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Samstag, 31. Oktober 2026

Deutungen: 31. Oktober 2016

 


31. Oktober 2026

Rückzug - Einen Tag, bevor der November beginnt. Ich habe heute wieder einmal mit meinen Schafgarbenstengeln gespielt, ausgezählt, am Küchentisch, und heraus kam am Ende die 33, Rückzug, ohne Wandlung. Hier wieder zitiert aus dem I Ging in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

33. Dun - Der Rückzug

oben Kiën, das Schöpferische, der Himmel

unten Gen, das Stillehalten, der Berg

Die Kraft des Schattigen ist im Aufsteigen begriffen. Das Lichte zieht sich vor ihr in Sicherheit zurück, so dass jene ihm nichts anhaben kann. Es handelt sich bei diesem Rückzug nicht um menschliche Willkür, sondern um Gesetze des Naturgeschehens. Darum ist in diesem Fall der Rückzug die richtige Art des Handelns, die die Kräfte nicht aufreibt. (Hierzu gibt es eine Anmerkung des Übersetzers: „Es ist ein ähnlicher Gedanke in dem Zeichen ausgedrückt wie in dem Wort Jesu: Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel (Math. 5, 39).“ Die zeigt, dass Richard Wilhelm den christlichen Missionar nie ganz ablegen konnte. Ich selber interpretiere "Rückzug" ganz anders. Dazu später vielleicht mehr.)

Als ich die Auflösung las, dachte ich sofort: Das passt! Mein entzündetes Knie, das mich zur Zeit immer noch an die Wohnung bindet, tägliche Wanderungen zwischen Klo, Küche und Bett sind möglich, auch schon mal ein Gang ums Haus, doch das war es dann auch vorerst. Und auch in anderer Hinsicht ist Rückzug die Wahl der Stunde. Da ich nicht weiß, ob ich alle Tätigkeiten weiterhin ausüben kann, werde ich wohl einige streichen, die das Knie über Gebühr belasten. Das bedeutet schon eine tiefgreifendere Umgruppierung in meinem persönlichen Leben. Durch das Wegfallen von Tätigkeiten wird wiederum Zeit frei gesetzt, die für anderes Attraktives genutzt werden kann.

Es steht da auch noch darunter: „Als Monatszeichen ist das Hexagramm dem sechsten Monat (Juli-August) beigeordnet, in dem die Winterkräfte schon wieder anfangen, ihre Wirkung zu zeigen.“ Doch für mich passt ein Rückzug im Rahmen der „Gesetze“ des Naturgeschehens viel besser zu dem heutigen Tag, und zu der Kehrtwende des Jahres rapide in die dunkle Zeit. Eben in die Zeit des Rückzuges. Des Jahreszeitlichen Rückzuges.

Dazu schrieb ich einmal: Der Garten ruht. Es gibt dort allenfalls an milderen Tagen im Januar oder Februar das Schneiden der Obstbäume zu tätigen. Eigentlich ist alles auf Ruhe eingestellt, welche der Körper auch dankbar annehmen möchte nach den vielfältigen Arbeiten im Herbst. Die Speisekammer ist gefüllt, die Äpfel und Kartoffeln lagern, die Gläser und Gläschen mit Kompott, Marmeladen und Fruchtmusen harren des Öffnens, um eine Ahnung von Sommer in die Küche zu bringen, in der Teekanne duftet der im Frühling und Sommer gesammelte "Tee der Landschaft und der Jahreszeiten". Das Sonnenlicht ist weniger, und wer weiterhin in vollem Ausmaße den Arbeiten nachgehen möchte, welche diese Zivilisation erfordert, wird über kurz oder lang häufig von der soganannten "Winterdepression" eingeholt.

"Winterdepression". Wieder wird hier meines Erachtens ein natürliches Empfinden des Körpers, der Rückzug aus der Aktivität des Frühjahrs und des Sommers, zu einem Krankheitsbild umgedeutet. Dann überschlagen sich die Artikel populärwissenschaftlicher Art in den Journalen, Apothekerzeitschriften vornean, mit allen möglichen Tipps, wie dieser Krankheit oder Unpässlichkeit beizukommen sei.

Ich empfehle: Winterpause

Prof. Dr. Marianne Gronemeyer stellte in einem Aufsatz die Frage: "Wieviel Arbeit braucht der Mensch?" (2008, auf ihrer Homepage):


"In früheren Zeiten, als unsere Ahnen noch das zum Leben Notwendige zusammenjagten und -sammelten, war diese Frage leicht beantwortet, wenn sie sich denn überhaupt stellte: Man musste so lange ‚arbeiten' bis man satt zu essen hatte. Es wäre vollkommen sinnlos, ja sogar in höchstem Maße existenzgefährdend gewesen, wenn man versucht hätte, ein Mehr zu erwirtschaften durch mehr Arbeit; denn ihr Dasein konnten unsere frühen Vorfahren nur sichern, wenn sie sich ihre Beweglichkeit erhielten, unbehindert von einem Ort zum andern ziehen konnten, um das Lebensnotwendige zu finden."

Und: "Noch in der bäuerlichen, sesshaften Lebensweise ist die Frage danach, wie viel Arbeit der Mensch braucht, offenkundig verrückt. Arbeit braucht man nicht, die hat man, und das einzige was über sie zu sagen ist, ist, dass sie getan werden muss. Arbeit ist nicht Gegenstand des Begehrens, sondern das Mittel, das dazu taugt, sein Dasein zu fristen. Sie ist ein notwendiges Übel oder einfach nur notwendig, und sie wird vom Winter, vom Feierabend und Festtag unterbrochen. Das Gegenstück der Arbeit ist also die Muße."

(Geschrieben Mitte Januar 2013)

Ja, und die Muße im Rückzug braucht es, um neu zu sortieren. Alles im Lot.


Das Bild ist von Gustav Wunderwald (1882 - 1945)


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