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Freitag, 23. Januar 2026

Ein Gedicht und seine Wirkung: Abendstimmung von Ernst Blass

 


Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.

Ernst Blass


He!

Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

Jakob van Hoddis

Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

„Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

„Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“.

(Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

„O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“

(Ernst Blass)

„Deine Fliederweste,
du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl,
dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl,
trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“

(Kurt Hiller)

„Glühgrün lampjongt es in den Baumbeständen
zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw.

(Arthur Kronfeld)

. . . So sind sie, die Rigorosen. . . . „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

. . .

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

„Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass - 1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis - Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam - In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842 - 1931)

Samstag, 10. Januar 2026

Winternachtglanz

 


Winternachtglanz

Ringsum der Schnee, und funkelndes Schimmern,
Mond über dem Haupt, Milchstraße unter den Füßen,
träumte, ohne Träumer zu sein, aus Kristallflimmern
erwuchs ein trautes Grüßen.

Wollte eisgestickte weiße Lilien zum Geschenk dir reichen,
im hellen Auge deiner Zärtlichkeit glücksgebadet spielen,
die Sterne sammeln, die bei den überfrorenen Teichen
in die bereiften Seggen fielen.

Ein Wegekreuz in der Nacht, in der Mitte ein „Hier!“,
ein Wegweiser der, geknickt, sternwärts wies,
und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir
wie der Weg ins Paradies.


Anmerkung zu „und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir /
wie der Weg ins Paradies.“ Als der Dichter Jakob Haringer, geboren am 16. März 1898, am 3. April 1948 in Zürich an einem Herzinfarkt verstorben aufgefunden wurde, steckte in einer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem diese beiden Zeilen standen.

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874 - 1947)

Samstag, 3. Januar 2026

VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

 



VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres

Bei meinen Streifzügen durch die Welten der Lyrik im Dezember des letzten Jahres stieß ich in der Anthologie "Um uns die Stadt", Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung, herausgegeben von Robert Seitz und Heinz Zucker im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin 1931 auf folgendes Gedicht von Walter Bauer:

Zu Zeiten überfällt mich die grundlose Unruhe
und ich beneide alle, die voll Glaubens sind,
wie er auch sei, und die beten, oder deren Gedanken
sich entfernen vom Geräusch der Dinge.
Ich überlege, warum ich nicht mehr dazu imstande bin
und so tiefer Gewissheit zu leben
wie der Mönch in Tibet, der sich einmauern lässt,
um näher bei Gott zu sein -

Ich tröste mich damit, dass neue Mythen unterwegs sind,
Mythen voller neuer Gegenwart, die das Unverständliche,
Sinnlos-scheinende klar macht -
ich tröste mich damit und sage mir,
dass der Tod meiner Freunde und Brüder im Krieg
so gut ein Stück des Neuen ist
wie die Stunde im Kino, im Dunkel, vor einem Film,
wie auch der Augenblick,
da ich am Radioapparat sitze und einen neuen Sender finde
in tiefer Nacht.

Der Dichter, Walter Bauer, ist mir ein Begriff, schon lange gehören zwei seiner Gedichte, darunter das Gedicht „Dennoch“ zum Kanon meiner liebsten Trostgedichte. Darin heißt es:

„Es ist nicht sicher, wie lange wir leben werden
und ob wir Zeit haben, voneinander Abschied zu nehmen,
keine Rechnung geht mehr auf,
Armeen stehen an den Grenzen, ungeheure Wolken
sprechen von verborgenen Mitteln -
alle die alten bitteren Geschichten der Welt.
Dennoch haben wir Freude aneinander, als blieben wir ewig zusammen,
und leben in einem guten Geheimnis.
Dennoch lieben wir uns.“

Walter Bauer wurde 1904 geboren, wanderte mit einem Freund 1925 unter anderem durch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz, arbeitete als Gelegenheitsarbeiter, studierte einige Semester Germanistik, um später als Hauslehrer zu arbeiten. Von den Nationalsozialisten wurden seine Bücher verboten, er wurde als Soldat eingezogen, war Kriegsgefangener in Italien, ab 1948 freier Schriftsteller. Im September 1952 wanderte er aus Enttäuschung über die Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik nach Kanada aus, wo er an der Universität in Toronto lehrte. 1976 starb er in dieser Stadt.

So weit ein kurzer Einblick in einige Stationen eines bewegten Lebens. Was mich an dem oben beschriebenen Gedicht von ihm bewegte war unter anderem der Zeitpunkt der Veröffentlichung, 1931. Für mich heißt das, dass schon da deutlich spürbar war, dass die Zeitläufe auf einen Abgrund zugehen. Dass ich dieses Gedicht entdeckte, ist jetzt gerade drei Wochen her, es kam zu mir noch vor dem Beginn der Rauhnächte, und seine Worte begleiteten mich in diese Zeit der Wandlung. Heute ist der dritte Januar, nach meiner Zählung das Ende der Rauhnächte, und die dunklen Wolken am Horizont der Zeit werden mehr. Nicht nur der Krieg in der Ukraine nimmt kein Ende, und wenn, dann ist noch nicht klar, ob das Ende ein gutes ist. Und dann kommen heute die Nachrichten, dass Venezuela überfallen wurde von den Vereinigten Staaten, und dessen Präsident „festgenommen“ wurde. Nun weine ich diesem Präsidenten keine Träne nach, doch ist die Regierung der USA gewiss keinen Deut besser. Es ist allerorten der Aufmarsch der Diktatoren, Oligarchen und Gewalttäter bemerkbar, und diese gestalten Politik mit Gewalt, sobald sie an der Macht sind und mit der Aufteilung der Welt unter sich beginnen. „Alle die alten bitteren Geschichten der Welt“.

All das erreicht mich, und mich überfällt die Unruhe, nur weiß ich, dass sie nicht „grundlos“ ist. Walter Bauer war Zeit seines Lebens ein wacher Geist, und ich bin mir sicher, dass er das Heraufziehen der Gewaltherrschaft sehr wohl wahrnahm. 1931 noch diffus, als „grundlose Unruhe“, der er die Ahnung von „neuen Mythen“ entgegen setzen möchte. Doch noch saß er am Radio und suchte den neuen Sender. Was kam war das alte Verhängnis von Gewalt und Krieg. Was haben wir heute dem entgegenzusetzen, wo „keine Rechnung mehr auf geht“? Ich müsste lügen, wenn ich da schlüssige Antworten hätte. Die Antworten darauf müssen wir uns wohl gemeinsam im täglichen Handeln erarbeiten. Heute schneit es, und die Welt versinkt in ein zärtliches Weiß. Noch ist Ruhe, und Zeit zum Sinnieren. Ich möchte sie nutzen. 

Soweit meine Gedanken am Ende der Rauhnächte, angeregt durch ein Gedicht. Ich taste mich gedanklich weiter vor, um das mitteilen zu können, was zur Zeit noch unaussprechlich in mir ruht. Nächstens mehr.

Das Bild „Nachtphantasie“ ist von Harold Burdekin (1899 - 1944)