Erlesenes - Sonntag ist, draußen Herbstwetter im Wechsel von Regen, Wind und Sonne. Nichts Dringliches zu tun. So habe ich denn heute gelesen, nichts Aktuelles, sondern etwas aus einer alten Literaturzeitschrift. Hatte auch etwas, sich einmal vom Tagesgeschehen abzulenken (wenn auch der Autor Paul Kornfeld im Ghetto Litzmannstadt an Thyphus verstarb, und wir in einer Zeit leben, in welcher die Erinnerungen an die Geschehnisse im Dritten Reich mehr und mehr verblassen und teilweise, noch schlimmer, verklärt werden). Doch: „wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt“
Doch hatte ich beim Abtippen des Textes (ja, ich hab ihn ganz altertümlich diesen Text vom Manuskript abgetippt) und dabei lesen genügend Zeit zum Nachdenken über das Gelesene gehabt. Was zu einem doch recht besinnlichen Sonntag führte. Zumal eines der Prosagedichte den Titel „Gebet“ führt.
Paul Kornfeld: Zwei Gedichte in Prosa
I. Gebet
Immer ist der Tod nahe und man muss fürchten, unausgesprochene Worte, als schwere Last in der Brust tragend, zu Grabe geführt zu werden. Deshalb sitz ich hier und schreibe, um mich zu entlasten und von der Gefahr zu befreien, dass mich in der letzten Stunde vor meinem Tode oder gar in einer jenseitigen Welt nicht das Furchtbare bedrückt: geschwiegen zu haben und vielleicht gerade dadurch schuldig geworden zu sein.
Ich hebe die Hände zum Himmel und danke dafür, dass ich Mensch geworden bin auf der Welt und nichts anderes. Ein Mensch. Ich staune und bin beglückt darüber. Vom ersten Tage, da man denken und sich seiner bewusst werden kann, ist man´s gewöhnt, ein Mensch zu sein; zu sehr, als müsste es so sein, nimmt man es hin; ich staune und immer wieder kommt mir der Gedanke, ich könnte auch ein Tier geworden sein: eine Schlange in Indien, ein Regenwurm oder eine Schwalbe - oder auch irgendein Ding: ein Baum, eine Uhr oder ein wehender Vorhang. Ich bin glücklich, dies alles nicht geworden zu sein, sondern als Mensch in der Welt zu stehen und muss dem Schicksal danken.
Ich könnte als Mensch mein ganzes Leben in einem Irrenhaus verbringen, mich als Kaiser von China, als General oder als ein wildes Tier zeigen und Tag für Tag, Stunde für Stunde zum Grauen oder zur Belustigung anderer die sinnlosesten Gebärden ausführen; ich könnte ärmer sein, als ich bin und es könnte mir am Nötigsten fehlen: an Nahrung, an einem Obdach im Winter und an Papier und Feder, um niederzuschreiben, was ich unter jeder Bedingung niederschreiben muss; ich könnte als Mensch auch eine indische Frau geworden sein, die in qualvoller Ehe ihren Mann, der ein Bösewicht ist, verflucht, doch nach seinem Tode, statt nun, ihrer Sehnsucht folgend, von neuem zu leben und einen geliebten Mann zu finden, dem Verhassten folgen und verbrannt werden muss - doch an all dies denke ich heute nicht und nicht an die tausend Gefahren, denen ich entgangen bin, sondern nur an das eine, unendlich Einfache: dass ich Mensch bin und nicht Tier oder Ding!
Wohl ist es schön, auf der Straße zu stehen oder im Garten zwischen gleichen Geschöpfen und von der Erde zu leben und von der Sonne und vom Regen des Himmels, ja, wohl ist es schön, ein Baum zu sein! Ich aber bin Mensch! Nein, ich möchte kein Baum sein, auch ich kann in der Sonne baden, doch ich, als Mensch, kann auch, gehe ich weiter, wissen von all den Dingen, wissen, dass ich die Erde geküsst, in der Sonne gebadet und wissen von meinen eigenen Gefühlen.!
Auch das Tier freut sich der Sonne, freut sich der Nahrung; welches Tier aber kennt die Wonne des Geruches von Wein!
Wir haben´s gelernt, Mensch zu sein. Bedenken wir aber, dass es viel mehr Dinge und viel mehr Tiere gibt als Menschen! Hätte nicht der oder jener eine Hyäne werden können oder ein Karpfen?
Welcher Unglückliche, würde man ihn fragen und wäre er der Unglücklichste von allen, wollte wirklich und wahrhaftig etwa ein Gaul werden oder ein Pfau? - Und eine Schlange zu sein wäre für mich das Furchtbarste von allem!
Ich schließe die Augen und denke mir, ich ginge in diesem Augenblick als Hund über die Straße; öffne ich sie wieder, dann erscheint es mir, dass ich ein Mensch bin, ein lebendiger Mensch, als unfassbares Glück. Heute abend werden mich Freunde besuchen und wir werden plaudern; wir werden lachen, freundlich sein und vielleicht schenkt auch Einer dem Anderen etwas.
Vielleicht kann ein Hund auch lieben und er kann treu sein. Wir aber, als Menschen, haben die Sprache, um zu sagen, dass wir einander lieben, ja, wir können Verse schreiben und das Bild der Geliebten malen.
Und davon sprach ich noch gar nicht: das Schicksal hätte wollen können, dass wir als Dinge auf der Welt sind!
Wohl kann das Tier sich recken und zufrieden sein, wir aber sind weiter gespannt: das Glück an einem Ende und der Jammer am anderen, und wir können danken, so wie ich jetzt danke, dass ich lebe und Mensch bin und nicht Tier oder Ding!
II. Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend -
Schweigend ist der Mensch größer denn sprechend, denn tut er den Mund auf, ist er voll des Irrtums und der Lüge und er braucht tausend Krücken und Stützen. Nennt er nicht die Farbe des herbstlichen Laubes und die Farbe einer Leiche, nennt er dieses oder jenes nicht mit dem gleichen Worte: gelb? Nennt er nicht einen toten Regenwurm und zugleich einen toten Menschen: eine Leiche? Und doch ist jenes ein totes Tier und dieser ein Mensch, dem die Seele entflog! Wie erhaben aber kann er sein, wenn er an einer Leiche steht und weiß und denkt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich; doch er ist entseelt, ich aber lebe noch. Doch auch ich werde einmal eine Leiche sein. - Doch es ist der Mensch ein erbärmliches Geschöpf, wenn er an einer Leiche steht und sagt: dieses ist eine Leiche, dieses ist ein toter Mensch, ein Mensch wie ich -
Es teilt der Mensch hilflos, wenn er spricht, den unendlichen Raum in Teile und teilt die unendliche Zahl in Stunden. Doch wie gewaltig kann er sein, wenn er auf eines Berges Spitze steht, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern - atmend mit seinen Lungen, sehend mit seinen Augen, tastend mit seinen Fingern, beschienen von der aufgehenden Sonne und vom Wind umhaucht, der Himmel über ihm und um ihn der Raum - und doppelt gewaltig, wenn ihn die Melodie durchflattert: Ich bin ein Mensch, in diesen Raum gestellt, zwischen Ewigkeit und Ewigkeit, zwischen Stern und Stern -
Es ist in jedem Menschen ein Licht aufgestellt und wenn er begnadet ist, kann´s ihn durchleuchten. Manche Vollkommenheit ist ihm gegeben. Schön und rein der Liebende, wenn er niederkniet vor einer Frau, durchbebt von der Berührung ihrer Hand - töricht und lächerlich, wenn er sagt: Ich lieb - ! Erhabenheit der stummen Träne, des einsam Weinenden - Nichtigkeit des klagenden Menschen, Unzulänglichkeit jeder Klage vor der Unendlichkeit des Schmerzes! Es bellt der Hund, der Löwe brüllt und der Mensch spricht - unantastbar aber der Schweigende, wenn er duldet oder jubelt! Erhaben der Leidende, wenn er dasteht und fühlt!
Es ist dem Menschen ein Dämon gegeben, zu richten, zu segnen und zu fluchen; und er richtet, ohne zu sprechen. Gewaltig der Mensch, wenn er stumm ihm horcht, wie er stumm zu ihm spricht - und doch nennt er Taten gut oder schlecht -
Einst aber wird sich aller Schall aller einst auf der Erde gesprochenen Worte zu einem Gewitter zusammenballen und auf die Menschheit niederfahren - unnennbar und wortlos schwingt sich dann auf - Seele der Menschheit! - Gott ist allein und schweigt seit ewigen Zeiten, der Menschen aber sind viele und sie sind verdammt, zu sprechen, immer zu sprechen, wie der Wind weht, wie der Wald rauscht, wie die Mühle sich dreht, immer zu sprechen, zu greifen und nichts zu ergreifen, zu haschen und nichts zu erhaschen, zu rennen und nichts zu erreichen - wahrlich, hilflos ist der Mensch, wenn er spricht und hilfloser als alle Dichter, wenn er, Tantalus, das Grenzenlose auffangen will im Gefäße des Wortes. Auch ich, wie armselig ich, der ich rede, armseliges, tausendfach hilfloser als ihr, zu denen ich spreche, die ihr horcht und schweigt -
Aus: Daimon, Eine Monatsschrift, Herausgeber Jakob Moreno Levy, Redakteur E. A. Reinhardt, Februar 1918
Paul Kornfeld, geboren am 11. Dezember 1889 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben am 25. April 1942 im Ghetto Litzmannstadt, Dramaturg und Schriftsteller. Nach dem Tod seines älteren Bruders im Juni 1905 erwartete die Familie, dass Paul Kornfeld nach dem Studium die Nachfolge im väterlichen Unternehmen antreten würde. Wegen seiner literarischen Ambitionen, aber auch um der Prager Stimmung einer überhitzten und vorwiegend destruktiven Intelligenz zu entkommen, zog Paul Kornfeld im Jahr 1914 nach Frankfurt am Main, wo ihm sein dichterischer Durchbruch gelang. Das 1913 geschriebene Erstlingswerk Die Verführung, ein Frühwerk des Expressionismus, erschien 1916 und wurde 1917 am Schauspielhaus Frankfurt uraufgeführt.
Im Dezember 1932 übersiedelte er nach siebzehn Jahren zurück nach Prag. Impuls für seine Rückkehr war der 80. Geburtstag seines Vaters. Nach Deutschland kam Kornfeld wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nicht mehr zurück.
Obwohl er wusste, dass er in Prag nicht in Sicherheit war und mit Verwandten nach England hätte fliehen können, wollte er Prag nicht verlassen. Vor seiner Verhaftung am 31. Oktober 1941 durch die SS und Deportation in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź), wo er nach einem halben Jahr an Typhus starb, schaffte er es, sein Romanmanuskript „Blanche oder das Atelier im Garten“ bei einer Tschechin zu verstecken, die es nach dem Krieg seinen Verwandten in London gab. 1957 erschien der Roman bei Rowohlt. (Wiki)
Bild: Paul Kornfeld um 1925. Nach einer Photographie (vermutlich von Nini und Carry Hess, Frankfurt/M.)
Die Schwestern Nini (geb. 21. August 1884; gest. 1943 in Auschwitz) und Carry Hess (geb. 11. November 1889; gest. 1957 in Chur, Schweiz) zählten zu den bedeutendsten Lichtbildkünstlerinnen der Weimarer Republik. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurden die beiden Fotografinnen von den Nationalsozialisten verfolgt und ihr Werk und ihr Leben zerstört.


