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Sonntag, 22. Oktober 2023

Kein Wort verloren

 



Kein Wort verloren

So also:

Wundere mich über mich selbst,
dass mir noch immer Verse kommen,
unbestellt, wenn auch
insgeheim erhofft,
Tau des Alters
Reif des Herbstes

mir,
Kind des Friedens,
waghalsiges Wunder
Kontinentalverschiebung
und Annäherung zugleich

wundere mich auch
über andere Wunder,
über das Wunderbare selbst
und manchmal trage ich
eine Flöte bei mir

Nichts ist vorhersagbar

„Scheuche sie weg,
die weißen Engel!“
sagte meine Mutter zu mir,
wenig später: „Jörg,
ich sterbe wohl“,
„Ja“ antwortete ich

In diesen Minuten
unseres intimen Beisammenseins
wurde unsanft die Tür
geöffnet,
eine Schwester kam laut herein

Meine Mutter kam noch
einmal zurück,
um drei Tage später
zu sterben

Nichts ist vorhersagbar

Auch mein Sohn ließ sich Zeit:
Als er vierzehn Tage
nach dem anvisierten Termin
nicht ankam, verweigerte
unsere Hebamme die Hausgeburt

Auch im Krankenhaus dann
dauerte es noch,
und nach mehreren Stunden
Presswehen
entschieden sich die Ärzte für
Kaiserschnitt

Wenige Zeit später
hielt
ich den kleinen Kaiser im Arm
Er schaute mich an,
tiefernst und forschend

Nichts ist vorhersagbar
Es gibt vieles,
was ich nicht zu sagen vermag

In meinen Gedichten
ist es dennoch zu finden
Was nicht aus Liebe getan
ist wie ungetan
Worte fallen wie in tiefe Brunnen,
es gibt welche,
die nicht gut tun -
demnächst gehe ich wieder
in die Wälder,
wenn die Zeit dafür ist

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