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Sonntag, 14. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Myrte Jilája an Jonne Yrjö / Myrte Jilája: Im Garten

 



Myrte Jilája an Jonne Yrjö


Der alte Pflaumenbaum, der einst im Herbststurm brach,
treibt aus dem Moderstumpf die neuen Triebe,
es ist noch Musik überall, wenn du zu lauschen vermagst:

Ein jeder Tag hat sein eigenes Lied.
Wenn ein leiser Wind durch die
Baumwipfel zieht
und die Dämmerung
die Klänge geheimnisvoller werden lässt,
ein tausendfältiges Summen
im Geäst
dich zum Verstummen
bringt,
dann ist es die liebende Erde selber,
die singt.


Myrte Jilája: Im Garten

Manchmal kommen die Worte in meinen Garten,
Wenn ich Dünger streue oder Blüten säe.
Erst stehen sie am Zaun, als wollten sie noch warten.
Manchmal sind die Worte scheu wie Rehe.

Sie wollen mich bei der Arbeit nicht stören.
Doch dann kommen sie leicht wie der Wind
In meine Träume von Blüten, Äpfeln und Möhren,
Weil Worte wie spielende Kinder sind.

Neugierig tanzen und tänzeln sie heran,
Lachend ergänzen sie einem Vers den Reim,
Dann kugeln sie zurück in den Tann
Und kichernd laufen sie heim.


Das Bild ist von Eugeniuz Zak (1884 - 1926)

Freitag, 12. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Die Gärtnerin Myrte Jilája singt / Wer liebt kann auch tanzen

 


Die Gärtnerin Myrte Jilája singt

Heute lege ich die Samen in die Erde:
Für das Morgen ein Keim.
Heute gebe ich die Liebe der Erde:
Für das Morgen ein Heim.

Ich führe euch zu verloren gedachten Spuren,
wenn ihr die Rätsel gelöst habt, dann bitt ich zu schweigen,
bis die Sterne sich in die Baumkronen neigen,
dann erklingen die alten neuen Lieder über den Fluren.
Für diese Lieder ist es niemals zu spät:

Die Gärtnerin sät.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Ihr Männer, ihr Söhne, aus den Schatten heraus,
ihr denkt, ihr habt euch die Welt zu eigen gemacht,
und all ihre Schätze an euch genommen,
doch was habt ihr wirklich hervor gebracht?

Leiden und Krieg, ihr „Väter aller Dinge“,
Frau Welt ist das nicht gut bekommen,
sie trägt um den Hals eine Schlinge
und alles, was sich selbst gehört, habt ihr an euch genommen,
dort hängt jetzt ein Schild mit der Aufschrift „Privat!“

Die Gärtnerin hütet die Saat.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Helden sind Diebe, sie kennen nur die Gewalt,
doch das Leben ist sich selbst ein Geschenk,
es überzieht die Erde in vielerlei Gestalt,
und ich trage Trauer, wenn ich bedenk:
Hat denn das Töten die Welt verbessert?

Die Gärtnerin wässert
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Wo ist denn das „Besser“, das früher war?
Alles Vergangene endete im Heute.
Soll das so weitergehen immerdar?
Die Welt für euch nur als Beute?
Ein Schatten hat sich auf alles gelegt.

Die Gärtnerin pflegt
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Dabei bringt die Erde so viele Früchte hervor,
die sie uns ganz freiwillig gewährt.
Nur bebauen und bewahren, dann steht vor dem Gartentor
kein Engel mit Flammenschwert,
da er das Schwertführen verlernte.

Die Gärtnerin schreitet zur Ernte,
sie erntet das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Am Ende des Reigens steht das Erntefest,
Wein wird gekeltert, im Ofen backt frisches Brot,
ach, wenn man uns bloß doch machen lässt,
dann leidet niemand mehr bittere Not,
Kerzen sorgen für Glanz.

Die Gärtnerin bittet zum Tanz.




Wer liebt kann auch tanzen

Wer liebt kann auch tanzen,
wer tanzen kann, tanzt für eine freie Welt,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
wir bewegen uns für das, was uns gefällt.

Wer liebt kann auch tanzen,
schwingen wir uns in den großen Reigen ein,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
es soll der Tanz für unsre Zukunft sein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir wollen nicht mehr stille sein:
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
bringen wir uns alle ein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir lieben diesen Stern, der uns gebor´n,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
noch sind Lieb und Freiheit nicht verlor´n.

Wer liebt kann auch tanzen,
die Welt soll Tanz und Frieden sein.
Bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
Tanz und Lieb und Freiheit soll die Zukunft sein.


Die Bilder sind von Eugeniuz Zak (1884 - 1926) und Alphonse Palumbo (1890 - 1947)

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö an Myrte Jilája, der Gärtnerin / Jonne Yrjö singt: Abschied und Neubeginn

 



Jonne Yrjö an Myrte Jilája, der Gärtnerin

Auf den Spinnweben übe ich Seiltanz, mit Schirmchen,
und ich flechte mir Seile aus Chronos´ drei goldenen Haaren,
wer rechnet die Zeit schon in Jahren?
ich spanne die Seile von Türmchen zu Türmchen,

vom Brunnen hinüber zum Apfelbäumchen,
der Fährmann rudert und rudert durch die Nächte,
ach, wenn ihm doch jemand die Botschaft brächte,
ach schüttle das Bäumchen, fällt herab ein Träumchen.

Ich brauche keine gebratenen Tauben ins Maul,
keine goldenen Äpfel zum Zähneausbeißen,
lieber Hans im Glück, als Peter und Paul,
oder wie diese ganzen Heiligen heißen.

Schöne Gärtnerin, wie duftet dein Rosengarten,
wie lächelt dein Thymian, dein Lavendel bei den Steinen,
ich werde auf dich bei der Quelle warten,
beim Pfirsichblütenwald, bei den deinen.



Jonne Yrjö singt: Abschied und Neubeginn

Ich möcht in Häusern ein- und ausgehen können,
begleitet von warmen Worten beim Empfang.
Ich möcht die Freuden jeden Tages dann benennen,
und sie erklingen lassen als Gesang.

Dann im Staunen jedes Herz erreichen,
welches mir entgegenschlägt.
Jedes Wort mit einem Lachen anzureichern,
so, dass es jedes Herz bewegt.

Selbst das Weiterziehen wird begleitet
von einem Lied, gesungen klar in Dur,
dass es mir den Weg froh vorbereitet,
Weg in mein eignes Herz, zu meiner eigenen Natur.


Anmerkung: "ich werde auf dich bei der Quelle warten, beim Pfirsichblütenwald" Jonne bezieht sich hier auf das chinesische Märchen 

Link: Die Quelle im Pfisichblütenwald

Die Bilder sind von Eugenius Zak (1884 - 1926)

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Geständnis / Jonne Yrjö singt / Das Brautlied der Gärtnerin Myrte Jilája

 



Jonne Yrjö: Geständnis

Ich bin nicht groß. Ich bin nicht artig.
Eher so, wie soll ich sagen?
Eher aus der Art geschlagen.
Allzu scharf macht schartig.

Ich bin nicht Schein. Ich bin nicht heilig.
Meine Freundin soll die Schlange sein.
Du sollst nicht vor ihr bange sein.
Ich hab es selten eilig.

Ich bin nicht frech. Ich bin nicht Dachs.
Ich gehe träumend durch die Gassen.
Die Liebe soll man lieben lassen.
Mein Herz in deiner Hand ist Wachs.

Es ist nicht Trübsal, was ich blase.
Ich bin nur ganz ganz selten fromm.
Und wenn ich aus der Kälte komm,
hängt ein Tropfen kalt an meiner Nase.




Jonne Yrjö singt

Ich sicher mir ein Himmelstürchen,
da ich einfach gar zu fröhlich bin,
das bleibt mir mein Allürchen,
dann klappt alles wie am Schnürchen
und ich leb und lieb so vor mich hin.

Ein jede Frau ist eine Aphrodite,
wenn sie mit liebenden Augen geschaut,
und alles, was ich biete
ist ein gutes Los ohne Niete,
ist der Satz: „Sei meine Braut!“,

Ich lasse mich vom Südwind treiben,
der ist so mild und so leicht,
es gibt Orte, da möchte ich bleiben,
möchte kleine leichte Verse schreiben,
bis aus deinen Augen die Trübnis weicht.



Das Brautlied der Gärtnerin Myrte Jilája

Männer gibt´s viele, gibt´s wie Sand am Meer,
daher komme mir nicht irgendwer.
„Die Frau an den Herd, die Welt ist mein“,
ich hoffe, Dir fällt Besseres ein,
ich bin ich, sei Du einfach nur Du,
und lasse die Welt in Ruh.

Die Wahrheit ist manchmal ganz schlicht:
ich teile nicht mit jedem Bett und Haus,
erobern kannst du mich nicht,
ich bin kein besetztes Land,
versuch es, dann fällt die Tür hinter Dir zu,
dann geh, aber lasse die Welt in Ruh.

Die Sorge um mich lass meine Sorge sein,
doch Hilfe nehme ich gerne an,
es gibt Dinge, die ich nicht so gut kann,
wickle das Söhnchen,
binde dem Töchterchen die Schuh,
aber lasse die Welt in Ruh.

Spiele Gitarre, dichte, singe und lache,
doch mach aus deiner Kunst keine Ware,
faulenze, schmiede die Hacke,
siede, koche und gare,
melke des Morgens die Kuh,
egal, aber lass die Welt in Ruh.

Armut schändet, Reichtum blendet,
hab genug von „Von oben herab“
Sei eine Stimme im Parlament
der Tiere, Pflanzen, Kinder und Frauen,
ansonsten höre still zu,
und lasse die Welt in Ruh.

Die Welt ist jetzt hier,
und ich bin bei Dir,
küsse mich sanft,
küss mich mit Leidenschaft,
Geliebter, Du,
und lasse die Welt draußen in Ruh.


Die Bilder sind von Eugenius Zak (1884  -  1926)


Dienstag, 9. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Einführung: ∞

 



Die Gärtnerin bittet zum Tanz

Gedichte, Geschichten und Lieder von
Myrte Jilája und Jonne Yrjö
und anderen

Gedichtet, gesammelt und aufgeschrieben vom Dingefinder

Erweiterte Fassung
Fredelsloh 2025

                    ∞


„Ideale sind wie Sterne, sie lassen sich nicht erreichen,
doch sie weisen uns den Weg“; wer zu allem immer nur nickt
wird vom Schicksal ins Schicksal geschickt;
und des weitren lässt sich streichen dieses ewige Vergleichen.

Wir Nornen ziehen Fäden aus den Hirngespinsten,
auch auf Spinnwebfäden lässt sich Seiltanz üben,
bist du leicht genug, kommst du unbesorgt nach drüben,
die Gedanken- und die Goldbeschwerten stürzen oft am schlimmsten.

Die Welt, die schuf sich einfach aus sich selbst heraus,
ohne großes Getöse, Vorstellung und Wille,
sie ging in die Unendlichkeit, weitete sich aus,

Vogel Phönix verließ das Weltenei als eine Hülle,
flocht im Baum des Lebens Nest und Haus,
und sank zurück in Traum und Stille.





Die Bilder sind von Eugeniuz Zak (1884  -  1926) und der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin 

Samstag, 30. August 2025

VorGänge - NachGänge / Aus meinem Notizbuch: Kinderspiele

 


Gestern durfte ich zwei sechsjährige Jungen beim Spielen belauschen, so en passant, während ich in der Küche werkelte. Jungs in dem Alter haben oft was für Kämpfe übrig. Wir haben dann in meiner Kindheit mit Stöcken, „Schwertern“, aufeinander eingedroschen, späte, etwas älter, kamen die Feuerwaffen dazu und Pfeil und Bogen, Cowboy und Indianer, Anschleichen, Marterpfahl und davon befreien, inspiriert von Winnetou und Old Shatterhand.

Doch, wie gesagt, davor waren es „Schwerter“. Die beiden Jungs in der Küche spielten auch Kämpfe nach, mit irgendwelchen Figuren, ich glaub Playmobil oder so was, doch da wurde nicht mit Feuerwaffen gekämpft und mit „Schwertern“, sondern es kamen Drohnen und Raketen zum Einsatz.Das eröffnete mir einen Einblick in die neue Zeit, und wie sie von Kindern absorbiert und verarbeitet wird. Ich weiß jetzt nicht, woher sie das Wissen um Drohnen haben, höchstwahrscheinlich von einem Computerspiel, denn an den Konsolen sitzen sie auch schon in diesem Alter.

Im Kinderspiel spiegelt sich die Zeit. Ich erinnere mich, dass meine Schwestern und ich eine Zeit lang ein Lieblingsspiel hatten, und das hieß „Über die Grenze“. Wenn meine Eltern nicht da waren wurde die Küche förmlich auf den Kopf gestellt, Stühle umgedreht, aus denen zusammen mit allen möglichen Gegenständen wie Kissen, Decken und Töpfen ein Parcours gebaut, den es zu absolvieren galt. Dabei musste man auf Wachmänner, Scheinwerfer und Hunde aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.

In diesem Spiel spiegelte sich wider, was wir über die Grenze zur DDR wussten und was wir über Flüchtlinge gehört hatten, die diese Grenze zu überwinden suchten. Es gab eine Zeit, da waren Berichte darüber allgegenwärtig und erreichte auch unseren kindlichen Kosmos. Heute also Drohnen und Raketen. Kyiv ist also gar nicht so weit weg von uns, es hat mittlerweile Einlass in unsere Kinderstuben gefunden. Als Zeitgeist.

Edit: Ein Spiel hatten wir auch noch, vom damaligen Zeitgeist beeinflusst, da wurde aus dem Sofa mittels Decken und Kissen eine Raumkapsel und wir flogen zu fremden Welten. Da gab es einiges zu entdecken. Heute möchte ich nicht mehr auf andere Welten, ich weiß aber, wen alles ich gerne dort hin schicken möchte. Mars lässt grüßen.

Donnerstag, 3. Juli 2025

Zur Erinnerung an Chaim Nachman Bialik: Licht

 



Licht


Einsam durchlebt´ ich den Morgen der Kindheit
Und strebte in Rätselwelten hinein,
Ich bangt´ aus der Tiefe der Welt nach dem Lichte
In mir war ein Fremdes wie gärender Wein,
Verstecke sucht´ ich und sank ins Betrachten,
Schien mir ein Seher, der Welten schaut,
Dort fand ich Freunde, empfing ihr Geheimnis
Und wahrte im Herzen, was sie mir vertraut.

Der Freunde wie viel! Jeder fliegende Vogel,
Der Bäume Schatten und Waldespracht,
Des Mondes keusches Antlitz im Fenster,
Der Keller, das Tor, welches knarrt und kracht -
Die Distel hinter dichtem Gezäune,
Der Strahl, den die Sonne zu mir gespannt,
Ein Lämpchen, ein Glas aus kristallenen Splittern -
Der Söller, die spinnwebdurchzogene Wand,
Süßgrauendes Dämmern in tiefen Brunnen
Und drin mein Echo und Spiegelbild,
Die Stimme der Uhr, die schneidende Säge
Im Holz, aus der´s wie ein Sprechen quillt,
Auch reife Birnen und herbe Äpfel,
Die nah´ in des Nachbars Garten hängen -
Der Bienen und Fliegen Summen und Drängen, -
Ich liebte sie alle, doch war mir nichts
So teuer, so hold, als die Geister des Lichts.
Im Sommer sah ich wohl solche Geister,
Wie leichte Cherubim, gezeugt im Glanz.
Wie sie zu Feld und zum Wasser schwebten,
Streifte auch mich ihr jubelnder Tanz,
Mich faßt´ ihre Wonne seelenbefreiend,
Zum erstenmal kindlich aufglänzte mein Blick.
Ich ward ihnen Freund, ihres Kreises Vertrauter -
Wir liebten einander in strahlendem Glück.

Am Morgen, ich bin noch schlummerumfangen,
Auf! pocht´s an mein Fenster, huschend und hell,
Noch bin ich nicht fertig, von Morgengesichten
Noch kaum ermannt, da blinzelt es: Schnell!
Kaum hab´ ich den Schuh, den verlegten, gefunden,
Ruft´s: Fort! Und geschwind! Die Sekunde verrinnt!
Und wie ich mich dränge, zu ihnen zu kommen,
Winkt´s: „In die Weite!“ Wir schweben, zerstreuen uns
Spielen und tollen im tauigen Grün,
Leuchten in Funken und reih´n uns in Perlen,
Auf grüner Decke rollen wir hin.

Dann sinken im Kreis wir, am Tau uns berauschend -
Jäh leuchtet in tausend Schimmern das Korn,
In tausend Lichtern strahlet das Grüne,
Mit sieben Augen lugt jeder Dorn.
An jedem Stachel Kristalle erzittern
Und bilden Säume aus dünnem Gold.

Da faßt das Lichtreich plötzlich ein Schwanken,
Daß Sonn` und Saphir wie durch Siebe nur blinkt -
Der Blick wird verdunkelt - das macht nur ein Kälblein,
Das leckend und fressend im Grase springt.
Nach Speise gräbt eine Kette von Hühnern,
Daß nickend die Häupter der Gräser beben -
Rings regt sich ein schwatzendes, gackerndes Leben.
Ich aber zitt´re im Glanz wie ein Vogel,
Die Seele im Netze des Lichtes gefangen,
Als ob feingoldene, zarte Fäden
An allen Gliedern mich fassen, umfangen.
Und neu verjüngt sich die leuchtende Kindheit,
Die Sonne des Sangs will im Herzen erstehen,
Ich selber möchte vom Kusse der Strahlen
Aufleuchten, aufjauchzen und selig vergehen.

Noch bin ich trunken, die Seele geschwellt,
Durchwoben vom Glanze, da tönt es: Zum Feld!
In leichtem Fluge der Geister Gemeine
Durchbreitet das Feld in blitzendem Scheine.
Auf Halmesspitzen, den spelzigen, hohen,
Die labungsdürstenden schweben und lohen.
„In diesem weiten Meere des Glanzes
O laßt uns, bis brennend der Mittag, uns baden,
Indes über uns wie Träume des Himmels
Ziehen der Wölkchen leichte Schwaden!
Jetzt birgt sie die Schar, als taucht´ sie in Fluten,
Jetzt blitzt sie empor zu jauchzendem Glüh´n,
Sie schütteln die Körper und schleudern wie Tropfen
Einer zum andern ihr Funkensprüh´n.

Es jauchzt das Gefild - wie im Schwunge von Schwalben,
Die schießen und zwitschern und eilend entflieh´n -
Viel leichtbeschwingte, hurt´ge Libellen
Auf lichten Flügeln blitzen und blüh´n,
Tanzen verweilenden Flugs auf den Garben
In weißen, roten und goldenen Farben,
Verschlungen im Glanz und wieder erglitzernd.
Es ist, als streut´ eine heitere Hand
Lebende Blumen über die Geister,
Die goldene Pfeile im Reigen besprengen -
Sie sprüh´n in Raketen, im Takt zu den Sängen
Des Heimchens, der Grille, der Feldmusikanten,
Die mit den Zimbeln zirpen und springen.
Die Luft, die glühende, schweigende schüttert,
Sie hüllt sich in girrendes Rauschen und zittert.

Schon müde des Lichts, den Weinberg durchrüttelnd,
Verkünden die Frohen: „Zum Weiher! vor!
Schon ward´s zum Verschmachten!“ - Sie schwingen die Flügel
Zum Weiher, gebettet in Schilf und Rohr.
In ruhigem Mittag die Wasser sich wiegen,
In Sonne und Schatten der Weiden gestreckt.
Hier ist es hell wie ein glatter Spiegel,
Es wölbt sich Azur, nur leise bedeckt
Von Wölkchen, zerfließend, wie Perlen so rein.
Die Welt ist verzaubert. Ein neuer Himmel,
Gekühlt die Sonne und reiner die Wesen,
Im Schleier ewiger Ruhe und Fülle,
Getaucht in die lauteren Wasser der Stille,
Und alles voll Leuchten, voll Frieden und Traum.

Und drüben Dunkel von dichten Schatten,
In Grün und in Frieden versunken die Flut,
Und beide Ufer bedecken mit Schatten
Die Welt, die stumm in der Tiefe ruht.
Da baden zwei Störche, ein weißer Schwan
Und schütteln und schwingen das nasse Gefieder,
Und alles gekühlt, voll Feuchte und Grün.

Dort wieder ein Meer von goldenem Glanze,
Lichtflecke und -brüche und leuchtende Falten,
Goldene Schuppen und glastende Ketten -
Zwei Sonnen, im Bruche der Wellen gespalten,
Wie reinen Kristalls ein glitzerndes Lohen -
Und alles blitzet und leuchtet und brennt.

Zum Weiher! Zum Weiher! In seligem Schrecken
Erschwankt all die Flut der goldenen Halle,
Daß Glanz um Glanz sich durchdringen, bedecken, -
Da regt´s sich in tausend Tönen und Farben,
Bewegt sich unten der wölbige Himmel,
Bewegt sich die Sonne und teilt sich in sieben,
Und sieben Sonnen im Tiefengetümmel
Küssen einander und mischen sich wieder,
Zerstückeln vollends. Ein Taumel umflicht
Jegliches Wesen im Chaos der Tiefe,
Im Flutmeer des Glanzes, im Ozean Licht.

In dieses Flammen und Glanzeswogen
Versank auch ich und sog von dem Lichte.
Wie kehrt´ ich wieder, gereinigt, geklärt!
An diesen tausend jubelnden Quellen
Zersprengte mein Inn´res in Meeresergüssen,
Vom Reigen der Klänge fortgerissen,
Die tausend seligen Harfen entschwellen.

Noch sitz´ ich, versunken, im Rasen des Weihers
Und seh´, wie die Welle sich sänftigt am Strand.
Noch wiegt sich ruhig auf ihrem Antlitz
Ein leichtes Zittern, macht funkeln den Sand,
Entzündet noch Zünglein und kleine Flämmchen
Und streut dazwischen ein leises Glimmen -
Es ist ein Glanz, der vertönt und erstirbt. -

Still wird der Weiher, sein Antlitz wieder
Wie früher schlummernd, glatt und durchhellt.
Und wieder zeigen sich deutliche Spuren,
Faltet sich unten im Schatten der Weiden
Im heimlichen Schilf eine schweigende Welt.
Dort drüben steht am Rande des Weihers
Bei leuchtender Flut ein Fischergreis,
Der hebt ein feines Netz aus dem Wasser,
Schüttelt es und in des Regenbogens
Farben blitzen die Tropfen im Kreis,
Als braute der Fischer in gleißenden Schalen
Zaubertränke mit goldenem Schaum.
Es springen zur Erde Tropfen und Blitze,
Aufleuchtet ein leichter und seliger Traum.

Plötzlich sah ich aus dem Teiche
Reih´ auf Reihe zart sich heben,
Auf die stille Fläche schweben
Kleiner Geister eine Schar,

Heil´ger Schwingen, rein und schön -
Ob sie sich nicht heut´ erst lösten
Von den Flügeln eines Cherubs
In den Höh´n?

Und noch blitzt aus ihren Augen
Höchstes Glänzen der Schechinah -
Wie sie Arm´ in Arme schlingen,
tönt ihr Singen:

Zu uns, du Knabe,
Zu uns, du Schöner
Und Lichtesdurst´ger,
Bis sinket der Tag!

Wir tauchen dich,
Wir tragen dich
Zu tief versunk´nen
Meeresschätzen.

Zu gläsernen Türmen,
Kristallpalästen,
Demant´nen Tempeln
Und Funkelsonnen

Mit Licht, durch sieben
Tage gehütet,
Tränken wir dich
Aus goldenen Kelchen.

Bis Licht dein Atem,
Bis Licht dein Schauen
In Herz und Bein
Dringt´s tief hinein

Von tausend Güssen
Und Strahlenküssen -
Viel sel´ger, ach!
Als du´s ertragen kannst.

Noch klang mir der feine Gesang in der Seele
Sie aber verschwanden im Waldesdicht,
Winkend mit dem letzte Blicke des Trostes,
Als gält´ es: Zum Morgen! - und nicht mehr in Sicht.
Und neulich war´s, nicht denk´ ich der Stunde,
Sah ich ihr Antlitz - von Ohngefähr -
Es schien voll Trübe und voller Erbarmen,
Ihr scheidender Blick aber sprach nichts mehr.

Und wieder weckt mich das Licht aus dem Schlummer,
Es sengt meine Lippen, es sticht meine Lider,
ich blicke zum Fenster und seh´ nur die Sonne -
Wie späh´ ich und harre - sie kehren nicht wieder,
Des Lichtes Gesang ist für ewig verstummt.

Nur tief im Herzen trag´ ich die Töne,
Unter den Lidern des Lichtes Gewalten.
Ich schöpfte des Lebens holdeste Träume,
Aus ihrem Auge die hehrsten Gestalten,
Am Quell vom Segen der Reine getränkt.

Ch. N. Bialik, aus: Gedichte, aus dem hebräischen übertragen von Ernst Müller, Buchschmuck von O. Herschdörffer, Jüdischer Verlag GmbH, Köln und Leipzig 1911

Chaim Nachman Bialik (jiddisch חיים נחמן ביאַלי , hebräisch חַיִּים נַחְמָן בִּיאָלִי , vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; geboren am 9. Januar 1873 im Dorf Radin, in der Nähe von Schytomyr, Russisches Kaiserreich; gestorben am 4. Juli 1934 in Wien, war ein russisch-österreichischer jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen.

Zudem übersetzte Bialik Shakespeares Julius Caesar, Schillers Wilhelm Tell, Cervantes’ Don Quichotte, Gedichte von Heine sowie Der Dybbuk des jiddischen Dichters Salomon An-ski ins Hebräische. Dabei war er sich der Grenzen des Übersetzens sehr bewusst: "Eine Übersetzung zu lesen sei wie die Braut durch den Schleier hindurch zu küssen."