11. August
Ein Einschub: Für morgen ist eine Sonnenfinsternis angesagt, die auch bei uns zu sehen sein wird. Zwar nur partiell, doch immerhin werden zwischen 84 und 93 % der Sonne verdeckt, und das wird abends gegen 20 Uhr zu sehen sein. 1986 durfte ich dieses Himmelsschauspiel schon einmal erleben, und zwar sehr intensiv. In den Tagen kam in unserer Landkommune die Nachricht an, dass einem unserer Mitbewohnern, der erst vor gar nicht langer Zeit mit seinem Bauwagen, in dem er mit seinen beiden Kindern wohnte, ins Wendland weiter gezogen war, der Bauwagen abgebrannt und dabei seine kleine Tochter umkam, die wir alle sehr liebten. Sie war erst drei Jahre alt. An den Tagen zog eine Mitbewohnerin das I Ging und es kam „Die Verfinsternug des Lichts - Ming I“ dabei heraus.
Am Tag der Sonnenfinsternis, es war im April, zog es mich hinaus in die Wiesen, und ich ging und ging, ohne Ziel durch das Grün, weiter und weiter. Bis ich mich niederkniete und einen langezogenen Gesang erklingen ließ, der etwas von Wolfsgesang inne hatte. In diesem Augenblick schob sich der Mond vor die Sonnenscheibe. Ich heulte meine Trauere um das gestorbene Kind in die Verfinsterung des Lichtes, und das geschah nicht geplant und willentlich als ein wie auch immer geartetes Ritual, sondern es geschah einfach.
Oben Kun, das Empfangende, die Erde
Unten Li, das Haftende, das Feuer
Die Sonne ist hier unter die Erde gesunken, daher verdunkelt. Der Name des Zeichens bedeutet eigentlich Verwundung des Hellen, daher die einzelnen Linien auch vielfach von Verwundungen reden. Die Situation ist genau die entgegengesetzte wie beim vorigen Zeichen. Dort ein weiser Mann an der Spitze, der tüchtige Gehilfen hat, mit denen er gemeinsam voranschreitet. Hier ein finsterer Mann an maßgebender Stelle, durch den der Tüchtige und Weise geschädigt wird.
DAS URTEIL
Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.
Man darf sich auch von ungünstigen Verhältnissen nicht wehrlos mitreißen, nicht in seiner inneren Willenshaltung beugen lassen. Dies ist möglich, wenn man innerlich licht ist und nach außen hin nachgiebig und fügsam. Durch diese Haltung lässt sich auch die größte Not überwinden. Man muss freilich unter Umständen sein Licht verbergen, um trotz Schwierigkeiten in der unmittelbaren Umgebung seinen Willen durchhalten zu können. Die Beharrlichkeit muss im innersten Bewusstsein leben und darf nach außen nicht hervortreten. Nur so kann man unter Schwierigkeiten seinen Willen wahren.
(Aus dem I Ging, übersetzt von Richard Wilhelm)
Hier ist erwähnt, was in meinen Augen gerade vonnöten wäre. Die Verhältnisse sind ungünstig, und die Verwirrung ist angerichtet. Kaum noch zu unterscheiden, welche Nachricht, die mich erreicht, von wo und in welchem Interesse manipuliert ist. Doch es gibt eine innere Richtschnur, die das Deuten hilft zu bestimmen, und die das Handeln möglich macht. Ich nenne sie „Meine Utopie“. Ich gehe von meiner Utopie aus, und versuche dieser im alltäglichen Handeln nach außen so nahe wie möglich zu kommen. Und in mir auszuloten, dass ich sie so gut wie möglich beschreiben kann. Dazu braucht es Zeit, denn Abwägen der Worte und Gedanken ist kein schnelles Fließen, sondern ein flirrendes Mäandern.
Dazu erst einmal so viel: „Nun, meine Utopie ist von meinem Leben geprägt, oder anders herum, meine Utopie hat mein Leben geprägt. Ich wollte dies: Ein Leben in den Gärten in Gemeinschaft. Dahinter der Gedanke, dass, wenn alle Menschen einen Teil ihrer Zeit in den Gärten verbringen würden, mit der würdevollen Handarbeit der Lebensmittelerzeugung, dann gäbe es mit der Verteilung kein Problem.“
Und: „Nun hege ich noch eine andere Utopie, eine die in einem gewissen Sinne unutopisch ist, da sie in historischer Zeit stattgefunden hat, und damit belegt worden ist: Die Konsensdemokratie. Einige Völker der nordamerikanischen Natives lebten diese, zum Beispiel der Irokesenverbund. Nun hat diese Art der Demokratie einen Haken: Sie verschlingt viel Zeit, da Entscheidungen immer wieder durch die Gremien gehen müssen, bis eine Einigkeit hergestellt ist. Und: Sie bedingt eine Erziehung zum Mitreden schon von Anfang an.
Mit anderen Worten, meine Utopien lassen sich nicht einfach über die heutige Situation überstülpen, und, sie sind von sehr vielen Menschen nicht gewünscht. Da eine Konsensdemokratie ja keine Konsensdemokratie mehr ist, wenn sie befohlen wird, ob von einem Diktator oder einer Mehrheit, ist da egal, wird das wohl Utopie bleiben. Ich selber bin zu begrenzt, um zu wissen, was allen Menschen gut tut. Das müssen wir Menschen gemeinsam herausfinden. Doch ich möchte nicht einfach hinnehmen, dass wir in einer Welt leben, in der jeden Tag, jede Stunde Menschen verhungern. In der es überbordenden Reichtum weniger gibt, und grotesker Armut von so vielen. Erst wenn hier der Ausgleich gelungen ist, mag ich von einer einigermaßen gerechten Welt für uns Menschen sprechen. Die Grundbedürfnisse sollten im Fokus des Gemeinwesens stehen, nicht künstlich erzeugte Konsumwünsche.
Dann noch mein dritter utopischer Gedanke: Neben der Handarbeit in dem so wichtigen Teil des Lebens, der Ernährung, und der zeitfressenden Konsensfindung bei allen Entscheidungen, welche die Gemeinschaft betreffen, ist da noch der Wunsch nach unendlichem Wachstum in mir. Nein, kein solches Wachstum in der Materie, exponentielles Wachstum, da wäre dann die Wasserstoffbombe, die zeigt, was dann geschieht. Ein Wachstum in die Qualität. In die Qualität der Gespräche, des Erzählten, des Gedachten. In die Qualität des handwerklich Erarbeiteten. Und ein unendliches Wachstum in die Phantasie, da kein Mensch mehr unerhört bleibt.“
Das also wären die drei Fundamente meines Utopias: Handarbeit, Konsensfindung und unendliches Wachstum in die Qualität. Ich könnte dazu mehr ausführen, doch ist mir gar nicht danach. Mich selber haben diese drei Fundamente zu dem Leben geführt, welches das meine ist. Nicht perfekt, nicht in Ausschließlichkeit, eher so, wie es ein spanisches Sprichwort beschreibt: "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg!"
Das schrieb ich im April 2016 hier in meinem Blog. Und es ist immer noch für mich aktuell. Weiter im Text der Verfinsterung des Lichts:
DAS BILD
Das Licht ist in die Erde hinein gesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.
In Zeiten der Finsternis gilt es vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht durch rücksichtsloses Auftreten soll man sich nutzlos übermächtige Feindschaft zuziehen. Man soll in solchen Zeiten die Gewohnheiten der Menschen zwar nicht mitmachen, aber de auch nicht kritisch ans Licht ziehen. Im Verkehr muss man in solchen Zeiten nicht alles wissen wollen. Man muss manches auf sich beruhen lassen, ohne sich darum betören zu lassen.
Soweit die Grundaussagen des damals gezogenen. Heute, und in Vorbereitung auf morgen, ist die Situation anders. Doch es stimmt schon: „Förderlich ist es, in der Not beharrlich zu sein“. Die Verhältnisse sind ungünstig, Krieg ist da, und die Möglichkeit, dass er sich ausweitet, greifbar. Die Oligarchen aller Couleur sind dabei, die Welt unter sich aufzuteilen, und dabei bekämpfen sie sich gegenseitig mit allen Mitteln. Auch wenn sie sich direkt und persönlich nichts tun. Zu leiden haben die Menschen. Und die einen flüchten sich unter die Fittiche der Patriarchen, ziehen für diese in den Krieg, real oder mental, bekämpfen alle diejenigen, welche ihren Kurs nicht mitmachen wollen. Parteien werden gefördert, welche die Ausplünderung des Planeten unterstützen, und „Ausplünderung“ ist hier ganz real gemeint. Ausgeplündert wird alles, die Ressourcen, die Menschen, Pflanzen und Tiere, Erde, Wasser, Luft und Feuer, alle Elemente unterliegen der Ausplünderung.
Die Anhängerinnen und Anhänger der Ausplünderungsparteien sind rabiat und unbelehrbar. Mit ihnen zu argumentieren lohnt nicht, sie glauben. Das ist die Verfinsterung des Lichts im Großen.
Waldgespräch
Ihr fraget mich, warum im grünen Wald ich niste -
Ich lächle schweigend, und mein Herz ist selig leicht:
Die Pfirsichblüten schwimmen fort und schwinden -
Es gibt noch eine Welt, von Menschen nicht erreicht.
Li tai Pe (Übersetzung Richard Wilhelm, aus: Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten, Jena 1922)
Dieses kleine Werk ein weiterer Tagesfund. Es klingt wie ein Echo aus vergangenen Tagen zu meinem Gedicht und Lied „Verborgen“
Verborgen
Ich schlafe meinen Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tiefdrunten im Wald,
ich trage an vererbter Verwundung,
eine Verwundung, Jahrtausende alt.
Über mir rauschen die Winde, ein singendes Meer,
wehen in die Weite, Baumwipfel neigen sich schwer.
Die Welt draußen erstarrte im Kalt.
Ich trage Traumlicht in der hohlen Hand.
Krieger nahmen den Segen vom Kinde,
die Welt draußen erstarrte in Kummer und Not,
doch in meinen tiefsamtenen Träumen unter der Linde
atmet heimische Küche, schneidet die Mutter das Brot.
Auf Tischen lockt Speise, glänzen die Weine
im Glase, als ob sich Ahnung und Zukunft vereine,
ich öffne die Hände, dass die Flamme mir loht.
Es tanzt meiner Hände Schatten an der Wand.
Aus wehmütig erhellten Tavernen
klingt Spiel, dass sich im Dickicht verliert,
ein Segel glänzt auf, mein Boot treibt in Fernen,
wo Sehnsucht ein anderes Ichsein gebiert.
Tänzerinnen und Tänzer eröffnen den Reigen,
im Haare die Sterne, welche sich neigen,
ein Mund, der meine Wunde berührt.
So werden trübe Schatten gebannt.
Ein Ahnen im Summen des Sommers der Linde,
in meinem Herzen steigt eine Flut,
ein Singen, ich löse und binde,
ein Falter, der auf schwankender Blüte ruht.
So ruf ich in alldem hinein meine Fragen,
eine Antwort, ein Echo aus ferneren Tagen,
ein Lachen, ein Segnen, ein Mut.
Ich habe mich doch immer erkannt.
Ein heilsamer Kuss auf meiner Verwundung,
die Antwort des Draußen verhallt,
ich schlafe meinen Schlaf der Gesundung
in meiner Höhle tiefdrunten im Wald.
Dieses Lied singe ich häufig vor mich hin, ich habe es auch schon bei einer Probe in der Klosterkirche gesungen, zusammen mit Frauenstimmen. Es entwickelt sich. Und nach dem Gesundungsschlaf wieder geläutert in die Welt der Menschen eintreten. Jeden Tag wieder. So gut als möglich.
Der Vierzeiler von Li tai pe ist wohl auch ein Echo auf einen Vierzeiler von Dschung Tsu:
Sehnsucht
Im Nebel gebt sich fern und dämmernd eine Brücke,
Und an der Ufermauer liegt ein Fischerkahn.
Den ganzen Tag schon seh ich Pfirsichblüten schwimmen -
Wo öffnet mir ein Tor zur Seligkeit die Bahn?
(Übersetzung Richard Wilhelm, aus: Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten, Jena 1922)
Opa Basditu (Der kleine Mann, der mich Opa nennt, hatte eine Zeichnung gefertigt, darunter stand: Opa Basditu, will heißen: Opa, das bist Du)
Hier geht es zu dem Chinesischen Märchen Die Quelle im Pfirsichblütenwald
Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911)
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