Ich habe eine gewisse Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und auch der zwei Jahrzehnte davor. Man mag zwar sagen, das liegt jetzt hundert Jahre zurück. Doch vieles, was uns heute umtreibt, fand schon damals Ausdruck, und heute wissen wir auch, was letztlich obsiegt hatte. Uns zur Mahnung.
So viele radikale Lebensentwürfe wurden geboren zu der Zeit, schon das Aufflammen einer echten Alternativbewegung zu einer militaristischen Gesellschaft. Schauen wir nur zum Monte Verita, wo sich Anfang des neuen Jahrhunderts so vieles traf, was echter und zutiefst radikaler Gegenentwurf war. Aller Aufbruch wurde jäh unterbrochen vom Weltkriege, erst später der erste genannt, da ein zweiter folgte. Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.
Als ich die Bühne des Lebens betrat, gerade herausgewachsen aus einer nicht so erfreulichen Kindheit, da war gerade die Counterculture im Schwange, wir träumten vom Leben auf dem Lande, in Kommunen. Und wir träumten nicht nur. Gelesen wurde in unserem Kreise unter anderem Hermann Hesse, ich selber mochte vor allem seinen Siddhartha und einige seiner Märchen. Es war jener Hesse, dessen Inspiration für seinen Demian auf dem Monte Verita geboren wurde, in der Höhle des Gusto Gräser. Jenem langhaarigen Urhippie. Viele der langhaarigen Lebensreformer flüchteten vor dem Eingezogenwerden in die Armee in die USA, dort wiederum beeinflussten sie die Beats und diese wieder die Hippies, welche dann Hermann Hesse für sich entdeckten.
Also so weit fort von den Zwanzigern waren wir da gar nicht. Und vieles, was die radikalen Lebensreformer, aber auch die Dada-Leute, bevor das zu Dadaismus und damit zur Kunstrichtung wurde, entwickelten war in der Beatbewegung und in der Hippiebewegung spürbar. (Ich meine die Hippiebewegung, die sich am 6. Oktober selber zu Grabe getragen hat, um dann aufs Land zu gehen). So ist meine Affinität zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhundert für mich gar nicht so verwunderlich.
Hier nun ein Text von Friedrich Glauser, ein Typoskript vom Mai 1920, Ascona, aus dem Nachlass, Schweizer Nationalbibliothek.
Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.
1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.
Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»
«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)
Das Bild zeigt Ascona im Herbst und ist 1915 von Arthur Segal (1875 - 1944)
Wanderung
Ziellos kreuzen sich die Wege auf feuchtgrauer Ebene; kriechende Wolken sind Führer unserem Schreiten: Im Kreise? Im Zickzack? Nutzlos wäre es Ziele zu lernen. Lasst uns stolpern durch modernde Gräser, unser Gruß gelte den hohlen Bäumen allein, denn von schimmernder Fäulnis werden sie bewohnt. Der dürren Äste verzweifeltes Gebet! Ihre Knochenhände ballen den Nebel zu farblosen Kugeln, der Wolken hungrige Mäuler zu stopfen.
Nasser Schnee ist unser Mantel, ein eisiger Pflug durchackert unsere Wangen, die Furchen erstarren zu stummer Maske. Sprödes Glas sind unsere Glieder, nie wird Verzweiflung sie mehr zum Tanzen bringen oder Freude zum Tanzen.
Metallene Peitschen schwingt der Regen; die knallen im Wind. Auf breiten Blättern trommeln Tropfen die einsamen Reigen der Kindheit, mutlos träumen wir vergangene Hoffnungsmärchen, die längst verschimmelt sind. Wir wissen: Wie werden wir den Blutpurpur schauen, der unseren Augen künden sollte in grauer Dämmerung der Morgensonne brennendes Nahen. . . . . . schläfrig müssen wir blinzeln, stets mit blass schlaffen Lidern, zu ewigem Zwielicht sind wir verdammt.
Darum lauschen wir den weisen Sprüchen der Kröte, die sanfte Gefährtin wird den Feinden des Flugs. Sie zeigt den Weg, der zum Moore führt. Dort verheißt sie Erlösung: Versinken. Mitleidig lächeln wir über uns, wenn faulendes Hirn die Stirne sprengt.
Dann winkt uns Erwachen im Reiche des Schlamms. Braun ist des Himmels Zelttuch, hängt tief herab, drückt auf glühende Luft. Fauligem Schleim entquellen Pilze und Blumen, deren Düfte die Weihe versprechen, die letzte blendende Weihe der bunten Gifte. Von blätterlosen Ästen fällt blauer Blütenstaub auf uns, die wir liegen auf weichen Wurzeln. Wir träumen von Nie-Erfülltem, das uns naht, uns den Nimmer-Begehrenden.
1920

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