Es gibt die einen und es gibt die anderen Seiten. In diesem Blog möchte ich als Dingefinder die anderen Seiten desselben publizieren. Denn diese machten sich auf ihre Art selbstständig. . .
Dienstag, 27. November 2018
Christian Friedrich Wagner: Dein ist alles
Dein ist alles
Dein ist alles, all und jede Wonne,
wenn sie aufgeht, dir als eigene Sonne,
jeder Tag vom Licht emporgetragen,
wenn er aufgeht dir als eigners Tagen.
Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
wenn hervor sie aus sich selber blühen.
All die Rosenknospen auf der Erden,
wenn sie Rosen in dir selber werden.
Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.
Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
wenn du Glanz hast für den Glanz der Ferne.
Christian Friedrich Wagner, geboren am 5. August 1835 in Warmbronn, Baden-Württemberg; gestorben am 15. Februar 1918 ebenda, Kleinbauer und Dichter.
Seine Stellung zur Kriegslyrik war eindeutig, wie aus einem Brief an Hermann Hesse hervorgeht: Nachdem er schon mehrfach „um Kriegslieder angegangen worden“ sei, schreibt er weiter: „das Heldentum des Nitroglyzerins erkennen wir [Dichter] nicht an!“ Als der befreundete Dichter und Kriegsdienstverweigerer Gusto Gräser aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, setzte er sich für ihn ein. Der spätere Dadaist Johannes Baader besuchte ihn 1916 in Warmbronn und hielt daraufhin begeisterte Vorträge über Wagner.
Er leidet sehr unter dem fortgesetzten Kämpfen und Töten und wünscht sich, Eremit zu werden. „Ich beklage, dass es in Deutschland keine Wälder mehr gibt, wie im Mittelalter, zur Zeit der Eremiten, in die hinein ich mich verkriechen könnte, um dort nur noch mit frommen Tieren zu leben.“
„Lieber ein barmherziger Heide als ein unbarmherziger Christ“
Sonntag, 14. Januar 2018
Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po
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| Farbstiftzeichnung der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch |
Gedichte nach den unsterblichen des
Li-Tai-Po
Ich und Selbst
Je mehr du dich
vergißt,
Je mehr sei Dir bewußt,
Daß du, um ich zu sein,
Das Selbst vergessen mußt.
Je mehr sei Dir bewußt,
Daß du, um ich zu sein,
Das Selbst vergessen mußt.
Der Klargipfelberg
Schwärme von Vögeln flogen hoch und davon.
Eine einsam treibende Wolke ist auch weiter wandern gegangen.
Ich sitze allein mit dem Klargipfel, der mir gegenüber ragt:
Wir werden niemals einander müde, der Berg und ich.
Eine einsam treibende Wolke ist auch weiter wandern gegangen.
Ich sitze allein mit dem Klargipfel, der mir gegenüber ragt:
Wir werden niemals einander müde, der Berg und ich.
Gedenk einer alten Dichter[stätte]
Für so lang hab ich nicht meine Schritte zum Ostberg gewandt.
Mich wundert, wie oft wohl die Rosen geblüht haben mögen.
Weiße Wolken, wie Freunde, vereinen und trennen sich wieder ...
Wer mag nun sein Haus dort haben und schauen,
wie klar der Mond untergeht?
Mich wundert, wie oft wohl die Rosen geblüht haben mögen.
Weiße Wolken, wie Freunde, vereinen und trennen sich wieder ...
Wer mag nun sein Haus dort haben und schauen,
wie klar der Mond untergeht?
Besuchsgang zu einem taoistischen Bergklausner, der nicht zu Hause war
Ein Hund bellt auf von fern, wo leis die Wasser
rauschen.
Die Pfirsichblüte steht festlich, vom Regen genetzt.
Das Gehölz ist so dicht, daß man zuweilen einem Hirsch begegnen kann.
Aber die Mittagsglocke kann man nicht hören in dieser einsamen Schlucht.
Die wilden Bambus wehn im blauen Dunst.
Am begrünten Felshang funkeln fliegende Wasserfälle.
Wes Weges ist er gegangen? Nichts ist, das es mir sagen könnte.
An eine Kiefer lehn ich mich traurig hier und da.
Die Pfirsichblüte steht festlich, vom Regen genetzt.
Das Gehölz ist so dicht, daß man zuweilen einem Hirsch begegnen kann.
Aber die Mittagsglocke kann man nicht hören in dieser einsamen Schlucht.
Die wilden Bambus wehn im blauen Dunst.
Am begrünten Felshang funkeln fliegende Wasserfälle.
Wes Weges ist er gegangen? Nichts ist, das es mir sagen könnte.
An eine Kiefer lehn ich mich traurig hier und da.
Bei der Zelle eines abwesenden Priesters
in den Bergen
in den Bergen
Durch einen Steinwall geh ich ins Rottal hinein.
Das Fichtentor ist umdrängt von grünem Moos.
Zwar sind Zeichen von Vögeln auf den verlaßnen Steigen,
Doch keines bedeutet mich, in die Priesterklause einzudringen.
Ich guck durchs Fenster und seh an der Wand
Den weißen Besen hängen, ganz verstaubt.
Ich seufze der Enttäuschung gar vergeblich Seufzen.
Ich werde gehen, doch versonnen trondle ich herum.
Süßduftige Wolken wehn den Bergzug lang,
Ein Blumenregen fällt vom Himmel nieder.
Hier kann ich die Glücksal der Einsamkeit fühlen
Und das Klagen der Blauaffen hören.
O, welch eine Stille herrscht über diesem Grunde,
Welche Abgeschiedenheit von allen Dingen der Welt!
Das Fichtentor ist umdrängt von grünem Moos.
Zwar sind Zeichen von Vögeln auf den verlaßnen Steigen,
Doch keines bedeutet mich, in die Priesterklause einzudringen.
Ich guck durchs Fenster und seh an der Wand
Den weißen Besen hängen, ganz verstaubt.
Ich seufze der Enttäuschung gar vergeblich Seufzen.
Ich werde gehen, doch versonnen trondle ich herum.
Süßduftige Wolken wehn den Bergzug lang,
Ein Blumenregen fällt vom Himmel nieder.
Hier kann ich die Glücksal der Einsamkeit fühlen
Und das Klagen der Blauaffen hören.
O, welch eine Stille herrscht über diesem Grunde,
Welche Abgeschiedenheit von allen Dingen der Welt!
Eine Nachtlandung am Chien-Te
Mein kleines Boot bewegt sich an nebliger Lände,
Das Tageslicht schwindet. Ein Erinnern beginnt:
Die Welt war weit, die Bäume dicht beim Himmel,
Klar im Wasser die Nähe des Monds.
Das Tageslicht schwindet. Ein Erinnern beginnt:
Die Welt war weit, die Bäume dicht beim Himmel,
Klar im Wasser die Nähe des Monds.
Meng Hao-jan (689-740)
Die Nachdichtungen der Gedichte von Lo-Tai-Po und Meng Hao-jan sind von dem Dichter Hans Schiebelhuth. (* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York,
USA).
Sonntag, 12. November 2017
Gar wundersame Nachrichten aus dem Lande Dingsda
Gar wundersame Nachrichten aus dem Lande Dingsda
I
So etwa Richtung Nord-Nordwest,
aber noch nicht hinterm Mond,
liegt Dingsda hinterm Städtchen Schilda.
Es ist ganz ungewohnt bewohnt.
Es gibt dort Klänge, Farben, Düfte, Bilder,
der Weg dahin führt durch das Rosenbogentor.
Es ist dort alles so wie hier. Nur eben etwas anders.
(Oder kommt´s mir nur so vor?)
II
In Dingsda wohnen wundersame Leute.
Möchtest du sie kennen lernen,
schau als erstes zu den Sternen,
dass sich dir dein Schicksal deute.
Wenn Mercuria im Sternbild Rabe steht,
so hörte ich aus alten Sagen,
dann kannst du den Aufbruch wagen,
nach einem kurzen Dankgebet.
Am frühen Morgen darfst du dann beginnen,
im ersten Morgennebel-Schimmern,
im letzten Mond, im späten Sternenglimmern.
So wanderst du mit wachen Sinnen.
Kommst du dann an ein Rosenbogentor,
dann tauche tief in Rosendüfte ein.
Die Rosen werden dein Begleiter sein,
und bunte Vögel singen dir im Chor.
Lerne dann, dass du vergessen darfst,
was dein Gemüt bedrückte,
denk an das, was dich beglückte,
als du die goldne Münze warfst.
Dann sage dir, nun ist es gut,
eine gute Gegenwart steht dir jetzt bevor,
du schreitest durch das Rosenbogentor,
und begegnest du mir, ziehe ich den Hut.
III
Bin kein Ritter. Trag kein Schwert.
Bin kein Paladin.
Hab keine Rüstung. Nichts von Wert.
Als treuer Wanderer, so zieh ich hin.
Bin kein Bettler. Bin kein König.
Kein Krösus und kein Großmogul.
Ich habe nichts. Davon nicht wenig.
Habe Bett, Tisch, Schrank und Stuhl.
Fröhlich lebe ich in meiner Klause.
Was ich brauche, schenkt der Wald.
Komm ich vom Wandern dann nach hause,
zeigt sich mein Lebensengel in fröhlicher Gestalt.
IV
Hinter dem Rosenbogentor sprudelt eine Quelle.
Es wispert leis der Bambushain.
Um mich herum ein sattes Rosa, und helle
Pfirsichblütenblätter, fallend hüllen sie mich ein.
Ich gehe den geraden Weg.
Nur doof, dass der sich schlängelt.
Ich werd nicht gern gegängelt.
Über jeden Bach, da führt ein Steg.
Ich bin kein Gast.
Ich wohne hier.
Und wen du dich besonnen hast,
bin ich bei dir.
Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch
aber noch nicht hinterm Mond,
liegt Dingsda hinterm Städtchen Schilda.
Es ist ganz ungewohnt bewohnt.
Es gibt dort Klänge, Farben, Düfte, Bilder,
der Weg dahin führt durch das Rosenbogentor.
Es ist dort alles so wie hier. Nur eben etwas anders.
(Oder kommt´s mir nur so vor?)
II
In Dingsda wohnen wundersame Leute.
Möchtest du sie kennen lernen,
schau als erstes zu den Sternen,
dass sich dir dein Schicksal deute.
Wenn Mercuria im Sternbild Rabe steht,
so hörte ich aus alten Sagen,
dann kannst du den Aufbruch wagen,
nach einem kurzen Dankgebet.
Am frühen Morgen darfst du dann beginnen,
im ersten Morgennebel-Schimmern,
im letzten Mond, im späten Sternenglimmern.
So wanderst du mit wachen Sinnen.
Kommst du dann an ein Rosenbogentor,
dann tauche tief in Rosendüfte ein.
Die Rosen werden dein Begleiter sein,
und bunte Vögel singen dir im Chor.
Lerne dann, dass du vergessen darfst,
was dein Gemüt bedrückte,
denk an das, was dich beglückte,
als du die goldne Münze warfst.
Dann sage dir, nun ist es gut,
eine gute Gegenwart steht dir jetzt bevor,
du schreitest durch das Rosenbogentor,
und begegnest du mir, ziehe ich den Hut.
III
Bin kein Ritter. Trag kein Schwert.
Bin kein Paladin.
Hab keine Rüstung. Nichts von Wert.
Als treuer Wanderer, so zieh ich hin.
Bin kein Bettler. Bin kein König.
Kein Krösus und kein Großmogul.
Ich habe nichts. Davon nicht wenig.
Habe Bett, Tisch, Schrank und Stuhl.
Fröhlich lebe ich in meiner Klause.
Was ich brauche, schenkt der Wald.
Komm ich vom Wandern dann nach hause,
zeigt sich mein Lebensengel in fröhlicher Gestalt.
IV
Hinter dem Rosenbogentor sprudelt eine Quelle.
Es wispert leis der Bambushain.
Um mich herum ein sattes Rosa, und helle
Pfirsichblütenblätter, fallend hüllen sie mich ein.
Ich gehe den geraden Weg.
Nur doof, dass der sich schlängelt.
Ich werd nicht gern gegängelt.
Über jeden Bach, da führt ein Steg.
Ich bin kein Gast.
Ich wohne hier.
Und wen du dich besonnen hast,
bin ich bei dir.
Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch
Mittwoch, 2. August 2017
Heimkehr
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| Andrea Rausch (Fredelsloh): Kleine Hütten im Wald |
Heimkehr
Stadtluft vermöge frei zu machen - mir Heutigem klingt das bizarr.
Ich kann kaum atmen dort, ich halte es in Städten nicht sehr lange aus.
In klammen dunklen Bauernstuben war dies Wort wohl wahr:
Enges Dorf, kalte Liebe, schnelle Schläge, Rauch ums Haus.
Für Häusler, Knechte, Mägde war das Dorf kein heimeliger Hort,
Auch wenn es Dichter gerne als Idyll verklärten, beinah das Paradies.
Flammenschlagend schickten Cherubim die Ärmsten vom Edentore fort,
So dass in Nacht und Flucht der Mutige das Dorf verließ.
Doch unmodern wähl ich Heutiger den Weg des Dichters Tau Tjiàn,
Weil mich der Stadtlärm taub macht, mich Stadtluft zum Ersticken bringt.
Ich werde stadtkrank dort, stumpf, leer und gleichsam unbeseelt.
So kam auch ich nach langer Wanderung im Dorfe an:
„Nun fand ich wieder zurück zu mir selbst“, wie dieser Dichter singt,
Nicht selbstgewählte Armut, es ist Reichtum, selbstgewählt.
Zur Erklärung: In jungen Jahren fand ich in dem Buch "Lyrik des Ostens" ein Gedicht des chinesischen Dichters Tau Tjiàn (in anderer, bekannterer Schreibweise Tao Yuanming), der in den Jahren 372 - 472 lebte, mit dem Titel "Heimkehr zum Leben in Garten und Feld", aus dem ich hier zitieren möchte:
"Ungleich war ich als Jüngling der Menge;
In meinem Herzen liebt ich die Berge.
Irrend fiel ich in Schmutz und Verstrickung
Band mich für dreißig Jahre die Welt.
Der wandernde Vogel sehn sich heim zum Walde.
Dem Fisch im Teich bleibt unvergesslich sein See.
Gut anderthalb Morgen sind mein Besitztum,
Und unter dem Strohdach reicht mir der Raum.
Ulmen und Weiden beschatten hinten den Umgang
Pfirsiche, Pflaumen wachsen im Hof.
Verschwommen und ferne wohnen die Menschen.
Dunstig und still steht der Rauch überm Dorf.
Hunde bellen tief in langen Gassen.
Hähne krähen oben auf den Maulbeerbäumen.
Schwelle und Hof liegen in reinlicher Ordnung.
Im leeren Hause herrscht Stille und Frieden.
Lang war die Zeit in Käfig und Zwinger:
Nun fand ich wieder zurück zu mir selbst."
Übersetzung: Peter Olbricht
Samstag, 10. Juni 2017
Das TAO des Töpfers
| Töpfer-Skulptur im Töpferdorf Fredelsloh |
„Dem Nachbar sah ich zu bei seiner Töpferscheibe -
Bewegung durch und durch -
Hier höhlt, dort füllte er; hier hub, dort drückt er nieder -
Wie wuchs aus ungestaltem Klump so ebenhell die Schal aus seiner Hand!
Rund ruhend lag sie da.
An Mutter Natur musst ich denken: in ewger Bewegung
lichtend des Wirrsals Weh,
lösend die Ballen, bildend aus allen, krausen und graden,
die runde Welt.
In währendem Weben, gleichend Füll und Mangel,
Lust und Last - die Beiden innig zum Dritten rundend,
Alles gesundend.“
Aus Gusto Gräsers (1979 - 1958) Nachdichtung des 11. Abschnittes des Tao Te King von Laotse. Gusto Gräser war Wanderer, Naturphilosoph, radikaler Lebensreformer und Pazifist, er lebte eine Zeit in einer Höhle am Monte Veritá, dort wurde er unter anderem von Hermann Hesse besucht, der dort einige Zeit verweilte und in ihm das Vorbild für seine Gautama-Figur in der indischen Erzählung "Siddartha" fand.
Gusto Gräsers Nachdichtung des Tao Te King ist sehr eigenwillig und spiegelt auch vieles von dem, was Gusto selber empfand. Eine Neuausgabe der Nachdichtung erschien im Verlag Büchse der Pandora:
Tao: Das heilende Geheimnis.
Ein in den Wehen der Zeit wiedergeboren Menschheit-Buch
zur grohsen Heimkehr - Genesung - unsrer Welt.
Herausgegeben von Hermann Urspring.
Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar 1979
ISBN 3-88178-032-7
Der Nachdichtung zugrunde liegt die Übersetzung des Tao Te King von Richard Wilhelm. Dort liest sich die oben genannte Sequenz so:
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.
Dienstag, 21. Februar 2017
Waldgang im Februar (Kaliyuga)
![]() | |
| Das Bild ist von Andrea Rausch, Fredelsloh |
Waldgang im Februar (Kaliyuga)
So fern vom Himmelreich,
so dunkel, bleiern, eisern ist sie, diese Zeit,
und wir so tief verstrickt in Winterkälte, selbst an den Sonnentagen.
Keine Antwort erhalten wir auf unsre Kinderfragen,
und selbst, wenn eine käme, wären wir bereit,
sie zu ertragen?
Im Walde, der das Frühjahr noch erwartet,
während ich allein auf diesen Wegen schreite,
beginnen kleine Vögel mit einem zaghaft angestimmten Frühlingslied.
Mein Herz zieht mit den Wolken in die Weite
und weiß noch nichts von dem, was Tod und Leben unterschied.
Verzeiht, ich bin so unbedeutend.
Im Astgewirr des Waldes lacht ein Grünspecht
keckernd über meine Worte.
Doch ist grad Friede um mich, ich bin am rechten Orte,
und so sacht, wie eine Ringelnatter sich am Bache häutend,
so geh ich ein in diesen kurzen Friedensaugenblick.
Und bin jetzt eins. Es ist ein in sich stilles Glück.
Zu geben hab ich kaum etwas.
Ihr Schwestern, Brüder, glaubet mir, es wacht
ein stiller Himmel auch über euch. So vieles ist so unbedeutend.
Noch ist der Wald im Vorbereiten
auf einen neuen Frühling, der bald folgt. Und heut:
Ich hab die Einsamkeiten
meiner wirren Lebensbahnen nie bereut.
Manchmal bin ich ganz. Und ganz in mir.
Wie eine Gloriole wirft ein Sonnenstrahl
durch kahle Baumeswipfel Glanz um mich.
Ich hatte niemals eine Wahl:
als dieses Kind geboren ward, o, wie war es schwach.
Und doch so stark zugleich.
Meine Kindheit verlief in Düsternis,
doch war ich stark genug, das zu überleben.
Es fließen plappernd stille
Quellen leis aus mir, sie sagen:
Du überlebst nur durch Vergeben.
Ein Eichelhäher kreischt mich wach,
er zeigt, ich schreite fremd durch sein Revier,
und eine Vogelfeder segelt aus dem Wipfeldach
quer über meinen Weg. Kein Zeichen, eine Mahnung nur.
Dass ich nicht wieder mich verlier.
Ich werd wohl niemals ganz verstehen,
warum und wann das Leid in diese Welt einbrach.
Ich wünsche, du könntest es mit meinen Augen sehen,
wie schön und friedenvoll alles in sich ruht.
Dann können wir uns ganz hinein begeben
in all das Werden und Vergehen,
so, wie es jedes andre Erdenwesen tut.
Dann wird auch uns ein kurzer Augenblick gespendet sein,
und wir zögen friedvoll in etwas Größ´res als wir selber ein.
Tag ist. Nacht ist. Und Wechsel am Rande der Gestade.
Ich geh jetzt weiter tief in das Tal.
Ich könnte alle tausend Träume träumen,
und doch ist mir davon nicht einer greifbar nah.
Die Bäume, Vögel, Wesen sagen: "Du hast doch eine Wahl:
Du selber bist es, du selber grenzt dich aus
von alle dem, was um dich lebt.
Nur selten spürst du dann: "Wir haben kein Zuhaus."
„Zuhaus“, das klingt so klein und so banal.
Doch wenn dein Herz verwundet ist,
wird alle Welt dir fremd und kahl.
Es duftet um mich Ewigkeit.
Ich bin bereit.
„Wozu?“
„Dir immer wieder zu vergeben.
Du!“
Text und Sprecher: Dingefinder Jörg Krüger
Musik: Dingefinder: Gitarre, Kalimba; Erd Ling Judith: Mundharmonika und Stimme, aufgenommen in der Klosterkirche Fredelsloh
Ein Bild der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch habe ich verwendet, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.
Montag, 20. Februar 2017
Die Quelle im Pfirsichblütenwald
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| "Kleine Hütten im Wald", Bild von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch |
Das folgende taoistische Märchen hat Dr. Harald Gutherz (1880 - 1912) nacherzählt. Es findet sich im Anhang des Buches Tao Te King von Laotse in der Übersetzung von Richard Wilhelm. Es stammt von dem chinesischen Dichter Tao Yuanming, der im vierten Jahrhundert lebte.
"Es lebte einst, zu Zeiten Tai Yüans, ein Fischer in Wuling. Dort war ein Fluss, auf dem er aufwärts fuhr, und er vergaß, ob weit, ob nahe er gefahren war, als da ein Wald ganz hell von Pfirsichblüten beide Ufer wohl hundert Schritte tief umfing. Da gab es keine anderen Bäume; frisches, schönes Duftgras nur, in das sich Pfirsichblütenblätter niederstreuten. Der Fischer wunderte sich sehr darüber, und er fuhr noch weiter, denn er wollte wissen, wo des Waldes Ende war. Am Waldesrande aber war ein Berg, da quoll der Fluss heraus, und es war auch ein kleiner Gang hinein - wie lichtumschwebt.
Dort trat er ein - es ging gerade - wenig Schritte weiter aber ward es hell und weit - ein weithin ausgedehntes Land. Zwischen guten Feldern, schönen seichten Wasserflächen lagen sauber Hütten und auch Häuser, Wege führten kreuz und quer, es gab wohl alle Arten Bambuspflanzen und viele Maulbeersträucher. Von jedem Dorf zu dem andern klang die Antwort von den Hunden und den Hühnern. Männer und Frauen - ganz wie bei uns - säten die Felder; friedlich und froh des eigenen Tuns waren so Kinder als Greise.
Sie staunten, als sie unseren Fischer sahen und ihn dann befragten; über seine Rede aber luden sie ihn ein zu sich und gaben ihm vom Wein und schlachteten zum Mahl die Hühner. Im Dorf hörte man davon, und jeder kam und fragte. Selbst erzählten sie, dass ihre Eltern einst zur unruhigen Zeit von Tsin Schi Huang mit Frau und Kind und allen Leuten fort- und hergezogen seien, dass von damals her nicht einer mehr herausgekommen sei, und dass sie auch daher nicht wüssten von den Menschen draußen. Wer wohl König sei, fragten sie; sie kannten nicht die Dynastie der Han, geschweige denn die der We und Dsin. Der Fischer aber gab ihnen von allem Kunde, was er wusste, dass sie nur so lauschten. Mancher Tag verging ihm dort auf diese Weise, eingeladen und bewirtet, wie er war, mit Wein und Speise. Dann beim Abschied meinten sie, es sei wohl nicht der Mühe wert, den Leuten draußen was davon zu sagen.
Der Fischer kam wieder heraus, bestieg sein Boot zur Heimkehr und behielt genau die Orte der Umgebung im Gedächtnis. In der Hauptstadt des Bezirkes gab er den Beamten hübsch Bericht, und der hat Boten ausgesandt nach jener Schilderung. Die haben sich dabei verirrt und nicht den Weg gefunden. - - -
Wohl ging noch Liu Dsi Ki, der Weise aus dem Süden, frischen Mutes auf die Suche. Aber ehe er Erfolg erreichte, ward er krank und starb. Seither hat niemand nach dem Weg gefragt."
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