der Hand,
Derweil unsre Pferde wiehern, leis, leis ...


Himmelslandtraum, ein Lebewohlsang

Die Seefahrer erzählen von der östlichen Seligkeitsinsel.
Verloren sei sie in einer Wildnis nebelhaften Gewogs.

Aber das Süd-Himmelsland, wie die Leute gen Mittag sagen,
Soll sichtbar sein durch schimmernder Wolken Bereich.

Dies Himmelsland, quer sich erstreckend durch die Meilen der Ewigkeit,
Es hebt sich über das Fünfgebirg und türmt sich über dem Scharlachschloß,
Während der Tafelberg, so als staunte er davor auf,
Mit seinen 40 und 8 Tausend-Fuß Höhe sich gegen Südosten dehnt.

Ich also, Verlangens zu träumen von den Südländern am Meer,
Flog über den Spiegelsee eines Nachts unterm Mond.

Der Mond im See befolgte mir meinen Flug,
Folgte mir nach bis an die berühmte Stadt,
Wo noch das Haus steht des Dichterprinzen.
Ich sah die grünen Wasser sich kräuseln und hörte der Affen schrilles Geschrei!
Ich klomm, des Prinzen Holzschuhe angetan,
Himmelwärts auf einer Leiter Wolken –
Und halbwegs oben vom Wall des Weltgewölbs sah ich die Morgensonne
Und hörte den Himmelshahn krähen in der heiteren Luft.
Dann wand zwischen tausend Abgründen mein Weg sich [immer rundherum].
Blumen erstickten den Pfad. Ohnmächtig sank ich hin.

Brüllende Bären und heulende Drachen jagten mich auf. O die lärmenden Wasser der Strudel!
Mit Zittern stand ich im tiefen Forst. Ich schauderte vor den überhängenden Klippen, eine auf die andre getürmt.
Wolken auf Wolken sammelten sich zu Häupten, Regen drohend.
Das Wasser ergoß sich zu Füßen, im Nebel zerstäubend.

Ein Donnerschlag dröhnte.
Die Berge zerbröckelten,
Das Steintor ins Himmelsinnere tat weit sich auf, offenbarte
Ein ungeheures Reich von unergründlichem Azur,
Sonne und Mond alle beide scheinen auf goldne und silberne Schlösser.

In Regenbogen berieselt und reitend auf dem Wind
Steigen die Luftfeen herab wie Blumenflocken.
Die männlichen Geister der Luft kamen zuletzt, dick waren sie wie Hanfstengel.

Phönixvögel zogen ihre [Kreise], und Panther schlugen Harfen.
Entsetzen erfüllte mich und Schrecken ergriff mein Herz.
Bestürzt hob ich mich auf, und ach! ...
Ich erwachte und fand mein Bett und Kissen.
Vorbei war die glänzende Traumwehwelt.

So ist's im Leben mit allem, was uns erfreut.
Alle Dinge gehn vorüber mit den ostwärts fließenden Wassern.
Ich verlaß dich und geh – wann werde ich wiederkommen?
Laß du das weiße Reh weiden unter den Waldsteinen.
Laß mich reisen, daß ich das liebliche Gebirge besuche.
Wie könnt ich unterwürfig mich beugen und den Machthabern dienen.
Es erwürgt mir die Seele.


Besuchsgang zu einem taoistischen Bergklausner, der nicht zu Hause war

Ein Hund bellt auf von fern, wo leis die Wasser rauschen.
Die Pfirsichblüte steht festlich, vom Regen genetzt.
Das Gehölz ist so dicht, daß man zuweilen einem Hirsch begegnen kann.
Aber die Mittagsglocke kann man nicht hören in dieser einsamen Schlucht.
Die wilden Bambus wehn im blauen Dunst.
Am begrünten Felshang funkeln fliegende Wasserfälle.
Wes Weges ist er gegangen? Nichts ist, das es mir sagen könnte.
An eine Kiefer lehn ich mich traurig hier und da.

Bei der Zelle eines abwesenden Priesters
in den Bergen

Durch einen Steinwall geh ich ins Rottal hinein.
Das Fichtentor ist umdrängt von grünem Moos.
Zwar sind Zeichen von Vögeln auf den verlaßnen Steigen,
Doch keines bedeutet mich, in die Priesterklause einzudringen.
Ich guck durchs Fenster und seh an der Wand
Den weißen Besen hängen, ganz verstaubt.
Ich seufze der Enttäuschung gar vergeblich Seufzen.
Ich werde gehen, doch versonnen trondle ich herum.
Süßduftige Wolken wehn den Bergzug lang,
Ein Blumenregen fällt vom Himmel nieder.
Hier kann ich die Glücksal der Einsamkeit fühlen
Und das Klagen der Blauaffen hören.
O, welch eine Stille herrscht über diesem Grunde,
Welche Abgeschiedenheit von allen Dingen der Welt!


Die Nachdichtungen der Gedichte von Li-Tai-Po sind von dem Dichter Hans Schiebelhuth. (geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA). Sie entstammen genauso wie die Eingangsgrafik dem Buch Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po