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Samstag, 10. Oktober 2026

Artur Streiter: Großstadt - GroßgartenStadt / Maximilian Lazarowitz: Gassen

 

Heute ein interessanter Artikel aus dem Jahre 1930 von einem interessanten Menschen. Ich stelle ihn einfach hier einmal unkommentiert ein. Für mein Empfinden nachdenkenswert auch heute noch:

Großstadt — GroßgartenStadt


Von Arthur Streiter Mit zwei Skizzen vom Verfasser. „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten, wie mit einer Axt." H. Zille.

Von den schwärmerischen Träumen eines weltfremden Altertümlers aus mögen krumme, winklige Gassen, — in deren übel riechende Tiefe nie ein Sonnenstrahl gelangen kann, — Gassen, wie beispielsweise der Berliner Krögel, Gassen in der Altstadt anderer Groß- und Kleinstädte, einen gewissen Reiz haben. Ja, viele' dieser Gassen und Gässchen sind wegen ihrer Verschlungenheit, dass da und dort ein Giebel, ein Schornstein, ein Fenster hervorlugt, nicht ohne malerischen Reiz; das mag zugestanden sein. Doch vom Standpunkt eines sachlichen, selbst in romantischen Dingen die Hygiene über alles liebenden Menschen sind diese Gassen die Pestbeulen im Antlitz der Städte. Steht doch durch statistische Erhebungen fest, dass jede kleinere oder größere Epidemie ihren Ausgangspunkt von solchen eng und jämmerlich gebauten Stadtteilen nahm, ja, dort im Gegensatz zu frei und luftig gebauten moderneren Stadtteilen am allerheftigsten wütete! In Dresden war z. B. zur Zeit der großen Pockenepidemie im Jahre 1919 der Prozentsatz der Erkrankungen und der Todesfälle weitaus höher in der Altstadt als in anderen Wohnvierteln. Doch nicht nur die altertümlichen Gassen, die oft schier auf Fäulnisbergen errichtet wurden will ich anklagen, sondern die Großstadt als solche, wie sie heute noch existiert, ist ein Seuchenherd, wie ihn sich kein Pestbazillus besser wünschen kann! Wir wissen alle, wie es um das Wesen so einer Groß- oder größeren Kleinstadt bestellt ist: die Höfe der Häuser sind hoch und schmal. Sarggrüften gleichend. In den hochaufgetürmten Mauern wird das Leben eingeschlossen und verkümmert zu frühem Tode. Die Straßen sind voll Staub und Lärm und die Menschen voll Unruhe. Ihr Seelenleben durch Reize aller Art dauernd in Aufregung und genau so wenig widerstandsfähig wie ihre Lungen, die täglich so und so viele Quentchen Schmutz aller Art verarbeiten müssen. ,,Nervös" ist fast ein jeder der Großstadtmenschen. „Ich bin eben nervös", sagen sie und „heute ist jedermann nervös" — doch damit ist die Sache nicht abgetan. Sie leiden alle an Störungen ihres Nervensystems und haben alle im Nu die „Grippe" oder die Pocken. In erster Linie ist für diese leichte Anfälligkeit in Krankheitsausbrüchen die Großstadt mit ihrer Vergiftung und Entmenschung des Menschen verantwortlich zu machen. Zu selten sind die Inseln, zu denen der Einzelne sich flüchten kann, um im Grünen die Lungen zu stärken, die Nerven zu entspannen und den Nebenmenschen zu ertragen. Der Mensch lernt, selbst unerträglich, Seinesgleichen fliehen, weil er sich nicht ertragen kann. So wird der Mensch parteiisch, ohne Gemeinschaft, egoistisch und gönnt einander kaum die Luft. Selbst die Tiere in der Stadt entfremden ihrer Natur, werden zänkisch, — ich habe gefunden, dass Mensch und Tier in natürlicher ländlicher Umgebung ruhiger, harmonischer leben. Blicken wir einmal in eins der Mietshäuser hinein: Acht bis zehn große und kleinere Familien bewohnen einen Aufgang. Doch niemand weiß vom anderen, von seinem Leid und seinem Glück. Getrennt von des Nachbars täglichem Leben — doch auch von seiner Gefahr umschlungen — gehen die Menschen ihren Weg, sich selbst am nächsten, — so, wie es ihr tägliches Leben gebietet. Niemand kennt den Nachbar näher. So ist schon rein seelisch das Großstadtleben des Menschen eine Armseeligkeit. Ist das ein Leben? Müde, gehetzt von des Tages Unrast, angeekelt vom Schmutz der Werkfrohn gequält von den Maschinen, die selten Freude und Lust an der Arbeit entlocken. Was Wunder, dass das Empfinden für einander im Gemüte der Menschen eingeschlafen ist. Die Großstadt ist immer voll Unruhe, das macht 34 ihn heimatlos, „nervös", fremd und krank. Er hat in den Mietskasernen kein Zu-Hause. Auch wenn der Stadtmensch ein noch so eingesessener Bürger ist, nicht einmal in seinen vier Wänden hat er Schutz. Zieht die Grippe, zieht sonst ein Bazillenheer seine Bahn, es wird auch durch seine Tür in seinen Körper dringen. Er wohnt zu nahe aneinander; es ist zu wenig Luft und Sonne um und in ihm, als dass er all den Keimen und Einwirkungen widerstehen kann. Sein Wohnen ist ein Hausen, aber kein Zu hause-haben! Das Leben ist in den Städten von den kräftigenden Nabelfäden der Natur getrennt. Fast stets ist die Luft grau und dunstig und des Nachts ist die Stadt wie mit schweren Leichentüchern zugedeckt. Und doch geschieht es bisweilen im Frühling, dass blaue Tage sich in die Straßen und m die kranken Leiber der Menschen drängen, um ihnen mit Macht die Schönheit eines Erdentages zu zeigen. Aber die Menschen dürfen nur wenig Zeit haben. Nur des Abends dürfen sie in den Parks, in den Laubenkolonien den würzigen Duft des Frühlings — oder wenigstens einen leisen Widerschein davon erhaschen.



Moderner Siedlungsbau Junge Paare stehen in den Torwegnischen scheu aneinandergeschmiegt; die Prostitution macht gute Geschäfte und die Zahl der Geschlechtskranken steigt. — Die jungen Liebenden hören die Geräusche um sie herum und bangen, dass man sie stören oder verjagen wird. — Sie hören all das hässliche Familienleben aus den Häusern und Wohnungen. — — Alles Unnatur, alles Unnatur, — denn das rechte Leben ist es nicht.. Es liegt im Wesen unserer Großstädte begründet, dass der Mensch am Stadtleben erkrankt, entartet und zur unnatürlichen Karikatur seiner selbst wird. Gewiss, es hat bei Kulturvölkern immer Großstädte gegeben. Die Griechen, die Römer, die Ägypter erbauten lange vor unserer Zeitrechnung große Menschenansiedlungen, Großstädte. Und doch können uns diese beinahe prähistorischen Großstädte, — die sogar Ent- und Bewässerungsanlagen hatten, noch zum Muster dienen, wie Großstädte angelegt werden dürfen und wie nicht! Die Griechen legten Großgartenstädte an. Als Verehrer der Sonne, des Lichts und des Wassers war ihr Bauen darauf gerichtet, dem Licht und der frischen Luft den Eintritt in die Wohnungen zu gewähren. Ja, sie richteten sich sogar Baderäume mit großen Bassins ein! So erhielten sie sich gesund und wurden ein schönes Volk. — Die alten Kulturvölker bauten überhaupt nicht übereinander, sie hatten es nicht nötig. Wohnungen wie Käfige übereinander zu türmen. Erst dem Mittelalter, dem vergangenen und unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, Pestherde statt Wohnungen zu bauen. Auf Grund eines erbärmlichen Bodenschachers wurden Wohnungen bis in den Himmel hinein gebaut, sodass die Bewohner der unteren Stockwerke zwei Drittel des Tages bei künstlichem und den Rest ohne Licht verbringen müssen. So war Gustav Landauer einer der ersten, der, über Damaschke hinaus schießend, erklärte: (wie vor ihm Proudhon) ,,der Boden muss wieder unser werden, der Boden muss wieder allen gehören." Unserer Zeit ist es gegeben, sich auf Selbsthilfe zu besinnen, auf einen, nein, auf den Weg, der aus dem Großstadtbabeltum heraus zu einem schönen, gesunden Menschentum hinführt. Damaschke, Gustav Landauer und viele andere wiesen als Pioniere stets darauf hin, dass gesunde Siedlungen eine erneuerte Menschheit schaffen werden. Die Großstadt sei lediglich ein Industriezentrum, währenddem sich das eigentliche Leben des Menschen in schönen Großgartenstädten abspiele, damit er gesund und gestählt gegen alle Einwirkungen das Leben ertragen kann. — Schön wird nach den heutigen Begriffen, nach den Anforderungen, die ein hygienisch einwandfreies Leben stellt, nicht gebaut indem die Baustile anderer Epochen kopiert werden. Unsere Lebenserfordernisse, unser Lebensstil oder -rythmus ist ein ganz anderer geworden. Schlicht und sachlich, seinem Zwecke zugewiesen, stark und klar betonend, dass keine unnötige Kraftverschwendung entsteht. Wer nun allerdings einen modernen Bau mit seinen glatten Linien, seines Verzichts auf jeden staubfangenden „Putz", seinen vor allen Dingen großen luft- und lichtspendenden Fenstern eine „Kiste" nennt, mag bedenken, daß eine glatte Kiste doch leichter zu reinigen ist, als ein mit barocken Schnörkeln versehenes Prunkmöbel. — Neues, sachliches, hygienisches Bauen, mit der Natur verbundenes, gesunderhaltenes Siedeln, Wandern, neue Ernährung, frische Luft, Leben in der Natur, in Großgartenstädten, ist der Weg zur Verhütung von Seuchen und Epidemien — und nicht Impfen und Wiederimpfen. Ist Geld da zur Impferei, zum Panzerkreuzerbau, sollte es auch zum Wohnbau da sein! Gesunde, saubere Wohnungen statt Panzerkreuzer und Impfzauber, — denn der Feind lebt mitten unter uns — in den abbaureifen Großstädten!

Aus: Besinnung und Aufbruch, Monatsblätter freiheitlicher Bücherfreunde Jahrgang 2 / Heft 3, Juli 1930

Artur Streiter, geboren 17. Januar 1905 in Lichtenberg bei Berlin; gestorben 21. Oktober 1946 in Schönow, Schriftsteller und Maler. Streiter wuchs zusammen mit einem Pflegebruder auf. Er absolvierte eine Handwerkerlehre und eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Als Jugendlicher verließ er sein Elternhaus und schloss sich mit 16 Jahren einer von Heinrich Goldberg gegründeten Kommune an. Nach deren Fortgang nach Frankreich und nachdem er 1925/26 mit einer Puppenspielertruppe einige Monate durch Deutschland gereist war, erwarb er das zuletzt von Goldberg genutzte Gelände im Roten Luch[1] zwischen Rehfelde und Müncheberg und versuchte dort eine Lebenskulturgemeinschaft aufzubauen. Streiter sah sich zu dieser Zeit als Anarchist und Anarchosyndikalist, beeinflusst von Gustav Landauer, Leo Tolstoi und teilweise von Erich Mühsam. Er vertrat die These: „Ich sage nicht: so wenig Staat wie möglich, sondern betone: gar keinen Staat“.[2] Arbeiter waren in seinen Augen Sklaven, Streik ein legitimes Mittel für die politische Revolution, die Institution Kirche eng verbunden mit staatlicher Machtausübung.

In den 1920er Jahren galt sein Interesse u. a. der Bohème und dem Vagabundentum. Er gehörte zum Kreis der Bruderschaft der Vagabunden um Gregor Gog.

Als Autodidakt veröffentlichte er in dieser Zeit zahlreiche Sachartikel, sozialkritische Prosatexte, Lyrik, künstlerische Beiträge und Buchrezensionen in diversen Zeitungen und Zeitschriften wie Besinnung und Aufbruch, „Contra“, Der Kunde, „Der Vagabund“, als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freien Arbeiter-Union Deutschlands auch in deren Organ Der Syndikalist.

Artur Streiter führte er eine umfangreiche Korrespondenz, u. a. mit Martin Buber, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Stefan Zweig.

1930 wurde ihm der Pachtvertrag im Roten Luch gekündigt. Daraufhin war er Mitinitiator der benachbarten Landkommune Grünhorst, der er neben Gertrud Gräser, der Tochter von Gusto Gräser, dem Maler und Schriftsteller Max Schulze-Sölde und anderen noch kurzzeitig angehörte. Die Siedlung wurde zu einem Treffpunkt der Biosophischen Bewegung um Ernst Fuhrmann und undogmatischer Sozialisten um die Zeitschrift von Franz Jungs „Der Gegner“.

Von 1931 bis 1939 lebte Streiter wieder in Berlin. 1936 wurde er nach einer Denunziation einige Wochen im Konzentrationslager Columbia am Tempelhofer Feld inhaftiert. 1939 ließ er sich in Schönow nieder.

Artur Streiter war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er starb im Alter von 41 Jahren an Lungentuberkulose, die er sich während der Haft zugezogen hatte. (Wiki)

Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.


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