Seiten

Freitag, 26. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Der andere Tod

 


Jonne Yrjö: Der andere Tod

Als ich alleine durch die Neumondnacht des diesjährigen Dezembers ging begegnete er mir. Nicht im Außen, er begegnete mir im Inneren, oder anders, im inneren Außen.

Es gibt eine fröhliche Dunkelheit, es gibt eine melancholische, und es gibt eine verstörende Dunkelheit. Dann gibt es noch eine lastende Dunkelheit, und diese traf mich unvorbereitet in dieser Nacht. Unvorbereitet, da doch der vorhergehende Tag ein sonniger war, ein sonnenheiterer, der mich die kommende Neumondnacht vergessen ließ.

Zu der lastenden Dunkelheit der Nacht gesellte sich Nebel, und ich empfand diesen Nebel als "stickig". Dieses Empfinden lag vielleicht auch daran, dass die Geräusche der nahen Straße so aufdringlich wurden. In der Regel sind sie verhalten und gewöhnbar wie ein fernes Rauschen. Doch in der stickigen Luftfeuchte waren die Motorengeräusche, die rastloses Rasen und Hetzen verbreiteten, körpernah zu spüren.

So kam eines zum anderen, und zu mir kamen die Gedanken an den Tod. Die lastende Dunkelheit, die stickigkühle geräuschschwangere Feuchte, es war, als würde der Tod nach mir greifen, nach mir und meinen Gedanken. Und: Es war nicht der freundliche Tod, den es auch gibt, welcher da nach mir griff. Es war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, oft gewalttätige Tod, der, welchen wir Menschen dieses Jahrhunderts und der vielen vergangenen Jahrhunderte so viel produzierten und produzieren.

Es war eine Verzweiflung in mir, denn ich fühlte es, ich spürte und hörte es, dass es so vielen Menschen egal ist, dass dieser Tod in unserem Leben umgeht. Ja, dass sie Thriller und Krimis und Spiele suchen, die angefüllt sind von Bildern und Schilderungen dieses Todes. Und diese Bilder und Schilderungen geben den ermatteten Nerven wohl etwas Kitzel. So dass die groben Reize dieses unfriedlichen, vorzeitigen, gewalttätigen Tod für so viele wichtig sind, als Darstellung, Bild, Spiel, eben als Nervenkitzel, wohl um noch etwas Lebendigsein in einem gewissen Grusel zu erspüren. Sich selbst wenigstens dort noch einmal wahrzunehmen.

So raste und hetzte dieser andere, dieser unfriedliche Tod durch diese Nacht und ließ meine Seele erkalten. Dass ich sterben werde, weiß ich, und ich bin einverstanden mit diesem Sterben. Ich hatte bis jetzt ein Leben, das mit vielen guten Ereignissen gesegnet war, neben den unvermeidlichen weniger erfreulichen. Ich bin´s zufrieden.

Auch dass mein Sohn einst sterben wird, weiß ich, und ich weiß, dass das zu den Bedingungen gehört, an der Schönheit dieser Welt teilzuhaben. Ich hoffe, dass er nach mir stirbt, und dass ich bis dahin mit ihm genügend glückliche Ereignisse erleben durfte, dass auch er sagen kann trotz aller Trauer: "Ich bin´s zufrieden!"

Auch diese Welt stirbt einst. Das ist nichts Schreckenerregendes für mich, sah ich doch als Gärtner und als Tierhalter genug Werden und Vergehen, im Kleinen wie im Großen. Es ist ein Pulsierendes, und nach einer Zeit blühen wieder die neuen Blüten und glänzen wieder die neuen Sterne. Und ich höre die Göttin, die dreigestaltige Göttin vom Werden, Sein und Vergehen, und sie sagt: "Ich bin´s zufrieden!"

Das alles können die heiteren Tode sein, und man trifft sich zur Trauerfeier und speist und trinkt und gedenkt mit einem Lächeln über die Freude an dem Gehabten und mit einer Träne über die Trauer am Verlorenen.

Doch was mich in dieser Nacht anwehte, war der andere Tod, der unfriedliche, vorzeitige, gewalttätige. Er trat mit einer Macht und einer Vielzahl an mich heran, dass es mich würgte, mir Herz und Wärme verschlug.

Höhnisch rief mir dieser andere Tod zu: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!". Dabei ist er doch allgegenwärtig in diesen Zeiten, er kommt als unsichtbare Strahlung an die Küsten, kommt als Plastikbrühe in unseren Speisen zu uns, als unmerkbares Gift in Luft und Wasser und allem Nährenden, er kommt auch ganz handfest aus Gewehrläufen, Geschützen, unbemannten Flugbomben, kommt als Schläger in der Nacht.

In dieser Nacht war er bei mir und zeigte sich, als Ahnung, als Druck in der Brust, als lastende Dunkelheit, als klaftertiefe Traurigkeit über das vielfältige Sterben in der Welt. Wie froh und glücklich war ich, als diese Nacht zu Ende ging. Müde, matt und traurig, und mit Nachtschwärze in der Seele ging ich am folgenden Tag zu Dir, und eine Weile schwieg ich, bis ich endlich erzählen konnte über diese Nacht.

In den gemeinsam verrichteten Tätigkeiten des Alltags wich schließlich die Beklemmung, welche die Begegnung mit dem anderen Tod bei uns ausgelöst hatte. auch wenn wir immer wieder die ferne drohende Stimme hören: "Ich komme, wenn ihr nicht an mich denkt!"

Wir wissen um ihn. Und wir fragen uns: "Wie können wir ihm begegnen, dass er keine Macht über uns hat?"

"Es geht um Wahrhaftigkeit, um als Mensch mit Seele zu leben. Alles andere raubt uns die Kraft und führt zum Verlust von Nähe und Geborgenheit in sich selbst und in unseren Beziehungen."

Das Bild ist von Christopher Richard Wynne Nevinson (1889  -  1946)


Dienstag, 23. Dezember 2025

Beim Zubereiten der Mousse au chocolat

 



Beim Zubereiten der Mousse au chocolat


So rauh sind die Nächte heuer nicht,
eher etwas still verhalten,
am Tage diffuses Dämmerlicht,
des nachts sind Sterne am erkalten.

Es versinkt gedankenreich,
was gestern noch so schlüssig war,
und alles kommt von jetzt auf gleich,
die Nächte raunen Kriegsgefahr.

Und doch: Ich gebe mich Alltäglichkeiten hin,
morgen ist der Festtag, des Jahres End-
und Höhepunkt ist zum Erreichen nah,
die dunkle Schokolade schmilzt im Wasserbad,
als wär´s kein Ende, das hier naht.

Heut lief alles glatt, weder Sahne
noch der Eischnee machten Zicken,
und selbst dass Verrühren
geht gut von der Hand, und ich ahne,
und ich sehe schon die Gäste morgen selig nicken,
so eine Mousse vermag es aus der Zeit zu führen.

Ich lecke schon die Finger und die Löffel ab,
auch ist es Zeit, die Schüsseln auszuschleckern,
und ich tanze, und die Tropfen kleckern
in der Küche einen Hexenkreis um mich herum.

Ich weiß nicht was kommt, so nächstes Jahr,
es ist wohl so: irgendeine Zeit ist um,
eine Frist ist schleichend ausgelaufen, unbemerkt,
und der große Wunsch wurde zur Illusion verzwergt.

Doch ich möchte nicht einfach resignieren,
zwar weiß ich um die sich nähernde Gefahr,
die wohl niemanden verschont.
Manchmal wehr ich mich mit Alltäglichkeiten,
so dass etwas in mir die Schönheit dieser Welt vernimmt,
ich möchte etwas, das zum Lächeln stimmt,
damit ich wieder weiß, warum es sich zu Kämpfen lohnt.


Sonntag, 14. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Myrte Jilája an Jonne Yrjö / Myrte Jilája: Im Garten

 



Myrte Jilája an Jonne Yrjö


Der alte Pflaumenbaum, der einst im Herbststurm brach,
treibt aus dem Moderstumpf die neuen Triebe,
es ist noch Musik überall, wenn du zu lauschen vermagst:

Ein jeder Tag hat sein eigenes Lied.
Wenn ein leiser Wind durch die
Baumwipfel zieht
und die Dämmerung
die Klänge geheimnisvoller werden lässt,
ein tausendfältiges Summen
im Geäst
dich zum Verstummen
bringt,
dann ist es die liebende Erde selber,
die singt.


Myrte Jilája: Im Garten

Manchmal kommen die Worte in meinen Garten,
Wenn ich Dünger streue oder Blüten säe.
Erst stehen sie am Zaun, als wollten sie noch warten.
Manchmal sind die Worte scheu wie Rehe.

Sie wollen mich bei der Arbeit nicht stören.
Doch dann kommen sie leicht wie der Wind
In meine Träume von Blüten, Äpfeln und Möhren,
Weil Worte wie spielende Kinder sind.

Neugierig tanzen und tänzeln sie heran,
Lachend ergänzen sie einem Vers den Reim,
Dann kugeln sie zurück in den Tann
Und kichernd laufen sie heim.


Das Bild ist von Eugeniuz Zak (1884 - 1926)

Freitag, 12. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Die Gärtnerin Myrte Jilája singt / Wer liebt kann auch tanzen

 


Die Gärtnerin Myrte Jilája singt

Heute lege ich die Samen in die Erde:
Für das Morgen ein Keim.
Heute gebe ich die Liebe der Erde:
Für das Morgen ein Heim.

Ich führe euch zu verloren gedachten Spuren,
wenn ihr die Rätsel gelöst habt, dann bitt ich zu schweigen,
bis die Sterne sich in die Baumkronen neigen,
dann erklingen die alten neuen Lieder über den Fluren.
Für diese Lieder ist es niemals zu spät:

Die Gärtnerin sät.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Ihr Männer, ihr Söhne, aus den Schatten heraus,
ihr denkt, ihr habt euch die Welt zu eigen gemacht,
und all ihre Schätze an euch genommen,
doch was habt ihr wirklich hervor gebracht?

Leiden und Krieg, ihr „Väter aller Dinge“,
Frau Welt ist das nicht gut bekommen,
sie trägt um den Hals eine Schlinge
und alles, was sich selbst gehört, habt ihr an euch genommen,
dort hängt jetzt ein Schild mit der Aufschrift „Privat!“

Die Gärtnerin hütet die Saat.
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Helden sind Diebe, sie kennen nur die Gewalt,
doch das Leben ist sich selbst ein Geschenk,
es überzieht die Erde in vielerlei Gestalt,
und ich trage Trauer, wenn ich bedenk:
Hat denn das Töten die Welt verbessert?

Die Gärtnerin wässert
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Wo ist denn das „Besser“, das früher war?
Alles Vergangene endete im Heute.
Soll das so weitergehen immerdar?
Die Welt für euch nur als Beute?
Ein Schatten hat sich auf alles gelegt.

Die Gärtnerin pflegt
Das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Dabei bringt die Erde so viele Früchte hervor,
die sie uns ganz freiwillig gewährt.
Nur bebauen und bewahren, dann steht vor dem Gartentor
kein Engel mit Flammenschwert,
da er das Schwertführen verlernte.

Die Gärtnerin schreitet zur Ernte,
sie erntet das Kraut, die süßen Früchte, das nährende Korn.

Am Ende des Reigens steht das Erntefest,
Wein wird gekeltert, im Ofen backt frisches Brot,
ach, wenn man uns bloß doch machen lässt,
dann leidet niemand mehr bittere Not,
Kerzen sorgen für Glanz.

Die Gärtnerin bittet zum Tanz.




Wer liebt kann auch tanzen

Wer liebt kann auch tanzen,
wer tanzen kann, tanzt für eine freie Welt,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
wir bewegen uns für das, was uns gefällt.

Wer liebt kann auch tanzen,
schwingen wir uns in den großen Reigen ein,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
es soll der Tanz für unsre Zukunft sein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir wollen nicht mehr stille sein:
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
bringen wir uns alle ein.

Wer liebt kann auch tanzen,
wir lieben diesen Stern, der uns gebor´n,
bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
noch sind Lieb und Freiheit nicht verlor´n.

Wer liebt kann auch tanzen,
die Welt soll Tanz und Frieden sein.
Bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen,
Tanz und Lieb und Freiheit soll die Zukunft sein.


Die Bilder sind von Eugeniuz Zak (1884 - 1926) und Alphonse Palumbo (1890 - 1947)

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö an Myrte Jilája, der Gärtnerin / Jonne Yrjö singt: Abschied und Neubeginn

 



Jonne Yrjö an Myrte Jilája, der Gärtnerin

Auf den Spinnweben übe ich Seiltanz, mit Schirmchen,
und ich flechte mir Seile aus Chronos´ drei goldenen Haaren,
wer rechnet die Zeit schon in Jahren?
ich spanne die Seile von Türmchen zu Türmchen,

vom Brunnen hinüber zum Apfelbäumchen,
der Fährmann rudert und rudert durch die Nächte,
ach, wenn ihm doch jemand die Botschaft brächte,
ach schüttle das Bäumchen, fällt herab ein Träumchen.

Ich brauche keine gebratenen Tauben ins Maul,
keine goldenen Äpfel zum Zähneausbeißen,
lieber Hans im Glück, als Peter und Paul,
oder wie diese ganzen Heiligen heißen.

Schöne Gärtnerin, wie duftet dein Rosengarten,
wie lächelt dein Thymian, dein Lavendel bei den Steinen,
ich werde auf dich bei der Quelle warten,
beim Pfirsichblütenwald, bei den deinen.



Jonne Yrjö singt: Abschied und Neubeginn

Ich möcht in Häusern ein- und ausgehen können,
begleitet von warmen Worten beim Empfang.
Ich möcht die Freuden jeden Tages dann benennen,
und sie erklingen lassen als Gesang.

Dann im Staunen jedes Herz erreichen,
welches mir entgegenschlägt.
Jedes Wort mit einem Lachen anzureichern,
so, dass es jedes Herz bewegt.

Selbst das Weiterziehen wird begleitet
von einem Lied, gesungen klar in Dur,
dass es mir den Weg froh vorbereitet,
Weg in mein eignes Herz, zu meiner eigenen Natur.


Anmerkung: "ich werde auf dich bei der Quelle warten, beim Pfirsichblütenwald" Jonne bezieht sich hier auf das chinesische Märchen 

Link: Die Quelle im Pfisichblütenwald

Die Bilder sind von Eugenius Zak (1884 - 1926)

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Jonne Yrjö: Geständnis / Jonne Yrjö singt / Das Brautlied der Gärtnerin Myrte Jilája

 



Jonne Yrjö: Geständnis

Ich bin nicht groß. Ich bin nicht artig.
Eher so, wie soll ich sagen?
Eher aus der Art geschlagen.
Allzu scharf macht schartig.

Ich bin nicht Schein. Ich bin nicht heilig.
Meine Freundin soll die Schlange sein.
Du sollst nicht vor ihr bange sein.
Ich hab es selten eilig.

Ich bin nicht frech. Ich bin nicht Dachs.
Ich gehe träumend durch die Gassen.
Die Liebe soll man lieben lassen.
Mein Herz in deiner Hand ist Wachs.

Es ist nicht Trübsal, was ich blase.
Ich bin nur ganz ganz selten fromm.
Und wenn ich aus der Kälte komm,
hängt ein Tropfen kalt an meiner Nase.




Jonne Yrjö singt

Ich sicher mir ein Himmelstürchen,
da ich einfach gar zu fröhlich bin,
das bleibt mir mein Allürchen,
dann klappt alles wie am Schnürchen
und ich leb und lieb so vor mich hin.

Ein jede Frau ist eine Aphrodite,
wenn sie mit liebenden Augen geschaut,
und alles, was ich biete
ist ein gutes Los ohne Niete,
ist der Satz: „Sei meine Braut!“,

Ich lasse mich vom Südwind treiben,
der ist so mild und so leicht,
es gibt Orte, da möchte ich bleiben,
möchte kleine leichte Verse schreiben,
bis aus deinen Augen die Trübnis weicht.



Das Brautlied der Gärtnerin Myrte Jilája

Männer gibt´s viele, gibt´s wie Sand am Meer,
daher komme mir nicht irgendwer.
„Die Frau an den Herd, die Welt ist mein“,
ich hoffe, Dir fällt Besseres ein,
ich bin ich, sei Du einfach nur Du,
und lasse die Welt in Ruh.

Die Wahrheit ist manchmal ganz schlicht:
ich teile nicht mit jedem Bett und Haus,
erobern kannst du mich nicht,
ich bin kein besetztes Land,
versuch es, dann fällt die Tür hinter Dir zu,
dann geh, aber lasse die Welt in Ruh.

Die Sorge um mich lass meine Sorge sein,
doch Hilfe nehme ich gerne an,
es gibt Dinge, die ich nicht so gut kann,
wickle das Söhnchen,
binde dem Töchterchen die Schuh,
aber lasse die Welt in Ruh.

Spiele Gitarre, dichte, singe und lache,
doch mach aus deiner Kunst keine Ware,
faulenze, schmiede die Hacke,
siede, koche und gare,
melke des Morgens die Kuh,
egal, aber lass die Welt in Ruh.

Armut schändet, Reichtum blendet,
hab genug von „Von oben herab“
Sei eine Stimme im Parlament
der Tiere, Pflanzen, Kinder und Frauen,
ansonsten höre still zu,
und lasse die Welt in Ruh.

Die Welt ist jetzt hier,
und ich bin bei Dir,
küsse mich sanft,
küss mich mit Leidenschaft,
Geliebter, Du,
und lasse die Welt draußen in Ruh.


Die Bilder sind von Eugenius Zak (1884  -  1926)


Dienstag, 9. Dezember 2025

Die Gärtnerin bittet zum Tanz - Einführung: ∞

 



Die Gärtnerin bittet zum Tanz

Gedichte, Geschichten und Lieder von
Myrte Jilája und Jonne Yrjö
und anderen

Gedichtet, gesammelt und aufgeschrieben vom Dingefinder

Erweiterte Fassung
Fredelsloh 2025

                    ∞


„Ideale sind wie Sterne, sie lassen sich nicht erreichen,
doch sie weisen uns den Weg“; wer zu allem immer nur nickt
wird vom Schicksal ins Schicksal geschickt;
und des weitren lässt sich streichen dieses ewige Vergleichen.

Wir Nornen ziehen Fäden aus den Hirngespinsten,
auch auf Spinnwebfäden lässt sich Seiltanz üben,
bist du leicht genug, kommst du unbesorgt nach drüben,
die Gedanken- und die Goldbeschwerten stürzen oft am schlimmsten.

Die Welt, die schuf sich einfach aus sich selbst heraus,
ohne großes Getöse, Vorstellung und Wille,
sie ging in die Unendlichkeit, weitete sich aus,

Vogel Phönix verließ das Weltenei als eine Hülle,
flocht im Baum des Lebens Nest und Haus,
und sank zurück in Traum und Stille.





Die Bilder sind von Eugeniuz Zak (1884  -  1926) und der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin 

Samstag, 30. August 2025

VorGänge - NachGänge / Aus meinem Notizbuch: Kinderspiele

 


Gestern durfte ich zwei sechsjährige Jungen beim Spielen belauschen, so en passant, während ich in der Küche werkelte. Jungs in dem Alter haben oft was für Kämpfe übrig. Wir haben dann in meiner Kindheit mit Stöcken, „Schwertern“, aufeinander eingedroschen, späte, etwas älter, kamen die Feuerwaffen dazu und Pfeil und Bogen, Cowboy und Indianer, Anschleichen, Marterpfahl und davon befreien, inspiriert von Winnetou und Old Shatterhand.

Doch, wie gesagt, davor waren es „Schwerter“. Die beiden Jungs in der Küche spielten auch Kämpfe nach, mit irgendwelchen Figuren, ich glaub Playmobil oder so was, doch da wurde nicht mit Feuerwaffen gekämpft und mit „Schwertern“, sondern es kamen Drohnen und Raketen zum Einsatz.Das eröffnete mir einen Einblick in die neue Zeit, und wie sie von Kindern absorbiert und verarbeitet wird. Ich weiß jetzt nicht, woher sie das Wissen um Drohnen haben, höchstwahrscheinlich von einem Computerspiel, denn an den Konsolen sitzen sie auch schon in diesem Alter.

Im Kinderspiel spiegelt sich die Zeit. Ich erinnere mich, dass meine Schwestern und ich eine Zeit lang ein Lieblingsspiel hatten, und das hieß „Über die Grenze“. Wenn meine Eltern nicht da waren wurde die Küche förmlich auf den Kopf gestellt, Stühle umgedreht, aus denen zusammen mit allen möglichen Gegenständen wie Kissen, Decken und Töpfen ein Parcours gebaut, den es zu absolvieren galt. Dabei musste man auf Wachmänner, Scheinwerfer und Hunde aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.

In diesem Spiel spiegelte sich wider, was wir über die Grenze zur DDR wussten und was wir über Flüchtlinge gehört hatten, die diese Grenze zu überwinden suchten. Es gab eine Zeit, da waren Berichte darüber allgegenwärtig und erreichte auch unseren kindlichen Kosmos. Heute also Drohnen und Raketen. Kyiv ist also gar nicht so weit weg von uns, es hat mittlerweile Einlass in unsere Kinderstuben gefunden. Als Zeitgeist.

Edit: Ein Spiel hatten wir auch noch, vom damaligen Zeitgeist beeinflusst, da wurde aus dem Sofa mittels Decken und Kissen eine Raumkapsel und wir flogen zu fremden Welten. Da gab es einiges zu entdecken. Heute möchte ich nicht mehr auf andere Welten, ich weiß aber, wen alles ich gerne dort hin schicken möchte. Mars lässt grüßen.

Donnerstag, 3. Juli 2025

Zur Erinnerung an Chaim Nachman Bialik: Licht

 



Licht


Einsam durchlebt´ ich den Morgen der Kindheit
Und strebte in Rätselwelten hinein,
Ich bangt´ aus der Tiefe der Welt nach dem Lichte
In mir war ein Fremdes wie gärender Wein,
Verstecke sucht´ ich und sank ins Betrachten,
Schien mir ein Seher, der Welten schaut,
Dort fand ich Freunde, empfing ihr Geheimnis
Und wahrte im Herzen, was sie mir vertraut.

Der Freunde wie viel! Jeder fliegende Vogel,
Der Bäume Schatten und Waldespracht,
Des Mondes keusches Antlitz im Fenster,
Der Keller, das Tor, welches knarrt und kracht -
Die Distel hinter dichtem Gezäune,
Der Strahl, den die Sonne zu mir gespannt,
Ein Lämpchen, ein Glas aus kristallenen Splittern -
Der Söller, die spinnwebdurchzogene Wand,
Süßgrauendes Dämmern in tiefen Brunnen
Und drin mein Echo und Spiegelbild,
Die Stimme der Uhr, die schneidende Säge
Im Holz, aus der´s wie ein Sprechen quillt,
Auch reife Birnen und herbe Äpfel,
Die nah´ in des Nachbars Garten hängen -
Der Bienen und Fliegen Summen und Drängen, -
Ich liebte sie alle, doch war mir nichts
So teuer, so hold, als die Geister des Lichts.
Im Sommer sah ich wohl solche Geister,
Wie leichte Cherubim, gezeugt im Glanz.
Wie sie zu Feld und zum Wasser schwebten,
Streifte auch mich ihr jubelnder Tanz,
Mich faßt´ ihre Wonne seelenbefreiend,
Zum erstenmal kindlich aufglänzte mein Blick.
Ich ward ihnen Freund, ihres Kreises Vertrauter -
Wir liebten einander in strahlendem Glück.

Am Morgen, ich bin noch schlummerumfangen,
Auf! pocht´s an mein Fenster, huschend und hell,
Noch bin ich nicht fertig, von Morgengesichten
Noch kaum ermannt, da blinzelt es: Schnell!
Kaum hab´ ich den Schuh, den verlegten, gefunden,
Ruft´s: Fort! Und geschwind! Die Sekunde verrinnt!
Und wie ich mich dränge, zu ihnen zu kommen,
Winkt´s: „In die Weite!“ Wir schweben, zerstreuen uns
Spielen und tollen im tauigen Grün,
Leuchten in Funken und reih´n uns in Perlen,
Auf grüner Decke rollen wir hin.

Dann sinken im Kreis wir, am Tau uns berauschend -
Jäh leuchtet in tausend Schimmern das Korn,
In tausend Lichtern strahlet das Grüne,
Mit sieben Augen lugt jeder Dorn.
An jedem Stachel Kristalle erzittern
Und bilden Säume aus dünnem Gold.

Da faßt das Lichtreich plötzlich ein Schwanken,
Daß Sonn` und Saphir wie durch Siebe nur blinkt -
Der Blick wird verdunkelt - das macht nur ein Kälblein,
Das leckend und fressend im Grase springt.
Nach Speise gräbt eine Kette von Hühnern,
Daß nickend die Häupter der Gräser beben -
Rings regt sich ein schwatzendes, gackerndes Leben.
Ich aber zitt´re im Glanz wie ein Vogel,
Die Seele im Netze des Lichtes gefangen,
Als ob feingoldene, zarte Fäden
An allen Gliedern mich fassen, umfangen.
Und neu verjüngt sich die leuchtende Kindheit,
Die Sonne des Sangs will im Herzen erstehen,
Ich selber möchte vom Kusse der Strahlen
Aufleuchten, aufjauchzen und selig vergehen.

Noch bin ich trunken, die Seele geschwellt,
Durchwoben vom Glanze, da tönt es: Zum Feld!
In leichtem Fluge der Geister Gemeine
Durchbreitet das Feld in blitzendem Scheine.
Auf Halmesspitzen, den spelzigen, hohen,
Die labungsdürstenden schweben und lohen.
„In diesem weiten Meere des Glanzes
O laßt uns, bis brennend der Mittag, uns baden,
Indes über uns wie Träume des Himmels
Ziehen der Wölkchen leichte Schwaden!
Jetzt birgt sie die Schar, als taucht´ sie in Fluten,
Jetzt blitzt sie empor zu jauchzendem Glüh´n,
Sie schütteln die Körper und schleudern wie Tropfen
Einer zum andern ihr Funkensprüh´n.

Es jauchzt das Gefild - wie im Schwunge von Schwalben,
Die schießen und zwitschern und eilend entflieh´n -
Viel leichtbeschwingte, hurt´ge Libellen
Auf lichten Flügeln blitzen und blüh´n,
Tanzen verweilenden Flugs auf den Garben
In weißen, roten und goldenen Farben,
Verschlungen im Glanz und wieder erglitzernd.
Es ist, als streut´ eine heitere Hand
Lebende Blumen über die Geister,
Die goldene Pfeile im Reigen besprengen -
Sie sprüh´n in Raketen, im Takt zu den Sängen
Des Heimchens, der Grille, der Feldmusikanten,
Die mit den Zimbeln zirpen und springen.
Die Luft, die glühende, schweigende schüttert,
Sie hüllt sich in girrendes Rauschen und zittert.

Schon müde des Lichts, den Weinberg durchrüttelnd,
Verkünden die Frohen: „Zum Weiher! vor!
Schon ward´s zum Verschmachten!“ - Sie schwingen die Flügel
Zum Weiher, gebettet in Schilf und Rohr.
In ruhigem Mittag die Wasser sich wiegen,
In Sonne und Schatten der Weiden gestreckt.
Hier ist es hell wie ein glatter Spiegel,
Es wölbt sich Azur, nur leise bedeckt
Von Wölkchen, zerfließend, wie Perlen so rein.
Die Welt ist verzaubert. Ein neuer Himmel,
Gekühlt die Sonne und reiner die Wesen,
Im Schleier ewiger Ruhe und Fülle,
Getaucht in die lauteren Wasser der Stille,
Und alles voll Leuchten, voll Frieden und Traum.

Und drüben Dunkel von dichten Schatten,
In Grün und in Frieden versunken die Flut,
Und beide Ufer bedecken mit Schatten
Die Welt, die stumm in der Tiefe ruht.
Da baden zwei Störche, ein weißer Schwan
Und schütteln und schwingen das nasse Gefieder,
Und alles gekühlt, voll Feuchte und Grün.

Dort wieder ein Meer von goldenem Glanze,
Lichtflecke und -brüche und leuchtende Falten,
Goldene Schuppen und glastende Ketten -
Zwei Sonnen, im Bruche der Wellen gespalten,
Wie reinen Kristalls ein glitzerndes Lohen -
Und alles blitzet und leuchtet und brennt.

Zum Weiher! Zum Weiher! In seligem Schrecken
Erschwankt all die Flut der goldenen Halle,
Daß Glanz um Glanz sich durchdringen, bedecken, -
Da regt´s sich in tausend Tönen und Farben,
Bewegt sich unten der wölbige Himmel,
Bewegt sich die Sonne und teilt sich in sieben,
Und sieben Sonnen im Tiefengetümmel
Küssen einander und mischen sich wieder,
Zerstückeln vollends. Ein Taumel umflicht
Jegliches Wesen im Chaos der Tiefe,
Im Flutmeer des Glanzes, im Ozean Licht.

In dieses Flammen und Glanzeswogen
Versank auch ich und sog von dem Lichte.
Wie kehrt´ ich wieder, gereinigt, geklärt!
An diesen tausend jubelnden Quellen
Zersprengte mein Inn´res in Meeresergüssen,
Vom Reigen der Klänge fortgerissen,
Die tausend seligen Harfen entschwellen.

Noch sitz´ ich, versunken, im Rasen des Weihers
Und seh´, wie die Welle sich sänftigt am Strand.
Noch wiegt sich ruhig auf ihrem Antlitz
Ein leichtes Zittern, macht funkeln den Sand,
Entzündet noch Zünglein und kleine Flämmchen
Und streut dazwischen ein leises Glimmen -
Es ist ein Glanz, der vertönt und erstirbt. -

Still wird der Weiher, sein Antlitz wieder
Wie früher schlummernd, glatt und durchhellt.
Und wieder zeigen sich deutliche Spuren,
Faltet sich unten im Schatten der Weiden
Im heimlichen Schilf eine schweigende Welt.
Dort drüben steht am Rande des Weihers
Bei leuchtender Flut ein Fischergreis,
Der hebt ein feines Netz aus dem Wasser,
Schüttelt es und in des Regenbogens
Farben blitzen die Tropfen im Kreis,
Als braute der Fischer in gleißenden Schalen
Zaubertränke mit goldenem Schaum.
Es springen zur Erde Tropfen und Blitze,
Aufleuchtet ein leichter und seliger Traum.

Plötzlich sah ich aus dem Teiche
Reih´ auf Reihe zart sich heben,
Auf die stille Fläche schweben
Kleiner Geister eine Schar,

Heil´ger Schwingen, rein und schön -
Ob sie sich nicht heut´ erst lösten
Von den Flügeln eines Cherubs
In den Höh´n?

Und noch blitzt aus ihren Augen
Höchstes Glänzen der Schechinah -
Wie sie Arm´ in Arme schlingen,
tönt ihr Singen:

Zu uns, du Knabe,
Zu uns, du Schöner
Und Lichtesdurst´ger,
Bis sinket der Tag!

Wir tauchen dich,
Wir tragen dich
Zu tief versunk´nen
Meeresschätzen.

Zu gläsernen Türmen,
Kristallpalästen,
Demant´nen Tempeln
Und Funkelsonnen

Mit Licht, durch sieben
Tage gehütet,
Tränken wir dich
Aus goldenen Kelchen.

Bis Licht dein Atem,
Bis Licht dein Schauen
In Herz und Bein
Dringt´s tief hinein

Von tausend Güssen
Und Strahlenküssen -
Viel sel´ger, ach!
Als du´s ertragen kannst.

Noch klang mir der feine Gesang in der Seele
Sie aber verschwanden im Waldesdicht,
Winkend mit dem letzte Blicke des Trostes,
Als gält´ es: Zum Morgen! - und nicht mehr in Sicht.
Und neulich war´s, nicht denk´ ich der Stunde,
Sah ich ihr Antlitz - von Ohngefähr -
Es schien voll Trübe und voller Erbarmen,
Ihr scheidender Blick aber sprach nichts mehr.

Und wieder weckt mich das Licht aus dem Schlummer,
Es sengt meine Lippen, es sticht meine Lider,
ich blicke zum Fenster und seh´ nur die Sonne -
Wie späh´ ich und harre - sie kehren nicht wieder,
Des Lichtes Gesang ist für ewig verstummt.

Nur tief im Herzen trag´ ich die Töne,
Unter den Lidern des Lichtes Gewalten.
Ich schöpfte des Lebens holdeste Träume,
Aus ihrem Auge die hehrsten Gestalten,
Am Quell vom Segen der Reine getränkt.

Ch. N. Bialik, aus: Gedichte, aus dem hebräischen übertragen von Ernst Müller, Buchschmuck von O. Herschdörffer, Jüdischer Verlag GmbH, Köln und Leipzig 1911

Chaim Nachman Bialik (jiddisch חיים נחמן ביאַלי , hebräisch חַיִּים נַחְמָן בִּיאָלִי , vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; geboren am 9. Januar 1873 im Dorf Radin, in der Nähe von Schytomyr, Russisches Kaiserreich; gestorben am 4. Juli 1934 in Wien, war ein russisch-österreichischer jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen.

Zudem übersetzte Bialik Shakespeares Julius Caesar, Schillers Wilhelm Tell, Cervantes’ Don Quichotte, Gedichte von Heine sowie Der Dybbuk des jiddischen Dichters Salomon An-ski ins Hebräische. Dabei war er sich der Grenzen des Übersetzens sehr bewusst: "Eine Übersetzung zu lesen sei wie die Braut durch den Schleier hindurch zu küssen."


Sonntag, 29. Juni 2025

Hugo Sonnenschein: Noch einmal rufe ich dich an. . .

 


Noch einmal rufe ich dich an weil ich dir schon so oft begegnet bin auf der großen Landstraße meines Lebens, dir Kamerad, dir Freund, die Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Kamerad, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Genosse, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an: Mensch!

Erkennst du mich? Ja, ich bin der, welcher von Osten kommt, mit dem Stern im Haar, immer wieder von Osten kommt wie ein Bettler, aber geschmückt mit Löwenzahn durch die Straßen der Stadt wie ein Narr. Sonka. Weißt du nicht mehr, ich ruhte sehr müde am Neptunsbrunnen in Florenz und Kinder brachten mir Fische und Brot, weil ich hungrig war, und alle Bettler der Gegend aßen von meinem Hunger und wurden satt ohne u betteln.

Kennst du mich nicht? Verblaßte das Wunder in deinem Herzen, das geschah, als du deinen wütenden Hund auf mich hetztes: der sprang mich an mit gefletschten Zähnen und ward zum Lämmlein, als er mich erreichte, und leckte meine Hände.

Erinnere dich: daß du gestorben wärst an jenem Tag, da du verlassen warst von Gott und Menschen. Ich schwieg und sah dich an. Aus meinem Schweigen wurde dir das Leben. Ich habe mich an dich verschenkt, Verbrecher im Gefängnis, an dich Totkranker im Spital, an dich Obdachloser im Asyl, an dich du Mädchen von der Straße, an dich und dich und dich und dich, ich habe mich verschenkt mit Blick und Gegenblick und meiner Hand in deiner Hand, die dich umfaßte.

Du kennst mich ja. Ich bin von Osten. Und deine Maske aus dem Dreck des Westens wird nicht auslöschen mein Gesicht, das sich verschenkt, verschenkt, verschenkt, sieh mich nur an! Und du hast schon ein Herz und ein Gesicht.

Noch einmal rufe ich dich an, weil ich dir schon so oft begegnet bin auf der großen Landstraße meines Lebens, die Kamerad, dir Freund, dir Bruder, dir Genosse, dir Bürger, dir Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Kamerad, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Genosse, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an: Mensch!

Hugo Sonnenschein, aus: Der neue Daimon, 1919, Heft 3 - 4, April, Genossenschaftsverlag Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein, Franz Werfel, Wien Prag Leipzig

Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.


Mittwoch, 25. Juni 2025

Ich aber reineclaude mich

 



                                                                                     zweierlei handzeichen

                                                                                     ich bekreuzige mich
                                                                                     vor jeder kirche
                                                                                     ich bezwetschkige mich
                                                                                     vor jedem obstgarten

                                                                                     wie ich ersteres tue
                                                                                     weiß jeder katholik,
                                                                                     wie ich letzteres tue
                                                                                     ich allein

                                                                                     Ernst Jandl (1925 - 2000)



"Einjedes Geheimnis der Welt darfst du verraten, nur nicht, wo im Sommer die großen grünen Reineclauden reifen!"


Tu was du willst, oder auch nicht,
Schreibe in schwarz, in rot oder grün.
Lösche die Dunkelheit, den Durst, oder lösche das Licht,
Fahre nach Rom, nach Stuttgart oder nach Wien,
Gehe koppheister oder geh auf den Strich,
ich aber reineclaude mich

Sei wer du willst, oder sei es nicht,
Folge oder führe, geh vor oder lass ziehn,
Sei Dieb, oder halte Gericht,
Es ist mir egal mit welchem Schlich
Sich wer wie was erschlich,
Ich aber reineclaude mich

Bleib wo du willst, oder bleibe dort nicht,
Laufe, rolle, oder wage zu fliehn,
Tu was, oder tu es auch nicht,
Bleibe redlich, bleib arm, oder verdien
Tausend Millionen und mehr sicherlich,
Ich aber reineclaude mich


Illustration aus: 
Müller-Diemitz, Bissmann-Gotha u.a.: Deutschlands Obstsorten, Stuttgart 1905 - 1930



Dienstag, 24. Juni 2025

Leftherte

 



Leftherte

Dass ihr den Sommer mir nicht verderbet,
mich findet ihr nicht

Rausche im Laub der Linden
im Dufte ihrer Blüten

Gebe dich hin in den Kelch
der hundertjährigen Rose

Lege eine Kirsche in deinen Mund
und spüre meinen Kuss

Bette dein Haupt in die Winde
spüre meinen Lindenatem

Ich wandle in deinem geheimen Garten
wispere aus deinem Quellmund

Habe die Geheimnisse der Jugend bewahrt,
von den Gefährdungen gelöst

Nehme zurück, was zu mir gehört
einjedes Blühen hat seine Zeit

einjedes Reifen einjedes in sich Ruhen.
Ihr verderbet mir den Sommer nicht



Das Bild ist von Juan Brull (1863 - 1912)

Montag, 23. Juni 2025

Wollte heut ein Lied mir schreiben. . .

 



Wollte heut ein Lied mir schreiben. . .


Wollte selber schreiben, um zu lesen:
„Heut bin ich des Lebens froh!“
Ach, das wär so schön gewesen,
Doch die Zeiten sind nicht so

„Make love not war“,
Auch dieser Satz erlebt gerad sein Waterloo,
Eigentlich wär das wunderbar,
Doch die Zeiten sind nicht so

Die Wahrheit, ebenso die Empathie
Ging in der ersten Runde schon k o,
Dabei wären sie so wertvoll wie noch nie, 
Doch die Zeiten sind nicht so

Der Griff nach goldnen Sternen
War letzlich nur ein Griff ins Klo,
Ach, sie sollten sich zum Mars entfernen,
Doch die Zeiten sind nicht so


Das Bild ist von Edwin Austin Abbey (1852 - 1911)

Sonntag, 22. Juni 2025

Es beginnt zu der Zeit. . .

 



Es beginnt zu der Zeit,
wo die Erdbeeren reifen,
und zu keiner anderen Zeit auch
hätte es dieses Beginnen gegeben

Es beginnt zu der Zeit
wo das Johanniskraut glüht,
und ein Namenlos
nach der geschundenen Erde greift

Über den Staub der Wege,
dem kargen struppigen Grün
der Weiden eine gleißende Sonne
sich spiegelnd in segnender Blüte

Zwischen den Buchen das Schweigen
des Mittags, nicht das Ruhen zu stören,
Schafgarbe, Baldrian und Mädesüß
weiten sich in das Blühen

Danke an das Leben
so zäh so einfach so still
lausche dem Wesen der Stille
lausche den Wesen

Die Tontafeln verwittert
die Bibliotheken abgebrannt
die Dateien gelöscht

überdauernd ist das
gesprochene Wort
von Zunge zu Ohr

Das Bild ist von Arthur Segal, geboren am 13. Juli 1875 in Jassy, Rumänien; gestorben am 23. Juni 1944 in London im Exil. Nach Beginn des ersten  Weltkriegs flüchtete sich der Pazifist Segal von Berlin nach Ascona, zu den Aussteigern vom Monte Verità. Er leitete dort eine Malschule. Sein Haus auf dem Berg wurde ein Treffpunkt exilierter Künstler wie Hans Arp, Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky, Lou Albert-Lasard. Mit seinem Nachbarn und Landsmann, dem Dichterpropheten Gusto Gräser, unterhielt er ein freundschaftliches Verhältnis. Zusammen mit den nach Ascona gekommenen Dadaisten beteiligte er sich an den Ausstellungen des Cabaret Voltaire in Zürich.[ Von 1920 bis 1933 unterhielt er in Berlin-Charlottenburg eine eigene Malschule, die ein beliebter Treffpunkt für Avantgarde-Künstler wurde. 1933 musste Segal aus Deutschland fliehen. Es ging über Mallorca, das er dann wegen des Bürgerkriegs verlassen musste, nach London. 



Mittwoch, 11. Juni 2025

Strawberry Fields Forever

 


Strawberry Fields Forever

So hat es mich noch einmal „in die Walderdbeeren“ getrieben. Sie ist doch einfach zu lecker, diese Marmelade aus den kleinen Dingern. Beim Pflücken ist jede/r für sich und bei sich, und die Gedanken dürfen mäandern. Heute bin ich mit dem Fluss meiner Gedanken wieder einmal bei der Utopie gelandet, beziehungsweise, beim Fehlen der Utopien. Ein Freund sagte das letztens, dass die Utopien ausgestorben sind, „man“ ist jetzt „Realist“. Doch ich finde es wichtig, von der Utopie aus zu denken, sie als Richtschnur zu nehmen für das tägliche Handeln. „Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen einem den Weg“, das ist ein spanisches Sprichwort.

Um die Menschenwelt ist es nicht zum Besten bestellt, das ist offensichtlich. Ich schreibe hier von „Menschenwelt“, denn ich meine, nicht „die Welt“ ist schlecht. Unsere Welt ist eher schön und liebenswert. Wenn ich mir Sammeleimer und den Wanderstock nehme, und die Wege außerhalb von Fredelsloh gehe, um zu meinen „strawberry fields“ zu gelangen, darf ich mich immer wieder an der Landschaft und ihrer Vielgestaltigkeit erfreuen, werde auf dem Weg von den Ziegen begrüßt, die auf der Weper zusammen mit Schafen gehalten werden, um auf den Kalkmagerrasen für die selteneren Pflanzen das Buschwerk nieder zu halten; ich darf mich an den Blüten von Wildorchideen, Skabiosen, Hauhechel und vielen anderen erfreuen, dazwischen gaukeln die Falter, welche die Blüten besuchen; über mir, in den Büschen und Bäumen, welche den Wanderweg säumen, reifen die Früchte heran, wilde Kirschen, Mirabellen, Schlehen, und noch weiter über mir, im blauen Himmel, zieht der Milan seine Kreise.


Das alles sind Zeichen einer Welt, an deren Schönheit ich mich erfreuen kann, und wenn ich das alles erleben darf, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie die Welt „gedacht“ ist. Nein, die „Welt“ ist nicht zu verbessern. Allenthalben das Verhalten von uns Menschen bräuchte wohl dringend eine „Verbesserung“. Wir sind gerade dabei, das, was diese Welt ausmacht, ihre Schönheit in ihrer Vielfalt um des menschlichen Eigennutzes willen zu zerstören.

Es ist nicht die „Welt“, die uns mit Kriegen gegen uns und alles überzieht, wir überziehen die Erde mit Krieg, Zerstörung, Gewalt. Und da gibt es nicht den „Zweiten Weltkrieg“ und den „Ersten“, als zeitlich begrenzte Ereignisse, die letzten paar hundert, ja, tausend Jahre, hält dieser Krieg der Menschen gegen die Welt an. Da waren die Völkerwanderungskriege und die Römerkriege, die Kämpfe, mit denen die Christianisierung einherging, da waren der dreißigjährige Krieg, der Mitteleuropa massiv entvölkerte, da waren der siebenjährige Krieg, unter dem auch meine Wahlheimat hier litt, und so weiter, und dazwischen Bauernkriege, Scharmützel, kleine und große Feldzüge, und dazwischen Ausbeutung und Kahlschlag der Natur ringsum, Grobheit und Gewalt den einfachen Menschen gegenüber und der einfachen Menschen untereinander, Hexenverbrennungen, schwarze Pädagogik, unglaublich niederdrückende Arbeitsverhältnisse der Tagelöhner auf dem Land und in den Fabriken.

Wir Menschen haben der Welt weder Schönheit noch Frieden gebracht, sondern sind immer und überall als Eroberer gekommen. Sicher, es gab (und gibt) immer auch Menschenoasen, in denen Menschen mit der Welt in Eintracht und Frieden lebten, doch dann kamen andere, wie zum Beispiel in historischer Zeit die Weißen nach Nordamerika, und die Idylle war dahin. Nein, wir Menschen sollten uns nicht in den Gedanken versteigen, die „Welt zu verbessern“. Diese gute und bessere Welt zerstören wir gerade.

Doch die Welt ist alt genug, hat seit ihrer Entstehung einiges an Katastrophen, Klimawandel und Eiszeiten überlebt, und ist immer wieder in alter Schönheit erblüht, sie wird auch uns Menschen überstehen. Denn Schönheit ist ihr inneres Wesen. Wir Menschen dürfen uns entscheiden, ob wir dazu gehören wollen, ob wir eins damit sind, oder ob wir als Eroberer kommen, und uns „die Erde untertan“ machen, um ihr unseren gewalttätigen Stempel aufzudrücken. Mit diesem Versuch, der zusehends am Scheitern ist und absehbar scheitert, stellen nur wir uns außerhalb „der Welt“.



Wenn ich nun versuche, meine Utopie in Worte zu kleiden, dann komme ich immer wieder dahin: Ich bin als menschliches Wesen eines mit der Erde und ihren Wesen, im Grunde untrennbar verbunden, als ein Teil, das aus ihr kommt und in sie geht. Ich möchte im Konsens mit allen Wesen leben, mit ihrem Werden, Sein und Vergehen, ebenso wie alle Wesen auch werden, sein, vergehen, und, wenn es denn so ist, nach Staub und Asche wieder in die Schönheit der Welt zurückkehren. Im Konsens mit allen Wesen, also auch mit uns, den Menschenwesen.

Daher kann ich keine „konkrete Utopie“ anbieten. Ich kann mich als einzelnes Wesen in meiner Eigenart, die mein Beitrag zu der unglaublichen Vielfalt der Welt ist, einbringen. Ich vermag meine Gedanken zu sagen und aufzuschreiben. Ich vermag auch einige Wünsche anzubringen, hinsichtlich des Lebens von uns Menschen untereinander, ich verabscheue psychische und physische Gewalt zum Durchsetzen von Zielen, ich vermag nicht zu verstehen, wie einem Menschen dieses Land, dieser Wald, diese Wiese „gehören“ kann. Alles gehört sich selbst, und anderes ist eine Illusion, eine Illusion, die letztlich mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Ich wünsche mir eine gemeinschaftliche Lebensweise von uns Menschen, in der sich jede/r nach seiner, ihrer Art entwickeln darf, und nicht durch die Egoismen anderer, vermeintlich stärkerer, doch im Grunde nur grausamer und gewalttätigerer, zu Dingen gezwungen zu werden, die wesensfremd sind. Ich weiß, dass sich solcherart Leben, gemeinschaftlich, im Konsens mit allen und allem zu handeln, eine Möglichkeit ist, die wir als Menschen ergreifen können.

Von dieser Utopie lasse ich nicht ab, sie ist die Quelle in mir, aus der mein Lebensmut sprudelt. Auch ich bin nicht unbeschadet durch die Schule dieser Gesellschaft gegangen, in der jahrhundertelang die Verletzungen und Traumata von Generation zu Generation gereicht wurden, und in jeder Generation neue hinzu kamen. Auch ich bin verletzt, ungerecht, fühle, dass die Gewalt in mir wohnt, auch wenn ich ihr kein zu hause bieten möchte. Ich kann nur durch Wissen damit umgehen. Durch das Wissen, dass das Menschsein, welches zu den heutigen schlimmen Zuständen geführt hat, auch in mir ist. Wenn ich den Ungeist benennen kann, dann vermag ich mit ihm umz gehen. Dann vermag ich ihn in mir zu bannen. Mehr ist mir nicht gegeben.

Doch eine „konkrete Utopie“ kann ich nicht anbieten. Wenn ich eine „schöne neue Welt“ zeichnen wollte, um von dieser Blaupause aus die „Welt“ zu „verändern“, dann käme ich wieder als Eroberer. Ich kann durch Äußerung meiner selbst einen Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert, doch den Konsens zum gemeinsamen friedlichen Miteinander können wir eben nur - friedlich miteinander entwickeln. Eben darum vermag ich nicht zu sagen, wie Weg und Ziel für uns alle auszusehen hat. Meine Utopie ist eine sehr persönliche Utopie.

Während in dieser Art meine Gedanken mäandern, knie ich im rotbetupften Grün meines „strawberry fields“, atme den heranwehenden Duft von Lindenblüten ein und das Aroma der Walderdbeeren, lausche dem Ruf eines vorbeiziehenden Turmfalken, fühle die Sonnenstrahlen auf dem Rücken, welche mich durch das Blätterwerk der schützenden Haselzweige erreichen; meine Fingerkuppen nehmen mehr und mehr die Farbe der Beeren an, die ich pflücke. Manchmal schlecke ich sie ab, und schmecke süß.

Sonntag, 8. Juni 2025

Schwertlilien

 


Schwertlilien

Das sind die Blumen, die wie Kirchen sind.
Ein Blick in sie hinein zwingt uns zu schweigen.
Wie Weihrauch fromm berauschend strömt ihr Duft,
Wenn wir uns zu der schönen Blüte neigen.

Sie sind wie Schmetterlinge dünn und zart.
Und wissen ihr Geheimnis doch zu hüten.
Es hellen goldne Kerzen sanft den Pfad
Ins Allerheiligste der Wunderblüten.

Franzisca Stoecklin (1894 - 1931) , aus: Gedichte (Bern 1921)

„Eine Blume unter den Blumen der Mutter hieß Schwertlilie, die war ihm besonders lieb. Er hielt seine Wange an ihre hohen hellgrünen Blätter, drückte tastend seine Finger an ihre scharfen Spitzen, roch atmend an der großen wunderbaren Blüte und sah lange hinein. Da standen lange Reihen von gelben Fingern aus dem bleichbläulichen Blumenboden empor, zwischen ihnen lief ein lichter Weg hinweg und hinabwärts in den Kelch und das ferne, blaue Geheimnis der Blüte hinein. Die liebte er sehr und blickte lange hin und sah die gelben feinen Glieder bald wie einen goldenen Zaun am Königsgarten stehen, bald als doppelten Gang von schönen Traumbäumen, die kein Wind bewegt, und zwischen ihnen lief hell und von glaszarten lebendigen Adern durchzogen der geheimnisvolle Weg ins Innere. Ungeheuer dehnte die Wölbung sich auf, nach rückwärts verlor der Pfad zwischen den goldenen Bäumen sich unendlich tief in unausdenkliche Schlünde, über ihm bog sich die violette Wölbung königlich und legte zauberische dünne Schatten über das stille wartende Wunder. Anselm wußte, daß dies der Mund der Blume war, daß hinter den gelben Prachtgewächsen im blauen Schlunde ihr Herz und ihre Gedanken wohnten und daß über diesen holden, lichten, glasig geäderten Weg ihr Atem und ihre Träume aus und ein gingen.“

Hermann Hesse, aus: Iris (Märchen, S. Fischer Verlag Berlin 1919)

Das Bild ist von Robert Lewis Reid (1862 - 1929)

Samstag, 31. Mai 2025

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche, oder: Weinbergschnecken

 


Nach dem schönen Mairegen sind bei uns wieder die Weinbergschnecken unterwegs. Dazu eine kleine Geschichte:
Ich hatte gelesen, dass Weinbergschnecken die Eier von Nacktschnecken fressen. Und an Nacktschnecken hatten wir in dem einen Schulgarten, den ich an einer Grundschule betreute, wirklich genug. Mehr als genug. Also wurde mit den Kindern beschlossen, dass wir Weinbergschnecken ansiedeln wollen.
Der Schulgarten wurde unter anderem auch von dem Kinderkochklub genutzt, den ich an dieser Schule leitete. Die Kochklubkinder hatten ihr eigenes Kräuterbeet dort. Mein Sohn, noch im Kindergartenalter, begleitete mich nachmittags ab und zu zum Kinderkochklub. Er wurde dadurch zum Mitglied ehrenhalber.
Als mein Sohn und ich an der Ostsee Urlaub machten, fanden wir heraus, dass sowohl in den dünennahen Gehölzpflanzungen als auch im nahegelegenen Wald zahlreiche Weinbergschnecken zu finden waren. Am Tage vor unserer Abreise sammelten wir also welche von diesen Schnecken, bis wir zwölf Stück zusammen hatten. Diese sollten im Schulgarten ihre Heimat finden.
Wir beide also mit einem offenem Karton voller Schnecken in den Aufzug des Appartementhauses, in dem wir wohnten, dritter Stock. Eine Dame, feinerer Art, stieg hinzu. Sie schaute die Schnecken an und fragte uns, was es damit wohl auf sich habe. Mein Sohn fühlte sich berufen, zu antworten. Er war der Meinung, diese Geschichte gehört von Anfang an erzählt. Also, dass die Nacktschnecken im Schulgarten die Kräuter auffressen, wir also nicht damit kochen können, und das die Weinbergschnecken die Eier von. . .
So begann er mit den Worten: „Wir haben einen Kinderkochklub!“ Worauf die Dame ganz blass wurde und ihn erschreckt anstarrte.

Donnerstag, 29. Mai 2025

Alma de l´Aigle: Begegnung mit Rosen

 

Königin von Dänemark 

Eines meiner Lieblingsgartenbücher ist das Buch "Begegnung mit Rosen" von Alma de l´Aigle, 1958 das erste Mal erschienen, welches der Dölling und Galitz Verlag dankenswerterweise wieder herausgebracht hat. Dieses Buch hat nichts mit unseren modernen Gartenbüchern gemein, die ja zum größten Teil aus Gartenbildern bestehen, die einen bestenfals neidisch  machen. Da hat der Fotograf dann im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt und aus einer wohl ausgesuchten Perspektive ein Foto geknipst, welches einen Idealzustand aufzeigt, der weder Trockenheit noch Regengüsse, weder Schnecken noch Unkraut kennt.

Anders die "Begegnung mit Rosen": Ein Rosenbuch, fast 340 Seiten stark, und so gut wie keine Bilder, und die wenigen vorhandenen schwarzweiß. Heute unvorstellbar, doch Alma de l´Aigle hat ganz auf die Kraft ihrer bildhaften Sprache gesetzt. Zurecht. Ich habe noch nie vorher (und nachher) eine solch sprachmächtiges Kompendium zur Beschreibung von Rosendüften gelesen, wie ihr Buch. Immer wieder eine Freude, ihre Rosenbeschreibungen zu lesen, ihre Sprachmalereien rund um Farbe und Duft. Das einzig traurige daran ist für mich, dass ich so viele der beschriebenen Sorten nicht kenne. 

Hier einige Auszüge:


Über Climbing Crimson Glory: "Und der Duft! Immer ist es der gleiche dunkle und ungetrübte Duft, zuverlässig in Sonne und Regen, vom ersten Öffnen der Knospe bis zum Verblühen. Es ist ein Duft wie Rotwein, am Abend getrunken, in stiller Ecke, wo die Hast des Tages sich legt".

Über Albertine: ". . . der Duft: zuerst ist es ein stark wellender, weicher, süßer Duft, der fast an Zentifolie gemahnt, dann wird er gebrochen canina mit etwas Nelke darin, und endlich, wenn die Aprikosenfarbe ganz dem fahlen Rosigweiß gewichen ist, wird der Duft trübe, fast dumpf."

Über die Gerberose, einer Kletterrose, die ganz oben auf meiner Wunschliste steht: "Aber - da kommt man sommers in den Garten, um zu sehen, wie die Bohnen angesetzt haben, und da wird einem plötzlich, als wenn die Fee - wie heißt sie doch noch? -  eben durch den Garten geschwebt sei und den süßesten Rosenduft hinterlassen habe. Die ganze Luft ist erfüllt von diesem Duft.

Man sieht umher und sagt: Was duftet denn hier nach Rosen? Und da steht dann die Gerberose bescheiden in der Ecke, die Duftverschwenderin. Ehe unsere Blicke auf sie fielen, war ihre Seele uns schon entgegengekommen.

Ihr Duft hat, was sie nur mit ganz wenigen Rosen teilt, eine Ausdehnungskraft und ist sogar in der Verdünnung am lieblichsten. Kommen wir aber nahe an die Blüte heran, so erscheint uns der Duft gar nicht mehr so edel, mehr kompakt als klar."

Papa Mailland 

Rosenduft hat etwas ausgleichendes, stimmungserhellendes, antidepressives. Einmal, als ich ein Rosenseminar gab, inklusive Rosenverköstigung, es gab verschiedene Gerichte mit Rose, öffnete ich morgens die Türe, um eine Teilnehmerin hinein zu lassen, die einen entschieden traurigen Eindruck machte. Dunkel gekleidet war sie, und dunkel ihre Aura, Ringe schwarz unter ihren Augen, die Mundwinkel heruntergezogen, es war, als wäre eine dunkle Wolke um sie. Für die Herstellung des Sorbets mussten die Rosenblütenblätter gemörsert werden, und binnen kurzen war der ganze Raum mit Rosenduft fast gesättigt. Es war wunderbar die Wandlung der am morgen so düsteren Erscheinung zu beobachten: Das Gesicht klarte auf, ein Strahlen gelangte in die Augen, die Teilnehmerin wurde wach, anders kann man es nicht bezeichnen, und begann mit einem Male mit einer Herzlichkeit und Wärme in der Stimme zu erzählen, als wäre es eine ganz andere Person, als die, welche des morgens in der Türe stand. Das vermag der Duft der Rose. 

Rose de Resht 

Noch einige Duftbeschreibngen von Alma de l´Aigle: "Aber der Duft ist, besonders im Aufblühen, wunderbar, ein leichter Teeduft nach chinesischem Tee, manchmal ein leicht harziger Teeduft", oder, auch einmal kritisch: "Einen scharfen unreinen Fruchtgeruch bemerkte ich, wie nach künstlicher Roter Grütze; ein andermal einen leichten Apfelduft, aber keinen Reichtum, keine Tiefe."

Eine meiner Lieblingsbeschreibungen: "Ein Duft wie Teig von Zitronenkuchen, und Backpulver ist auch schon drin." Und, für heute zum Abschluss: "Es war, als wenn man eine große Schale mit vielerlei Früchten ins Zimmer trägt: Birnen, Gravensteiner, Pfirsiche und Himbeeren, all diese Düfte wehten einem entgegen als einheitlicher, köstlicher süßer und doch erfrischender Duft."

Nach dem Lesen dieses Buches geht man an keiner Rose mehr vorbei, ohne die Nase in die Blüte zu stecken. Es war ein beliebtes Spiel von mir und meinem damals drei und vier Jahre alten Sohn, die verschiedenen Rosen zu erschnuppern, und ich sehe noch bildhaft vor mir sein Gesicht, wenn er enttäuscht war, dass eine Rose nicht duftete, oder entzückt, wenn ihm etwas ganz Besonderes entgegenwehte, wie zum Beispiel bei der dunkelroten Edelrose Papa Meilland, die einen besonders schweren und starken Duft trägt.

Zitronenjette 

Einmal traute ich meinen eigenen Sinnen nicht. Bei der gelben Edelrose mit dem Namen "Zitronenjette" nahm ich einen klaren Zitronenduft wahr. Ich dachte, ich wäre wohl suggestiv beeinflusst worden von Namen und Farbe dieser Rose. Bis ich dann in der Beschreibung las: "Duft nach Zitronen". Nun, mittlerweile vertraue ich meiner Nase und meinem Empfinden. Und bin jedesmal Mutter Natur dankbar über ihre verwchwenderische Fülle. Das Genießen von Rosenduft ist für mich jedesmal wie ein stilles Gebet.



Dienstag, 13. Mai 2025

Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Auf einem Baum ein Kuckuck saß. . .

 



Aus Dingefinders unergründlicher Plaudertasche oder: Auf einem Baum ein Kuckuck saß. . .

Heut in den frühen Morgenstunden hörte ich es laut und vernehmlich: Der Kuckuck ist wieder da. Schon vor einigen Tagen war er zu hören, etwas weiter entfernt, und ich hatte Glück: Ich hatte Geld in der Tasche. Denn es wird die Geschichte über die Generationen weiter getragen, dass, wenn im Jahre der erste Kuckucksruf gehört wird, die Geldbörse zu schütteln sei. Sofern darinnen Geld vorhanden ist. Dann werden das ganze weitere Jahr in dieser Geldbörse einige Piepen oder Moneten oder Thaler zu finden sein.

Nun bin ich nicht unbedingt leichtgläubig, oder gar abergläubisch, doch habe ich zur "Kuckuckszeit" immer etwas Geld im Säckel, Münzen tun es da am besten, die klimpern so lustig, wenn geschüttelt wird. Ihr wisst ja, wer beim ersten Kuckucksruf im Jahr Geld im Säckelhat, sollte diesen tunlichst schütteln, dann wird das gesamte weitere Jahr auch Geld darin sein. Auch wenn das Schütteln beim ersten Kuckucksruf des Jahres nicht unbedingt nützt, schaden tut es keinesfalls. Es ist also eine eher harmlose Marotte, wenn ich mich darüber freue, dass ich im richtigen Augenblick Geld dabei habe.

Manchmal reihen sich die Erinnerungen wie Perlen auf einer Kette aneinander. So ging es mir heute früh auch beim Kuckucksruf. Ich erinnerte mich an eine Begebenheit in meiner Kindheit, es müssen die Osterferien gewesen sein, denn ich war bei meiner Großmutter zu Besuch. In der Nähe ihrer Wohnung gab es den von mir so genannten Mirabellensee, ein kleines, stilles Gewässer mitten in der kleinen Stadt, um dessen Rund Mirabellenbäume wuchsen. Das war einer meiner Lieblingsorte in der kleinen Stadt, und wieder ging ich dort hin.

Unter einen dieser Mirabellenbäume standen zwei mir fremde Kinder an diesem Tag, und die beiden blickten nach oben und schüttelten dabei ihre Geldbörsen. Oben im Baum saß ein Vogel und rief laut und vernehmlich "Ruguuhruuh, ruguuhruuh". Die Kinder klärten mich auf, dass das ein Kuckuck sei, und dass daher die Geldbörsen zu schütteln seien.

Nun, ich wusste, wer dort oben "Ruguuuhruuhte", es hörte sich so ganz nach einer ordinären Stadttaube an. Doch mochte ich die beiden Kinder nicht durch mein Wissen aus ihren Träumen locken, sie waren einfach zu schön in ihrer Begeisterung. Nicht immer ist es wichtig, die "Wahrheit" zu sagen.

Als ich diesen Satz so für mich dachte, reihte sich die zweite Erinnerung ein. Da war ich schon älter, und eine liebe Freundin und ich saßen nächtens unter dem Sternenhimmel im Garten. Drinnen in dem kleinen Häuschen war Party, doch wir hatten uns in die Ruhe zurückgezogen. Zwischen all den Sternen des Himmels hindurch bewegte sich ein Stern besonders glänzend und funkelnd. "Oh, schau, ein wandernder Stern!", sagte die Freundin. Ich schaute, und ich wusste sofort: Das war ein Satellit, ödes Menschenmachwerk. Auch hier schwieg ich, denn die Freundin sah gar zu glücklich aus, ob ihrer Entdeckung.

Jahre später trafen wir uns wieder, und irgendwie und irgendwarum kam unser Gespräch auf die Begebenheit damals im Garten. Ich erzählte ihr, dass und warum ich da schwieg, und sie erzählte mir, dass sie im Moment des Aussprechens selber wusste, dass dort oben ein Satellit kreiste. Und dass sie mir sehr dankbar dafür war, dass ich sie nicht berichtigte. Denn sie wusste auch, dass ich es wusste.

Ja, Schweigen kann Gold sein. Nun ist es so, dass einige meiner Freundinnen und Freunde in unserem medialen Dschungel, in früheren, nicht digitalen Zeiten nannte man das "Blätterwald", unter einem medialen Baum stehen und in der Hoffnung auf eine goldene Zukunft verzweifelt ihre Geldbörsen schütteln. Solange oben auf dem Baum nur eine Taube oder ein Kuckuck sitzt, mag das ja ungefährlich sein, zumal, wenn es eine Friedenstaube ist.

Doch manchmal sitzt da oben auch der Geier oder gar eine Harpyie oder ein anderer Unglücksvogel, der sein "Ruguuuruuh, goldene Zukunft du, dort entlang du, ruguruuh" ruft. Ja, es kann durchaus sein, dass da unter dem falschen Baum geschüttelt wird.

Da ist es für schon schwieriger für mich, zu schweigen, doch das Sagen ist es genauso. Kaum jemand möchte darüber wissen, dass er oder sie unter dem falschen Baum dem falschen Vogel zugeschüttelt haben.

Eines weißt ich jedoch: Mit einer "Ich-weiß-es-aber-besser" - Mail, mit einem schadenfrohen "Ätsch, pass auf, dass Dir der Vogel nicht auf den Kopf scheißt" ist es nicht getan. Da braucht es die richtige Balance zwischen Abwarten und. . . ja, und persönlichem Gespräch. Dass der Mensch nicht nur hört, sondern auch sieht, spürt, fühlt, dass da jemand Besorgtes es Ernst meint. . . Da ruft der Kuckuck mir und uns zu: "Seit behutsam mit Euren Freundinnen und Freunden, kuckuck, kuckuck".

Diese Erkenntnis ist es, die ich an heutigen Morgen mitnehmen durfte. Allein schon dafür bin ich dem Kuckuck dankbar, selbst falls es mit dem Gelde mal nicht so klappen sollte. . .

Euch allen einen schönen Frühlingstag, wünscht Dingefinder Jörg


(Geschrieben 13. Mai 2020)

Samstag, 3. Mai 2025

Mynona, Robert Gernhardt über Sonette

 


In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
wer heut´ Sonette macht, ist nur ein Schwein.

Daher hüt` ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich´s auch wollte, nicht diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag´ ich immer: nein!

Ich hoppse, wie die Muskeln mir´s diktieren,
will nicht in fremde Form gezwungen sein
und fühle mich ganz frei in meiner - meiner!

Pfui Teufel, sollt´ ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.

Dieses Sonett von Mynona (Salomon Friedländer) dürfte wohl die Blaupause zu der etwas deftiger formulierten Sonettkritik von Robert Gernhardt sein:

Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Robert Gernhardt (1937 - 2006)

Nur ließ Mynona seinem Missgefallen am Sonett noch 99 weitere Sonette folgen, wie zum Beispiel dieses hier:

Susanne wandert nach dem Badezeltchen,
Die Glieder eingehüllt in seidnen Rips,
Ein Herr (Zylinder, Lack, Monokel, Schlips)
Folgt ihr verstohlen in das Tannenwäldchen.

„Zu mager“, urteilt er. Doch durch ein Spältchen
Schielt lüstern er, ein ganz infamer Fips,
Erblickt (statt des vermeintlichen Geripps)
In Wahrheit das graziöseste Gestältchen.

Anmutig hebt sie eine Wasserkanne,
Besprudelt ihren fabelhaften Wuchs.
Er, selbstvergessen, ungeheuer hastig

(So geht es dem überreizten Manne)
Tritt fehl, versinkt fast ohne jeden Murr
In einem Sumpf (die Gegend war morastig).

Aus: Hundert Bonbons, Sonette von Mynona, München bei Georg Müller, 1918; angemerkt sei noch, dass ich persönlich Sonette sehr schätze. 

Salomon Friedländer, geboren am 4.5.1871 in Gollantsch/Posen; gestorben am 9.9.1946 in Paris. Der Sohn einer jüdischen Arztfamilie verbrachte seine Jugend in Posen und Berlin. In München studierte er ab 1894 Medizin, in Berlin Zahnmedizin und ab 1896 Philosophie (Promotion 1902 in Jena). 1906 siedelte er nach Berlin über und schrieb nun unter dem Namen Mynona (Anagramm von »anonym«) auch Gedichte und Grotesken; seine philosophischen Schriften erschienen unter dem Namen Friedlaender. 1933 emigrierte er nach Paris.

Das Foto ist aus dem Nachlass, Salomo Friedlaender Collection, Leo Baeck Institute, New York