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Donnerstag, 11. Januar 2024

Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache - Zum Andenken an Kurt Schwitters

 



"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)


"Wenn mir einer sagte,
Ein Freund hätte gesagt,
Dass ein anderer Freund gesagt hätte,
Ich hätte zu einem dritten Freunde gesagt,
Dass ein vierter Freund gesagt hätte,
Ein fünfter Freund hätte gesagt,
Dass ein sechster Freund gesagt hätte,
Ich sollte gesagt haben,
Was ich nicht gesagt habe,
So sage er hier getrost an alle Freunde,
Ich hätte gesagt,
Ich hätte nichts gesagt."

"Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."


Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England, Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.

Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen, wo er schon in den Jahren zuvor die Sommermonate verbracht hatte. In Norwegen entstanden zwei weitere Merzbauten, in Lysaker (zerstört 1951) und auf der Insel Hjertøya (bei Molde); wohlgemerkt bezeichnete er nur den ersten als Merzbau.[ Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh er 1940 nach England.

Das Bild oben trägt den Titel Roter Bonbon und ist von 1920





An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!

Wer bist Du , ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
auf den Händen wanderst Du.

Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

                Preisfrage:

                1.) Anna Blume hat ein Vogel,
                2.) Anna Blume ist rot.
                3.) Welche Farbe hat der Vogel.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die - - - Glutenkiste.

Anna Blume, Anna, A - - - - N - - - -N- - - - -A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten und von vorne:
A - - - - - - N - - - - - N - - - - - -A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich - - - - - - - liebe - - - - - - - Dir!

An Anna Blume ist ein Merz-Gedicht, das 1919 von Kurt Schwitters verfasst und sehr aktiv verbreitet wurde. Er schrieb mehrere Versionen. Eine davon verbreitete er 1920 als Werbung für seinen neuen Gedichtband an den Litfaßsäulen in Hannover, wo er lebte.



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