22. August
Die Sonne steht mittlerweile wieder so tief, dass sie im Fenster meiner Klause die facettierte kleine Kristallkugel durchscheint, welche dort hängt. Diese wiederum schickt so angestrahlt Regenbögen in mein Zimmer. Das geschieht eine gewisse Zeit im Frühjahr, und jetzt wieder, wo sich das Jahr dem Herbste zuneigt. Ich erfreue mich daran, besonders, wenn ich die Kugel leicht pendeln lasse, dann entwickelt sich ein Lichtdom aus Regenbogensplittern an Wänden und Decke.
Ich liebe Regenbögen, und ich kann es nicht verstehen, dass einige Menschen beim Anblick einer Regenbogenfahne steil gehen. Steht diese doch für nichts anderes als ein tolerantes Miteinander. Aber vielleicht ist so manch teutonisches Mannsbild davon abgestoßen, da es ihn dann an eigene verborgene Neigungen mahnt. So eine Spekulation meinerseits. In der Bibel ist der Regenbogen ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen. "Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er ist das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde", heißt es im ersten Buch Mose. Nachdem Noah mitsamt seiner Arche nach der Sintflut gelandet war.
„Die ersten Regenbogenfahnen tauchten bereits vor 500 Jahren auf. Im Bauernkrieg 1525 führte der Theologe Thomas Müntzer bewaffnete Bauern an. Als Zeichen ihres Bundes mit Gott und als Symbol ihres Aufstandes trugen sie eine weiße Fahne mit einem Regenbogen.
1913 hatte der US-amerikanische Geistliche James William van Kirk anlässlich des Weltfriedenskongresses eine "World Peace Flag" (Friedensflagge) kreiert mit Regenbogenstreifen, Sternen und einem Globus. Seit 1961 verwendet die Friedensbewegung die Farben des Regenbogens auf ihren Fahnen mit dem weißen Schriftzug "Pace" für Frieden. Dabei sind die sieben Farben von Violett (oben) nach Rot angeordnet, stehen also in Bezug auf den natürlichen Regenbogen kopfüber. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace schmückt die Bordwand ihres "Rainbow-Warrior" Schiffes mit einem Regenbogen.“ (Christine Süß-Demuth auf der Webseite evangelisch.de)
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Es beginnt die Zeit der großen Ernte, nicht umsonst wurde der Vollmond im August auch der Erntemond genannt. Dieser Zeigt sich am Freitag, dem 28. August in voller Schönheit, und es wird auch eine partielle Mondfinsternis angekündigt. Ich werde dieses Datum wählen, um ein weiteres I Ging zu ziehen.
Vorerst wird geerntet: Gestern waren Vogelbeeren dran, und Zitronenbohnenkraut, vom letzteren harren die von den Trieben abgestribbelten Blätter eingezuckert der heutigen Weiterverarbeitung. Wir hatten gestern auch noch Ingwer in feine Scheiben geschnitten und lagenweise eingezuckert, und die Vogelbeeren gekocht und abgeseiht. Heute sollen dir drei Komponenten zu einem Sirup zusammengeführt werden: Der sich über Nacht gebildete Sirup des eingezuckerten Ingwers wird abgegossen und die Ingwerscheiben kurz durchgekocht, dann abgesiebt, die eingezuckerten Blätter des Zitronenbohnenkrautes ebenso, und dieser Sud wird mit dem des Ingwers und dem der Vogelbeeren und dem Ingwersirup kurz aufgekocht, mit Zitronensaft und eventuell etwas Zitronenschale abgeschmeckt und heiß auf Flaschen gezogen.
Abgekühlt dient dieser Sud als Limonadengrundlage mit Bitternote von den Vogelbeeren, er lässt sich mit Mineralwasser aufgießen, selbstverständlich auch mit Prosecco. Die Vogelbeeren geben ihm auch eine hellorangene Farbe. Die Beeren sind wirklich für Vögel gedacht, sie hängen gut erreichbar an den Zweigenden, leuchtend gefärbt, denn viele Vögel sind Augentiere: „Aber nicht alle Vögel verlassen sich so stark auf ihren Geruchssinn. Viele kleinere Vogelarten, wie zum Beispiel Singvögel, nutzen hauptsächlich ihr Sehvermögen und ihren Hörsinn, um sich zu orientieren und Nahrung zu finden. Ihr Geruchssinn ist weniger ausgeprägt und spielt in ihrem Alltag eine untergeordnete Rolle.
Interessanterweise hat die Forschung gezeigt, dass der Geruchssinn bei Vögeln im Laufe der Evolution unterschiedlich entwickelt wurde. Während einige Arten ihn fast verloren haben, haben andere ihn verfeinert und angepasst, um in ihrer spezifischen Umgebung zu überleben. . .“ (Dirk Löhe, Webseite „Vögel im Garten“)
Die Vogelbeeren sind roh leicht giftig, geben meinem Limonadenansatz aber eine angenehme Bitternote, außerdem sind sie ein natürlicher Vitamin-C-Zusatz. Am Montag geht es mit den Kindern weiter mit Holunderbeeren, Zwetschgen und Pflaumen stehen an, und mit den Äpfeln geht es auch los. Außerdem lassen die regenreicheren letzten Tage allmählich auf Pilze hoffen. Die Natur schenkt reichlich.
Das Foto oben zeigt Peter Pateter und die Waldlilli inmitten der Vogelbeerernte. Die beiden sind eine Filzarbeit von Judith Zahn-Dahlen aus Fredelsloh, sie dienen als Maskottchen der Wilden Sollingküche, ein Projekt, an dem ich beteiligt bin. Das Foto hat Sonja Fiedler aus Fredelsloh aufgenommen.
23. August
Was ich schätze am I Ging ist, dass es kein lineares Buch ist. Keine Art Roman oder philosophische Abhandlung mit Anfang und Ende, ein Buch, dessen Texte ich mir so langsam „erziehen“ muss mit meinen Schafgarbenstengeln. Und dass mit jeder Ziehung auch noch Varianten zulässt a la „neun auf dem zweiten Platz“. Ich bin nicht der Versuchung erlegen, das Buch von Anfang bis Ende durch zu lesen. Ich werde es mir nach und nach erziehen.
„Sechs auf drittem Platz bedeutet: Hier ist die Kraftquelle nicht im eigenen Ich, sondern in der Beziehung zu andern Menschen. Wenn man auch noch so nahe mit ihnen steht, wenn unser Schwerpunkt auf ihnen beruht, so lässt sich nicht vermeiden, dass man umhergeworfen wird zwischen Freude und Leid. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, das ist das Schicksal derer, die abhängen von der inneren Übereinstimmung mit andern Menschen, die sie lieben. Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen, dass dem so ist. Ob dieser Zustand als lästig oder als höchstes Glück der Liebe empfunden wird, bleibt der subjektiven Beurteilung des Betroffenen überlassen.“, einfacher ausgedrückt: Wer liebt macht sich verletzlich.
Sich verletzlich zu machen bedeutet auch, verzeihen zu können. Auch, um die Liebe fortzuführen. Es bedeutet die Einsicht zu bekommen, dass kein Mensch unfehlbar ist. Einem Menschen, der mir nicht so nahe ist wie ein geliebter Mensch, dem kann ich unverzeihlicher begegnen. Und dabei und damit auf Abstand halten. Eine oft angemessene Reaktion.
Das Lot der Frage pendelt, ist Liebe zwangsläufig („Hier wird nur das Gesetz ausgesprochen“) mit Abhängigkeit verbunden? Anders: Gibt es einen Unterschied zwischen Bindung und Abhängigkeit? Muss Bindung immer mit Verstrickung einhergehen? Was tun wir in einer Beziehung, wenn unsere Prägungen aufeinanderprallen?
Wer hat ein Gesetz wie postuliert? Wo Gott nicht mehr regiert, herrschen die Naturgesetze. Als wäre „die Natur“ eine Person, die Gesetze erlässt. Ich denke, dass wir uns mit dem Begriff Natur“gesetze“ ganz auf die falsche Fährte begeben haben, die Natur zu verstehen. Und so ähnlich wie die Naturgesetze wird das oben ausgesprochene Gesetz postuliert. Und so wie dort „die Natur“ als der Gesetzgeber (ich wähle hier bewusst die männliche Form, auch wenn Natur eine „die“ ist) fungiert, ist es da auch irgendetwas.
Was ist, wenn wir uns aus den Verstrickungen der Worte befreien? Wenn das Fallen eines Apfels Ausdruck des Wesens der Schwerkraft ist. Ebenso wie das Inbahnhalten von Planeten. Schwere hat die Eigenschaft der Anziehung.
Wie ist das mit dem Lieben eines Menschen? Ich bin mir sicher, dass das auch ohne „himmmelhochjauchzend - zu Tode betrübt“ geht. Dass die innere Übereinstimmung mit einem Menschen etwas anderes ist als Abhängigkeit. Und dass sie funktionieren kann, wenn beider Kraftquelle in etwas Tieferem wurzelt. Daher darf ich mich der Verletzlichkeit preisgeben. "Dein Liebenkönnen ist das, was dem Ganzen einen Sinn gibt". Wir hängen alle von dem ab, was wir lieben, und was uns wiederliebt.
„Verstehen entsteht, wo wahres Hören und wahre Selbstbeobachtung in der Beziehung vorhanden sind. . . . Beobachte dich, wenn du in irgendeinem Ausmaß leidest. Beobachte deine Motive. Beobachte die Tätigkeit der Identifikation. Beobachte die Tätigkeit der Differenzierung. Beobachte die Tätigkeit des Verlangens. Beobachte die sich immer wiederholenden Grundmuster deiner Existenz. . . .Wenn du erkennst, dass du in jedem Augenblick, ob du dich in deiner besten Verfassung oder im denkbar übelsten Zustand befindest, stets nur die Beziehung vermeidest, dann verstehst du.“ (Aus: „Das Knie des Lauschens: Die Meditation des Verstehens“ von Adi Da Samraj)
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