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Mittwoch, 31. Mai 2023

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VIII)

 



Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VIII)


Sonntag ist
und Glockenklang am Morgen,
Glocken wollen die Katholen
in die nahe Kirche holen

Sonntag ist
und steter Regen rinnt,
und ich freu mich wie ein Kind,
das niemals nie nicht sündigt:
die Liebste hat sich angekündigt

Mir ist, die Glockenklänge gelten ihr
und mir



Im kleinen Baum vor dem Fenster:
ein Eichelhäher im Geäst
mit blaugestreiften Federn
an den Flügeln

An manchen Tagen ist das Leben
dieses Buch mit sieben Siegeln,
dann wieder liegt es offen da,
und dir wird offenbar
ein weitrer Sinn im Leben -

Wie schön war es,
wenn ich als Kind
im Walde
Eichelhäherfedern fand,
es war,
als strichen Engel übers Land
und schenkten mir ein kleines Wunder,
das es zu bewahren galt

Ein Geschenk
vom Leben
und vom Wald





„Müde der ewigen Versuche, uns durch die rohe Materie zu kämpfen, wählten wir einen anderen Weg und wollten dem Unendlichen entgegeneilen. Wir gingen in uns und schufen eine neue Welt.“

Henrik Steffens (ca. 1801)




Innehalten -
Kräfte walten

Ich gehe gerne zu einem Bäcker,

der noch Hand anlegt

Lieber brotlose Kunst
als kunstloses Brot



Umarmung, Liebste.
Nun bist Du bei mir
auf diesem stillgelegten Stern,
Sonntag für die Seele
und ein Gruß von
jenem anderen Planeten,
der „zu Hause“ heißt



Kleine Geschenke


Ein Heimatwichtelpärchen,
das ich Aigle und Bogumil taufe:

Aigle - „Strahlen“ - Göttin
des goldenen Lichtes, des
Sonnenunterganges,
Tochter der Nyx;
nun eine leicht dralle
Wichtelfrau
mit Mütze, zipfelrot

Bogumil: „Der von Gott geliebte“,
wohl auch geliebt vom
goldenen, strahlenden Lichte
des Abends

Zwei Fliegenpilze
ihnen an die Seite,
sie bringen fröhliche Farben und,
so hoffe ich, Glück



In Variationen:
Frühstück, Mittagessen, Abendbrot -
das ist die Konstante
der Gleichförmigkeit

In steter Gleichförmigkeit
auch der Regen draußen,
der den Schleier
über den Herbstanfang legt

Vom Bette aus
schaue ich dem Ziehen
der Wolken zu,
dem Fallen des Regens


Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der achte Teil.

Dienstag, 30. Mai 2023

Simultan Krippenspiel (Concert bruitiste)

 


Simultan Krippenspiel (Concert bruitiste)


Aufführung: »Große Soirée« am 31. 5. 1916 in der »Meierei« in Zürich, Spiegelgasse 16.

Vorgetragen von Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Marcel Janco, Marietta di Monaco, Tristan Tzara


Ein Krippenspiel. Bruitistisch

I. Stille Nacht.

Der Wind: f f f f f f f f f fff f ffff t t
Ton der heiligen Nacht: hmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm
Die Hirten: He hollah, he hollah, he hollah.
Nebelhörner. Okarina – – – – crecendo. (Steigen auf einen Berg) Peitschenknallen, Hufe.
Der Wind: f f f f f f f f f f f ffffffffffffffffffffffffffffff t.

II. Der Stall.

Esel: ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia, ia,
Öchslein: muh muh muh muh muhm muh muh muh muh muh muh muh (Stampfen, Strohgeräusch, Kettenrasseln, Stoßen, Käuen)
Schaf: bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh, bäh,
Josef und Maria (betend): ramba ramba ramba ramba ramba – m-bara, m-bara, m-bara, -bara- ramba bamba, bamba, rambababababa

III. Die Erscheinung des Engels und des Sterns.

Der Stern: Zcke, zcke, zcke, zzccke, zzzzzcke, zzzzzzzzcccccccke zcke psch, zcke ptsch, zcke ptsch, zcke ptsch.
Der Engel: (Propellergeräusch, leise anschwellend, tremolierend, bis zu erheblicher Stärke, energisch, dämonisch)
Ankunft: (Zischen, Zerplatzen, Bündel von Licht in Geräuschen)
Lichtapparat: flutet weiß weiß weiß weiß weiß.
Fallen aller Mitwirkenden: erst auf die Ellbogen, dann auf die Fäuste. So, daß zwei Geräusche entstehen, die zusammenhängen.
Plötzliche Stille: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

IV. Die Verkündigung.

Geräusch der Litanei: do da do da do da do da dorum darum dorum do da do, dorum darum, dorum, darum, do da do, do, doooo.
Tutti: Muhen, Iaen, Ketten, Schalmeien, Gebet, Stern, Schaf, Wind.
Stilisiertes Lachen: H a ha. haha. haha. haha. haha. haha. haha. haha.
Steigerung bis zu höchstem Lärm. Tanz nach gepfiffener Melodie
Der Engel: Dorim darum dorum darum, dorum darum, dododododododododooooo (das Ende des »doooooooo« sehr schmerzlich und bedauernd)

V. Die heiligen drei Könige

Der Stern: Zcke zcke ptsch, zcke zcke zcke zcke zcke ptsch! zcke zcke ptsch! ptschptschptschptsch. zcke zcke ptsch ptch ptsch.
Die Karawane der drei Könige: Puhrrrrr puhrrrr (Schnauben der Pferde, Trampeln der Kamele).
Die drei Könige: rabata, rabata, bim bam, rabta rabata, bim bam ba, rabata rabata rabta, rabata bim bam. bim bam. bim bam.
Glöckchen der Elefanten: Bim bim bim bim bim bim bim bim bim
Flöten
Trompete: Tataaaaaaaaaaaa! tataaaaaaaaaaaaaaa!
Schnauben der Pferde: Puhrrrrr, puhrrrrrrrr, puhrrrrrrr.
Wiehern der Pferde: Wihihihihih, Wihihihihlhi, Wihihihlhih.
Kacken der Kamele: Klatschen der Hände mit sehr hohler Fläche.
Der Stern: Zcke zcke zcke ptsch!

VI. Ankunft am Stalle.

Eine Kerze leuchtet auf. (Der Saal war vorher verdunkelt. Man sieht jetzt die Orchestermitglieder. Sie haben schwarze Tücher umgeschlungen, so daß ihre Gestalt verschwindet. Sie sitzen außerdem mit dem Rücken gegen das Publikum)
Josef: Bonsoir, messieurs. Bonsoir, messieurs. Bonsoir messieurs.
Esel und Öchslein: Ia ia ia ia ia ia a ia, muh muh muh muh muh muh
Geräusche von Kupfergeräten, Klappern von Kannen, Stoff-, Taft-Geräusche, Gläsertöne, Schöpfen, Rieseln, Schlüsselgeräusche
Josef: Parlez-vous français, messieurs? Parlez-vous français, messieurs?
Die heiligen drei Könige: Ah, eh, ih, ohm, uh, ah, eh, ih, oh, uh! aih, auhh, euhhh, eh ih, oh uhhhh! Ahhhhhhhhhhhhhhhh!
Maria (pfeifend): Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf! Schlaf Kindlein schlaf!
Josef: kt, kt kt potz! kt kt kt kt Potz! kt kt kt kt potz!
Jesus: schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend schmatzend.

VII. Die Prophezeiung.

Plötzliche Hammerschläge. Nageln. Rattern. Klappern.
Zurufe der Knechte: He hollah! he hollah! he hollah!
Zymbeln, Pfeifen, Johlen, Volksmenge Bellen.
Die Pharisäer: Rabata, rabata, rabata, rabata, sallada, salada, sallada, sallada, sallada, sallada, sallada, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm, rabata bumm.
Die heiligen drei Könige: oh oho oh oh oh oh oh oh oh oh oh oh (sehr schmerzlich)
Esel und Öchslein (sehr schmerzlich): Muh iahh, muhhhhh, iahhhhh, muhhh.
Lamm: bähhhhhhh, bähhhhhhhhh, bähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
Klagelaute der Maria: Ahhhhhhhhh, ahhhhhhhhhh, ahhhhhhhhhhhhhhhhh!
Glocken und Glöckchen: Bim bam bum, bim bam, bum, bim bam, bum. Gong gong.
Nageln: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und da er ward gekreuzigt
Da floß viel warmes Blut.

Krippenspiel

I.

Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei ihren Hürden. Die hüteten des nachts ihre Herde. (Wind und Nacht. Ton der Nacht. Signale der Hirten. (Tzara: kleine Laute. Peitschenknallen)

II.
Maria aber und Josef lagen im Stalle zu Bethlehem auf den Knieen und beteten zum Herrn. (Während Ball und Janco beten, diesen Text wiederholen. (Schalk muh, Schlüssel. Arp: bäh, Strohgeräusch.)

III.
Am Himmel aber leuchtete der hellste Stern über dem Stalle von Bethlehem. Und siehe der Engel des Herrn machte sich auf und erschien den Hirten. Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und sie fürchteten sich sehr. (Stern, Brausen des Engels, ganz stark, dann Cymbel. Lichtapparat und Fallen. (Janco.) Pause.

IV.
Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, denn siehe: ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Do da do des Erzengels, dann Freude tutti. Steigerung. Crescendo. Dann: do da do doooooo des Engels)

V.
Und die Weisen aus dem Morgenlande machten sich auf mit ihrer Karawane, mit Kamelen, Pferden und Elefanten, die reich mit Schätzen beladen waren, und der Stern führte sie. (Stern, Wiehern und Schnauben der Pferde, Gang der Elefanten, Sprechen der Könige, Trompete. (Tzara; Arp), Glöckchen. Der Stern. Alles schwellend und abschwellend)

VI.
Und sie fanden den Stall und Josef begrüßte sie. (Bon soir, messieurs) Rabata rabata. Muh. Bäh.) Aber Josef verstand ihre Sprache nicht. (rabata, rabata.) Tzara: o mon dieu, o mon dieu (Schlaflied Emmy, Ah eh Tzara ih oh der Könige. Dann ah eh ih verstummend. Nur noch Gesang der Maria, Laute. Schmatzen des Säuglings und Beten: ramba rambaramba.) Pause.

VII.
Maria aber bewegte all diese Worte in ihrem Herzen. Und sie sah einen Berg und drei Kreuze aufgerichtet. Und sah ihren Sohn verspottet und mit einer Dornenkrone gekrönt. Und sie kreuzigten ihn. Aber sie wusste, daß er am dritten Tage wieder auferstehen werde, verklärt. (Johlen der Menge). Rabata rabata (Janco), Tzara: Pfeifen. Ball: He hollah! Nageln. Schalk: Klappern. Arp: bäh bäh. Rabata Rabata, sallada. (Crescendo) Nageln und Schreien. Dann Donner. Dann Glocken.

Geschrieben von Hugo Ball (1886 - 1927) und uraufgeführt von ihm und mit den oben genannten Akteuren am 31. 5. (!) 1916.

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VII)

 


Fast ein Jahr  -  Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VII)


Rosenengel

Zu Georg,
Ritter von der Rose,
hatte mich mein Sohn gekürt.
Mit seinem Holzschwert
hat er leichter Hand
meine Schultern berührt,
als er fünf Jahr
alt war

Ich wagte nicht,
es ihm zu sagen,
dass ich kein Ritter
war und bin.
Niemals bereit,
eine Rüstung zu tragen
und auch nicht bereit,
das Schwert zu führen

Jetzt, da er älter ist,
bitte ich ihn,
mich statt eines Ritters
zum Engel zu küren.
Vielleicht,
so kommt mir in den Sinn,
weil ich Georg,
der Rosenengel bin



„Mach es wie die Sonnenuhr,
zähl die heitren Stunden nur!“
Nur dur?
Na toll!
Und was ist mit moll?

In Zeiten
der Beliebigkeiten,
wenn der Himmel nur ein Jahrmarkt ist,
wochenlanger Sonnenschein
als „Schönwetter“ gilt,
während Trockenheit
die Ernte frisst,
dann wünsche ich mir grün
und Wolkenziehn,
ein Regenlied im Blätterdach,
ein leiser Wind, der weht,
das Singen einer Melodie,
die nirgendwo geschrieben steht



Was wäre,
wenn Dichterinnen
und Dichter
wieder singen lernten,
nichts irgendwo geschrieben steht,
Lieder nur
von Mund zu Ohr zu Mund erklängen,
unter besternten
Himmeln
gelehrt gelernt verweht



Es ist soweit,
ein Sommer, der vorüberzog
endet -
noch ein kurzer Epilog,
dann:
wie die Tage in das Dunkel gleiten. . . -
wie sich der Seele Innenräume weiten;
Tau flicht Silber in die Wiesen,
silbern auch mein Haar -
So also
endet der Sommer dieses Jahr


Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der siebente Teil.

Der Rosenengel auf dem Foto wurde von mir mit Rosen der Sorte Rose de Resht (meine Lieblingssorte) garniert, das Foto fertigte Frederike Herrlich an. 


Montag, 29. Mai 2023

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VI)



Fast ein Jahr  -  Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (VI)


Das also war der Sommer nun -
Wind treibt böend Regen vor sich her,
die Welt verschwimmt

Das also war der Sommer nun -
und weiter geht ein Spiel,
welches nie eines war, da draußen in der Welt,
wo es kein zweites, drittes gibt,
wenn einer einem Leben nimmt

Noch immer Krieg,
auch wenn für ein, zwei Tage
Queen Mum´s Tod
der Zeitung erste Seiten dominiert

Noch immer Krieg.
Ich bin geschützt an warmer Stätte,
doch manchmal ist`s:
Mir friert

Vor einem Jahr noch
fühlt ich mich gesund,
nun fühle ich mich wund -
das also war der Sommer nun



Freier Wille?
Ach, das ist ne bitt´re Pille,
wer von den meisten,
wagt es, sich zu leisten?

Naturgesetze?
Welche auch noch strafen?
Nach welchen Paragraphen?

Nur Menschen denken
in Gesetzen und Strafen
Hoffe, nicht der Menschen alle,
denn das ist eine Falle

Anders gewählt,
auf andere Wege begeben -
das zählt



Die haben einen Knall
mit ihrem „Big Bang“,
dem ganz großen Anfangsknall,
als gäbe es im Weltenall

                 - Luft -

denn die überträgt den Schall.

Soso, Krieg ist der Vater von allen
Dingen, und darum muss es am Anfang
wohl mächtig knallen

Stille war
ein großes Licht
in Allem
dehnte sich unhörbar
in die leeren Weiten aus  -
ward unser Universum 

daraus

alles Weitere
Heitere



Wenn Worte nicht
wie Wolken wären,
all die ungefähren
wabbelweichen
großen Worte,
die - mezzoforte -
bombastisch
vor die Welt
gestellt
um zu vertuschen,
wie’s sich mit dem Sachverhalt
verhält,
und soviel untern Teppich kehren. . .

wenn Worte nicht
wie Wolken wären



Wir goutieren
abseits
ein Drei-Sterne-Gedicht

Die Worte,
wie sie
auf der Zunge zergehen

Hilflos
nach dem Abspann
nach Hause


Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der sechste Teil.

Das Bild „Island of the dead“ ist von Ethel Spowers (1890 - 1947)

Sonntag, 28. Mai 2023

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (V)

 


Fast ein Jahr  -  Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (V)


I
ch nutze die Stille der Stunden
mich neu zu erspüren,
weiß nicht,
wohin diese Stunden mich führen,
ich möchte in Stille gesunden

Ich möchte die späten Tage noch segnen,
länger im Kreise der Lieben sein,
grüßen die Tage mit süßem Wein,
dem Du in allem begegnen



So etwa wäre abgeschiedenes Leben:
Wenn die Zeit stille steht
auf ihre Weise,
zwar bewegt leiser Wind kleine Zweige -
manches Mal, und seltener noch
fliegt ein kleiner brauner
Vogel auf,
um wieder zu entschwinden
in der Taxushecke -
sonst kaum etwas,
das sich regt
und zeigt,
dass Erde und Welt
sich weiter dreht



Einfachheit

Des Morgens
die stille Hütte
am Berge

Berglilien
stehn in der Sonne,
tropfenbehangen



Außer Kraft gesetzt
dieses:
„Es muss immer etwas geschehen!“
Reicht nicht ein
Spätsommersonnenstrahl,
reichen nicht
die im leisen Winde ruhig
sich bewegenden kleinen Zweige;
der kleine graubraune Vogel,
der sein Versteck
in der Taxushecke aufsucht?

Nie war das Leben näher



Wenn die Stille innen
nach Dir greift,
lerne zu segnen

Wenn sich die Stille
in Dir weitet,
lerne zu danken

Wenn die Stille beginnt
Dir dein wehes Herz zu wärmen,
lerne zu singen

Ein Gefäß sei Dein Gesang,
eine Schale,
in der sich lebendige Wasser finden,
die glänzenden Sterne
zu spiegeln

Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der fünfte Teil.

Die Illustration ist von Ferenczy Károly (1862 - 1917) „Landscape in Springtime with the Flower Hill“ (1899)

Samstag, 27. Mai 2023

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (IV)

 



Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (IV)


Wie schön der Regen -
so lang schon ersehnt.
Groß ist meine Dankbarkeit,
die ich ausspreche,
stellvertretend
für Pflanzen und Gärten:

so stetig sanft fällt er,
dass die dürstende Erde
ihn empfangend trinken darf,
und kein Land
in grausen Sturzbächen versinkt

Wie ich, Erkrankter,
den spendenden Segen
erster Vorboten der Genesung
erahnen darf,
so fühle ich
mit Dir, geliebte Erde,
mir Mutter und Heimat zugleich



Lasst uns Fruchtbäume pflanzen,
dass wieder grünende Gärten
als ein schützendes Kleid
die verwundete Erde sanft bedecken

Lasst uns Lieder in den Himmel senden,
Segen
von Wolke zu Wolke tragen,
die Bäume wachsen lassen
in den Wüsten
der menschlichen Habgier



Wir können
den Regenbogen befragen,
jeden Morgen
nach den Farben schauen

Wir können
Saaten in den Garten tragen,
die kahlen Beete
bebauen

Wir können
arm sein oder reich,
uns wohl fühlen
ohne Vergleich

Wir können
wie Blätter sein,
unbeschrieben.
Wir können
uns lieben



Gott ist nicht groß,
eine Brennesselblüte nicht sehr virtuos
gebaut,
genau geschaut

Gott ist nicht klein
und passt doch
in jede Gänseblümchenschale
hinein

Gott ist Schimäre,
ist Kindersehnsucht,
was Dir geschieht,
was Du auch suchst,
auch tust:
Nimm Gott nicht als Flucht

Worte lassen sich wandeln
durch handeln,
und sieh:
Das Leben ist nicht groß,
einjede Blütenschale
ein Schoß
für künftige Früchte,

und sieh:
Das Leben ist nicht klein,
im Traum, die Gesichte,
sie flüstern Dir zu:

Ich bin das Leben,
ich will gelebt sein,
drum lebe auch Du

Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der vierte Teil.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.

Freitag, 26. Mai 2023

Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (III)

 



Fast ein Jahr - Die Zukunft aller Gegenwart heißt Vergangenheit (III)


Wie werden wir einst sprechen?
Werden Worte - doppelbödig -
zum Verbrechen?
Wittert man hinter jedem Wort gleich
Religionsverrat?
Attentat?

Oder lässt man uns ruhig in Freiheit sein?
Was bei uns geschrieben steht,
liest eh kein Schwein?

Oder müssen wir,
wie einst zu Diktatorenzeiten,
in Andeutungen Ahnungen verbreiten,
bei deren Dechiffrierung keiner lachen darf?

Müssen wir diejenigen lieben,
die Morden Kriege nennen,
die am Verkauf von Waffen
mitverdienen?

Dürfen wir die Knickse üben,
schafsbrav
Jugendtorheit sühnen?
Sie wollen hören, wie es klingt,
wenn ihr Vögelchen elegisch singt?

Wie will man in die Zukunft schauen,
wo es doch Zukünfte gibt?
Welche Zukunft wir erbauen
obliegt
ganz uns. Wenn wir uns trauen



Wie das Wetter mit meiner Stimmung korrespondiert
ist schon bemerkenswert.
Gestern der Himmel noch wolkenunbefleckt,
heute greift er wieder in die Vollen,
dunkle Wolken, und ich höre Donnergrollen

Gestern noch alles Leben wie steckengeblieben,
meines geparkt in einem Krater des Neumonds,
selbst die Uhr erging sich in Langeweile,
im Zeigerschleichen,
wir gähnten zusammen,
das sollte für diesen Tag reichen

Das muss nun fernem Donnergrollen weichen



Ich weiß nicht,
in welchem Himmel er thront,
weiß nicht,
ist er nah, ist er weit,
weiß nur:

ein anderer Stern,
weiß nicht,
von was oder wem bewohnt,
weiß nur:
es ist an der Zeit

Sternenwanderer




Der Himmel über uns
mit
lichtblauen Samt tapeziert,
die paar Wolken am Morgen
zogen mit
Donnergrollen weiter

Regen wäre schön gewesen

Dieser Zyklus ist begonnen worden letztes Jahr (2022) im August, als ich wegen einer Herzoperation mit der so ganz unlyrischen Bezeichnung "Mitralklappen-Rekonstruktion" im Krankenhaus war. Das Schreiben daran wurde in der anschließenden Reha und in meiner Zeit der Rekonvaleszenz fortgesetzt. Endlich kam ich dazu, ihn ins Reine zu schreiben und abzuschließen. Dieses ist der dritte Teil.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.