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Sonntag, 11. Oktober 2026

Erlesenes: Paul Kornfeld - Zwei Prosagedichte

 



Erlesenes - Sonntag ist, draußen Herbstwetter im Wechsel von Regen, Wind und Sonne. Nichts Dringliches zu tun. So habe ich denn heute gelesen, nichts Aktuelles, sondern etwas aus einer alten Literaturzeitschrift. Hatte auch etwas, sich einmal vom Tagesgeschehen abzulenken (wenn auch der Autor Paul Kornfeld im Ghetto Litzmannstadt an Thyphus verstarb, und wir in einer Zeit leben, in welcher die Erinnerungen an die Geschehnisse im Dritten Reich mehr und mehr verblassen und teilweise, noch schlimmer, verklärt werden). Doch: „wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt“

Doch hatte ich beim Abtippen des Textes (ja, ich hab ihn ganz altertümlich diesen Text vom Manuskript abgetippt) und dabei lesen genügend Zeit zum Nachdenken über das Gelesene gehabt. Was zu einem doch recht besinnlichen Sonntag führte. Zumal eines der Prosagedichte den Titel „Gebet“ führt.


Paul Kornfeld: Zwei Gedichte in Prosa

I. Gebet


Immer ist der Tod nahe und man muss fürchten, unausgesprochene Worte, als schwere Last in der Brust tragend, zu Grabe geführt zu werden. Deshalb sitz ich hier und schreibe, um mich zu entlasten und von der Gefahr zu befreien, dass mich in der letzten Stunde vor meinem Tode oder gar in einer jenseitigen Welt nicht das Furchtbare bedrückt: geschwiegen zu haben und vielleicht gerade dadurch schuldig geworden zu sein.

Ich hebe die Hände zum Himmel und danke dafür, dass ich Mensch geworden bin auf der Welt und nichts anderes. Ein Mensch. Ich staune und bin beglückt darüber. Vom ersten Tage, da man denken und sich seiner bewusst werden kann, ist man´s gewöhnt, ein Mensch zu sein; zu sehr, als müsste es so sein, nimmt man es hin; ich staune und immer wieder kommt mir der Gedanke, ich könnte auch ein Tier geworden sein: eine Schlange in Indien, ein Regenwurm oder eine Schwalbe - oder auch irgendein Ding: ein Baum, eine Uhr oder ein wehender Vorhang. Ich bin glücklich, dies alles nicht geworden zu sein, sondern als Mensch in der Welt zu stehen und muss dem Schicksal danken.

Ich könnte als Mensch mein ganzes Leben in einem Irrenhaus verbringen, mich als Kaiser von China, als General oder als ein wildes Tier zeigen und Tag für Tag, Stunde für Stunde zum Grauen oder zur Belustigung anderer die sinnlosesten Gebärden ausführen; ich könnte ärmer sein, als ich bin und es könnte mir am Nötigsten fehlen: an Nahrung, an einem Obdach im Winter und an Papier und Feder, um niederzuschreiben, was ich unter jeder Bedingung niederschreiben muss; ich könnte als Mensch auch eine indische Frau geworden sein, die in qualvoller Ehe ihren Mann, der ein Bösewicht ist, verflucht, doch nach seinem Tode, statt nun, ihrer Sehnsucht folgend, von neuem zu leben und einen geliebten Mann zu finden, dem Verhassten folgen und verbrannt werden muss - doch an all dies denke ich heute nicht und nicht an die tausend Gefahren, denen ich entgangen bin, sondern nur an das eine, unendlich Einfache: dass ich Mensch bin und nicht Tier oder Ding!

Wohl ist es schön, auf der Straße zu stehen oder im Garten zwischen gleichen Geschöpfen und von der Erde zu leben und von der Sonne und vom Regen des Himmels, ja, wohl ist es schön, ein Baum zu sein! Ich aber bin Mensch! Nein, ich möchte kein Baum sein, auch ich kann in der Sonne baden, doch ich, als Mensch, kann auch, gehe ich weiter, wissen von all den Dingen, wissen, dass ich die Erde geküsst, in der Sonne gebadet und wissen von meinen eigenen Gefühlen.!

Auch das Tier freut sich der Sonne, freut sich der Nahrung; welches Tier aber kennt die Wonne des Geruches von Wein!

Wir haben´s gelernt, Mensch zu sein. Bedenken wir aber, dass es viel mehr Dinge und viel mehr Tiere gibt als Menschen! Hätte nicht der oder jener eine Hyäne werden können oder ein Karpfen?

Welcher Unglückliche, würde man ihn fragen und wäre er der Unglücklichste von allen, wollte wirklich und wahrhaftig etwa ein Gaul werden oder ein Pfau? - Und eine Schlange zu sein wäre für mich das Furchtbarste von allem!

Ich schließe die Augen und denke mir, ich ginge in diesem Augenblick als Hund über die Straße; öffne ich sie wieder, dann erscheint es mir, dass ich ein Mensch bin, ein lebendiger Mensch, als unfassbares Glück. Heute abend werden mich Freunde besuchen und wir werden plaudern; wir werden lachen, freundlich sein und vielleicht schenkt auch Einer dem Anderen etwas.

Vielleicht kann ein Hund auch lieben und er kann treu sein. Wir aber, als Menschen, haben die Sprache, um zu sagen, dass wir einander lieben, ja, wir können Verse schreiben und das Bild der Geliebten malen.

Und davon sprach ich noch gar nicht: das Schicksal hätte wollen können, dass wir als Dinge auf der Welt sind!

Wohl kann das Tier sich recken und zufrieden sein, wir aber sind weiter gespannt: das Glück an einem Ende und der Jammer am anderen, und wir können danken, so wie ich jetzt danke, dass ich lebe und Mensch bin und nicht Tier oder Ding!


II. Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend -

Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend, denn tut er den Mund auf, ist er voll des Irrtums und der Lüge und er braucht tausend Krücken und Stützen. Nennt er nicht die Farbe des herbstlichen Laubes und die Farbe einer Leiche, nennt er dieses oder jenes nicht mit dem gleichen Worte: gelb? Nennt er nicht einen toten Regenwurm und zugleich einen toten Menschen: eine Leiche? Und doch ist jenes ein totes Tier und dieser ein Mensch, dem die Seele entflog! Wie erhaben aber kann er sein, wenn er an einer Leiche steht und weiß und denkt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich; doch er ist entseelt, ich aber lebe noch. Doch auch ich werde einmal eine Leiche sein. - Doch es ist der Mensch ein erbärmliches Geschöpf, wenn er an einer Leiche steht und sagt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich -

Es teilt der Mensch hilflos, wenn er spricht, den unendlichen Raum in Teile und teilt die unendliche Zahl in Stunden. Doch wie gewaltig kann er sein, wenn er auf eines Berges Spitze steht, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern - atmend mit seinen Lungen, sehend mit seinen Augen, tastend mit seinen Fingern, beschienen von der aufgehenden Sonne und vom Wind umhaucht, der Himmel über ihm und um ihn der Raum - und doppelt gewaltig, wenn ihn die Melodie durchflattert: Ich bin ein Mensch, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern -

Es ist in jedem Menschen ein Licht aufgestellt und wenn er begnadet ist, kann´s ihn durchleuchten. Manche Vollkommenheit ist ihm gegeben. Schön und rein der Liebende, wenn er niederkniet vor einer Frau, durchbebt von der Berührung ihrer Hand - töricht und lächerlich, wenn er sagt: Ich lieb - ! Erhabenheit der stummen Träne, des einsam Weinenden - Nichtigkeit des klagenden Menschen, Unzulänglichkeit jeder Klage vor der Unendlichkeit des Schmerzes! Es bellt der Hund, der Löwe brüllt und der Mensch spricht - unantastbar aber der Schweigende, wenn er duldet oder jubelt! Erhaben der Leidende, wenn er dasteht und fühlt!

Es ist dem Menschen ein Dämon gegeben, zu richten, zu segnen und zu fluchen; und er richtet, ohne zu sprechen. Gewaltig der Mensch, wenn er stumm ihm horcht, wie er stumm zu ihm spricht - und doch nennt er Taten gut oder schlecht -

Einst aber wird sich aller Schall aller einst auf der Erde gesprochenen Worte zu einem Gewitter zusammenballen und auf die Menschheit niederfahren - unnennbar und wortlos schwingt sich dann auf - Seele der Menschheit! - Gott ist allein und schweigt seit ewigen Zeiten, der Menschen aber sind viele und sie sind verdammt, zu sprechen, immer zu sprechen, wie der Wind weht, wie der Wald rauscht, wie die Mühle sich dreht, immer zu sprechen, zu greifen und nichts zu ergreifen, zu haschen und nichts zu erhaschen, zu rennen und nichts zu erreichen - wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt -


Aus: Daimon, Eine Monatsschrift, Herausgeber Jakob Moreno Levy, Redakteur E. A. Reinhardt, Februar 1918


Paul Kornfeld, geboren am 11. Dezember 1889 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben am 25. April 1942 im Ghetto Litzmannstadt, Dramaturg und Schriftsteller. Nach dem Tod seines älteren Bruders im Juni 1905 erwartete die Familie, dass Paul Kornfeld nach dem Studium die Nachfolge im väterlichen Unternehmen antreten würde. Wegen seiner literarischen Ambitionen, aber auch um der Prager Stimmung einer überhitzten und vorwiegend destruktiven Intelligenz zu entkommen, zog Paul Kornfeld im Jahr 1914 nach Frankfurt am Main, wo ihm sein dichterischer Durchbruch gelang. Das 1913 geschriebene Erstlingswerk Die Verführung, ein Frühwerk des Expressionismus, erschien 1916 und wurde 1917 am Schauspielhaus Frankfurt uraufgeführt.

Im Dezember 1932 übersiedelte er nach siebzehn Jahren zurück nach Prag. Impuls für seine Rückkehr war der 80. Geburtstag seines Vaters. Nach Deutschland kam Kornfeld wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nicht mehr zurück.

Obwohl er wusste, dass er in Prag nicht in Sicherheit war und mit Verwandten nach England hätte fliehen können, wollte er Prag nicht verlassen. Vor seiner Verhaftung am 31. Oktober 1941 durch die SS und Deportation in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź), wo er nach einem halben Jahr an Typhus starb, schaffte er es, sein Romanmanuskript „Blanche oder das Atelier im Garten“ bei einer Tschechin zu verstecken, die es nach dem Krieg seinen Verwandten in London gab. 1957 erschien der Roman bei Rowohlt. (Wiki)


Bild: Paul Kornfeld um 1925. Nach einer Photographie (vermutlich von Nini und Carry Hess, Frankfurt/M.)

Die Schwestern Nini (geb. 21. August 1884; gest. 1943 in Auschwitz) und Carry Hess (geb. 11. November 1889; gest. 1957 in Chur, Schweiz) zählten zu den bedeutendsten Lichtbildkünstlerinnen der Weimarer Republik. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurden die beiden Fotografinnen von den Nationalsozialisten verfolgt und ihr Werk und ihr Leben zerstört.

Samstag, 10. Oktober 2026

Artur Streiter: Großstadt - GroßgartenStadt / Maximilian Lazarowitz: Gassen

 

Heute ein interessanter Artikel aus dem Jahre 1930 von einem interessanten Menschen. Ich stelle ihn einfach hier einmal unkommentiert ein. Für mein Empfinden nachdenkenswert auch heute noch:

Großstadt — GroßgartenStadt


Von Arthur Streiter Mit zwei Skizzen vom Verfasser. „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten, wie mit einer Axt." H. Zille.

Von den schwärmerischen Träumen eines weltfremden Altertümlers aus mögen krumme, winklige Gassen, — in deren übel riechende Tiefe nie ein Sonnenstrahl gelangen kann, — Gassen, wie beispielsweise der Berliner Krögel, Gassen in der Altstadt anderer Groß- und Kleinstädte, einen gewissen Reiz haben. Ja, viele' dieser Gassen und Gässchen sind wegen ihrer Verschlungenheit, dass da und dort ein Giebel, ein Schornstein, ein Fenster hervorlugt, nicht ohne malerischen Reiz; das mag zugestanden sein. Doch vom Standpunkt eines sachlichen, selbst in romantischen Dingen die Hygiene über alles liebenden Menschen sind diese Gassen die Pestbeulen im Antlitz der Städte. Steht doch durch statistische Erhebungen fest, dass jede kleinere oder größere Epidemie ihren Ausgangspunkt von solchen eng und jämmerlich gebauten Stadtteilen nahm, ja, dort im Gegensatz zu frei und luftig gebauten moderneren Stadtteilen am allerheftigsten wütete! In Dresden war z. B. zur Zeit der großen Pockenepidemie im Jahre 1919 der Prozentsatz der Erkrankungen und der Todesfälle weitaus höher in der Altstadt als in anderen Wohnvierteln. Doch nicht nur die altertümlichen Gassen, die oft schier auf Fäulnisbergen errichtet wurden will ich anklagen, sondern die Großstadt als solche, wie sie heute noch existiert, ist ein Seuchenherd, wie ihn sich kein Pestbazillus besser wünschen kann! Wir wissen alle, wie es um das Wesen so einer Groß- oder größeren Kleinstadt bestellt ist: die Höfe der Häuser sind hoch und schmal. Sarggrüften gleichend. In den hochaufgetürmten Mauern wird das Leben eingeschlossen und verkümmert zu frühem Tode. Die Straßen sind voll Staub und Lärm und die Menschen voll Unruhe. Ihr Seelenleben durch Reize aller Art dauernd in Aufregung und genau so wenig widerstandsfähig wie ihre Lungen, die täglich so und so viele Quentchen Schmutz aller Art verarbeiten müssen. ,,Nervös" ist fast ein jeder der Großstadtmenschen. „Ich bin eben nervös", sagen sie und „heute ist jedermann nervös" — doch damit ist die Sache nicht abgetan. Sie leiden alle an Störungen ihres Nervensystems und haben alle im Nu die „Grippe" oder die Pocken. In erster Linie ist für diese leichte Anfälligkeit in Krankheitsausbrüchen die Großstadt mit ihrer Vergiftung und Entmenschung des Menschen verantwortlich zu machen. Zu selten sind die Inseln, zu denen der Einzelne sich flüchten kann, um im Grünen die Lungen zu stärken, die Nerven zu entspannen und den Nebenmenschen zu ertragen. Der Mensch lernt, selbst unerträglich, Seinesgleichen fliehen, weil er sich nicht ertragen kann. So wird der Mensch parteiisch, ohne Gemeinschaft, egoistisch und gönnt einander kaum die Luft. Selbst die Tiere in der Stadt entfremden ihrer Natur, werden zänkisch, — ich habe gefunden, dass Mensch und Tier in natürlicher ländlicher Umgebung ruhiger, harmonischer leben. Blicken wir einmal in eins der Mietshäuser hinein: Acht bis zehn große und kleinere Familien bewohnen einen Aufgang. Doch niemand weiß vom anderen, von seinem Leid und seinem Glück. Getrennt von des Nachbars täglichem Leben — doch auch von seiner Gefahr umschlungen — gehen die Menschen ihren Weg, sich selbst am nächsten, — so, wie es ihr tägliches Leben gebietet. Niemand kennt den Nachbar näher. So ist schon rein seelisch das Großstadtleben des Menschen eine Armseeligkeit. Ist das ein Leben? Müde, gehetzt von des Tages Unrast, angeekelt vom Schmutz der Werkfrohn gequält von den Maschinen, die selten Freude und Lust an der Arbeit entlocken. Was Wunder, dass das Empfinden für einander im Gemüte der Menschen eingeschlafen ist. Die Großstadt ist immer voll Unruhe, das macht 34 ihn heimatlos, „nervös", fremd und krank. Er hat in den Mietskasernen kein Zu-Hause. Auch wenn der Stadtmensch ein noch so eingesessener Bürger ist, nicht einmal in seinen vier Wänden hat er Schutz. Zieht die Grippe, zieht sonst ein Bazillenheer seine Bahn, es wird auch durch seine Tür in seinen Körper dringen. Er wohnt zu nahe aneinander; es ist zu wenig Luft und Sonne um und in ihm, als dass er all den Keimen und Einwirkungen widerstehen kann. Sein Wohnen ist ein Hausen, aber kein Zu hause-haben! Das Leben ist in den Städten von den kräftigenden Nabelfäden der Natur getrennt. Fast stets ist die Luft grau und dunstig und des Nachts ist die Stadt wie mit schweren Leichentüchern zugedeckt. Und doch geschieht es bisweilen im Frühling, dass blaue Tage sich in die Straßen und m die kranken Leiber der Menschen drängen, um ihnen mit Macht die Schönheit eines Erdentages zu zeigen. Aber die Menschen dürfen nur wenig Zeit haben. Nur des Abends dürfen sie in den Parks, in den Laubenkolonien den würzigen Duft des Frühlings — oder wenigstens einen leisen Widerschein davon erhaschen.



Moderner Siedlungsbau Junge Paare stehen in den Torwegnischen scheu aneinandergeschmiegt; die Prostitution macht gute Geschäfte und die Zahl der Geschlechtskranken steigt. — Die jungen Liebenden hören die Geräusche um sie herum und bangen, dass man sie stören oder verjagen wird. — Sie hören all das hässliche Familienleben aus den Häusern und Wohnungen. — — Alles Unnatur, alles Unnatur, — denn das rechte Leben ist es nicht.. Es liegt im Wesen unserer Großstädte begründet, dass der Mensch am Stadtleben erkrankt, entartet und zur unnatürlichen Karikatur seiner selbst wird. Gewiss, es hat bei Kulturvölkern immer Großstädte gegeben. Die Griechen, die Römer, die Ägypter erbauten lange vor unserer Zeitrechnung große Menschenansiedlungen, Großstädte. Und doch können uns diese beinahe prähistorischen Großstädte, — die sogar Ent- und Bewässerungsanlagen hatten, noch zum Muster dienen, wie Großstädte angelegt werden dürfen und wie nicht! Die Griechen legten Großgartenstädte an. Als Verehrer der Sonne, des Lichts und des Wassers war ihr Bauen darauf gerichtet, dem Licht und der frischen Luft den Eintritt in die Wohnungen zu gewähren. Ja, sie richteten sich sogar Baderäume mit großen Bassins ein! So erhielten sie sich gesund und wurden ein schönes Volk. — Die alten Kulturvölker bauten überhaupt nicht übereinander, sie hatten es nicht nötig. Wohnungen wie Käfige übereinander zu türmen. Erst dem Mittelalter, dem vergangenen und unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, Pestherde statt Wohnungen zu bauen. Auf Grund eines erbärmlichen Bodenschachers wurden Wohnungen bis in den Himmel hinein gebaut, sodass die Bewohner der unteren Stockwerke zwei Drittel des Tages bei künstlichem und den Rest ohne Licht verbringen müssen. So war Gustav Landauer einer der ersten, der, über Damaschke hinaus schießend, erklärte: (wie vor ihm Proudhon) ,,der Boden muss wieder unser werden, der Boden muss wieder allen gehören." Unserer Zeit ist es gegeben, sich auf Selbsthilfe zu besinnen, auf einen, nein, auf den Weg, der aus dem Großstadtbabeltum heraus zu einem schönen, gesunden Menschentum hinführt. Damaschke, Gustav Landauer und viele andere wiesen als Pioniere stets darauf hin, dass gesunde Siedlungen eine erneuerte Menschheit schaffen werden. Die Großstadt sei lediglich ein Industriezentrum, währenddem sich das eigentliche Leben des Menschen in schönen Großgartenstädten abspiele, damit er gesund und gestählt gegen alle Einwirkungen das Leben ertragen kann. — Schön wird nach den heutigen Begriffen, nach den Anforderungen, die ein hygienisch einwandfreies Leben stellt, nicht gebaut indem die Baustile anderer Epochen kopiert werden. Unsere Lebenserfordernisse, unser Lebensstil oder -rythmus ist ein ganz anderer geworden. Schlicht und sachlich, seinem Zwecke zugewiesen, stark und klar betonend, dass keine unnötige Kraftverschwendung entsteht. Wer nun allerdings einen modernen Bau mit seinen glatten Linien, seines Verzichts auf jeden staubfangenden „Putz", seinen vor allen Dingen großen luft- und lichtspendenden Fenstern eine „Kiste" nennt, mag bedenken, daß eine glatte Kiste doch leichter zu reinigen ist, als ein mit barocken Schnörkeln versehenes Prunkmöbel. — Neues, sachliches, hygienisches Bauen, mit der Natur verbundenes, gesunderhaltenes Siedeln, Wandern, neue Ernährung, frische Luft, Leben in der Natur, in Großgartenstädten, ist der Weg zur Verhütung von Seuchen und Epidemien — und nicht Impfen und Wiederimpfen. Ist Geld da zur Impferei, zum Panzerkreuzerbau, sollte es auch zum Wohnbau da sein! Gesunde, saubere Wohnungen statt Panzerkreuzer und Impfzauber, — denn der Feind lebt mitten unter uns — in den abbaureifen Großstädten!

Aus: Besinnung und Aufbruch, Monatsblätter freiheitlicher Bücherfreunde Jahrgang 2 / Heft 3, Juli 1930

Artur Streiter, geboren 17. Januar 1905 in Lichtenberg bei Berlin; gestorben 21. Oktober 1946 in Schönow, Schriftsteller und Maler. Streiter wuchs zusammen mit einem Pflegebruder auf. Er absolvierte eine Handwerkerlehre und eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Als Jugendlicher verließ er sein Elternhaus und schloss sich mit 16 Jahren einer von Heinrich Goldberg gegründeten Kommune an. Nach deren Fortgang nach Frankreich und nachdem er 1925/26 mit einer Puppenspielertruppe einige Monate durch Deutschland gereist war, erwarb er das zuletzt von Goldberg genutzte Gelände im Roten Luch[1] zwischen Rehfelde und Müncheberg und versuchte dort eine Lebenskulturgemeinschaft aufzubauen. Streiter sah sich zu dieser Zeit als Anarchist und Anarchosyndikalist, beeinflusst von Gustav Landauer, Leo Tolstoi und teilweise von Erich Mühsam. Er vertrat die These: „Ich sage nicht: so wenig Staat wie möglich, sondern betone: gar keinen Staat“.[2] Arbeiter waren in seinen Augen Sklaven, Streik ein legitimes Mittel für die politische Revolution, die Institution Kirche eng verbunden mit staatlicher Machtausübung.

In den 1920er Jahren galt sein Interesse u. a. der Bohème und dem Vagabundentum. Er gehörte zum Kreis der Bruderschaft der Vagabunden um Gregor Gog.

Als Autodidakt veröffentlichte er in dieser Zeit zahlreiche Sachartikel, sozialkritische Prosatexte, Lyrik, künstlerische Beiträge und Buchrezensionen in diversen Zeitungen und Zeitschriften wie Besinnung und Aufbruch, „Contra“, Der Kunde, „Der Vagabund“, als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freien Arbeiter-Union Deutschlands auch in deren Organ Der Syndikalist.

Artur Streiter führte er eine umfangreiche Korrespondenz, u. a. mit Martin Buber, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Stefan Zweig.

1930 wurde ihm der Pachtvertrag im Roten Luch gekündigt. Daraufhin war er Mitinitiator der benachbarten Landkommune Grünhorst, der er neben Gertrud Gräser, der Tochter von Gusto Gräser, dem Maler und Schriftsteller Max Schulze-Sölde und anderen noch kurzzeitig angehörte. Die Siedlung wurde zu einem Treffpunkt der Biosophischen Bewegung um Ernst Fuhrmann und undogmatischer Sozialisten um die Zeitschrift von Franz Jungs „Der Gegner“.

Von 1931 bis 1939 lebte Streiter wieder in Berlin. 1936 wurde er nach einer Denunziation einige Wochen im Konzentrationslager Columbia am Tempelhofer Feld inhaftiert. 1939 ließ er sich in Schönow nieder.

Artur Streiter war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er starb im Alter von 41 Jahren an Lungentuberkulose, die er sich während der Haft zugezogen hatte. (Wiki)

Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.


Sonntag, 19. Januar 2025

Maria Leitner: Candy-Girl im Schlaraffenland

 




Candy-Girl im Schlaraffenland

Dort, wo die Ananas-, Mandel- und Rosinenberge stehen, Schokoladenflüsse unversiegbar quellen, Honig und Sirup sich in Riesenfässern türmen, dort, sollte man meinen, müßte es schön sein, zu leben, vielleicht sogar zu arbeiten.

Da sich das Schlaraffenland heutzutage nur in einer Schokoladenfabrik befinden kann, scheint die Sache auch gar nicht aussichtslos. Man geht durch das Tor eines Wolkenkratzers, fragt den Portier nach der Arbeiterannahmestelle, steht bescheiden vor dem Personalverwalter und bekommt nach einigem Warten einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem der künftige Arbeitsplatz verzeichnet ist. Kein Wort wird gefragt, man kann gleich anfangen zu arbeiten. Fein, daß man ins Schlaraffenland gelangen kann.

Ich bekomme von der »nurse«, halb Aufseherin, halb Pflegerin, die Uniform und einen Schrank zugewiesen. Sie sagt mir, es sei besser, die Uniform über die Kleider anzuziehen, dann friere man weniger.

Aber heute ist doch ein furchtbar heißer Tag, denke ich, doch man ist eben im Schlaraffenland, man soll sich über nichts wundern. Ich gehe die Treppe hinauf zu meinem Arbeitsplatz.

Ich betrete einen riesigen Arbeitssaal. Sofort bekomme ich kalte Füße. Eine ältere Dame, wie sich später herausstellte, die »forelady«, die Vorarbeiterin, flattert mir entgegen, in einem weißen Kleid mit einem Spitzenhäubchen angetan. Sie hat eine rote, erfrorene Nase und fragt mich nach meinen Personalien. Auch teilt sie mir die Arbeitsbedingungen mit, 24 Cent die Stunde. In der Saison kann man Überstunden machen.

Die Arbeiterinnen blicken gar nicht auf. Sie sind in Wolltücher, Wintermäntel, Sweaters gehüllt. Die Luft ist trotz der Kälte schlecht, die Fenster fest verschlossen.

Das kokette Spitzenhäubchen: »Wenn Sie eine Minute zu spät kommen, wird eine halbe Stunde abgezogen. Die Kontrollkarte muß viermal, immer im Arbeitssaal, abgestempelt werden. Morgens, bei Beginn und Ende der Mittagspause und abends, wenn man nach Hause geht.«

Ich glaube, ich habe auch schon eine rote Nase. Freilich, es muß kalt sein, damit die Bonbons nicht zerschmelzen. Daran hätte ich gleich denken müssen.

Ich werde an einen Tisch gesetzt. Plötzlich bin ich umgeben von Kartons, Seidenpapier, Stanniol. Immer neue Platten voll Bonbons werden vor mich hingeschoben. Ich muß packen. Das Spitzenhäubchen erklärt: »Jedes Stück umdrehen und genau prüfen. Die schlecht gelungenen müssen beiseite gelegt werden mit der Nummer, die auf jede Platte aufgeklebt ist. Die soll man nicht essen. Die Arbeit der Hersteller muß geprüft werden.«

Ich fange an, gehorsam zu drehen, zu prüfen, zu packen. »Nur mit den Fingerspitzen, nur mit den Fingerspitzen«, sagt noch das Spitzenhäubchen und entschwindet.

Hier mache ich die Bekanntschaft mit Nummer 68, die nicht etwa ich bin. Ich repräsentiere eine bedeutend höhere Nummer, bin Viervierzwodrei.

Bald stellte sich heraus, daß die Plattennummern immer besondere Individualitäten enthüllten. Da war z. B. die tadellose Nummer 23, die korrekte 25, es war ein Vergnügen, sie zu packen; da war die etwas zerfahrene Nummer 35 und dann also auch die Nummer 68.

Ich weiß nicht, ob ich deshalb Sympathien für sie empfand, weil ich fühlte, daß ich genau so schiefe, zerquollene Bonbons mit so fleckigem Guß herstellen würde, wenn mich das Schicksal noch ausersehen sollte, Pralinen zu machen. Jedenfalls versuchte ich, soweit es in meiner Macht stand, Nummer 68 zu retten. Ich aß die verdorbenen Stücke, sie waren schlecht, dafür aber verboten, ich verlor die Zettelchen mit der Nummer, ich schmuggelte sogar einige Stücke der tadellosen Nummer 23 und der korrekten Nummer 25 zu, denen das doch nichts schaden kann.

Am nächsten Tag, welches Wunder, übertrifft Nummer 68 an Korrektheit sogar die Nummern 23 und 25. Ich ahnte gleich Böses. Und wirklich, als ich mich nach Nummer 68 erkundigte, mußte ich mich von der Zwecklosigkeit jeder individuellen Hilfsaktion überzeugen. Denn man sagte mir: »Meinen Sie die alte oder die neue. Denn seit heute ist eine andere da. Die alte ist gestern Knall und Fall entlassen worden.«

Neben mir sitzt ein Mädchen, dem man auch anmerkt, daß es ein Neuling ist. In der ganzen Umgebung sind wir die einzigen, die sich für die Erzeugnisse Schlaraffenlands interessieren. Wir kosten alles, kritisieren, haben Vorlieben. Wenn das Spitzenhäubchen entschwindet, machen wir Rundgänge in unserem Arbeitssaal. Wir gehen an den Frauen vorbei, die Datteln entkernen, Nüsse öffnen, Ananas zerschneiden. Jedesmal, wenn wir vorbeigehen, langen wir in die Körbe und essen. Erschrocken sehen wir uns um, aber nichts geschieht. Es ist erlaubt. Die Frauen sehen uns augenzwinkernd nach. Sie scheinen sich über uns zu amüsieren.

Während ich packte, flog mir ein Stück saure Gurke zu. Eine Arbeiterin aus der alten Garde frühstückte. Ich lachte.

Aber am dritten Tag brachte ich mir Essigzwiebeln zum Frühstück mit. Meine Nachbarin schien sich zu freuen, als ich ihr auch welche anbot.

Am dritten Tag mußte ich meinen bequemen Platz, der mir allerdings erst später so bequem erschien, verlassen und wurde vom Spitzenhäubchen zu den Maschinenpackern kommandiert. Das Arbeitssystem ist hier ganz ähnlich wie das berühmte laufende Band. Quer durch den Saal laufen die Maschinen, vor denen die Arbeiterinnen packen. Eine Glaswand, mit je einer Öffnung vor jeder Maschine, trennt uns von den Pralinenherstellern. Hier gibt es kein gemütliches Schlendern mehr, die Maschinen schreiben die Bewegungen der Packerinnen wie der Bonbonhersteller vor.

Man steht hier in der eisigen Kälte acht oder manchmal auch neun Stunden lang, ohne einen Augenblick sich auszuruhen oder sitzen zu können. Das Spitzenhäubchen erscheint immerfort, umkreist uns und schreit uns ständig wie ein Phonograph in die Ohren: »Mädels, eure Hände müssen flinker werden, Mädels, eure Hände müssen flinker werden«, immer ohne Unterlaß. So sieht es aus im Schlaraffenland.

Und trotzdem geht es vor unserer Maschine sehr lebhaft, ja lustig zu. Da ist zum Beispiel Giulietta, die schöne Italienerin. Sie kann nicht nur schnell packen, sondern gleichzeitig auch Charleston tanzen und singen: »Yes Sir, she is my baby.«

Dann sind die beiden Freundinnen da, die sich ständig zanken und sich gegenseitig, zur allgemeinen Freude, alte Sünden vorwerfen. Und dann haben wir Boccaccio hier, freilich einen weiblichen Boccaccio, und schon das allein muß die Arbeit unter den Maschinenpackern erträglicher machen.

Denn Boccaccio ist eine Nummer ganz für sich. Von ungewöhnlicher Reizlosigkeit. Trägt eine Brille auf einer spitzen Nase, und hinter dieser Brille schielen farblose Augen. Die Haut ist fleckig, die Haare strähnig. Doch welche üppige, strotzende Phantasie verbirgt dieses trockene Äußere.

Boccaccio ist natürlich italienischer Abstammung, wohnhaft und aufgewachsen in der Mulberry Street, dem schmutzigsten, dichtestbewohnten Teil des italienischen Viertels. Dort, wo die Nachbarn keine Geheimnisse voreinander haben können, wo die Wände überhaupt nur aus Ohren bestehen, wo mehrere Familien in einem Zimmer wohnen.

Und Boccaccio hat immer alles gesehen und gehört. Und Boccaccio erzählt, fast ohne Unterlaß, ohne daß man darum bitten muß. In einem trockenen, dozierenden Ton berichtet sie von unwahrscheinlichsten Familienschicksalen, haarsträubenden Liebesgeschichten, Großmütter und Kinder, Chinesen und Neger kommen da vor, oft ist auch Boccaccio selbst die Heldin. Die Mädchen biegen sich vor Lachen.

Nur eine lacht nie, spricht wenig. Die Bleiche. Sie stöhnt ständig: »Ach, wie meine Hände frieren«, »Oh, mein Rücken.«

Die Schokolade strömt aus der Maschine ohne Unterlaß. Immer die gleichen Bewegungen. Wenn eine neue Art Schokolade aus der Maschine kommt, seufzt die Bleiche: »Ach, schrecklich, diese ewige Abwechslung.«

»Will jemand ›dipper‹ werden?«

»Wollen Sie, girl«, fragt mich das Spitzenhäubchen, und ich nicke freudig ja. Die »dipper« arbeiten sitzend. Sie überziehen Pralinen mit Schokolade.

»Sie werden jetzt ein ›trade‹ (Handwerk) lernen«, sagt mir die Dicke, die mich unterweisen soll.

»Yes, m'am«, flüstere ich ehrfürchtig, denn ich weiß, daß ein »trade« Karriere bedeutet.

Meine Nachbarin teilt mir mit, daß diese Woche achtundzwanzig Dollar in ihrem Lohnumschlag waren. »Das ist was anderes als die zehn Dollar der Packer.«

Als die Dicke weggeht, frage ich meine Nachbarin, seit wann sie »dipper« ist.

»Seit acht Jahren. Ja, in der ersten Zeit kann man das auch nicht verdienen.«

Ich sitze nun vor einem großen Kessel voll Schokolade, halte eine Holzkelle in der Hand und rühre fleißig. Wenn die Dicke nicht wäre, könnte ich mich jetzt Kindheitserinnerungen hingeben und denken: Schlaraffenland.

Aber die Dicke erinnert mich mit allem Nachdruck an den Ernst des Lebens. »Immer aufpassen, daß die Schokolade schön flüssig bleibt, wenn sich kleine, harte Stücke bilden, müssen sie sofort herausgenommen werden.«

Aber wieso gefriert nicht die Schokolade sofort in dem kalten Raum? Wie wird sie überhaupt flüssig erhalten?

Auf eine sehr einfache und sinnreiche Art. Unter jedem Schokoladenkessel ist eine stark isolierte elektrische Leitung, die nach Bedarf eingeschaltet werden kann. Sobald die Schokolade ihren gleichmäßigen Glanz zu verlieren beginnt, wird die elektrische Heizung unter dem Kessel angeknipst, muß aber dann immer wieder ausgeschaltet werden, denn die Schokolade darf nicht heiß werden.

Die »dipper« sitzen mit aufgestülpten Ärmeln vor den Kesseln, die Arme mit einem Schokoladenguß überzogen, und tauchen Cremefüllungen, Datteln, Ananas in die Schokolade. Jede Sorte muß auf eine besondere Art gedreht werden, muß eine besondere Größe und Form haben.

Gerade um die Zeit, wenn wir die Fabrik verlassen, paradiert vor uns der Autobus einer anderen großen Schokoladenfabrik, mit den verlockendsten Aufschriften: »Wir machen die beste Schokolade der Welt«, »Wir stellen Arbeiterinnen unter den besten Bedingungen ein«, »Wir befördern unsere Arbeiterinnen frei im Auto zur Arbeitsstelle« (merkwürdig nur, daß nie jemand in diesem Autobus sitzt).

Aber Giulietta weiß etwas Besseres. »Habt ihr denn nicht das Auto der Würfelzucker-Gesellschaft gesehen, mit dem Jazz-Orchester. Das scheint ein lustiges Haus zu sein.«

Und schon tanzt sie wieder Charleston und singt: »No Sir, don't say may be.«

Die Bleiche aber sagt: »Ich hasse jede Abwechslung. Dann sieht man erst, wie schrecklich gleich alles ist.«

Aus: Eine Frau reist durch die Welt. Erstauflage. Agis, Berlin / Wien 1932 


Maria Leitner, geboren am 19. Januar 1892 in Varaždin, Österreich-Ungarn; gestorben am 14. März 1942 in Marseille, deutschsprachige ungarische Journalistin und Schriftstellerin.

Sie studierte danach in Wien und Berlin Kunstgeschichte und absolvierte ein Praktikum in der Berliner Galerie von Paul Cassirer, Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges berichtete sie unter anderem als Korrespondentin für Budapester Zeitungen aus Stockholm.

Während des Krieges schlossen sich große Teile der revolutionär gesinnten ungarischen Jugend der antimilitaristischen Bewegung an. Maria Leitner und ihre Brüder Johann (auch: János Lékai / John Lassen. 1895–1925) und Max / Maximilian (auch: Miksa 1892–1942?), beteiligten sich aktiv beim sozialistisch-pazifistisch ausgerichteten Galilei-Zirkel.

1925 reiste sie im Auftrag des Ullstein Verlages in die USA. Drei Jahre lang durchquerte sie den amerikanischen Kontinent von New York über Massachusetts, Pennsylvania, Virginia, Georgia, Alabama, Florida, bis hin zu Venezuela, Britisch- und Französisch-Guayana und den karibischen Inseln Haïti, Curaçao, sowie Aruba. Sie nahm 80 verschiedene Stellen an, um aus eigener Erfahrung über die Arbeitsbedingungen der Menschen zu berichten. Sie arbeitete als Dienstmädchen und Zigarrendreherin, besuchte Zuchthäuser und südamerikanische Diamantenminen. Im Mittelpunkt ihrer sozialkritischen Reportagen stand das Amerika der kleinen Leute auf der Kehrseite des American Dream.

1930 erschien ihr erster sozialkritischer Roman Hotel Amerika im Neuen Deutschen Verlag. Eingebettet in eine Kriminalhandlung, wird die Geschichte des irischen Wäschemädchens Shirley O’Brien thematisiert, parallel zu den sozialen Missständen, unter denen die Arbeiterinnen und Arbeiter in einem New Yorker Luxushotel litten.

Im Rahmen antifaschistischer Aktionen ging Maria Leitner 1932 auf Entdeckungsfahrt durch Deutschland und berichtete für die Welt am Abend und die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung über die soziale und politische Situation in kleinen Städten und Dörfern, in denen bereits die Nationalsozialisten die Politik bestimmten.

Im Mai 1940 wurde Maria Leitner von den französischen Behörden zusammen mit anderen deutschen Exilanten im Lager Camp de Gurs in den französischen Pyrenäen interniert. Ihr gelang die Flucht über Toulouse nach Marseille, wo sie in extrem ärmlichen Verhältnissen im Untergrund lebte. Sie versuchte vergeblich, durch Vermittlung der Hilfsorganisationen „American Guild for German Cultural Freedom“, des Emergency Rescue Committees (ERC) von Varian Fry sowie des amerikanischen Schriftstellers Theodore Dreiser ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erlangen. Am 4. März 1941 schrieb sie ihren vermutlich letzten Hilferuf. Im Frühjahr 1941 wurde sie noch einmal von Luise Kraushaar in Toulouse sowie von Anna Seghers und Alexander Abusch in Marseille gesehen. Jetzt ist belegbar, dass die Mitarbeiter des Emergency Rescue Committee und der American Guild for Cultural Freedom bis zuletzt bemüht waren, ein Visum für sie zu beschaffen. Sie starb am 14. März 1942 in Marseille in der Psychiatrie am Hungertod. (Wiki)

Samstag, 2. November 2024

Meister Eckhart: Von der Armut (im Geiste)

 



Novemberzeit - Lesezeit, da darf es an langen dunklen Abenden gerne etwas tiefsinniger und grüblerischer sein, denn Zeit für Tiefsinn und Grübelei ist ja genügend. So empfehle ich heute zum Tiefsinnieren und Grübeln die Predigt Von der Armut (im Geiste) von Meister Eckhart (1260 - 1328), hier in der Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Gustav Landauer. Diese Predigt ist für mein Empfingen einer der „taostischsten“ Texte der mystischen christlichen Literatur. Auch wenn mir einige Begrifflichkeiten fremd sind, finde ich hier doch vieles, was mich berührt und nachdenklich macht.

Von der Armut. 

Die Seligkeit tat ihren Mund der Weisheit auf und sprach: „Selig sind die Armen des Geistes, das Himmelreich ist ihrer." Alle Engel und alle Heiligen und alles was je geboren ward, muss schweigen, wenn diese ewige Weisheit des Vaters spricht; denn alle Weisheit der Engel und aller Kreaturen ist lauter nichts vor der Weisheit Gottes, die grundlos ist. Diese Weisheit hat gesagt, dass die Armen selig seien. Nun gibt es zweierlei Armut. Die eine ist eine äußerliche Armut und die ist gut und ist sehr an dem Menschen zu loben, der es mit Willen tut unserm Herrn Jesus Christus zulieb, weil er sie selber auf Erden geübt hat. Von dieser Armut will ich nichts weiter sagen. Aber es gibt noch eine andere Armut, eine inwendige Armut, von der dies Wort unseres Herrn zu verstehn ist, das er sagt: „Selig sind die Armen des Geistes oder an Geist."

Nun bitte ich euch, ihr möchtet so sein, dass ihr diese Rede versteht, denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, wenn ihr der Wahrheit, von der wir jetzt reden, nicht gewachsen seid, so könnt ihr mich nicht verstehen. Etliche Leute haben mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir antworten. 

 Bischof Albrecht sagt, der sei ein armer Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht Genüge tun, und das ist gut gesagt. Aber wir sagen es noch besser und nehmen Armut in einem höheren Sinne. Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. Von diesen drei Punkten will ich sprechen. 

Zum ersten also heißt der ein armer Mensch, der nichts will. Diesen Sinn verstehn etliche Leute nicht recht; das sind die Leute, die peinlich an Pönitenzien und äußerlichen Bußübungen festhalten (dass die Leute in großem Ansehen stehen, das erbarme Gott!) und sie erkennen doch so wenig von der göttlichen Wahrheit. Diese Menschen heißen heilig nach dem äußern Ansehen, aber von innen sind sie Esel, denn sie verstehen es nicht, die göttliche Wahrheit zu unterscheiden. Diese Menschen sagen, der sei ein armer Mensch, der nichts will. Das deuten sie so, der Mensch solle so sein, dass er an keinen Dingen seinen Willen mehr erfülle, vielmehr danach trachten solle, dem allerliebsten Willen Gottes zu folgen. Diese Menschen sind nicht übel daran, denn ihre Absicht ist gut; darum sollen wir sie loben; Gott und seine Barmherzigkeit erhalte sie. Aber ich sage mit guter Wahrheit, dass sie keine armen Menschen und nicht armen Menschen gleichzustellen sind. Sie sind in der Leute Augen groß geachtet, die sich auf nichts Besseres verstehen. Doch sage ich, dass sie Esel sind, die von göttlicher Wahrheit nichts verstehn. Mit ihren guten Absichten können sie vielleicht das Himmelreich erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt künden will, von der wissen sie nichts. 

Wenn mich nun einer fragt, was denn ein armer Mensch sei, der nichts will, so antworte ich und spreche so. Solange der Mensch das hat, was in seinem Willen ist, und solange sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der Mensch hat nicht die Armut, von der wir sprechen wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genug tun will, und das ist nicht das rechte. Denn will der Mensch wirklich arm sein, so soll er seines geschaffenen Willens so entledigt sein, wie er war als er nicht war. Und ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen und irgend nach der Ewigkeit und nach Gott begehret, so lange seid ihr nicht richtig arm; denn das ist ein armer Mensch der nichts will und nichts erkennt und nichts begehrt. 

Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkenner meiner selbst nach göttlicher Wahrheit; da wollte ich mich selbst und wollte kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge. Aber als ich aus meinem freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr geschaffenes Wesen anfingen, da war Gott nicht in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott. Nun sagen wir, dass Gott danach dass er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der Kreatur ist und nicht so große Fülle, als die geringste Kreatur in Gott hat. Und gäbe es das, dass eine Fliege Vernunft hätte und vernünftig den ewigen Abgrund göttlichen Wesens, aus dem sie gekommen ist, suchen könnte, so sagen wir, dass Gott mit alledem, was Gott ist, die Fliege nicht ausfüllen und ihr nicht genug tun könnte. Deshalb bitten wir darum, dass wir Gottes entledigt werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaft werden, wo die obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und wollte was ich war, und war was ich wollte. So soll der Mensch arm sein des Willens und so wenig wollen und begehren wie er wollte und begehrte, als er nicht war. Und in dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will.

Zum zweiten ist der ein armer Mensch, der nichts weiß. Wir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte so leben als ob er nicht lebte, weder sich selbst noch der Wahrheit noch Gott. Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner sagen, dass der Mensch, der diese Armut haben soll, alles haben soll, was er war als er nicht lebte, in keiner Weise lebte, weder sich, noch der Wahrheit, noch Gott, er soll vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen Gottes in ihm lebendig ist; denn als der Mensch in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm nichts anderes: was da lebte, das war er selbst. Daher sagen wir, dass der Mensch so seines eigenen Wissens entledigt sein soll, wie er war als er nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, und frei dastehe, als wie er von Gott kam. 

Nun ist die Frage, wovon allermeist die Seelheit abhänge? Etliche Meister haben gesagt, es komme auf das Begehren an. Andere sagen, es komme auf Erkenntnis und auf Begehren an. Aber wir sagen, sie hänge nicht von der Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas hat weder vor noch nach und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und dann kann der Mensch Armut sein eigen nennen. Die Meister sagen, Gott sei Wesen und zwar ein vernünftiges Wesen und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder Wesen, noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge. Wer nun des Geistes arm sein will, der muss alles seinen eigenen Wissens arm sein, als einer, der nichts weiß und kein Ding, weder Gott, noch Kreatur, noch sich selbst. Dagegen ist es nicht so, dass der Mensch begehren solle, den Weg Gottes zu wissen oder zu erkennen. In der Weise, wie ich gesagt habe, kann der Mensch arm sein seines eigenen Wissens. 

Zum dritten ist der ein armer Mensch, der nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das sei Vollkommenheit, dass man nichts von den leiblichen Dingen dieser Erde hat, und das ist in einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer es mit Willen tut. Aber dies ist nicht der Sinn, den ich meine. Ich habe vorhin gesagt, der sei ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so entledigt sei, wie er war als er nicht war. Von dieser Armut sagen wir, dass sie die ursprünglichste Armut sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, der die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. Wer so des Wissens und Erkennens ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offenbarste Armut. Aber die dritte Armut, von der ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich das der Mensch nichts hat. 

Nun gebt ernstlich acht; ich habe oft gesagt, und es sagen es auch große Meister, der Mensch solle aller Dinge und aller Werke, sowohl innerlich wie äußerlich, so entledigt sein, dass er eine Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken könne. Jetzt aber künden wir es anders. Steht die Sache so, dass der Mensch aller Dinge ledig steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, und ist es noch so in ihm bestellt, dass Gott eine Stätte in ihm zu wirken findet, so sagen wir: solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der tiefsten Armut, denn Gott ist nicht der Meinung mit seinen Werken, der Mensch solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken könne, sondern das ist eine Armut des Geistes, dass der Mensch Gottes und aller seiner Werke so ledig steht, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den Menschen so arm, so ist Gott sein eigenes Werk empfangend und ist eine Eigenstätte seiner Werke damit, dass Gott ein Wirken in sich selbst ist. Allhier erlangt der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll. 

Daher sagen wir, dass der Mensch arm dastehen soll, dass er kein Raum sein und keinen haben soll, worin Gott wirken könne. Wenn der Mensch einen Raum behält, dann behält er Unterschiedenheit. Darum bitte ich Gott, dass er mich Gottes quitt mache, denn unwesenhaftes Wesen und Sein ohne Dasein ist über Gott und über Unterschiedenheit; da war ich selbst, da wollte ich mich selbst und erkannte mich selbst diesen Menschen machend, und darum bin ich Ursache meiner selbst nach meinem Wesen, das ewig ist, und nach meinem Wesen, das zeitlich ist. Und darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das soll sterben und soll zunichte werden, denn es ist des Tages; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen. Ein großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist da. Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig stehn es Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zu teil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, dass er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann. 

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gewachsen ist, so lange wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig empfinden, das walte Gott. Amen.

Aus: Verschollene Meister der Literatur - Meister Eckharts mystische Schriften, in unsere Sprache übersetzt von Gustav Landauer, Karl Schnabel (Axel Junckers Buchhandlung), Berlin 1903

Gustav Landauer, geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe; ermordet am 2. Mai 1919 in München-Stadelheim, Schriftsteller, Übersetzer, Anarchist, sein wichtigster Einfluss war Peter Kropotkin.

Als Pazifist kritisierte er den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik vom 7. bis zum 13. April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten in der Haft ermordet.

Hier der link zum gesamten Text des Buches: Meister Eckhart - Mystische Schriften