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Mittwoch, 7. Juni 2023

An einem Morgen wie diesen

 



Es ist schon eine Zeit her, da hatte ich mich einmal daran gewagt, ein Märchen zu schreiben, beziehungsweise eine Art Märchen, eine Geschichte im Märchenton. Das ist aus diesem Vorhaben letztlich geworden:


An einem Morgen wie diesen


So war es immer. Die Luft mild und freundlich, der Mond schickte sich an, in wenigen Tagen als Vollmond zu erscheinen, und nur wenige Wolken zogen durch die Dämmerung des beginnenden Tages. Er lauschte dem Morgenlied einer Amsel, und er ging noch einmal in Gedanken alles durch: Garten, Haus und Stall so bestellt, dass die alte Muhme das Anwesen mit den geringen Kräften, die sie noch hatte, pflegen konnte; den Rucksack gepackt: Regenjacke, Decke, Brot, Wurst, Käse, Honig und Wasserflasche, Flöte und Feuerbesteck, alles an seinem Platz.

Er schaute noch einmal zurück zum dunklen, schlafenden Haus, dann begab er sich auf den Weg zum nahen Walde. "Die Sterne stehen gut", dachte er. Tief atmete er durch, genoss die reinigende Kraft der Morgenluft und seine Seele begann zu lächeln, als er Vogel um Vogel Lieder anstimmen hörte. Es war ihm, als begrüßten sie den Wanderer. Über einigen Wiesen lag Nebel, doch der Wald vor ihm stand dunkel und schweigend und erwartend.

Vor drei Tagen hatte ihm im Traum ein Etwas berührt, er konnte sich nicht mehr erinnern, was genau das war, ein Engel, ein Elfe oder ein Faun, es war ihm auch einerlei, er erkannte das Gefühl wieder, jenes, das in ihn wissen ließ, dass jetzt die Zeit war, seine Wanderung zu beginnen. In seinem Kopf kreisten die Gedanken wie Adler im Fallwind, und sein Blick ließ die Wolken befragen. In den morgendlichen Wolken dieses Bild: An der Nahtstelle dieser zu der anderen Welt, direkt am Tore, wohnt ein altes Pärchen, und des Sommers sitzen sie oft vor der Haustüre ihres Häuschens, Wein trinkend und schweigend. Er die faltigen Hände auf einen Stock gestützt und den Kopf darauf gelegt, sie mit fernem Blick die Regenbögen herbei ahnend.

Er betrat den Wald, und er wurde von der Sanftmut der Buchen umhüllt, der Wächterbaum am Eingang begrüßte ihn mit einem leisen windbewegten Lächeln der Blätter. Die Stimmen der Vögel vereinigten sich zu einem Chor, der in das lichtgrüne Blätterdach des lebendigen Domes des Waldes aufstieg.

Er erinnerte sich an etwas aus seinem Traum, etwas, das ihm der ElfenFaunEngel geflüstert hatte. Dieses mal würde ihm eine Gefährtin geschickt werden, und zusammen würden sie ihre Wanderung aufnehmen und die Wunder erfahren. Sonnenstrahl um Sonnenstrahl kam durch Wolken und Blätterdach und das Buchengrün kleidete sich in einem goldenen Schimmer, schwebende Schleier tanzten im Morgenlicht. Verwundert schaute der Wanderer sich um, diesen Teil des Waldes kannte er noch nicht. Er fühlte sich fremd vertraut auf seinem Weg und da war dann auch das alte Häuschen und davor saß ein alter Mann, die Hände auf einen Stock gestützt und den Kopf darauf gelegt, vor ihm ein Glas Wein, und eine alte Frau saß bei ihm mit Augen, die in weite Fernen schauten.

Zögernd trat er heran, grüßend, und der alte Mann nickte, die alte Frau lenkte ihren Blick auf ihn, ihren Regenbogenblick, um sich wieder abzuwenden und mit einer kaum merklichen Geste von Kopf und Hand auf das Rosenbogentor zu verweisen. Er dankte mit einer ebenso leisen Geste und nahm den gewiesenen Weg, durchschritt das Ranken der duftenden Rosen, betrat diesen Garten und folgte gewundenem Pfad.

Sie begegneten sich am Weiher. Die Zweige der alten Trauerweide schmeichelten dem sonnendurchfluteten Wasser, über dem Flirren der lichtzitternden Wellen wie ein lebender Sonnenstrahl eine Libelle.

Sie schauten sich an und es war eine fraglose Gewissheit in ihnen. Um sie herum begann es in den Blüten zu tanzen, sie standen wie im Zauber, gebannt, mit keiner Regung wollten sie diesen Tanz stören, schon waren sie nicht mehr nur Zuschauer, nahmen längst Teil am Geschehen. Die Bilder wurden heller, von der Erde her zog ein klärender Hauch in die Kronen der schweigenden Bäume. Schichtung um Schichtung ihrer Seelen entgrenzten sich, und sie ließen sich ein auf ein kreisendes Spiel.

Immer wenn die Atmosphäre dichter wurde, die Aura greifbarer, zogen sie sich zurück, um beim Wiedereintauchen in den Zauberkreis noch stärker zu glühen - es war ein Spiel mit der Distanz: Wie weit ging die Aura des anderen, wie weit strahlte das Willkommen, in dessen Kreise unverfänglich eingetreten werden durfte. . . und wenn sie nahe genug kamen, verschwand die Welt.

So waren sie zeitlos in diesem wundersamen Garten, ein leiser Windhauch ließ ihren geblümten Rock aufwallen, und behutsam legte Pan seine Mittagsfeierlichkeit über die beiden, alle schrillen Töne vermied seine Flöte, eine Amsel sang aus ihr. Es war so weit: Die Göttin des Gartens hatte ihren Segen gegeben. Zitternd blieb der Waagebalken in der Schwebe liegen, Zukunft und Vergangenheit verschwanden, die Sonne stieg hinan an den Mittagspunkt, die Schatten verschwanden unter den Füßen, und sie folgten den Pfaden ahnungslos. Leicht ums Herz war ihnen, und immer wenn sie zueinander schauten, wussten und wussten sie voneinander, es war kein Geheimnis zwischen ihnen. Wie geführt gingen sie ihren Weg, sie begaben sich tiefer in den Garten hinein. Der Pfad brachte sie zu den Himbeersträuchern, und sie naschten von den süßen Früchten, sie zerdrückten die süßen Früchte im Mund und sie schauten sich an, und Adam reichte Eva die Frucht, wie ein zutraulicher Vogel pickte sie ihm die Beeren aus der Hand. In ihr tauchten die Bilder der Gärten der Kindheit auf.

Sie setzten sich zueinander auf die bemooste steinerne Bank hinter der dunklen Eibenhecke. Sie erzählte ihm von den Sonntagen, den sonnigeren Tagen der Kindheit: Als sie im Garten der Großtante so viele Johannisbeeren essen durfte, wie sie mochte, immer kopfüber eine Traube nach der anderen abzutschte, bis der ganze Gaumen sich zusammenzog und der Rachen und die Zunge sich pelzig anfühlten, und sie trotzdem nicht aufhören konnte. Süße Säure, Wärme, Glück, inmitten riesiger herzschlagbewegter Welt. Sie folgten den Wegen der Erinnerungen, war es ihr Garten der Kindheit, war es sein Garten der Kindheit? Beider Kindheit im Gleichklang der Erinnerungen.

Noch einmal gingen sie tiefer hinein in das webende Grün, im Erzählen und Lauschen folgten sie den Pfaden, ohne ihre Schritte zu lenken. Immer wieder schaute er nach ihr, während er ihrer Stimme lauschte, und es erschloss sich ihm ihre Welt, die ihm wie die eigene dünkte. Schließlich, am anderen Ende des Gartens, bei den letzten Rosen, begann er zu erzählen. Nun war es ihr, als erzähle er von ihrer Seele, seine Worte hatten Hände, warme, zärtliche. So bot sie ihre Hände den seinen zum Geschenk, und wo er die seinen ruhen ließ, leicht wie ein flaumiges Küken, blieb eine kribbelnde Druckstelle, ein Wärmestern, und kribbeldikrabb leise Strömchen glitten auf und ab durch ihre Körper.

Seine Worte wurden mitternachtsviolett und türkis und glänzend wie Seide, seine Worte erzählten von den Rosen, und von den Rosen erzählte er: sie dufteten in seine Worte hinein, und er kannte sie alle: Die seltensten Arten und Sorten, die hundertblättrige und die tausendblättrige Rose, die schwarze Rose, die Steinrose von den klingenden Bergen, die zierlichen nachtsamtenen Dunkelrosen, welche nur drei Nächte im Sommer blühen, die Nacht aber mit einem solchen Duft umhüllen, dass ein jede, ein jeder ins Träumen gerät.

Ein Schleier wurde vom Garten gezogen, und alles zeigte sich in anmutiger Klarheit, lavendelmild legte sich ein Windhauch über allem, und wieder stand die Welt still, und im Innehalten begann Pan erneut der Schwarzdrossel Lied. In ihnen war etwas Scheues, etwas unerklärlich Zartes, sie wussten von dem Gehen des gemeinsamen Weges, sie wussten, dass sie hierher geführt waren an diesem Tag, um sich in diesem Garten zu begegnen, und sie brauchten nicht zu sprechen darüber, ihre Vertrautheit war umfassend.

Es war ein Beginnen: sie begannen ihre sich noch fremden Körper zu erspüren. Sicher, da waren diese Anziehungen, da war dieses Verlangen, doch es lässt sich nicht immer alles täppisch ertasten. Sie fanden andere Möglichkeiten der Annäherung. Ließen die Hand außerhalb ruhen, dort wo die Aura begann. Dann ein Zurückziehen, bis die Anziehung nachließ, um wieder erneut einzutauchen, um das Sichweiten zu erspüren, mitzuspüren, wie sich im Inneren das Verlangen seine eigene Sprache suchte, wie es beider Verlangen war, welches da sprach, um sich wieder nah an die Berührung zu trauen. Ein erneutes Zurückzuziehen. Sie legten ihre Hände wieder auf diese Grenze, auf diese spürbare Membran, durch welche die Anziehungen und Strömungen passieren konnten, um dann, als die Anziehung zunahm, es den Händen zu gestatten, das erste Mal die Haut zu spüren. Schon waren beider Atem zu hören, zwei Wellen liefen aufeinander zu, liefen ineinander, und die Körper umarmten einander, wie der Wind die Bäume umarmt, wie die Welt sich selber umarmt.

Dann wieder spürten sie dem Verebben nach, glitten mit dem Rückzug der Wellen ins Verharren zurück, während beider Aurenraum sich mit Wärme füllte, und immer wieder dies Verlangen, die nächste Welle hob an, ohne das Zutun beider, und ein erstes Sichverlieren begann. Sie schauten sich in die Augen. Die strahlten. Selig.

Als sie wieder am Rosenbogentor des Gartens auftauchten, saßen da immer noch der alte Mann und die alte Frau vor dem Häuschen, der alte Mann nickte, seine Augen lächelten, und die alte Frau strahlte sie mit freudigem Blick an. Und sie winkten zum Abschied und traten ein in die Stille des Waldes.

Nun erkannte er den Wald wieder, und es war der Wald, den er kannte von endlosen Spaziergängen, von den Pilz- und Beerensammeltagen, und neben ihm ging auf dem vertrauten Weg eine Frau im geblümten Rock, sie trug einen Rucksack und ihre Augen funkelten, um ihrem Munde herum war das Rot von genaschten Waldhimbeeren. Sie grüßte ihn, und fragte ihn nach dem Weg, einem Weg zur nächsten Raststätte. Er zeigte dorthin, sagte etwas von gemeinsam gehen. Freudig willigte sie ein.

Im gemeinsamen Gehen schaute er vor sich auf den Weg, und dann wieder verstohlen zu seiner unverhofften Begleiterin, er schaute verstohlen zu ihr aus den Augenwinkeln, und er fand, dass sie wunderschön war. Er lauschte dem Lied, welches sie leise summte, es war keine Melodie darin, es waren gleichmäßige Töne, die warm sein Herz berührten. Er freute sich am Schwingen ihrer Schritte und immer wieder musste er schauen und lauschen.

Als sie unverhofft seine Hand nahm, blickte er sie überrascht an, verwirrt durch die unerwartete Berührung, die doch so vertraut sich anfühlte. Etwas in ihm wanderte durch träumende Erinnerungen an einen Garten und an eine Seligkeit, die dort durch die Pflanzen wanderte, und für einen kurzen Augenblick war es ihm, als schaute Pan mit gewitzt lächelnden Augen aus dem Gesträuch im Walde. Ja, sie berührte ihn, sie nahm seine Hand wie selbstverständlich und es war selbstverständlich, denn ihre Hände gehörten zusammen. Hand in Hand gingen sie ihres Weges.


Das Bild ist von Anna de Weert ( 1867 - 1950)

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