Es gibt die einen und es gibt die anderen Seiten. In diesem Blog möchte ich als Dingefinder die anderen Seiten desselben publizieren. Denn diese machten sich auf ihre Art selbstständig. . .
Ick bin in Tempelhof jeboren Der Flieder wächst mich aus die Ohren. In meinem Maule grast die Kuh.
Ick geh zuweilen sehr und schwanger Auf einem Blumen-i-o-anger Mein Vater, was sagst Du dazu?
Wir gleichen sehr den Baletteusen, Pleureusen – Dösen – Schnösen – lösen. Gewollt zu haben – selig sein.
Verehrte Herrn, verehrte Damen, Die um mich hören herzu kamen Dies widmet der Gesangverein.
Und Jungfraun kamen wunderbar Geschmeide scheidegelb im Haar Mit schlankgestielten Lilien.
Der Kakagei und Papadu Die sahen auch dabei dazu Und kamen aus Brasilien.
Klarinetta Klaball (Hugo Ball)
Unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball erschienen 1914 gemeinsame Gedichte von Hugo Ball (1886 - 1927), Klabund (Alfred Henschke 1890 - 1928) und Marietta di Monaco (Maria Kirndörfer 1893 - 1981), der Freundin von Walter Serner. Die drei trugen auch im Münchner Simpl ein Gemeinschaftsgedicht vor, mit ähnlichem Text:
Ich bin in Tempelhof geboren Der Flieder wächst mich aus die Ohren In meinem Munde grast die Kuh. . . O Edmund steck den Degen ein. Was denkst du dir denn dadabei´n Des Morgens um halb finfe? Er sagte nichts mehr dadarauf. Er stützt sich auf dem Degenknauf Und macht sich auf die Strümpfe.
Dieser Text wird von einigen als Vorgriff auf den Dada gewertet, Marietta von Monaco beteiligte sich 1916 auch an den Veranstaltungen im legendären Cabaret Voltaire in Zürich. Nach dieser Lesart wären „dadabei`n“ und „dadarauf“ die ersten Erwähnungen von Dada. Doch vielleicht war das doch nur einfach ein Ulk, was Dada in Zürich keineswegs sein wollte.
Das Bild ist von John Lavery-Hazel (1856 - 1941)
Hätte da noch eine Version von letzterem, gefunden im Projekt Gutenberg:
O, Großpapa, o Graspopo Wir sind bald wie, wir sind bald wo? Wir sind warum? Weswegen? Der Eduard zieht den Degen. O Eduard steck den Degen ein. Was denkst Du dir denn dadabei'n Des morgens um halb fünfe? Er sagte nichts mehr dadarauf. Er stützt sich auf den Degenknauf Und macht sich auf die Strümpfe.
Klarinetta Klaball
Marietta von Monaco über sich selber:
Eine Autobiographie
Manchmal weine ich keine Tränen. Ich berausche mich täglich. Gerne mache ich sündige Spiele. Ich bin ein Knäuel von Sinnlichkeit. Mein Kopf wird herumgeworfen. Meine guten Gefühle werden von brutalen Händen erdrückt. Ich schiele. Ich rezitiere lyrische Anthologie. Nachts tanze und schreie ich durch die Straßen. Mein Mund ist ein Strich. Meine Augen sind manchmal groß und leuchtend. Mein Nacken ist ausrasiert. Ich habe schlanke Beine. Jeder Briefträger ist mein Vater. In meinen Haaren beseitigt man den Schweiß der Hände – Aber in der Sonne sind sie fließendes Gold. Ich bin Marietta.
München, Frühling 1913
Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an! Und halt ihn fest mit deinem ganzen Herzen, Denn wer ihn nicht mehr halten kann, Der kann ihn auch verschmerzen. Verschmerzen kann er ihn jedoch Bei Pommern und in Pasing. Man fing ihn ein bei Biberoch Bei Velhagen und Klasing.
Klarinetta Klaball
O Marietta-Kripistika
O Marietta-Kripistika! Thronkanapee im Serail von Sevilla! Du bist wertvoller als die juchzende Säubande von Hosenträgern, Deren Rüssel An deinem Bauch Zu schnuppern Gewohnt sein pflegt.
Zu sagen ist nichts mehr. Vielleicht, daß etwas noch gesungen werden kann. „Du magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat“ So spricht einer, der zu schweigen versteht. „Ambrosianischer Stier“: gemeint ist der ambrosianische Lobgesang. Eine Hinwendung zur Kirche zeigt sich an in Vokabeln und Vokalen. Der Hymnus beginnt mit militärischen Reminiszenzen und schließt mit einer Anrufung Salomons, jenes großen Magiers, der sich tröstete, indem er die ägyptische Königstochter an sein Herz zog. Die ägyptische Königstochter ist die Magie.
Du Herr der Vögel, Hunde und Katzen, der Geister und Leiber, Gespenster und Fratzen. Du Oben und Unten, Rechtsum und Linksum, Geradeaus, Kehrteuch und Haltwerda, Der Geist ist in dir und du bist in ihm, und ihr seid in euch und wir sind in uns. Der Auferstandene bist du, der überwunden war. Der Entfesselte, der seine Ketten zerriß, Der Allmächtige bist du, Allnächtige, Prächtige, mit einem brennenden Topf auf dem Kopf. In alle Sprachen und Windrichtungen ist dir der Donner im Kasten zersprungen. In Vernunft und Unvernunft, im toten und lebenden Reiche raget dein Blechhals und saust deine Speiche. Mit großem Brüllen kamst du, Sturmhaube der Rebellion, Krähtrompete, Völkersohn. In Feuerschlünden und Kugelsaat, in Sterbegewinsel und endlosem Fluche, In Blasphemien sonder Zahl, in Schwaden von Druckerschwärze, Oblaten und Kuchen. So sahen wir dich, so hielten wir dich, in Gesichterregen, geschnitzt aus Achat. Auf umgestürzten Thronen, zerspellten Kanonen, auf Zeitungsfetzen, Devisen und Akten, Bunt aufgeputzte Puppe, hobst du das Richtschwert über die Vertrackten. Du Gott der Verwünschungen und der Kloaken, Dämonenfürst, Gott der Besessenen. Du Mannequin mit Veilchen, Strumpfbändern, Parfums und einem Hurenkopfe bemalt. Deine sieben Jungen blecken die Zungen, deine Großtanten werden zuschanden, eine rote Kugel ist deine Gugel. Du Fürst der Krankheiten und Medikamente, Vater der Bulbo und Tenderende, Der Arsenike und Salvarsäne, der Revolver, eingeseiften Stricke und Gashähne, Du Löser aller Bindungen, Kasuist aller Windungen, Du Gott der Lampen und der Laternen, du nährst dich von Lichtkegeln, Dreieck und Sternen. Du Folterrad, russische Schaukel der Qual, Homozentaurus, in Flügelhosen schwebend durch den Krankensaal, Du Holz, Kupfer, Bronze, Turm, Zinke und Blei, als Eisengockel schwirrst du geölt vorbei. Du magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat, du mystisch Quartier, ambrosianischer Stier, Herr unserer Entblößung, deine fünf Finger sind das Fundament der Erlösung. Herr unseres Jäger- und Küchenlateins, Lemantotrommel unseres Daseins, Äthernist, Kommunist, Antichrist, oh! Hochweisige Weisheit des Salomo!
Text: Hugo Ball (1886 – 1927)
Aus: "Tenderenda der Phantast", Wallstein Verlag, Göttingen 2015, das Buch wurde zwischen 1914 und 1920 geschrieben, jedoch erst 1967 das erste Mal veröffentlicht
Zum Video:
Gesprochen und klanglich illuminiert von Dingefinder Jörg Krüger
Es wurden Filmschnipsel verwendet, in etwa aus der Zeit, hauptsächlich aus Filmen von Germaine Dulac (1882 - 1942) („La coquille et le clergyman“, 1927; „Themes et variations“, 1928; „Danses espangnoles“, 1930) und aus Metropolis von Fritz Lang von 1927.
"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)
"Wenn mir einer sagte, Ein Freund hätte gesagt, Dass ein anderer Freund gesagt hätte, Ich hätte zu einem dritten Freunde gesagt, Dass ein vierter Freund gesagt hätte, Ein fünfter Freund hätte gesagt, Dass ein sechster Freund gesagt hätte, Ich sollte gesagt haben, Was ich nicht gesagt habe, So sage er hier getrost an alle Freunde, Ich hätte gesagt, Ich hätte nichts gesagt."
"Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."
Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England, Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.
Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen, wo er schon in den Jahren zuvor die Sommermonate verbracht hatte. In Norwegen entstanden zwei weitere Merzbauten, in Lysaker (zerstört 1951) und auf der Insel Hjertøya (bei Molde); wohlgemerkt bezeichnete er nur den ersten als Merzbau.[ Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh er 1940 nach England.
Das Bild oben trägt den Titel Roter Bonbon und ist von 1920
An Anna Blume
Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir! Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir? Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du , ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du? Die Leute sagen, Du wärest. Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt, Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir. Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir? Das gehört beiläufig in die kalte Glut! Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1.) Anna Blume hat ein Vogel, 2.) Anna Blume ist rot. 3.) Welche Farbe hat der Vogel.
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares, Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels. Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir! Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir? Das gehört beiläufig in die - - - Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A - - - - N - - - -N- - - - -A! Ich träufle Deinen Namen. Dein Name tropft wie weiches Rindertalg. Weißt Du es Anna, weißt Du es schon, Man kann Dich auch von hinten lesen. Und Du, Du Herrlichste von allen, Du bist von hinten und von vorne: A - - - - - - N - - - - - N - - - - - -A. Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken. Anna Blume, Du tropfes Tier, Ich - - - - - - - liebe - - - - - - - Dir!
An Anna
Blume ist ein Merz-Gedicht, das 1919 von Kurt Schwitters verfasst und
sehr aktiv verbreitet wurde. Er schrieb mehrere Versionen. Eine davon
verbreitete er 1920 als Werbung für seinen neuen Gedichtband an den
Litfaßsäulen in Hannover, wo er lebte.
Aufführung: »Große Soirée« am 31. 5. 1916 in der »Meierei« in Zürich, Spiegelgasse 16.
Vorgetragen von Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Marcel Janco, Marietta di Monaco, Tristan Tzara
Ein Krippenspiel. Bruitistisch
I. Stille Nacht.
Der Wind: f f f f f f f f f fff f ffff t t Ton der heiligen Nacht: hmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm Die Hirten: He hollah, he hollah, he hollah. Nebelhörner. Okarina – – – – crecendo. (Steigen auf einen Berg) Peitschenknallen, Hufe. Der Wind: f f f f f f f f f f f ffffffffffffffffffffffffffffff t. II. Der Stall.
Esel: ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, Öchslein: muh muh muh muh muhm muh muh muh muh muh muh muh (Stampfen, Strohgeräusch, Kettenrasseln, Stoßen, Käuen) Schaf: bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, Josef und Maria (betend): ramba ramba ramba ramba ramba – m-bara, m-bara, m-bara, -bara- ramba bamba, bamba, rambababababa III. Die Erscheinung des Engels und des Sterns.
Der Stern: Zcke, zcke, zcke, zzccke, zzzzzcke, zzzzzzzzcccccccke zcke psch, zcke ptsch, zcke ptsch, zcke ptsch. Der Engel: (Propellergeräusch, leise anschwellend, tremolierend, bis zu erheblicher Stärke, energisch, dämonisch) Ankunft: (Zischen, Zerplatzen, Bündel von Licht in Geräuschen) Lichtapparat: flutet weiß weiß weiß weiß weiß. Fallen aller Mitwirkenden: erst auf die Ellbogen, dann auf die Fäuste. So, daß zwei Geräusche entstehen, die zusammenhängen. Plötzliche Stille: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
IV. Die Verkündigung.
Geräusch der Litanei: do da do da do da do da dorum darum dorum do da do, dorum darum, dorum, darum, do da do, do, doooo. Tutti: Muhen, Iaen, Ketten, Schalmeien, Gebet, Stern, Schaf, Wind. Stilisiertes Lachen: H a ha. haha. haha. haha. haha. haha. haha. haha. Steigerung bis zu höchstem Lärm. Tanz nach gepfiffener Melodie Der Engel: Dorim darum dorum darum, dorum darum, dododododododododooooo (das Ende des »doooooooo« sehr schmerzlich und bedauernd) V. Die heiligen drei Könige
Der Stern: Zcke zcke ptsch, zcke zcke zcke zcke zcke ptsch! zcke zcke ptsch! ptschptschptschptsch. zcke zcke ptsch ptch ptsch. Die Karawane der drei Könige: Puhrrrrr puhrrrr (Schnauben der Pferde, Trampeln der Kamele). Die drei Könige: rabata, rabata, bim bam, rabta rabata, bim bam ba, rabata rabata rabta, rabata bim bam. bim bam. bim bam. Glöckchen der Elefanten: Bim bim bim bim bim bim bim bim bim Flöten Trompete: Tataaaaaaaaaaaa! tataaaaaaaaaaaaaaa! Schnauben der Pferde: Puhrrrrr, puhrrrrrrrr, puhrrrrrrr. Wiehern der Pferde: Wihihihihih, Wihihihihlhi, Wihihihlhih. Kacken der Kamele: Klatschen der Hände mit sehr hohler Fläche. Der Stern: Zcke zcke zcke ptsch! VI. Ankunft am Stalle.
Eine Kerze leuchtet auf. (Der Saal war vorher verdunkelt. Man sieht jetzt die Orchestermitglieder. Sie haben schwarze Tücher umgeschlungen, so daß ihre Gestalt verschwindet. Sie sitzen außerdem mit dem Rücken gegen das Publikum) Josef: Bonsoir, messieurs. Bonsoir, messieurs. Bonsoir messieurs. Esel und Öchslein: Ia ia ia ia ia ia a ia, muh muh muh muh muh muh Geräusche von Kupfergeräten, Klappern von Kannen, Stoff-, Taft-Geräusche, Gläsertöne, Schöpfen, Rieseln, Schlüsselgeräusche Josef: Parlez-vous français, messieurs? Parlez-vous français, messieurs? Die heiligen drei Könige: Ah, eh, ih, ohm, uh, ah, eh, ih, oh, uh! aih, auhh, euhhh, eh ih, oh uhhhh! Ahhhhhhhhhhhhhhhh! Maria (pfeifend): Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Josef: kt, kt kt potz! kt kt kt kt Potz! kt kt kt kt potz! Jesus: schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend. VII. Die Prophezeiung.
Und da er ward gekreuzigt Da floß viel warmes Blut. Krippenspiel
I. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei ihren Hürden. Die hüteten des nachts ihre Herde. (Wind und Nacht. Ton der Nacht. Signale der Hirten. (Tzara: kleine Laute. Peitschenknallen)
II. Maria aber und Josef lagen im Stalle zu Bethlehem auf den Knieen und beteten zum Herrn. (Während Ball und Janco beten, diesen Text wiederholen. (Schalk muh, Schlüssel. Arp: bäh, Strohgeräusch.)
III. Am Himmel aber leuchtete der hellste Stern über dem Stalle von Bethlehem. Und siehe der Engel des Herrn machte sich auf und erschien den Hirten. Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und sie fürchteten sich sehr. (Stern, Brausen des Engels, ganz stark, dann Cymbel. Lichtapparat und Fallen. (Janco.) Pause.
IV. Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, denn siehe: ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Do da do des Erzengels, dann Freude tutti. Steigerung. Crescendo. Dann: do da do doooooo des Engels)
V. Und die Weisen aus dem Morgenlande machten sich auf mit ihrer Karawane, mit Kamelen, Pferden und Elefanten, die reich mit Schätzen beladen waren, und der Stern führte sie. (Stern, Wiehern und Schnauben der Pferde, Gang der Elefanten, Sprechen der Könige, Trompete. (Tzara; Arp), Glöckchen. Der Stern. Alles schwellend und abschwellend)
VI. Und sie fanden den Stall und Josef begrüßte sie. (Bon soir, messieurs) Rabata rabata. Muh. Bäh.) Aber Josef verstand ihre Sprache nicht. (rabata, rabata.) Tzara: o mon dieu, o mon dieu (Schlaflied Emmy, Ah eh Tzara ih oh der Könige. Dann ah eh ih verstummend. Nur noch Gesang der Maria, Laute. Schmatzen des Säuglings und Beten: ramba rambaramba.) Pause.
VII. Maria aber bewegte all diese Worte in ihrem Herzen. Und sie sah einen Berg und drei Kreuze aufgerichtet. Und sah ihren Sohn verspottet und mit einer Dornenkrone gekrönt. Und sie kreuzigten ihn. Aber sie wusste, daß er am dritten Tage wieder auferstehen werde, verklärt. (Johlen der Menge). Rabata rabata (Janco), Tzara: Pfeifen. Ball: He hollah! Nageln. Schalk: Klappern. Arp: bäh bäh. Rabata Rabata, sallada. (Crescendo) Nageln und Schreien. Dann Donner. Dann Glocken.
Geschrieben von Hugo Ball (1886 - 1927) und uraufgeführt von ihm und mit den oben genannten Akteuren am 31. 5. (!) 1916.
Ein denkwürdiger Tag vor mehr als 105 Jahren: Am 5. Februar 1916 war die erste Vorstellung des von Emmy Hennings und Hugo Ball in Zürich in der Spiegelgasse 1, unweit von Lenins Exilwohnung, gegründeten Cabaret Voltaire. Zuerst führte er mit ihr – fast allabendlich – simple, aber auch exzentrische Programme auf. Das war die Geburt von Dada. Sie sang Chansons und er begleitete sie auf dem Klavier. Emmy Hennings rezitierte zudem Gedichte – unter anderem eigene und solche von Hugo Ball. Nach ein paar Wochen lernte Ball den rumänischen Dichter Tristan Tzara kennen, der ebenfalls in Zürich lebte. Die beiden sympathisierten miteinander, da beide einen ungewöhnlichen Sinn für Geist und Anti-Geist besaßen. Er war also wie geschaffen für das Cabaret Voltaire. Als Tzara dann auch seine Gedichte rezitierte, unterbrach er sie oft selbst durch Schreien oder Schluchzen. Die Vorträge im Cabaret Voltaire wurden jetzt zunehmend durch Trommeln, Schlagen und Verwendung zweckentfremdeter Gegenstände, wie zum Beispiel leerer Kisten, ergänzt. Das Publikum reagierte zunächst sehr verwundert, ja eingeschüchtert.
1914 meldete sich Hugo Ball noch freiwillig zum Kriegsdienst, wurde aber für untauglich erklärt. Bei dem Besuch eines Freundes in Frankreich bekam er jedoch einen realistischen Eindruck von der Kriegsfront. Auch dass sich sein Busenfreund Hans Leybold im September 1914 nach einer schweren Verwundung vor der Rückkehr an die Front das Leben nahm, trug wohl zu seiner Kehrtwendung bei. Im Mai 1915 konnte ihn seine Freundin Emmy Hennings zur Emigration in die Schweiz überreden.
Die Schweiz war damals ein Sammelbecken für Kriegsflüchtlinge aus aller Herren Länder. Es gab zwei Brennpunkte der Emigranten: Zürich, wo René Schickele und andere pazifistische Autoren die „Weißen Blätter“ heraus brachten, und wo die noch radikaleren ihr Anti-Kunst-Programm im Angesicht des Krieges im Cabaret Voltaire auf die Bühne brachten; und in Ascona, rund um den Monte Verità, wo Karl, Jenny und Gusto Gräser die Kriegsdienstverweigerer versteckten und versorgten, die ihnen über die von dem Anarchisten Erich Mühsam gegründete Gruppe „Tat“ in München zugeführt wurden.
Über die Entstehung des Ausdrucks Dada gibt es verschiedene Mythen. Zu guter Letzt schloss sich Marcel Janco der Gruppe an. Er war jüdischer Rumäne wie Tristan Tzara. Beide bejahten in ihren Redeströmen des Öfteren mit „da, da“, was übersetzt eben „ja, ja“ heißt. Das kann ebenfalls der ausschlaggebende Punkt für Hugo Ball gewesen sein, diese Kunst „Dada“ zu nennen. Tzara, Huelsenbeck und Janco trugen im März 1916 das erste Simultangedicht vor. Es gibt unter anderem auch Hinweise darauf, dass Emmy Hennings den Begriff einführte. Wie dem auch sei, als Dada zu Dadaismus und damit zu einer ernstzunehmenden Kunstgattung mutiert war, hatten sich Emmy und Hugo längst anderen Gefilden zugewandt.
„Die wilden Monate zwischen Februar und Juni 1916 im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse Nr. 1, die rauschhaften Soiréen in der Galerie Dada an der noblen Bahnhofstraße in Zürich und die vielbeschriebene Geburt Dadas als Höhepunkt und Synthese sämtlicher avantgardistischer Bestrebungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Emmy Hennings war dies zeitlebens nur ein Lächeln wert.
Vor Dada hatte sie ganz anderes erlebt, war jahrelang durch deutsche Städte vagabundiert, hatte Sexarbeit und Gefängnis, Hunger und Drogensucht kennen gelernt und auf zahllosen kleinen und kleinsten Bühnen, auf denen sich Kunst und Leben bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verquickten, getanzt und gesungen. Für die meisten ihrer männlichen Kollegen wurde Dada nolens volens zum zentralen Ereignis ihres Lebens. Für Hennings war es allenfalls eine flüchtige Episode, eine Art Kinderspiel“
„Weder Arp noch ich noch gar Tzara gründeten das Cabaret Voltaire, sondern Ball mit seiner Frau Emmy Hennings. Es ist wichtig dies festzustellen, da die Nachlässigkeit und Bosheit der Publizisten die Tatsache der Gründung des Cabaret Voltaire wieder und wieder verzerrt haben . . . Emmy Hennings´ Einfluss war still, aber trotz seiner Unbemerktheit außerordentlich stark.“
Richard Huelsenbeck, aus: „Autobiographie“ (um 1953), Typoskript im Nachlass
„Das Wort Dada wurde aber im Februar 1916 wie Jesus Christus in einem Pferdestall geboren. In diesem Pferdestall . . . bewohnte mein Freund Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings den oberen Teil . . . In diesem Mittelaltermilieu, gestört von dem eifrigen, aber sinnlosen Gehämmer eines Böttchers und von den Schlägen einer gewaltigen Kirchenglocke hauste mein Freund Hugo Ball mit Emmy Hennings unentwegt der Ewigkeit entgegen.“
Richard Huelsenbeck, aus: Dada siegt! (1920)
„Dada - das Wort stammt von mir und ich habs in einer Spielerei oft Hugo gesagt, wenn ich spazieren gehen wollte. Alle Kinder sagen zuerst >Dada<“
Emmy Hennings aus: Rebellen und Bekenner (1929)
„Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon. Es war nichts Rares und nichts Bares, weder Fisch, noch Fleisch und die Dadaisten haben ja selbst zuerst nicht gewusst, was es ist. Das ist ein Kompliment. Hätte man nur nicht zu früh mit der Interpretierung begonnen. . .“
Emmy Hennings aus: Rebellen und Bekenner (1929)
Das Bild zeigt das von Marcel Slodki entworfene Plakat zur Eröffnung des Cabaret Voltaire am 5. Februar 1916.
Marcel Słodki, geboren am 11. November 1892 in Łódź, war Maler, Grafiker und Bühnenbildner, er wurde nach dem 17. Dezember 1943 im KZ Auschwitz ermordet.
Die Reise nach des Tenderenda nach Ninidanda -Eine Collage
Frühjahr 1967, die Beatles sind
dabei, ihr Album Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band aufzunehmen. Für den
Song Being fort he benefit of Mr Kite schwebte John Lennon eine echte Kirmesstimmung
vor. Im Archiv der Abbey Road Studios fanden sich Tonbänder mit Ausschnitten
von Märschen, gespielt von Dampf- und Jahrmarktsorgeln. Kopien dieser Bänder wurden von
Toningenieur Geoff Emerick in
kleine Schnipsel zerschnitten
und willkürlich wieder zusammengeklebt. Heraus kam dabei eine chaotische Klangcollage, die Lennon gefiel. Teile dieses Bandes wurden unter
das Ende des Liedes gemischt und lassen es ausklingen. Es gibt eine Lesart
dieses Vorganges, die besagt, dass Emerick die Schnipsel in die Luft warf und dann
wieder zusammen fügte. Das wäre dann dem Vorgehen der ersten Dadaisten
geschuldet, die ähnliches mit Zeitungsschnipseln taten.
Tenderenda, der Phantast ist das
alter ego des Schriftstellers und Dichters Hugo Ball. Zusammen mit seiner
späteren Frau Emmy Hennings hob er Februar 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire
aus der Taufe, das war die Gründung von Dada. So ist diese „Reise nach
Ninidanda des Tenderenda-Eine Collage“ auch eine Hommage an Hugo
Tenderenda Ball selbst.
Verwendet wurden in dieser Collage
Schnipsel von: Augusto Giacometti, Sarah
Stilwell Weber, Léon Spilliaert, Hugo Ball, Luisa Francia, Neu!, Karlheinz
Martin, Stefania Buzatu, Dave McKean, Aldous Huxley (Klaus Buhlert), Albert
Einstein with Elsa (driving a flying car), Monty Python, Arthur Browns Kingdome
Come, Len Lye, Eroc, Synapson & Bonga, Alan Ginsberg, Johann Wolfgang von
Goethe, Väter der Klamotte, Sebastian Droste, Władysław Starewicz,Tangerine Dream, Gusto Gräser, White Noise ( feat. Delia Derbyshire), Oskar
Maria Graf, Peter Thomas Sound Orchester, Ash Ra Tempel with Timothy Leary, Sally
Rand, Charly Chaplin, Mythos, The Beatles, Richard Wilhelm (Übersetzer), Ken Kesey,
Gary Snyder, Hans Leybold, Der Club der toten Dichter, Hector Hoppin and Anthony Gross, Moondog und anderen
(falls ich jemanden vergessen haben sollte).
Einige Anregungen habe
ich Joachim Deicke zu verdanken und seiner Pops tönender Wunderwelt.
Dingefinders
LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur.
Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle
Zwecke, weder der Blog (Die Anderen Seiten) noch der YouTube-Kanal sind
monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.
Zum Geleit
Wo wäre denn
Ninidanda? Ach, immer werden die richtigen Fragen nicht gestellt. Das ist seit
altersher bekannt. Vielleicht wäre es sinnvoller, erst einmal zu klären, was
Ninidanda eigentlich sei. „Seien wir
neu und erfinderisch von Grund aus. Dichten wir das Leben täglich um.“, schrieb Hugo Ball in seinen Aufzeichnungen
„Flucht aus der Zeit“. Das ist ungefähr hundert Jahre her. Es ist an der Zeit,
nicht mehr zu flüchten. Es ist an der Zeit einen Ort in der Zeit zu finden. „Zeit ist eine Illusion, doch je mehr du
davon hast, um so realer wird sie“
(Luisa Francia)
Hinter uns liegen ein paar
Milliarden Jahre Entwicklung und ein bisschen Ewigkeit. Das ist viel. In der Fülle
immer hungrig. Das ist schade. Ein Ort in der Zeit. Ich beginne die Reise.
Jederzeit.
"Unsterblichkeit
ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters) Doch vielleicht ist die
Collage die Kunstform der allgegenwärtigen Ewigkeit.
Tenderenda
Ein astrales Märchen. Eine Art
himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der
erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt
ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus
liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum
einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adam und Evas essen.
Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des
Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die
Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt
alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn
aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten
waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den
Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der
Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des
Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.
Du kleiner Schelm du!
Daß ich mir bewußt sei,
Darauf kommt es überall an.
Und so erfreu ich mich
Auch deiner Gegenwart.
Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt,
Ich lieg dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!
GoetheAus: Gedichte,
West-östlicher Divan, das Schenkenbuch und Sehnsucht, letzter Vers und. . .
Man schreibt Sommer 1914. Eine phantastische
Dichtergemeinde wittert Unrat und faßt den Entschluß, ihr symbolisches
Steckenpferd Johann rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Wie Johann sich erst
sträubt und dann einwilligt. Irrfahrten und Hindernisse unter Führung eines
gewissen Benjamin. In fernen Ländern begegnet man dem Häuptling Feuerschein,
der sich als Polizeispitzel entpuppt. Daran geknüpft historiologische Bemerkung
über die Niederkunft einer Polizeihündin in Berlin.
. . .die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine
Ewigkeit jenseits der Zeit
zu wählen. . .
Aus: Allen Ginsberg-Howl
Träumte durchs Leben zurück,
durch deine Zeit – und meine, die auf den Weltenbrand, immer schneller,
dahinjagt,
den allerletzten Moment – die Blume brennt im Tag – und was danach kommt. . ..
Allen Ginsberg Kaddish
Ich selbst, jedenfalls,
vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um
alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten
vergangen . . .
Allen Ginsberg, Kaddisch
Ich selbst, jedenfalls,
vielleicht so alt wie das Weltall – und das stirbt wohl mit uns – genug, um
alles Kommende auszulöschen – Was immer auch kam, ist immer auf ewige Zeiten
vergangen . . .
Allen Ginsberg, Kaddisch
„Als Knabe bin ich einmal in einen
tiefen Brunnen gefallen, aus dem ich viele Jahrzehnte lang nicht mehr heraus
konnte. Da war ein Unsterblicher, der führte mich zu diesem Kraut. Man muss
aber durch rotes Wasser, das ist so schwach, dass keine Feder darauf schwimmen
kann. Alles, was darauf kommt, sinkt in die Tiefe. Der Mann zog einen Schuh aus
und gab ihn mir. Auf dem Schuh fuhr ich über das Wasser, pflückte das Kraut und
aß es. Die Leute an jenem Ort weben Matten aus Perlen und Edelsteinen. Sie
führten mich in einen Raum, davor war ein Vorhang aus einer bunten, dünnen
Haut. Sie gaben mir ein Kissen aus schwarzem Nephrit geschnitzt, darauf war Sonne
und Mond, Wolken und Donner eingeschnitten. Sie deckten mich zu mit einer
feinen Decke, die war aus den Haaren von hundert Mücken gesponnen. Diese Decke
ist ganz kühl und im Sommer sehr erfrischend. Ich befühlte sie mit der Hand, da
schien sie mir aus Wasser zu sein; als ich näher zusah, da war es lauter
Licht.“
Aus Morgenhimmel, ein Chinesisches Märchen. „Chinesische Volksmärchen - gesammelt und aus
dem Chinesischen übertragen von Richard Wilhelm“, Leipzig 1914.
Was nun Dichter angeht,
die Erd-Dichter, die kleine Gedichte schreiben, brauchen Hilfe von niemand.
Gary Snyder
Die Transsubstanziation
der Oblate und des Weins in Leib und Blut des Heilands . . gibt das Theorem des
lyrischen Gedichts. Notwendig erscheint der Glaube an die Möglichkeit: Visionäres
zu fixieren.
Es soll
nicht gesagt werden, daß grundlegende Faktoren allein, zwingend Lyrisches
bedingen. Komparserie und Weihrauch . . sind erforderlich.
Bleibt zu
notieren: daß das Originäre nicht absolut primär zu sein hat (Zeugung und Geburt!):
wie das Erlebnis das Wort herbeiziehen kann (herbeizieht): so kann das Wort zum
Erlebnis führen.
Hans Leybold
„Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben? Die Antwort: Damit du hier bist."
1915, kurz nach ihrer Entlassung aus einem Gefängnis in München, wo sie wegen Beihilfe zur Fahnenflucht für mehrere Monate inhaftiert war, reiste Emmy Hennings zunächst nach Berlin, bevor sie zusammen mit Hugo Ball in die Schweiz emigrierte. Noch zu Beginn des ersten Weltkrieges meldete sich Hugo Ball als Freiwilliger zum Kriegsdienst, doch wurde er für untauglich erklärt. Mit der Absicht einen verwundeten Freund in Lunéville zu besuchen, bekam er dennoch einen Eindruck von der Kriegsfront. Dadurch, und auch, dass sich sein engster Freund als Mensch und Künstler, Hans Leybold, der zu Beginn des Krieges im Sommer 1914 eingezogen und schon bald vor Namur (Belgien) schwer verwundet wurde sich drei Tage nach seiner Rückkehr zum Regiment Anfang September erschoss, wandelte sich Hugo Ball in einen überzeugten Pazifisten und studierte anarchistische Literatur. Im Februar 1916 gründeten Emmy Hennings und Hugo Ball das Cabaret Voltaire in Zürich, zunächst in der Spiegelgasse.
Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.
Musik Intro: Dingefinder
Jörg Krüger, Sampling; The Growing Concern
- Edge of Time, Intro (Album von 1968)
Claude Debussy – Elegie. Debussy schrieb seine Elegie im
Dezember 1915, als er noch tief erschüttert von den verheerenden Ereignissen
des Ersten Weltkriegs war. Kurz zuvor hatte er sich einer Krebsoperation
unterzogen, von der er sich nie ganz erholte. Die Elegie war das einzige
Klavierstück, das er in diesem Jahr schrieb.
Alle weitere nicht besonders vermerkte Musik
ist in Fredelsloher Sessions entstanden, in der Klosterkirche Fredelsloh und in
der Alten Schule Fredelsloh. An den Sessions beteiligt waren Erd Ling Judith
(Gesang, Perkussion), Susanne Bartens (Gitarre), Verlah Wo (Klavier), Klaus der
Geiger (Geige), Frederike Herrlich (Gesang) und Dingefinder Jörg Krüger
(Querflöte, Stimme, Ventilposaune).
Anmerkungen zu „Dadanyx“: „Betrunken taumeln …“, zitiert aus:
Betrunken taumeln alle Litfassäulen. Dir gelten meine glühendsten Extasen! Wie wir einst fromm die Frau vom Meere lasen Und alle Regenwinde Deinen Namen heulen! Vielleicht seh ich Dich einmal in den Parkanlagen. Mein Kopf liegt schüchtern still in Deinen Händen Und über die tiefen Wasser senden Meine sterbenden Augen Grüsse - -
Emmy Hennings, eine Veröffentlichung wurde bislang nur einmal nachgewiesen: In der Zürcher Literaturzeitschrift Die Ähre. Entstanden 1916 in Zürich.
„O, das Klavier tut, was es kann“ und „In der Gasse wimmelt es von Gespenstern“, zitiert aus:
Die kleine Gasse am Abend
Bunte Mädchen lugen aus schmalen Fenstern. Der Mond wirft geisterhaftes Licht; Aus blauem Schatten ragt grelles Gesicht; In der Gasse wimmelt es von Gespenstern.
Ein Droschkenkutscher hält sein Pferd umschlungen, Und himmelhohe Liebe rauscht im Blut Und die Rosen verkauft die kleine Rut – Zu Mantua in Banden wird gesungen …
O, das Klavier tut, was es kann. Gewiß, man spielt nicht schön, doch laut. Ein Schlafbursche umarmt eine fremde Braut, Schwört ewige Treue so dann und wann.
Emmy Hennings
Gedicht „Gesang zur Dämmerung“ für Hugo Ball von Emmy Hennings, erschienen 1916 im Kunst- und Literatursammelband „Cabaret Voltaire“
Musik: Arnold Schoenberg, aus: 6 kleine Klavierstücke Op 19, komponiert 1911; Danilo Perusina, piano.
"Der erste Dada-Abend, wo ich mitmachte, war am 23. März 1917. Das war in der Bahnhofstraße 19 in der Galerie Dada. Ich hatte auf dem Klavier zu spielen, ganz moderne Musik. Ich kannte schon von früher aus Deutschland die Musik von Arnold Schönberg . . . Ich war von dieser neuen dissonanten Musik so begeistert, dass ich das bei den Dadaisten propagiert habe. Ich spielte diese sechs kleinen Stücke von Schönberg. Eines gefiel mir besonders: Wie ein Geist, der seufzt, weit weg über der Erde oder schon im Himmel ist. Auch einige andere Stücke habe ich gespielt, die ich rhythmisch toll fand. . . . Dem damaligen Publikum war diese Musik völlig unbekannt . . ."
Suzanne Perrottet, aus: Ein bewegtes Leben (1989)
Betrunken taumeln … Siehe oben
Ihre eigene Dichtung hat Hennings zeitlebens mehr als freien Gesang und gläubiges Spiel und weniger als ein »Werk« verstanden. Als sich Carl Schmitt, zeitlebens ein grosser Bewunderer, 1924 nach neuen Gedichten erkundigt, antwortet sie ihm:
»Neue Gedichte sind nicht von mir erschienen. [...] Es heisst: das Leben fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Warum sollte es mit den kleinen Reimen nicht ebenso gehen? Doch wenn Sie Lust haben, im Fluge einiges aufzufangen, sende ich Ihnen gerne eins. Wenn es verweht, macht es nichts. Wichtig bleibt nur die Lust zum Singen, mein ich, und es gefällt mir noch immer, scheint mir.« (Hennings: Brief an Carl Schmitt, [Herbst 1924])
Emmy Hennings (Ascona 1917), aus Helle Nacht, E. Reiß, 1922 (Titel „Gesichte 11“)
»Wir gehen im Rosengarten, da sind Lilien und Blumen genug; wir wollen unserer Schwester einen Kranz machen, so wird sie sich vor uns freuen.«
(Jakob Böhme, » De triplici vita hominis«.)
Emmy Hennings, Auszug aus „Rosen“ (Ascona 1917, nicht veröffentlicht, zitiert aus „Emmy Hennings Dada;“ von Christa Baumberge und Nicola Bahrmann, Zürich 2015)
Emmy Hennings (Ascona 1917, nicht veröffentlicht, siehe oben)
Mechthild von Magdeburg, aus: Das fliessende Licht der Gottheit, Ausgewählt und übertragen von Sigmund Simon, Berlin 1907, Oesterheld & Co Verlag
Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester Mechtild von Magdeburg (1212–1294) schrieb ihr Buch vom fließenden Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip. „Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so stark, noch also vollkommen als die Minne.“ Mechtild von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesu ist ihr zärtliches Gespiel und sie ist seine Tänzerin. Meister Eckhard (1260–1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war ein Schweben und Ja sagen, das seine ein tief in sich Beruhn und ein Entsagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war ihm eine Station zum Paradies. Er brach die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut fließe. Seine Gedanken scheinen oft verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen übers Haupt gezogen und sind ganz unerkennbar. Sein Buch der göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben leiden.
Klabund, das ist Alfred Henschke (1890 - 1928), aus: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart 1920 Dürr & Weber m. b. H. · Leipzig-Gaschwitz
Emmy Hennings, aus: Helle Nacht, Reiß, Berlin 1922
Im Video wurden Bilder verwendet von: Augusto Giacometti, Sarah Stilwell Weber (1878-1939), Marianne von Werefkin, Marcel Janco, Charles Rollo Peters, Jezef Pankiewicz, Henry Ossawa Tanner, Reinhold Rudolf Junghanns, Alice Pike Barney, Harold Burkedin, Francois Louis Schmied, Wassily Kandinsky, Albrecht de Vriendt, Lionel Feininger, Marcel Slodky, Edvard Munch, Julie Wolfthorn, August Macke, Ida Maly, Heinrich Campendonk, Gustav Klimt, Cornelia Paczka-Wagner, Franz Marc, Wilhelm Morgner, Kuzma Petrov-Vodkin, Arthur Segal, Albert Müller, Ferdinand Hodler, Else Berg, Arthur Segal, Anton Faistauer, Léon Spilliaert, Alphonse Palumbo, das letzte Bild im Video ist eine Blumencollage von Emmy Hennings.
Dingefinders LYRA: LYRA ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Dingeinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.