Beim heutigen Datum angekommen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass "Deutungen" kein Tagebuch im herkömmlichen Sinne ist, dass durchaus Tage übersprungen werden, an denen hier nichts geschieht. Oder Posts zu anderen Labels. Also: nicht Tagebuch, nicht innerer Monolog, nicht Literatur; schreibe ich einiges an Tagesgedanken auf.
30. August
Heute am Morgen schon eine interessante Begegnung gehabt. Auf dem Weg zur Klosterkirche, die ich morgens aufschließe und abends wieder zu, kam ich an einer Bank mit Tisch vorbei, die für rastende Wandernde aufgebaut wurde, nahe der Durchgangsstraße. Auf der Bank saß ein Mann, offensichtlich Rentner sie ich, vielleicht etwas älter als ich, schwer einschätzbar, bärtig, in Fahrradkluft und mit einer Warnweste in rot angetan, ein Stück weiter sein Fahrrad geparkt. Radler auf Tour und Durchreise. Ich grüßte ihn, wie man auf dem Dorf so grüßt. Er grüßte knapp zurück, zeigte dann auf den Boden, wo ein paar Reste, die andere Verweilende zurückgelassen hatten, herumlagen. Er zeigte darauf, vorwurfsvoll, und dann mit dem gleichen Vorwurf in der Stimme sage er: „Gestern war das hier noch sauber!“ So, als wäre ich dafür verantwortlich, dass dem jetzt nicht mehr so ist (und wahrscheinlich auch für alles Unbill der Welt, was auf ihn zurückgefallen war). Ich hatte es eilig, weil ich schon etwas spät dran war, und sagte nur: „Dann räum das doch weg!“. Eigentlich hätte noch der Nachsatz „wenn es Dich stört“ dazugehört, doch da war ich schon weiter.
Nach dem Aufschließen der Kirche ging ich noch einmal zurück, der Radwanderer war fort, der Müll noch da. Drei zerknüllte Getränkedosen, ein Stück Verpackunspapier und eine Wasserflasche, wo sogar noch Pfand drauf war. Hat nicht einmal eine Minute gedauert, das alles einzusammeln und in den Papierkorb zu verfrachten, der zu dem Ensemble von Bank und Tisch dazu gehörte.
Ich werde diese Begebenheit jetzt nicht weiter kommentieren. Nur so viel: Der Pfand der Flasche beträgt 25 Cent. Das Aufsammeln hat nicht einmal eine Minute gedauert. Sie zum nächsten Pfandautomaten bringen, ist keine Extraarbeit, denn ich bringe meistens einmal die Woche meine gesammelten Werke zu besagtem Automaten. Ich habe das mal durchgerechnet, es würde einen Stundenlohn ergeben, der über dem Mindestlohn liegt.
Heute dann zu dritt an dem Hochbeet für Kräuter weitergearbeitet, die wir in der Wilden Sollingküche verarbeiten wollen. Im Anschluss in der Klosterkirche mit unserem Ensemble für einen Auftritt in dieser Kirche im November geprobt. Unter anderem singen wir dafür die ersten sechs Zeilen des Dies Irae:
„Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.
Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!
(Tag des Zornes, jener Tag
wird die zeitliche Welt in Asche auflösen
gemäß dem Zeugnis Davids und der Sibylla.
Welch großes Beben wird sein,
wenn der Richter erscheint
zur strengen Prüfung von allem.)“
So ist mir an diesem Tag allerlei begegnet: ein muffiger Rentner, Arbeit an der Zukunft anhand eines kleinen Gartens, das Singen des Anfangs eines Hymnus über das jüngste Gericht, in all das schwingt die Aussage meiner Ziehung des chinesischen Orakels mittels Scharfgarbenstängeln zum Erntemond mit, und die diesjährige Ernte für die dreigestaltige Göttin. Möge das deuten, wer will.
Edit: „Was, wenn unser Gehirn Bewusstsein nur empfängt – und nicht erzeugt?
Ein roter Apfel ist zunächst nichts Besonderes. Licht trifft auf die Netzhaut, Nervenzellen senden elektrische Signale, das Gehirn verarbeitet Formen und Farben. Doch irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das bis heute niemand vollständig erklären kann: Aus elektrischen Impulsen entsteht das persönliche Erleben von Rot.
Dazu kommen Gedanken, Erinnerungen, Schmerz, Angst oder das Gefühl, überhaupt ein Ich zu sein. Seit Jahrzehnten versuchen Neurowissenschaftler, zu verstehen, wie das Gehirn Bewusstsein hervorbringt. Christof Koch vom Allen Institute in Seattle beschäftigt sich seit Langem mit dieser Frage.
. . .
Inzwischen hält er es für denkbar, dass das Gehirn Bewusstsein gar nicht erzeugt. Es gehöre vielmehr zu den grundlegenden Eigenschaften der Wirklichkeit, während das Gehirn bestimmt, wie es erlebt wird.“ (Aus einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 30. 8. 2016)
31. August
Heute am frühen Morgen, als ich unterwegs zur Backstube war, begrüßte mich eine Fledermaus. Ich winkte gerade dem abnehmenden Vollmond zu, als sie knapp über meine Hand hinwegflog. Ob sie diese für ein zu groß geratenes Insekt hielt, weiß ich nicht, ich fand es nett. Als ich auf dem Hof ankam, flatterte da eine weitere herum, zog ihre Zickzack-Elipsen über den Hof, verschwand für eine Weile durch ein offenes Scheunentor, um dann davon zu flattern. Ich fand das eine nette Begegnung für den Morgen, die mich fröhlich stimmte. Sehr viel fröhlicher als ein muffiger Rentner am Morgen.
Während meines Ganges sinnierte ich wieder einmal über „unsere“ Herrscher und ihre Legitimation(en). So einfach wie beim Kaiser von China, der eben vom Himmel installiert und gottgegeben war, ist es heute nicht mehr. Auf jeden Fall für die meisten, obwohl der eine oder andere schon wieder Dynastien einführt oder so etwas einführen möchte. Also soll die Legitimation vom Volke aus kommen, und dafür werden Wahlen angeboten. Selbst die 90 % und mehr–Diktatoren wollen sich so ihre Legitimation erschleichen, auch wenn dann zum Wahlergebnis kräftig nachgeholfen wird. Die Opposition in Haft zu nehmen ist da nur eine mögliche Methode. Ist die Wahl dann gewonnen, hat doch wieder „Gott“ gewaltet, oder, falls der nicht kompatibel ist zu der nach außen getragenen Weltanschauung, die „Vorsehung“. Auf jeden Fall sollte da etwas Höheres im Spiel sein. Und für die in Abstufungen folgenden Minidiktatoren der Verweis auf die höchste Macht da oben, der Gottgegebene vom heiligen Volke gewählte vorgesehene.
Das ist eine Variante von Demokratie: Der vom Volke bestätigte Gottgesandte. Es gibt da noch andere, wie zum Beispiel die direkte Demokratie oder die repräsentative Demokratie, in der das Volk politische Entscheidungen nicht direkt trifft, sondern durch gewählte Vertreter ausübt. Welche je nach der Verfassung mehr oder weniger unkontrollierte Macht ausüben können. Henry Mencken, ein amerikanischer Satiriker, schrieb im Baltimore Evening Sun am 26. Juli 1920 dazu folgendes: „Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines großen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weiße Haus mit einem wahren Idioten und narzisstischen Irren besetzt sein.“ Da hatte jemand keine große Meinung von den einfachen Leuten, auch wenn sich der letzte Teil der Aussage heute bestätigt hat. So klingt das schon wie eine Prophezeiung.
Ich persönlich habe eine andere Meinung zu dem Gros der einfachen Leute (zu denen ich mich auch zähle). Doch leider laufen Mehrheitsbeschlüsse etwa so: 60 % Wahlbeteiligung derjenigen, die wählen gehen dürfen (Kinder bis achtzehn Jahre sind da ausgeschlossen), wenn sich da eine knappe Mehrheit konsolidiert, dann kommen wir auf vielleicht 35 % der gesamten Menschen einer Gesellschaft, unter Umständen noch weniger, welche die bestehende Regierung gewählt haben (oder den Präsidenten). Ich weiß schon, warum ich Konsensdemokratie präferiere, auch wenn diese wohl Utopie bleibt.
Was noch? Heute Apfelkuchen backen mit den Kindern, sechs und sieben Jahre alt, sechs das Mädchen, sieben der Junge, erstes und zweites Schuljahr. Das Schälen und zerkleinern der Äpfel vermochte noch die Konzentration zu binden. Auch das Ausrollen des Teiges und das Belegen, obwohl da das Mitwirken schon etwas nachließ. Dann Pause, die Kuchen im Ofen, in der Spielecke werden aus verschiedenen Materialien Waffen gebaut, und der Krieg geht los. Mit vielerlei Munition, Raketen und was sonst noch so herumspukt. Dazwischen Organisation für Proviant, Versatzstücke aus Harry Potter Filmen, zschhhh und fitschhh, „Opa, ich hab Durst“, „Dürfen wir nach draußen auf den Spielplatz?“. Ja, sie dürfen. Mal sehen, wann sie wieder reinkommen. Es regnet gerade.
Die Illustration oben unterliegt folgender Lizenz: CC BY-SA 3.0
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