VorGänge - NachGänge: Am Beginn eines neuen Jahres
Bei meinen Streifzügen durch die Welten der Lyrik im Dezember des letzten Jahres stieß ich in der Anthologie "Um uns die Stadt", Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung, herausgegeben von Robert Seitz und Heinz Zucker im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin 1931 auf folgendes Gedicht von Walter Bauer:
Zu Zeiten überfällt mich die grundlose Unruhe
und ich beneide alle, die voll Glaubens sind,
wie er auch sei, und die beten, oder deren Gedanken
sich entfernen vom Geräusch der Dinge.
Ich überlege, warum ich nicht mehr dazu imstande bin
und so tiefer Gewissheit zu leben
wie der Mönch in Tibet, der sich einmauern lässt,
um näher bei Gott zu sein -
Ich tröste mich damit, dass neue Mythen unterwegs sind,
Mythen voller neuer Gegenwart, die das Unverständliche,
Sinnlos-scheinende klar macht -
ich tröste mich damit und sage mir,
dass der Tod meiner Freunde und Brüder im Krieg
so gut ein Stück des Neuen ist
wie die Stunde im Kino, im Dunkel, vor einem Film,
wie auch der Augenblick,
da ich am Radioapparat sitze und einen neuen Sender finde
in tiefer Nacht.
Der Dichter, Walter Bauer, ist mir ein Begriff, schon lange gehören zwei seiner Gedichte, darunter das Gedicht „Dennoch“ zum Kanon meiner liebsten Trostgedichte. Darin heißt es:
„Es ist nicht sicher, wie lange wir leben werden
und ob wir Zeit haben, voneinander Abschied zu nehmen,
keine Rechnung geht mehr auf,
Armeen stehen an den Grenzen, ungeheure Wolken
sprechen von verborgenen Mitteln -
alle die alten bitteren Geschichten der Welt.
Dennoch haben wir Freude aneinander, als blieben wir ewig zusammen,
und leben in einem guten Geheimnis.
Dennoch lieben wir uns.“
Walter Bauer wurde 1904 geboren, wanderte mit einem Freund 1925 unter anderem durch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz, arbeitete als Gelegenheitsarbeiter, studierte einige Semester Germanistik, um später als Hauslehrer zu arbeiten. Von den Nationalsozialisten wurden seine Bücher verboten, er wurde als Soldat eingezogen, war Kriegsgefangener in Italien, ab 1948 freier Schriftsteller. Im September 1952 wanderte er aus Enttäuschung über die Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik nach Kanada aus, wo er an der Universität in Toronto lehrte. 1976 starb er in dieser Stadt.
So weit ein kurzer Einblick in einige Stationen eines bewegten Lebens. Was mich an dem oben beschriebenen Gedicht von ihm bewegte war unter anderem der Zeitpunkt der Veröffentlichung, 1931. Für mich heißt das, dass schon da deutlich spürbar war, dass die Zeitläufe auf einen Abgrund zugehen. Dass ich dieses Gedicht entdeckte, ist jetzt gerade drei Wochen her, es kam zu mir noch vor dem Beginn der Rauhnächte, und seine Worte begleiteten mich in diese Zeit der Wandlung. Heute ist der dritte Januar, nach meiner Zählung das Ende der Rauhnächte, und die dunklen Wolken am Horizont der Zeit werden mehr. Nicht nur der Krieg in der Ukraine nimmt kein Ende, und wenn, dann ist noch nicht klar, ob das Ende ein gutes ist. Und dann kommen heute die Nachrichten, dass Venezuela überfallen wurde von den Vereinigten Staaten, und dessen Präsident „festgenommen“ wurde. Nun weine ich diesem Präsidenten keine Träne nach, doch ist die Regierung der USA gewiss keinen Deut besser. Es ist allerorten der Aufmarsch der Diktatoren, Oligarchen und Gewalttäter bemerkbar, und diese gestalten Politik mit Gewalt, sobald sie an der Macht sind und mit der Aufteilung der Welt unter sich beginnen. „Alle die alten bitteren Geschichten der Welt“.
All das erreicht mich, und mich überfällt die Unruhe, nur weiß ich, dass sie nicht „grundlos“ ist. Walter Bauer war Zeit seines Lebens ein wacher Geist, und ich bin mir sicher, dass er das Heraufziehen der Gewaltherrschaft sehr wohl wahrnahm. 1931 noch diffus, als „grundlose Unruhe“, der er die Ahnung von „neuen Mythen“ entgegen setzen möchte. Doch noch saß er am Radio und suchte den neuen Sender. Was kam war das alte Verhängnis von Gewalt und Krieg. Was haben wir heute dem entgegenzusetzen, wo „keine Rechnung mehr auf geht“? Ich müsste lügen, wenn ich da schlüssige Antworten hätte. Die Antworten darauf müssen wir uns wohl gemeinsam im täglichen Handeln erarbeiten. Heute schneit es, und die Welt versinkt in ein zärtliches Weiß. Noch ist Ruhe, und Zeit zum Sinnieren. Ich möchte sie nutzen.
Soweit meine Gedanken am Ende der Rauhnächte, angeregt durch ein Gedicht. Ich taste mich gedanklich weiter vor, um das mitteilen zu können, was zur Zeit noch unaussprechlich in mir ruht. Nächstens mehr.
Das Bild „Nachtphantasie“ ist von Harold Burdekin (1899 - 1944)
Das Bild „Nachtphantasie“ ist von Harold Burdekin (1899 - 1944)
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