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Mittwoch, 31. Januar 2024

Zaubergärten

 


Zaubergärten

Es gibt Gärten, und es gibt Zaubergärten. Zaubergärten sind für mich die Gärten, in denen die Hand des Gärtners oder der Gärtnerin nicht spürbar ist. In denen das Kultivierte in wohliger Eintracht mit dem Unkultivierten wächst, wo die wenigsten Reihen gerade und die meisten Anpflanzungen bunt durchmischt sind.

Eigentlich ist ein Garten, die Herkunft des Wortes zeigt es, der „mit Gerten umsteckte Raum“, der mit Flechtzäunen (holländisch: „Tuin“ heißt sowohl "Garten“ als auch „Zaun“) von der Umgebung abgetrennte Raum, etwas Menschengeschaffenes. Selbst das Wort „Paradies“, aus dem Altpersischen kommend, bedeutet nichts anderes als „Wall“, Steinwall.

Nun sind diese Gertenzäune und Steinwälle, aus Lesesteinen gebildet, nicht starre herzlose Grenzziehungen, sondern eher wieder eigene Biotope, durchlässige Membranen zur Außenwelt, nicht Gefängnisse für was auch immer.

Nur aus einem Paradies, aus diesem behüteten Raum konnten Eva und Adam vertrieben werden. Und für dieses Paradies hatten sie den Auftrag zu „bebauen und bewahren“. Was immer auch die Erkenntnis war, welche dem zürnenden Gott Anlass war, das Paradies zu schließen, das „Bebauen und Bewahren“ ist danach gänzlich abhanden gekommen, wie der Zustand der heutigen Welt zeigt.

Nun glaube ich weniger an einen zürnenden Gott, mir ist eine Göttin, wenn schon, herzensnäher, und die „Hagazussa“, die Heckenwohnende, die Zaunreiterin, ergo, die Hexe, gefällt mir besser als schwarzgerockte Priester und bärtige Propheten. Zeigt doch die Zaunreiterin, dass die Membran trotz alledem noch durchlässig ist, dass es keine geschlossenen Paradiese gibt.

Sie ist sicherlich auch die Hüterin der Bauerngärten, die eigentlich Bäuerinnengärten heißen müssen, denn dort waltete die Frau. Während die Männer auf den Allmendeäckern arbeiteten oder auf den Lehnäckern für den Fronherrn schufteten, waren diese Gärten sozusagen privat. (von privatus, von privare, „abgesondert, beraubt, getrennt“, privatum, „das Eigene“ und privus, „für sich bestehend“). Sicher nicht im Sinne vom männlichen Privaten, dem Geraubten, sondern vom gärtnerischen Privaten, dem von der Umgebung abgesonderten.

Hier, in diesem Krautgarten, wuchsen der Gärtnerin die Hauptbeigaben zu den Mahlzeiten zu, hier war auch ihre Hausapotheke, Heilkunst und Ernährung vermischten sich. Und wenn es einmal nicht reichte, oder eine Krankheit gar zu hartnäckig war, konnte sie immer noch über den Zaun und die Hecke fliegen und in der Landschaft das Fehlende sammeln.

In diesen Gärten wurden die Schätze gehütet, fremdländische Gewächse oft. Schon der aus China kommende Schlafmohn fand bereits in der Bronzezeit Einzug in die Gärten, das belegen Samenfunde nach Ausgrabungen.

Sicherlich waren diese Krautgärten nicht die generalstabsmäßig geplanten Gemüsegärten, wie sie in den Kleingartenkolonien oft bevorzugt werden. Wohl eher sahen sie so aus wie die irokesischen Maisgärten, in denen Mais, Bohnen und Kürbis in trauter Eintracht wuchsen, nach dem Säen wurde noch zweimal gehackt und dann wurde wachsen gelassen. Was da zusätzlich aufkam waren bis zu 300 Arten nutzbarer Pflanzen. Eben das, was wir oft als „Unkraut“ verzweifelt fern halten wollen. Da wir nicht mehr um die Nutzbarkeit wissen, um die Heilkraft. Den „Tuin“ bildeten dort übrigens die hochaufwachsenden Tabakpflanzen, heiliges Kraut und schädlingsabweisende Hecke in einem.

Also: lasst uns mehr Zaubergärten kreieren, dann sind wir dem Paradiese bestimmt ein Stücklein näher gekommen. Und ab und zu fliegen wir dann über den Zaun. . .


Alter Bauerngarten

Ganz Seele – so stand ich
und sah
Sonnenlicht und Luft sich verweben
zu einem glänzenden Blütentraum.
Falter - bunt hingegeben,
Lavendelduft,
Duft von Melisse,
Elfen sah ich darinnen schweben.

Ein Engelwesen war dieser Garten mir,
Verwoben mit allem Lebendigen hier.
Verwoben mit all den Sternensphären,
Ach, wenn doch alle Gärten so wären!

Donnerstag, 11. Januar 2024

Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache - Zum Andenken an Kurt Schwitters

 



"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)


"Wenn mir einer sagte,
Ein Freund hätte gesagt,
Dass ein anderer Freund gesagt hätte,
Ich hätte zu einem dritten Freunde gesagt,
Dass ein vierter Freund gesagt hätte,
Ein fünfter Freund hätte gesagt,
Dass ein sechster Freund gesagt hätte,
Ich sollte gesagt haben,
Was ich nicht gesagt habe,
So sage er hier getrost an alle Freunde,
Ich hätte gesagt,
Ich hätte nichts gesagt."

"Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."


Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England, Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.

Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen, wo er schon in den Jahren zuvor die Sommermonate verbracht hatte. In Norwegen entstanden zwei weitere Merzbauten, in Lysaker (zerstört 1951) und auf der Insel Hjertøya (bei Molde); wohlgemerkt bezeichnete er nur den ersten als Merzbau.[ Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh er 1940 nach England.

Das Bild oben trägt den Titel Roter Bonbon und ist von 1920





An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!

Wer bist Du , ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
auf den Händen wanderst Du.

Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

                Preisfrage:

                1.) Anna Blume hat ein Vogel,
                2.) Anna Blume ist rot.
                3.) Welche Farbe hat der Vogel.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die - - - Glutenkiste.

Anna Blume, Anna, A - - - - N - - - -N- - - - -A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten und von vorne:
A - - - - - - N - - - - - N - - - - - -A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich - - - - - - - liebe - - - - - - - Dir!

An Anna Blume ist ein Merz-Gedicht, das 1919 von Kurt Schwitters verfasst und sehr aktiv verbreitet wurde. Er schrieb mehrere Versionen. Eine davon verbreitete er 1920 als Werbung für seinen neuen Gedichtband an den Litfaßsäulen in Hannover, wo er lebte.



Freitag, 15. Dezember 2023

Herbst - so nett!

 



Herbst - so nett!

Himmel grau, die Kirchenglocken klingen,
dabei ist es ganz kurz vor vierzehn Uhr,
Nichtstun, Gewohnheiten geraten aus der Spur,
es fehlt ein Diener, mir zu bringen,

was ich gerade brauche für die unverhoffte Kur.
Der Tag verfing sich in den Schlingen
des Wohlseins, und in allen Dingen
zeigt sich meine recht phlegmatische Natur.

Angenehm: Aus dem Fenster kann ich schauen,
und verlass dabei nicht einmal das Bett.
Ich brauch nicht einmal etwas zum Kauen,

man sieht´s: ein guter Hahn wird selten fett.
Ich pflege gerad mein Urvertrauen,
ansonsten tu ich nix, Herbst - so nett!

Das Bild ist von Fritz Baumann (1886 - 1942)

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Geh nicht auf den Gedankenstrich

 



Geh nicht auf den Gedankenstrich

Dezember. Und wirklich wahr:
Leise rieselt der Schnee.
Es ist, als ob nichts geschah.
Still und starr ruht der See.

Die Welt ward klein, die Sorge groß.
Die Menschheit hat sich aufgegeben
in ein gewisses Aussichtslos.
Wie gehabt: so weiterleben.

Wundere mich. Und manchmal werde ich still.
Wo nehmen sie nur diese Gewissheit her?
Was da alles an die Oberfläche will. . .
Das zu ertragen fällt mir schwer.

Die in der Kälte sieht man nicht,
und leise rieselt der Schnee,
über so vieles: Kein Bericht.
Still und starr ruht der See. . .


Das Bild ist von Arthur Segal (1875 – 1944)

Mittwoch, 29. November 2023

Hans Henny Jahnn - Aus: Fluss ohne Ufer

 



Am 29. 11. 1959 starb der am 17. Dezember 1894 in Stellingen geborene Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn in Hamburg. Hier einige Zitate aus seinem epochalen Werk „Fluss ohne Ufer“:

"Ich fuhr ein wenig später über die unvergleichlichen Hügel (. . . ) In der Ferne, tief unten, lag das Meer, bleich, grau, ausdruckslos, nur ein unbestimmtes nebliges Schimmern, weniger, ein Dunst. Es hatte nur seinen Geruch, der sich unbegreiflich mit dem von Moor und nassem sterbenden Laub mischte. Kein Tier am Boden zeigte sich mir; nur am Himmel schwamm die schöne gebrochene Linie verspäteter ziehender Wildgänse, die beinahe flüsternde, verhaltene Schreie ausstießen."

"Das Schiff fuhr mit dunklen bauchigen Segeln über den Abgründen, die mit Wasser ausgefüllt sind. Die Luft war ungewöhnlich lange nur voll leichter Wirbel gewesen. Der neue Tag, wie um den Triumph des weißen Lichtes zu überhöhen, war klar und kalt, ganz ausgeleuchtet mit dem Schimmer der silbrigen Helligkeit. Die Gegenstände an Deck erschienen allesamt hart, unförmig, gar nicht der geringen Bewegung von Wasser und Wind angemessen. Noch vor Abend strichen warme Schwaden um das Schiff. Unbegreiflich schnell mischte sich die fahle Kälte mit dem lauen Dunst. Nebelmauern rückten heran. Wolken, kaum wahrgenommen, fielen schon aus der Höhe herab und umdampften das Schiff. Masten und Segel wuchsen riesenhaft. Vor kurzem noch war der Horizont das Maß aller Dinge gewesen. Jetzt war das Sichtbare verengt. Das Gebilde aus Menschenhand schwebte im Nebelmeer, war von der Erde abgestürzt."

"Und die Zeit, ein stetiger unaufgeregter Strom, trieb langsam vorüber, dem grauen verkümmerten Stern zu, der das Gewesene speichert, um es allmählich zum Wirkungslosen zu verstauben."

„Es kam der Augenblick, wo die Wände des Logis sich verwandelten und zu Spiegeln wurden. Weite Glaslandschaft, in der das Bild jedes einzelnen gefangen wurde. Aber es waren nicht nur ebene glitzernde Spiegelscheiben, in denen man das eigene Antlitz, den ganzen Körper, anfangs bekleidet, dann nackt und schließlich durchscheinend sah. Der Raum hinter den Dingen zeigte sich“

"Ich hatte keine rechte Hilfe bei meinem Unterfangen. Die Erde unter meinen Füßen sang nicht mit. Das Meer vor mir, dessen Wellen im Sand auslaufen, gab mir nur einen verworrenen Schwall. Mir lagen die Melodien der tausend Volkslieder nicht im Ohr. Ich war auf mich allein gestellt, als wäre ich ein Mensch am Anfang der Zeiten gewesen. Schwerfällig ausgerüstet mit einer Flöte, die nur fünf Töne gibt."

„Gedanken, die Rosse, die schnell an allen Orten sind und ihre Hufe nicht in die Zeit setzen, sondern in das Moos der Träume.“

„ein eisiger Wind aus dem östlichen Raum streicht“: „Er hat den ersten Schnee hungrig aufgeleckt. Der Boden liegt wieder nackt da. Die gläserne Kälte verwandelt die Kruste der Erde. Ätzender Staub klirrt über die Äcker. Die kahlen Laubbäume schaukeln steif und leise klappernd.“

„Schöner als die Fische waren die gelben beweglichen Sonnenreflexe auf dem steinigen Flussbett. Das Schönste aber war der Ton des Wassers, das Lispeln der Blätter und das traurige Schweigen der herabschauenden Berge.“

„… Man wurde an das knorrige finstere Dachgeschoß eines alten Speichers erinnert, an Mühlen die an den Sünden ihrer Besitzer geisterhaft verödeten. …“

„Man wird nicht schlecht, wenn man aufhört an Gott zu glauben; man wird nicht einmal natürlicher – allenfalls wird man behutsamer im Urteilen – und duldsamer gegen lästige Wahrheiten.“




Jahnn war vor allem wegen seiner drastisch grenzüberschreitenden literarischen Darstellungen von Sexualität und Gewalt stark umstritten. Mit seinem literarischen Werk zählt er laut der Sozialgeschichte der deutschen Literatur (1981) zu den „großen produktiven Außenseitern des 20. Jahrhunderts“. Er verstand sich als Antimilitarist, wandte sich gegen jede Doktrin einschließlich Rassenhass und Todesstrafe und lehnte Gewalt, auch gegen Tiere, ab.

Er emigrierte 1915 zusammen mit dem späteren Musikverleger Gottlieb Harms (1893 - 1931) nach Norwegen, um dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Beide lebten in Aurland am Aurlandsfjord. Jahnn sagte zu dieser Zeit: „In dieser Zeit habe ich leben gelernt, habe ich die Welt durchschaut und alles gesehen, woraus Leben besteht. Es war eine harte Schule.“ Ende 1918 kehrten beide zunächst nach Hamburg zurück.

Jahnn zog wenig später für kurze Zeit aufs Land bei Eckel. Hier lebte er mit Gottlieb Harms und Franz Buse (1900–1971, damals Bildhauer) zusammen. In dieser Zeit entwarf er mit seinen Freunden das groß angelegte Projekt einer Künstler- und Lebensgemeinschaft, das sie Ugrino nannten. Diese Gemeinschaft entstand – wie viele ähnliche Gruppen in der Weimarer Republik – aus dem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung und als Alternative zu der von vielen als enttäuschend empfundenen Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Gemeinschaft Ugrino wollte Kunstwerke aller Art erhalten und neue schaffen.

Im Jahr 1919 veröffentlichte Jahnn das Drama Pastor Ephraim Magnus, für das er 1920 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde (Uraufführung 1923). 1925 entstand seine Tragödie Medea, die 1926 erstmals inszeniert wurde.

Jahnns expressionistischer Roman Perrudja (Bd. 1) erschien 1929. Fragmente des zweiten Bandes wurden aus dem Nachlass veröffentlicht. Seit 1934 wohnte er auf Bornholm in Dänemark, wo seine Schwägerin auf Jahnns Rat einen Bauernhof erworben hatte, den er zunächst selbst bewirtschaftete, später wurde der Hof Bondegård verpachtet, dann verkauft. Jahnn bezog eine kleine Kate („Granly“) in unmittelbarer Nachbarschaft, schrieb und lebte dort mit seiner Geliebten Judit Kárász, einer jüdisch-ungarischen Emigrantin und Bauhaus-Fotografin zusammen.

Auf Bornholm verfasste er den größten Teil seines Hauptwerkes Fluss ohne Ufer, einer Romantrilogie von über 2000 Seiten: Band 1 Das Holzschiff (Erstveröffentlichung 1949), Band 2 Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er 49 Jahre alt geworden war (erschienen 1949/1950) und der nicht abgeschlossene Epilog, der 1961 aus dem Nachlass erschien. 

Nach einer Lesung aus der noch nicht publizierten „Niederschrift des Gustav Anias Horn“ im Jahr 1946 beispielsweise bemerkte Jahnn mit Blick auf dieses Werk, „die geschriebenen Worte“ seien „rhythmisch eingeordnet“ und vermittelten „nicht nur eine Bedeutung“, „die durch Übereinkunft festgelegt wurde“, sie seien „vielmehr, wie seit Urzeiten an den Rhythmus, an die Musik der Sprache gebunden“; und er fügte hinzu: „Ich meine, daß es für einen einsichtigen Leser unmöglich ist, zu verkennen, daß Motive, Themen und Strophen die Grundlagen meiner Darstellung geworden sind.“

Schon als Jugendlicher befasste sich Jahnn mit dem Orgelbau. Während seines Aufenthaltes in Norwegen (1915–1919) erwarb er die Kenntnisse dazu durch ein umfangreiches Studium klassischer Lehr- und Handbücher des Orgelbaus, allerdings ohne eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren. Nach der Rückkehr nach Hamburg setzte er sich für die Restaurierung norddeutscher Barockorgeln ein (z. B. Der Arp-Schnitger-Orgeln der Hauptkirche Sankt Jacobi (Hamburg) und der Ludgerikirche (Norden)). Außerdem betätigte er sich auch als Komponist. 


          

Samstag, 11. November 2023

Legende

 



Legende

Es sollte kurz vor dem großen Feuerwerk sein,
als er sein Verschwinden begann.
Fuhr noch einmal in die Stadt, begleitet
von seiner seligen Fahne, und
stieg aus bei dem Imbiss, den Geschmack
der Currywurst/PommesMajo schon auf der Zunge,
all diese Jugenderinnerungen schmeckte er, und es war damals,
mit den Freunden zu Jimmy hinter Schiffdorf, der
bekanntermaßen die beste Currywurst weit und breit brutzelte,
da lohnte sich der Weg,
oder auch, wie er mit Heinzi von Imbiss zu Imbiss zog,
das irgendwo ergaunerte Geld, welches
das karge Taschengeld aufstockte, klimperte in den Taschen,
D-Mark noch,
und großmäulig bestellten sie sich Koteletts und Pommes und Bier,
und beim nächsten Imbiss wieder, und Frikadellen mit viel Senf,
und aßen bis die Bäuche fast platzten, und
die letzte Frikadelle blieb liegen

Der Imbiss, zu welchem er wollte, als
er sein Verschwinden begann, der hatte geschlossen, heute
an diesem besonderen Tag, auch
die Büchersammelstelle, wo die Bände zum Tauschen standen,
dunkel war der Raum, wo er doch Sehnsucht nach
seinem Orakel hatte, als sein Verschwinden begann,
und so trug er kein Buch, und so gab es keine jugendzeiterinnernde
Currywurst mit PommesMajo, und er ging tiefer stadteinwärts, während um ihn
die Cliquen des Festvolkes wallten, und langsam
zog er aus der linken Tasche seiner Jacke das Päcklein
mit den letzten drei Zigaretten, Aktive, und er durchsuchte
Tasche um Tasche, Hosentasche vorne links, Hosentasche vorne
rechts, Hosentasche hinten rechts, Hosentasche hinten links, schüttelte
den Kopf und warf das geknüllte Papiertaschentuch aus Hosentasche
hinten links mit kurzer Geste auf das Pflaster des Viertels, und er
durchsuchte Tasche um Tasche, Jackentasche außen links,
Jackentasche außen rechts, Jackentasche innen links, wo
er es fand, sein mitternachtsblaues Feuerzeug, und
er entnahm der Packung eine der letzten drei Zigaretten, Aktive,
und er ließ das Feuerzeug Funken schlagen,
bis es entbrannte, und er hielt die Flamme an die eine
der letzten drei Zigaretten, Aktive,
und tief zog er den Rauch ein

Und es schmeckte, vermischt mit der Würze des Wodkas, nach
den Zigaretten der Jugend, wie war es so wunderbar, mit
der leuchtend orangefarbenen Packung Ernte 23 in der oberen
Jackentasche der hellen Cordjacke, so drapiert, dass
das Orange gut zu sehen war: Seht, ein Mann. Der raucht schon.
Und eine D-Mark kosteten sie, elf Stück, und einmal
kam ein Polizist vorbei auf der Straße,
schaute ihn an, fragte nach seinem Alter und
nahm ihm, dem Mann, der raucht schon, die orangefarbene
Packung ab. Fast voll war die noch. Und
er schmeckte die Zigarette der Jugend, vermischt mit der
Würze des Wodkas, und das feierwillige Volk wogte ihm
in Scharen entgegen, und ab und zu zerbarst
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber,
und es roch nach dem Pulverdampf der Jugend, und
es klang nach den zerberstenden Briefkästen, und
es roch nach der Zigarre in der Hand, den unförmigen Fidibus
zum Entzünden der Lunten,
und begleitet von den Erinnerungen wogte er gegen
den Strom,
und an einem Kiosk kehrte er ein. Und er entsann sich der
alten Namen, Flachmann, Trinkhalle, und er holte Flachmann
von Trinkhalle um Flachmann von Trinkhalle für den Vater und
durfte Süßes sich kaufen beim Holen des Flachmanns,
Veilchenpastillen, Lakritzeschnecken, und diese
duftigschwarzen Lakritzepfeifchen mit dem Zuckerguss auf
der Haube und das Ahoibrausepulver, das so schön auf der Zunge
zerbarst, und
das alles war vergiftete Gabe, eine Ablenkung nur
für den Augenblick, denn am Abend weinte wieder
die Mutter, und manchmal
gab es Schläge

Und er wusste sein Wollen, und er kaufte
einen Flachmann, nichts Süßes, und
in der Schaufensterscheibe des Kiosk erblickte er
das Antlitz des Vaters, und er winkte kurz, und
wandte sich wieder seines Weges zu, als
er sein Verschwinden begann, und noch einmal trank er
den tiefen Schluck, und ab und zu zerbarst
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber,
und die Zigarette an welcher er zog, Aktive, schmeckte
nicht mehr nach Jugend, der Rauch wurde
schal in den Lungen und im gekonnten Bogen warf
er sie auf die Fahrbahn, wo sie funkenschlagend überschlagend
sprang und zum Erliegen kam als einsames Glimmen während
am Himmel das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber
zerbarst

Es sollte kurz vor dem großen Feuerwerk sein,
als sein Verschwinden begann. In den Hauseingängen standen
die Dealer, zischten die Worte dem Vorbeigehenden zu, dem
Verschwindenden, und am Hot-Dog-Stand vorbei, und da
machte er noch einmal kehrt, denn einen Euro hatte er
noch, das war das Angebot. Und er ging
zu dem Hot-Dog-Stand, bestellte, bekam, bezahlte,
und im Weitergehen schmeckte er saure Gurkenscheiben und
geröstete Zwiebeln und dreierlei Sauce und Wurst und
Brötchen und es war kein Geschmack seiner Jugend und
so wagte er eine erneute Halse, während die Dealer aus den
Hauseingängen ihre Worte zischten, denn einen
Euro hatte er noch, das war das Angebot. Und
er ging zu dem Hot-Dog-Stand, bestellte, bekam, bezahlte,
und im Weitergehen schmeckte er saure Gurke und am Himmel
zerbarst das Sterngold, das Feengrün, das Wolkensilber, und
der Hot-Dog schmeckte nicht nach der Jugend,
was ihm gefiel

Und im Gehen gegessen, so schnell und im Munde den Geschmack
der sauren Gurkenscheiben und der gerösteten Zwiebeln, der
dreierlei Saucen und er wartete auf die Linie 3, dass sie ihn
wieder aus der Stadt hinaustrug, denn seines Bleibens war hier
nicht mehr. Diesmal, im Warten, wusste er wo
sie war, die Packung mit den letzten beiden
Zigaretten, Aktive, linke Hosentasche vorn, und das mitternachtsblaue
Feuerzeug dabei, und die Zigarette schmeckte nicht mehr
nach Jugend, und als die Linie drei kam,
warf er sie fort

(An der Endhaltestelle stieg er aus, ging
zu der nahen Dönerbude, denn dreiEurofuffzig hatte er noch
und immer noch hungrig, zwei Hot-Dogs, das ist nicht so
viel, und hinein ging er und gab sein letztes Geld „Huhn oder Lamm?“ und
es sollte Lamm sein, mit allem dabei, und beim Weg in die Dunkelheit
aß er, und er aß im Gehen, und dann
suchte und fand er schnell, nachdem er gegessen, im Gehen, die
Packung mit der letzten Zigarette, Aktive, und fand auch das mitternachtsblaue
Feuerzeug schnell, und nichts schmeckte mehr nach Jugend, er
rauchte, am Himmel zerbarst das Sterngold, das Feengrün,
das Wolkensilber, und als die Kippe glimmend über den Asphalt kullerte
wurde es dunkler, und dunkler wurde es, und es verließen ihn
die Häuser der Stadt, es kamen die wartenden Bäume, entlaubt,
und sein Verschwinden begann)

Die Illustration ist von William T. Horton (1864  -  1919)

Dienstag, 31. Oktober 2023

Egon Schiele: Eine Jugendliebe

 



Margarete Partonek war die erste große Liebe des 16-jährigen Egon Schiele. Seine Briefe an sie geben nicht nur seine Zuneigung für sie preis, sondern fördern auch die ersten lyrischen Gehversuche des Künstlers zutage. In diesem Jahr (1906) wurde der 16-Jährige in die Wiener Akademie der bildenden Künste  aufgenommen. Wie lange genau diese Jugendliebe gewährte, ist nicht bekannt. 




An mein Ideal

I.

Der Kunst, der reich ich meine Rechte
Der Malerei streck ich sie hin,
Wenn’s nur was zweites geben möchte,
In Klosterneuburg oder Wien.

II.

Das nächste oder drauf das Jahr
Werd’ ich müssen weg von hier,
Mit der Hand und lockigen Haar,
Das ist der Künstler beste Zier.

III.

Und das zweite, – – ist mein Gretchen,
Dir reiche ich meine beiden Händ’,
Du bist das allerliebste Mädchen,
Mein Lieb, dass ich nur jemals fänd.

IV.

Du ros’ge reizende Natur,
Du herzzerreißende Figur,
Dir lacht der Frühling lieb entgegen
Mit wonn’gen Tagen, still verlegen.

V.

Nur luna [!] soll es einstens seh’n,
Der kann dann ruhig vorrübergeh’n;
Doch höre jetzt und schreib an mich
In kurzer Zeil’ – ich liebe dich.

E. [Egon] Schiele

30.III.06.



Woher haben Sie denn das erfahren?
Das ist mir jetzt noch nicht im Klaren;
Wohl kenn ich manches Mägdlein hier
Doch dafür [durchgestrichen] darum, kann ich nicht’s dafür.

Das machte einst der Jugend Freude
Und dieses tat mir viel zu Leide,
Dies Fräulein ist von blondem Haar,
Es hat ein braunes Augenpaar.

Doch längst vergessen ist die Zeit
Mit vielen Neid und Streitigkeit;
Jetzt dank’ ich Gott, den edlen Hort
Für dies Erlös, mein Ehrenwort.

Viel länger könnt’ ich dahin schreiben; –
Nur bitt’ ich dieses nicht zu zeigen,
Sie werden wohl das Fräulein kennen,
Die auf der Karte schrieb

„L. B.“ [?]

SCHIELE.

31.III.1906.



Mein Lieb

Und sollt’ ich Dich jetzt noch nicht lieben,
So sieh Dir meine Augen an,
In dessen Innern steht’s geschrieben,
Daß das nicht ist, ein kurzer Wahn.

Und solltest Du mir’s noch nicht glauben,
Daß ich zu lieben Dich begann,
So sieh Dir meine Lippen an – –;
Die werden manchen Kuß Dir rauben.

Und wolltest ihn vielleicht nicht haben,
Gestohlen sollt er doch nicht sein;
Nur Liebende, die gern’ sich haben,
Die küssen sich so ganz allein.

Und kann ich dich jetzt nicht erlangen,
So schick’ ich Dir viel herzlich Grüß;
Und schick Dir auch, auf Lipp und Wangen,
Viel tausend zuckersüße Küß.

Wenn diese Schrift, mit roter Tint'
Erhalten hast, am heut’gen Tag
So denk’, daß zweie es nur sind,
Denen ich einmal was G’schriebnes gab.

S. [Schiele] Egon.




Der erste Kuß der Liebe!

Traumgebilde, Fantasien
Schweben vor des Jünglings Blicken,
Und der Lieb’ Magnete ziehn
Hin zu ihr, ihn zu entzücken.

Und er sieht sie vor sich stehen,
Und es faßt ihn mit Gewalt
Und reißt ihn gleich, Sturmeswehen
Blitzesschnell hin zu ihr bald.

Und die braunen Haare hängen
Sanft, geschmeidig, dicht herab
Über ihren roten Wangen,
Denen Lieb’ das Glühen gab.

Und nur Freundlichkeit nicht Tücke
Spielen um den schönen Mond
Und ihr geben, seine Blicke
Was die Zarte fühlet kund.

Es erfaßt ihn mit Entzücken
Und im seel’gen Hochgenuß
Drückt er auf die ros’gen Lippen,
Seiner Liebe – ersten Kuß.

Margarete Partonek an Egon Schiele




Liebstes Fräulein. . . 

Mein neues „Drüben“ verdirbt mir meine ganze Aussicht. Früher konnte ich Sie
wenigstens hinter einem grünen Versteck sehen, doch jetzt ist dieses Dach am Fenster zu kurz.

Warum schreiben Sie nichts mehr so wie vor einigen Wochen? Wenn solcherlei Sachen bis jetzt noch niemand außer den Nächsten in unserer Umgebung weiß, glaube ich wird es niemand, am wenigsten bei Ihnen in der Schule erfahren; vorausgesetzt daß Sie selbst nichts weiter Ihren Freundinnen & Kolleginnen sagen oder vorlesen. Sie haben mir erst drei Schreiben durch Ihren Bruder geschickt, die bei mir gut aufgehoben sind, während ich Ihnen deren schon mehrere
zukommen lassen haben [!].

Würden Sie vielleicht wirklich nicht schreiben können, aus Gründen die Sie mir
nicht sagen wollen, so gibt es noch ein Zweites, bei dem ich an Ihrer Stelle keine Ausrede finden würde. Sie gehen abends oft auf der Gasse mit Fräulein Hermine, könnten Sie nicht zumindest den Weg in eine andere Gasse einschlagen? Es kommt nur an Ihren Willen an den Sie leicht bezwingen können; dann möchten Sie Ihre Worte erfüllen, die Sie mir so deutlich schrieben. Wie oft gehen Sie in die Obere Stadt, wie z.B. am Montag, da könnten Sie doch diesen vorhergenannten Weg beim hin oder Retourgehen benützen.

Wenn ich auch jetzt vielleicht Unangenehmes schrieb, so bitte ich um Verzeihung, denn aus vielen werden Sie sehen, daß ich so schreibe wie ich denke. Würden Sie mir Verzeihung nicht gewähren, so bitte ich dieses zurückzusenden.
Hoffentlich aber werden Sie von meinen Ratschlüssen auswählen, so daß nicht der schönste Monat ohne Ausnützung verfließt.

Sie sind jeden Sonntag fort am 22. waren Sie in Hadersfeld, wo waren Sie am letzten Sonntag? Umsonst werden Sie nicht Ausflügemachen. Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr ES [Egon Schiele]

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.



                                      Gemälde Egon Schieles von 1906



Ein Mädchenbildnis Egon Schieles aus dem Jahr 1906, wohl nicht Margarete Partonek