Märchen von den vier Brüdern
Es lebten vier Brüder, die grübelten über den Sinn des Lebens, saßen in
ihrem Haus und zerdachten sich die Stirn. Da sagte der eine und strich mit der
Hand über sein rotgleißendes Haar: Ich will gehen und die feurige Flamme nach dem
Sinn befragen". Der zweite sagte: „Ich hole mir Antwort von der wehenden
Luft", warf den Kopf in den Nacken, und sein Gesicht leuchtete. Der dritte:„Den ewigen Wassern will ich lauschen und
ihrem Rieseln", und seine Augen glänzten sehnsüchtig wie in Tränen. Der
letzte schwieg. Als sie in ihn drangen,wen er befragen wolle, sagte er ruhig: „Ich diene der lebendigen Erde
und warte in Geduld", dabei sah er durchs Fenster, das weit offenstand und
den Blick freigab auf sommerliche Wiesen, belaubte Bäume, einen blanken Fluß
und die Türme der nahen Stadt.
Andern Tags nahmen sie Abschied voneinander, und da sie nicht wussten,
ob sie sich je wiedersehen würden, schworen sie,sich gegenseitig Nachricht zu
geben über ihr Schicksal und ihre Erfahrungen, wenn nicht durch Worte, so durch
Zeichen. Dann zogen die drei Brüder aus, der vierte winkte lang unter der Tür.
Der erste schlug den Weg ein zur feurigen Flamme. Er erkannte die
Richtung an mancherlei Zeichen. Schmiedeessen warfen roten Schein aus ihrem
rußigen Dunkel; Kohlenmeiler im tiefen Wald wiesen ihn weiter mit langsam schwelender Glut. Der Weg zog
sich lange hin; im Herbst verriet der rauchige Geruch ihm die Kartoffelfeuer,
bevor er sie sah, und einmal, in einer hellen Schneenacht, färbte sich der
Himmel von dem gewaltigen Brand einer ganzen Stadt. Da wußte er, daß er sein
Ziel bald erreichen werde. Im Gebirge stand er vor dem verfallenen Eingang
eines verlassenen Bergwerks, Irrlichter tanzten blauzüngelnd auf dem moorigen
Grund. Er stieg hinab durch die Dunkelheit, schritt die Gänge entlang in die
Tiefe der Erde bis zu dem Reich der feurigen Flamme. Lange stand er und
schaute. Da züngelten Flammen im Kreise in allen Stufungen von Rot und Blau und
Gelb, in reinen und in verwischten Farben. Sie brannten, man sah nicht wovon
genährt, es schien, sie verbrannten am eignen Feuer, lautlos, ohne Prasseln und
Knistern. In ihrem Kreis türmte sich ein Berg von schwärzlicher Asche; er wuchs
langsam und stetig, und über seiner Mitte schwebte ein leuchtender Schein,
nicht Licht nicht Flamme, nicht hell nicht dunkel, ein Unnennbares. Auch strahlte
vom Feuer nicht aus, was des Feuers Seele ist: Wärme. Er beugte sich über die
Flammen und tat seine Frage, das Gesicht auf den schwebenden Schein geheftet.
Doch ward ihm keine Antwort, da befiel ihn Angst; er wollte enteilen wie ein Frevler,
der Unheiliges begehrt, aber nun brannten die Flammen heller auf, griffen nach
ihm und seinem Gewände und zogen ihn mit starker Gewalt in ihren Kreis. Einen
Augenblick stand er ganz durchglüht, jeder Muskel, jeder Nerv, jede Blutbahn
ward sichtbar, sein Herz erglühte rot, dann ward er zur Flamme und brannte
lautlos mit, den schwebenden Schein zu nähren, der über dem Aschenberg hing.
Der zweite Bruder suchte den Weg zur wehenden Luft. Er trug den Kopf im
Nacken; aufwärtsblickend ging er dahin und folgte den treibenden Wolken in
Richtung der Winde. Er ging unter dem feuchten Westwind und ließ sein Gesicht
vom Regen betauen, der Südwind fächelte ihn trocken und entzückte mit Düften
sein Herz. An windstillen Tagen rastete er, lag im Walde und schaute zum Himmel
oder stand in Städten unter offnen Torbögen, durch die Zugluft streifte, und
ließ die Menschen an sich vorüberziehen, ohne sie zu beachten. Denn auch im
Gewirr der Häuser und Gassen suchte sein Blick die Richtung am Himmel.
Darüber verrannen Sommer und Frühherbst, die leichten Winde zogen
davon, Ost und Nord trieben ihn erschauernd weiter, unter kalten Regengüssen,
ersten Schneefällen suchte er frierend das Ziel und wandte sich südwärts. Aber
die freundlichen Winde mieden ihn. Zitternd duckte er sich unter der Wucht der
Sandstürme und lag erschlafft von der Glut, die gewaltig über die weite Wüste
wehte. Nur die Gewißheit, daß sein Weg bald enden werde, gab ihm die Kraft zum
Weiterschreiten. An einem wolkenschattigen Tag, an dem die Winde sich alle vier
um die Herrschaft stritten, betrat er ein enges Tal, das schmal zwischen schroffen
Bergen lag. Hier staute sich die Luft, es war kühl und still. Trotzdem ergriff
ihn Furcht, denn aus düsterm Himmel streifte ihn eisiger Lufthauch. Da wußte
er: hier war das Ziel, und rief seine Frage in die Lüfte. Der saugende Wirbel
verschlug ihm den Atem, ein gewaltiger Wind ergriff ihn, schleuderte den Körper
empor in vielfachen Drehungen, bis er, ermüdet von der eigenen Gewalt, ihn fallen ließ, zerstiebend im rasenden Sturze, so daß
keine Spur von ihm blieb.
Der dritte ging an alten Brunnen vorüber, die die Städte mit dem Atem
des Wassers erfüllten, verweilte bei jedem und spiegelte sein Gesicht in den
flachen Brunnenschalen. An Bächen zog er hinab, an Flüssen, verträumte die Nächte an blanken Seen und
schilfumstandenen Weihern. Mühlenräder rauschten, die Sonne blinkte ihm
entgegen von den glitzernden Wellen, Mond und Sterne belauschte er, wenn sie
den Silberschein in den feuchten Spiegel tauchten. Das Wasser ward ihm zum
Abbild der bewegten Welt, sein Weg war lieblich und seine Sehnsucht zerfloß ohne
hohe Spannung in linden Tränen; seinen Durst stillten rieselnde Quellen, über
dem Dahinschweifen vergaß er die Ursache seiner Wanderung. Erst als an den
verhangenen Herbsttagen die Wasserfläche dunkler schien und wie erloschen und nicht
mehr Erquickung bot, sondern durchdringende Feuchte ausströmte, gedachte er
wieder seiner Sendung. Seine Sehnsucht verdichtete sich zu Schwermut und
Traurigkeit, als der erste Frost den hellen Spiegel blendete und mit Reif
behauchte und ihm beim Hineinblicken das Wasser nicht mehr sein eignes Bild tröstlich
entgegenhielt. Und als eines Morgens kein Wasser ihm entgegenblinkte, sondern
der Fluß erstarrt lag unter der grünlichen Decke wachsenden Eises, da war ihm,
als werde er zu seinem eignen Schatten und löse sich schwach von sich selber. So
taumelte er durch die Tage und blickte angstvoll auf die gefangenen Wasser, die
der Frost immer fester in Fesseln schlug.
Am kürzesten Tag geriet er an einen See, durch dessen Eisdecke dunkle
Augen zu blicken schienen. Begierig nach dem Anblick lebendigen Wassers verließ
er das Ufer, glitt zu einem der aufgehackten Fischlöcher, und die Frage nach
dem Sinn löste sich halb unbewußt von seinen Lippen, mehr ein Seufzen. Das
Bersten des Eises drang nicht mehr zu seinen Ohren, als sein Fuß auf der Glätte
fehltrat und die dunkelnde Schwärze des Wassers ihn einzog.
Der letzte harrte treu der Rückkehr der Brüder, obwohl die Weisheit des
Herzens ihm die Antwort schon lange gegeben hatte; aber noch hatte keiner ein
Zeichen gesandt, und seine Hoffnung war wie ein Ball, hin- und hergeschleudert zwischen Zuversicht
und Befürchtung. Er suchte nicht nach dem verlorenen Sinn, lebte seine
Menschentage und tat seine Arbeit, und da er in Ruhe werkte, nicht in Unrast
suchte, fiel das Wissen darum ihm von selber zu: nicht auf einmal wie ein
funkelnder Blitz, der einen Augenblick aufzuckt, um das Auge in doppelter
Dunkelheit zurückzulassen, da es, unfähig so rasch zu schauen, sofort wieder vergessen muß, was an Erleuchtung ihm zufiel. Nein, das Wissen wuchs in
seinem Gemüt, wie eine schöne Fernsicht, auf die man zuwandert, allmählich
deutlicher vor den Blicken liegt, mit immer schärferem und klarerem Umriß, ohne
daß Eile den Genuß der Wanderung trübt. Er sah viele Gesichter auf seinem Weg,
junge und alte, frohe und bedrückte, ruhige und bewegte. Auch ihm brannte das
Feuer, wehte die Luft, strömten die Wasser, aber immer hielt die lebendige Erde, über die er bewußt und festen Schrittes
ging, ihn davor zurück, in unklarer Sehnsucht zu verbrennen, zu zerstäuben, zu
zerfließen. So vergingen ihm die Jahre, und er harrte nicht mehr auf die
Zeichen seiner Brüder. Zu gewiß wußte er, daß sie verloren waren, verzehrt,
aufgesogen, zerflossen in Sehnsucht.
Er erkannte, daß sie Toren waren, die das Ende vorwegnehmen wollten,
als sie noch am Anfang ihrer Aufgabe standen: vor dem Leben selbst. Das Nächste
immer galt es zu tun, zu leben, zu schauen, zu schaffen, und als Gnade winkte
am Ende die Einsicht, daß Aufgabe und Sinn in eins verschmolzen. Dann nahten
wohl der feurige Schein, die wehende Luft, die ewigen Wasser und nahmen sanft ihren Teil von dem, was erfüllt zurückkehrte
zu der lebendigen Erde, aus der einst Gott den Menschen schuf.
Marianne
Rein, aus: Der Morgen, Zweimonatschrift der Juden in Deutschland, herausgegeben
von Julius Goldstein, Philo-Verlag, Berlin Heft 3 Juni 1938

Marianne Rein, geboren am 2. Januar 1911, verfasste Gedichte und Prosa
überwiegend aus dem Bereich der Naturlyrik und veröffentlichte auch einzelne
Werke in der Zeitschrift „Der Morgen“, die vom Kulturbund Deutscher Juden
herausgegeben wurde. 1917 verlor sie ihren Vater, der nach schwerer Krankheit
starb, woraufhin ihre Mutter mit ihr im selben Jahr nach Würzburg zog, von wo
sie stammte. Marianne Rein besuchte in Würzburg die jüdische Volksschule und
trat später mit dem Schriftsteller Jakob Picard in regen Briefkontakt. Während
des Nationalsozialismus versuchte sie erfolglos, zusammen mit ihrer Mutter
auszuwandern. Ab 1941 arbeitete sie in einem jüdischen Altersheim. Am 27.
November 1941 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und dort
erschossen.
Das Bild
ist von Anton Mauve (1828 - 1888), Anton Mauve war ein führender
niederländischer Landschaftsmaler zum Ende des 19. Jahrhunderts. Vincent van
Gogh, den Cousin seiner Gattin, führte Mauve an die Malerei heran.