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Montag, 13. Februar 2023

Von den Gärten der Erde - Elisabeth Dauthendey: Von den Gärten / Der arme Garten

 


Zum Beginn des neuen Gartenjahres: Ich möchte Auszüge aus einem Buch vorstellen, dessen Titel mich sofort ansprach, zumal mir die Schriftstellerin bekannt war: Von den Gärten der Erde - Ein Buch der tiefen Stille, von Elisabeth Dauthendey, Schuster & Loeffler, Berlin 1917

Spannend für mich ist auch das Erscheinungsjahr dieses Buches: 1917 - Es ist ein Kriegsbuch, auch wenn der Weltkrieg (damals wussten sie es noch nicht, dass es der erste sein sollte) dort nicht vorkommt. Es ist sowohl Sehnsuchtsbuch, das sich von der unerträglichen Welt abwendet, zugunsten eines kleinen, stillen Paradieses. Es ist jedoch auch ein Buch, das Stimmungen beschreibt, die ein Garten auslösen vermag, unabhängig von den Zeitläuften. Gerade ich als Gärtner weiß das. So mein Tipp: Dieses Buch mit in einen realen Garten nehmen, und zwischen den Gartenarbeiten sich ab und zu auf die Banke zu setzen, um darin zu lesen. Dann kann geschehen, was in diesem Buch beschrieben steht:

„Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.“

Elisabeth Dauthendey, geboren am 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; gestorben am 18. April 1943 in Würzburg. Erfolgreich war sie vor allem mit ihren Märchen und Novellen, die eine mythische bis mystische Phantasiewelt entwarfen. Ihr Halbbruder war der Dichter Max Dauthendey.

Als „Halbjüdin“ drohten Elisabeth Dauthendey ab 1933 Berufsverbot und Verfolgung durch die Nazis. Sie versuchte dieser Gefahr mit konsequenter schriftstellerischer Enthaltsamkeit zu begegnen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Lebensjahre waren deshalb von erheblicher finanzieller Not gekennzeichnet. Sie starb in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Das Foto zeigt eine Malerei an der Einfahrt des Verein der Gartenfreunde am Mittelwischweg e. V. Bremen, aufgenommen 2011

Von den Gärten

Trunken von Sonne und Erdenschöne kehre ich heim von meinen Wegen, die mitten durch die prangende Herrlichkeit stiller Gärten führen. Ich will euer Lob singen, ihr Gärten, ihr Gottesgaben, dem Sterblichen gegeben zu tiefer, süßer Lust, zu seliger Einkehr in sich selbst, zu heiliger Ruhe, die den Frieden kennt.

Wo anders kommt die Stille dir so nahe wie in deinem Garten, wo du nur dich und das deine fühlst und dein Sinn mit allem Naturgeschehen sich geheimnisvoll verbindet und du mit Werden und Sein täglich neue Nähen feierst. Hier schaust du in die Stille wie in einen tiefen Brunnen, in dem unausschöpfbar selige Quellen rauschen.

Hier steht die Zeit still. Vor den Pforten deines Gartens lässt du sie zurück.

Drinnen ist Ewigkeit. Sie nimmt dich in ihre Weite, und in ihrer Unendlichkeit ruht deine Seele aus von Raum und Zeit und findet heim zu sich selbst, erkennt sich wieder und nimmt sich selbst in Besitz.

Was dir auch das Leben tat. Was es an dir verbrach und zerbrach – hier wird es hell, und neu, und selig genesest du zu deiner eigenen Reine und Stille zurück.

Denn hier ist nicht Leben, hier ist Sein.

Das Sein, aus dem all Leben kommt, zu dem all Leben mündet, an dessen heiliger Schwelle du dich als Einzelwesen aufgelöst fühlst in die Ewigkeitswellen tiefster letzter Erkenntnisse. Weltfern und erdennah bist du und aufgetan wie ein leuchtender Spiegel jeder sanften Stille, die aus dem Meere flutender Schönheit an die Ufer deiner Seele rührt.

Du spielst mit dem dinglosen Sein, und die bangsten Rätsel des Lebens lösen sich von ihrer Schwere und binden sich mit Schatten und Licht, mit Wolken und Duft, mit jedem seligen Scheine, zu dem die große Stille alle Wirklichkeit erlöst, zu jenem Rausch von Sicherheit und Kraft, in der du dich und das andere in tiefster Lust erfaßt und erkennst. –

Das tut dir dein Garten.

Und jeder Garten tut so dem, der ihn liebt.

Jedem nach seinem Sein gibt er seine besondere Fülle.

Je nach der Höhe deiner Art öffnet er dir die Tiefen der Erkenntnis und Schönheit. –

Und so spiegelt jeder der allerlei Gärten, durch die ich, trunken von Sonne und Erdenschöne, hinwandele, ein ander Angesicht wieder. Wenn ich in einen Garten schaue, sehe ich das Antlitz dessen, der in diesem Garten waltet, und das Bild seines Wesens wird mir bekannt.

Ich will erzählen von einigen Gärten, die am Wege blühen, aus deren versonnener Stille und heimlicher Verschwiegenheit tausend klingende Stimmen zu mir reden von den Herzen und Händen derer, die hier ihre stillsten Träume suchen und ihrer Sehnsucht Fernen zur Nähe zwingen.

Jeder spricht eine andere Sprache und verrät in seinem tiefen Schweigen die letzten Dinge unserer Seelen.

Und von Gärten will ich erzählen, die ich an meinen Lebenswegen fand, die wie Tempel der Schönheit des Menschen Schritte begleiten und ihre Seelen zur Andacht der Stille verführen, zur heiligen Stille, die die Brücke zu den fernen Geheimnissen des Lebens ist.


Der arme Garten

Der arme Garten.

Doch nein, ein Garten ist immer reich.

Schaut nur hinein in sein Blühen in allen Winkeln und die goldene Sonne auf allen Büschen und Bäumen.

Nein, der Garten ist nicht arm, aber der, dem er gehört, ist es.

Doch nein. Wer je einen Garten zu eigen hat, ist nicht arm, denn er hat viel und überviel an jedem lichten Schein, an Blühen und Duften, am Spiel der Schatten und Flattern der Vögel.

So kann ich ihn nicht arm nennen.

Und doch ist es kein Garten des Reichen.

So will ich doch lieber der arme Garten sagen, denn er ist immer noch reich genug, um es mir zu verzeihen. –

In diesem, kleinen grünen Raum ist's gar lauschig und froh. Alles steht bunt und dicht beieinander, es ist gar wenig Platz, und nichts kann sich so recht breit machen. Nur der Apfelbaum steht mitten im Raum wie ein König und breitet seine Äste weit über das blühende Wiesenstücklein, auf dem das allerlei Blühende ihm zu Füßen liegt wie die Untertanen dem Könige, und sie senden ihren Duft und ihre Schönheit zu ihm auf und winden und wenden sich im spielenden Sommerwinde, daß er seine Freude an ihrem Wiegen und Wehen hat.

Ja, der schöne Apfelbaum ist der König dieses Gartens.

Wie sind seine Äste voll roter, lachender Früchte, Ast auf Ast ab sitzen sie einander gegenüber, vorsichtig sich gegenseitig Platz machend, daß keiner den andern stört, immer größer und schöner zu werden in dem heißen Sonnenbade. Und wenn der Wind kommt, ducken sie sich zusammen, daß ja keiner vorzeitig abfalle, damit die gütige Frau, die sich ihrer so freut, nicht traurig wird um sie, wenn sie zu früh im Grase liegen.

Man kann sie fast zählen, so deutlich sitzen sie an den Zweigen, und ich glaube, die gute Frau hat sie auch gezählt und die Äpfel machen ihr diese Freude so recht bequem.

Da sind auch noch einige Büsche am Zaun entlang. Rote Beeren leuchten im grünen Laub, und auch diese sieht man so deutlich, weil der Raum so klein und der Büsche so wenige sind; so sieht es aber viel reicher und üppiger aus als im stolzen Garten nebenan, wo man vor lauter Gebüsch kaum zu den Beeren schaut.

Und all die vielen kleinen Beete, reinlich und von guter Hand liebevoll behandelt, stehen sie da und halten die schönsten Dinge feil, daß einem ganz leckerhaft zu Sinne wird.

Salat und Möhren, Zwiebeln und Lauch, duftende Kräuter die Menge, alles eilt sich und wächst und gedeiht und steht voll fröhlichem Lachen im Sonnenblust und freut sich auf den Augenblick, da die gute Frau herein kommt; und dann lachen sie sich gegenseitig an, die gute Frau und all das Grünzeug umher, sie kennen einander gut, hat sie doch täglich bei ihnen an der Erde gekniet und sie sorgsam und linde gehütet vor allen Übeln, die Unkraut und feindliches Getier ihnen zufügen wollten. Und am Zaun entlang laufen geschäftig die roten Blüten der Bohnen und die weißen der Erbsen, hinauf und hinunter, daß der Zaun fast wachsen möchte, um ihnen Raum zu machen und der guten Frau eine reiche Ernte zu bringen. Auf und ab laufen sie und fangen einander und spielen mit einander, so daß kaum mehr eines der Gewinde weiß, ob dies seine eigenen Blüten sind oder die des andern. Und in den vier Winkeln des Gartens stehen hoch und stolz vier Sonnenblumenstöcke; mit ihren großen, tiefen Sammetaugen blicken sie über den Zaun hinaus in die Welt umher und träumen von der Ferne und der Sehnsucht und erzählen denen unten, die ihnen kaum an die Knie reichen, die Märchen, die sie da draußen erlauschen.

Und so sauber und fein die gute Frau ihren Garten hält, etliche Ecklein stehen doch voll süßen Unkrauts. Sie tut, als sähe sie es nicht und freut sich im stillen seiner Angst, wenn sie an ihm vorübergeht und es verstohlen zu ihr hinblickt, ob sie ihm wohl noch einen Tag des fröhlichen Lebens im sonnenwarmen Garten lassen wird. Aber es braucht keine Angst zu haben, all dies unordentliche bunte Geblüh ist der guten Frau allerheimlichste Lust. Sie darf es all das andere liebe Gezeug ja nicht merken lassen, das da so treu und fromm wächst und gedeiht zu ihrem täglichen Gebrauch – aber diese Winkel voll unnützer Buntheit liebt sie mit einer ganz besonderen Liebe; und ich glaube, wenn es nicht von selbst so üppig immer wieder heranwüchse aus der lachenden Erde, würde sie heimlich einigen Samen der Wildlinge ausstreuen aber ganz heimlich, daß es der Apfelbaum und all die übrigen braven Dinge nicht wissen würden, denn sie könnten ihr böse werden, und plötzlich aufhören, für sie zu wachsen und Früchte zu tragen.

Ach da ist ja auch noch ein kleines, ganz kleines Kartoffelbeet mit leuchtenden Lilablüten und kleinen gelben Flämmchen darin, und über den Zaun hängt ein schwerer Vorhang blühenden Goldregens aus dem Nachbargarten herein. Und es ist ein Gesumm und Gebrumm von Bienen und Hummeln zwischen all dem Grünen und Blühen.

Die schwebenden Farben der Schmetterlinge spielen über dem blühenden Gewirr und sehen selbst aus wie Blüten, die sich vom Stengel lösten. Der sanfte Hauch ihrer wundersam leichten Bewegungen ist wie das letzte Ausatmen der sommerlichen Schönheitslust. Ringsum zwitschert es und flattert es von jungen Vogelstimmen und schnellen Vogelflügeln.

Und in der Dämmerung sitzt eine Nachtigall im Nebengarten in den hohen Bäumen und singt über all die Gärten hin ihre göttlichen Gesänge, und da wird es überall still, und ein tiefes, seliges Schweigen liegt auf Baum und Strauch und allem Blühen, und der kleine Garten hat seinen Teil an diesem Feste wie all die andern umher.

Und dieser Garten sollte arm sein –

Nein, nein. Eine Last von Schönheit trägt er.

Eine Welt von Stille, Frieden und Lust lebt und atmet in ihm.

Des seligen Segens voll ist dieser enge Raum. –

Und die kleine Türe knarrt.

Die gute Frau tritt ein.

Es ist Abend. Die Arbeit ruht.

Das Feierliche in ihr will seinen Sabbat haben.

Und so tritt sie in ihren Garten. Ihr Eigentum. Ihre Freude, ihre tiefe Lust, ihr Dank, ihr Glück, ihr Gebet.

Sie weiß das alles nicht so mit Namen zu nennen.

Aber wenn sie nun hinsinkt auf das enge Bänklein unter dem abenddunklen Apfelbaum, müde von des Tages Last und Lebens Schwere, da löst sich etwas auf in ihr, und es wird frei und leicht und schwebend in ihrer Seele, und es ist wie ein Lied in ihr, ein Lied, das zum Himmel reicht und die Erde küßt und wie ein Licht mit ihr geht, wenn sie zu ihrem ärmlichen Heim zurückkehrt. –

Nein die gute Frau ist nicht arm.

Und der kleine Garten auch nicht.

Wem ein Garten gegeben ist, ist immer reich.

Denn der kleinste Garten kann voll des schwersten Segens sein – je nach dem Herzen, der sein hütet.


Sonntag, 12. Februar 2023

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche: Selig nehmen

 


Selig nehmen

"Geben ist seliger denn nehmen", dieser Satz ist bekannt, selbst Menschen, welche nicht gerade bibelfest sind. Es scheint auch irgendwie ein geheimes Einverständnis unter den Menschen zu sein, dass dieser Satz eine echte Tugend in sich birgt. Der Gebende, der den Armen gibt, die Reichen, die zwar nicht durch das Nadelöhr in das Himmelreich kommen, doch sich durch seliges Geben einen Teil davon erwerben können.

Ja, erwerben. Denn: Wenn geben seliger denn nehmen ist, was ist dann mit der Seligkeit der Nehmenden? Müssen sie sich dankbar mit den Brosamen zufrieden geben, welche ihnen gegeben wurden, weil, durch welche Umstände auch immer, sie in die Position der Nehmenden gelangt sind? Und ist der Preis für das Nehmen nicht etwas hoch, wenn dadurch Seligkeit verloren geht? In Zeiten anwachsender Armut und in den Ohren von Hartz IV (oder neuerdings Bürgergeld) - Empfängerinnen und - Empfängern muss dieser Satz eigentlich zynisch klingen.

Kaum jemand ist gerne in dieser Situation des Nehmenden, und muss sich dann noch auf der Unseligeren Seite der menschlichen Gesellschaft wieder finden. Eigentlich ist solcherart Nehmen doch ein Geschenk der Nehmenden an die Gebenden. Wenn die letztlich dadurch mehr Seligkeit erhalten, wer gibt und wer nimmt denn eigentlich?

Mir ist noch kein Mensch begegnet, der nicht irgendetwas zu geben hätte, und sei es ein Lächeln, einen lustigen Witz oder das Wissen, wie man eine festsitzende Schraube löst. Gibt es denn in einer funktionieren menschlichen Gemeinschaft nur die Seligkeit der Gebenden und die, welche nehmen? Selig ist das Nehmen und Geben, und ein jede und ein jeder Nehme und Gebe mit Freuden.

Diesen Artikel schrieb ich im Oktober 2013, ich hab ihn wieder herausgekramt, da sich meine Einstellung zum Geben und Nehmen nicht geändert hat. Damals endete er so:

Ich nehme mir für heute frei und erfreue mich am milden Herbst und einen lustigen Nachmittag mit meinem Sohn. Der gab mir schon so viel im Leben, dass ich mich als Nehmender wahrlich selig fühle. Und: Es gibt eine Vielzahl Menschen in meinem Leben, bei denen ich so fühle.

Heute ist mein Sohn ein erwachsener junger Mann, und er gibt und nimmt immer noch. Die Illustration zeigt übrigens eine Delfter Kachel, wohl aus dem 19. Jahrhundert, die vormals im Treppenhaus meiner Großeltern die Wand schmückte, zusammen mit vielen anderen. Als Kind habe ich in diesem Treppenhaus oft gestanden und mir die vielen Bilder angeschaut.


Selig nehmen

Wie mich der Garten still umfing,
als die lange Nacht zu Ende war.
Beruhigend grün im Morgensonnenschein.
Ein leiser Wind fuhr durch mein Haar.

Blüten glänzend aus der Wildnis,
die sich wuchernd aus sich selbst gebar.
So übernahm ich das Vermächtnis,
während ich die Bäume lächeln sah.



Freitag, 10. Februar 2023

Über Ziegen


Ziegen sind neben dem Hund die Tiere, die sich am frühesten dem Menschen anschlossen. Das ist für mich nicht verwunderlich, sind es doch mit die nettesten Haustiere, die ich mir vorstellen kann. Neugierig sind sie, und dem Menschen zu gewandt. Ein Ziegen haltender Freund sagte mir einmal, dass die Ziegen eher zum Menschen hin gingen, denn vor ihm flüchten. Wenn Ziegen scheu sind, dann werden sie nicht richtig gehalten.

Ich selber durfte Mitte der Achtziger meine eigenen Erfahrungen mit Ziegen machen, denn zu dem kleinen Hof in Ostfriesland, welchen wir als Gruppe übernahmen, gehörte auch eine kleine Ziegengruppe, fünf Muttertiere und ein Bock. Mir oblag es, sich um diese Tiere zu kümmern.

Ziegen leben nicht in Herden, sie leben in Gruppen. Und: Es sind wirklich die Ziegen, welche in Gruppen leben, die Böcke streifen einzelgängerisch durch das Land und treffen die weiblichen Tiere nur in der Paarungszeit. Auch wir hatten den Bock, Pan hieß er, in einem eigenen Stall gehalten. Schon aus dem Grunde, dass er etwas streng roch, und sich das Odeur auf die Milch übertragen hätte. Denn unsere Ziegen waren unsere Milchlieferanten. Wir stellten dann daraus Ziegenkäse her.

Innerhalb der Ziegengruppe gibt es eine Leitziege. In der Zeit, wo ich die Gruppe übernahm, stand dort gerade ein Wechsel ins Haus, die alte Leitdame namens Frieda wurde abgelöst von einer kräftigen Ziegenfrau mit dem Namen Gazelle. Das ging nicht ganz unfriedlich ab, und Frieda zeigte einige Zeit nach der Absetzung Anzeichen von Depression, bis sie sich in ihre neue untergeordnete Rolle eingefügt hatte.

Nachdem ich einige Zeit vom Vorbesitzer der kleinen Gruppe angelernt worden bin, musste ich meine Rolle als neues "Leittier" in der Gruppe finden. Das war nicht ganz einfach. Als ich das erste Mal alleine melkte, bekam ich das zu Spüren. Andauernd hatte ich wieder einen Ziegenfuß im Melkeimer, Frieda machte sich einen Spaß daraus, mich auszutesten. Und während ich immer hilfloser wurde, und das wohl spürbar war, meckerte die ganze Bande fröhlich, ich fühlte mich wie ausgelacht.

Unsere Ziegen kamen nach einem morgendlichen Hütegang in einem Buschland, welches zu unserer Hofstatt gehörte auf die Weide. Wir hatten drei Koppeln, damit die Ziegen immer eine nach und nach abweiden konnten. Auf der mittleren Koppel befand sich, noch einmal durch einen Zaun abgetrennt, der Hühnerstall mit dem dazugehörigen Scharrgehege.

Ich war noch verhältnismäßig unvertraut im Umgang mit den Tieren, alles war für mich neu, als ich eines Abends zum Füttern der Hühner das Scharrgehege durch das Tor im Zaun betrat. Ich schloss hinter mir das Tor, doch wohl nicht genügend. Denn schon nach kurzer Zeit stand hinter mir Gazelle, die mittlerweile die Leitziege war, hinter mir im Scharrgehege und knabberte fröhlich den für die Hühner gedachten Mais. An diesem Tag befand sich die Ziegengruppe auf der mittleren Koppel.

Ich packte Gazelle bei den Hörnern und komplimierte sie aus dem Hühnergehege. Unsere Ziegen waren thüringische Bergziegen, mit Hörnern, und ich fand die "Griffe" am Kopf schon immer praktisch. Ich wandte mich wieder dem Hühnerfüttern zu, doch schon nach kurzer Zeit kam mir Gazelle wieder ins Gehege. Wortwörtlich. Noch einmal packte ich sie, und verfrachtete sie auf die Koppel.

"Dreimal ist Bremer Recht", und so sollte es auch hier ein drittes Mal geben. Nur ließ sich diesmal Gazelle nicht so einfach bei den Hörnern packen, sondern lief immer hübsch rundherum um das Hühnerhaus, und ich wie ein Depp hinterher. Bis ich einfach die Richtung wechselte und ihr entgegen kam. Den Trick kannte sie noch nicht, und so konnte ich sie ein drittes Mal packen.

Ich also mit dem Vieh an den Hörnern hinter mir her auf die Koppel, wir beide waren wohl schon etwas wütend, ich für meinen Fall sicher. Gazelle wohl auch, denn als ich sie los ließ, da stellte sie sich auf die Hinterbeine, ließ einen Schnarchlaut hören und schlug mit den Hörnern nach mir. Da wurde es mir doch zu bunt. Noch einmal packte ich sie, führte sie trotz ihres sich Wehrens zu Boden und fixierte sie mit einem Bein. So hielt ich sie eine Weile, bis meine Wut verraucht war.

Dann ließ ich sie wider los, sie stellte sich auf. Zuerst wollte ich ins Hühnergehege zurück, doch dann machte ich kehrt, denn ich wollte die Sache so nicht stehen lassen. Ich setzte mich in der Hocke vor Gazelle, so dass wir Aug in Auge zu einander waren. Ziegen haben faszinierende Augen mit wunderlichen rechteckigen Pupillen. Etwas Geheimnisvolles liegt darin.

Nachdem wir uns eine Weile angeschaut hatten, begann ich zu reden. Ich erzählte ihr, dass ich das so wirklich nicht wolle, diesen Kampf und Krampf, und dass mir an einem friedlichen Zusammensein gelegen sei. Das alles und mehr redete ich mir von der Seele, während ich Aug in Auge mit der Leitziege dasaß.

Dann ging zurück zum Hühnergehege und streute weiter mein Futter. Ich beobachtete, wie sich Gazelle erneut dem Tor zum Gehege näherte. Ich ging zu diesem Tor, und wieder schauten wir uns an, ich auf dieser Seite, sie auf der anderen. Dann grinste sie mit einem Male, Ziegen können einen wundervoll frechen Gesichtsausdruck annehmen, stupste mit ihren Hörnern an das Tor gemäß dem Motto "Wenn ich wollte, könnte ich", grinste noch einmal, wendete sich und ging ihrer Wege.

Nach diesem Ereignis war ich als "Leitziege" anerkannt, es entwickelte sich ein vertrauensvolles Beisammensein mit den Tieren. Ich hatte sie in mein Herz geschlossen, die liebenswerte Bande. Und beim Melken hatte ich auch keine Probleme mehr.

Eine Ziege und noch ´ne Ziege. . . 

. . . das macht zusammen zwei, und wenn die sich zusammen tun, dann gibts ´ne Ziegelei!" sangen wir als Jugendliche schön laut und schön falsch. Dass ich später einmal eine solche "Ziegelei" haben sollte wusste ich noch nicht. Zwar wollte ich als geborenes Stadtkind unbedingt "aufs Land", doch hatte ich keine Vorstellung, wie das "aufs Land" aussehen würde. Später war ich dann auf dem Lande und pflegte die kleine fünfköpfige Ziegenschar, welche wir vom Vorbesitzer übernommen hatten.

Nachdem ich mich, wie berichtet, mit der Leitziege mit dem Namen Gazelle angefreundet hatte und sozusagen als "Ziege ehrenhalber" in die Gruppe aufgenommen war, hatte ich mit den Tieren eine gute Zeit. Ziegen sind fröhliche und kluge Tiere, und sie stimmen fröhlich. Unser damals drei Jahre alter Joscha konnte stundenlang im Frühjahr vor der Ziegenkoppel stehen und sich kringelig lachen ob der Sprünge und Kapriolen der Lämmer. Dass mir die Tiere neben so schönen und heiteren Stunden auch eines meiner schmerzhaftesten Erlebnisse im Leben bescheren sollten, das lag noch in weiter Ferne. Davon später.

Eine Begebenheit ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben, da sie das Verhältnis Tier / Mensch auf besondere Weise beleuchtet. Wir hatten hinter den Mahdwiesen ein Buschland, ideales Terrain, um dort die Ziegen weiden zu lassen. Nun war das Land, welches zu unserem Hof gehörte, nicht eingezäunt, und meistens ging jemand von uns mit, um ein oder zwei Stunden die Ziegen dort zu hüten. Ich selber tat das sehr gerne, denn in der Ruhe des Buschlandes, nur mit den paar Ziegen, die wählerisch hier knabberten und dort sich ein Kräutchen zupften, das war Entspannung pur.

Nur manchmal hatten wir keine Zeit dazu, mit zu gehen, und dann konnte schon passieren, dass wir das letzte Koppeltor einfach öffneten und die Tiere allein ins Buschland laufen ließen. Das hatte an diesem Tag B. getan, und als sie über die Koppeln zurück zum Haus ging, kam Gazelle, die Leitziege hinter ihr her gesprungen. Gazelle umkreiste B. einmal, zweimal, lief ein Stück zurück Richtung Buschland, und begann mit diesem Tun wieder von vorn. B. verstand: Sie sollte mitkommen.

Angekommen bei der Gruppe, stand der Rest der Ziegenschar in einer Reihe oben und schaute wachsam in eine Richtung. Als B. mit Gazelle dort ankam, verteilte sich die Gruppe und begann zu äsen. Irgendetwas muss dort oben gewesen sein, ein Hund vielleicht, was den Tieren nicht geheuer war. So wurde dann Hilfe geholt bei den Hütern der Herde.

Es gab zu der Zeit kaum Hafer in den Mengen in Bioqualität als Tierfutter zu kaufen, wie wir es benötigten. Da ich bei einem alten Bauern das Aussäen und Ernten von Hand des Getreides erlernt hatte, machte ich mich daran, einen Teil der Wiesen umzubrechen und dort Hafer und Roggen aus zu säen. Hafer für die Tiere und Roggen für uns. Wir hatten im Sommer eine reiche Ernte, und konnten den Hafer in Garben verfüttern, was zur Folge hatte, dass die Ziegen auch einiges von dem Stroh mit fraßen. So gesund wie in dem Winter war die Herde vorher nicht. Das Fell aller Tiere nahm einen ausnehmend seidigen Glanz an und alle kamen ohne Ziegenschnupfen durch den Winter. Unsere Ställe am Haus waren unbeheizt, und wenn es sehr kalt war, war morgens schon einmal das Wasser in den Wassereimern gefroren.

Einen Effekt hatte diese Umstellung jedoch: Wir konnten die Ziegen im Sommer nicht mehr zum Hüten bringen, schließlich hätten sie dann durch die Getreidefelder laufen müssen. Zwar behalfen wir uns, dass ich ein- bis zweimal am Tag Zweige schnitt von Birke und Esche und Erle und was sonst dort wuchs, und den Ziegen in die Koppel brachte, was sie auch dankend annahmen. Doch ersetzt das nicht, was die Ziegen sich nach eigenem Gusto suchen. Wir spürten das an der Qualität der Milch. War die Milch vorher fast sämig und von einem süßen Geschmack, mit einer Kokosnote, wurde sie ohne die selbstgesuchten Kräuter eine Milch, die, na, die eben nach Milch schmeckte. Nicht schlecht, nicht gut, aber nicht mehr so unvergleichlich.

Schön war es zu beobachten, wenn es so weit war, wie die Ziegen sich einem Bock zuwandten. Unser Bock, der stattliche Pan, durfte dann jeweils mit einer Dame auf die Koppel. Da war kein dösiges Gerammel, es war ein über mehrere Stunden sich hinziehendes Liebesspiel, voll zärtlicher Neckereien, "Küsschen", Umspielungen und sanftem Knabbern. Die Tiere ließen sich ausgiebig Zeit, das zu genießen. Was sicher für ihre Intelligenz spricht.

Konsequent zu sein hat Konsequenzen. Ich hatte mich für die Tierhaltung entschieden, für Hühner, Ziegen und Bienen. Wenn dann im Spätwinter und zeitigem Frühjahr die Lämmer geboren wurden, begann eine anregende Zeit. Die Ziegen brauchten für das Gebären weder unsere Unterstützung noch einen Tierarzt. Je ausgewachsener Ziege gab es zwei Lämmer, die jüngeren, die das erste Mal lammten, brachten meist nur eines. So kommt bei fünf Ziegen einiges an Lämmer zusammen, und die Hälfte davon sind Bocklämmer.

Die lassen sich nicht alle als Zuchtböcke verkaufen, auch wenn wir teilweise Herdbuch führten. Das eine oder andere verkauften wir auch an jemanden, der Lammfleisch zu schätzen wusste. Ich selber wollte das nicht mehr so. Wir aßen ja selber Fleisch, und außerdem wollte ich mich auf die Probe stellen. Entweder, sagte ich mir, du gehst den Weg konsequent zu Ende, oder aber du lässt den Verzehr von Tierprodukten ganz. Ich entschloss mich aus diesem Grunde, selbst zu schlachten.

Die ersten Hähne schlachtete ich noch im ersten Winter auf unserem Hof. Das ging verhältnismäßig einfach, ich hatte keine große persönliche Bindung zu den Gockeln, und durch den Winter fütterten konnten wir sie nicht. Sie wurden unsere Festtagsbraten. Ich versuchte immer, vorher so viele der Hähne wie möglich an andere Halter zu verkaufen. Nur zum Schlachten wollte ich das Verkaufen nicht mehr, das war mir zuwider. Es erschien mir irgendwie scheinheilig.

Das Schlachten mehr ist als einfach nur "Kopf ab" und dann eine Zeit ein mulmiges Gefühl im Bauch, welches durch den darauf folgenden Braten gemildert wird, durfte ich anhand eines weißen Hahnes dann erfahren. Dieser war besonders schön, und ich bot ihn im Freundeskreis und via Zeitung an wie Sauerbier, doch niemand brauchte einen weißen Zuchthahn. Eines Tages rettete ich das Tier, es war aus dem Hühnergehege ausgeflogen, aus dem Maule eines Hundes. (Das Entkommen gestaltete sich folgendermaßen: Der Hahn flog zuerst auf den Rücken einer am Zaun stehenden Ziege, dann auf die Hörner und dann ab über den Zaun. Das nennt sich gelungene Zusammenarbeit).

Meine Rettungsaktion hatte zur Folge, dass der Hahn zu mir, dem Retter, Vertrauen gewann. Als ich ihn dann des Abends zum Schlachten abholte, kuschelte er sich ganz vertraulich in meine Armbeuge, ein Streicheltier. So miserabel hatte ich mich vorher noch nie beim Schlachten gefühlt, und dieses Mal ging es nicht spurlos an mir vorüber. Ich hatte einen Vertrauensbruch begangen. So fühlte ich mich. In meiner Seelennot ging ich zu einer Erlengruppe auf unserem Land, die ich schon immer als "magisch" empfunden hatte. Wenn die Elfen bei uns wohnen sollten, dann dort.

Dort streute ich Mais und hängte als Opfergabe einige zusammengebundene Blätter vom selbstgezogenen Tabak und vom Salbei hinein, beides heilige Pflanzen der Indianer, das wusste ich; und sprach ein Dankgebet. Ich lernte unmittelbar, was die Menschen, welche noch nicht der Beseeltheit der Natur entwachsen waren, wohl empfinden mussten. Es war ja keine christliche Beichte oder so etwas, ich wollte auch keine Absolution für mein Tun. Nein, das musste ich schon selbst verantworten und tragen. Doch ich wollte mich irgendwo hin wenden und meine Dankbarkeit bekunden, dass uns diese Gabe angetragen worden war. Es war eine Art Seelenreinigung, die ich zelebrierte. Erst dann war es mir möglich, vom Fleisch des Hahnes zu essen.

Interessant übrigens war, dass am nächsten Tag von meinem Kräuterbündel noch die Tabakblätter hingen, der Salbei jedoch fort war. Von den Elfen oder von was auch immer geholt, schien es mir. Zuerst meinte ich, dass die Zeit der Indianer wohl überholt sei, und dass der Salbei die heilige Pflanze der Zeit wäre. Das wurde mir so deutlich gezeigt. Heute würde ich eher sagen, dass Pflanzen, die profan gebraucht werden, wir waren fast alle Raucher und Raucherinnen in unserer Gemeinschaft, sich für das Sakrale nicht mehr eignen.

Die Hähne zu schlachten hatte ich gelernt. Bei den Ziegenlämmern wollte ich eine Fachperson dabei haben und fand sie bei uns im Dorf. Ein feinfühliger Schlachter (ja, so etwas gibt es!), der mir zur Hand gehen wollte und mich lehren, wie man diese Tiere schlachtet und dann fachgerecht verarbeitet. Im ersten Jahr würde er Schlachten und ich assistieren, im zweiten Jahr umgekehrt, das war die Abmachung.

Im ersten Frühjahr war eines der Bocklämmer dran, das uns von einer noch jungen Ziegendame geschenkt worden war. So stand ich geborenes Stadtkind, das eigentlich kein Blut sehen konnte, tapfer neben dem Schlachter und assistierte. R., der dem Erlebnis auch beiwohnen wollte, war nach kurzer Zeit verschwunden. Ihn fand ich später, bleich im Gesicht wie eine ungestrichene Rauhfasertapete und mit einer Flasche Korn in der Hand, in der kühlen Badewanne liegend. Ihm ging es ganz offensichtlich nicht gut.

Ich überstand das Geschehen einigermaßen unbeschadet und übernahm dann auch die Zubereitung des Fleisches. Drei Tage aßen wir davon, wir und unsere Gäste. Im folgenden Jahr war ich "dran". ausgerechnet in dem Jahr war es ein Bocklamm von meiner Freundin Gazelle, der Leitziege. Schon, als ich es aus dem Stall holte, und dabei Gazelle in die Augen sah, wusste ich, dass sie wusste, was da geschah. So begann eines der schmerzhaftesten Erlebnisse meines Lebens. Wir, der Schlachter, der mir nun die Handreichungen darbot, und ich, stellten das Lämmchen auf einen Tisch, gaben ihm etwas zu fressen, und noch während es fraß, traf es der Betäubungsschlag des Hammers.

Es meckerte noch einmal kurz auf, in den Augen Ungläubigkeit, dann musste ich das Messer ansetzen. So elend war mir selten in meinem Leben gewesen. Den gesamten darauf folgenden Tag musste ich alleine sein, konnte auch nicht die Ziegen besuchen. Nur gut, dass B. das Melken und Füttern übernehmen konnte. Als ich wieder zurück zu meiner Ziegengruppe in den Stall kam, wusste ich, dass das Verhältnis sich verändert hatte. Gazelle hatte mir ihr Vertrauen entzogen, ich war nicht mehr Teil der Gruppe, ich war außen, und ich sollte nie mehr ganz "hinein" kommen.

Donnerstag, 9. Februar 2023

Die Gärten, die Hütten bauen - Über Gusto Gräser

 

„Wir brauchen einander. Dies einzusehen ist die Grundlage für eine friedliche Weltordnung unter uns Menschen und mit unseren Mitlebewesen im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich. Frieden kann es nur dann geben, wenn wir in Frieden mit der Natur leben. Der Mensch der Zukunft wird im Einklang mit der Schöpfung leben müssen, wenn er überleben will“ Gusto Gräser, geboren am 16. 2. 1879 in Kronstadt, Siebenbürgen war Künstler, Dichter, konsequenter Aussteiger, Pazifist, Wanderer, Urhippie.

Sein Bruder Karl war Mitbegründer einer der ersten Aussteigerkommunen, die im Herbst 1900 in der Nähe von Ascona (Schweiz) entstand, dem Monte Verità. Auch Gusto zog in diese Kommune, die er jedoch nach kurzer Zeit wieder verließ, um am Monte Verità als Einsiedler in einer Höhle zu leben.

Hermann Hesse lernte Gräser um 1900 kennen; dessen Gestalt und Denken wird schon in „Camenzid“ sichtbar. Im Frühjahr 1907 folgte der Dichter seinem "Freund und Führer" auf den Monte Verità, lebte mit ihm zusammen in einer Grotte der Südalpen, versuchte sich wochenlang, fastend und nacktlaufend, als Einsiedler in den Felsen. Zwar scheiterte dieses erste "Noviziat" an seiner eigenen Schwäche, doch nach zehnjähriger Entfremdung kehrte Hesse 1916 reumütig in die Arme des Freundes zurück. Im Zusammensein mit ihm erfuhr er eine seelische Wiedergeburt, die große Wandlung seines Lebens. In Gräser erlebte er den Führer zum eigenen Selbst, in dessen Frau Elisabeth ein Abbild der Großen Mutter.

Der ehemalige Kriegsfreiwillige wandelte sich jetzt zum entschiedenen Kriegsgegner und Vorkämpfer der Gewaltlosigkeit. Im zweiten Teil des „Demian“ hat er seine Erfahrungen dichterisch gestaltet, in Essays und Aufrufen seine neue Gesinnung dargetan.

Gusto Gräser lehnte den Kriegsdienst zum ersten Weltkrieg konsequent ab. Im Herbst 1915 aus Deutschland ausgewiesen, verweigert er in Österreich den Dienst an der Waffe, wird zur Erschießung verurteilt (die mit Platzpatronen vollzogen wird), landet für drei Monate als "asoziales Element" in der Irrenanstalt, um dann wieder in seine Höhle am Monte Verità zurück zu kehren.

1920 zog er mit einer „Neuen Schar“ aus jungen Männern und Frauen singend, tanzend und spielend durch Thüringen. (Diese "Junge Schar" wurde zur Blaupause für Hermann Hesses Erzählung "Morgenlandfahrt").

Zum zweiten Mal aus Bayern ausgewiesen, kam er 1927 nach Berlin, wo er im Anti-Kriegsmuseum von Ernst Friedrich arbeitete und lange Reihen von „Öffentlichen Gesprächen“ am Alexanderplatz abhielt.

Von Berlin aus zog er in einem Eselwagen mit seinem Schwiegersohn Otto Großöhmig durch Deutschland, seine Schriften verteilend und verkaufend. Die Fahrt im Eselwagen endete für Großöhmig nach der NS-Machtübernahme 1933 im Konzentrationslager. Nachdem Gräser selbst von den Nazis mehrfach verhaftet und mit Schreibverbot belegt worden war, wurde ihm der Boden in Berlin zu heiß. 1940 verkaufte er sein Wohnboot auf dem Seddinsee nahe Grünau und flüchtete nach München, wo er in den Dachkammern von befreundeten Professoren die Jahre des Terrors überstand, am Ende halbverhungert. In dieser Zeit entstanden seine späten Hauptwerke, das Siebenmahl und das an Stuttgart adressierte Brieflein Wunderbar. Er starb 1958 völlig vereinsamt und unbemerkt im Münchner Stadtteil Freimann.

Für mich ist Gusto Gräser ein Vorbild an Konsequenz und Einstehen für das eigene Denken, Handeln und Leben. Es gäbe noch so viel zu erzählen über ihn. Dankenswerterweise gibt es im Netz eine Seite über ihn. Zum Stöbern und Weiterlesen empfohlen: Gusto Gräser Info


"Erst wo wir hinter dem Grauen,
zum grünen Walde gesellt,
die Gärten, die Hütten bauen.
Bildung und Wildung trauen -
da erst tritt der Mensch
in die Welt!"

Das Foto zeigt Gusto Gräser 1945 in München



Mittwoch, 8. Februar 2023

Zum Andenken an Neal Cassady

 

               

Am 8. Februar 1926 wurde Neal Cassady geboren, die männliche Muse der Beat Generation, die Ende der Fünfziger bis weit in die Sechziger des letzten Jahrhunderts überall dabei war, wo es wild und bunt war. Cassady selbst hat nur ein einziges Buch, den autobiografischen Roman The First Third verfasst, der postum veröffentlicht wurde, da er selbst keinen Wert auf Veröffentlichung legte.
1946 lernte er an der Columbia University Jack Kerouac und Allen Ginsberg kennen. Er war der Fahrer des Autos, mit dem er und Jack quer durch die USA reisten. Jack mochte nicht selber fahren. Dafür schrieb er auf dieser Fahrt seinen Roman On the Road.
Mit Ginsberg und Charles Plymell (Ein weiterer Autor und Verleger der Beat Generation) lebte Cassady in den 1960er Jahren in einer Wohngemeinschaft. Cassady hatte einen großen Einfluss auf die Beatniks, speziell auf Kerouac. Seine Art zu reden wurde Vorbild für Kerouacs Prosastil. Zudem war er der Protagonist einer Vielzahl von dessen Büchern, so zum Beispiel als Dean Moriarty in Kerouacs bekanntestem Werk On the Road, als Cody in Visions of Cody sowie als literarische Figur in Dharma Bums, Big Sur und Desolation Angel.
Allen Ginsberg, erwähnte ihn in seinem bekanntesten Gedicht Howl als „N.C., secret hero of these poems...“. Er ist auch einer der Protagonisten in Tom Wolfes Buch The Electric Kool-Aid Acid Test. Die Band Grateful Dead besang ihn als Cowboy Neal in The Other - Ken Kesey schrieb in The Day After Superman Died über den Tag, an dem er die Nachricht vom Tode Cassadys erfahren hatte.
Nachdem sich Kerouac früh „zur Ruhe setzte“, schloss sich Cassady in den frühen 1960ern Ken Keseys Merry Pranksters an, den Vorläufern der Hippie- und Psychedelic-Bewegung. Er war der Fahrer des Busses Further, der die Merry Pranksters quer durch die USA von Acid Test zu Acid Test brachte, zusammen mit einer wilden Truppe, zu denen auch die Musikertruppe The Warlocks gehörte, die sich später in Grateful Dead umbenannten.
Am 4. Februar 1968 war sein wildes Leben zu Ende, er starb in San Miguel de Allende, Mexiko.

Sonntag, 5. Februar 2023

DADA war eine Frau

 


DADA war eine Frau
Ein denkwürdiger Tag vor mehr als 105 Jahren: Am 5. Februar 1916 war die erste Vorstellung des von Emmy Hennings und Hugo Ball in Zürich in der Spiegelgasse 1, unweit von Lenins Exilwohnung, gegründeten Cabaret Voltaire. Zuerst führte er mit ihr – fast allabendlich – simple, aber auch exzentrische Programme auf. Das war die Geburt von Dada. Sie sang Chansons und er begleitete sie auf dem Klavier. Emmy Hennings rezitierte zudem Gedichte – unter anderem eigene und solche von Hugo Ball. Nach ein paar Wochen lernte Ball den rumänischen Dichter Tristan Tzara kennen, der ebenfalls in Zürich lebte. Die beiden sympathisierten miteinander, da beide einen ungewöhnlichen Sinn für Geist und Anti-Geist besaßen. Er war also wie geschaffen für das Cabaret Voltaire. Als Tzara dann auch seine Gedichte rezitierte, unterbrach er sie oft selbst durch Schreien oder Schluchzen. Die Vorträge im Cabaret Voltaire wurden jetzt zunehmend durch Trommeln, Schlagen und Verwendung zweckentfremdeter Gegenstände, wie zum Beispiel leerer Kisten, ergänzt. Das Publikum reagierte zunächst sehr verwundert, ja eingeschüchtert.
1914 meldete sich Hugo Ball noch freiwillig zum Kriegsdienst, wurde aber für untauglich erklärt. Bei dem Besuch eines Freundes in Frankreich bekam er jedoch einen realistischen Eindruck von der Kriegsfront. Auch dass sich sein Busenfreund Hans Leybold im September 1914 nach einer schweren Verwundung vor der Rückkehr an die Front das Leben nahm, trug wohl zu seiner Kehrtwendung bei. Im Mai 1915 konnte ihn seine Freundin Emmy Hennings zur Emigration in die Schweiz überreden.
Die Schweiz war damals ein Sammelbecken für Kriegsflüchtlinge aus aller Herren Länder. Es gab zwei Brennpunkte der Emigranten: Zürich, wo René Schickele und andere pazifistische Autoren die „Weißen Blätter“ heraus brachten, und wo die noch radikaleren ihr Anti-Kunst-Programm im Angesicht des Krieges im Cabaret Voltaire auf die Bühne brachten; und in Ascona, rund um den Monte Verità, wo Karl, Jenny und Gusto Gräser die Kriegsdienstverweigerer versteckten und versorgten, die ihnen über die von dem Anarchisten Erich Mühsam gegründete Gruppe „Tat“ in München zugeführt wurden.
Über die Entstehung des Ausdrucks Dada gibt es verschiedene Mythen. Zu guter Letzt schloss sich Marcel Janco der Gruppe an. Er war jüdischer Rumäne wie Tristan Tzara. Beide bejahten in ihren Redeströmen des Öfteren mit „da, da“, was übersetzt eben „ja, ja“ heißt. Das kann ebenfalls der ausschlaggebende Punkt für Hugo Ball gewesen sein, diese Kunst „Dada“ zu nennen. Tzara, Huelsenbeck und Janco trugen im März 1916 das erste Simultangedicht vor. Es gibt unter anderem auch Hinweise darauf, dass Emmy Hennings den Begriff einführte. Wie dem auch sei, als Dada zu Dadaismus und damit zu einer ernstzunehmenden Kunstgattung mutiert war, hatten sich Emmy und Hugo längst anderen Gefilden zugewandt.
„Die wilden Monate zwischen Februar und Juni 1916 im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse Nr. 1, die rauschhaften Soiréen in der Galerie Dada an der noblen Bahnhofstraße in Zürich und die vielbeschriebene Geburt Dadas als Höhepunkt und Synthese sämtlicher avantgardistischer Bestrebungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Emmy Hennings war dies zeitlebens nur ein Lächeln wert.
Vor Dada hatte sie ganz anderes erlebt, war jahrelang durch deutsche Städte vagabundiert, hatte Sexarbeit und Gefängnis, Hunger und Drogensucht kennen gelernt und auf zahllosen kleinen und kleinsten Bühnen, auf denen sich Kunst und Leben bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verquickten, getanzt und gesungen. Für die meisten ihrer männlichen Kollegen wurde Dada nolens volens zum zentralen Ereignis ihres Lebens. Für Hennings war es allenfalls eine flüchtige Episode, eine Art Kinderspiel“
Aus: Christa Baumberger und Nicola Behrmann - Emmy Hennings Dada, Scheidegger & Spiess, Zürich 2016
„Weder Arp noch ich noch gar Tzara gründeten das Cabaret Voltaire, sondern Ball mit seiner Frau Emmy Hennings. Es ist wichtig dies festzustellen, da die Nachlässigkeit und Bosheit der Publizisten die Tatsache der Gründung des Cabaret Voltaire wieder und wieder verzerrt haben . . . Emmy Hennings´ Einfluss war still, aber trotz seiner Unbemerktheit außerordentlich stark.“
Richard Huelsenbeck, aus: „Autobiographie“ (um 1953), Typoskript im Nachlass
„Das Wort Dada wurde aber im Februar 1916 wie Jesus Christus in einem Pferdestall geboren. In diesem Pferdestall . . . bewohnte mein Freund Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings den oberen Teil . . . In diesem Mittelaltermilieu, gestört von dem eifrigen, aber sinnlosen Gehämmer eines Böttchers und von den Schlägen einer gewaltigen Kirchenglocke hauste mein Freund Hugo Ball mit Emmy Hennings unentwegt der Ewigkeit entgegen.“
Richard Huelsenbeck, aus: Dada siegt! (1920)
„Dada - das Wort stammt von mir und ich habs in einer Spielerei oft Hugo gesagt, wenn ich spazieren gehen wollte. Alle Kinder sagen zuerst >Dada<“
Emmy Hennings aus: Rebellen und Bekenner (1929)
„Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon. Es war nichts Rares und nichts Bares, weder Fisch, noch Fleisch und die Dadaisten haben ja selbst zuerst nicht gewusst, was es ist. Das ist ein Kompliment. Hätte man nur nicht zu früh mit der Interpretierung begonnen. . .“
Emmy Hennings aus: Rebellen und Bekenner (1929)
Das Bild zeigt das von Marcel Slodki entworfene Plakat zur Eröffnung des Cabaret Voltaire am 5. Februar 1916.

Marcel Słodki, geboren am 11. November 1892 in Łódź, war Maler, Grafiker und Bühnenbildner, er wurde nach dem 17. Dezember 1943 im KZ Auschwitz ermordet.

Samstag, 4. Februar 2023

Pazifistisches Schreiben in Zeiten des Krieges - Die weißen Blätter 1915

 


Pazifistisches Schreiben in Zeiten des Krieges - Die weißen Blätter 1915

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Pressefreiheit aufgehoben. Die Zensurstellen der Militärbehörden waren für die Kontrolle zuständig und sorgten dafür, dass beispielsweise über kriegsrelevante Sachverhalte nicht berichtet wurde. Neben diesen strategischen Themen wurden auch Kriegskritiker zensiert, die Beschönigung des Kriegsalltags jedoch hervorgehoben.

Künstlerische Opposition während des Krieges gab es, vorrangig beteiligt daran war die Zeitschrift Die Aktion, erstmals 1911 herausgegeben von Franz Pfempfert. Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Wie so häufig im Kaiserreich ging man auch hier gegen eine politisch missliebige Zeitschrift unter dem Vorwand vor, sie habe sittlich anstößige Texte veröffentlicht. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Pfemfert beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfemfert in Rubriken wie Ich schneide die Zeit aus hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel Gedichte von der Front veröffentlichte, darunter Lyrik von Oskar Kanehl und Wilhelm Klemm, die das Grauen des Krieges eindrücklich gestalteten. Noch kühner war die Herausgabe von Sondernummern, die sich ganz der Literatur eines „Feindeslandes“ widmeten.

Dann waren da waren die Weißen Blätter. Die weißen Blätter waren eine Monatsschrift, die in ihrem Erscheinungszeitraum von 1913 bis 1920 zu einer der wichtigsten Zeitschriften des literarischen Expressionismus wurde.

Die weißen Blätter wurden von 1913 bis 1915 von Erik-Ernst Schwabach im Leipziger Verlag der weißen Bücher herausgegeben. 1915 übernahm René Schickele die Herausgabe. Er war mittlerweile in die Schweiz emigriert, daher konnte er unzensierter und deutlicher schreiben (lassen). Von 1916 bis 1917 gab der Verlag Rascher in Zürich die Zeitschrift heraus, 1918 der Verlag der weißen Blätter in Bern, von 1919 bis 1920 publizierte Paul Cassirer die Zeitschrift in Berlin.

In der Rückschau George Grosz’ waren die weißen Blätter „ein intellektuelles Magazin mit pazifistischer Tendenz, das verschleiert gegen den Krieg und für Völkerverständigung eintrat.“ Auch während des Ersten Weltkriegs wurden Texte von Ausländern aus Nationen veröffentlicht, mit denen sich Deutschland im Krieg befand.

Laut einer Rezension Hermann Hesses aus dem Jahr 1915 publizierte in der Zeitschrift die „frischeste, stürmischste literarische Jugend“, die „literarische Zukunft Deutschlands“.

Hier traute sich Josef Luitpold Stern im März 1915 deutlich zu werden: „In der Geschichte des geistigen Lebens wird die Haltung der deutschen Dichter während des großen Krieges von 1914 für immer denkwürdig bleiben. Aus der Art, wie sich das ungeheure Geschehen in den Herzen und Hirnen, in den Worten und Wendungen der Poeten gespiegelt hat, werden die Forscher, die nach uns kommen, manches Gesetz des dichterischen Schaffens aufspüren können.

Als dieser Krieg ausbrach, stand die deutsche Kunst in heller Blüte. Aber seine Möglichkeit war dem Bewusstsein der Dichter in Wahrheit fremd. Die Mörser und Haubitzen waren gerüstet, die Jamben und Trochäen keinesfalls. Dennoch ist der geistige Landsturm im Augenblick zur Stelle gewesen, Korps um Korps - ein nie zu vergessendes Schauspiel flinkster Anpassungsfähigkeit.

. . .

Diese jähe Wendung hat die Überzahl der deutschen Lyriker mitgemacht. Sie sind plötzlich Hasser geworden. Sie sind nur darüber nicht einig, wen sie eigentlich am wütesten zu hassen hätten.

. . .

Die dritten haben die einfachste Lösung gefunden, sie hassen alles, was Feind heißt.

. . .

Nicht klein ist die Gruppe der jungen Dichter, die den Ausbruch des Krieges als das große Abenteuer begrüßen. . . . Hier wird nach keinem Ziel des ungeheuren Geschehens gefragt.

. . .

Dieser Krieg ist zum Kreuzwendedich der jungen Dichter geworden. Etliche . . . sind auf dem Schlachtfeld des Geistes gefallen.

Etliche aber, die noch weitab von Ruhm und Anerkennung rangen, die verwirrt und zielblind waren, die man in ihrem Suchen verlacht und verhöhnt hat, fanden zu sich selbst. Mit ihnen beginnt die neue deutsche Dichtkunst.“

Stern benennt in seinem Artikel viele Namen, sowohl die Namen derer, die sich dem patriotischem Ungeist zuwandten, als auch derer, die sich davon fern hielten. Unter ersteren sind so viele „große“ Namen, mit Beispielen ihrer Kriegsdichtung, dass man sich fremdschämend abwenden möchte. Ich verlinke die PDF zur Märzausgabe 1915, in der sich dieser Artikel befindet, weiter unten. Hier möchte ich eine Auswahl an Texten zeigen, welche die weißen Blätter im Kriegsjahr 1915 veröffentlichten.


Elegie

(Vom westlichen Kriegsschauplatz)

Bis wir dort sind, ruhn ermüdet
Wohl die Bäume Hauf zu Hauf -
Liebeatmende, ach lüdet
Ihr uns ein, nun nachthinauf!

Ob uns wohl ein Stern begegnet
Und der Mond, der sanfterwärmt
Liebesspuren übersegnet,
Auf den hellen Hügeln schwärmt?

Hohe Heimat, über alles,
Die zu schaun wir nie geübt,
Weil die Well´n des Wasserfalles
Uns den trunknen Blick getrübt,

Bis die Woge, feurig scheiternd,
Nun ein schaumig Wimpel schwenkt
Und ein goldner Zirkel weiternd
Hold sich auf und blau erheiternd
Sich die liebe Nacht uns schenkt.

Paul Paquita, aus: Die weißen Blätter, Nr. 9, September 1915

Die Kugel kam geflogen. . .
Da sprang ein Strom heraus so rot.
Die Nacht stieg aus den Wogen
und hob uns in das schwarze Boot.

Die hohlen Ufer klangen
im Wind wie eine Herbstallee.
Gottalte Himmel sprangen,
Äonen riefen: Erde, steh!

Nun stehn wir Hergereisten
erwacht aus zauberischem Traum
und heben die verwaisten
Gesichter auf in soviel Raum.

Und finden uns nicht wieder,
wir sehn nur lauter Licht.
Wir horchen tiefer nieder
und fühlen uns noch immer nicht.

O ihr noch rot in Schlachten
von Rauch und Eisen überballt,
o ihr in nachtdurchwachten
Witwengemächern kalt und alt;

o alle ihr in uns Gelebten,
Urbruder und Urfeind -:
da wir von euch entschwebten
durchstoßen und beweint

und schon verschattet fuhren,
war noch ein Hauch von Mensch und Tier. . .
Jetzt sind die bunten Spuren
gelöscht. Jetzt sind wir nicht mehr wir.

Um uns ist keine Ferne,
von uns geht keine Wiederkehr.
Wir sind nur Mond und Sterne,
wir sind nichts anderes mehr.

Paul Zech - Stimme des Sohnes (wie Gesang durch den Raum, aus: Der Flug in die Sterne, Fragment einer Szene, in Die Weißen Blätter, März 1915

Wenn ich gestorben bin,
Wird mein Kind an einem sonnigen
Gartenzaun entlang streifen, sich niedersetzen,
Gefühlvoll und klug
Die Welt betrachten:
Die Ritzen zwischen den Steinen,
Käfer, die auf Dolden sitzen.

Große Last wartet auf dich,
Mein Kind,
Und Weinen.
Du musst es tragen
Wie alle.

Möge die gute Besitzerin des Gartens
Meinem Kind
Durch die Stäbe
Eine Hand voll Pflaumen reichen.

Leonard Frank, aus: Die Ursache - In Die Weißen Blätter, April 1915

Eroberte Stadt

Die ganze Stadt ist eine große Kirche
Voll Andacht, Inbrunst, Reue und Gebet,
Vom Gipfelsturm der Glocken überweht.
Der Tag erbraust in Tätigkeit und Kraft,
Doch nirgends ist ein emsig Herz am Werke,
Die Seelen alle sind zu Gott erschlafft,
Die Augen ruhn, in sich dahingerafft:
Nur in den Glocken rast noch Sinn und Stärke.

Da fällt ein Beben auf die Stadt herab
Und ein Erzittern und ein Fliehenwollen,
Die Mauern stöhnen qualvoll, und ein Grollen
Hebt an, und alle Tore spreizen sich,
Und aus den übervollen
Jammergetränkten Wänden birst ein Schrei
Und Schreien,
Von Flammen, Steinen überschüttet
Steigt das Grauen
Steil in die Luft:
„Wir taten nichts,
Wir nahten
Uns dir in Blöße,
Wir ahnten Deines Angesichts
Endlose Größe,
Doch Du spiest Granaten.“

Martin Gumpert, aus: Zwei Gedichte in Die Weißen Blätter, April 1915

Salut au monde!

Du, wer du auch bist!
Du Tochter oder Sohn Englands!
Du aus den gewaltigen slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe
     in Russland!
Du Dunkelspross, schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, Breiter,
     Schmalköpfiger, edel Gebauter, stolzer Bestimmung, auf
     gleichem Fuß mit mir!
Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße Du!
Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese!
Du französisches Weib und Franzose aud Frankreich!
Du Belgier! Du Freiheitsfeund in den Niederlanden! (Stamm, dem
     ich selber entsprossen)
Du handfester Österreicher! Lombarde! Ungar! Du Böhme! Stei-
     rischer Bauer!
Du Nachbar der Donau!
Du Arbeitsmann vom Rhein, von der Elbe oder der Weser! Du
     Arbeitsfrau auch!
Du Sardinier! Du Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgare!
Du Römer! Neapolitaner! Du Grieche!
Du geschmeidiger Matador in der Arena von Sevilla!
Du Bergbewohner, der gesetzlos auf dem Taurus oder Kaukasus
     haust!
Du Hirt Bokharas, der seine Stuten weidet und Hengste züchtet!
Du schöner Perser, der im vollem Galopp im Sattel Pfeile nach dem
Ziele schießt!
Du Chinese und Chinesin aus China! Tartar der Tartarei!
Ihr Frauen der Erde im Dienst eures Amtes!
Du Jude, der im hohen Alter durch alle Gefahren durch pilgert, um
      einst auf Palästinas Boden zu stehn!
Ihr anderen Juden, die in allen Ländern auf ihren Messias warten!
Du sinnender Armenier, der am Euphratstrom brütet! Du
     Starrer unter den Ruinen von Ninive! Du Araratbesteiger!
Du müder Pilger, der sich fortschleppt, um das ferne Funkeln der
     Minarette von Mekka zu grüßen!
Ihr Ölbaumpflanzer, die ihre Früchte hegen auf den Feldern von
     Nazareth, Damaskus oder am See Tiberias!
Du tibetanischer Kaufmann im weiten Innern, oder in den Läden
      von Lassa feilschend!
Du japanischer Mann oder Frau! Bewohner Madagaskars, Ceylons,
      Sumatras, Borneos!
All ihr Festlandbewohner in Asien, Afrika, Europa, Australien, wo
      eure Stätte sei!
Alle ihr auf den zahllosen Eiländern der Inselmeere!
Und ihr in den fernen Jahrhunderten, wo ihr mich hört!
Und du jeglicher und allenthalben, den ich nicht bezeichne, doch den
       ich mit einschließe!
Heil euch! Willkommen euch allen, von mir und Amerika dargebracht!

Jeder von uns unvermeidlich,
Jeder von uns grenzenlos - jeder mit seinem oder ihrem Recht auf
       die Erde,
Jeder von uns mit dem Anspruch auf das ewige Erbe der Erde,
Jeder hienieden so göttlich wie irgendeiner hinieden.

Walt Withman, aus Der Krieg, übersetzt von Gustav Landauer in Die weißen Blätter, April 1915

Idylle

. . . Die Menschen geben und nehmen in anmutigem, Vernunft und Verstand nicht verletzenden Wechsel. Liebe ist dort das bedeutendste Gesetz; Freundschaft die vorderste Regel. Arm und Reich gibt es nicht. Keine Könige und keine Kaiser hat es dort, wo der gesunde Mensch wohnt, je gegeben. Die Frau herrscht dort nicht über den Mann, der Mann aber ebensowenig über die Frau. Es herrscht niemand, außer jedermann über sich selber. Alles dient dort allem, und der Sinn der Welt geht deutlich dahin, den Schmerz zu beseitigen. Niemand will genießen, die Folge ist, dass es alle tun. Alle wollen arm sein, hieraus folgt, dass niemand arm ist. Dort, dort ist es schön, dort möchte ich leben. Unter Menschen, die einander achten, möchte ich leben. Ich sehe wohl ein, dass ich phantasiere.

Robert Walser, aus Die weißen Blätter, Juli 1915

René Schickele (* 4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass; † 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Pazifist. Gegen den preußisch-deutschen Militarismus warb Schickele für Völkerverständigung und Sozialismus als Herausgeber der Weißen Blätter. Das nötigte ihn 1915 zur Flucht ins Schweizer Exil. Sein bekanntestes Gedicht ist das folgende:

Abschwur

Ich schwöre ab:
jegliche Gewalt,
jedweden Zwang,
und selbst den Zwang,
zu andern gut zu sein.
ich weiß:
ich zwänge nur den Zwang.
Ich weiß:
das Schwert ist stärker
als das Herz,
der Schlag dringt tiefer
als die Hand,
Gewalt regiert,
was gut begann,
zum Bösen.
Wie ich die Welt will
muß ich selber erst
und ganz und ohne Schwere werden.
Ich muß ein Lichtstrahl werden,
ein klares Wasser
und die reinste Hand
zu Gruß und Hilfe dargeboten.
Stern am Abend prüft den Tag,
Nacht wiegt mütterlich den Tag.
Stern am Morgen dankt der Nacht.
Tag strahlt.
Tag um Tag
sucht Strahl um Strahl.
Strahl an Strahl
wird Licht,
ein helles Wasser strebt zum andern,
weithin verzweigte Hände
schaffen still den Bund.

Rene Schickele, aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Rowohlt, Berlin 1920

Josef Luitpold Stern (* 16. April 1886 in Wien; † 13. September 1966 ebenda), Pseudonym Josef Luitpold, war ein österreichischer Dichter und Bildungsfunktionär der Arbeiterbewegung.

Zu Paul Paquita, geboren 1887, sind biografische Einzelheiten unbekannt, er schrieb 1913–1919 in expressionistischen und anderen Zeitschriften (Inselschiff, Horen).

Paul Zech (* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires) war ein deutscher Schriftsteller.

Leonhard Frank (* 4. September 1882 in Würzburg; † 18. August 1961 in München) war einer der bedeutendsten sozialkritischen und pazifistischen Erzähler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Martin Gumpert (* 13. November 1897 in Berlin; † 18. April 1955 in New York) war ein deutsch-US-amerikanischer Mediziner und Schriftsteller.

Walter Whitman (* 31. Mai 1819 in West Hills, nahe Huntington auf Long Island; † 26. März 1892 in Camden, New Jersey) war ein US-amerikanischer Dichter, Essayist und Journalist. Er gilt als einer der einflussreichsten amerikanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts.

Gustav Landauer (* 7. April 1870 in Karlsruhe; † 2. Mai 1919 in München-Stadelheim) war ein deutscher Schriftsteller. Er vertrat unter Einfluss Peter Kropotkins den kommunistischen Anarchismus und den Anarchopazifismus und war einer der wichtigsten Theoretiker und Aktivisten dieser Ideologie im Deutschen Kaiserreich.

Als Pazifist kritisierte er den Ersten Weltkrieg (1914–1918) scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik vom 7. bis zum 13. April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten in der Haft ermordet.

Robert Walser (* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden) war ein deutschsprachiger Schweizer Schriftsteller.


Die weißen Blätter März 1915